Ihr Lieben,

hurra, hier mal eine erste Ankündigung von wegen Schreibwerkstatt im Schwarzwald.

Ein paar Daten:

Vom 3.10. abends bis 6.10.2019 mittags.

Im Schwarzwald, im Paradies.

Jede/r mit Einzelzimmer / Vollpension

Teilnehmer zwischen 12 und 16

Wer sich tatsächlich dafür interessiert (die gerade nicht wissen, wie ihre Zeit totschlagen, bitte nicht melden), schreibe mir bitte über meine Mailadresse (steht auf meiner Website.

Hurra, ich danke euch, herzlich, Andreas.

Andreas Altmann

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 Tiroler Tageszeitung / 23.5.2019

Interview mit Andreas Altmann

Die Fragen stellte Joachim Leitner

 

1/ Wo erreiche ich Sie gerade? (sollte es das heimatliche Paris sein, wäre es schön, wenn sie kurz umreißen, wo sie zuletzt unterwegs waren

 

AA: Vor ein paar Tagen kam ich aus Baku, der Hauptstadt Aserbeidschans, zurück. Um dort – vormittags – im Hotel an dem Buch zu schreiben, das im Oktober herauskommt, und um – nachmittags – zu flanieren: andere anschauen und bestaunen. Das Leben Fremder: Es gibt wohl nichts, was neugieriger macht.

 

2/ Wie viel Vorbereitung steckt in einer Ihrer Reisen? (Recherche…)

 

AA: Ach, jetzt müsste ich schwer ausholen, schwer angeben und verkünden, dass ich mich monatelang in Bibliotheken wälze und nachts durch den Cyberspace rausche, um jeden Zipfel Information über den Ort, das Land, das Ereignis zu finden, für die ich unterwegs sein werde. Mitnichten. Aus zwei Gründen: Ich habe keine Lust, über Zustände zu schreiben, die woanders bereits veröffentlicht wurden. Welchen Sinn ergäbe das? Und zweitens: Ich bin ja Reporter, soll sagen, ich interessiere mich jeden Tag für die Welt, höre und lese per Medien, was wo passiert. Schon klar: Wenn ich das Thema kenne und wenn der Vertrag unterschrieben ist, dann achte ich auf einschlägige Artikel und Berichte. Vielleicht reden sie von Leuten, die ich kontaktieren will. Vielleicht erfahre ich etwas, was mich dorthin führt, von dem ich bisher nichts wusste.

 

3/ Die Welt, heißt es landläufig, ist kleiner geworden, weiße Flecken auf der Landkarte sind selten, (Billig-)Flieger bringen Touristen auch in abgelegenere Gegenden. Hat dieser Umstand ihre Arbeit verändert?

 

AA: Natürlich. Die großen Entdeckungen, die sind vorbei. Würde ich auf der Venus landen, dann käme ich mit Sensationen zurück. Solange das nicht passiert, kommt von mir nichts Neues. Aber ich kann immerhin versuchen, einem originellen, einen provozierenden, einen verblüffenden Blick auf die Umstände werfen, die mir begegnen. Nehmen wir als Beispiel den Fotografen Henri Cartier-Bresson, den französischen Wunderknaben. Der Mann sollte „Wallstreet“ fotografieren. Und was bringt er in seiner Leica mit nachhause?: Einen Bettler, der am Eck des imposanten Gebäudes in New York sitzt. Bettelnd.

    Hinreißend. Ganz ohne Spezialeffekte, ganz ohne Gedöns, ganz ohne Superlativ, nur knallhart in schwarz-weiß. Und nichts ist neu: nicht der Bettler, nicht das Gebäude, nichts. Nur der Kontext ist vollkommen anders, der Zusammenhang: Der Betrachter erkennt, dass die glitzernde Gier des Raubtier-Kapitalismus Folgen hat. Wie Einsamkeit, wie Armut.

     Was sich nie verändert, verändern soll: dass der Schreiber den Lesern auch Freude mit seiner Sprache macht. Dass er den Inhalt sinnlich – die Sinne reizend – verpackt.

 

4/ Ihr jüngstes Buch über Mexiko beiginnen Sie mit der Feststellung, dass es kein weiteres Reisebuch werden solle/würde. Hat sich ihr Ansatz mit den Jahren verändert? Verändern Erfahrungen, die man gemacht hat, den Blick auf die Welt? Wird das Schreiben reflektierter?

 

AA: Gewiss. Die Unschuld, wenn sie je da war, ist dahin. Ich bin ein gutgelaunter Pessimist, aber dass wir die Welt zuschanden fahren, daran herrscht kein Zweifel, Ich darf bei dem Thema ein bisschen mitreden, denn ich habe auf vier Kontinenten gelebt und in Echtzeit zuschauen dürfen, wie ein irdisches Paradies nach dem anderen plattgewalzt wurde. Wie sang es Joni Mitchell: „They paved paradise / Put up a parking lot …” Man wird als Schreiber wie der Herr Karl von Qualtinger immer grantiger, immer zipfiger, eingedenk dessen, dass wir die Erde in Stücke hauen. Die Berichte werden dunkler, verstörender. Noch verstörender, weil man selbst daran beteiligt ist. Reporter fliegen viel über den Wolken.

 

5/ Wenn man sich die Teilnehmerliste der Wochenendgespräche anschaut, sind Reiseschriftsteller in der Überzahl. Ist Reiseliteratur vornehmlich Männersache? Oder sitze ich einer Klischeevorstellung auf?

 

AA: Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Ich glaube weder, dass Männer die besseren Reiseschriftsteller, noch dass Frauen die besseren Menschen sind. Ich mache mir die unsägliche Mühe, jeden Fall für sich zu checken. Es gab grandiose, waghalsige Damen, die sich in Gebiete trauten, in die neunzig Prozent aller Männer nie einen Fuß setzen würden, und wenn doch, dann mit vollen Hosen. Zudem, wir wissen es alle: Die eine Hälfte der Weltbevölkerung verfolgt ein Problem – was beim Reisen, fern der Heimat, noch verschärft wird –, von dem wir anderen 50 Prozent verschont bleiben.

 

Lieber Joachim, diese Frage – „Wie würden sie das Verhältnis von Unterwegssein und Schreiben bezeichnen“ – bitte weglassen. Wir beide wissen nicht so genau, wie sie gemeint ist. Ich würde gern folgende Frage, wenn Sie erlauben, beantworten, denn ich weiß von Fragen, die mir per Mail oder auf Lesungen gestellt werden, dass eine Antwort durchaus interessieren könnte:

 

6/ Was würden Sie einem Anfänger raten, der Reporter, Reiseschriftsteller werden will?

 

AA: Ich mag diese Frage und die Antwort ist so simpel: hat ein Traveller gelernt, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren, ist er zudem fest entschlossen, den Schafsnasen auszuweichen, die vor jedem Ziel Tripadvisor oder einschlägige Blogs studieren, um dort zu landen, wo der große Haufen schon angekommen ist, hält er es außerdem aus, nicht jede halbe Stunde per Whatsapp Mutti und Papi und seinen daheim hockenden friendseine Nachricht zu schicken, die sie unter anderem darüber aufklärt, dass er gerade eine Hühnersuppe löffelt, wenn dieser Mensch also – jetzt wird es anstrengend – mit Alleinsein, mit Zweifel und Ungewissheit umgehen kann, sprich, er uns verschont mit Phrasen wie „alle sind lieb und freundlich in fernen Ländern“ und wenn so ein Reisender – zum fulminanten Abschluss – über das unüberhörbare Talent verfügt, seine Erlebnisse in der Welt und seine Ansichten über die Welt in bewegende Sprache zu übersetzen, dann, ja, dann sind Vagabundieren und davon erzählen die rechte Beschäftigung für ihn. Dann, ja dann, wollen wir uns hinsetzen und ihm (oder ihr) lauschen.

 

7/ Was trieb Sie hinaus in die Welt? Ist Reisen und darüber Schreiben ein Job – oder ein Abenteuer?

 

AA: Die Antwort liegt mir sofort auf der Zunge: Ich kann nichts anderes, ich habe ja hartnäckig bewiesen, dass ich bei allen anderen Versuchen, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, auf dem Bauch gelandet bin. Wobei mir bis heute keine Ausreden einfielen, um diese Abstürze zu rechtfertigen. Andere sind mit mehreren Talenten gesegnet, ich habe es – böse Menschen würden dem sicher widersprechen –  immerhin zu einer Begabung gebracht.

 

8/ Sie bereisen bisweilen – wie es im Palästina-Buch heißt – „verfluchte Länder“. Gibt es eine Weltgegend, die Sie besonders beeindruckt hat.

 

AA: Ganz undenkbar eine Antwort. Ich bin in allen vier Himmelsrichtungen Frauen und Männern und Landschaften begegnet, die mich im Innersten anrührten. Ich wüsste von keinem ranking, keiner Hitparade. Ich umarme jede und jede, der mir von seiner Welt erzählt. Ob mich das erheitert oder in eine mittelschwere Depression reißt, egal, hinterher bin ich reicher, geistreicher.

 

9/ Entstehen Ihre Texte vor Ort, oder werden die Eindrücke erst am Schreibtisch komponiert? Gibt es Dinge, die Sie für Ihre Bücher aussparen (im Sinne der Verantwortung des Chronisten)

 

AA: Ich habe stets, wie wohl jeder in diesem Beruf, einen winzigen Notizblock dabei, in den ich diskret hineinkritzle. Abends wird alles als digitales Tagebuch in den Mac übertragen. Und „richtig“ geschrieben – alle Mühseligkeit inbegriffen – wird erst zu Hause. In Totenstille, im Halbdunklen. Aber ja, über manche „Sachen“ wird geschwiegen. Da zu komplex, da von der falschen Seite Applaus droht, da ich Leute in Gefahr bringen könnte. Wer nach „Objektivität“ ruft, dem ist nicht zu helfen.

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1.5.2019

Ihr Lieben,

am 1. Mai, kommt „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ in Frankreich heraus, unter dem nicht weniger hübschen Titel: « La vie de merde de mon père, la vie de merde de ma mère et ma jeunesse de merde à moi ». Übersetzt ins Französische hat es Matthieu Dumont. Der sehr angesehene Verlag ACTES SUD hat es veröffentlicht.

Das folgende Portrait verfasste Jean-Claude Perrier für eine französische Literaturzeitschrift. Perrier ist ein bekannter, formidabler écrivain, er war ausgesprochen gnädig mit mir, haha.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Un Allemand à Paris

Andreas Altmann a des faux airs de Stephan Eicher, avec ses cheveux un peu fous et son blouson de cuir. Impression renforcée, même s’il parle parfaitement notre langue, par son petit accent germanique. On ne le lui fera pas remarquer, bien sûr. Son livre lu, et dès l’abord, on sent que tout ce qui touche à l’Allemagne, c’est-à-dire à son enfance, est un sujet sensible, une plaie à vif qui ne se refermera jamais, et dont le livre qui paraît aujourd’hui en France, avec son titre provocateur, d’origine, tente de constituer la catharsis. « Je suis né dans un village de vieux nazis frustrés et de curetons bigots, qui aimaient soit sexuellement harceler soit tabasser les enfants ».

Son père, Franz Xaver, avait adhéré au NSDAP, le premier parti hitlérien, avait appartenu aux SA puis aux SS, sous l’uniforme desquels il a fait la guerre, sur le front de l’Est, où il a fini lieutenant. Dans le civil, ô ironie, il était marchand de rosaires et de bondieuseries dans la très pieuse Bavière, base électorale de la CSU, ayant préféré, « alors qu’il était brillant, qu’il aurait pu devenir par exemple diplomate », selon son fils, l’argent et le confort, en reprenant la très prospère entreprise familiale. Dans le même village, il y avait aussi Spahn, l’instituteur, ex-NSDAP lui aussi, « une brute sadique », et « Strohammer, l’aumônier pédophile », dont il a subi les sévices. « Mon père n’était pas franchement nazi, tempère Altmann, mais la guerre l’a brisé, même s’il n’en parlait jamais, et il a reporté sa haine, son désespoir, sur sa propre famille ». Sa femme, trop faible pour s’opposer à lui et protéger les siens, qu’il finira par chasser de la maison pour la remplacer par une vraie mégère, et ses enfants, surtout le jeune Andreas, le souffre-douleur, l’esclave.

Cette « Scheissleben », cette « vie de merde », il avait décidé de la raconter il y a trente ans déjà, dans un camp de Palestiniens à Ramallah, où il se trouvait en reportage. Dans les années 90, il était reporter free-lance pour la grande presse allemande, Geo, Stern, Frankfurter Allgemeine, Die Zeit, Focus, Playboy, Merian et cetera et ça marchait fort pour lui : il a remporté des prix, gagné pas mal d’argent. Avant de tout arrêter, comme il avait renoncé très tôt à sa carrière d’acteur, malgré ses études et son diplôme du Mozarteum à Salzbourg.

Andreas Altmann est un homme entier, qui ne craint pas les ruptures radicales. Il a quitté son « foyer » à 18 ans, s’est installé définitivement en France en 1992, a cessé le journalisme en 1997 pour se consacrer à l’écriture. Une vingtaine de livres, jusqu’à présent, dans des genres différents, notamment des reportages. Et cette Scheißleben, paru en Allemagne en 2011 chez Piper Verlag, son principal éditeur: un sacré scandale, et 150 000 exemplaires vendus. « En Allemagne, dit-il, où je retourne faire la promotion de mes livres, on m’adore ou on me déteste ».

On verra si ce texte, à la fois dur, cru et bouleversant, déchaîne ici les mêmes passions, dans cette France qu’il admire, « comme une très belle femme dont il faut comprendre les règles ». Vivre à Paris, pour lui, c’est sa « revanche ». Quant à son prochain livre, ce sera un recueil de ses reportages, réécrits, intitulé Vivre de tous les côtés, prévu chez Piper en octobre prochain.

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24.4.2019

Ihr Lieben,

der Heiland ist wieder auferstanden, es wird Zeit, dass ich kurz dazwischenspucke. Auch meinen Senf abdrücke zum „Notre-Dame-look-at-me-grief“, zum „schau mal, wie ergriffen ich bin über das Schicksal Unserer-Jungfrau-Kirche“. Ich warte immer zuerst ab und wenn ich merke, dass ich den vielerorts verbreiteten Blödsinn nicht mehr ertrage, sprich, mich die Angst jagt, gleich mitzuverblöden, dann gehe ich in meine Waffenkammer, die deutsche Sprache, und drücke ab. Kleiner Böller als Weckruf. Wobei mir absolut klar ist, dass man die geistig Tranigen nie wachrütteln kann. Geistige Windstille ist ihre Heimat. Ich danke euch, herzlich, Andreas.

DIE JUNGFRAU STEHT IN FLAMMEN

Besorgte Katholiken fragen, „warum der liebe Gott gerade vor Ostern Notre Dame brennen ließ“. Zu solch einem meisterlichen Gedanken sind nur Gottessüchtige imstande. Er zeigt einmal mehr, dass der Glaube an den „lieben Gott“ als direkte Folge rasante Hirnschmelze auslöst. Ist die Grütze weg, darf man sich den „lieben Gott“ oben im Himmel sitzend vorstellen, ja, sich ausmalen, wie der göttliche Brandstifter auf den Knopf „Feuersbrunst“ drückt und auf sein eigenes „Gotteshaus“ zielt. Und – geradezu unheimlich – trifft. Volltreffer.

Dabei wäre – wenn das Hirn noch funktionierte – die Antwort so einfach: Den lieben oder bösen Gott haben wir nicht, aber wir haben unachtsame Schlosser oder Schweißer oder weiß der Teufel wen: der da oben im Gebälk gerade, vielleicht, an seinem Handy fummelte, statt sorgsam seine Arbeit zu tun. Und so die Hütte in Brand steckte.

Schade, denn der vor knapp 900 Jahren begonnene Bau ist ein Beweis für den architektonischen Genius seiner Architekten und Arbeiter. Grandios, zu was Frauen und Männer imstande sind. Das ist für mich der einzige Grund, warum die „Cathédrale de Notre-Dame de Paris“ wiederaufgebaut werden soll. Zur Erinnerung an eine Glanztat.

Hinreißend die weltweit losgetretene Bestürzung, herrlich die Bigotterie, mit der hier Trauer und Fassungslosigkeit vorgeführt werden. In der „Le Monde“ verstieg sich jemand dazu, den Brand in Paris als „Symbol für ein Europa zu sehen, das ebenfalls in Flammen steht“. Im Deutschlandfunk sonderte Ulrich Wickert das typisch-politisch-korrekte Blabla ab, wie fast alle anderen auch, die nun sofort ihren (braven) Stuss in die Welt trompeten müssen: Notre Dame ist das kulturelle und nationale Zentrum Frankreichs! Der Mann muss schon lange nicht mehr in dem Land gewesen sein.

Ein Oberpriester der Kirche, der nach der Löschung mit den Feuerwehrleuten das Kirchenschiff betrat, berichtete auf dem Radiosender „France Culture“, dass „la couronne d’épines“, die Dornenkrone, ja ein „heiliger Nagel“, ja, ein „Splitter vom Heiligen Kreuz“ gerettet wurden, ja, dass das ein lebender Beweis dafür ist, „dass Christus noch immer unter uns ist“. Man sieht, Hitze greift an, der Verstand geht flöten, auch der unaussprechlichste Schwachsinn ist erlaubt. Hauptsache, er ist geisttötend und vereitelt das Denken.

Okay, ich will sachlich bleiben, haha. Aber ja doch, des Herrgotts Zündelei war ein Geschenk des Himmels: Sofort berichtete niemand mehr über den gerade so virulenten Skandal, der einmal mehr die katholische Kirche in Frankreich erschütterte: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes hat ein Gericht einen Kirchenmann – Kardinal Barbarin, den prominentesten Katholiken hierzulande – zu einer Gefängnisstrafe (leider auf Bewährung) verurteilt, nachdem er jahrzehntelang Kindsmissbrauch deckte, ja, noch größer das Verbrechen, den rabiatesten Kindsmissbraucher weiterhin mit Kindern „arbeiten“ ließ. Uff, diese Schlagzeilen sind jetzt vom Tisch.

Für die weltliche Seite war das Flammenmeer auch ein Segen: Emmanuel Macron, hiesiger Präsident, der an Jungfrauen hoch droben so wenig glaubt wie an das Jesukindlein unter dem Morgenstern, und dem das Wasser (der Unbeliebtheit) bis zum Kragen steht, hat das Drama professionell instrumentalisiert, es sofort politisch genutzt: Aufruf zur Einheit! Wir müssen als Volk jetzt zusammenstehen! Das ist die Chance, um wieder zueinander zu finden etc. Gehirnwäsche!

Das Land plagen – der Heiland ist mein Zeuge – ganz andere Sorgen als der sofortige und pharaonisch-teure Wiederaufbau eines Gebäudes, das die meisten Einwohner noch nie von innen gesehen haben und das einer Institution gehört, die längst moralisch abgewirtschaftet hat.

Man kann nur ahnen, zu wie vielen Taten von Glaubensterror und Hass auf „Ungläubige“ und Mord und Totschlag der Inquisition und Unfrieden und Unversöhnlichkeit während der 700 Jahre – von diesem Ort aus – aufgerufen wurde. Ich selbst erinnere mich noch, wie Anfang der 90er Jahre, als AIDS noch so tödlich und herzzerreißend war, mit christlich-katholischer Nächstenliebe von der dortigen Kanzel über die Schwulen hergezogen wurde, ja, wie „Act up“, die rabiateste Selbsthilfegruppe der Homosexuellen, irgendwann eingriff und während dem Gesülze eines Pfaffen – sekundiert vom römischen Gesülze des Herrn Wojtyła, des damaligen Oberschafshirten – in die Kirche stürmte und massenweise Kondome über die Anwesenden ablud. Himmel, was wurde da gelacht in Paris!

Erstaunlich, wie nun Milliardäre mit Millionenbündel um sich werfen, um den Wiederaufbau so schnell wie möglich voranzutreiben. Schon sprudelt die erste Milliarde, schon buckelt der Staat, um steuerliche Vorteile anzubieten, ja, rund um die Uhr ist er damit beschäftigt, nach Möglichkeiten zu suchen, um das Volk zur Übergabe von Spenden für das Bauwerk zu überreden. Als hätten die Franzosen keine drängenderen Sehnsüchte, als einen nagelneuen Dachstuhl zu finanzieren.

Wie erfreulich, dass nun in der französischen Presse erste Stimmen laut werden, die den Spenderwahn nicht ganz begreifen. Die mit eindeutigen Worten darauf hinweisen, dass es im heutigen Frankreich – im Jahr 2019 – durchaus andere nationale und kulturelle Zentren und Prioritäten gibt als einen Ort, der der Mehrheit der Bewohner längst fremd geworden ist.
Nun aber die Gretchenfrage: Warum springt nicht der „Stellvertreter Gottes“ – aktuell Señor Bergoglio alias Bruder Franziskus – ein? Im Vatikan stinken sie doch vor Geld und Besitz. Wiederaufbau? Aber gewiss! Doch er soll den Kathos ganz und gar überlassen sein, jenen, die dem „allein selig machenden Glauben“ anheimgefallen sind, jenen, die gern virtuell-himmlische Jungfrauen angötzen und ihr mit Eifer und Fleiß Prachtgebäude hinstellen, die dann – unerforschlich die Wege des Herrn – vom Himmelalleröbersten abgefackelt werden.

Immerhin, so hört und sieht man, beten sie schon wieder. Ganz innig. Die Idee, dass ihr schon Jahrhunderte dauerndes Himmelhoch-Gewimmer offensichtlich nicht hilft, diese Idee kommt ihnen nicht in die Quere. Klar, sie ist gefährlich. Die Frömmler müssten tatsächlich aufwachen und selbst Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Und endlich unbescholtene Jungfrauen in Frieden lassen.

PS. Anbei noch ein formidabler Cartoon, er erzählt mit einfachen Worten, dass bei katholischen Gottesmännern immer Vorsicht geboten ist – allzeit, auch zur Oster-Hasen-Eier-Zeit.


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Ihr Lieben,

auf SWR 3 gibt es wieder ein kleines Geschichtlein: „Audienz bei Paul Bowles in Tanger“. Bowles war ein berühmter amerikanischer Schriftsteller, einer, der fast alles gesehen hat, cool, blitzgescheit und erfrischend zynisch. Aber nicht unfreundlich. Er hat einen großen Teil seines Lebens in Tanger verbracht. Eines seiner bekanntesten Bücher – „The Sheltering Sky“ – wurde von Bernardo Bertolucci verfilmt und kam in Deutschland unter dem Titel „Himmel über der Wüste“ heraus. Mit, u.a., Debra Winger und John Malkovich. Klar, Kristian Thees vom SWR 3 hat mir wieder die Story herausgepresst, er kann nicht anders, als andere zum Plaudern zu verführen.
Ich danke euch, herzlich, Andreas.

https://www.swr3.de/…/id=2791…/did=4568118/hcbzuz/index.html

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OSHOTIMES – Magazin für Meditation und mehr

April 2019

Die Fragen stellte Doro Rinck

JEDER ATEMZUG HEISST JETZT!

1) In deinem Buch: „Triffst du Buddha, töte ihn“ machst du ja sozusagen einen Selbstversuch in Meditation und beschreibst deine Zustände beim stundenlangen Sitzen. Ihr wurdet angeleitet den Atem zu zählen. Aber wenn man Atemzüge zählt, ist das dann Meditation oder Konzentration? Wenn man zählt ist ja der Verstand mit dem Zählen beschäftigt und es ist keine Leere da, sondern der Kopf zählt.

A: Der Atem ist das „Augenblicklichste“, was wir haben, jeder Atemzug heißt JETZT. Ich atme, also bin ich, also lebe ich, also befinde ich mich im genau jetzigen Augenblick. Ich bin „da“, ich bin präsent, ich bin eins mit der Gegenwart. Das Zählen des Atems von eins bis zehn ist nur ein Hilfsmittel. Um unseren Kopf – diesen wilden Käfig rasend durcheinander schreiender Gedanken – ruhig zu stellen, ja, das Chaos in uns zu überlisten. Je geübter jemand meditiert, desto schneller kann er auf das Zählen verzichten. Er sitzt (meditiert) und beobachtet den Atem. Sonst nichts. Das ist ein magischer Vorgang, denn auf geradezu unheimliche Weise hilft es uns (WENN wir durchhalten), unser Durcheinanderleben zu ordnen. Und je gewiefter man das beherrscht, umso inniger kann man sich danach – im „richtigen Leben“, im Alltag – konzentrieren. Heute ist ein Großteil der Leute vollkommen unfähig, sich fünf Minuten lang auf EINE Sache einzulassen. Da wir rastlos von Meldungen aus der Nullgasse – via Handy, via TV, via Radio, via Presse, via Werbung – zugemüllt werden. Toxische Scheiße, die unser Gemüt, unser Denken vergiftet.

2) wie war deine Begegnung mit Osho in Pune? Und hast du Erfahrungen gemacht mit dem, was Osho den „Beobachter“ nennt? War Osho eine Inspiration für dich?

A: Ich mochte ihn, wie ich alle mag und achte, die ihr Hirn in Betrieb nehmen und mich bereichern, mich „geist-reicher“ machen. Viele kamen auf die Welt, um die Menschheit zu verblöden, hier aber war einer, der versuchte, uns dazu zu überreden, „bewusst“ zu werden, bewusst wahrzunehmen, bewusst zu denken, bewusst zu sprechen, bewusst zu handeln. Ja, für ein paar Wochen lang schwächelte ich und wurde „Sannyasin“, ein „follower“ von ihm. Aber sehr schnell habe ich die orangefarbene Kleidung wieder abgelegt, ich folge niemanden, ich will von allen, die Kluges reden, etwas mitnehmen, aber auch Bhagwan (später Osho) hat Sachen verlautbart, die nicht mit meiner Sicht der Dinge vereinbar waren. Ich bin kein „yes man“, der immer dann nickt, wenn der Meister spricht. Jede und jeder darf und muss kritisiert werden, wir alle sind nur Menschlein, wir alle machen Fehler. Von Offenbarungen weiß ich nichts. Wenn mir einer mit dem „Wort Gottes“ kommt (was Osho nicht tat), muss ich nur lauthals lachen. Kokolores, immer mit dem Hintergedanken serviert, dem Volk Angst und Gehorsam einzubläuen. Ach ja, das mochte ich auch an ihm: Er lästerte voller Witz über jede Art organisierter Religion.

3) In einem deiner Bücher habe ich gelesen, dass du auch jetzt noch regelmäßig meditierst. Welche Bedeutung hat Meditation für dich?

A: Eine rein technische Bedeutung, als geistig-körperliches Training, da ich weder an das Erleuchtungs-Gedöns glaube, noch irgendwo einen Herrgott suche. Ich meditiere, um mich gegen die tägliche Versuchung, geistig träge und dröge zu werden, aufzulehnen. Klar, ich will hin zur „onepointedness“, hin zu dem wunderlich bewundernswerten Können, mich auf EINES zu konzentrieren, sprich – ein Beispiel – vollkommen da zu sein, wenn ich jemanden zuhöre, sprich, ich schenke ihm das Kostbarste, was ich habe: meine Lebenszeit, ganz ausschließlich. Ich bin DA!

4) Wie stehst du zu der Aussage „alles ist gut so wie es ist“ Ist das für dich eine weltfremde Angelegenheit oder was denkst du, meinen die ZEN Leute damit? Dass man alles hinnehmen soll?

A: Zuerst einmal, die „ZEN-Leute“ kenn ich nicht, ich kenne auch keinen, der ZEN praktiziert, der dieses Blech verbreiten würde. Haha, Dummheit hat oft keinen Namen, es gibt allerdings noch einen Satz, der ist an Dämlichkeit nicht mehr zu toppen (und geht sinngemäß in dieselbe Richtung „alles ist gut…“), er stammt aus der Eso-Eselei-Schmiede unseres auf Schwachsinn abonnierten Paulo Coelho: „Es gibt nichts Gutes und nichts Böses.“ Himmel, wie muss einem die Birne weh tun, wenn man solche Sätze rauslässt. Natürlich ist weder alles gut, so wie ist, und natürlich gibt es Gutes und Böses. Ich vermute, dass Kinder missbrauchen nicht gut ist, und Menschen abschlachten böse ist, entsetzlich böse. Und dass Frauen und Männer, die sich dafür einsetzten, dass das Leid von Menschen ein bisschen erträglicher wird, durchaus „Gutes“ tun. Denn alles, was Menschen daran hindert zu leben, ist böse, und alles, was ihnen hilft zu leben, ist gut.

5) Was ist für dich der Unterschied zwischen Spiritualität und Religiosität? Gibt es den überhaupt?

A: Religion wurde erfunden – allen voran die zwei großen Monotheismen –, um das Leben der Menschen auf Erden zu miserabilisieren. Von der Verdummung gar nicht zu reden. Heilige Jungfrauen und den Herrn Herrgott oder den Herrn Allah haben wir nicht, wir haben nur Leute, die diese Herrschaften erfunden haben und damit gleichzeitig beispiellosen Wahnsinn über die Welt brachten. Wer hat mit mehr Horror die Menschheit heimgesucht als die mörderische Rechthaberei religiöser Dunkelbirnen? Ah, Spiritualität, das ist das Gegenteil, das wäre Respekt vor seinen Mitmenschen, der Verzicht auf geifernde, so oft todbringende Missionierung, Respekt vor der Natur, vor der Erde, das wäre die Einsicht, dass das Leben etwas ungemein Einmaliges ist, dass es geachtet und gehütet werden muss. Spiritualität könnte auch dazu beitragen, sein Ego einzuzäunen und Mitgefühl zu trainieren für all die, die unter die Räder kamen. Gewiss, jede Spiritualität, die nicht im Alltag ankommt, nicht alltagstauglich ist, hat diesen Namen nicht verdient.

6) Was hältst du von der Idee des Karma?

A: Nichts. Lässt man sich auf solche Gedankenspiele ein, landet man irgendwann unweigerlich auf der Rampe von Auschwitz. Und weiß dann natürlich, warum die Nazis ein paar hunderttausend jüdische Kinder – um nur ein Beispiel zu nennen – vergast haben: Die Gören und Bengel haben es sich selbst zuzuschreiben. Sicher waren sie früher – vielleicht im 18. Jahrhundert oder im Mittelalter oder als Zeitgenossen von König Herodes – Auftragskiller, Puffmütter, Hurensöhne, Waffenschmiede, gar Christusmörder. Sie haben Unheil gesät, jetzt ernten sie Zyklon B. Geht’s noch dümmer, noch anmaßender, noch erbarmungsloser? Wir haben keine „Gerechtigkeit“ im Weltall, dort gibt es keine „Moral“, es ist absolut „a-moralisch“. Ein Tsunami ist keine Strafe eines rasend gewordenen Weltenherrschers, sondern das Ergebnis geologischer Verschiebungen. Und wer sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt, hat die Arschkarte gezogen.

7) gibt es in deinem Leben Überdruss?

A: Aber gewiss. Sicher auch aufgrund meiner Unzulänglichkeiten, sicher aufgrund der aberwitzigen Zielstrebigkeit, mit der wir unsere Welt totschlagen, sicher beim Anhören der schwungvollen Reden der Wachstumsnarren.

8) gibt es etwas wofür du dich politisch einsetzt?

A: Nicht direkt, ich schreibe eben Bücher. Ob sie zur Vermehrung von Hirnmasse beitragen, ich zweifle, haha.

9) du bist ja ein Weltreisender: kennst du das Gefühl von „zu Hause sein“?

A: Aber ja, Paris und Freunde und die deutsche Sprache und Literatur. Gewiss nicht das bigotte Spießerkaff, in dem ich geboren wurde.

10) Deinen Wohnsitz hast du ja in Paris. Warum gerade Paris und welche Bedeutung hat diese Stadt für dich?

A: Aber ja, ich bin jeden Tag närrischer verliebt in diese Stadt. Die Gründe, grundsätzlich: Ich bin gern Fremder, den typischen Heimatdusel kenne ich nicht. Und wie bereits erwähnt, ich wollte – nach vielen Umwegen über andere Kontinente – da leben, wo es im Gegensatz zu meinem Geburtsort nicht nach Hirnlosigkeit, Heuchelei, Kindsmissbrauch, Katholizismus, Prügelstrafen und Ausweglosigkeit roch. Logischerweise kam ich in Paris an. Ach ja, noch ein Grund: Ein Kritiker nannte mich einmal einen „widerlichen Ästheten“, er wollte damit sagen, dass ich – wie ungehörig – zu sehr auf „äußere Werte“ achte, haha, wie recht das Würstchen hatte: Ich liebe Paris auch deswegen, weil es jeden Tag mit seinen Tausenden von grandiosen (äußeren) Werten protzt.

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Interview mit der österreichischen Zeitung KURIER:

KURIER: Reisen bildet, hinterlässt Spuren: Was hat Mexico mit dir gemacht? Was hast du fürs Leben gelernt?

A: Das sind Fragen, die kein Mensch mit Lebenserfahrung beantworten kann. Weil ich ja nicht „neugeboren“ aus Mexiko zurückkam. Ich kam in Paris ungefähr so an, wie ich es verlassen hatte. Und das Geschwätz „jemand hat sich neu erfunden“ glaube ich nicht. Veränderungen nach einer langen Reise sind so schnell nicht zu erkennen. Sie unterliegen, wie Krankheiten, einer „Inkubationszeit“, sie kommen oft – wenn überhaupt – erst nach Monaten zum Vorschein. Gewiss bin ich reicher heute, sagen wir, „geistreicher“, weil mir Frauen und Männer ihre Geschichten – grandios oder gräulich – erzählten und ich hinterher ein bisschen mehr wusste vom Leben und Treiben auf der Welt.

Andere Länder, andere Sitten. Was macht die mexikanische Seele so einzigartig?

A: Ach, ich glaube nicht, dass die mexikanische Seele „einzigartig“ ist. Auch meine, haha, ist es nicht. Von einer einzigartigen österreichischen Seele weiß ich auch nichts. Mexikaner sind ungefähr wie der Rest der Welt. In Mexiko gibt es hilfsbereite Damen und Herren, durchwachsene Schweinehunde, Hochintelligente und haltlos Blöde, wunderschöne Wesen und die weniger Ansehnlichen. Alles da. Was sie – vielleicht – von uns Westler unterscheidet: Sie haben mehr Humor, kommen „leichtsinniger“, beschwingter durchs Leben.

Weshalb Mexiko? Was treibt Sie in ein Land, in dem es laut Medienberichten extrem gefährlich ist?

A: Zuerst die immer gleich Antwort: Ich reise, um Geld zu verdienen. Ich warte noch immer auf ein Millionenerbe, das aber nicht eintreffen will, haha. Also muss ich raus in die Welt. Und die Geschichten, die ich dort beschenkt bekam, schenke ich an die Leser weiter. Okay, Stichwort Gefahr. Ach, wer achtsam um sich schaut und nicht als tollkühner Tölpel reist, der wird überleben. „Streetwise“ sollte er schon sein, also einer, der „weise“ sich bewegt, der sich auf der „Straße“ ein wenig auskennt, Zeichen dechiffrieren kann, ungute Zustände riecht.

Wie weit würdest du für eine Geschichte gehen? Gibt es so etwas wie ein kontrollierbares Risiko?

A: Ich gehe immer so weit, wie die Gefahr kalkulierbar ist. Ich überlege mir genau, ob ich „hineingehe“. Sehe ich keine Chance, drücke ich mich. Ich habe kein Verlangen, als zehnzeiliger Nachruf unter „Vermischtes“ in deutschen Blättern aufzutauchen. Auch Folter liegt mir nicht. Natürlich ist kein Risiko haarscharf berechenbar, Aber viele Jahre Erfahrung helfen. Und noch eins: Glück braucht der Mensch, hat er keins, fällt er hinterm nächsten Straßeneck tot um.

Was hat dich an Mexico überrascht?

A: Nein, ich habe ja vor langer Zeit schon einmal dort gelebt, um Spanisch zu lernen, anschließend war ich oft als Reporter für Magazine im Land. Ich war folglich ein wenig vertraut mit der Situation. Und doch, überrascht dann schon, mit welcher Leichtigkeit die einen den anderen den Kopf abschneiden. Und überrascht, mit welcher Hilfsbereitschaft die (vielen) anderen einen Fremden versorgen.

Mezcal oder Tequilla? Was hast Du kulinarisch an diesem Land geschätzt bzw. nicht geschätzt?

A: ist mir egal, ich habe keine Ahnung, ich war mehrmals leicht beschwipst. Mit Tequila. Und einmal himmelblau mit Pox, einem Maisschnaps der Indigenen. Ein Feuerwasser, das dir hilft, jeden Idioten auf Erden auszuhalten.

Bedeutet Reisen auch nicht immer das Verlassen von Routinen. Magst du Routine?
Wie holt man sich am besten, einfach aus der täglichen Routine raus? Hast du da ein Rezept?

A: Aber ja, gewisse Routinen können süchtig machen: wenn ich morgens in Paris aufstehe und die Vöglein zwitschern höre, wenn ich meditiere, mäuschenstill, wenn ich in einem Café sitze und lese, wenn ich ins Kino gehe, wenn ich Freunde treffe, wenn ich mit einer Freundin ausgehe, die sprudelt und mir etwas von der Welt erzählt. Das sind Routinen, die ich nie und nimmer missen will. Die sich wiederholen und mich doch jedesmal anrühren.

Du verlässt für neue Geschichten deine Komfortzone, deine Wohnung, gewohntes Umfeld in Paris. Was treibt dich an, was hält deine Neugierde wach?

A: Ich glaube nicht, dass man Neugierde trainieren muss, sie „wachhalten“. Ich vermute, sie ist ein Gen, das in dir steckt und dich antreibt. Sie ist da oder nicht da. Solange du schnaufst. Die einen bekommen es mit, die anderen dösen gern am Leben vorbei. Gewiss, Neugier kann krankhaft sein. Aber unheilbar ist sie auch. Doch sie scheint mir der einzige Weg zu sein, um zu lernen. Nicht neugierig zu sein ist ebenfalls eine Krankheit. Noch unheilbarer. Und zweifellos gefährlicher.

Was hast du immer in der Reisetasche?

A: Erschreckend banale Dinge: ein bisschen Wäsche, die vanity box, meinen Mac, Zeitungen, ein Buch, ein winziges Taschenmesser (sonst wird es am Flughafen konfiziert), einen handtellergroßen Radio und die absolute Maxime: Leicht reisen! Und ich liebe es, am Ende einer Reise festzustellen, dass ich weniger besitze als zu Beginn, da ich manches auf der Reise verschenkte. Ich kaufe keine Souvenirs, nie ein Hirschgeweih, nie einen Poncho, nie eine Muschel als Aschenbecher. Alle meine Souvenirs befinden sich im Kopf und auf der Festplatte meines Airbooks.

Was sollte man beim Reisen immer dabei haben?

A: Seine Neugierde, seine Bereitschaft, „weltwach“ zu bleiben. Hat der Mensch das eingepackt, ergibt sich alles andere auf ganz natürliche Weise.

Viele kommunizieren beim Reisen ständig mit Freunden, teilen Fotos im Internet. Hast du einen Instagram-Account (Ich konnte keinen finden). Warum bist du als Vielreisender und Erfolgsautor nicht schon längst Influencer?

A: Weil ich „schauen“ will, die Frauen und Männer sehen, die an mit vorbeigehen, weil ich die Welt um mich wahrnehmen will, weil ich „da“ sein will, weil ich es nicht ertragen würde, rastlos unterbrochen zu werden. Weil ich meine Freunde pausenlos mit meinen Pipi-Nachrichten belästigen will. Aber ja doch: Das Handy-Wichtigtuer-Syndrom habe ich verpennt. Auch das endlose Posten meiner ungeheuren Wichtigkeit, haha. Das so anstrengende Gefühl, unentbehrlich zu sein, kam nie bei mir nie an. Ich bin grundsätzlich nicht – sofort – erreichbar. Doch nie überfällt mich die Furcht, dass sich die Erdachse nicht weiterdreht, weil die Verbindung zu mir unterbrochen ist. Sie dreht sich weiter, wie beruhigend. Statt wichtig zu sein, kann ich Dinge tun, die mir wichtig sind.

Du kommst bei deinen Reisen immer wieder mit Ungerechtigkeit und Elend in Berührung. Wie gehst du damit um. Verzweifelt man da als Humanist nicht irgendwann?

A: Ich vermute, dass jeder, der noch imstande ist mitzufühlen, in seelische Turbulenzen gerät, wenn er sieht, wie andere, viele andere, in Sack und Asche leben. Auf der anderen Seite, Achtung: Sich nicht als Schreiber als moralische Anstalt herauszuputzen! Uff, unerträglich dieses Betroffenheitsgetue, so verlogen. Als Beispiel eine kleine Episode aus Mexiko: Vor mir im Bus saß ein Paar, und er – vielleicht 40, dem Akzent nach wohl Spanier – erzählte seiner Begleiterin im Brustton des hochmoralischen Bannerträgers von den sozialen Missständen hier im Land. Man hörte, was er sagte, und man hörte, wie ergriffen er von sich selbst war: Schaut nur, wie edel ich rede. Ach, es war eine herrliche Szene – die nächste, so simpel und so wahrhaftig: Bei einem Stopp kam eine junge Indigene herein und bot ihr Kunsthandwerk an, Armbänder und kleine Accessoires. Und unser Mann, nennen wir ihn Pepillo, griff zu. Und die Maske fiel, in Sekunden wandelte sich der hehre Held für mehr Gerechtigkeit auf Erden zum beinharten Feilscher. Es ging um umgerechnet eineinhalb Euro, die er weniger zahlen wollte. Und weniger zahlte. Was mich am meisten erstaunte: Er sah die Lächerlichkeit der Situation nicht, sah nicht das riesige Loch zwischen dem, was er hoheitsvoll verkündet hatte, und dem, was er schäbig tat.

In Deutschland wird mit der AfD eine Partei immer stärker, die für eine durchgängige Mauer zwischen Österreich und Bayern eintritt. AfD-Kandidatin Ebner-Steiner fordert das zumindest in einem Interview. So eine Forderung lässt einen ratlos zurück. Was kann jeder einzelne, weltoffene Mensch man gegen solche Dummheiten machen?

A: Der Einzelne könnte dem Rat meines Zenmeisters folgen, der mir im Umgang mit anderen empfahl, ob nun Zweibeiner oder Einbeiner, ob nun gelb oder bleich, ob nun herrlich gewachsen oder eher krumm: „Just stay fucking normal“, sprich, mach dich nicht wichtig, übe dich in Respekt, plustere dich nicht auf, zäune dein Ego ein. Jeder könnte versuchen – im Gegensatz zur Vollgermanin Ebner-Steiner –, den Satz des amerikanischen Autors Henry James auswendig zu lernen: „Drei Dinge sind im Leben wichtig, erstens, freundlich sein, zweitens, freundlich zu sein, drittens, freundlich zu sein.

Fliegen und in ferne Länder zu reisen ist viel einfacher und leistbarer geworden. Du reist seit 30 Jahren hauptberuflich. Wie beurteilst du die Entwicklung?

A: Grauenhaft, der Massentourismus ist eine der Todsünden, die beim Vernichten der Erde mithilft. Ungeheure Landschaften verschwinden unter Betonwüsten. Die Wachstumsnarren träumen schon von 2040, wo sich – spätestens – der Flugverkehr verdoppelt hat. Ich bin leider mit meinen Büchern mitschuldig. Auch wenn ich von einer anderen Art zu reisen schreibe.

Du gibst dich bei Reisen oftmals als eine andere Person aus, schlüpfen in unterschiedliche Rollen. Gibt es eine Lieblingsrolle?

A: Aber ja doch, am liebsten bin ich amerikanischer Filmschauspieler. Aus verschiedenen Gründen: weil ich schon vor Jahren von Fremden mehrmals darauf angesprochen wurde, sprich, sie mich angeblich in einer amerikanischen Serie haben auftreten sehen. Das gefiel mir, zudem habe ich an New York University studiert, ich kann den amerikanischen Akzent, zudem liebe ich Kino, kann also stundenlang über das Thema schwadronieren, käme nie in Verlegenheit, wenn einer daherkäme und an „meinem“ Beruf zweifelte.

Welche Rolle würdest du gerne mal auf einer Reise spielen?

A: Das wäre Tyll Eulenspiegel, der sagenhafte „trickster“ aus dem vierzehnten Jahrhundert. Ein Listiger, dem viele Mittel (immer gewaltlose) recht waren um die Realität hinter all den Masken zu entdecken. Zu seinen Lieblingsopfern gehörten die Pfaffen, denn Religion eignete sich schon damals vortrefflich, um als Scheinheiliger unheilig zu leben. Aber Tyll war nie Rächer und Töter, nur immer Schelm, der allen Weihrauchtiraden misstraute. Ein Menschenfreund, der einiges riskierte, um die Freunde von den Feinden zu unterscheiden.

Der unaufhörliche Antrieb auf der Suche nach Geschichten. Du erklärst diesen Antrieb oftmals einfach damit, dass du Geld verdienen musst. Du könntest ja auch andere Bücher schreiben… Ist es also tatsächlich nur das Geld?

A: Aber natürlich ist es nicht „nur“ das Geld. Ich wehre mich nur gegen hehre Antworten wie „ich schreibe, um der Welt den Spiegel vorzuhalten“ oder, noch grausiger, „ich schreibe, um die Welt bewohnbarer zu machen“, aua, aua. Es gibt viele Gründe, hier noch ein ganz schlichter: Ich kann nicht anderes! Nimm mir das Talent zum Schreiben und ich werde Sandler im 9. Bezirk (den liebe ich besonders) in Wien. Zum Teufel, muss ich es tatsächlich erwähnen: Gibt’s was Herrlicheres auf Erden als Reisen und Schreiben?

Michael Schottenberg hat in einem Interview mal über dich mal gesagt, dass es besser war, dass du aufgehört hat, mit dem Schauspielen. Siehst Du das ähnlich?

A: Ach, der Schotti, den ich liebe, denn er hat diesen Wiener Schmäh wie keiner weit und breit. Aber ja, er hat esnoch sehr diplomatisch in den Interview ausgedrückt, er meinte, ich wäre „nicht sehr gut“ gewesen. Das ist gelogen, denn ich war das Schiimmste, was einem kreativen Menschen passieren kann, ich war mittelmäßig. Ich war nicht einmal beeindruckend schlecht, war nur so mittendrin, unerheblich.

Michael Schottenberg, schreibt nun auch Reisebücher. Hast du schon mal eines von ihm gelesen?

A: Noch nicht, aber ich muss, denn er droht, mit mir Schluss zu machen, wenn ich es nicht tue. Ich zögere, mit Recht, denn er hat mich schon als Schauspieler an die Wand gespielt, ich will nicht schon wieder verlieren müssen.

Du reist immer alleine. Mit wem würdest du gerne einmal verreisen?

A: Niemanden, weil du als Allein-Mensch auf Reisen einfach wacher ist, unabgelenkter, sensibler, geforderter, auch „verfügbarer“, will sagen: Ich kann in jeder Sekunde das tun, was ich für richtig halte, kann – ohne Diskussion – auf eine Situation reagieren. Ich bin ja als Reporter unterwegs, ich muss schuften, muss Stories finden, darf nicht trödeln. Das hindert mich nicht, auf Reisen jemanden kennenzulernen, der mir gefällt und mit dem ich ein paar Tage zusammen bin. Allein sein ist schön, bisweilen zu zweit sein ist schön. Die Abwechslung ist entscheidend. Immer allein ist scheußlich, immer zu zweit sein noch scheußlicher, haha.

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Hinweis auf Michael Hanekes Film und Andreas Altmanns Biografie:

Michael Hanekes "Das weiße Band" und Andreas Altmanns Biografie

Ihr Lieben,

da die Medien wieder voll sind von den Umtrieben unserer allein selig machenden katholischen Kirche, alias Kindsmissbrauchs-Bande numero uno, angesichts der Tatsache, dass wieder – ob in Australien, in Chile, in Irland oder sonstwo in der Welt – die Pfaffen-Gottesmänner vor Gericht von sich Reden machen, angesichts der Tatsache, dass der schrullige Winkegreis in Rom doch tatsächlich glaubt, sagen zu müssen: „Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, um über ihn zu richten?“, der Herr „Stellvertreter Gottes“ gar nicht kapiert, wie ungeheuer beleidigend ein solcher Satz ist: als ob es irgendetwas an Schwulen zu „richten“ gäbe. Das kommt mir so vor, als wenn ein Frauenverächter sagen würde: „Wenn eine Person weiblich ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, um über sie zu richten?“. Sprich, Frauen sind grundsätzlich zu richten, aber wenn sie den katholischen Pfaffengott anbeten und sonst brav parieren, dann ja, okay, dann wollen wir sie nicht „richten“. Haha, man will schreien über so viel moralische Anmaßung.
Wie auch immer, ein Mensch – keine Ahnung ob Frau oder Mann, da „anonym“ – hat eine Arbeit mit dem Titel: „Michael Hanekes „Das weiße Band“ und Andreas Altmanns Biografie. Die Vereinbarkeit von Literatur und Film im Unterricht. – Eine Analyse“ vorgestellt. Es geht in beiden, im Film wie im Buch, um die verheerenden Auswirkungen, die christlich-religiöse „Sexualerziehung“ auf Mädchen und Jungs hat. Sie, diese Erziehung, dieser Hass auf Eros und Lust und sexuelle Erregung ist ja dafür mitverantwortlich, dass so viele christliche Seelen-Pfaffen-Krüppel sich an Kindern vergreifen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier noch ein Auszug aus „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißlegen meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“:

“ ….Wochenlang hatte ich auf Manfred eingeredet. Mein Anliegen klang befremdlich, aber so war es: dass wir gemeinsam ins Bett gingen und uns nackt auszögen. Und uns dann – so mein bis zuletzt verschwiegener Plan – gegenseitig „untersuchten“. Wenn überhaupt, dann kam für das Unternehmen nur er in Frage. Stefan zu bitten, war keine Option. Wir lebten nebeneinander her, ohne irgendein Interesse füreinander, ohne geistige Intimität.
Manfred zauderte lange, aber eines Abends durfte ich zu ihm unter die Decke. Instinktiv fühlte ich, dass ich jetzt mehr Mut zeigen musste als er. Um ihn und seine Ahnungen zu überrumpeln. Auch trieb mich die Furcht, dass er einen Rückzieher machen würde. So griff ich nach seinem Schwanz. Abrupt und ohne „Vorspiel“, von dem ich nichts wusste. Und ohne Flüstern und Beruhigen. Himmel, was für ein Ding, was für ein Männerding. Von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem 16-Jährigen und mir konnte keine Rede sein. Und ich ließ sein Ding nicht los und etwas Phänomenales passierte, über das ich bisher nur hatte reden hören, es jedoch nie gesehen, geschweige denn selbst erlebt hatte: Sein Schwanz wuchs in meiner Hand, pochte, dehnte sich, wurde dick und lang und hart, lag nach Sekunden wie ein Maiskolben zwischen meinen Fingern. Manfred grinste, fast entschuldigend. Als wollte er sich nicht anmerken lassen, was wir beide jetzt wussten: dass er schon ein Mann war und ich noch ein Kind. Ohne Erektion, ja, ohne Schamhaare. Ich holte das Lineal aus meinem Schulranzen und legte an. An uns beide, an seine Erektion und an meinen Unbeweglichen. Und ich war nervenstark genug, die Maße aufzuschreiben, Länge und Umfang. Als Belege einer schweren Stunde.
Nun, mein Körper war ein Fehler. Nichts an ihm war, wie es sein sollte. Trotzdem, irgendwie tröstete mich das Wissen, das mir ab dieser Stunde gehörte: Ein Schwanz erregte sich und wurde ein „Ständer“, konnte somit in eine Frau eindringen, konnte sie „ficken“. Jetzt begriff ich, wie das „Liebe machen“ – den Ausdruck hatte ich auch schon gelesen – funktionierte. Es gefiel mir nicht. Es widerte mich an.
Zwölf Stunden später schauten Manfred und ich uns nicht mehr in die Augen. Plötzlich kam das längst eingetrichterte Gift in uns hoch, die beispiellose Wut auf Nacktsein und Geschlechtsorgane. Wie eine Seuche hatte es sich bereits in unser Denken gefressen. Via Religionsunterricht, via Fotzen, via Schuldgefühle. Ich suchte nach dem Schulheft, in dem stand, was uns einst eingebläut worden war. Und ich fand es, hatte es damals direkt aus dem „Lob Gottes“ kopiert, Stichwort Heilige Reinheit: „Habe ich freiwillig Unkeusches gedacht oder aus böser Lust angesehen oder angehört oder geredet oder gelesen? Habe ich freiwillig und mit Wohlgefallen ein böses Verlangen gehabt, Unkeusches zu sehen, zu hören oder zu tun? Habe ich Unkeusches allein getan? Habe ich Unkeusches mit andern getan? (Gib bei diesen Sünden die Zahl an, so gut du kannst.)“
Ein Strom nach Sühne und Bestrafung schreiender Bilder zog durch meinen Kopf: ALLES das hatten wir getan, uns angefasst, „unkeusch“ angefasst, unkeusch gespielt, angestarrt, immer wieder angestarrt, Lust empfunden, unkeusche Fragen gestellt, unkeusche Worte gesprochen, Haut an Haut, stundenlang, ohne Zahl. Ja, unsere Verwerflichkeit zählte doppelt, reichte tiefer, so tief, dass es von den Verfassern des Gebetbuchs überhaupt nicht in Betracht gezogen worden war: zwei „Männer“ hatten aneinander gesündigt, zwei „Perverse“, zwei „Kranke“, deren Laster nur in der Hölle enden konnten.
Wir sprachen die nächsten Tage nur das Nötigste miteinander. Und nie wieder über diesen Abend. Jeder musste mit seiner Scham selbst fertig werden. Hilfe bei einem Erwachsenen suchen schien undenkbar. Hätte Vater davon erfahren, er hätte uns lebendig begraben. Um Schande abzuwenden von sich, vom Namen Altmann, vom Geschäft der grandiosen Scheinheiligkeit. Als zwei schwule Söhne hätte er uns gegeißelt. Hätte auch nie verstanden, dass wir nicht homosexuell waren (und nie würden), sondern wie zwei Halbwüchsige handelten, die suchten, sich suchten.
Der Abend war einmalig und kam nie wieder. Im Gegenteil, wir wurden schamhafter als zuvor. Gingen wir schlafen, dann zogen wir uns bis auf Hose und Unterhose aus, stiegen jeder in sein Bett, entledigten uns unter der Bettdecke beider Kleidungsstücke und zogen hastig den Schlafanzug an. Alles im Dunkeln. Wir haben über den Irrsinn nicht diskutiert. Auf abstruse Weise beschützte er uns, gab uns stillschweigend die Gewissheit, dass sich die Schande nicht wiederholen würde.
Ich hatte mein geistiges Immunsystem überschätzt. Hatte noch kurz vor dem Abend mit Manfred geglaubt, dass die religiöse Gehirnwäsche, die Gehirnverschmutzung, dieser rastlose Zorn auf die Freuden des Körpers, weniger drastisch an mir vorübergegangen wären. Wie irrig: Wie ein Kind leichter als ein Erwachsener Fremdsprachen lernt, so lernt es leichter, die Giftsuppen zu schlürfen, die ihm die katholische Kirche jeden Tag servierte. Und so schluckte ich löffelweise die Tücke der Leibsünde, der Freudesünde, ließ mir meine Gefühle, meine Kindergefühle, verpesten vom „allein seligmachenden Glauben“, schluckte begierig die Kotze von Schuld und Frevel.
PS: Dass zwei Seiten vor dem Eintrag zur „Heiligen Reinheit“ der Hinweis stand, dass Katholiken, die einem „Freidenkerverein“ beitraten, schwer sündigten, sollte nicht überraschen. Frei denken! Da sei der Beelzebub vor.

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Interview in „Yoga Aktuell / Juni 2018“

Andreas Altmann - Interview Yoga Aktuell

Die Fragen stellte Doris Iding

Fragen an Andreas Altmann: Triffst Du Buddha, töte ihn!

YOGA AKTUELL:
Der Reporter Andreas Altmann hat ein Buch über das geschrieben, was auch Buddha selbst seinen Schülern geraten hat: „Triffst du Buddha, töte ihn!“ Was er darunter versteht , erklärt Altmann im YOGA-AKTUELL – Interview.

D.I.: Kannst du Dich dem Leser bitte in drei Sätzen vorstellen – besonders hinsichtlich der Idee, das Buch „Triffst Du Buddha, töte ihn!“ zu schreiben.

AA: Die erste Satz: Hier wird eine hehre Antwort erwartet. 2. Satz: Die habe ich nicht. 3. Satz: Ich muss Geld verdienen.

D.I.: Du hast geschrieben, dass Dir der Buddhismus ein Anliegen sei. Was genau fasziniert Dich an ihm?

AA: Na ja, „Anliegen“, das ist mir zu pompös, so steht es auch nicht im Buch. Ich mag den Buddhismus, aus verschiedenen Gründen, der wichtigste: Kein Herrgott tritt auf und niemand muss ihm zuliebe in den Himmel winseln. Der zweitwichtigste: Er mahnt zu Mitgefühl. Drittens: Übernimm Verantwortung für dein Leben, sprich, höre auf zu greinen und nach Sündenböcken zu suchen.

D.I.: Was mir sehr gut gefallen hast ist, dass Du den Buddhismus nicht glorifizierst, sondern auch auf wenigen Seiten aufführst, wo er blutige Spuren hinterlassen hat – und das sind nicht wenige. Was stört Dich am Buddhismus – oder gibt es sogar etwas, was Dich an ihm abstößt?

AA: Warum denn glorifizieren, der Buddhismus – wie jede andere Idee auf Erden auch – ist via Menschen in die Welt gekommen. Und alles, radikal alles, darf, nein, muss kritisiert werden. Sonst landen wir im großen Gatter der Schafe, wo der große Haufen schon hurtig blökt. Seit Jahrtausenden – unbelehrbar von aller Vernunft – blökt.

D.I.: Du beschreibst in dem Buch so schön, dass Du auf der Suche nach einer Technik bist – zumindest damals warst –, die Dir und anderen mehr Glück ins Leben bringt. Hast Du im Buddhismus eine solche Technik gefunden?

AA: Ich bin kein Fachmann, ich habe den Buddhismus nicht studiert, habe jedoch vor langer Zeit acht Monate in einem japanischen Zenkloster gelebt. Meine Technik ist idiotensicher: Auf einem Shoggi sitzen, Rücken gerade, den Atem beobachten, ihn zählen. Fliege ich raus, weil ich einmal mehr an nackte Frauen denke, dann wieder von vorn anfangen. Ohne Gedöns, ohne Vorwürfe.

D.I.: Du beschreibst auch die Teilnahme an einem Retreat. Was hast Du dort für Dich gefunden?

AA: Ich verweigere grundsätzlich Dreizeilen-Antworten für Erfahrungen, die mich unendliche Zeit und unendliche Mühe gekostet haben. Zudem glaube ich nicht daran, dass man so haarscharf beschreiben könnte, was man „da“ findet. Vieles bleibt halb- oder unbewusst, kommt erst über die Jahre zum Vorschein. Mir ist jede/r verdächtig, der hinterher seinen Buchhalterbericht abliefert. Zudem bin ich ein Fan von Jean-Luc Godard: „Lass die Dinge bisweilen ohne Namen“, vulgo: Mund halten.

D.I.: Was war für Dich die tiefste Erfahrung während einer Meditation?

AA: Auch da kann ich leider nicht aushelfen. Woher soll ich das wissen, wie man „tief“ und „tiefer“ und „am tiefsten“ festlegt. Um aber alle Welt zu beruhigen: Ich wurde nicht erleuchtet, auch die so pathetisch, leicht schwachsinnig immer wieder angekündigte „Wesensschau aller Dinge“ ist mir nicht gelungen, eher die Einsicht, dass „Erleuchtung“ ein ähnlich spiritueller Hokuspokus ist wie eine Jungfrau, die der heilige Geist – geschlechtsteilelos – geschwängert hat. Beim ZaZen geht es mir wie den meisten: Es gibt Arschtage, da komme ich nicht rein, bin genervt und hochgradig nervös, und es gibt die herrlichen Minuten, in denen ich selig schwebe, versöhnt bin, leicht bin, nicht schon wieder an der Menschheit verzweifle.

D.I.: Du beschreibst auch immer wieder Szenen, in denen Du kiffst und das so schön beschrieben, dass man am liebsten mit dabei gewesen wäre. Wo liegt für Dich der Unterschied zwischen Einnahmen von Substanzen und Meditation?

AA: Nein, ich kiffe nicht, und wenn, dann selten, dann aus Freundlichkeit dem Gastgeber gegenüber. Ich mag die harten Drogen. Dazu aber keine Details. Der Unterschied? So einfach: via Meditation käme ich nie und nimmer in die Euphorien, die Drogen versprechen und – halten. Aber hierfür muss der Mensch erwachsen sein, innerlich stark, verantwortlich, sein Maß kennen. Die meisten sind weder das eine noch das andere, deshalb Finger weg, sie würden nur in Teufels Küche landen.

D.I.: Du hast eine spitze Feder, schreibst – in meinen Augen – Sätze für die es sich zu leben lohnt und hast aber auch keine Scheu, deinen Lesern aus dem Westen schon mal einen ziemlichen Seitenhieb zu versetzen. Sehen wir Westler den Buddhismus zu idealistisch?

AA: Wie Westler ihn sehen, ich weiß das nicht so genau. Ich glaube, die meisten haben so wenig Ahnung davon wie ich. Man müsste sich jahrelang mit ihm auseinandersetzen, wer macht das schon?

D.I.: Was geht Dir bei der deutschen / westlichen spirituellen Szene so richtig auf die Nerven.

AA: Die selig Ergriffenen, das erhabene Getue, das hochheilige Geschwatz von „alle Menschen sind Buddha“, der kindliche Nonsens von der Wiedergeburt (so nonsensig wie der christliche Fegefeuer- und Höllenschlund), die gefährliche Nähe zur Esoterik. Ich schenke jedem, auch ungefragt, den weisesten Satz meines Zenmeisters: „Just stay fucking normal.“

D.I.: Der Satz „Töte den Buddha“ kommt aus dem Buddhismus. Was bedeutet er für Dich persönlich?

AA: Dass man jeden „Master“ eines Tages „töten“ soll, natürlich im übertragenen Sinn, sprich, irgendwann muss man erwachsen werden, sprich, ohne Meister, ohne Therapeuten, ohne Krücken, ohne „Aber der hat doch gesagt ….“ durchkommen, sprich, ohne das debile Nachplappern von Sätzen, die ein anderer von Urzeiten mal gesagt hat, genauer formuliert: gesagt haben soll. Manche Sätze halten die Jahrhunderte aus, andere nicht, sie gehören auf den Misthaufen.

D.I.: Glaubst Du, dass wir ganz ohne Lehrer / Guru ans Ziel kommen?

AA: Ein Lehrer ist toll, Himmel, wir alle lernen von anderen. Ich verdanke vielen vieles. Aber der beste Lehrer wird dich eines Tages auffordern, ihn zu verlassen und deinen eigenen Weg zu gehen.

D.I.: Welche Gestalten / Lehrer aus dem Buddhismus haben Dich persönlich besonders inspiriert?

A: Am hinreißendsten fand ich schon immer IKKYU SOJUN, einen Dichter und Zenlehrer aus dem 15. Jahrhundert, der sich mit der heuchlerischen Zen-Aristokratie seiner Zeit anlegte, ja, tatsächlich – grandios – behauptete, dass eine Liebesnacht mit einer Frau mehr zur Erleuchtung beitrüge als alles inbrünstige Herumgehocke im Tempel. Er wurde 88 und das Gerücht geht um, dass er als glücklicher Mensch gestorben ist.

D.I.: Wenn Du die Möglichkeit hättest, mit einem indischen Heiligen oder mit einer indischen Gottheit eine Woche in den Bergen zu verbringen, wer wäre es?

AA: Haha, was für eine Frage, Himmel, ich weiß nichts von „Heiligen“, weder von katholischen noch indischen. Die „Heiligen“, die ich in Indien traf, waren bisweilen ausgefuchste Halunken, überirdisch scheinheilig. Und mit einer „indischen Gottheit“ soll ich über die Berge wandern? Haha, die haben wir auch nicht. Aber angenommen, nur Spiel, es gäbe sie tatsächlich, dann wäre ich mit Ganesha, dem Elefantengott, unterwegs. Er ist ein bisschen dicklich, hat Humor, ist lustig, traut sich, nascht gern und hat sich einen Namen als „begnadeter Tänzer und beweglicher Liebhaber“ gemacht. Mit ihm zöge ich gern um die Ecken, ich würde ihm bei allem zusehen, alles fleißig notieren und hinterher noch fleißiger üben.

D.I.: Und was würdest Du Dir erhoffen, in dieser Woche zu erfahren?

AA: Freude, Kichern, einen noch höheren Kontostand, noch mehr Ruhm, die „fugenlosen Wörter“ finden für mein Mexiko-Buch (das ich gerade schreibe), lächelnde Frauen, lächelnde Männer, Eleganz, das Verschwinden meiner Rückenschmerzen, weniger Religion, mehr Verstand, weniger Götzendienst, mehr emotionale Intelligenz, uff, so viele Sehnsüchte, du siehst, ich bin schon wieder größenwahnsinnig. Sorry, das ist genetisch bei mir. Haha.

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Interview im SZ Magazin / Mai 2018

Die Fragen stellten Gabriela Herpell und Lars Reichard

„Wir sind arme Schweine und immer getrieben“

Sie duzen sich. Wie gut kennen Sie sich?

Andreas Altmann: Wir haben eine gemeinsame Freundin, Hannelore Elsner.

Oskar Roehler: Der Hannelore ist es geschuldet, dass ich sein Buch in den Händen hatte, bevor wir uns mal auf der Buchmesse trafen. Sie hat sehr geschwärmt damals.

Altmann: Ich habe vorgestern noch seinen Film Die Quellen des Lebens gesehen. Eine Freundin hatte mir davon erzählt.

Roehler: Hast dich aber gut vorbereitet.

Sie verarbeiten beide Ihre Kindheit in Ihren Büchern. Unglückliche Kindheiten und westdeutsche Geschichte. Der Vater beziehungsweise der Großvater sammeln Briefmarken, der eine handelt mit Rosenkränzen, der andere mit Gartenzwergen.

Roehler: Unser kollektives Schicksal, die Gartenzwerge.

Altmann: Und unsere Väter. Unsere Kriegsväter. Du hattest ja nur einen intellektuellen Vater, keinen Prügler, keinen Nazi.

Roehler: Ach. Ja. Er hat so getan.

Altmann: Meiner hat in Rosenkränzen gewühlt. Ich bin der Rosenkranzkönigssohn.

Roehler: Wenn ich in deinem Buch lese, wie dein Vater dich physisch behandelt hat, unterscheidet sich das in keiner Weise von dem, was mein Vater mit mir gemacht hat. Der hat geprügelt, eingesperrt…

Altmann: Aber deiner war immerhin angesehen, ein berühmter Lektor.

Roehler: Deiner war auch angesehen, nur woanders. Aber davon haben wir ja nichts gehabt. Dass mein Vater in seinen Kreisen angesehen war, hat mir wenig geholfen auf dem Kinderspielplatz in Friedenau. Was stimmt: Dass ich mit Anfang 20 vor einem riesigen Bücherschrank stand.

Wir haben Sie ja zusammen gebracht, weil wir denken, der Schaffensmotor bei Ihnen beiden ist die Wut. War es die Wut, die Sie zur Kunst gebracht hat?

Roehler: Gar nicht. Die Kunst hat mich zur Kunst gebracht. Der Spaß, die Launigkeit, das Fantum für bestimmte Filme, ich mag Kunst und Literatur, mir haben manche Filme die Augen geöffnet. Da guckst du mit 13 einen geilen Fassbinder-Film an, gehst nachts im Park mit den ganzen Gedanken schwanger und weißt, du bist der einzige, der es in deinem Scheißkaff gesehen hat. Ich war ja in einem Minikaff mit Metzgersöhnen im Internat. Ich glaube, es ist ein Riesenunterschied, ob man Außenseiter ist oder zum Herdenvieh gehört, um es mal abfällig auszudrücken. Die Wut hat mich erstmal überhaupt nicht interessiert. Wütend bin ich jetzt.

Altmann: Ich war wütend, ich bin es. Und was werden wollte ich auch. Bin ich aber erst, als ich mit 38 Reporter wurde und gleich für eine meiner ersten Reportagen einen Preis bekommen habe. Ich will Frauen und Geld und Ruhm.

Roehler: Stimmt. Berühmt werden wollte ich auch. Gebe ich zu. Aus Trotz.

Altmann: Wenn du schreibst und wirst nicht bekannt, hat es keinen Sinn. Genau wie beim Schauspielen. Ich hab’s erlebt, ich war zuvor ein mittelmäßiger Schauspieler, und das ist schlimmer als ein schlechter Schauspieler zu sein.

Roehler: Echt? Dann hattest du den falschen Regisseur.

Altmann: Nein, das ist nicht kokett. Ich habe ja die anderen gesehen. Ich habe gesehen, was die konnten.

Ist Mittelmäßigkeit das Schlimmste für einen Künstler?

Altmann: Unauffälligkeit bringt nichts. Wenn kein Mensch sich für das interessiert, was du tust, ist das schlimm, ja.

Roehler: Da hat man auch keine Überlebenschance.

Altmann: Houellebecq hat gerade ein Buch in Frankreich herausgebracht über Schopenhauer, seinen Liebling. Und er sagt, diese verlogene Presse, diese verlogene Scheiße, dieser Konsens, niemand traut sich mehr was, und er sagt, er will das: Frauen, Geld und Ruhm. Klar, jetzt kommen die braven Seelen und sagen, das ist nicht gut, Geld undRuhm und Sex zu wollen. Aber fuck you, natürlich mag ich Menschen, die ihre eigene Moral haben, die humane Werte vertreten, aber ich stehe auch auf die äußeren Werte.

Roehler: Du hast was angetriggert, wo ich dir Recht gebe. Der Grund, warum man antritt, ist auch, nicht erkannt worden zu sein von dieser kleinbürgerlichen Durchschnittsgesellschaft, in der du gezwungen warst aufzuwachsen. Die haben einfach nicht gesehen, wer du bist. Und ganz klar hast du irgendwann mal gesagt, du willst ihnen auf den Kopf scheißen. Mit anderen Worten, du willst berühmt sein. Ich glaube dir das mit den Frauen und Porsches gar nicht so, das ist so ein Produzentending.

Altmann: Porsche brauche ich nicht, stimmt. Mit meinem Geld kaufe ich mir Lebenszeit, Reisen, Dinners, Kinobesuche, Bücher und Zeitungen, Freiheit. Protzen ist obszön, interessiert mich nicht.

Roehler: Dieses Berühmt-sein-Wollen ist ein Trotz gegen die Herkunft.

Altmann: Und du kannst dann machen, was du möchtest.

Roehler: Wir Außenseiter hatten eh keine andere Chance als Ruhm. Wie hätten wir anders als durch Brillanz an die Spitze der Gesellschaft vordringen können?

Altmann: Man konnte mich nicht sehen in Altötting, nicht „erfolgreich“ sehen, weil ich nichts zu bieten hatte. Ich bin, nachdem meine Mutter auch davon ist, obendrein ein schlechter Schüler geworden. Da war nichts zu sehen.

Gesehen werden möchte man doch immer.

Altmann: Sie meinen geliebt werden? Klar. Aber das wissen wir doch alle, dass wir zu wenig Liebe bekommen haben. Ich meine ja was anderes. Dass man nicht gesehen hat, was in einem drinsteckte. Und ich will sagen, in mir steckte nichts drin. Oder vielleicht steckte was drin, aber es war nicht sichtbar.

Mussten Sie beide erst zu sich finden, bevor Sie etwas schaffen konnten?

Altmann: Wenn ich dramatisch aufgelegt bin, sehe ich mich als Kindersoldat. Ich wollte an dem Vater und den Pfaffen und den Lehrern, von denen die meisten enttäuschte Nazis waren, nicht zerbrechen. Wäre ich ein Genie gewesen, hätte ich vielleicht mit zwölf am Klavier gesessen. Aber ich war keins. Ich brauchte alle Kraft, um nicht kaputt zu gehen, logisch, dass ich ein late bloomer geworden bin, einer, der spät blüht. Ich war so beschäftigt damit, über die Runden zu kommen. Aus der Sicht meines Vaters war ich ja ein Vollblutversager.

Yasmina Reza, die französische Schriftstellerin, hat mal gesagt, eine glückliche Kindheit ist gar nicht so erstrebenswert, weil man sich immer nach ihr sehnt.

Altmann: Sie meinte, du bist nach einer glücklichen Kindheit nicht fähig, dich mit dem Leben auseinanderzusetzen, den Anwürfen. Du wirst Muttersöhnchen. Mit meinem Vater habe ich immerhin gelernt, er will mich ficken, er will dich vernichten. Und ich hab gelernt: Du bekommst nichts umsonst. Du musst jedem, der dich ficken will, an die Karre fahren. Das habe ich gelernt, und andere haben das eben nicht gelernt. Mir hat mal jemand nach dem Scheißbuch geschrieben….

Ihr Bestseller „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“.

Altmann: Er hat geschrieben: „Herr Altmann, im Gegensatz zu Ihnen hatte ich eine sehr gute Kindheit und heute bin ich ein schwer depressiver Mensch, und wissen Sie, warum? Weil ich nicht gelernt habe, mich durchzusetzen.“ Kämpfst du, wirst du streetwise. Du hinterfragst Dinge. Das tust du nicht, wenn Mutti und Papi immer Ja und Amen sagen.

Roehler: Die mogeln sich schon auch ganz gut durch, die von der Mutti immer toll gefunden werden. Die haben mehr Erfolg als du und ich zusammen. Seichtes Feuilleton für den seichten Feuilletonleser. Läuft gut auf der Spiegel-Bestsellerliste. Das ist ja das, wo ich neidisch werde und mich frage, muss ich am Tag noch einmal mehr meditieren, um diese Gelassenheit zu bekommen, die es ihnen ermöglicht, diese Bestseller zu schreiben? Es ist ja so, dass die interessantesten Leute irgendwann aus den Institutionen rausgekickt wurden. Wenn du jemanden beleidigst, fliegst du heute raus. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da hat Uwe Johnson einem Kritiker, der schlecht über ihn geschrieben hatte, in die Fresse gehauen. Der ist nicht verklagt worden. Der ganze Frust, das ganze Ressentiment, das ganze Gift, das sich in der Gesellschaft ansammelt. Das kommt dadurch, dass die Leute kein Ventil mehr haben, weil wir in einer Meinungsdiktatur leben.

Altmann: Was schlägst du denn vor?

Roehler: Ich habe neulich einen Text für mich darüber geschrieben, warum ich meine Kindheit, obwohl sie nicht schön war, als generell bessere Zeit empfunden habe.

Altmann: Die Zeit war nicht besser.

Roehler: Klar, weiß ich. Das wäre ja Wahnsinn, wenn ich das behaupten würde. Aber wenn wir von der Vergangenheit reden, kann ich ja schon sagen, dass diese verpönte kleinbürgerliche Gemeinschaft, in der man aufgewachsen ist, dass man sich da im Rahmen der Möglichkeiten mit mehr Freundlichkeit und weniger Misstrauen begegnet ist. Das hat vielleicht damit zu tun, dass die Leute einfältiger waren. Weniger wussten.

Altmann: Nicht in Altötting. Das war ein Biotop aus Heuchelei, Verlogenheit, Kindsmissbrauch und religiöser Narretei. Das gab es keine Höflichkeit, kein Zuhören, kein Vertrauen. Das mag bei dir anders gewesen sein.

Roehler: Das Idyll, in dem ich aufgewachsen bin, war keine gewachsene Struktur: Da kamen die Leute von überall her, Einwanderer aus Ostpreußen und Schlesien, das ist ein Unterschied zu so einer jahrhunderte alten Struktur mit der katholischen Kirche, das ist natürlich eine morbide, dekadente, perverse Gesellschaft. Woran man sieht, dass ein Gemeinwesen nicht immer besser wird, je länger es besteht.

Was meinen Sie denn mit besser?

Roehler: Die Zügel waren lockerer. Auch in der Politik. Man durfte sich beschimpfen. Man durfte sich sogar betrunken beschimpfen und sich in den Arsch treten. Das mag grob gewesen sein, aber doch auch befreiend. Wenn du immer diplomatisch sein musst, hat das keine guten Auswirkungen auf deinen Charakter.

Verstehen wir Sie gerade richtig? Sie finden beide, eine scheußliche Kindheit ist am Ende besser als geliebt und gesehen und verstanden zu werden?

Roehler: Es ist grauenvoll, wenn alles so super läuft.

Altmann: Ich habe mit 25 mein erstes Radio gehabt, habe ich vom Müll geholt. Die jungen Leute heute haben leichter Zugang zu allem, aber sie werden auch viel radikaler verblödet: vom wachstumsnärrischen Kapitalismus, vom religiösen Hokuspokus, von den sogenannten social media, diesen gigantischen Lebenszeitvernichtungsmaschinen. Heute musst du viel stärker sein, viel widerständiger, um zu dir zu stehen. Um einen eigenen Ton zu finden, dein eigenes Leben zu leben.

Roehler: Ich denke manchmal, wenn ich irgendwo im Fernsehen in einer Runde sitze, dass einer wie der andere redet, verwechselbar. Ich kenne das gar nicht mit dem Verstehen- und Liebenwollen. Wir wollen ja nicht in einen Wettstreit treten, wer hatte das schwerere Leben, aber ich habe Phasen vollkommener Hoffnungslosigkeit durchlebt. Und du guckst in ein Gesicht und du weißt, ob eine Biografie Brüche hat oder nicht. Man sieht, ob jemand schon mal so etwas wie Hoffnungslosigkeit durchlebt hat. Die, die das nicht erlebt haben, werden immer an das Gute im Menschen glauben. Sie werden daran glauben, dass die Gesellschaft sich weiter entwickelt. Oder dass die Menschheit überhaupt Sinn hat. Diejenigen, die dessen beraubt worden sind, meine Lieblingsschriftsteller beispielsweise wie Jerzy Kosiński oder Malaparte oder Polanski als Filmregisseur, die haben erlebt, dass es ein menschliches Bestiarum gibt. Dass Eltern umgebracht werden, weil sie polnische Juden sind. Diese Leute werden immer eine Art von Sarkasmus und schwarzem Humor, von Clownerie, Absurdität und Anarchie in ihrem Herzen bewahren, weil sie wissen, dass alles kippen kann und dann nichts mehr so existiert, wie wir es kennen.

Altmann: Kosinski, war das der mit der Plastiktüte in der Badewanne?

Roehler: Ja, Jerzy Kosinski, so hat er Selbstmord begangen.

Altmann: Dann meine ich den richtigen.

Roehler: Ich halte den Glauben an das Gute für gefährlich. Und diesen horrenden Idealismus für schädlich. Idealismus hat dahin geführt, wo wir 33 gelandet sind.

Altmann: Wie wahr. Aus wie vielen Idealisten wurden Massenmörder. Schuldlos schuldig. Sie konnten wohl nicht anders, ich glaube nicht an den freien Willen.

Roehler: Oder schuldig schuldlos. Für mich hat der Glaube an meine Familie und meine gesellschaftlichen Bezüge aufgehört, als meine verwöhnten Cousins nachgekommen sind. Ich bin ja sehr arm erzogen worden, sparsam, und als die kamen, hat in der Gesellschaft ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Da kamen der Liberalismus und der Kapitalismus über die, die arm und bäuerlich aufgewachsen sind. Während man uns in den Wald geschickt hat, damit wir nicht nervten, wollte man plötzlich, dass die in eine gute Schule und nicht in die Scheißdorfschule gehen, in die ich gegangen bin. Und dann haben sie ständig Spielzeug gekriegt, das sie nach drei Tagen weggeschmissen haben, dann gab es neues Spielzeug. Sie waren hübsch und blond und gut genährt. Ich dachte, ach, die werden jetzt vorgezogen, und die sind so optimistisch und toll und gut in der Schule, die freuen sich, dass jeder sie so lieb hat. Und ist klar, dass du destruktive Elemente entwickelst, wenn du plötzlich im Abseits stehst.

Altmann: Ich habe Mitgefühl mit den Jungen. Dieses gräulich seichte Leben, das sie umgibt, dieser rasend gewordene Kapitalismus. Ich meditiere, um nicht in den Irrsinn zu gehen, habe in einem Zenkloster in Japan gelebt. Ja, ich kam davon, ich fand ein Talent. Wäre das ausgeblieben, ich wäre nicht mehr da. Aber Talent ist kein Verdienst. Deutschlandradio hat eine Sendung zu den Mails gemacht, die ich zu dem Scheißbuch bekommen habe. Da kamen Geschichten, in denen Töchter vom Vater und den Brüdern vergewaltigt wurden – dagegen war meine Kindheit ein SOS-Kinderdorf.

Roehler: Ich glaube, es kann genauso gravierende Folgen haben, vom Vater abgelehnt zu werden wie in der Kindheit missbraucht worden zu sein.

Altmann: Wenn du keinen Ausgleich hast. Wenn du da nicht rauskommst. Und die Liebe ist ja nicht alles im Leben. Es gibt noch Freude, Innigkeit, Eros, Erfahrung, Weisheit, Klugheit. Man sollte die Liebe nicht überfordern.

Roehler: Ich habe ein neues Hobby, ich studiere zu Hause feindliche Blätter. Es ist interessant, den Diskurs zu beobachten. Früher habe ich gelesen, um mich zu informieren und mir eine Meinung zu bilden. Heute amüsiere ich mich darüber, wie larmoyant Leute formulieren. Ich mache gerade einen Film, darin geht es um einen Redakteur, der unter der Fuchtel seiner Frau steht, alles Klischees, sie ist eine extreme Feministin, außerdem: Ein Feuilletonchef, der ihn nicht leiden kann, setzt einen Lockvogel auf ihn an, eine hübsche Praktikantin, er fällt drauf rein und gerät in Teufels Küche, verliert alles, was er hat, und wird zum Fanatiker. Weil all die Dinge, an die er so sehr geglaubt hat, für ihn keine Wahrheit mehr besitzen. Was machst du, wenn du so fest an etwas glaubst, an die linksliberale Gesellschaft, und dann wirst du plötzlich gefickt? Ich lebe lieber meinen sardonischen Humor aus, dann passiert mir das nicht.

Altmann: Oskar, du reibst dich auf. Du bist waidwund. Wie sagte der Dalai Lama? „Das Böse segnen und weitergehen“, sprich, versuchen, nicht selbst böse und arschig zu werden.

Herr Altmann, Sie klingen, als wäre Ihre Wut verraucht. Ist es so?

Altmann: Da müssen Sie etwas überhört haben, sie raucht noch immer. Wie auch immer: Die Kraft zu überleben, die Kraft, etwas Schöpferisches aus seinem Elend zu machen ist genetisch, glaube ich. Ich glaube nicht an den Verdienst. Wir sind, wie wir sind, durch unsere Gene. Oder glauben Sie, dass jemand freiwillig Versager wird?

Roehler: Neulich hab ich für Arte Durch die Nacht mit Lars Eidinger gemacht. Er hat genau die Schauspielkarriere gemacht, von der wir geredet haben. Er hat Eltern, mit denen ist er unheimlich gut ausgekommen, dann ist er auf die Schauspielschule, gleich an der besten genommen worden, er findet ganz toll, dass viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, weil er so viel von der Gesellschaft bekommen hat und ihr in vielfältigem Maße zurückgeben möchte. Aber die Dämonen und Geister, das Böse und die Magie kann er trotzdem auf die Bühne zaubern. Genau wie Marcel Proust Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schreiben konnte. Der musste dafür keine schlechte Kindheit haben. Und fing früher an als wir, weil er sich nicht erst aufbauen und neu zusammensetzen musste.

Altmann: Die haben Glück. Kein schweres Leben und trotzdem Talent. Goethe hatte keine schwere Jugend und schrieb dennoch, haha, besser als ich.

Roehler: Ich bin jetzt bald 60 und möchte noch viele Filme machen, merke aber, wie 40-Jährige nachrücken und denke: Du hast viel zu spät angefangen, deine Kräfte sind gar nicht mehr dafür gemacht, dass du das alles noch machen kannst, warum hast du nicht mit 25 angefangen?

Altmann: Sinnlos, die Diskussion. Geh weiter, Oskar. Es ist ja auch nicht jeder, der ein schweres Leben hatte, ein toller Schreiber.

Aber wahrscheinlich ist so ziemlich jeder, der ein schweres Leben hatte, wütend. Oder?

Altmann: Ich glaube schon, dass die Erniedrigung, die du als Kind erfahren hast, prägt. Und mein „Scheißbuch“ wäre kein Erfolg geworden, wenn nicht viele Menschen zusammen mit meiner Biografie ihre eigene lesen würden, gelesen hätten. Viele Kinder wurden erniedrigt, viel schlimmer als ich. Wie wahr: Die Wut auf diese Gesellschaft der Biedermänner und Biederfrauen speist mich.

Roehler: Ich hab ja auch unterschiedliche Bücher geschrieben, und jedes steht für eine andere Gefühlslage. Das erste ist ein romantischer Gesang auf die Kindheit, auch wenn die Kindheit schlecht war. Die Kraft des Romans speist sich nur aus einem naiven Verständnis für die Fehler der Mitmenschen. Das ist eine Gedankenarbeit, die ich heute nicht mehr leisten könnte. Mein jüngstes Buch ist ja kein Roman, sondern eine als Roman verkleidete Kulturgeschichte.

„Selbstverfickung“ ist ein wütendes Buch.

Roehler: Weil ich über gesellschaftspolische Dinge lieber rede als früher. Ich bin ständig mit Zensur konfrontiert, hatte ja auch Mühe, eine Heimat für mein Buch zu finden. Mein angeblicher Fehler war, dass ich in einer ersten, längeren Fassung über Leute nachgedacht habe, die extrem geworden sind, nachdem man sie aus der Gesellschaft rausgeworfen hat: Akif Pirincci, den ich von früher kenne, war mir nicht mal unsympathisch, natürlich hat er eine üble Wandlung durchgemacht. Das Gleiche gilt für Thor Kunkel, den ich aus einer Zeit kenne, als er seinen ersten Roman Schwarzlicht-Terrarium rausgebracht hat, ein grandioses Sittengemälde über Frankfurt in den 70er Jahren. Oder Lars von Trier mit seinem Heil Hitler. Ich überlege mir, warum das so gelaufen ist für diese Leute. Ob sie selber dran schuld sind oder ob das auch andere Ursachen hat und sie das dann so nach außen gekehrt haben, während andere, die sich ungerecht behandelt fühlen, in die innere Emigration gegangen sind. Ich mache mir auch Gedanken darüber, dass meinungsbildende Leute nicht mehr erkennen, was für ein großartiger Roman Das Imperium von Christian Kracht ist.

Altmann: Es gab ja auch sehr gute Kritiken. Du arbeitest dich echt daran ab. Ich mache ganz andere Erfahrungen. Meine Verleger spornen mich an, reinzuhauen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich spüre keine Zensur.

Roehler: Ach, zum Beispiel beim Film: Da gibt es keine Figuren mehr, die unflätig sind. In den 80er Jahren waren grobe und gröbste Sprüche an der Tagesordnung. Da wurde sich lustig gemacht über alles, politisch völlig inkorrekt, das war auch Wahnsinn und Blödsinn, aber oft gar nicht bös gemeint. Du kannst heute nicht mal mehr Figuren in ein Drehbuch schreiben, die aberwitzig sind und grotesk komisch. Und wenn du den Fernseher einschaltest, bist du immer in einem Krimi. Das war nicht so, es gab etwas mehr Vielfalt.

Altmann: Das Fernsehprogramm war immer scheiße.

Roehler: Nein, es hat sich massiv verändert.

Altmann: Vielleicht, ich schaue nicht TV, ich will noch immer ein analoges Leben, will es nicht auf Sofas verhocken. Hast du schon mal einen getroffen, der am Ende seines Lebens bereut hat, nicht genug geglotzt zu haben?

Roehler: Wenn alles formatiert und überschaubar ist, gewöhnt man sich so daran, dass man irgendwann Anarchie nicht mehr versteht. Wenn ein flächendeckender Virus, der political correctness heißt, ausgestreut wird, der alle infiziert, bleibt am Ende niemand übrig, der in der Lage ist, etwas anderes zu formulieren.

Altmann: Schon Seneca hat über den Schafsgeist geschrieben. Es gibt immer nur wenige, die anders leben. Der große Haufen will im Gatter sein. Und das Scheißbuch wäre in meiner Jugend nie rausgekommen. Die Kirche hätte es verboten.

Haben Sie das Buch lange im Kopf gehabt? Wollten Sie das immer schon schreiben?

Altmann: Dreißig Jahre lang ist mir das im Kopf herumgegangen. Ich hab mich nicht getraut. Nicht wegen der Namen, es sind die Klarnamen der Leute, es ist ja kein Roman. Ich habe mich nicht getraut, weil es kein Jammerbuch werden sollte, ich nicht das arme Opfer werden wollte. Dann, da war ich schon lange Reporter und habe meditiert, fiel mit der Titel ein. Ich rief den Verleger an, er kam nach Paris und ich wusste, jetzt geht’s. Da hatte ich die Sprache für das Buch gefunden. Das Buch ist eine Reportage, nicht nur die Namen stimmen, es stimmt alles, ich habe penibel darauf geachtet, dass die Dinge nachweisbar sind.

Kommt nach der Wut, nach der Auseinandersetzung mit den Eltern, Verständnis?

Altmann: Ja sicher. Mein Vater war in der SA und in der SS. Der hatte die Arschkarte. Vielleicht wäre ich auch ein Arschloch geworden, mit seinen Genen und seiner Umgebung.

Roehler: Du bist doch vielleicht so auch ein Arschloch geworden.

Altmann: Genau. Aber kein so großes. Denn ich ja Glück, weil ich in weniger gefährlichen Zeiten lebe.

Roehler: Vielleicht bist du auch in diesen Zeiten ein Arschloch. Ich würde mich als eins bezeichnen.

Altmann: Kein Kind vergibt einem Vater für das, was er ihm angetan hat. Aber du verstehst ihn. Wenn du älter wirst und anfängst, dich für die Vergangenheit zu interessieren, verstehst du, dass er nicht Herr seiner selbst war. Sondern auch Spielball seiner Umgebung.

Sie haben sich dagegen entschieden, Spielball zu sein?

Altmann: Ich habe mich nicht selbst gemacht. Ich glaube nicht an den freien Willen. Ich hatte das Glück, die innere Kraft zu haben und das Talent.

Roehler: Ich glaube, du bist eine ganz arme Sau, genau wie ich.

Altmann: Jetzt wird es existenziell, im Grunde sind wir alle einsam und arme Säue.

Roehler: Nein, ich meine das eher lustig. Nicht existenziell. Du bist viel zu getrieben. Viel zu wenig laid back. Ich glaube du solltest dich mal zurücklehnen und deine Chakren weit öffnen.

Altmann: Das wird mir jetzt zu Paolo-Coelho-schwachsinnig.

Roehler: Für mich hat sich meine Wahrnehmung mit der Zeit komplett umgedreht. Ich war ja erst wütend auf meine Mutter. Jetzt glaube ich, mein Vater war der Aggressor und meine Mutter eine zarte, verletzte Seele. Ich kann meine Mutter viel besser verstehen. Ihren Wahn, den sie entwickelt hat, sich selber unheimlich schlecht zu machen. Das Negativbild, das sie von sich entworfen hat. Wie toll sie war darin, dass sie ihr Kind so schlecht behandelt hat.

Ihre Mutter war die Schriftstellerin Gisela Elsner, die Ihren Ehemann und Sie verließ, als Sie drei Jahre alt waren. Sie hatten erst mit 20 wieder Kontakt zu ihr, 1992 nahm sie sich das Leben. Hannelore Elsner – nicht verwandt mit ihr – spielte Ihre Mutter in Ihrem Film Die Unberührbare.

Röhler:Ich habe, nachdem die Unberührbare rauskam, in der Zeitschrift Tempo gelesen, was sie alles gemacht hat, um mich loszuwerden, mich abzutreiben. Das muss sie dem Reporter mit einem Triumphlachen im Gesicht erzählt haben, was sie für eine schlechte Mutter war, so las sich das. Ich war posthum so tief verletzt wie nie vorher. Das hat natürlich einen Schock in mir ausgelöst und ich habe sie wahnsinnig verurteilt. Aber wenn ich mich heute beobachte und welche Rhetorik ich entwickele, um mal so richtig auszuteilen, und wenn ich sehe, wie ich mich selber als bad guy darstelle, hat sie nichts anders gemacht. Im Grunde ihres Herzens war sie nur sehr verletzt und hat durch ihre Einsamkeit eine unheimlich makabre Weltsicht entwickelt. Das kann ja passieren, wenn man zu viel allein ist, dass man so ein bisschen crazy wird. Ich hab später gemerkt, dass der Vater viel schlimmer war. Grässlicher.

Ihr Vater Klaus Roehler war Lektor und Autor, befreundet mit Rudi Dutschke, er bewegte sich im RAF-Milieu, gehörte mit Heinrich Böll und Uwe Johnson zur Gruppe 47.
Er war ein als Linker verkleideter Nazi, wie ganz viele. Wenn der abends stark besoffen war, fing er an, Räuberpistolen zu erzählen, was für ein toller Hecht er in der Hitler Jugend war. Die Janusköpfigkeit dieser Leute. Ich weiß nicht, wie es bei Günter Grass war, ich schätze ihn als intelligenter ein als meinen Vater und dass er mehr Skrupel hatte und länger nachgedacht hat, aber das gab es ja immer alles, dieses tolle Männliche. Und davon steckt in uns natürlich noch mehr drin als in den Jüngeren. Deswegen sage ich, wir sind arme Schweine und immer getrieben.

Altmann: Ich will getrieben sein. Das macht dich ja auch gut. Immer so laid back, so entspannt, so bin ich eben nicht, verstehst du? Der Druck in mir hat auch was. Es ist wahnsinnig langweilig, ununterbrochen entspannt zu sein.

Roehler: Ich weiß es nicht.

Altmann: Ich will schon in mir brennen.

Roehler: Ich muss ehrlich sagen, dass ich durch meine Kindheit und Jugend unheimlich viele Defizite habe, die ich nie in meinem ganzen verfickten Leben wegkriege.

Altmann: Das glaube ich sofort.

Roehler: Und dass ich immer an irgendwelche Grenzen stoße, weil ich gar nicht anders kann. Die Lebensangst, die einen ständig plagt und die man nicht abschütteln kann. Diese existentielle Angst, weil man als Kind öfter mal in Nichts geworfen wurde und darum jederzeit wieder ins Nichts geworfen werden kann. Meine Frau kennt diese Ängste nicht. Ich sehe, wie sie voran marschieren kann, wo ich schon nach zwei Metern Halt mache.

Altmann: Wo geht sie weiter und du nicht?

Roehler: Im ganz normalen Leben, in einem fremden Land, du findest nicht sofort ein Hotel…

Altmann: Das muss nichts mit deiner Kindheit zu tun haben. Ich bin wie ein Fisch im Wasser in einem fremden Land, damit habe ich gar keine Probleme. Das ist vielleicht bei dir genetisch so, dass du in der Hinsicht so schüchtern bist. Woanders bist du ja wieder ganz offen.

Aber Sie, Herr Altmann, schreiben, dass man einem die Angst und das Nichtgeliebt worden sein ein Leben lang ansieht. Dass man das als Mal auf der Stirn trägt.

Altmann: Das ist was ganz anderes.

Roehler: Wenn ich dich jetzt so angucke, dann sehe ich deiner Haltung, deinem Gestus an, dass du vom Leben gezeichnet wurdest, wenn ich das so sagen darf.

Altmann: Das wird ja jeder.

Roehler: Nein, das wird eben nicht jeder.

Altmann: Ich glaube, du würdest es nicht sehen, wenn du nicht wüsstest, wer ich bin. Man sieht es mir nicht mehr an. Das trägst du in dir, diese Lieblosigkeit deiner Eltern, das ist ein Stigma in dir. Du kannst andere darüber wunderbar hinwegtäuschen. Viele Leute denken, ich bin ein Monster an Selbstbewusstsein und Vertrauen. Und es ist auch gut so, dass sie das denken.

Roehler: Ich ist ein anderer, hat Rimbaud gesagt.

Altmann: Genau. Ich werde ständig von Leuten falsch eingeschätzt. Und ich bin auch sehr zurückhaltend darin, zu sagen, ich sehe was in dir, solange ich jemanden nicht kenne. Denn wir haben sehr viele Schichten Von manchen dieser Schichten weißt du vielleicht nicht einmal selbst. Wenn aus einem Linken ein Nazi wird, aus einem gütigen Menschen ein Mörder. Du bist ein Bündel an Widersprüchen.