Paris, le 6, novembre 2017

Ihr Lieben,

ihr wisst vielleicht, dass ich immer zuerst eine Zeit lang Vorgänge in der Gesellschaft beobachte, um dann gegebenenfalls – da Gefahr droht, dass mir der Kragen platzt – einen Kommentar abdrücke. Heute ist es wieder so weit.

Ihr habt gewiss von Harvey Weinstein gehört, dem ungustiösen Herrn, der unaufgefordert vor Dutzenden von Frauen mit seinem Schwanz fuchtelte, ihre Körper abtaschte, ja unter Umständen – der Verdacht und die Anklagen stehen im Raum – einige von ihnen vergewaltigte. Stimmt das, dann wird sein Aufenthalt in einer Klinik, in die er sich zurückgezogen hat, um als millionenschwerer Sack endlich Umgangsformen zu lernen, nicht reichen. Dann wird er sitzen. Jahre. Gut so.

Aber ja, Heerscharen von Rüpel und andere Prolos bevölkern die Erde, Neandertaler als homo sapiens verkleidet, die nicht gelernt haben, eine Frau auf elegante Weise zu verführen. Ja, tatsächlich noch glauben, dass sie als Krone der Schöpfung unterwegs sind, ja, glauben, dass die Frauen ihm, dem Mann – der nobleren Ausgabe von Mensch, und wäre sie noch so wanstig, anmaßend und debil – untertan sind.

Wir, die Helleren, sind uns einig: Der Körper jedes Einzelnen ist sein Privateigentum, sein intimstes Territorium, und wer sich an ihm – uneingeladen – vergreift, muss die Konsequenzen tragen. Viele entgehen diesen Konsequenzen, weil Frauen nicht wagen, Anzeige zu erstatten. Weil man ihnen nicht glaubt. Weil sie Angst um ihren Job haben. Weil sie sich schuldig fühlen etc. Es gibt viele Gründe.

Ich verachte jeden, der bei Frauen (und allen anderen Lebewesen) Gewalt anwendet – zum puren Eigennutz oder aus purem Sadismus.

Ich fasse zusammen: Wir haben auf der einen Seite die vielen in ihrer Würde verletzten Frauen, erniedrigt, bedroht, erpresst, missbraucht. Von den vielen Männern, die den weiblichen Body mit einem Stück Fleisch verwechseln, das man nach Belieben als Friktionstrichter benutzen darf.

Und wir haben die Kehrseite, wir haben auch – als Nachhut im medialen Getöse – die Kohorten von Frusthennen und zugefrorenen Jungfern, die nebenberuflich als Schwanzhasserinnen unterwegs sind, und nun ihre Stunde gekommen sehen und jedes Augenblinzeln, jeden (vielleicht linkischen) Anmach-Kalauer, jedes Grinsen als „unverzeihlichen Übergriff“ in die Welt trompeten. Der Mann als das Schwein per se, das Urschwein, der Inbegriff des Bösen, der inkarnierte Beelzebub, le maître des ténèbres.

Der Fall Kachelmann und der Fall Gina-Lisa Lohfink sollten uns zu denken geben, sprich, es kann alles ganz anders sein, als der erste Blick mutmaßen lässt.

Wenn ich höre, dass der englische Verteidigungsminister Michael Fallon zurückgetreten ist, weil er vor fünfzehn (!) Jahren einer Frau die Hand aufs Knie gelegt hatte, dann überlege ich mir, ob ich heute oder erst morgen in den Wahnsinn gehe. Ich bin sicher, dass die Dame seitdem – verwüstet an Leib und Seele – durch die Straßen des Westends irrt. Streunend, Mülltonnen leerend, die Speedball-Nadel in der linken Armbeuge. Warum die BBC-Journalistin nicht schon damals ihren übermütigen Tischnachbarn gebeten hat, seine wenig willkommenen Finger woanders zu platzieren und warum sie so lange – fünfzehn (!) Jahre – brauchte, um die Kraft aufzubringen, von diesem ungeheuren Verbrecher zu berichten, können wir nur ahnen: Der Frevel hat sie aus der Bahn geworfen, Essstörungen kamen über sie, es hat ihr – wörtlich und grausam wahr – die Sprache verschlagen. Jetzt, endlich nach fünfzehn (!) Jahren Therapie, gelingen ihr die ersten Wortfetzen.

Es muss raus, auch ich habe gefehlt. Ich kann mich zwar an kein konkretes Ereignis erinnern, aber ich vermute, dass ich in meinen jungen Jahren auf Partys – stockblau oder bis in die Haarspitzen gestoned oder beides – irgendwann um drei oder vier Uhr früh einem Mädchen unaufgefordert an den Hintern oder den Busen gefasst habe. Nicht nachdrücklich, eher im Vorübergehen, aus jugendlichen Leichtsinn, aus Überdrehtheit, aus Spaß, aus weiß der Teufel was. Lucky me, ich war nie weltberühmt, denn sonst müsste ich jetzt via Twitter von meiner extremely shocking Tat vor 300 oder 400 Jahren lesen und müsste – nach dem Lesen – auf Harz IV umsatteln und wäre den Rest meiner Tage damit beschäftigt, in die Abgründe meiner pechschwarzen Seele zu glotzen. Ach, wie schön ich‘s hab: Keine zerrte mich vor Gericht und ich, als Gegenleistung, habe die Zeit über – auf dem Weg ins Erwachsenensein – begriffen, dass man niemandem irgendwo antapst, wenn die/der andere nicht wohlwollend zu verstehen gibt, dass man jetzt, genau jetzt, angefasst werden will.

Aber ja, und das ist gesichert, ich wurde wiederholt – wieder vor 300 oder 400 Jahre in Diskos, in Bars – von (diesmal schwulen, auch so jungen) Übergriffigen am Po oder zwischen den Beinen befummelt. Mehr nicht. Und ich habe es kichernd zur Kenntnis genommen, bin nicht vor innerem Elend zusammengebrochen, fing nicht zu stottern an und fühlte mich nicht das ganze letzte Jahrhundert lang heimgesucht von Ekel und Widerwillen über den eigenen, hemmungslos besudelten Leib.

Wir sind noch nicht am Ende. Es gibt noch eine zweite Nachhut: Die Gnominnen und Gnome der politischen Korrektheit, die nun wieder – ebenfalls angefeuert vom aktuellen Hype – vom Hochsitz ihrer penetranten Belehrsucht aus die Gelegenheit nutzen, der Welt die Rundum-Moralisierung unseres Alltags einzubimsen. Man erkennt sie an ihren erigierten Zeigefingern, die drohend und garantiert humorlos auf alles deuten, was nach Ausgelassenheit, Drang, Leidenschaft, Spontanieität und schierer Lebensfreude riecht. Den „Miesepeter-Schnuller des Jahres“ soll einer dieser Bleichgesichter bekommen, der – vor Tagen – in einer deutschen Zeitung unter der Überschrift „Regelt den Verkehr!“ das Aufsetzen eines Vertrags anmahnte, den Frau und Mann „vorher“ unterschreiben sollen: um vor dem Küssen und Seufzen und Staunen die „Angelegenheit“ in Reinschrift festzulegen.

So weit sind die Kopfgeburten der von rasender Reglementierungswut Besessenen bereits gediegen. Unheimlich, wie viele verzitterte Hampelmänner sich in Mitteleuropa herumtreiben. Und gewiss unheimlich die Zahl überkandidelter Frauenzimmer, die rechter Hand mit dem Strafgesetzbuch und linker Hand mit dem Stempelkissen zu diesen Männerwürstchen ins Bett steigen würden.

Frauen haben es nicht leicht, auf der einen Seite die Mannsbüffel, die nie gelernt haben, sich ihnen via Swing und Charme zu nähern, und andrerseits die Hanswursten, die auf ihre Weise den (sinnlich) Begabten allen erotischen Überschwang austreiben. Wäre ich Frau, ich würde vor beiden schreiend davonrennen.

Ach, lasst mich ein Hurra auf jene – Frauen wie Männer – ausstoßen, die sich voller Begeisterung und Entzücken und Bewunderung aufeinander einlassen, die sich frohgemut abschmusen, sich beflügelt und blind vor Wonne einander hingeben. Auf dass sie spüren, wie vergänglich das Leben ist, und spüren, wie sie gerade vom Leben beschenkt werden.

Ich danke euch, Andreas.