SCHÖNSTE MAIL DER WOCHE / 06 / 09 / 2019

Die schönsten Zeilen, sie gefallen allein deswegen, weil hier ein Mensch einen Lernprozess durchläuft und hinterher tatsächlich etwas gelernt hat. Ein neugieriger Mensch redet hier, einer, der teilnimmt an der Welt:

„Hallo Herr Altmann, seit vielen Jahren lese ich begeistert Ihre Bücher, angefangen habe ich mit „Triffst du Buddha, töte ihn!, danach kamen viele weitere. Fantastisch, wie Sie Dinge beschreiben, die ich oft genau so gefühlt habe, jedoch niemals so beschreiben könnte. Halt ein echter Fan. Und immer war die Besorgnis da, dass Sie sich irgendwann über Israel und Palästina äußern werden, natürlich kritisch. Und dann kam es wie es kommen musste. ich habe mich nicht getraut, dieses Buch zu kaufen. Zu groß war die Angst, dass Ihr Urteil vernichtend sein wird. Vor 2 Jahren bekam ich es (Verdammtes Land) als Geschenk zum Geburtstag, bisher immer noch ungelesen. Ich möchte Sie nicht langweilen, muss aber doch mein Vorgeschichte berichten, damit Sie verstehen, was mir solche Scheu vor diesem Buch bereitet hat: Vor über 30 Jahren war das erste Mal in Israel. Und ich habe mich sofort in die Region verliebt, die schönen Männer, der Hummus, die Landschaft, einfach alles. Damals begann auch meine innere Zerrissenheit zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung. Es war vor der ersten Intifada, d.h. das auch im „Kernland“ noch überall Araber anzutreffen waren. Sie arbeiteten im Gastgewerbe und auch sonst in den Bereichen, die heute von Gastarbeitern übernommen worden sind. Mein Standort war immer Netanya, was, heute völlig unvorstellbar, freitags voll mit Arabern war, die ihren freien Tag am Strand verbrachten. So hörte ich schon damals auch ihre Geschichten, die mich sehr berührten. Dann lernte ich meinen Mann kennen, in Deutschland, jüdisch und total atheistisch und ebenfalls wie ich ein Liebhaber des Orients. Wir lieben uns sehr, haben einen tollen Sohn, der weder getauft noch sonst etwas ist. Aber natürlich hat diese Tatsache das Verhältnis zu Israel noch komplizierter gemacht. Gemeinsam bereisten und bereisen wir alle arabischen Länder, haben auch Freunde in Syrien, die wir in in letzten Jahren immer in Beirut getroffen haben und die bis heute nicht wissen, dass die Hälfte von uns der „Todfeind“ ist. Mit mir ist mein Mann sicher, also hören wir uns inkognito alle Geschichten an. Ein Wahnsinn manchmal, immer hochinteressant, da ich auch noch obendrein seit Jahren (versuche) Arabisch lerne. Letzte Woche habe ich endlich den Mut gefunden, Ihr Buch zu lesen (bin momentan beim Taxifahrer Ruhi) und bin beruhigt. SIE HABEN MIT ALLEM RECHT und bleiben trotzdem fair, auch wenn mein Herz blutet. XY.“

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RUCHLOSESTE KRITIK DER WOCHE / 06 / 09 / 2019

Die Mail  ist herrlich ruchlos, und man kann nur hoffen, dass die Person hinterher entspannter durchs Leben geht: Endlich dem Sack die Meinung gestoßen! Endlich traut sich einer! Endlich weiß der arrogante Affe, wo der Hammer hängt! – Hier nun seine „Federentschlüpftheiten“ (das hübsche Wort habe ich von Robert Walser geklaut:

„Leben in allen Himmelsrichtungen“, damit drohen Sie, Herr Altmann, seit gewisser Zeit. Nachdem ich fast die meisten Ihrer Bücher gelesen habe, frage ich mich, in welcher Himmelsrichtung Sie zu leben anfangen wollen. Was ich bisher unter die Augen bekam, lässt eher auf ein Pipileben schließen. Dennoch, Ihr Wahn, Ihr Größenwahn, hat was. Er scheint unerschütterlich. Wie machen Sie das nur?“