Jubiläumsausgabe von „Gebrauchsanweisung für die Welt“ / Piper Verlag, das Buch gehört zu den zehn erfolgreichsten aus der – Hunderte von Bänden umfassende – Serie „Gebrauchsanweisung für…“

Andreas Altmann - Gebrauchsanweisung für die Welt

DIE ZEIT / März 2018

Die Fragen stellte Jörg Böckem (der ein ungemein bewegendes Buch über seine – überwundene – Drogenabhängigkeit geschrieben hat).

Herr Altmann, ihre Kindheit und Jugend war geprägt von Gewalterfahrungen. Ihr Vater hat sie immer wieder verprügelt und erniedrigt. Sie müssten ein seelisches Wrack sein.

Nicht unbedingt, es gibt Menschen, die Schlimmeres erlebt haben und trotzdem klar kommen. Andere haben weniger Leidvolles erlebt und zerbrechen am Leben. Vielleicht sind tatsächlich die Gene entscheidend für die Kraft, die in uns steckt.

Welche Auswirkungen haben die Gewalterfahrungen auf Sie gehabt?

Als Kind galt ich als schwer erziehbar und litt unter so zahlreichen psychosomatischen Störungen, dass ich früh zum Kindertherapeuten geschickt wurde. Anfang der siebziger Jahre bat mich dann mein Therapeut, eine Liste meiner Beschwerden anzufertigen. Die Liste habe ich heute noch: Ich litt unter Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen, exzessiver Masturbation, Asthma, Kleptomanie, Beziehungsunfähigkeit, Weltekel, Menschenhass, Schuldgefühlen und Versagensangst; unter Angst vor Krankheiten, dem Leben und der Zukunft. Ich hatte Hinrichtungsträume in Bezug auf meinen Vater, Selbstmordgedanken, und war unfähig, Gefühle zu zeigen. Ich habe Fingernägel gekaut, mir die Haare ausgerissen. Ich wollte mich selbst zerstören, weil ich mich nicht annehmen konnte. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um mich davon zu befreien.

Heute geht es Ihnen also besser?

Aber ja. Wer mich in einer Talkshow sieht, wird mich wahrscheinlich sogar für selbstbewusst halten. Ich habe gelernt, mich als zivilisierter Mensch aufzuführen.

Welche Rolle hat die Therapie dabei gespielt?

Ich habe über zwei Jahrzehnte bei unterschiedlichen Psychotherapeuten, Psychiatern und Ärzten, Scharlatanen, Gurus und Zen-Mönchen Hilfe gesucht. Ich war wie besessen. Habe nach jemandem gesucht, der mich befreit. Aber von dem Gefühl, ein Versager zu sein, konnte mich niemand befreien. Mein Vater hatte mich so oft als Totalversager beschimpft, dass es Teil meines Selbstbildes geworden war. Ich brachte nichts zustande, alles, was ich anpackte, führte zu nichts. So wie Frauen, die von ihrem Vater geschlagen wurden, sich oft Männer suchen, die sie schlagen, habe ich alles getan, um meinem Vater Recht zu geben. Auch wenn die Therapien mich davon nicht befreien konnten, haben sie mir immerhin über den Tag geholfen.

Und was hat Ihnen letztlich geholfen?

Halbwegs befreit hat mich erst das Schreiben. Weil ich da zum ersten Mal etwas tat, für das ich Anerkennung und Geld bekam. Da war ich schon 38! Ich habe gerade noch die Kurve bekommen: Ich hatte großspurig in mein Tagebuch geschrieben, wenn ich bis 40 nichts gefunden hätte, in dem ich gut und erfolgreich bin, dann würde ich Schluss machen. Die Demütigung, ein Vollzeitversager zu sein, hätte ich wohl nicht dauerhaft ausgehalten, dazu war mein Narzissmus zu groß.

Also hat die Anerkennung von außen Sie gerettet?

Ja. Vielleicht ist es für ein Kind, das kein Urvertrauen und keine Selbstliebe kennt, die einzige Chance. Irgendwo muss ja die Liebe herkommen. Ich musste sie auf dem Umweg über den Erfolg finden. Es war, als hätte mir jemand den Arm abgeschnitten – nachwachsen lassen konnte ich ihn nicht, meine einzige Chance war, mir eine gute Prothese zuzulegen. Das waren dann der Erfolg, das Geld, die Bewunderung, die Zuneigung von anderen.

Haben Ihnen auch die Ärzte und Psychologen geholfen oder hätte der Erfolg als Autor genügt?

Schwierig zu sagen, die Psyche macht oft merkwürdige Umwege. Zumindest haben die Therapien mich bis dahin am Leben gehalten. Außerdem denke ich, dass die jahrelange Introspektion, der Austausch mit klugen Menschen, das genaue Beobachten, mir später als Schreiber einen gewissen Erfahrungsvorsprung vor anderen Autoren verschafft hat. Was mir als Reporter definitiv geholfen hat, ist, dass ich nicht zimperlich bin. Ich schaue genau hin, auch wenn es weh tut.

Ihre Karriere als Reporter begann erst ziemlich spät. Wie kam es dazu?

Ich habe immer viel gelesen und Tagebuch geschrieben, seit ich elf war. Irgendwann hatte ich den Eindruck, das, was ich schreibe, ist vielleicht gar nicht so schlecht. Ich gab es einigen Bekannten zum Lesen, sie haben eher positiv reagiert. Kurz vor meinem 38. Geburtstag war ich dann eine Zeit lang in China. Meine Reportage hab ich an GEO geschickt, DIE Adresse für Reisereportagen. Kein Mensch kannte mich, ich hatte nie eine Zeile veröffentlicht. Dann kam ein Anruf der Redaktion, ein China Special sei in Planung, dafür würden meinen Text verwenden. Als ich dann das redigierte Skript zu lesen bekam, habe ich zurück geschrieben, dass dieses Kinderpopo-Deutsch nicht unter meinem Namen veröffentlich wird.

Wie ist die Redaktion damit umgegangen?

Mein Brief sorgte für Empörung – wie konnte ich, ein Niemand, es wagen! Aber der damalige Chefredakteur mochte den Text. Die Reportage wurde tatsächlich mehr oder weniger so, wie ich sie geschrieben hatte, veröffentlicht. Nach dem Erscheinen riefen dann andere Zeitungen und Magazine an, ich war plötzlich ein gefragter Autor, innerhalb von Wochen, aus dem Nichts. Irre.

Woher nahmen Sie – der von Ängsten geplagte, unsichere »Versager« – den Mut, sich mit der Redaktion anzulegen? Ihre Karriere hätte zu Ende sein können, noch bevor sie begann.

Da war eine isagenhafte Wut. Ich glaube, diese Wut auf Autoritäten verdanke ich meinem Vater. Vielleicht hat sie mir die innere Kraft gegeben, das durchzuziehen. Aber es war die richtige Entscheidung – wäre mein Text moderat und brav gewesen, hätte wohl kein anderes Medium Interesse an mir gezeigt. Unbewusst war mir wohl klar, dass der Text mir entsprechen musste, sonst hat es keinen Sinn. Es war meine einzige Chance.

Sie haben Bestseller geschrieben und wurden für Ihre Reportagen mit Preisen ausgezeichnet. Gab es einen Moment, in dem Sie das Gefühl hatten, es endlich geschafft zu haben?

Zuerst war das unfassbar für mich – ich konnte reisen, mein Fernweh, meine Neugier befriedigen, ich lernte etwas über die Welt, die Weltbewohner, über mich. Und das Geld! Endlich Knete zu haben, war großartig. Damals zahlten Magazine säckeweise Geld für Reportagen, ich flog Business Class um die Welt. Geld bedeutete Freiheit. Wichtig für mich war – später dann – auch der Erfolg meiner Bücher, ich hatte genug von den biunten Heftchen. Das Buch ist für einen Autor das letzte Refugium, um unzensiert sich auszudrücken. Klar, tief in mir sitzt immer noch die Überzeugung, ein Totalversager zu sein. Das wird sich wohl nie ändern. Wie ein trockener Alkoholiker bin ich immer gefährdet.

Hat Ihr Vater irgendwann auch mal so etwas wie Reue gezeigt?

Ich hätte mir gewünscht, dass mein Vater meinen Erfolg miterlebt. Dass er zu mir kommt, mich um Verzeihung bittet. Aber das ist nie geschehen, er ist gestorben, bevor ich soweit war. Vielleicht hatte meine Scheißkindheit aber auch etwas Gutes. Ich erinnere mich an einen Leserbrief zu meinen Buch, ein Leser schrieb: »Im Gegensatz zu Ihnen hatte ich eine glückliche Kindheit, doch heutebin ich der allerunglücklichste Mensch, den Sie sich vorstellen können. Und wissen Sie warum? Weil ich nicht gelernt habe zu kämpfen. Sie schon.« Wie wahr!

Sie haben selbst keine Kinder. Auch eine Folge Ihrer eigenen Scheißkindheit?

Eine Familie zu haben, wäre für mich unmöglich. Ich könnte nie ein Kind erziehen, die Kraft, die ich habe, reicht gerade für mich. Eine gemeinsame Zukunft, Haus, Familie, Kinder, so ein Lebensentwurf geht für mich nicht. The horror, the horror.

Sie sind als Jugendlicher vor ihrem gewalttätigen Vater geflohen. Was würde der Teenager von damals über den Mann denken, der Sie heute sind?

Er würde sich wundern, dass er noch die Kurve bekommen hat. In meinen größten Krisen habe ich nicht gedacht, dass ich es je schaffen würde. Ich bin noch immer ein nervöser Mensch, schlafe schlecht und wenig. Aber ich reise, lese, schreibe, treffe interessante Männer, interessante Frauen. Ich habe genug Geld und muss nichts tun, was ich nicht will. Ich versuche, als freundlicher Herr aufzutreten, ich zerstückele niemanden, und es gibt nicht zu viele Menschen, die mich hassen. Es hätte schlimmer kommen können.

Warum leben Sie in Paris?

Ein Kritiker nannte mich mal einen „widerlichen Ästheten“, wie recht er hatte, ja, ich liebe schöne Dinge. Und Paris ist ein wunderschönes Ding, zudem bin ich gern Fremder, das macht mich wachsamer, Zuletzt, die Stadt ist meine Rache für das Provinzloch Altötting, in dem ich meine Jugend verbrachte. La ville de lumière, die Stadt des Lichts, als Therapeutikum gegen die Finsternis der Bigotterie.