Ihr Lieben,die katholische Kirche ist – wir wissen es längst, – für die größeren Schadtaten in unserer Gesellschaft verantwortlich. Jetzt hat es sogar einen Ex-Stellvertreter Gottes erwischt, Ratzinger alias Benedikt XVI. Wenn nicht beim Kindsmissbrauch, so doch beim Gewähren von Kindsmissbrauch. Dass er nun lügt, sobald er den Mund aufmacht, sollte uns nicht überraschen. Hätte ich soviel Schande auf mich geladen, ich würde auch lügen.

Erstaunlich, wie viele heute noch (scheinheilig?) überrascht tun, wenn sie von den christlichen Untaten hören. Wo leben diese Leute Seit Jahrzehnten kommen weltweit und in Millionenstärke die einschlägigen Grausamkeiten des „allein selig machenden Glaubens“ ans (düstere) Licht.  

Hier ein Auszug aus „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“, haha, meine Generation ist in nichts überrascht. Sie spürte noch die absolute, absoluteungecheckte Knute der Pfaffen.

Seid wachsam!

 

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier ein Auszug aus dem Kapitel 26, die Namen der hier erwähnten katholischen Täter sind Klarnamen. Leider sind sie tot, sie kamen ungestraft davon. Wiewohl Abertausende andere Pfaffen, die sich an Kindern vergriffen haben:

„…. Pfarrer Asenkersch baumer hatte noch einen Kollegen, auch Kaplan, auch in Altötting stationiert: Josef Strohammer war mein erster Religionslehrer, größer und noch wuchtigr als der rote Teufel. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Erst bei der Recherche zu diesem Buch kam er zurück in mein Gedächtnis, da ich eine Frau traf, in die ich als kleiner Junge verliebt gewesen war. Sie war zauberhaft. Barbara (so soll sie heißen) war die Hübscheste in der Nachbarschaft, ein blondes Gesicht mit blonden Zöpfen. Aber ich wagte kein Wort. Einmal hielt ich eine riesige Kastanie in meiner rechten Hand, als Geschenk. Sie hat nie davon erfahren.

     Als wir die vielen Jahre später über „damals“ redeten, fiel irgendwann der Name von Josef Strohammer. Nur der Name fiel. Erst bei unserem dritten Treffen hatte Barbara genug Vertrauen und berichtete von ihrem „Erlebnis“ mit dem – so wurde er immer vorgestellt – „geweihten Mann“. Der Geweihte unterrichtete Religion auch an ihrer Mädchenschule, bei den „Englischen Fräuleins“, die selbst nicht dazu autorisiert waren. Denn das „Wort Gottes predigen“ war Männersache. Brachte es Asenkerschbaumer zum Kinderschläger, so schaffte es Strohammer zum Kinderschänder. Der eine hasste Frauen, der andere missbrauchte sie. Im Gnadenort Altötting. Hier Barbara H.’s Bericht (eine Eidesstattliche Versicherung wird bei Bedarf vorgelegt):

     „Herr Strohammer steht vor uns, der dritten Volksschulklasse. Wir sollen auf die ‚Heilige Kommunion’ vorbereitet werden. Nachdem er uns alle gezählt hat, müssen die ‚Evangelischen’ den Raum verlassen und jede von uns bekommt eine eigene Bank. Er nimmt mich als einzige bei der Hand und führt mich zu einem Platz neben der Tür. Die Hand ist groß, rau, hält mich wie eine Zange. Mir ist das peinlich, aber vielleicht gehört das zum Unterricht.

     Dritte Stunde. ‚Alles heilig’, sagt der Herr Kaplan, wie lieb uns Jesus hat, die unglaubliche Gnade, dass wir Kommunionkinder sein dürfen. Dass wir Jesus lieben müssen und auch sonst ganz lieb sein müssen. Ja, ich will lieb sein, fühle mich schon ganz heilig werden. Da plötzlich die laute Stimme des Kaplans. Hat er meinen Namen genannt? Habe ich nicht aufgepasst? Tatsächlich. ‚Barbara, du siehst so blass aus, ist dir nicht gut?’ Was, ich? Nein, mir geht es ausgezeichnet, bin ganz bei der Sache. ‚Nein, Barbara, ich glaube, du brauchst frische Luft.’ Aber ich brauche jetzt keine frische Luft, ich bin wohlauf. Das sage ich auch. Aber der Mensch lässt nicht locker: ‚Doch, wir gehen jetzt an die frische Luft, ich will nicht verantworten, dass dir hier was passiert.’ Er kommt an meine Bank, zieht mich hoch, nimmt meinen Arm und schiebt mich hinaus. Die erstarrte Klasse, ich schaue hilflos zurück, Stille, niemand sagt was, nur maßloses Staunen. Raus. Bis runter zur Tür, die in den Garten hinter der Schule führt, denke ich noch: Womöglich hat er mehr gesehen als ich, womöglich bin ich kreidebleich und falle gleich um. Der Religionslehrer geht langsam, schaut sich um, zieht mich weiter, hat meine Hand eisern im Griff. Niemand im Garten, hohe Hecken zwischen den Kieswegen. Er späht nach allen Seiten und zerrt mich in eine Nische, gut verborgen. Dann berührt er umgehend meinen Kopf, fährt über meine Haare, umfasst mit beiden Händen meine Schultern, drückt mich an sich, mein Kopf jetzt an seinem Bauch, drückt mich weiter nach unten, jetzt mein Gesicht zwischen seinen Beinen, ich denke, ich muss ersticken, er klammert noch härter, ich sehe nur noch schwarzen Stoff, er riecht, er hat so viel Kraft, ist so groß, er atmet wie ein Stier. Plötzlich sind meine Füße weg vom Boden, er zieht mich nach oben, zerrt an meiner Unterhose, seine dicken Finger bohren herum, wollen irgendwie in mich hinein. Ich strample, trete mit den Beinen, schreie, sofort ist seine linke Hand auf meinem Mund, presst ihn zu. ‚Still, Kind, still!’, dann wieder ein Spähen nach allen Seiten, dann: ‚Alles ist in Ordnung, die Luft hat dir gut getan, geh jetzt schön zurück in die Klasse.’ Ich stoße mich ab, renne zur Schule und traue mich nicht, vor meine Mitschülerinnen zu treten. Meine zerzausten Haare, das wild klopfende Herz, die brennenden Backen. Ich schäme mich zutiefst. Aber vor der Tür stehen zu bleiben, geht auch nicht. Zudem besteht die Gefahr, nochmals allein diesem Mann zu begegnen. Mit gesenktem Kopf trete ich ein und setze mich an meinen Platz. Vollkommenes Schweigen. Eine, zwei Minuten später kommt auch der Priester zurück, bestens gelaunt: ‚Siehst du, Barbara, jetzt hast du eine frische Farbe.’ Ich schaue ihn nicht an, stiere nur auf das Holz der Bank, weiß, dass ich schuldig bin, dass ich versagt habe, dass niemanden außer mir eine Schuld trifft. Der Herr Kaplan erzählt wieder vom heiligen Jesus und wie lieb der uns hat, wenn wir auch lieb sind.“

 

PS: Weiteren Versuchen des Geistlichen, sie an die frische Luft zu drängen, hat Barbara energisch widerstanden. Sie weiß natürlich nicht, wer noch an der Schule in den Genuss hochheilig geweihter Geilheit kam. Denn wie so viele Opfer hat sie die Untat lange Zeit für sich behalten. Schuldbewusst, immer gepeinigt von dem Gedanken, dass es an ihr lag, an ihrem Wesen, warum der Pfarrer sich so „komisch“ benommen hatte. (Ähnlich ihrer Schwester, die ebenfalls aufs Schwerste sexuell behelligt wurde und anschließend kein Wort verlauten ließ; die Geschwister „klärten“ sich erst Jahrzehnte später gegenseitig „auf“.) Dieses Schweigen ist mit ein Grund, warum Josef Strohammer, versto

rben 1976, mit den typisch scheinheiligen Hymnen der Dankbarkeit ob seiner langjährigen Verdienste beerdigt wurde. Keine Stimme erhob sich am Grab, um seine sexuellen Missbrauchseskapaden an Achtjährigen zu denunzieren …“

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Ihr Lieben, danke an alle, die etwas für Afghanistan abgedrückt haben.Jetzt muss ich endlich wieder etwas Erfreuliches, haha, über mich berichten.

Doch zuerst der nochmalige Hinweis auf die beiden Gespräche mit Erik Lorenz, unserem Super-Tausendsassa. Zudem gibt es Ende August wiedesein Weltwach-Festival. Ich habe keine Ahnung, auf wie vielen Hochzeiten er tanzt, aber er tanzt rastlos

Gespräch mit Andreas Altmann:

https://weltwach.de/ww229-andreas-altmann/

https://weltwach.de/ww230-andreas-altmann/

Jetzt das Löbliche (über AA), okay, ich weiß, Lobsprüche von anderen über sich zitieren stinkt fast wie Eigenlob. Aber wie gesagt, zum hehren Menschenwesen reicht es bei mir nicht, ich bin unter anderem eitel, ruhmsüchtig und scharf auf Mails, die durchaus ab und an ein gutes Wort für den Schreiber abfallen lassen. Dass ich allerdings mit „s. g. H. A.“ angesprochen wurde, hat mich 48 Stunden lang in eine Depression gerissen. Bin ich „ehrenwert“?, haha, ich fürche, nein.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier steht alles, vor Tagen eingetroffen:

 „Sehr geehrter Herr Altmann, ich habe im Oktober 2021 in einer kleinen Bücherei Ihr Buch „das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ entdeckt und gelesen. Ich habe mit dem Lesen von Büchern sehr spät angefangen, dafür dann umso intensiver. Von den vielen Büchern, die ich über das Leben, menschliche Schicksale und die Freiheit bisher gelesen habe, gehört Ihr Buch zu der Handvoll jene, die mich am meisten fasziniert haben. Es hat mich während des Lesens so gefesselt, das ich mit dem Lesen nicht aufhören konnte und hoffte, das Geschriebene würde ebenfalls nicht aufhören. Nicht zuletzt habe ich in Ihren Erlebnissen ein paar Berührungspunkte mit meinem Leben als Jugendlicher erkannt.

     Der nächste Schritt war selbstverständlich: Ich habe mich über Ihre Werke informiert und in der Mainzer Stadtbücherei vier von Ihren Büchern als verfügbar gefunden, die ich zurzeit mit derselben Freude lese wie Ihr o. g. Werk (die restlichen hole ich auch noch irgendwie nach).

      Warum empfinde ich Ihre Lektüre so? Ich versuche es in einfachen Worten zu formulieren: Weil Sie neben Ihrer literarischen Eleganz Ihre Botschaft einfach und authentisch vermitteln (beneidenswert!). Ihr Schreibstil lädt zum Weiterlesen ein, man will – nein – , man kann nicht mit dem Lesen aufhören. Und weil Sie über die Wirklichkeit im Leben schreiben – die schöne und die tragische. Und weil nach fast jedem Kapitel das Gelesene zum Nachdenken über das eigene Leben anregt.

      Ich will Sie ermutigen, mit Ihrer Arbeit als Reporter und Buchautor weiterzumachen und uns Lesern über das wirkliche Leben mit allen ihren Facetten, über Ihre Erlebnisse und Ihren Gedanken weiter zu beschenken. Beste Grüße, XY.“

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Ihr Lieben,

hier ein schneller Zwischenruf. Wieder und wieder Bilder aus Afghanistan gesehen, ein Land, in das ich mich auf mehrfachen Reisen verliebt habe. Die Bilder sind herzzerreißend. Millionen dort geht es dreckig. Nichts zu knabbern, nichts zu heizen, nichts, um sich zu freuen.

Uff, ich bin nicht der gute Mensch aus Paris, versprochen: Nein. Okay, ich habe gespendet, aber ich könnte mehr hergeben, doch ich tue es nicht.  Es reicht eben nicht zum wirklich Gutsein.  

Nun, ich denke, wenn jede/r von uns etwas rausrückt, dann macht das einen Haufen Geld und hilft. Ich spende grundsätzlich an das Rote Kreuz (man kann gezielt für „Afghanistan“ überweisen), auch weil ich einmal eine Reportage über diese Organisation in Kabul gemacht und gesehen habe, wie klug, wie verantwortungsbewusst und wie zäh sie vor Ort die ihnen anvertrauten Gelder einsetzen. Die Scheine gelangen nicht in die Hände der Taliban-Halunken, sondern dorthin, wo sie gebraucht werden. Aber auch „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten bestens, auch „Save the children“, egal, Hauptsache, wir reagieren. Wer nichts spendet, darf nie wieder ein Buch von mir lesen, haha.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

hier nun der zweite Teil des Gesprächs mit Erik Lorenz. Ich sollte das nicht tun, denn in den Kommentaren an mich, die mich per Mail erreichen, sprechen alle von Erik und keine/r von Ändru. Muss das sein? Haha.In einer Woche kommt der Hinweis auf das neue Buch, plus Hinweis auf Lesungen, plus Abdruck des Vorworts (da gibt es was zum Lachen).

Im Februar dann wieder ein „Preisausschreiben“, ihr müsst also das Buch kaufen und von vorn bis hint lesen. Der Gewinn ist viel höher als das bisschen Geld für „Bloßes Leben“.

Amüsiert euch, danke, herzlich, Andreas.

https://weltwach.de/ww230-andreas-altmann/

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Ihr Lieben,

jung und alt schlachtet mich, diesmal hat die Jugend, Mister Erik Lorenz, wieder zugeschlagen. Gut, dass ihr nur hört und nicht seht, wie ich nach diesen Folter-Interviews erledigt bin. Aber Erik, der kanns, der ist meisterlich vorbereitet, kann unheimlich penetrant nachfragen und tut genau das, was einen veritablen Reporter ausmacht: Radikale Neugier!

Ich danke euch, herzlich, Andreas Altmann.

Es ist der erste Teil von zwei Interviews, da ich nach dem ersten für Wochen unters Intensivzelt musste, haha. Der zweite Teil kommt noch.

Der Hinweis sei noch erlaubt, dass es in dem Gespräch auch um mein neues Buch geht, das unter dem Titel „Bloßes Leben / Reportagen“ am 27.1. erscheint.

Das Foto zeigt links den pretty Boy Erik. Wobei der Hinweis erlaubt sei, dass alle Aufregung zu nichts führt, denn EL ist bereits vergeben!

 Gebrauchsanweisung für Heimat – mit Andreas Altmann (1/2)

 https://weltwach.de/ww229-andreas-altmann/

 

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Ihr Lieben,

hier wieder ein Podcast, geschuldet dem unheimlichen, dem unglaublichen Kristian Thees vom SWR 3 – meist gehörter Radiosender im Land.

      Auf nach Irland. Und jeder, der dieses Land kennt, weiß, dass dort sagenhaft viele Irinnen und Iren leben, die außergewöhnlich begabt mit Sprache umgehen. Der Sprachverliebtesten von allen, Susann, bin ich begegnet. Ihr glaubt nicht, was Sprache alles an Herrlichkeiten provozieren kann.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 SPRACHVERLIEBT IN GALWAY

https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

der 24. liegt hinter uns, auch diesen Voodoo haben wir überlebt. Allerdings, auf die Wiederkunft vom Jesuskindlein auf Erden bleiben ja noch zwischen fünf und sieben Milliarden Jahre …

Hier ein Text von einem verehrten Kollegen, von Colin Goldner, Sachbuchautor mit Doktortitel und tausend menschen- und tierfreundlichen Taten. Er ist ebenfalls Mitglied der Giordano Bruno Stiftung, die sich ja die Vermehrung von Hirn und Verstand und Humanismus zur Aufgabe – hundsgemein schwere Aufgabe – gemacht hat. Sowohl über Colin als auch die GBS könnt ihr meilenlang Informationen im Netz finden.

Eines von Colins vielen Projekten ist das „Great Ape Project“. Damit unsere Vorfahren – wir sind offensichtlich nicht nach dem Antlitz des katholischen Herrgotts kreiert worden, haha – in einigermaßen tiefwürdigen Verhältnissen leben können.

 Hier seine witzigen Zeilen zur Niederkunft des christlichen „Gottessohnes“. Sie sind hochamüsant und tragen einmal mehr dazu bei, etwas Helligkeit in die zähste Fake News der Weltgeschichte zu bringen. So ganz umsonst ist weder Colins Arbeit noch die der GBS, denn 2022 wird das erste Jahr, in dem weniger als 50 Prozent der deutschen Bevölkerung Mitglied in einer der beiden christlichen Kirchen sind. Die Massenaustritte sind gewiss ein Zeichen von Intelligenz, da kognitive Fähigkeiten und der läppische Aberglauben an die „heilige Dreifaltigkeit“ nicht zusammenpassen. Sie sind aber auch ein Zeichen von Mitgefühl für all die namenlosen Opfer des beispiellos kriminellen „allein selig machenden Glaubens“. Jetzt das Wort an Colin!

Liebe Mitäffinnen und Mitaffen,

nach allem, was wir von den anderen Großen Menschenaffen wissen – Orang Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos -, unterscheiden wir Menschen uns in kognitiver, affektiver, sozialer und kommunikativer Hinsicht von ihnen allenfalls graduell. Bildlich, aber evolutionstheoretisch richtig gesprochen, sind Menschen, Schimpansen und Bonobos Geschwister, Gorillas sind ihre gemeinsamen Cousins, und Orang-Utans sind etwas weiter entfernte Großcousins. Zusammen mit ihnen gehören wir zur Familie der Altwelttrockennasenaffen.Nach allem, was wir von ihnen wissen, ist das einzige, was uns wirklich von ihnen unterscheidet: die Religion. Unsere haarige Verwandtschaft glaubt an keine Götter, Messiasse und Propheten, sie baut keine Kirchen, Tempel oder Synagogen, sie hat keine Heiligen Schriften und kennt keine Priester, Imame, Rabbiner und sonstige Weihwasserwedelschwinger.

Andere Primaten feiern insofern auch kein Weihnachten, an dem vor gut 2000 Jahren ein „Erlöser“ zur Welt gekommen sei, der, gezeugtvon einem Geistwesen und geboren aus einer Jungfrau, ebendiese Welt von Sünden zu befreien verspricht, die es ohne ihn und die dazugehörige Priesterschaft gar nicht gäbe. Und zwar dadurch, dass er sich gut dreißig Jahre später zu Tode foltern läßt, von den Toten aufersteht und in den Himmel fährt, um dort seinen Vater, der er irgendwie selber ist, mit der sündigen Menschheit zu versöhnen, so dass dieser den Menschen besagte Sünden nachlässt, was ihnen erlaubt, selbst in den Himmel zu fahren, anstatt ewige Höllenqual erdulden zu müssen…usw…blabla…des abgedrehten Schmonzes ist kein Ende.

Solch psychiatriereifen Wahnwitz können sich nur Menschen ausdenken (um Macht über andere zu gewinnen), und an solchen Wahnwitz könen auch nur Menschen glauben. Andere Primaten nach allem, was wir von ihnen wissen, tun das nicht: damn lucky devils they are….

 

ps: es ist im Übrigen mithin die Katholische Kirche, die sich seit je und mit größter Vehemenz gegen die Forderungen des Great Ape Project ausspricht, den Großen Menschenaffen bestimmte Grundrechte – auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche wie psychische Unversehrtheit – zuzugestehen. Warum? Weil Gott den Menschen, so die Offenbarung des Alten Testaments (1.Mose 1:26), nach seinem Ebenbilde geschaffen habe. Würden die Großen Menschenaffen, so die (ernsthaft so vorgetragene) Argumentation der katholischen Kirche, dem Menschen irgendwie gleichgestellt, würde das im Umkehrschluß bedeuten, dass Gott womöglich das Antlitz eines Orang Utan oder eines Gorillas trüge. Und allein solche Vorstellung sei gotteslästerliche Blasphemie …

 

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Ihr Lieben,

hier noch eine kleine Geschichte aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Als Gegengift gegen all das schwachsinnige Gebimmel von wegen „Heiligabend“. Die schönsten Geschenke, die man einander machen kann, sind tiefe, sinnliche Erfahrungen. Ganz analog, ganz körperlich, ganz seelisch, ganz weit weg von irgendeinem Gerät, das dich von der Wirklichkeit trennt.

    Auf nach Vietnam, auf nach Hanoi, mitten in eine Opiumhöhle. Man sollte die ersten Zeilen sehr genau lesen. Denn das folgende Vergnügen ist nur für Leute, die stark sind, die nichts wissen wollen von Abhängigkeit, die „Nein“ sagen können, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Das Glück des Augenblicks: Hanoi

Fragt man Leute nach etwas Verbotenem, sagen sie zuerst: Keine Ahnung! Die Absage kommt zu schnell, als dass man nicht ahnte, sie wüssten ein Geheimnis. So verführt man sie zur Vertrauensseligkeit. Man muss so reden und sich so aufführen, dass jeder Verdacht aus ihnen weicht. Dann hören sie auf zu argwöhnen: dass man zur Polizei gehört, dass man für die Presse arbeitet, dass man als Halunke unterwegs ist.

     Drogen. In Hanoi. Sie sind überall und überall tabu. Mit Recht. Ich bin an Gestalten vorbeigekommen, hier und anderswo, die vermuten lassen, dass sie ihre strahlenden Jahre schon hinter sich haben. Frauen und Männer, die irgendwann vergaßen, dass sie sich mit einer unberechenbaren Geliebten einließen.

      Ich nicht. Ich lege mich bisweilen zu ihr und vergesse nie, wann ich aufstehen und sie verlassen muss. Damit ich unbeschwert wieder kommen darf. Das ist die Faustregel. Wer sie missachtet, den nimmt die Schöne mit in die Hölle.

      Längst habe ich begriffen, dass ich an gewisse Zustände – emotional oder mental – nur über Rauschmittel herankomme. Auch verstanden, dass mir die Zeit fehlt, als züchtiger Yogi in einer Himalaya-Grotte zu sitzen und eine kleine Ewigkeit lang durchs linke Nasenloch zu pusten: um eines fernen Tages die Erdanziehung zu überwinden und abzuheben.

       Irgendwann gibt Huong, der Nachtportier meines Hotels, nach und schreibt eine Adresse auf. Auf Vietnamesisch. Ich zeige sie Dieng, dem jungen Taxifahrer, setze mich auf den Soziussitz seiner Dream Honda, und wir düsen durch die Straßen der Hauptstadt.

      Wenn das kein Glück auf Erden ist: elegant vom warmen Nachtwind begleitet auf ein Ziel zuzusteuern, das innigste Freuden verspricht.

      Bald verliere ich jede Orientierung, aus den Alleen werden Gassen, die bunten Lichter verschwinden, durch die Fensterscheiben sieht man Leute auf einem Sofa sitzen, das Flackern der Fernsehbilder auf ihren Gesichtern. Dieng muss einmal fragen, dann steige ich vor einem unscheinbaren Haus ab. Wir verabschieden uns. Wie von Huong angewiesen, klopfe ich viermal, und Sekunden später öffnet ein älterer Herr, der mir – wunderlich romantisch – eine Öllampe vor die Nase hält. Wohl, um zu checken, ob ich der „Weiße“ bin, den der Rezeptionist angekündigt hat.

      Ich bin es, freundlich nickt mein Gastgeber mit dem Kopf, deutet an, ihm zu folgen. Mitten in seine Bude im Hinterhof, mit zwei sorgsam via Pappe abgedichteten Fenstern. Mister Dang (nennen wir ihn so) spricht kein Wort Englisch und ich keine drei Wörter Vietnamesisch, meist unverständlich. Das sind die besten Voraussetzungen für die kommende Seligkeit, denn Stille ist dabei so unverzichtbar wie das Rauschgift.

     Das Zimmerchen, etwa vier mal vier Meter, ist kaum möbliert, nichts Wuchtiges, kein Schrank, nur eine Etagere mit Nippes, Räucherstäbchen und einem Bild von Buddha. Ein paar Kerzen brennen. Und in eine Ecke gerückt, versteckt sich eine schmale Couch, auf der – eher üblich in solcher Umgebung – jemand liegt. Diesmal eine junge Frau, eine Kundin, sie chillt aus, sie schläft vermutlich. Sie wird nicht stören. Opiumraucher sind friedlich. Reden ist verpönt.

    Da ich klare Verhältnisse mag, ziehe ich einen Schein heraus und schaue den Hausherrn fragend an. Er versteht sofort und schreibt den (korrekten) Preis auf seinen Handballen. Ich zahle.

       Ein rascher Hinweis: Bei derlei Unternehmungen nur so viel Geld mitnehmen wie nötig, Transportkosten und Vergnügungsspesen. Der Rest, inklusive Kreditkarten, bleibt zu Hause. Drogen schwächen, auch das Hirn, auch die Wachsamkeit.

       Dang weiß Bescheid, er ist ein professioneller opium man: keine fahrigen Bewegungen, keine Hast. Eine Zeremonie muss stattfinden, sonst stimmt es nicht. Wir legen uns auf die Strohmatte am Boden, ein kurzer Abstand trennt uns, am Kopfende flackert eine Funzel. Aus einer Schatulle fischt Dang einen fingerdicken Riegel Chandu, das „gereinigte“ Opium, bricht einen Teil ab, knetet ihn, hält ihn mit einer Nadel ins Feuer, drückt den winzigen Klumpen in den Kopf der 30 Zentimeter langen Pfeife, dreht sie um, platziert sie über der Flamme und zieht tief am Mundstück, behält für Sekunden den Rauch, bläst ihn langsam aus. Mehrere Durchgänge.

        So ist es üblich, der Boss ist der Gast des Kunden, beide genießen.

        Ich kenne den Genuss seit Urzeiten. Und bin nie ein „Großer Raucher“ geworden. So wurden die chinesischen Junkies des 19. Jahrhunderts genannt, die es auf hundert Pfeifen pro Tag (!) brachten. Kein Wunder, dass es kurz vor der kommunistischen Machtübernahme – 1949 – über vierzig Millionen Süchtige im Land gab.

       Big smoker, big calamity.

     Ich hatte Glück, mein Leben verlief nicht so ausweglos, auch kujonierte – wie die Engländer damals China – keine fremde Macht die Länder, in denen ich eine Opiumhöhle aufsuchte. Auch rauchte ich nie – so geschehen im frühen China –, um Hungergefühle wegzudrücken. Zudem habe ich ein Dutzend Reportagen über das Thema geschrieben und genug Süchtige, Todessüchtige und einschlägige Leichen gesehen, um mich zu wappnen gegen haltlose Versuchungen.

     Ich liebe meine Freiheit, sie ist nicht verhandelbar. Mit niemandem, keinem Gott, keiner Frau, keinem Mann, keiner Ideologie. Und keiner Droge auf Erden.

      Aber ja, Drogen sind Heimat. Weil ein Gefühl entsteht, das ich wiederhaben will: Wärme, eine Art Zuhause, so etwas wie Schutz. Und ich nähere mich Bewusstseinsebenen, die sonst unerreichbar wären. Sie gehören ins Fach Weltkunde. Gewiss, die Neugierigen sollten auf der Hut sein. Man betritt ein Territorium, das fremd ist. Und riskant. Das fordert Umsicht.

     Zuletzt, ich will es mit meinen Rechtfertigungen nicht übertreiben, erst recht nicht jetzt, da ich mich mit Dang auf den Weg in eine vielversprechende Zukunft mache: die kommende Nacht. Hier also die ganze Wahrheit, ja, ich will mich vergnügen. Tage kommen, an denen ist mir die Welt zu viel, auch meine acht Milliarden Nachbarn, auch das Leben. Nein, ich bin dann nicht gefährdet, suche mir kein Plätzchen, von dem aus ich ins Bodenlose springe. Will nur pausieren vom Weltenlärm, vom Siegen müssen, vom Rennen um die Wette.

       Da kommt Opium wie gerufen. Vor meiner letzten Operation fragte mich der Anästhesist, ob mich die Narkose beunruhigen würde. Ich musste lachen, nein, ich liebe sie. Dieses sagenhafte Gefühl, den Kopf zu verlieren, für Stunden nichts denken, für absolut nichts verantwortlich zu sein.

      Was für ein Hochgefühl, als Dang mir die wohlpräparierte Pfeife reicht. Jetzt leicht auf die linke Seite drehen, sie in beide Hände nehmen, die Augen schließen und das Gift in die Lungen ziehen. Ich mache es wie der Meister, drei Durchgänge, wie in Zeitlupe, fast betulich und unfehlbar konzentriert. Nichts darf ablenken, es sind die Augenblicke einer wundersamen Vorfreude.

    Daliegen, dösen und auf die Glücksgefühle warten. Ruhe zieht in mein Herz, Dang strahlt Souveränität aus, ich kann mich auf ihn verlassen. Ein so intimer Akt funktioniert nur, wenn sich die Beteiligten Vertrauen schenken: Dang weiß, dass ich ihn als Chef respektiere, und ich weiß nach den ersten Zügen, dass er mir keinen gestreckten Dreck anbietet. Das schafft Seelenfrieden.

      Nach mehreren Runden kocht Dang Tee. Wichtig für die mittlerweile taubtrockenen Mundhöhlen. Ich biete ihm meine Zigarillos an, er lächelt listig. Wir mögen uns. „Zigarettenpausen“ sind üblich, sie dehnen die Stunden, sie verhindern, dass man zu schnell die Droge konsumiert.

         Als wir uns wieder hinlegen, fällt mein Blick auf das Sofa. Die Frau ist inzwischen verschwunden, leise wie eine Katze. Das bedächtige Inhalieren beginnt von Neuem. Nichts auf Erden stört, nur ewige Stille, nur die winzigen Geräusche, wenn Dang die Pfeife reinigt und das Opium nachlegt.

       Irgendwann geht mir die Zeit abhanden, tiefe Nacht muss es sein. Der Augenblick ist da, in dem ich genau das werde, was ich sein will: gleichgültig, nein, vollkommen gleichgültig. Ich schob gerade die Welt von meinen Schultern und – wie überraschend – sie zerschellte nicht. Wie beruhigend. Opium gilt als „downer“, weil es nicht aufputscht, nicht wach macht, nicht erhitzt. Koks, ein „upper“, ist das Gegenteil, man redet drauflos, hat Ideen, wird quirlig und fiebrig. Auch gut, doch jetzt habe ich diese Sehnsucht nach Nichtssein. Manche erzählen von erotischen Fantasien, wenn das Opium durch ihren Körper wandert. Ich nicht, ich rauche, um alles loszuwerden. Jedes Verlangen, selbst ein so mächtiges.

      Ich will versöhnt sein. Ich will sein, was ich sonst nie will: apathisch, ohne Wut, ohne Geilheit, ohne jede Gier. Ich will mein Ego einschläfern. Ich will leise und glücklich sein.

         Dang sorgt dafür, ohne Fehl und Tadel verbringen wir die Stunden. Ohne ein einziges Wort. Nicht einmal die Kraft in mir, darüber nachzudenken, ob Dang dem Gift schon verfallen ist. Höchstwahrscheinlich. Er legt sich gewiss täglich auf den Boden und driftet ins Nirwana.

      Es dauert, bis ich die nötige Willenskraft organisiere, um auf die Uhr zu schauen. Immerhin kurz vor fünf. Morgendämmerung, jetzt ist Zeit, dass ich verschwinde. Mehr Seligkeit geht nicht.

        Als ich am späten Nachmittag in meinem Hotelbett aufwache, bin ich unfähig, mich daran zu erinnern, wie ich dort ankam. Weiß nur noch, dass ich den Zettel mit der Hoteladresse aus meiner Hosentasche zog und einem Taxifahrer hinstreckte. Dann Blackout. Ich muss einen Heiligen getroffen haben, einen, der sich auskannte mit (friedlichen) Zombies. In der anderen Hosentasche steckten die Scheine für die Fahrt, reichlich nach oben aufgerundet. Die sind weg, und ich will hoffen, dass der Richtige sie gefunden hat.

      Man kann sich tatsächlich eine Heimat und ein Glück kaufen. Für eine ganze Nacht. Irgendwo im riesigen Hanoi fand ich beides. Seite an Seite mit einem Wildfremden.

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Ihr Lieben,

ich will noch einmal auf mein 22. Kind (sprich Buch, denn zu einem richtigen Vater habe ich es nie geschafft) hinweisen. Bevor das 23. – Ende Januar nächsten Jahres – zur Welt kommt. Himmel, was bin ich oft schwanger in meinem Leben gewesen. Und ich schwöre: sich ein Buch aus dem Leib zu pressen ist nicht weniger von Ängsten und Mühseligkeiten begleitet wie eine leibhaftige Geburt in einem Kreißsaal.

  Ah, da fällt mir ein, dass dieses Wort von „kreißen“ kommt, was soviel wie „gebären“ hieß, aber auch mit „krizen“ zu tun, ein Verb aus dem Mittelhochdeutschen, was sich, wie offensichtlich, nach „schreien“ anhört.

 Ah, was muss ein Mensch, der schreibt, oft schreien und stöhnen, bis ein paar flotte Zeilen zum Vorschein kommen.

Genug des Selbstmitleids, haha.

Die Kritik hat Mirja-Leena Zauner von der Passauer Neuen Presse geschrieben. Das war früher ein bigottes Sprachrohr für die katholische Kirche. Das hat sich radikal geändert, inzwischen ist daraus eine veritable Tageszeitung geworden. Ganz undenkbar wäre so eine Kritik in meiner Jugend gewesen. Doch seit auch in Bayern die namenlosen Verbrechen der k. K. stadtbekannt wurden, weht ein anderer Wind. Gut so.

Ich danke euch, herzlich, Andreas

https://www.pnp.de/lokales/landkreis-altoetting/altoetting/Altoettinger-schreibt-Gebrauchsanweisung-fuer-Heimat-3980061.html

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Ihr Lieben,

ein neues Buch droht. Wie immer dreht es sich in den knapp 300 Seiten um das ewig gleiche Thema in meinen Büchern: wie Frauen wie Männer mit ihrem Leben umgehen. Was sie aus ihm machen. Wie sie verlieren oder bravourös davonkommen. Wie sie lieben oder die Liebe verraten.

Jeder dieser Menschen, über den ich erzähle, hat mich etwas gelehrt. Und wäre es nur die Erkenntnis: So will ich es nicht machen. Andere habe ich beneidet. Und beneide sie noch immer. Denn sie verfügen über ein Talent und/oder ein „besonderes Kennzeichen“, das mir fehlt. Und fehlen wird. Keine der Begegnungen – auch nicht die mühsamen, die aggressiven – will ich bereuen. Denn ich war hinterher stets reicher, wusste mehr über die Welt und ihre Bewohner. Und Erfahrungen, heißt es, tragen zum Glück eines Menschenlebens bei.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

www.andreas-altmann.com

Eins der Motti, das am Anfang des Buchs steht:

Simone de Beauvoir: Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen. Und außerdem bin ich schrecklich gierig; ich möchte vom Leben alles, ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.

Ab 27. Januar 2022

„Bloßes Leben – Reportagen“, Piper Verlag

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Ihr Lieben,

ihr wisst es. Wenn mich etwas leicht nervt, atme ich tiefer und verscheuche die Blödheit. Wenn der Irrsinn aber meine Eingeweide erreicht, dann gehe ich in meine Munitionskammer, die deutsche Sprache, um Wörter zu finden, die krachen. Das wird die Blödheit nicht mindern, aber ich atme hinterher freier.

Hier der ganz normale Wahnsinn: In der FAS lese ich ein Interview mit der Schauspielerin NIlam Farooq. Ich kann nichts sagen über ihre Begabung, aber über ihren Geisteszustand – wenn das kein Widerspruch in sich ist – schon. Sie wird gefragt, ob sie – pakistanisch-polnischer Abstammung – schon persönlich Rassismus erlebt habe? Nein, direkte Angriffe nicht, aber durchaus „Alltagsrassismus“.

Bitte, jetzt anschnallen, denn wir nähern uns dem ersten Grad von Schwachsinn. Frau Faroop – immerhin 32 und nicht 12 – gibt Beispiele dafür, wie in ihrem Leben der Alltagsrassismus bereits getobt hat, ich zitiere wörtlich: „Oft sind es Äußerungen, die den Menschen gar nicht auffallen. Eine Kostümbildnerin meinte mal: ‚Ihr habt immer so schöne Namen.‘ Ich weiß, das war als Kompliment gemeint. Aber was meint sie, wenn sie ‚ihr‘ sagt? Wer sind ‚wir‘? Ich höre auch so was wie: `Guck mal, ich habe mir extra für dich diese Ohrringe angezogen‘.“

Wer hier nicht sofort schwer betroffen erkennt, dass eine durch und durch unbewusste Kostümbildnerin ihren bösartigen Alltagsrassismus an Opfer Nilam Farooq ausgelebt hat, ja, noch brutaler, jemand die rassistische Frechheit besitzt, jemandem zuliebe bestimmte Ohrringe zu tragen, dem oder der ist in seiner mentalen Verwahrlosung hier auf Erden nicht mehr zu helfen.

Ich warne euch, denn ich werde derlei Übeltäter nicht, wie NF weiter ausführt, freundlich über den schrecklichen Fauxpas aufzuklären, nein, ich bin ein eher nervöser Typ, sprich: Sollte jemand bei einer meiner nächsten Partys auf mich zukommen – wissend, dass ich aus Bayern stamme – und mir dreist ins Gesicht sagen, dass „ihr in Bayern immer so schöne Lederhosen habt“, dann poliere ich ihm die Fresse und drohe dem Dodel – schon am Boden liegend –, dass ich ihm mithilfe eines weltbesten Anwalts seinen Alltagsrassismus noch austreiben werde.

Interessant natürlich die Frage, wie man es zu einem solchen Gipfel von Hysterie schaffen kann. Jemand macht eine liebenswerte Bemerkung und der Adressat des Kompliments mutiert zum hochgradig beleidigten Würstchen. Ich vermute, es bedarf dreier Voraussetzungen:

1 / Ich bin radikal humorlos!

2 / Ich bin rigoros frei von jedem Talent für Leichtigkeit und Ironie!

3 / Ich bin ein gnadenloser Narzisst, der rund um die Uhr, jeden Tag im Jahr, davon überzeugt ist, dass mein Arsch der wichtigste ist, der sich gerade durch das Universum bewegt. So das war‘s, ich atme entschieden entspannter, ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

Ried war die Sensation, HURRA, die Bude war voll und der Verkauf ein Rekord, man will nicht klagen.

Nun, Kristian Thees, dieser Workaholic beim SWR3, hat mich wieder eingeholt. Diesmal in einem Café, einem sehr speziellen Kaffeehaus. Eine Art Kurhaus, Liebeskammer, Beichtstuhl, Lesezimmer, Hafen für Träumereien etc.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

„Ein Wunder und Nervenheilanstalt“

Hier draufklicken:
https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.htm

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Ihr Lieben,

heute wieder ein Podcast auf SWR 3 mit Kristian Thees, bei dem ich ganz offensichtlich einen Lebensvertrag unterschrieben habe. Heute geht es um einen Rasenden, der immer nachts ausrastet, um sorgende Frauen und „aspekte“, die Sendung für kluge Köpfe: Die Kamera schaut mir zu – ich bin auf meiner Tour von Paris nach Berlin kurz vor dem Ziel –, wie ich auf den letzten Metern Geld  noch einmal schnorre, um unverhungert anzukommen. 

Ich danke euch, herzlich, Andreas,

„Betteln und Hungern zwischen Paris und Berlin“

 https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

hurra, am kommenden Samstag, 30.10., gibt es eine etwas spezielle Lesung. In Oberursel, haha, kann ein Name schöner sein?

Lesung zuerst aus „Frauen.Geschichten.“, dazwischen Liebesgedichte (nicht von mir!), dann noch ein, zwei Stücklein aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“.

Anbei das Vorwort aus „Frauen.Geschichten.“, damit die Herrschaften, die auf Bumsgeschichten lauern, gleich vorweg enttäuscht werden. Sie kommen nicht vor.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto zeigt Frauen, die – leider nicht mich –, sondern Karl Lauterbach begrüßen, als er mit neuer Frisur und frisch renovierten Zähnen die Klinik verlässt. Some guys have all the luck.

VORWORT aus „Frauen.Geschichten

„Frauen“ steht auf dem Cover. Weiß jemand einen Begriff im Universum, der mehr Hintergedanken, mehr Atemlosigkeit, mehr Kopflosigkeit, mehr Gier und Begehren lostritt? Und mehr Anbetung oder Verachtung, mehr Heuchelei und Geilheit, mehr Respekt oder Gewalt, mehr Poesie oder boshafte Nachreden? Gibt es ein Phänomen in der Geschichte der Menschheit, das so rastlos zum Träumen verführt, so penetrant die eine Hälfte der Weltbewohner – die Männer – mit Sehnsucht überflutet, ja, sie dazu treibt, etwa 600 Mal täglich – so die Untersuchungen – an die anderen fünfzig Prozent zu denken? Voller Sinnenlust. Denken zu müssen. Schier hilflos und zwangsweise. Weil wir doch alle wissen, dass noch immer nichts Bewegenderes zwischen Himmel und Erde entdeckt wurde. Als sie.

      Ich erinnere mich an eine Szene in einer kleinen französischen Stadt. Ich saß auf einer Bank und die frühe Abendsonne leuchtete auf die Enten im Fluss. Zwei Bänke weiter befand sich eine Gruppe Männer, einer stand und unterrichtete den Koran. „Allah hört und sieht alles“, hörte ich ihn sagen. Und während der Eifrige Beispiele vom Alleshörer und Allesseher Allah vorbrachte, geschah etwas ganz Irdisches. Von der Brücke näherte sich eine hübsche Frau. Und Allah und ich sahen, wie die sechs verstohlen zur Seite, Richtung Sünde, schielten.

     Wie beruhigend, dachte ich, dass eine weibliche Brust, obwohl zur Hälfte bedeckt, imstande war, letzte göttliche Wahrheiten zu unterlaufen. Und mit keinem Wort, mit keinem Versprechen einem halben Dutzend Gottesfürchtigen für Minuten den Verstand raubte. Was für ein überwältigender Beweis: dass Schönheit wirklich ist und alles andere daneben kläglich auf der Strecke bleibt. Ja, so nah fühlte ich mich den Muslims, jenseits aller Verschiedenheiten: Jeder von uns spürte seinen Hunger nach Eros, nach Nähe zu diesem Busen.

         Über „seine“ Frauen zu berichten ist ein waghalsiges Unternehmen. Das dürfen Pornostars, um ein bisschen Wind zu machen für ihren gar unerotischen Job. Leute eben, deren Gemächt unter Umständen – nach dem schweißtreibenden Reinundraus – im berühmten Phallusmuseum von Reykjavík landet. Damit wir ergriffen bestaunen, was alles menschenmöglich ist.

      Ich bin kein professioneller Steher, an allen Ecken und Enden meines Körpers fehlt mir das erforderliche Werkzeug. Trotzdem schreibe ich das Buch. Weil ich etwas – so elegant wie möglich – preisgeben will. Eben keine „Bettgeschichten“ (wie geisttötend), sondern Geschichten: über jene, die mein Leben bereichert haben. Und jene, die es eine Spur ruiniert haben. Und jene, die genug Entschlossenheit für ihre Träume mitbrachten. Und jene, die in ein biederes Dasein schlitterten. Und jene, die einmal Miss Schönheitskönigin waren und bald mit einem verwüsteten Leib daherkamen. Und jene, die von Melancholie und Lebensekel getrieben den Freitod wählten. Und jene, die an Drogen zugrunde gingen. Und jene, die von Männern vergewaltigt wurden. Und jene, die mit der Waffe an der Schläfe missbraucht wurde. Und jene, die von einem Mann getötet wurde. Und jene, die als Pastorin das rechte Sein von der Kanzel predigte. Und jene, der ich das Leben rettete. Und jene, die einmal 500-Kunden-Hure war. Und jene, die mir mit überirdischer Nachsicht meine Mittelmäßigkeiten vergaben. Und jene, denen Nachhilfeunterricht in puncto Sinnenfreude und Liebeskunst gut getan hätte. Und jene, die ihre Koffer voller Trostlosigkeiten bei mir abstellten. Und jene, die ein Meer der Freude ausbreiteten. Und jene, die in beispielloser Armut auf Matratzenfetzen schliefen. Und jene, die über dem Bett einen (echten) Lichtenstein und einen (echten) Rauschenberg hängen hatte. Und jene, die in meinen Armen in Tränen ausbrachen. Und jene, die an jedem Tag mehr Mut besaßen als ich. Und jene, mit denen ich bei einem Guru tage- und nächtelang das unbeschwerte Geben und Nehmen von Wärme und Begehren übte. Und jene, die als Peepshow-Girl endete. Und jene, die mir beim Schmusen 1001 Weisheiten und Heimlichkeiten verrieten. Und jene, die ihren Körper als lebloses Sperrgut wahrnahmen. Und jene, die – schlimmer noch – gelangweilt beim Liebemachen einschlief. Und jene, die mir erlaubten, ihren von den Göttern entworfenen und von den Liebesgöttern beseelten Leib einzuatmen. Und jene, die auf Geld bestanden für Nähe. Und jene, die mir Geld stahl. Und jene, die mir ein Kind aufbürden wollten. Und jene, die furchterregend jung waren. Und jene, die um viele Sterntaler generöser waren als ich. Und jene, die nackt mit mir in Räumen verschwanden, wo andere Frauen und Männer auf uns warteten. Und jene, die nie etwas wissen wollten von mir. Und jene, die Rache nahmen, weil ich jeder Versuchung nach ihnen widerstand. Und jene, die mit leichter Hand meinem Männerkörper die Furcht austrieben. Und jene, die meine Leichtigkeit genossen.

         Sex war oft nur der (treibende) Vorwand, das Vorspiel: um von ihrem Leben zu erfahren. Nicht als Heiratsschwindler, um ihre Bankkonten auszuspionieren. Nicht als Dieb auf der Suche nach Diebesgut. Nicht als Schweinehund, um delikate Informationen abzugreifen. Nein, aber: Ich verlangte immer auch, in ihr Herz, in ihren Kopf zu dringen. Alles, was ich wollte, war alles. All ihr Wissen, all ihr Fühlen. So spielte ich nebenbei den Beichtvater. Damit sie erzählten. Auch ihre unzivilisiertesten Gedanken. Auch ihre dunklen Abgründe.

        Doch keine wurde hinterher bestraft, keiner die Hölle in Aussicht gestellt. Denn zu meinen guten Eigenschaften gehört, dass mich die bürgerliche Moral nicht interessiert, sprich: Jede Frau durfte ihre Masken ablegen, die ihr die Gesellschaft, der religiöse Mumpitz, das Elternhaus, die Schule, wer auch immer, verpasst hatten. Etwas wie Wahrheit fand statt, auf fünf Kontinenten, mit allen Hautfarben: oft beflügelnd, bisweilen bitter und dramatisch.

      Klar, niemand entkommt seiner Kindheit. So oder so wird sie einen begleiten. Die meine hat mich – nach langen Jahren der Drangsal – auf verheißungsvolle Weise angefeuert: mich nie so aufzuführen wie mein Vater in der intimen und nicht so intimen Nähe seiner Frau. Und partout jenen davonzulaufen, die meiner schönen Mutter glichen: leidend, duldend, gefügig, erbsündenverdummt, ja, ohne jeden Funken Lust im Leib: fürs Amlebensein, für die verspielten Eskapaden der Libido.

     „Der Mensch hat ein Recht auf ein gutes Leben“, so Artikel 2.2. des Grundgesetzes. Und deshalb verbringe ich mehr Zeit mit Frauen als mit Männern. Sie versprechen mehr Swing und mehr Geheimnis und mehr Innigkeit. Denn Männer sind wie ich: weniger verschlungen, weniger rätselhaft, ein ganzes Lichtjahr weniger attraktiv. Wäre ich all diesen Frauen nicht begegnet, ein Ozean voll bewegender Stürme und Schiffbrüche würde mir fehlen. Frauen sind ein ungemein potentes Aphrodisiakum, um mein Leben auszuhalten. Das Buch ist folglich auch ein Loblied, eine Hymne von einem, der blüht, wenn ihm Schönheit und Klugheit über den Weg laufen. Und eingeht, wenn sie ausbleiben. Vom Zauber singen – das ist ein formidabler Zeitvertreib.

     Jede Frau – egal, wie sie mit mir umging – hat mich etwas gelehrt. Über sich, über die Welt, über mich. Ob mir das gefiel oder nicht. Aber hinterher war ich klüger. Manchmal ein bisschen, manchmal viel. Begriff mehr über die Tiefen und Untiefen menschlichen Verhaltens. So handelt das Buch – nebenbei – von mir: der, wie so viele seiner Generation, in der Jugend ein Frauenbild verabreicht bekam, das vor Anmaßung und blanker Dummheit strotzte. Der eine Giftsuppe schlucken musste, die alte Säcke – ob nun von Religion korrumpiert oder eiskalt zynisch – tausende Jahre lang angerichtet hatten. Um ihre Pfründe zu behalten, um ihr vom Platzen bedrohtes Ego nicht zu gefährden. Ich hatte Glück, bald spuckte ich das Gift wieder aus. Was ich wohl den Frauen verdanke. Sie waren die ersten, die mir beibrachten, dass ewige Wahrheiten nichts taugen.

Oberursel | 30.10.2021 | 18.00 Uhr
Andreas Altmann liest aus „Frauen.Geschichten.“

Dazwischen herrliche und böse Liebesgedichte aus der Weltliteratur

und er liest aus seinem letzten Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Academy of Stage Art
Zimmersmühlenweg 27
61440 Oberursel

Reservierungen:
Tel 0151 / 57.83.31.13. oder office@academyofstagearts.de

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Ihr Lieben,

morgen, 25.10., geht es nach Berlin. Lesung im Pfefferberg Theater / Prenzlauer Berg. Wer nicht kommt, sollte es sich gut überlegen: schauerliche Konsequenzen wären die Folge. Am besten über tobias.hackel@literatur-live-berlin.de, da geht es am unkonpliziertesten, 

Tags darauf in Köln, Ludwig Buchhandlung am Hauptbahnhof, Arte hat sich angemeldet. Wer nicht mehr hineinkommt, den schiebe ich heimlich rein

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto zeigt Leute auf dem Weg zu einer Lesung von mir.

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      Irgendwann – längst war die Reise vorbei – war sie mir nah. Und eines Tages fiel mir das irische Wunderkind und Lästermaul George Bernhard Shaw ein, der alles längst wusste: „Im Leben gibt es zwei Tragödien. Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches. Die andere ist seine Erfüllung.“ Wie klug, wie weise.      

Danke, herzlich, Andreas.

Podcast: „Der Postbote und die Punkerin“

https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

ps: Das Foto zeigt Matilde und Pablo.

ps2: Noch vier Lesungen,

25.10. / Berlin

26.10. / Köln

30.10. / Oberursel

9.11. / Ried (Österreich)

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Ihr Lieben,

die Lesung in Göttingen fiel aus, danke an alle, die reserviert und / oder schon ein Ticket erworben hatten. Die Nachricht, dass eine Lesung von mir ausfiel, ist in etwa so wichtig wie der Hinweis, dass Herrn Söder – deutschlandweit als emsiger Wendehals berüchtigt geworden – beim Niederknien vor seinem Herrgott der rechte Schuhriemen riss. Warum ich es trotzdem erwähne? Weil der Grund des Ausfalls der Lesung bemerkenswert ist: Am 7. 10. morgens wurde auf einer Baustelle in Göttingen eine nicht detonierte Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden, sprich, die Innenstadt musste geräumt und gesperrt, auch Kranke und Todkranke aus Krankenhäusern evakuiert werden. Sodass tapfere Spezialisten antreten konnten, um das Getüm zu entschärfen.

     Das dauert, der Tag war futsch. Schon erstaunlich: Vor knapp achtzig Jahren hat ein englischer Pilot eine Bombe über der Stadt abgeworfen, und knapp achtzig Jahre später gurke ich vollkommen sinnlos per Bahn durch Deutschland, um nie in Göttingen anzukommen. Was lernen wir daraus? Taten haben Konsequenzen: Rasend gewordene Nazis versuchten einst, die Welt anzuzünden, die Welt wehrte sich und eines siebten Oktobers werden wir wieder an den so einfachen Satz erinnert: Was du heute tust, ist deine Zukunft.

Ich danke euch, herzlich, Andreas

ps: Hier noch die Termine für die vier restlichen Lesungen.

Berlin | 25.10.2021 | 20.00 Uh
Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Pfefferberg Theater
Schönhauser Alle 176

10119 Berlin

Reservierungen:   

https://www.eventim.de/event/literatur-live-berlin-pfefferberg-theater-13930740/

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Köln | 26.10.2021 | 19.00 Uhr

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Buchhandlung Ludwig
Trankgasse 11

50668 Köln

Reservierungen:  0221 / 1260107 oder info@buchhandlung-ludwig.de

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Oberursel | 30.10.2021 | 18.00 Uhr

Andreas Altmann liest aus „Frauen.Geschichten.“Dazwischen herrliche und böse Liebesgedichte aus der Weltliteratur und er liest aus seinem letzten Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Academy of Stage Arts
Zimmersmühlenweg 27

61440 Oberursel

Reservierungen: Tel 0151 / 57.83.31.13. oder office@academyofstagearts.de

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Ried im Innkreis / 20.00 Uhr / 09.11.2021

Lesung aus “ Gebrauchsanweisung für Heimat “ / Piper Verlag

KiK Kulturverein Kunst im Keller
Johann-Georg-Hartwagner-Straße 14

4911 Ried im Innkreis

Österreich

Reservierungen:  www.kik-ried.com

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Ihr Lieben, heute wandern wir in die Sahara. SWR 3 Redakteur Kristian Thees lässt sich einiges zumuten. Aber wir beide können unverschämt gut miteinander babbeln, er ist der Sprudelmann der Woche.

Die Wüste, Camus kommt vor, Visconti auch, die schöne Anna Karina, ein böser Mensch, ein wunderbarer Mensch, die grandiose Einsamkeit und eine Sonne, die mit goldenen Fäden über den Himmel zieht.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Der Augenblick des Glücks: Sahara

https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html 

ps: Hier noch die restlichen Lesetermine.

Göttingen | 7.10.2021 | 19.30 Uhr  

Andreas Altmann liest aus „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ / Piper Verlag und „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / „Das Scheißleben …“ Piper Verlag

EXIL /  live. music. club.
Weender Landstraße 5 / Iduna-Zentrum

37073 Göttingen

Reservierungen:
Tel  01577 /  371-2977 und  das_randgruppenparadies@web.de

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Memmingen | 08.10.2021 | 20.00 Uhr

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag +

„Leben in allen Himmelsrichtungen“ – Reportagen / Piper Verlag

Osiandersche Buchhandlung GmbH
Maximilianstraße 3 1/2

87700 Memmingen

Reservierungen:  Tel  0174 / 4487022 

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Berlin | 25.10.2021 | 20.00 Uhr

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Pfefferberg Theater
Schönhauser Alle 176

10119 Berlin

Reservierungen:   

https://www.eventim.de/event/literatur-live-berlin-pfefferberg-theater-13930740/

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 Köln | 26.10.2021 | 19.00 Uhr

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Buchhandlung Ludwig
Trankgasse 11

50668 Köln

Reservierungen:  0221 / 1260107 oder info@buchhandlung-ludwig.de

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 Oberursel | 30.10.2021 | 18.00 Uhr

Andreas Altmann liest aus „Frauen.Geschichten.“

Dazwischen herrliche und böse Liebesgedichte aus der Weltliteratur

und er liest aus seinem letzten Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Academy of Stage Arts
Zimmersmühlenweg 27

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Ihr Lieben,

heute wird gewählt, und damit wir uns nicht verwählen, hier mein bescheidener Beitrag: „Deutschland“, das ganze Kapitel aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Es soll euch erheitern, und wer in Hochform ist, liest bis zum formidablen Ende, einem berühmten Lied.  Ich danke euch, herzlich, Andreas.

DEUTSCHLAND  

„Deutschland ist ein schwieriges Vaterland“, der Satz stammt von Willi Brandt. Die fünf Worte lassen ahnen, dass eine haltlose Liebe zu diesem Land so einfach nicht funktioniert.

      Was für Denker, was für Dichter, was für Musiker, was für Künstler, was für grandiose Erfindungen und Entdeckungen. Eine Hochkultur, die der Welt unglaubliche Gedanken und Taten geschenkt hat.

     Und was für ein Morden, was für ein Schlachten, was für ein namenloses Grauen. Eine Barbarenclique, die der Welt das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte vermacht hat.

      Ich bin ein Nachgeborener und fühle mich für die Gräuel meiner Väter nicht verantwortlich. So wenig, wie ich mir die Verdienste von Herrn Goethe an den Hut stecken darf. Ich misstraue jedem, der mit dem Büßerhemd durchs Leben geht. Geknickt und voller Büßerstolz. Eher albern. Was ich vermag, ziemlich bescheiden: so reden und so tun, dass ein Flair von Leichtigkeit – ach, wie grandios wäre das – von mir ausgeht. Da überzeugt, dass Frauen und Männer, die beschwingt unterwegs sind, nie auf die Idee kämen, andere Frauen und Männer auszurotten.

      Gewiss, die so unschuldige Begeisterung für Deutschland wird sich nicht einstellen. So ist es meine Trotzdem-Liebe. Denn es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass ein Volk ohne Achtung und Wohlwollen für das Land, zu dem es gehört, nicht existieren kann. Verachtung füreinander und Hass auf alles, was als Staat auftritt, führen mitten ins Reich der Finsternis. Die Weimarer Republik hat es vorgemacht.

     Auf der anderen Seite: Patriotismus ist ein problematisches Wort. Wörtlich übersetzt, bedeutet es nichts anderes als Verbundenheit zu seiner „patria“ – lateinisch für Heimat – zu empfinden. Aber ja, nur zu. Liebe für die Seinen, das ist ein friedliches Unternehmen. Wenn, ja, wenn immerhin eine Herzkammer übrig bleiben, um andere Länder und ihre Bewohner zu achten und zu bewundern. So hätten wir den Deutschen als Weltbürger.

     Als rasend begabt dafür sind mir meine Landsleute bisher nicht aufgefallen. „Heil Deutschland!“ scheint viele, zu viele jedenfalls, noch immer zu berauschen. Sieht man sie paradieren, dann fallen zuerst ihre Visagen auf. Sie ähneln durchaus der Armseligkeit ihrer (braunen) Sehnsüchte: irgendwie dumpf, irgendwie lauernd. Jedes Mal machen sie Angst, denn ihre Wut gilt auch denen, die nicht dazu zu bewegen sind, Fremde zu verabscheuen und aus „unserem Deutschland zu jagen“. Sie wollen es sauber im Land, ihr Traum sind 82 Millionen reinrassige Stiernacken.

        Zur Erinnerung: Es braucht keine Million fremder Gesichter, um seine Verachtung zu mobilisieren. Die Randale in Hoyerswerda vor dreißig Jahren war nur der Auftakt zu einer Reihe blutig rassistischer Übergriffe. Damals reichten schon ein paar Hundert „Undeutsche“, um den Mob zum Kochen zu bringen.

      Klar, auch das hat sich herumgesprochen: Die Migranten sind nur ein Grund für das Unglück jener, die vom germanischen Reinheitswahn nicht lassen können. Der nächste heißt Globalisierung, die verbreitet Ängste, reißt Grenzen ein, spielt sich kosmopolitisch und international auf: Und hängt ab. Und Verlierer sind verführbar und jeder, der als Sündenbock taugt, ist hochwillkommen. Und der Schwächste in einem Land, der Fremde, ist der willkommenste Sündenbock.

    Man wette darauf, dass der Glücksquotient der notorisch Mürrischen nicht bemerkenswert steigen würde, wenn alle „Schuldigen“ verschwänden. Die Stinklaune bliebe, und so müsste man sich auf die Suche nach neuen Bösewichten machen. Was für ein Scheißleben.

       Wenn ich ihnen zusehe beim Hassen und Brüllen, sehe, wie sie dem Ruf der Horde folgen, dann frage ich mich, ob Deutschland mir jetzt näher ist oder sich von mir entfernt. Wohl näher. Weil das, was ich (trotzdem) liebe, besudelt wird. Und Mitgefühl produziert Wärme. Ich mag ebenfalls ein sauberes Deutschland und radikal entnazifiziert mag ich es am liebsten.

        Ich bin meinem Land schon deshalb zugetan, weil wir ein parlamentarisches Regierungssystem geschafft haben. Es ist natürlich wie alles, was mit Geist zu tun hat, gefährdet. Geht es in die Brüche, dann bekommen wir wieder einen starken Mann. Beruft sich der Rachsüchtige zudem auf einen Allmächtigen (Herr H. fühlte sich von der „Vorsehung“ beschützt), müssen wir uns erst recht Sorgen machen: Unzählige werden sich aufs Neue bereit erklären, für Landesfürst und Himmelsfürst das eigene Leben wegzuwerfen. Und das der anderen.

     Dass offiziell die Trennung von Kirche und Staat stattfand (inoffiziell wird weiterhin da und dort gemauschelt), das ist noch ein Grund, Deutschland hochleben zu lassen. Jede Aktion, die Machtkartelle spaltet, ist ein Segen für die Menschheit.

    Schon erstaunlich, wie mühsam es ist, jeden Menschen zur Menschenwürde zu überreden. Zu überzeugen, dass sie nicht nur ihm, sondern auch den Übrigen zusteht. Dass sie unantastbar sei, klingt wie eine ferne Mär. Etwa acht Milliarden befinden sich augenblicklich auf dem Planeten. Ob alle täglich ihre angemessene Ration Würde beziehen, das Grundnahrungsmittel, ohne das keiner über die Runden kommt?

       Spotlight: Ich bin in der U-Bahn einer Großstadt unterwegs. Ein Mann kriecht auf seinen beiden Beinstümpfen durch den Mittelgang, um eine Spende bittend. Das wäre die erste Entwürdigung: dass einer im stinkreichen Europa so überleben muss. Aber das reicht nicht. Die meisten daddeln sorglos auf ihren Handys weiter, als der Alte an ihnen – unüberhörbar, unübersehbar – vorbeizieht.

 

Man schließt zuweilen die Augen. Um die Minuten auszuhalten.

     

Das geht durchaus: Sein Land schätzen und dennoch im Ausland leben. Wie ich. Schon lange. Irgendwie finde ich das hip. Auf jeden Fall hipper als im selben Kaff auf die Welt zu kommen und im selben Kaff die Welt zu verlassen. Klingt das arrogant? Von mir aus, doch der Mensch braucht Abwechslung. Sonst vergrindet er.

       Da die deutsche Sprache jenes „Teil“ Deutschlands ist, das mich am innigsten mit ihm verbindet, ja, ich blindlings verliebt bin in sie, spielt Entfernung keine Rolle. In modernen Zeiten kann ich sie überall hören, überall lesen.

         „Wer kennt England, der nur England kennt?“, heißt es. Der Blick auf das eigene Land fordert Distanz. Dann sieht man die Unterschiede, sieht auf das, worauf man nie möchte, und das, um was man die anderen beneidet. Jedes Werturteil besteht aus Vergleichen. Venedig ist ein Traum, weil Chongqing ein Albtraum ist. In den Schwarzwald verschaut man sich, weil man Landschaften aus Beton im Kopf abgespeichert hat. Das Schöne wird sichtbar, weil das Hässliche existiert. Wäre alles schön, gäb’s nichts Schönes. Wäre alles hässlich, wüssten wir nicht, was das ist. Würde die Erde nur aus Deutschland bestehen, wir Deutschen hätten keine Ahnung von uns.

      Der Mensch muss raus, muss weg, er soll von der Welt wissen und lernen: die intelligenteste Voraussetzung, um ein kosmopolitischer Patriot zu werden.

       Jeder hat seine Gründe, warum er Deutschland lobt. Ich bin jetzt tapfer und verkünde, dass mich die Titel eines Fußballweltmeisters, eines Autoweltmeisters und eines Exportweltmeisters nicht in freudigen Irrsinn treiben. Sie sind mir, uff, herzlich egal. Früher habe ich dagegen gemault, wenn die Massen in den Stadien tobten. Inzwischen bin ich milder geworden. Aber ja, sie sollen sich amüsieren. Solange sie nicht „Neger raus“ und „Schwule Sau“ schreien, bin ich durch und durch tolerant. Dennoch, ob die Deutschen am weltmeisterlichsten einen Ball in ein 7,32 breites und 2,44 Meter hohes Gehäuse knallen, noch ehrlicher: Nicht vieles lässt mich weniger kalt.

        Als ich auf einer Amerikareise nach Orlando kam und dort Disneys „Magic Kingdom“ besuchte und entdecken durfte, dass Deutschland von drei Bierkrüge schwingenden Lederhosendodel „repräsentiert“ wurde, war ich beleidigt. Ich muss kein „great, greater, greatest Germany“ vorgeführt bekommen, doch ein Trio Besoffener als Quintessenz meines Landes, das ist ein starkes Stück.

       Dann kam die Jahrtausendwende, und die Amerikaner machten es wieder gut: Albert E., der Große, wurde – die Konkurrenz war kolossal – vom Time Magazin zum „Mann des 20. Jahrhunderts“ gewählt. Und Johannes G., das andere Genie aus einer früheren Zeit, wurde zum „Mann des Jahrtausends“ bestimmt.

       Ich war beruhigt. Und hochgestimmt, ja, gerührt. Ich schwärme immer von Deutschland, wenn sein Name im Zusammenhang mit Scharfsinn auftaucht. Wenn seine Geschenke an die Welt zur Entdeckung dieser Welt beitragen. Und wenn es Warmherzigkeit – so geschehen 600 Jahre nach Gutenberg – beweist und einer knappen Million Frauen und Kindern und Männern, die vor Tod und Teufel flohen, eine erste Unterkunft gewährt. Wie sagte es Marek Halter, der Schriftsteller aus Paris: „Gut ist, was Menschen hilft zu leben, und böse, was sie daran hindert.“

     Ich rede so (auch) aus eigennützigen Motiven: Vielleicht geht es mir eines Tages dreckig, und jemand läuft mir über den Weg, der mir keine Moralpredigt hält, sondern etwas zum Essen herausrückt, ja, sich nach einem Platz umhört für mich zum Schlafen. Das Leben funktioniert nur, zumindest auf Dauer, wenn ich – in den Zeiten, in denen ich stark bin – bereit bin, mich vom Unglück eines Unbekannten bewegen zu lassen. Nur nehmen, das endet früher oder später, eher früher, ungut.

     Jede Heldentat generiert hässliche Nebenwirkungen. Ich weiß um die Komplexität des Themas, ich weiß, dass manche die Gastfreundschaft missbrauchen und niederträchtige Taten begehen, ich weiß, dass manche lügen und ihr Leid erfinden, ich weiß, dass so mancher Nachhilfeunterricht in Menschenrechten und zivilisierter Grundordnung benötigt.

       Das ändert nichts an der Großtat, die irgendwann in den Geschichtsbüchern stehen wird. Um bis ans Ende der Welt zu leuchten.

      Noch ein Absatz zur Eindeutigkeit. Im Französischen gibt es den Begriff „angélisme“, in dem das Wort Engel steckt. Wer davon befallen ist, redet wie ein himmlisches Wesen, immer von Reinheit und Naivität getrieben, immer bereit, nichts von den dunklen Schatten in uns, in uns allen, wissen zu wollen.

       Unmissverständlich: Wen Not heimsucht, weil seine Heimat in Flammen steht, weil ein Krieg wütet, weil eine Bande blutrünstiger Gangster regiert, weil irgendein Wahn zur Jagd auf Homosexuelle anstiftet: Der hat jedes Recht auf Schutz. Gerade in Deutschland, das über mehr Geldhaufen und Geltung verfügt als (fast) alle anderen Nationen. Und dieses Land – jetzt kommt die Gegenleistung – hat das Recht, dass jeder, der von dieser Hilfestellung profitiert, die „Spielregeln“ akzeptiert: dass wir uns mitten in Europa befinden, wo Frauen so viel gelten wie Männer, wo Eros auf Verführung beruht und nicht auf Zwang, wo religiöse Zeloten und ihr Geschrei nach einem „Gottesstaat“ nicht geduldet werden, wo Eigeninitiative – wie die neue Sprache lernen wollen, wie die Neugier auf die neue Umwelt – ein hochgeschätztes Gut ist.

      Wer das als Flüchtling mitbringt, der soll willkommen sein. Nein, er muss sich dafür nachts nicht in Schwarz-Rot-Gold wickeln, nicht jede halbe Stunde „ich liebe Deutschland“ schmettern, nicht pausenlos und demütig „thank you“ flüstern. Doch er sollte verstehen, dass ein Gastgeber einen friedlichen Gast erwarten darf.

         Die Zahlen sprechen für sich: So viele der Flüchtlinge wissen das, sind guten Willens.

      Und die „anderen“ Deutschen, die nicht grundsätzlich die Nichtdeutschen hassen und die penetrant auf ihrer Menschenfreundlichkeit bestehen, wissen das auch. Ich höre gern von ihnen. Sie erinnern uns daran, wie wir sein könnten. Wären wir nur seltener vernagelt, seltener verbittert, seltener gefroren in unserer Herzenskälte.

        Das ist fraglos sexy: jemandem – ohne Pose, ohne Ergriffenheit über sich selbst – ein bisschen das Leben zu erleichtern. Für Momente sein Ego wegzupacken, ja, sich dabei zu beobachten und festzustellen: Hilfsbereitschaft erhöht die Lebensfreude. Das scheint genetisch – neben dem Gen der Gewalt – in uns Menschlein zu sein: teilen wollen. Nicht gleich fifty-fifty, aber etwas.

     Jetzt ist Zeit für eine kleine Geschichte. Ich muss sie erzählen, weil ich in einer bekannten Wochenzeitung las, dass laut einer Umfrage 41 Prozent der Einwohner der Ex-DDR glauben, dass man sich heute, im 20. Jahr des 21. Jahrhunderts, „nicht freier ausdrücken kann als vor 1989“, sprich, nicht freier als im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat. Sogleich fiel mir ein Satz des französischen Mathematikers und Philosophen René Descartes ein: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder glaubt, genug davon zu haben.“ Der Aphorismus ist 400 Jahre alt und noch immer brandaktuell.

      Nun die Story zum Thema Redefreiheit, ja, Handlungsfreiheit in der „Deutschen Demokratischen Republik“: Im Sommer 1981 kam ich mit dem Zug aus Polen nach Görlitz, ein Aufenthalt von zwei Stunden war vorgesehen, bevor es weiterging nach Berlin. Wir durften alle die Wagons verlassen und ins Bahnhofsrestaurant gehen. Ich brauchte Ost-Mark, wollte in Berlin-Ost Bücher kaufen. Der Schwarzkurs war mindestens viermal höher als der offizielle. Da ich wusste, dass sie hier an Devisen interessiert waren, legte ich demonstrativ einen DM-Hunderter auf den Tisch, fuhr nachlässig mit den Fingern darüber und suchte den Blick der Kellnerin, als sie näherkam. Sie verstand sofort, fragte nach der Bestellung, notierte und flüsterte blitzschnell: „Toilette!“

     Nach ein paar Minuten war sie hinter der Tür mit dem WC-Zeichen verschwunden, ich schlenderte nonchalant hinterher und verschwand mit ihr im (abschließbaren) Damenklo.

      Etwas Unglaubliches passierte, das schlagartig offenbarte, dass sie sich in großer Gefahr wähnte. Sie fing zu zittern an, aber so heftig, dass sie ihre beiden Hände nicht mehr kontrollieren konnte. Sie presste sie zusammen, krallte sie ineinander. Als wollte sie verhindern, dass sie zu flattern beginnen, ja, irgendwo anstoßen und unser Versteck preisgeben. Mit ihrem Kopf, der ihr noch gehorchte, deutete sie auf ihre rechte Hosentasche. Für elegantes Fragen und Bitten war augenblicklich keine Zeit, ich griff hinein, zerrte vier Scheine hervor, alle blau und mit Rauschebart Marx, steckte sie ein, zog den meinen blauen heraus, mit dem Porträt des feingliedrigen Sebastian Münster, hielt ihn ihr vor die Augen, sie nickte, und ich verstaute ihn bei ihr. Jede Bewegung schnell und konzentriert. Dann lauschen, dann hinaus und ins Wirtshaus. Theresa blieb noch, die Angst musste erst ihren Körper verlassen. Es dauerte, bis sie zurückkam.

      Noch ein letzter Gedanke zu dem hübschen Wort Vaterland (die Engländer sagen „motherland“, ähnlich hübsch). Vorweg eine kurze Episode: Als ich durch Palästina reiste, kam ich nach Jenin, Stadt im Norden. Mittendrin sah ich ein seltsames Denkmal, ein alter Steinbrocken, auf dem stand: „In memory of the fallen German airmen“, zur Erinnerung an eine deutsche Fliegerstaffel, die in den Jahren 1917/18 die Ottomanen (die Türken) im Kampf gegen aufständische Beduinen unterstützte. Die Namen von getöteten Zwanzigjährigen (!) waren eingemeißelt. Ich las sie mehrmals, um zu spüren, was sie bedeuten: dass kriegslüsterne Befehlshaber – hier deutsche – bisweilen gern ein Blutbad nehmen und dafür das Leben anderer vernichten. Und dass Zwanzigjährige, statt den Generälen die Pickelhaube durch die Schädeldecke zu rammen, sich mit einem Hurra auf den Lippen vernichten lassen.

      Ich nicht. Ich habe schon mit 17 den Wehrdienst verweigert. Viel später werde ich bei Sartre den Spruch finden: „Ich kann weder befehlen noch gehorchen.“ So klug konnte ich es als Halbwüchsiger nicht sagen, doch der französische Schriftsteller musste auch mich gemeint haben. Ich pariere nur, wenn der andere mit der Kalaschnikow vor meiner Nase fuchtelt, ansonsten bleibe ich bockig. Muhammad Ali hat es vorgemacht, er widersetzte sich dem Einsatz in Vietnam. Mit dem so intelligenten Hinweis, dass er niemanden totschießen will, der ihn noch nie einen „Nigger“ genannt hatte. Und wanderte ins Gefängnis. Ich brauchte nicht tapfer wie er zu sein. Ich sagte nein, simulierte ein Gebrechen, und die Sache war erledigt.

       Natürlich würde ich töten. Jeden, der mein Leben und meine Freiheit bedroht. Oder das von Frauen und Männern, die mir nahestehen. Sollte ich den Mut haben. Für Großdeutschland eher nicht. Ich bin grundsätzlich taub für Politiker, die hetzen. Warum Abermillionen ihr eigenes Leben zuschanden machen, weil einer sie aufheizt? Hier steht die Antwort: In Vietnam, in der Nähe von My Lai, wo amerikanische Soldaten ein Massaker begangen hatten, traf ich Jahre später Dick, einen Veteranen, der für eine NGO arbeitete. „Als Wiedergutmachung“, meinte er trocken. Irgendwann fragte ich ihn, wie er sich erklärt, dass sich Hunderttausende hierher transportieren ließen, um Leute zu killen, deren Land und Existenz den meisten vorher völlig unbekannt war. Und Dick, eher besonnen und überlegt: „We were stupid, just fucking stupid.“

      Das klingt rasant, doch Dummheit allein reicht nicht, um Armeen zum Massenmord zu überreden. Irgendeine Art Hypnose muss dazukommen, die eine unbeschwerte Vaterlandsliebe in mörderischen Fanatismus umfunktioniert. Wir Deutschen wissen, wie das abläuft. Bei Dick und Kameraden war es die Hypnoselüge „Kommunismus“, vor der Amerika plus die ganze Welt geschützt werden sollte. Sie kostete knapp 800 Milliarden Dollar, ein paar Millionen Tote und Krüppel und einen verlorenen Krieg. Dennoch, dieses monströse Gräuelmärchen nicht zu durchschauen, hat gewiss auch mit geistiger Trägheit zu tun.

         Die Liebe zum eigenen Land ist immer gefährdet. Wie jede Liebe. Einige sind grundsätzlich bereit, sie zu schänden. So wäre ein cooler Patriot nebenbei noch ein cooler Verfassungspatriot. Das ist ein Bürger, der sich auf die Werte der Demokratie beruft, auf Meinungsfreiheit und gegenseitigen Respekt. Eine Art Zivilreligion, die ohne Herrgott auskommt, aber nicht ohne Hirn: um eine Gemeinschaft mit humanistischen Grundregeln zu organisieren. Das ist ein anstrengendes Geschäft. Wer sein Land liebt wie ein redlicher Liebhaber, wird sich nicht drücken, wird dafür kämpfen, dass uns weder religiöse noch andere Dunkelbirnen zurück ins Mittelalter treiben. Im Notfall mit Gewalt kämpfen. Ich bin kein standhafter Pazifist. Es gibt höhere Ideale als Frieden: Freiheit, ein Beispiel.

     Noch wurde keine Liebe erfunden, die umsonst zu haben ist.

     Eine anrührende Szene passt hierher: Ich saß in meinem Pariser Café, als zwei Leute neben mir Platz nahmen. Ein älteres Ehepaar aus Deutschland, wie sich bald herausstellte. (Ich lausche immer.) Ossis, mitten aus Sachsen. Voller Überschwang redeten sie von dem, was sie bisher gesehen hatten. Wir kamen ins Gespräch, und plötzlich fingen die beiden zu weinen an. Vorsichtig fragte ich nach, was der Anlass der Traurigkeit sei. Nein, sie wären überhaupt nicht traurig, nur überwältigt: weil sie nun frei seien und reisen durften, ja, Paris besuchen.

      Nachspiel: Ach ja, Freiheit. Das Deutschlandlied hat seine heiklen Zeilen. Nun denn, irgendwann im 19. Jahrhundert wurden sie geschrieben. Doch „Deutschland, Deutschland über alles / Über alles in der Welt“ klang noch heikler nach Auschwitz. Nein, es klang furchtbar. Wie fehlerlos folglich die Entscheidung, nach der Wiedervereinigung nur mehr die dritte Strophe zu singen. So fängt sie an:

 

Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland!

Danach lasst uns alle streben

brüderlich mit Herz und Hand!

 

Zugegeben, das Ohr muss sich erst an die Inbrunst gewöhnen. Aber der Inhalt, der kann sich hören lassen: Einigkeit und Recht und Brüderlichkeit, das klingt phantastisch. Nur her damit.

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Ihr Lieben

heute wieder ein Podcast auf SWR 3 mit dem umtriebigen, rastlosen und unschlagbaren Kristian Thees.

Delikates Thema: „Eros in der Fremde“: Kleine Erfahrungen, die ich zusammengetragen habe und von denen ich glaube, dass sie das Näherkommen von Frau und Mann erleichtern. Wenn beide es grundsätzlich wollen! Das Grundsätzliche ist wichtig, denn es gibt – Frau wie Mann – Menschenkinder, die auf Biegen und Brechen nicht wahrhaben wollen, dass der/die andere sich nicht entflammen lässt. Wenn doch, dann hört rein, hier kommen die Spielregeln.  Ich danke euch, herzlich, Andreas.

    ps: Hier ein Auszug aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“, Kapitel „Frauen – Männer – Liebe“. Er hat nur am Rande mit dem Thema im Podcast zu tun. Trotzdem, er könnte helfen, Katastrophen, haha, zu verhindern.

 

„…. Das ist der rechte Augenblick für eine Klarstellung. Trotz intakten Überschwangs für alles Weibliche wird der Blick nicht getrübt. Ich war noch nie der Schimäre verfallen, dass irgendein Volk, irgendein Glauben, irgendeine Ideologie, irgendein Geschlecht auserwählter sei, um das Glück hienieden zu vermehren. Ich bin einer mittleren Depression nah, wenn ich höre, jedem von uns ginge es besser, wenn nur Frauen regieren würden. Wie das? Wie alle anderen Menschen steuern sie ihren Anteil an Stress und Leid und schallender Dummheit bei. Eben anders als Männer, aber nicht weniger penetrant und erfolgreich. Man will in Tränen zerfließen beim Lesen von Texten, in denen Blindwütige uns vom Schlaraffenland auf Erden erzählen, das erblühen wird, sobald nur die Rasse Mann besiegt sei. Gleich hirnverbrannt wäre die Behauptung, dass ewiger Frieden über uns Menschlein käme, wenn nur endlich die per Kaiserschnitt Geborenen die Herrschaft übernähmen.

    Ich vermute, wir alle – Frauen wie Männer – werden wohl miteinander auskommen müssen. Ohne zänkischen Feminismus und ohne männlichen Größenwahn. Ich renne vor beiden davon, denn ich ertrage nur Frauen, die Männer schätzen, und Männer, die Frauen achten. Schuldzuweisungen verbiestern, lustiger wär’s, wenn eine gewisse Eleganz zwischen den zwei „Gattungen“ ausbrechen würde.

        Ein frommer Wunsch? Frau und Mann, das ist ein weites Feld, und natürlich treibt die Frage nach wie vor um, wieso es so verdammt kompliziert bei den zweien zugeht. Ich glaube, dass ich bei meinen Eltern bereits den einen der wichtigeren Gründe zu ahnen begann, ohne ihn formulieren zu können: Zu viele Illusionen! Derlei Flausen führen ins Verderben, denn sie hätte die Traumfrau und er der Traummann sein sollen. Aber derartige Zeitgenossen haben wir nicht, kein Mensch ist ein Traum, jede und jeder hat seine tristen Ecken, seine Unerfüllbarkeiten, seine Beklemmungen. Und so trieben sich die beiden täglich durchs Fegefeuer. Wie Abermillionen vor und nach ihnen. Alle grenzenlos enttäuscht von ihren Hirngespinsten, die an der Realität zerbrachen. Das macht zornig, das macht traurig, das vergiftet die Liebe.

       Das erinnert mich an Minho, einen Heiratsvermittler in China, den ich rein zufällig in Peking getroffen hatte. Ich fragte ihn nach den glücklosen Männern in seinem Land, die keine Frauen finden. Da viel zu wenige davon vorhanden sind: „Sie betreten mein Büro mit maßlosen Vorstellungen, und wenn sie irgendwann zusagen, dann fangen sie an, immer neue Defekte an der Auserwählten zu entdecken. Das ist kein Weg ins Glück.“

     Vielleicht habe ich im Laufe der Jahre noch eine zweite entscheidende Erklärung für das Verwittern der Seligkeit entdeckt. „All you need is love“, sangen die Beatles, und ich dachte, wie sweet das Lied und wie doof die Message. Natürlich ist die Liebe nicht alles, was wir benötigen. Unendlich viel mehr bedarf der Mensch, um über die Runden zu kommen. Bildung, Erfahrung, Selbstdisziplin, Glück, Charakter, Intelligenz, Resilienz, Begabung etc. etc. etc. Alles, was du brauchst, ist Liebe? Dass ich nicht lache. Wie kann man das arme Ding nur so überschätzen. In einer Zeile des Songs heißt es: „There’s nothing you can do that can’t be done“, es gibt nichts, was du nicht kannst – wohl bemerkt, wenn Liebe dich überflutet. Der Satz könnte von Paulo Coelho sein, so bieder und kalorienarm meldet er sich zu Wort.“

     Hier der Link: https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

 

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Ihr Lieben,

das ist meine erste Rundmail seit Langem, ihr seht, ich schone eure Lebenszeit.

Wer nicht weiter über meine Arbeit informiert werden will. bitte mich kurz und – ich bin ein altmodischer Mensch – höflich informieren.

 

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Jetzt das nächste Thema: Lesungen. Dank der schwächelnden Pandemie sind sie wieder möglich. Zumindest ein paar. Hier die Daten. Wer nicht kommt, mit dem mache ich Schluss. Leider haben meine Drohungen noch nie gewirkt, haha.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto zeigt einen kleinen Ausschnitt auf die Zuschauer bei meiner letzten Lesung! Unheimlich geradezu der Wissenshunger der Massen!

 

Lesungen / Herbst 2021

Erfurt | 21.9.2021 | 19.30 Uhr 

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag 

Buchhandlung Peterknecht

Anger 28

99084 Erfurt

Reservierungen:  Tel  0631 / 244 06

 

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Burghausen | 22.9.2021 | 19.30 Uhr

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Ankersaal

Stadtplatz 51

84489 Burghausen

 Reservierungen:  Tel  08677 / 63124

 

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ttingen | 7.10.2021 | 19.30 Uhr

Andreas Altmann liest aus

„Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ / Piper Verlag

und

„Gebrauchsaneisung für Heimat“ / „Das Scheißleben …“ Piper Verlag

EXIL /  live. music. club
Weender Landstraße 5 / Iduna-Zentrum

37073 Göttingen

Reservierungen:

Tel  01577 /  371-2977 und  das_randgruppenparadies@web.de

 

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Memmingen | 08.10.2021 | 20.00 Uhr

Lesung aus

„Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag
+
„Leben in allen Himmelsrichtungen“ – Reportagen / Piper Verlag

Osiandersche Buchhandlung GmbH

Maximilianstraße 3 1/2

87700 Memmingen

Reservierungen:  Tel  0174 / 4487022 

 

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Berlin | 25.10.2021 | 20.00 Uhr

 Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Pfefferberg Theater

Schönhauser Alle 176

10119 Berlin

Reservierungen:   

https://www.eventim.de/event/literatur-live-berlin-pfefferberg-theater-13930740/

 

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Köln | 26.10.2021 | 19.00 Uhr

Lesung aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ / Piper Verlag

Buchhandlung Ludwig

Trankgasse 11

50668 Köln

Reservierungen:  0221 / 1260107 oder info@buchhandlung-ludwig.de

 

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Oberursel | 30.10.2021 | 18.00 Uhr

Andreas Altmann liest aus

„Frauen.Geschichten.“

Dazwischen herrliche und böse Liebesgedichte aus der Weltliteratur
und er liest aus seinem letzten Buch

„Gebrauchsanweisung für Heimat“

Academy of Stage Arts

Zimmersmühlenweg 27

 61440 Oberursel

Reservierungen:

Tel 0151 / 57.83.31.13. oder office@academyofstagearts.de

 

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Ried im Innkreis / 20.00 Uhr / 09.11.2021

Lesung aus “ Gebrauchsanweisung für Heimat “ / Piper Verlag

KiK Kulturverein Kunst im Keller

Johann-Georg-Hartwagner-Straße 14

4911 Ried im Innkreis

Österreich

Reservierungen:  www.kik-ried.com

  

 

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