Ihr Lieben,

hier nochmals der Senf von gestern, aber mit dem Hinweis, dass morgen, Donnerstag, den 27.1., der AA auf Bayern 2 auftaucht. Titel der Sendung:

Eins zu Eins. Der Talk.

Gast: Andreas Altmann.

Die klugen Fragen stellt Gregor Hoppe

(Ihr glaubt nicht, um wie viel intelligenter man antwortet, wenn der Interviewer bestens vorbereitet ist und richtig bohrt.)

Sendezeiten: 27. Januar um 16.05 Uhr, Wiederholung am selben Tag um 22.05 Uhr (anschließend ein Jahr als Podcast auf bayern2 abrufbar).

Thema des Gesprächs, unter anderem: „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag

www.br.de/radio/bayern2

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

Eintrag vom 25.1.2022

Ihr Lieben,

so, wie anvisiert, nun geht es los.

Morgen, Mittwoch, den 26.1., gibt es ein Live-Interview auf Radioeins, die Fragen stellt Katrin Vass. Je konzentrierter ihr zuhört, desto intelligenter meine Antworten, haha.

In Berlin und Potsdam auf FM 95,8 MHz, ansonsten, hopefully, übers Netz. Ganz gewiss dann in der Mediathek / www.radioeins.de

Am Sonntag dann auf SWR 3 ein anderes Gespräch, weitere Infos folgen.

Alles nicht so wichtig, wer es nicht hört, wird trotzdem überleben. Versprochen.

Vorgestellt wird mein 23. Kind, uff, „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag, das offiziell am 27. Januar in allen schlechten und guten Buchhandlungen, auch online, zu haben ist.

Es geht bei mir immer um dasselbe: um die Welt und die Frauen und Männer, die auf ihr leben und von denen ich wissen will, wie sie mit ihrem Leben umgehen, wie sie scheitern und siegen, wie sie nur scheitern und nie siegen, wie sie vom Glück bestrahlt werden, wie sie intelligent mit diesem Glück umgehen oder es verspielen, sprich, es geht immer um uns alle – auf allen fünf Kontinenten. Hier das Vorwort, da habt ihr was zum Grinsen, denn A.A. gerät in Not, von der man nicht genau weiß, ob man kichern oder lauthals loslachen soll.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

Ein Motto

Simone de Beauvoir:

Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen. Und außerdem bin ich schrecklich gierig; ich möchte vom Leben alles, ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.

 +++

Eine Widmung

Das Buch ist einer Frau gewidmet, die ich nicht kenne. Ich habe sie nur eine halbe Stunde lang gesehen. Von fern, vielleicht aus fünf Meter Entfernung. Ich bin sicher, dass sie mein Anstarren nicht bemerkt hat.

Sie saß und las. Auf einer Bank, mit dem Rücken zur Wand eines Cafés. Sie las wie jemand, der zu einer Spezies gehört, die man für ausgestorben hielt: ganz da, ganz dabei, ganz eins mit dem Buch. Nicht einmal ließ sie die Seiten los, kein Suchen nach dem Handy in der Handtasche, kein Reagieren auf die Geräusche und Stimmen im Raum. Nichts. Das einzige Lebenszeichen kam, als sie umblätterte. Dann wieder totenstilles Versinken.

 Bis sie, die halbe Stunde war vorbei, den Kopf hob und die Augen schloss. Es war der Augenblick, in dem mir Rilkes Gedicht »Der Leser« einfiel, er schreibt da: »… bis er mühsam aufsah alles auf sich hebend, / was unten in dem Buche sich verhielt.« Dieser Leser war sie, die Fremde. Sie war ein Wunder, sie kam von einem fernen Stern. Sie ist der Traum jeden Autors.

+++

Ein Vorwort aus „Bloßes Leben – Reportagen“

Es war mitten in Afrika. Ich musste über den Kongo, um ins Nachbarland zu gelangen. Die Strömung war heftig, und nur eine müde Piroge stand zur Verfügung. Doch Fährmann Nio lächelte nonchalant und meinte: »Pas de problème.« Wir legten ab.

         Es schaukelte gemein, und eine schwungvolle Welle mehr hätte gereicht, um uns zwei ins Wasser zu kippen. Samt Rucksack. Mit je einer Hand hielt ich mich links und rechts am Bootsrand fest. Wie jemand, der sich an die Armstützen seines Sitzes klammert, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Wie kindlich.

      Ich wurde nicht gelassener, als mir ein Spruch aus dem fernen Indien einfiel. Wie wahr er klang und wie wenig nervenschonend: »Du bist das, was von dir bleibt, wenn du bei einem Schiffbruch alles verlierst – und du nackt den Strand erreichst.«

       Dennoch, der Satz gefiel mir. Er war eindeutig und unvorstellbar. Wie das Foto, das ich als Junge in einem Buch mit dem Titel »Katastrophen von heute« entdeckt hatte: Man sah einen Mann aus einem brennenden Haus fliehen. Darunter stand, dass Herrn Hans W. nichts geblieben war. Nur das bloße Leben. Und die drei angesengten Kleidungsstücke am Leib. Hans im Unglück.

      Ich habe zwei Zimmerbrände hinter mir, kein Vergleich zum Verderben eines Flammenmeers. Sachen gingen verloren, und der tiefe Schreck ließ irgendwann nach. Die lebenslange Furcht vor Feuer, die blieb.

        Die kleineren Malheurs mag ich. Ich bin clever genug, um aus ihnen zu lernen. Aus den großen Debakeln wohl nicht, bin unsicher, ob ich es mit Desastern aufnehmen könnte oder nicht doch zerbrechen würde.

       Alles weg, das ist eine ungeheuerliche Aussicht. Alles, auch die Freunde, die den Untergang oder die Feuersbrunst nicht überlebten. Auch die Freundin, alles, was nah war, unersetzlich nah.

       Nios Lächeln sollte recht behalten. Nur leicht durchnässt erreichten wir das Ufer. Dort warteten bereits die Grenzer auf mich, den weißen Mann. Ihre Haltung war unmissverständlich. Ich legte ein paar schmutzige Scheine in den Pass und konnte passieren.

      »Bloßes Leben« hat verschiedene Bedeutungen. Die oben erwähnte – nichts bleibt dem Menschen – ist wohl die brutalste. Eine andere Form – ich will über sie berichten, obgleich sie kaum zum Ruhm des Autors beiträgt – erzählt von einem Umstand, in dem kein Teil des materiellen Besitzes abhandenkam, auch niemandem Leid geschah. Nein, alles durfte ich behalten, und doch war ich bloß und hilflos. »Bloß«, da aller Fähigkeiten beraubt. Eine peinsame Erfahrung, aber gewiss lehrreich.

       So war es: Eine Frau hatte mich eingeladen, und ich folgte ihrer freundlichen Bitte. Ich fuhr zu ihr, obwohl mein physischer Zustand nach einem schweren Unfall desolat war. Doch die Aussicht auf Nähe und Eros verhinderte den Blick auf die Wirklichkeit. Ich stieg in den Zug.

       Luisa war vorgewarnt und reichte mir gleich auf der Fahrt vom Bahnhof zu ihrer Wohnung starke Schmerzmittel. Die, wie das halbe Dutzend zuvor, keinen einzigen Schmerz linderten.

      Bisweilen tut man Dinge, die man schon bereut, während man sie tut. Ich fühlte mich wie ein Betrüger, der längst ahnt, dass er für etwas anreist, zu dem er nicht imstande sein wird.

      Luisa war selbstbewusst – nicht ohne Grund. Sie sah gut aus, verdiente erfolgreich ihr eigenes Geld, war von niemandem abhängig. Drei so begehrenswerte Eigenschaften. Ach ja, zudem redete sie freundlich und vergnügt.

      Ihr Zuhause hatte alles, was es für ein Liebeswochenende brauchte. Das einzige Accessoire, das fehl am Platz war, war ich.

     Nur mit Mühe schaffte ich die vier Stockwerke hinauf in ihr Penthouse. Seit dem Zusammenstoß zwischen mir, dem Radfahrer, und dem Täter, dem Autofahrer, war mein Skelett aus den Fugen geraten. Wann immer ich es bewegte, fuhr ein Blitz in mich.

      Wir plauderten, es gab Kaffee, und die mitgebrachten Blumen standen neben der Schale mit Keksen. Da wir wussten, worauf wir uns einließen, kam es bald zum ersten Kuss. Er gelang mir noch, denn Luisa, die Biegsame, beugte sich vor zu meinem Mund. Warmer Kuss, der alles versprach.

      Alles umsonst.

      Irgendwann verschwand Luisa, und als sie in die Küche zurückkam, war sie nackt, lächelte und begann zu tanzen. Was für ein Geschenk für einen Mann, dachte ich, und wie vollkommen stimmig die Situation war. Luisa wollte vögeln, und wundersam unbekümmert zeigte sie ihre Trümpfe.

       Wieder umsonst.

       Mein Gerippe war inzwischen versteinert. So zumindest fühlte es sich an. Nur die Hand auszustrecken, ja die kleinste Absicht, den Torso zu bewegen, jagte einen feurigen Stich durch mein Nervensystem. Die vom Schock der Kollision miteinander verklebten Faszien wimmerten beim winzigsten Ruck. Undenkbar, hier als Liebhaber aufzutreten. Ich war impotent, von Kopf bis Fuß. Nichts blieb mir an diesem Tag (und in der folgenden Nacht) als das Leben. Ich lebte, nein, ich war am Leben, aber mehr nicht. Nicht der begehrlichste Reiz auf Erden konnte es mit meinem verwundeten Leib aufnehmen.

       So weit die zweite Bedeutung von »bloß« und »Leben«.

       Nun kommt die dritte, die wichtigste, die, von der im Buch die Rede sein wird. »Bloßes Leben« als Ausdruck von äußerster Innigkeit. In den 31 Geschichten passieren immer wieder Momente, die deshalb so intensiv sind, weil sie nichts anderes benötigen als die Bereitschaft, diese Augenblicke zu leben. So ein ultimatives Jetzt, das absolute Wissen, dass der Zauber, der kleine oder größere Rausch, nur Wert hat, wenn man von Anfang bis Ende dabei ist. Dass kein Zaudern sein darf, da sonst das Geschenk – und dauerte es nur Minuten – entschwindet. Jede Faser soll zucken, soll versichern, dass einen gerade das verheerend grandiose Gefühl durchflutet, unverbrüchlich anwesend zu sein: herzflimmernd und mittendrin.

        Solche Euphorien scheinen nötiger denn je, da wir uns auf eine Gesellschaft hinentwickeln, die jede sinnliche Anstrengung – sinnlich im Sinne von: physisch erfahrbar – auf Biegen und Brechen abschaffen will. In zukünftigen »Smart Houses« ist selbst das eigenhändige Hochheben des Klodeckels verboten. Lieber aufs Smartphone tupfen, als Muskeln zu spüren. Lieber nichts spüren als spüren. Der Körper ist verdächtig, der kann weg.

        Die hedonistische Tretmühle – was für ein Traum! Was für ein Albtraum!

        Eines Tages wird uns beim Verlassen der Wohnung automatisch eine Windel verpasst, und mit dem Babyfon in der Hand dürfen wir nach draußen. Für den Fall, dass es zu nieseln beginnt und wir unverzüglich um Hilfe betteln müssen: Bitte sofort nach Hause evakuieren! Ins Hyggereich mit Sofa und Kuscheltieren – und garantierter Windstille. Ich warte noch auf die stufenlos einstellbare Heizung für den Fahrradsattel. Den Motor haben wir ja schon. Keiner braucht mehr Angst zu haben, dass sein Body zu irgendetwas nütze ist.

       Studien bestätigen es: Sex steigt ab, immer weniger können sich dazu aufraffen. Wie verständlich, denn viel aufregender, als einen Menschen zu beschmusen, ist es, wie offensichtlich, mit Plastik zu spielen. Das kann man hernehmen, weglegen, es riecht nicht, es widerspricht nicht, es ist berechenbar und landet, wenn unbrauchbar, im Müll. Entschieden anstrengender ist da ein Zweibeiner, der nicht sofort pariert, der eigensinnig ist, der sich nicht so umstandslos entsorgen lässt.

        Ich poche auf mein analoges Leben, das keinen Wert darauf legt, rundum »connected« zu sein. Ich will auf die Welt glotzen und nicht auf ein handtellergroßes Display, ich will nicht zermalmt werden von Geschwätz, das durch den Cyberspace wabert. Gleichzeitig, wie menschenfreundlich, verschone ich die Umwelt mit den Pipinachrichten aus meinem Alltag.

         Als ich zum ersten Mal von Jugendlichen hörte, die sich ritzen, um sich via Schmerzen irgendwie wahrzunehmen, irgendwie den Moder der braven, schauerlich voraussehbaren Jahre auszuhalten, habe ich sie sofort verstanden. Ich ritze mich nicht, doch ich haue ab. Irgendwohin, fast egal, wohin. Nur schimmeln darf es dort nicht. Seltsam, aber oft werde ich belohnt für die Beschwernisse. Ich treffe Frauen, ich treffe Männer, und Geschichten passieren, die fremd und wunderlich klingen. Jedenfalls weit weg vom Mief des ewig Gleichen.

      »Am Grabe der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben«, keine Ahnung, wo ich den Satz las. Er ist gemein und leider nicht von mir.

       Ich wünschte, jedes meiner Bücher taugte so nebenbei als Aphrodisiakum. Man liest es, man schluckt es, und nach spätestens einer halben Stunde regt sich die Lust. Aufs Leben.

+++

Ihr Lieben,

ihr habt das System durchschaut: Jeder neue Post von mir auf FB beginnt mit einer aktuellen Nachricht. An den Post anschließend stehen die Hinweise, die die treuen Leserinnen und Leser schon kennen, aber für die Neulinge informativ sein könnten.

Heute, Sonntag, den 30.1., überbringe ich euch die außergewöhnlich – haha – frohe Botschaft: Ab 16 Uhr kommt auf SWR 3 die die „SWR3 – Sonntagsshow“. Die flotte, pfiffige, bestens vorbereitete Sabrina Kemmer führt durch die Sendung. Wann genau mein Gebabbel kommt, weiß ich nicht genau. Mehr dem Anfang zu, heißt es. Später lande ich gewiss in der Mediathek. In modernen Zeiten bleibt man unlöschbar, wie schrecklich. 

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

 

Ab hier die bereits geposteten Nachrichten:

Ihr Lieben,

nur die ersten Zeilen hier plus Interview sind Neuigkeiten, der Rest – ab:  „Ihr Lieben, hier nochmals der Senf …“ – ist für die Treuen schon bekannt. Er bleibt aber, weil ja nicht alle sogleich alles von mir lesen. Klar, ein Skandal.

Heute, 29. Januar, das Gespräch mit Andrea Herdegen, das an diesem herrlichen Samstag, in vielen Blättern der Regionalzeitungsgruppe des Süddeutschen Verlages erscheint.

Ich danke euch, herzlich, Andreas

Morgen ein Hinweis auf ein Gespräch auf SWR 3.

ps: Lustig die Malls von Leserinnen an mich, die glatt behaupten, sie seien die Frau, der ich „Bloßes Leben“ gewidmet habe. Denn sie wären jemand, der sich beim Lesen vollkommen in ein Buch versenken kann. Nun, ich höre gern von Leuten, die noch imstande sind, sich auf EINE Sache zu konzentrieren.

Hier nun das Interview mit Andrea Herdegen (freie Journalistin) 

Andrea Herdegen: Herr Altmann, reisen – und dann darüber schreiben – ist Ihr Beruf. Was ist davon in der Pandemie übriggeblieben?

AA: Wenn mich jemand einen „Reiseschriftsteller“ nennt, bin ich beleidigt. Nicht tagelang, aber ein bisschen. Denn ich habe vieles geschrieben, was nichts oder nur am Rande mit dem Reisen zu tun hat. Ich bin das, was die Engländer mit dem einfachen Wort „writer“ bezeichnen: Ein Schreiber. Der nebenbei reist. So bin ich in den finstersten Zeiten der Pandemie – Lockdown – nicht in Tränen ausgebrochen, bin auch wenig als greinendes Opfer aufgefallen, sondern versuchte, das Kreativste daraus zu machen: Texte zu schreiben, für die sich das Material bereits in meinen Tagebüchern befand, über künftige Projekte nachzudenken, sprich, herauszufinden, ob ich es mit ihnen aufnehmen kann, bin zudem ein noch radikalerer digital minimalist geworden, der nun Muße hatte, sein MacBook abzuspecken: alles zu entfernen, was von der Knochenarbeit des Schreibens ablenkt. Denn die Hydra modernen Lebens heißt Ablenkung. Meist schwachsinnige.  

Andrea Herdegen: Was fehlt Ihnen in Corona-Zeiten am schmerzlichsten?

AA: Jetzt müsste ich pompös antworten, Himmel, ich durfte nicht reisen, der Sinn meines Daseins ist weg, ich latsche von einer Depression in die nächste. Von all dem nichts. Zudem hatte ich das Glück, wenn man es so nennen will, einen Unfall – mit verdrehtem Knie – zu überstehen. Doch in Coronazeiten ein Krankenhaus zu finden, das sich meines rechten Beins erbarmt, kann tatsächlich vier (!) Wochen dauern. Ja, Schmerzen gab es: nicht ins Café gehen, dort nicht lesen und rauchen, nicht ins Kino, dort nicht zittern, heulen und stauen zu dürfen, das war ein hartes Brot.

Andrea Herdegen: Sie haben Ihre 31 Geschichten in sechs Rubriken gruppiert und so die Welt aufgeteilt von „schön“ bis „aussichtslos“. Welches Schlagwort spiegelt aktuell Ihre Weltsicht am ehesten wider?

AA: Jedes zwischen diesen beiden Polen, denn ich bin ein eher labiler Herr, der es nicht lange aushält in einem einzigen Gefühl. Gut, der Reihe nach: Wir haben auf der einen Seite die Glanzlichter der Welt, das umwerfend Schöne, die Millionen Gründe, warum man am Leben sein will, warum man Menschen mag und bewundert. Dann die herausfordernde Welt, die fasziniert, aber anstrengt, zugänglich jedoch nur jenen, die zu schwitzen bereit sind. Dann die geheimnisvolle Welt voller Rätsel, die wir vielleicht nie enträtseln werden. Dann die sagenhafte Welt, die träumen macht wie Märchen. Als Steigerung die unglaubliche Welt, die es gibt und die man nicht glaubt, solange man sie nicht selbst erfahren hat. Und zuletzt die aussichtslose Welt, bei der ich nicht weiß, ob sich je etwas ändern wird. So ändern, auf dass die Beteiligten es in hellere Zustände schaffen. Sogar mit dem letzten Gefühl, dem der Aussichtslosigkeit, kann ich mich zu manchen Zeiten identifizieren. Das sind die Arschtage, an denen man nicht vom Fleck kommt, tatsächlich rückwärts trudelt und von jeder Sinnlosigkeit seines Tuns überzeugt ist. 

Andrea Herdegen:  Egal, an welchen Orten Sie sind: Immer interessieren Sie sich am meisten für die Menschen dort. Überlassen Sie es stets dem Zufall, wem Sie begegnen?

AA: Dem Zufall eher nicht, mehr meinem Hirn und meiner Intuition. Und dem Glück, okay, also auch dem Zufall. Oft mache ich jedoch nichts, stehe nur herum, provozierend herum. Bis jemand anbeißt (mich anspricht), und ich ihn einlade zum Beichten: Der Mensch berichtet und ich höre zu. Je inniger das Zuhören, desto radikaler die Beichte.

Andrea Herdegen:  Welchen der vielen Protagonisten in Ihrem Buch finden Sie in der Rückschau am faszinierendsten

AA: Sorry, ich habe kein Ranking, denn jede und jeder fasziniert mich, der mir etwas erzählt, etwas vorlebt, von dem ich nichts weiß, ich erfreulicherweise nach der Begegnung weniger ignorant bin als zuvor. Natürlich begegnet man als Reporter auch notorischen Langweilern, die landen anschließend als Kollateralschaden im Tagebuch mit dem Vermerk: Nie wieder!

Andrea Herdegen:  Sie machen sich unterwegs täglich Notizen, schreiben Ihre Geschichten aber erst zu Hause in Paris. Wie erleben Sie diese Wochen am Schreibtisch?

AA: Als einer, der jeden zweiten Tag denkt: Das wird nichts. Gewiss, das ätzt. Doch solche Störmeldungen dürfen nicht irritieren. Der Weg Erfolgreicher ist nicht gepflastert mit Talentlosen, sondern mit Begabten, denen irgendwann die Luft ausging. Talent allein reicht nicht. Kraft muss sein, so ein zäher, langer Atem.

Andrea Herdegen:  Sie machen das bereits seit 35 Jahren. War das Reisen früher spannender?

AA: Kommt auf den Reisenden an, weniger eng war es bestimmt. Heute haben wir drei Milliarden mehr Zweibeiner auf dem Planeten. Und Massen waren schon immer der Schreck meines Lebens

Andrea Herdegen:  Im Vorwort schreiben Sie: „Ich will auf die Welt glotzen und nicht auf ein handtellergroßes Display.“ Lässt die wachsende Abhängigkeit vom Smartphone die Menschen intellektuell und emotional verkümmern?

AA: Lassen Sie mich Umberto Eco zitieren: „Mit dem Internet kam der Analphabetismus zurück.“ Das ist hundsgemein übertrieben, aber witzig. Ich glaube, das Internet lässt sich mit Geld vergleichen: Damit kann man Waffen kaufen und Menschen killen. Oder man kann Krankenhäuser hochziehen und Leben retten, soll sagen: Via Internet kann man sanft und konsequent verblöden oder täglich am ungeheuren Wissen der Menschheit teilhaben. „Leben heißt aussuchen“, notierte Tucholsky einmal. Auch hier stimmt der Satz.

Andrea Herdegen:  Ihr Buch haben Sie einer unbekannten Frau gewidmet, die Sie beobachteten, während sie völlig in ihre Lektüre versunken war. Im besten Falle: Was macht Lesen mit uns? 

AA: Sie ist eine lebensrettende Erfindung. Lesen versetzt den Lesenden, so sagen sie in Frankreich, in einen „état second“, in einen zweiten Zustand, in dem man leicht schwebt, in dem man auf grandiose, vollkommen stille Weise mit allen möglichen (geistigen) Welten kommunizieren kann. Und wenn Autorin / Autor es können, dann passiert das, was ich bei dieser Unbekannten gesehen habe: Irgendwann hob sie den Kopf, gänzlich mitgenommen, ergriffen, eine Spur berauscht von dem, was sie gerade gelesen, was sie gerade an sprachlicher Eleganz geschenkt bekommen hat. Lesen ist Glück.

 +++

Ihr Lieben,

hier nochmals der Senf von gestern, aber mit dem Hinweis, dass morgen, Donnerstag, den 27.1., der AA auf Bayern 2 auftaucht. Titel der Sendung:

Eins zu Eins. Der Talk.

Gast: Andreas Altmann.

Die klugen Fragen stellt Gregor Hoppe

(Ihr glaubt nicht, um wie viel intelligenter man antwortet, wenn der Interviewer bestens vorbereitet ist und richtig bohrt.)

Sendezeiten: 27. Januar um 16.05 Uhr, Wiederholung am selben Tag um 22.05 Uhr (anschließend ein Jahr als Podcast auf bayern2 abrufbar).

Thema des Gesprächs, unter anderem: „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag

www.br.de/radio/bayern2

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

Eintrag vom 25.1.2022 

Ihr Lieben,

so, wie anvisiert, nun geht es los.

Morgen, Mittwoch, den 26.1., gibt es ein Live-Interview auf Radioeins, die Fragen stellt Katrin Vass. Je konzentrierter ihr zuhört, desto intelligenter meine Antworten, haha.

In Berlin und Potsdam auf FM 95,8 MHz, ansonsten, hopefully, übers Netz. Ganz gewiss dann in der Mediathek / www.radioeins.de

Am Sonntag dann auf SWR 3 ein anderes Gespräch, weitere Infos folgen.

Alles nicht so wichtig, wer es nicht hört, wird trotzdem überleben. Versprochen.

Vorgestellt wird mein 23. Kind, uff, „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag, das offiziell am 27. Januar in allen schlechten und guten Buchhandlungen, auch online, zu haben ist.

Es geht bei mir immer um dasselbe: um die Welt und die Frauen und Männer, die auf ihr leben und von denen ich wissen will, wie sie mit ihrem Leben umgehen, wie sie scheitern und siegen, wie sie nur scheitern und nie siegen, wie sie vom Glück bestrahlt werden, wie sie intelligent mit diesem Glück umgehen oder es verspielen, sprich, es geht immer um uns alle – auf allen fünf Kontinenten.  Hier das Vorwort, da habt ihr was zum Grinsen, denn A.A. gerät in Not, von der man nicht genau weiß, ob man kichern oder lauthals loslachen soll.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

Ein Motto

Simone de Beauvoir:

Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen. Und außerdem bin ich schrecklich gierig; ich möchte vom Leben alles, ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.

+++

Eine Widmung

Das Buch ist einer Frau gewidmet, die ich nicht kenne. Ich habe sie nur eine halbe Stunde lang gesehen. Von fern, vielleicht aus fünf Meter Entfernung. Ich bin sicher, dass sie mein Anstarren nicht bemerkt hat.

Sie saß und las. Auf einer Bank, mit dem Rücken zur Wand eines Cafés. Sie las wie jemand, der zu einer Spezies gehört, die man für ausgestorben hielt: ganz da, ganz dabei, ganz eins mit dem Buch. Nicht einmal ließ sie die Seiten los, kein Suchen nach dem Handy in der Handtasche, kein Reagieren auf die Geräusche und Stimmen im Raum. Nichts. Das einzige Lebenszeichen kam, als sie umblätterte. Dann wieder totenstilles Versinken.

 Bis sie, die halbe Stunde war vorbei, den Kopf hob und die Augen schloss. Es war der Augenblick, in dem mir Rilkes Gedicht »Der Leser« einfiel, er schreibt da: »… bis er mühsam aufsah alles auf sich hebend, / was unten in dem Buche sich verhielt.« Dieser Leser war sie, die Fremde. Sie war ein Wunder, sie kam von einem fernen Stern. Sie ist der Traum jeden Autors.

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Ein Vorwort aus „Bloßes Leben – Reportagen“

Es war mitten in Afrika. Ich musste über den Kongo, um ins Nachbarland zu gelangen. Die Strömung war heftig, und nur eine müde Piroge stand zur Verfügung. Doch Fährmann Nio lächelte nonchalant und meinte: »Pas de problème.« Wir legten ab.

         Es schaukelte gemein, und eine schwungvolle Welle mehr hätte gereicht, um uns zwei ins Wasser zu kippen. Samt Rucksack. Mit je einer Hand hielt ich mich links und rechts am Bootsrand fest. Wie jemand, der sich an die Armstützen seines Sitzes klammert, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Wie kindlich.

      Ich wurde nicht gelassener, als mir ein Spruch aus dem fernen Indien einfiel. Wie wahr er klang und wie wenig nervenschonend: »Du bist das, was von dir bleibt, wenn du bei einem Schiffbruch alles verlierst – und du nackt den Strand erreichst.«

       Dennoch, der Satz gefiel mir. Er war eindeutig und unvorstellbar. Wie das Foto, das ich als Junge in einem Buch mit dem Titel »Katastrophen von heute« entdeckt hatte: Man sah einen Mann aus einem brennenden Haus fliehen. Darunter stand, dass Herrn Hans W. nichts geblieben war. Nur das bloße Leben. Und die drei angesengten Kleidungsstücke am Leib. Hans im Unglück.

      Ich habe zwei Zimmerbrände hinter mir, kein Vergleich zum Verderben eines Flammenmeers. Sachen gingen verloren, und der tiefe Schreck ließ irgendwann nach. Die lebenslange Furcht vor Feuer, die blieb.

        Die kleineren Malheurs mag ich. Ich bin clever genug, um aus ihnen zu lernen. Aus den großen Debakeln wohl nicht, bin unsicher, ob ich es mit Desastern aufnehmen könnte oder nicht doch zerbrechen würde.

       Alles weg, das ist eine ungeheuerliche Aussicht. Alles, auch die Freunde, die den Untergang oder die Feuersbrunst nicht überlebten. Auch die Freundin, alles, was nah war, unersetzlich nah.

       Nios Lächeln sollte recht behalten. Nur leicht durchnässt erreichten wir das Ufer. Dort warteten bereits die Grenzer auf mich, den weißen Mann. Ihre Haltung war unmissverständlich. Ich legte ein paar schmutzige Scheine in den Pass und konnte passieren.

      »Bloßes Leben« hat verschiedene Bedeutungen. Die oben erwähnte – nichts bleibt dem Menschen – ist wohl die brutalste. Eine andere Form – ich will über sie berichten, obgleich sie kaum zum Ruhm des Autors beiträgt – erzählt von einem Umstand, in dem kein Teil des materiellen Besitzes abhandenkam, auch niemandem Leid geschah. Nein, alles durfte ich behalten, und doch war ich bloß und hilflos. »Bloß«, da aller Fähigkeiten beraubt. Eine peinsame Erfahrung, aber gewiss lehrreich.

       So war es: Eine Frau hatte mich eingeladen, und ich folgte ihrer freundlichen Bitte. Ich fuhr zu ihr, obwohl mein physischer Zustand nach einem schweren Unfall desolat war. Doch die Aussicht auf Nähe und Eros verhinderte den Blick auf die Wirklichkeit. Ich stieg in den Zug.

       Luisa war vorgewarnt und reichte mir gleich auf der Fahrt vom Bahnhof zu ihrer Wohnung starke Schmerzmittel. Die, wie das halbe Dutzend zuvor, keinen einzigen Schmerz linderten.

      Bisweilen tut man Dinge, die man schon bereut, während man sie tut. Ich fühlte mich wie ein Betrüger, der längst ahnt, dass er für etwas anreist, zu dem er nicht imstande sein wird.

      Luisa war selbstbewusst – nicht ohne Grund. Sie sah gut aus, verdiente erfolgreich ihr eigenes Geld, war von niemandem abhängig. Drei so begehrenswerte Eigenschaften. Ach ja, zudem redete sie freundlich und vergnügt.

      Ihr Zuhause hatte alles, was es für ein Liebeswochenende brauchte. Das einzige Accessoire, das fehl am Platz war, war ich.

     Nur mit Mühe schaffte ich die vier Stockwerke hinauf in ihr Penthouse. Seit dem Zusammenstoß zwischen mir, dem Radfahrer, und dem Täter, dem Autofahrer, war mein Skelett aus den Fugen geraten. Wann immer ich es bewegte, fuhr ein Blitz in mich.

      Wir plauderten, es gab Kaffee, und die mitgebrachten Blumen standen neben der Schale mit Keksen. Da wir wussten, worauf wir uns einließen, kam es bald zum ersten Kuss. Er gelang mir noch, denn Luisa, die Biegsame, beugte sich vor zu meinem Mund. Warmer Kuss, der alles versprach.

      Alles umsonst.

      Irgendwann verschwand Luisa, und als sie in die Küche zurückkam, war sie nackt, lächelte und begann zu tanzen. Was für ein Geschenk für einen Mann, dachte ich, und wie vollkommen stimmig die Situation war. Luisa wollte vögeln, und wundersam unbekümmert zeigte sie ihre Trümpfe.

       Wieder umsonst.

       Mein Gerippe war inzwischen versteinert. So zumindest fühlte es sich an. Nur die Hand auszustrecken, ja die kleinste Absicht, den Torso zu bewegen, jagte einen feurigen Stich durch mein Nervensystem. Die vom Schock der Kollision miteinander verklebten Faszien wimmerten beim winzigsten Ruck. Undenkbar, hier als Liebhaber aufzutreten. Ich war impotent, von Kopf bis Fuß. Nichts blieb mir an diesem Tag (und in der folgenden Nacht) als das Leben. Ich lebte, nein, ich war am Leben, aber mehr nicht. Nicht der begehrlichste Reiz auf Erden konnte es mit meinem verwundeten Leib aufnehmen.

       So weit die zweite Bedeutung von »bloß« und »Leben«.

       Nun kommt die dritte, die wichtigste, die, von der im Buch die Rede sein wird. »Bloßes Leben« als Ausdruck von äußerster Innigkeit. In den 31 Geschichten passieren immer wieder Momente, die deshalb so intensiv sind, weil sie nichts anderes benötigen als die Bereitschaft, diese Augenblicke zu leben. So ein ultimatives Jetzt, das absolute Wissen, dass der Zauber, der kleine oder größere Rausch, nur Wert hat, wenn man von Anfang bis Ende dabei ist. Dass kein Zaudern sein darf, da sonst das Geschenk – und dauerte es nur Minuten – entschwindet. Jede Faser soll zucken, soll versichern, dass einen gerade das verheerend grandiose Gefühl durchflutet, unverbrüchlich anwesend zu sein: herzflimmernd und mittendrin.

        Solche Euphorien scheinen nötiger denn je, da wir uns auf eine Gesellschaft hinentwickeln, die jede sinnliche Anstrengung – sinnlich im Sinne von: physisch erfahrbar – auf Biegen und Brechen abschaffen will. In zukünftigen »Smart Houses« ist selbst das eigenhändige Hochheben des Klodeckels verboten. Lieber aufs Smartphone tupfen, als Muskeln zu spüren. Lieber nichts spüren als spüren. Der Körper ist verdächtig, der kann weg.

        Die hedonistische Tretmühle – was für ein Traum! Was für ein Albtraum!

        Eines Tages wird uns beim Verlassen der Wohnung automatisch eine Windel verpasst, und mit dem Babyfon in der Hand dürfen wir nach draußen. Für den Fall, dass es zu nieseln beginnt und wir unverzüglich um Hilfe betteln müssen: Bitte sofort nach Hause evakuieren! Ins Hyggereich mit Sofa und Kuscheltieren – und garantierter Windstille. Ich warte noch auf die stufenlos einstellbare Heizung für den Fahrradsattel. Den Motor haben wir ja schon. Keiner braucht mehr Angst zu haben, dass sein Body zu irgendetwas nütze ist.

       Studien bestätigen es: Sex steigt ab, immer weniger können sich dazu aufraffen. Wie verständlich, denn viel aufregender, als einen Menschen zu beschmusen, ist es, wie offensichtlich, mit Plastik zu spielen. Das kann man hernehmen, weglegen, es riecht nicht, es widerspricht nicht, es ist berechenbar und landet, wenn unbrauchbar, im Müll. Entschieden anstrengender ist da ein Zweibeiner, der nicht sofort pariert, der eigensinnig ist, der sich nicht so umstandslos entsorgen lässt.

        Ich poche auf mein analoges Leben, das keinen Wert darauf legt, rundum »connected« zu sein. Ich will auf die Welt glotzen und nicht auf ein handtellergroßes Display, ich will nicht zermalmt werden von Geschwätz, das durch den Cyberspace wabert. Gleichzeitig, wie menschenfreundlich, verschone ich die Umwelt mit den Pipinachrichten aus meinem Alltag.

         Als ich zum ersten Mal von Jugendlichen hörte, die sich ritzen, um sich via Schmerzen irgendwie wahrzunehmen, irgendwie den Moder der braven, schauerlich voraussehbaren Jahre auszuhalten, habe ich sie sofort verstanden. Ich ritze mich nicht, doch ich haue ab. Irgendwohin, fast egal, wohin. Nur schimmeln darf es dort nicht. Seltsam, aber oft werde ich belohnt für die Beschwernisse. Ich treffe Frauen, ich treffe Männer, und Geschichten passieren, die fremd und wunderlich klingen. Jedenfalls weit weg vom Mief des ewig Gleichen.

      »Am Grabe der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben«, keine Ahnung, wo ich den Satz las. Er ist gemein und leider nicht von mir.

       Ich wünschte, jedes meiner Bücher taugte so nebenbei als Aphrodisiakum. Man liest es, man schluckt es, und nach spätestens einer halben Stunde regt sich die Lust. Aufs Leben.

+++

Ihr Lieben,

hier nochmals der Senf von gestern, aber mit dem Hinweis, dass morgen, Donnerstag, den 27.1., der AA auf Bayern 2 auftaucht. Titel der Sendung:

Eins zu Eins. Der Talk.

Gast: Andreas Altmann.

 Die klugen Fragen stellt Gregor Hoppe

(Ihr glaubt nicht, um wie viel intelligenter man antwortet, wenn der Interviewer bestens vorbereitet ist und richtig bohrt.)

 Sendezeiten: 27. Januar um 16.05 Uhr, Wiederholung am selben Tag um 22.05 Uhr (anschließend ein Jahr als Podcast auf bayern2 abrufbar).

Thema des Gesprächs, unter anderem: „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag

https://www.br.de/mediathek/podcast/eins-zu-eins-der-talk/andreas-altmann-schriftsteller/1848512

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

Eintrag von gestern, 25.1.202

Ihr Lieben,

so, wie anvisiert, nun geht es los.

Morgen, Mittwoch, den 26.1., gibt es ein Live-Interview auf Radioeins, die Fragen stellt Katrin Vass. Je konzentrierter ihr zuhört, desto intelligenter meine Antworten, haha.

In Berlin und Potsdam auf FM 95,8 MHz, ansonsten, hopefully, übers Netz. Ganz gewiss dann in der Mediathek / www.radioeins.de

Am Sonntag dann auf SWR 3 ein anderes Gespräch, weitere Infos folgen.

Alles nicht so wichtig, wer es nicht hört, wird trotzdem überleben. Versprochen.

Vorgestellt wird mein 23. Kind, uff, „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag, das offiziell am 27. Januar in allen schlechten und guten Buchhandlungen, auch online, zu haben ist.

Es geht bei mir immer um dasselbe: um die Welt und die Frauen und Männer, die auf ihr leben und von denen ich wissen will, wie sie mit ihrem Leben umgehen, wie sie scheitern und siegen, wie sie nur scheitern und nie siegen, wie sie vom Glück bestrahlt werden, wie sie intelligent mit diesem Glück umgehen oder es verspielen, sprich, es geht immer um uns alle – auf allen fünf Kontinenten.

Hier das Vorwort, da habt ihr was zum Grinsen, denn A.A. gerät in Not, von der man nicht genau weiß, ob man kichern oder lauthals loslachen soll.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

+++

Ein Motto

Warsan Shire: Letzte Nacht, kurz vor dem Schlafengehen, nahm ich den Globus vom Regal auf meinen Schoß, strich sanft mit dem Finger über die Welt und fragte: »Wo tut’s denn weh?« – »Überall,« flüsterte sie, »überall.«

+++

Eine Widmung

Das Buch ist einer Frau gewidmet, die ich nicht kenne. Ich habe sie nur eine halbe Stunde lang gesehen. Von fern, vielleicht aus fünf Meter Entfernung. Ich bin sicher, dass sie mein Anstarren nicht bemerkt hat.

Sie saß und las. Auf einer Bank, mit dem Rücken zur Wand eines Cafés. Sie las wie jemand, der zu einer Spezies gehört, die man für ausgestorben hielt: ganz da, ganz dabei, ganz eins mit dem Buch. Nicht einmal ließ sie die Seiten los, kein Suchen nach dem Handy in der Handtasche, kein Reagieren auf die Geräusche und Stimmen im Raum. Nichts. Das einzige Lebenszeichen kam, als sie umblätterte. Dann wieder totenstilles Versinken.

 Bis sie, die halbe Stunde war vorbei, den Kopf hob und die Augen schloss. Es war der Augenblick, in dem mir Rilkes Gedicht »Der Leser« einfiel, er schreibt da: »… bis er mühsam aufsah alles auf sich hebend, / was unten in dem Buche sich verhielt.« Dieser Leser war sie, die Fremde. Sie war ein Wunder, sie kam von einem fernen Stern. Sie ist der Traum jeden Autors.

+++

Ein Vorwort aus „Bloßes Leben – Reportagen“

Es war mitten in Afrika. Ich musste über den Kongo, um ins Nachbarland zu gelangen. Die Strömung war heftig, und nur eine müde Piroge stand zur Verfügung. Doch Fährmann Nio lächelte nonchalant und meinte: »Pas de problème.« Wir legten ab.

         Es schaukelte gemein, und eine schwungvolle Welle mehr hätte gereicht, um uns zwei ins Wasser zu kippen. Samt Rucksack. Mit je einer Hand hielt ich mich links und rechts am Bootsrand fest. Wie jemand, der sich an die Armstützen seines Sitzes klammert, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Wie kindlich.

      Ich wurde nicht gelassener, als mir ein Spruch aus dem fernen Indien einfiel. Wie wahr er klang und wie wenig nervenschonend: »Du bist das, was von dir bleibt, wenn du bei einem Schiffbruch alles verlierst – und du nackt den Strand erreichst.«

       Dennoch, der Satz gefiel mir. Er war eindeutig und unvorstellbar. Wie das Foto, das ich als Junge in einem Buch mit dem Titel »Katastrophen von heute« entdeckt hatte: Man sah einen Mann aus einem brennenden Haus fliehen. Darunter stand, dass Herrn Hans W. nichts geblieben war. Nur das bloße Leben. Und die drei angesengten Kleidungsstücke am Leib. Hans im Unglück.

      Ich habe zwei Zimmerbrände hinter mir, kein Vergleich zum Verderben eines Flammenmeers. Sachen gingen verloren, und der tiefe Schreck ließ irgendwann nach. Die lebenslange Furcht vor Feuer, die blieb.

        Die kleineren Malheurs mag ich. Ich bin clever genug, um aus ihnen zu lernen. Aus den großen Debakeln wohl nicht, bin unsicher, ob ich es mit Desastern aufnehmen könnte oder nicht doch zerbrechen würde.

       Alles weg, das ist eine ungeheuerliche Aussicht. Alles, auch die Freunde, die den Untergang oder die Feuersbrunst nicht überlebten. Auch die Freundin, alles, was nah war, unersetzlich nah.

       Nios Lächeln sollte recht behalten. Nur leicht durchnässt erreichten wir das Ufer. Dort warteten bereits die Grenzer auf mich, den weißen Mann. Ihre Haltung war unmissverständlich. Ich legte ein paar schmutzige Scheine in den Pass und konnte passieren.

      »Bloßes Leben« hat verschiedene Bedeutungen. Die oben erwähnte – nichts bleibt dem Menschen – ist wohl die brutalste. Eine andere Form – ich will über sie berichten, obgleich sie kaum zum Ruhm des Autors beiträgt – erzählt von einem Umstand, in dem kein Teil des materiellen Besitzes abhandenkam, auch niemandem Leid geschah. Nein, alles durfte ich behalten, und doch war ich bloß und hilflos. »Bloß«, da aller Fähigkeiten beraubt. Eine peinsame Erfahrung, aber gewiss lehrreich.

       So war es: Eine Frau hatte mich eingeladen, und ich folgte ihrer freundlichen Bitte. Ich fuhr zu ihr, obwohl mein physischer Zustand nach einem schweren Unfall desolat war. Doch die Aussicht auf Nähe und Eros verhinderte den Blick auf die Wirklichkeit. Ich stieg in den Zug.

       Luisa war vorgewarnt und reichte mir gleich auf der Fahrt vom Bahnhof zu ihrer Wohnung starke Schmerzmittel. Die, wie das halbe Dutzend zuvor, keinen einzigen Schmerz linderten.

      Bisweilen tut man Dinge, die man schon bereut, während man sie tut. Ich fühlte mich wie ein Betrüger, der längst ahnt, dass er für etwas anreist, zu dem er nicht imstande sein wird.

      Luisa war selbstbewusst – nicht ohne Grund. Sie sah gut aus, verdiente erfolgreich ihr eigenes Geld, war von niemandem abhängig. Drei so begehrenswerte Eigenschaften. Ach ja, zudem redete sie freundlich und vergnügt.

      Ihr Zuhause hatte alles, was es für ein Liebeswochenende brauchte. Das einzige Accessoire, das fehl am Platz war, war ich.

     Nur mit Mühe schaffte ich die vier Stockwerke hinauf in ihr Penthouse. Seit dem Zusammenstoß zwischen mir, dem Radfahrer, und dem Täter, dem Autofahrer, war mein Skelett aus den Fugen geraten. Wann immer ich es bewegte, fuhr ein Blitz in mich.

      Wir plauderten, es gab Kaffee, und die mitgebrachten Blumen standen neben der Schale mit Keksen. Da wir wussten, worauf wir uns einließen, kam es bald zum ersten Kuss. Er gelang mir noch, denn Luisa, die Biegsame, beugte sich vor zu meinem Mund. Warmer Kuss, der alles versprach.

      Alles umsonst.

      Irgendwann verschwand Luisa, und als sie in die Küche zurückkam, war sie nackt, lächelte und begann zu tanzen. Was für ein Geschenk für einen Mann, dachte ich, und wie vollkommen stimmig die Situation war. Luisa wollte vögeln, und wundersam unbekümmert zeigte sie ihre Trümpfe.

       Wieder umsonst.

       Mein Gerippe war inzwischen versteinert. So zumindest fühlte es sich an. Nur die Hand auszustrecken, ja die kleinste Absicht, den Torso zu bewegen, jagte einen feurigen Stich durch mein Nervensystem. Die vom Schock der Kollision miteinander verklebten Faszien wimmerten beim winzigsten Ruck. Undenkbar, hier als Liebhaber aufzutreten. Ich war impotent, von Kopf bis Fuß. Nichts blieb mir an diesem Tag (und in der folgenden Nacht) als das Leben. Ich lebte, nein, ich war am Leben, aber mehr nicht. Nicht der begehrlichste Reiz auf Erden konnte es mit meinem verwundeten Leib aufnehmen.

       So weit die zweite Bedeutung von »bloß« und »Leben«.

       Nun kommt die dritte, die wichtigste, die, von der im Buch die Rede sein wird. »Bloßes Leben« als Ausdruck von äußerster Innigkeit. In den 31 Geschichten passieren immer wieder Momente, die deshalb so intensiv sind, weil sie nichts anderes benötigen als die Bereitschaft, diese Augenblicke zu leben. So ein ultimatives Jetzt, das absolute Wissen, dass der Zauber, der kleine oder größere Rausch, nur Wert hat, wenn man von Anfang bis Ende dabei ist. Dass kein Zaudern sein darf, da sonst das Geschenk – und dauerte es nur Minuten – entschwindet. Jede Faser soll zucken, soll versichern, dass einen gerade das verheerend grandiose Gefühl durchflutet, unverbrüchlich anwesend zu sein: herzflimmernd und mittendrin.

        Solche Euphorien scheinen nötiger denn je, da wir uns auf eine Gesellschaft hinentwickeln, die jede sinnliche Anstrengung – sinnlich im Sinne von: physisch erfahrbar – auf Biegen und Brechen abschaffen will. In zukünftigen »Smart Houses« ist selbst das eigenhändige Hochheben des Klodeckels verboten. Lieber aufs Smartphone tupfen, als Muskeln zu spüren. Lieber nichts spüren als spüren. Der Körper ist verdächtig, der kann weg.

        Die hedonistische Tretmühle – was für ein Traum! Was für ein Albtraum!

        Eines Tages wird uns beim Verlassen der Wohnung automatisch eine Windel verpasst, und mit dem Babyfon in der Hand dürfen wir nach draußen. Für den Fall, dass es zu nieseln beginnt und wir unverzüglich um Hilfe betteln müssen: Bitte sofort nach Hause evakuieren! Ins Hyggereich mit Sofa und Kuscheltieren – und garantierter Windstille. Ich warte noch auf die stufenlos einstellbare Heizung für den Fahrradsattel. Den Motor haben wir ja schon. Keiner braucht mehr Angst zu haben, dass sein Body zu irgendetwas nütze ist.

       Studien bestätigen es: Sex steigt ab, immer weniger können sich dazu aufraffen. Wie verständlich, denn viel aufregender, als einen Menschen zu beschmusen, ist es, wie offensichtlich, mit Plastik zu spielen. Das kann man hernehmen, weglegen, es riecht nicht, es widerspricht nicht, es ist berechenbar und landet, wenn unbrauchbar, im Müll. Entschieden anstrengender ist da ein Zweibeiner, der nicht sofort pariert, der eigensinnig ist, der sich nicht so umstandslos entsorgen lässt.

        Ich poche auf mein analoges Leben, das keinen Wert darauf legt, rundum »connected« zu sein. Ich will auf die Welt glotzen und nicht auf ein handtellergroßes Display, ich will nicht zermalmt werden von Geschwätz, das durch den Cyberspace wabert. Gleichzeitig, wie menschenfreundlich, verschone ich die Umwelt mit den Pipinachrichten aus meinem Alltag.

         Als ich zum ersten Mal von Jugendlichen hörte, die sich ritzen, um sich via Schmerzen irgendwie wahrzunehmen, irgendwie den Moder der braven, schauerlich voraussehbaren Jahre auszuhalten, habe ich sie sofort verstanden. Ich ritze mich nicht, doch ich haue ab. Irgendwohin, fast egal, wohin. Nur schimmeln darf es dort nicht. Seltsam, aber oft werde ich belohnt für die Beschwernisse. Ich treffe Frauen, ich treffe Männer, und Geschichten passieren, die fremd und wunderlich klingen. Jedenfalls weit weg vom Mief des ewig Gleichen.

      »Am Grabe der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben«, keine Ahnung, wo ich den Satz las. Er ist gemein und leider nicht von mir.

       Ich wünschte, jedes meiner Bücher taugte so nebenbei als Aphrodisiakum. Man liest es, man schluckt es, und nach spätestens einer halben Stunde regt sich die Lust. Aufs Leben.

 

 

 

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Ihr Lieben,

so, wie anvisiert, nun geht es los.

Morgen, Mittwoch, den 26.1., gibt es ein Live-Interview auf Radioeins, die Fragen stellt Katrin Vass. Je konzentrierter ihr zuhört, desto intelligenter meine Antworten, haha.

In Berlin und Potsdam auf FM 95,8 MHz, ansonsten, hopefully, übers Netz. Ganz gewiss dann in der Mediathek / www.radioeins.de

Am Sonntag dann auf SWR 3 ein anderes Gespräch, weitere Infos folgen.

Alles nicht so wichtig, wer es nicht hört, wird trotzdem überleben. Versprochen.

Vorgestellt wird mein 23. Kind, uff, „Bloßes Leben / Reportagen“ / Piper Verlag, das offiziell am 27. Januar in allen schlechten und guten Buchhandlungen, auch online, zu haben ist.

Es geht bei mir immer um dasselbe: um die Welt und die Frauen und Männer, die auf ihr leben und von denen ich wissen will, wie sie mit ihrem Leben umgehen, wie sie scheitern und siegen, wie sie nur scheitern und nie siegen, wie sie vom Glück bestrahlt werden, wie sie intelligent mit diesem Glück umgehen oder es verspielen, sprich, es geht immer um uns alle – auf allen fünf Kontinenten.

Hier das Vorwort, da habt ihr was zum Grinsen, denn A.A. gerät in Not, von der man nicht genau weiß, ob man kichern oder lauthals loslachen soll.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 

Ein Motto

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Eine Widmung

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Ein Vorwort aus „Bloßes Leben“ / Piper Verlag

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Motto

 

Warsan Shire: Letzte Nacht, kurz vor dem Schlafengehen, nahm ich den Globus vom Regal auf meinen Schoß, strich sanft mit dem Finger über die Welt und fragte: »Wo tut’s denn weh?« – »Überall,« flüsterte sie, »überall.«

 

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Widmung

 

Das Buch ist einer Frau gewidmet, die ich nicht kenne. Ich habe sie nur eine halbe Stunde lang gesehen. Von fern, vielleicht aus fünf Meter Entfernung. Ich bin sicher, dass sie mein Anstarren nicht bemerkt hat.

Sie saß und las. Auf einer Bank, mit dem Rücken zur Wand eines Cafés. Sie las wie jemand, der zu einer Spezies gehört, die man für ausgestorben hielt: ganz da, ganz dabei, ganz eins mit dem Buch. Nicht einmal ließ sie die Seiten los, kein Suchen nach dem Handy in der Handtasche, kein Reagieren auf die Geräusche und Stimmen im Raum. Nichts. Das einzige Lebenszeichen kam, als sie umblätterte. Dann wieder totenstilles Versinken.

 Bis sie, die halbe Stunde war vorbei, den Kopf hob und die Augen schloss. Es war der Augenblick, in dem mir Rilkes Gedicht »Der Leser« einfiel, er schreibt da: »… bis er mühsam aufsah alles auf sich hebend, / was unten in dem Buche sich verhielt.« Dieser Leser war sie, die Fremde. Sie war ein Wunder, sie kam von einem fernen Stern. Sie ist der Traum jeden Autors.

 

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 Vorwort

Es war mitten in Afrika. Ich musste über den Kongo, um ins Nachbarland zu gelangen. Die Strömung war heftig, und nur eine müde Piroge stand zur Verfügung. Doch Fährmann Nio lächelte nonchalant und meinte: »Pas de problème.« Wir legten ab.

         Es schaukelte gemein, und eine schwungvolle Welle mehr hätte gereicht, um uns zwei ins Wasser zu kippen. Samt Rucksack. Mit je einer Hand hielt ich mich links und rechts am Bootsrand fest. Wie jemand, der sich an die Armstützen seines Sitzes klammert, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Wie kindlich.

      Ich wurde nicht gelassener, als mir ein Spruch aus dem fernen Indien einfiel. Wie wahr er klang und wie wenig nervenschonend: »Du bist das, was von dir bleibt, wenn du bei einem Schiffbruch alles verlierst – und du nackt den Strand erreichst.«

       Dennoch, der Satz gefiel mir. Er war eindeutig und unvorstellbar. Wie das Foto, das ich als Junge in einem Buch mit dem Titel »Katastrophen von heute« entdeckt hatte: Man sah einen Mann aus einem brennenden Haus fliehen. Darunter stand, dass Herrn Hans W. nichts geblieben war. Nur das bloße Leben. Und die drei angesengten Kleidungsstücke am Leib. Hans im Unglück.

      Ich habe zwei Zimmerbrände hinter mir, kein Vergleich zum Verderben eines Flammenmeers. Sachen gingen verloren, und der tiefe Schreck ließ irgendwann nach. Die lebenslange Furcht vor Feuer, die blieb.

        Die kleineren Malheurs mag ich. Ich bin clever genug, um aus ihnen zu lernen. Aus den großen Debakeln wohl nicht, bin unsicher, ob ich es mit Desastern aufnehmen könnte oder nicht doch zerbrechen würde.

       Alles weg, das ist eine ungeheuerliche Aussicht. Alles, auch die Freunde, die den Untergang oder die Feuersbrunst nicht überlebten. Auch die Freundin, alles, was nah war, unersetzlich nah.

       Nios Lächeln sollte recht behalten. Nur leicht durchnässt erreichten wir das Ufer. Dort warteten bereits die Grenzer auf mich, den weißen Mann. Ihre Haltung war unmissverständlich. Ich legte ein paar schmutzige Scheine in den Pass und konnte passieren.

      »Bloßes Leben« hat verschiedene Bedeutungen. Die oben erwähnte – nichts bleibt dem Menschen – ist wohl die brutalste. Eine andere Form – ich will über sie berichten, obgleich sie kaum zum Ruhm des Autors beiträgt – erzählt von einem Umstand, in dem kein Teil des materiellen Besitzes abhandenkam, auch niemandem Leid geschah. Nein, alles durfte ich behalten, und doch war ich bloß und hilflos. »Bloß«, da aller Fähigkeiten beraubt. Eine peinsame Erfahrung, aber gewiss lehrreich.

       So war es: Eine Frau hatte mich eingeladen, und ich folgte ihrer freundlichen Bitte. Ich fuhr zu ihr, obwohl mein physischer Zustand nach einem schweren Unfall desolat war. Doch die Aussicht auf Nähe und Eros verhinderte den Blick auf die Wirklichkeit. Ich stieg in den Zug.

       Luisa war vorgewarnt und reichte mir gleich auf der Fahrt vom Bahnhof zu ihrer Wohnung starke Schmerzmittel. Die, wie das halbe Dutzend zuvor, keinen einzigen Schmerz linderten.

      Bisweilen tut man Dinge, die man schon bereut, während man sie tut. Ich fühlte mich wie ein Betrüger, der längst ahnt, dass er für etwas anreist, zu dem er nicht imstande sein wird.

      Luisa war selbstbewusst – nicht ohne Grund. Sie sah gut aus, verdiente erfolgreich ihr eigenes Geld, war von niemandem abhängig. Drei so begehrenswerte Eigenschaften. Ach ja, zudem redete sie freundlich und vergnügt.

      Ihr Zuhause hatte alles, was es für ein Liebeswochenende brauchte. Das einzige Accessoire, das fehl am Platz war, war ich.

     Nur mit Mühe schaffte ich die vier Stockwerke hinauf in ihr Penthouse. Seit dem Zusammenstoß zwischen mir, dem Radfahrer, und dem Täter, dem Autofahrer, war mein Skelett aus den Fugen geraten. Wann immer ich es bewegte, fuhr ein Blitz in mich.

      Wir plauderten, es gab Kaffee, und die mitgebrachten Blumen standen neben der Schale mit Keksen. Da wir wussten, worauf wir uns einließen, kam es bald zum ersten Kuss. Er gelang mir noch, denn Luisa, die Biegsame, beugte sich vor zu meinem Mund. Warmer Kuss, der alles versprach.

      Alles umsonst.

      Irgendwann verschwand Luisa, und als sie in die Küche zurückkam, war sie nackt, lächelte und begann zu tanzen. Was für ein Geschenk für einen Mann, dachte ich, und wie vollkommen stimmig die Situation war. Luisa wollte vögeln, und wundersam unbekümmert zeigte sie ihre Trümpfe.

       Wieder umsonst.

       Mein Gerippe war inzwischen versteinert. So zumindest fühlte es sich an. Nur die Hand auszustrecken, ja die kleinste Absicht, den Torso zu bewegen, jagte einen feurigen Stich durch mein Nervensystem. Die vom Schock der Kollision miteinander verklebten Faszien wimmerten beim winzigsten Ruck. Undenkbar, hier als Liebhaber aufzutreten. Ich war impotent, von Kopf bis Fuß. Nichts blieb mir an diesem Tag (und in der folgenden Nacht) als das Leben. Ich lebte, nein, ich war am Leben, aber mehr nicht. Nicht der begehrlichste Reiz auf Erden konnte es mit meinem verwundeten Leib aufnehmen.

       So weit die zweite Bedeutung von »bloß« und »Leben«.

       Nun kommt die dritte, die wichtigste, die, von der im Buch die Rede sein wird. »Bloßes Leben« als Ausdruck von äußerster Innigkeit. In den 31 Geschichten passieren immer wieder Momente, die deshalb so intensiv sind, weil sie nichts anderes benötigen als die Bereitschaft, diese Augenblicke zu leben. So ein ultimatives Jetzt, das absolute Wissen, dass der Zauber, der kleine oder größere Rausch, nur Wert hat, wenn man von Anfang bis Ende dabei ist. Dass kein Zaudern sein darf, da sonst das Geschenk – und dauerte es nur Minuten – entschwindet. Jede Faser soll zucken, soll versichern, dass einen gerade das verheerend grandiose Gefühl durchflutet, unverbrüchlich anwesend zu sein: herzflimmernd und mittendrin.

        Solche Euphorien scheinen nötiger denn je, da wir uns auf eine Gesellschaft hinentwickeln, die jede sinnliche Anstrengung – sinnlich im Sinne von: physisch erfahrbar – auf Biegen und Brechen abschaffen will. In zukünftigen »Smart Houses« ist selbst das eigenhändige Hochheben des Klodeckels verboten. Lieber aufs Smartphone tupfen, als Muskeln zu spüren. Lieber nichts spüren als spüren. Der Körper ist verdächtig, der kann weg.

        Die hedonistische Tretmühle – was für ein Traum! Was für ein Albtraum!

        Eines Tages wird uns beim Verlassen der Wohnung automatisch eine Windel verpasst, und mit dem Babyfon in der Hand dürfen wir nach draußen. Für den Fall, dass es zu nieseln beginnt und wir unverzüglich um Hilfe betteln müssen: Bitte sofort nach Hause evakuieren! Ins Hyggereich mit Sofa und Kuscheltieren – und garantierter Windstille. Ich warte noch auf die stufenlos einstellbare Heizung für den Fahrradsattel. Den Motor haben wir ja schon. Keiner braucht mehr Angst zu haben, dass sein Body zu irgendetwas nütze ist.

       Studien bestätigen es: Sex steigt ab, immer weniger können sich dazu aufraffen. Wie verständlich, denn viel aufregender, als einen Menschen zu beschmusen, ist es, wie offensichtlich, mit Plastik zu spielen. Das kann man hernehmen, weglegen, es riecht nicht, es widerspricht nicht, es ist berechenbar und landet, wenn unbrauchbar, im Müll. Entschieden anstrengender ist da ein Zweibeiner, der nicht sofort pariert, der eigensinnig ist, der sich nicht so umstandslos entsorgen lässt.

        Ich poche auf mein analoges Leben, das keinen Wert darauf legt, rundum »connected« zu sein. Ich will auf die Welt glotzen und nicht auf ein handtellergroßes Display, ich will nicht zermalmt werden von Geschwätz, das durch den Cyberspace wabert. Gleichzeitig, wie menschenfreundlich, verschone ich die Umwelt mit den Pipinachrichten aus meinem Alltag.

         Als ich zum ersten Mal von Jugendlichen hörte, die sich ritzen, um sich via Schmerzen irgendwie wahrzunehmen, irgendwie den Moder der braven, schauerlich voraussehbaren Jahre auszuhalten, habe ich sie sofort verstanden. Ich ritze mich nicht, doch ich haue ab. Irgendwohin, fast egal, wohin. Nur schimmeln darf es dort nicht. Seltsam, aber oft werde ich belohnt für die Beschwernisse. Ich treffe Frauen, ich treffe Männer, und Geschichten passieren, die fremd und wunderlich klingen. Jedenfalls weit weg vom Mief des ewig Gleichen.

      »Am Grabe der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben«, keine Ahnung, wo ich den Satz las. Er ist gemein und leider nicht von mir.

       Ich wünschte, jedes meiner Bücher taugte so nebenbei als Aphrodisiakum. Man liest es, man schluckt es, und nach spätestens einer halben Stunde regt sich die Lust. Aufs Leben.

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Ihr Lieben,

die katholische Kirche ist – wir wissen es längst, – für die größeren Schadtaten in unserer Gesellschaft verantwortlich. Jetzt hat es sogar einen Ex-Stellvertreter Gottes erwischt, Ratzinger alias Benedikt XVI. Wenn nicht beim Kindsmissbrauch, so doch beim Gewähren von Kindsmissbrauch. Dass er nun lügt, sobald er den Mund aufmacht, sollte uns nicht überraschen. Hätte ich soviel Schande auf mich geladen, ich würde auch lügen.

Erstaunlich, wie viele heute noch (scheinheilig?) überrascht tun, wenn sie von den christlichen Untaten hören. Wo leben diese Leute Seit Jahrzehnten kommen weltweit und in Millionenstärke die einschlägigen Grausamkeiten des „allein selig machenden Glaubens“ ans (düstere) Licht.  

Hier ein Auszug aus „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“, haha, meine Generation ist in nichts überrascht. Sie spürte noch die absolute, absoluteungecheckte Knute der Pfaffen.

Seid wachsam!

 

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier ein Auszug aus dem Kapitel 26, die Namen der hier erwähnten katholischen Täter sind Klarnamen. Leider sind sie tot, sie kamen ungestraft davon. Wiewohl Abertausende andere Pfaffen, die sich an Kindern vergriffen haben:

„…. Pfarrer Asenkersch baumer hatte noch einen Kollegen, auch Kaplan, auch in Altötting stationiert: Josef Strohammer war mein erster Religionslehrer, größer und noch wuchtigr als der rote Teufel. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Erst bei der Recherche zu diesem Buch kam er zurück in mein Gedächtnis, da ich eine Frau traf, in die ich als kleiner Junge verliebt gewesen war. Sie war zauberhaft. Barbara (so soll sie heißen) war die Hübscheste in der Nachbarschaft, ein blondes Gesicht mit blonden Zöpfen. Aber ich wagte kein Wort. Einmal hielt ich eine riesige Kastanie in meiner rechten Hand, als Geschenk. Sie hat nie davon erfahren.

     Als wir die vielen Jahre später über „damals“ redeten, fiel irgendwann der Name von Josef Strohammer. Nur der Name fiel. Erst bei unserem dritten Treffen hatte Barbara genug Vertrauen und berichtete von ihrem „Erlebnis“ mit dem – so wurde er immer vorgestellt – „geweihten Mann“. Der Geweihte unterrichtete Religion auch an ihrer Mädchenschule, bei den „Englischen Fräuleins“, die selbst nicht dazu autorisiert waren. Denn das „Wort Gottes predigen“ war Männersache. Brachte es Asenkerschbaumer zum Kinderschläger, so schaffte es Strohammer zum Kinderschänder. Der eine hasste Frauen, der andere missbrauchte sie. Im Gnadenort Altötting. Hier Barbara H.’s Bericht (eine Eidesstattliche Versicherung wird bei Bedarf vorgelegt):

     „Herr Strohammer steht vor uns, der dritten Volksschulklasse. Wir sollen auf die ‚Heilige Kommunion’ vorbereitet werden. Nachdem er uns alle gezählt hat, müssen die ‚Evangelischen’ den Raum verlassen und jede von uns bekommt eine eigene Bank. Er nimmt mich als einzige bei der Hand und führt mich zu einem Platz neben der Tür. Die Hand ist groß, rau, hält mich wie eine Zange. Mir ist das peinlich, aber vielleicht gehört das zum Unterricht.

     Dritte Stunde. ‚Alles heilig’, sagt der Herr Kaplan, wie lieb uns Jesus hat, die unglaubliche Gnade, dass wir Kommunionkinder sein dürfen. Dass wir Jesus lieben müssen und auch sonst ganz lieb sein müssen. Ja, ich will lieb sein, fühle mich schon ganz heilig werden. Da plötzlich die laute Stimme des Kaplans. Hat er meinen Namen genannt? Habe ich nicht aufgepasst? Tatsächlich. ‚Barbara, du siehst so blass aus, ist dir nicht gut?’ Was, ich? Nein, mir geht es ausgezeichnet, bin ganz bei der Sache. ‚Nein, Barbara, ich glaube, du brauchst frische Luft.’ Aber ich brauche jetzt keine frische Luft, ich bin wohlauf. Das sage ich auch. Aber der Mensch lässt nicht locker: ‚Doch, wir gehen jetzt an die frische Luft, ich will nicht verantworten, dass dir hier was passiert.’ Er kommt an meine Bank, zieht mich hoch, nimmt meinen Arm und schiebt mich hinaus. Die erstarrte Klasse, ich schaue hilflos zurück, Stille, niemand sagt was, nur maßloses Staunen. Raus. Bis runter zur Tür, die in den Garten hinter der Schule führt, denke ich noch: Womöglich hat er mehr gesehen als ich, womöglich bin ich kreidebleich und falle gleich um. Der Religionslehrer geht langsam, schaut sich um, zieht mich weiter, hat meine Hand eisern im Griff. Niemand im Garten, hohe Hecken zwischen den Kieswegen. Er späht nach allen Seiten und zerrt mich in eine Nische, gut verborgen. Dann berührt er umgehend meinen Kopf, fährt über meine Haare, umfasst mit beiden Händen meine Schultern, drückt mich an sich, mein Kopf jetzt an seinem Bauch, drückt mich weiter nach unten, jetzt mein Gesicht zwischen seinen Beinen, ich denke, ich muss ersticken, er klammert noch härter, ich sehe nur noch schwarzen Stoff, er riecht, er hat so viel Kraft, ist so groß, er atmet wie ein Stier. Plötzlich sind meine Füße weg vom Boden, er zieht mich nach oben, zerrt an meiner Unterhose, seine dicken Finger bohren herum, wollen irgendwie in mich hinein. Ich strample, trete mit den Beinen, schreie, sofort ist seine linke Hand auf meinem Mund, presst ihn zu. ‚Still, Kind, still!’, dann wieder ein Spähen nach allen Seiten, dann: ‚Alles ist in Ordnung, die Luft hat dir gut getan, geh jetzt schön zurück in die Klasse.’ Ich stoße mich ab, renne zur Schule und traue mich nicht, vor meine Mitschülerinnen zu treten. Meine zerzausten Haare, das wild klopfende Herz, die brennenden Backen. Ich schäme mich zutiefst. Aber vor der Tür stehen zu bleiben, geht auch nicht. Zudem besteht die Gefahr, nochmals allein diesem Mann zu begegnen. Mit gesenktem Kopf trete ich ein und setze mich an meinen Platz. Vollkommenes Schweigen. Eine, zwei Minuten später kommt auch der Priester zurück, bestens gelaunt: ‚Siehst du, Barbara, jetzt hast du eine frische Farbe.’ Ich schaue ihn nicht an, stiere nur auf das Holz der Bank, weiß, dass ich schuldig bin, dass ich versagt habe, dass niemanden außer mir eine Schuld trifft. Der Herr Kaplan erzählt wieder vom heiligen Jesus und wie lieb der uns hat, wenn wir auch lieb sind.“

 

PS: Weiteren Versuchen des Geistlichen, sie an die frische Luft zu drängen, hat Barbara energisch widerstanden. Sie weiß natürlich nicht, wer noch an der Schule in den Genuss hochheilig geweihter Geilheit kam. Denn wie so viele Opfer hat sie die Untat lange Zeit für sich behalten. Schuldbewusst, immer gepeinigt von dem Gedanken, dass es an ihr lag, an ihrem Wesen, warum der Pfarrer sich so „komisch“ benommen hatte. (Ähnlich ihrer Schwester, die ebenfalls aufs Schwerste sexuell behelligt wurde und anschließend kein Wort verlauten ließ; die Geschwister „klärten“ sich erst Jahrzehnte später gegenseitig „auf“.) Dieses Schweigen ist mit ein Grund, warum Josef Strohammer, versto

rben 1976, mit den typisch scheinheiligen Hymnen der Dankbarkeit ob seiner langjährigen Verdienste beerdigt wurde. Keine Stimme erhob sich am Grab, um seine sexuellen Missbrauchseskapaden an Achtjährigen zu denunzieren …“

+++

Ihr Lieben, danke an alle, die etwas für Afghanistan abgedrückt haben.Jetzt muss ich endlich wieder etwas Erfreuliches, haha, über mich berichten.

Doch zuerst der nochmalige Hinweis auf die beiden Gespräche mit Erik Lorenz, unserem Super-Tausendsassa. Zudem gibt es Ende August wiedesein Weltwach-Festival. Ich habe keine Ahnung, auf wie vielen Hochzeiten er tanzt, aber er tanzt rastlos

Gespräch mit Andreas Altmann:

https://weltwach.de/ww229-andreas-altmann/

https://weltwach.de/ww230-andreas-altmann/

Jetzt das Löbliche (über AA), okay, ich weiß, Lobsprüche von anderen über sich zitieren stinkt fast wie Eigenlob. Aber wie gesagt, zum hehren Menschenwesen reicht es bei mir nicht, ich bin unter anderem eitel, ruhmsüchtig und scharf auf Mails, die durchaus ab und an ein gutes Wort für den Schreiber abfallen lassen. Dass ich allerdings mit „s. g. H. A.“ angesprochen wurde, hat mich 48 Stunden lang in eine Depression gerissen. Bin ich „ehrenwert“?, haha, ich fürche, nein.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier steht alles, vor Tagen eingetroffen:

 „Sehr geehrter Herr Altmann, ich habe im Oktober 2021 in einer kleinen Bücherei Ihr Buch „das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ entdeckt und gelesen. Ich habe mit dem Lesen von Büchern sehr spät angefangen, dafür dann umso intensiver. Von den vielen Büchern, die ich über das Leben, menschliche Schicksale und die Freiheit bisher gelesen habe, gehört Ihr Buch zu der Handvoll jene, die mich am meisten fasziniert haben. Es hat mich während des Lesens so gefesselt, das ich mit dem Lesen nicht aufhören konnte und hoffte, das Geschriebene würde ebenfalls nicht aufhören. Nicht zuletzt habe ich in Ihren Erlebnissen ein paar Berührungspunkte mit meinem Leben als Jugendlicher erkannt.

     Der nächste Schritt war selbstverständlich: Ich habe mich über Ihre Werke informiert und in der Mainzer Stadtbücherei vier von Ihren Büchern als verfügbar gefunden, die ich zurzeit mit derselben Freude lese wie Ihr o. g. Werk (die restlichen hole ich auch noch irgendwie nach).

      Warum empfinde ich Ihre Lektüre so? Ich versuche es in einfachen Worten zu formulieren: Weil Sie neben Ihrer literarischen Eleganz Ihre Botschaft einfach und authentisch vermitteln (beneidenswert!). Ihr Schreibstil lädt zum Weiterlesen ein, man will – nein – , man kann nicht mit dem Lesen aufhören. Und weil Sie über die Wirklichkeit im Leben schreiben – die schöne und die tragische. Und weil nach fast jedem Kapitel das Gelesene zum Nachdenken über das eigene Leben anregt.

      Ich will Sie ermutigen, mit Ihrer Arbeit als Reporter und Buchautor weiterzumachen und uns Lesern über das wirkliche Leben mit allen ihren Facetten, über Ihre Erlebnisse und Ihren Gedanken weiter zu beschenken. Beste Grüße, XY.“

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Ihr Lieben,

hier ein schneller Zwischenruf. Wieder und wieder Bilder aus Afghanistan gesehen, ein Land, in das ich mich auf mehrfachen Reisen verliebt habe. Die Bilder sind herzzerreißend. Millionen dort geht es dreckig. Nichts zu knabbern, nichts zu heizen, nichts, um sich zu freuen.

Uff, ich bin nicht der gute Mensch aus Paris, versprochen: Nein. Okay, ich habe gespendet, aber ich könnte mehr hergeben, doch ich tue es nicht.  Es reicht eben nicht zum wirklich Gutsein.  

Nun, ich denke, wenn jede/r von uns etwas rausrückt, dann macht das einen Haufen Geld und hilft. Ich spende grundsätzlich an das Rote Kreuz (man kann gezielt für „Afghanistan“ überweisen), auch weil ich einmal eine Reportage über diese Organisation in Kabul gemacht und gesehen habe, wie klug, wie verantwortungsbewusst und wie zäh sie vor Ort die ihnen anvertrauten Gelder einsetzen. Die Scheine gelangen nicht in die Hände der Taliban-Halunken, sondern dorthin, wo sie gebraucht werden. Aber auch „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten bestens, auch „Save the children“, egal, Hauptsache, wir reagieren. Wer nichts spendet, darf nie wieder ein Buch von mir lesen, haha.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

hier nun der zweite Teil des Gesprächs mit Erik Lorenz. Ich sollte das nicht tun, denn in den Kommentaren an mich, die mich per Mail erreichen, sprechen alle von Erik und keine/r von Ändru. Muss das sein? Haha.In einer Woche kommt der Hinweis auf das neue Buch, plus Hinweis auf Lesungen, plus Abdruck des Vorworts (da gibt es was zum Lachen).

Im Februar dann wieder ein „Preisausschreiben“, ihr müsst also das Buch kaufen und von vorn bis hint lesen. Der Gewinn ist viel höher als das bisschen Geld für „Bloßes Leben“.

Amüsiert euch, danke, herzlich, Andreas.

https://weltwach.de/ww230-andreas-altmann/

 

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Ihr Lieben,

jung und alt schlachtet mich, diesmal hat die Jugend, Mister Erik Lorenz, wieder zugeschlagen. Gut, dass ihr nur hört und nicht seht, wie ich nach diesen Folter-Interviews erledigt bin. Aber Erik, der kanns, der ist meisterlich vorbereitet, kann unheimlich penetrant nachfragen und tut genau das, was einen veritablen Reporter ausmacht: Radikale Neugier!

Ich danke euch, herzlich, Andreas Altmann.

Es ist der erste Teil von zwei Interviews, da ich nach dem ersten für Wochen unters Intensivzelt musste, haha. Der zweite Teil kommt noch.

Der Hinweis sei noch erlaubt, dass es in dem Gespräch auch um mein neues Buch geht, das unter dem Titel „Bloßes Leben / Reportagen“ am 27.1. erscheint.

Das Foto zeigt links den pretty Boy Erik. Wobei der Hinweis erlaubt sei, dass alle Aufregung zu nichts führt, denn EL ist bereits vergeben!

 Gebrauchsanweisung für Heimat – mit Andreas Altmann (1/2)

 https://weltwach.de/ww229-andreas-altmann/

 

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Ihr Lieben,

hier wieder ein Podcast, geschuldet dem unheimlichen, dem unglaublichen Kristian Thees vom SWR 3 – meist gehörter Radiosender im Land.

      Auf nach Irland. Und jeder, der dieses Land kennt, weiß, dass dort sagenhaft viele Irinnen und Iren leben, die außergewöhnlich begabt mit Sprache umgehen. Der Sprachverliebtesten von allen, Susann, bin ich begegnet. Ihr glaubt nicht, was Sprache alles an Herrlichkeiten provozieren kann.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 SPRACHVERLIEBT IN GALWAY

https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

 

 

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Ihr Lieben,

der 24. liegt hinter uns, auch diesen Voodoo haben wir überlebt. Allerdings, auf die Wiederkunft vom Jesuskindlein auf Erden bleiben ja noch zwischen fünf und sieben Milliarden Jahre …

Hier ein Text von einem verehrten Kollegen, von Colin Goldner, Sachbuchautor mit Doktortitel und tausend menschen- und tierfreundlichen Taten. Er ist ebenfalls Mitglied der Giordano Bruno Stiftung, die sich ja die Vermehrung von Hirn und Verstand und Humanismus zur Aufgabe – hundsgemein schwere Aufgabe – gemacht hat. Sowohl über Colin als auch die GBS könnt ihr meilenlang Informationen im Netz finden.

Eines von Colins vielen Projekten ist das „Great Ape Project“. Damit unsere Vorfahren – wir sind offensichtlich nicht nach dem Antlitz des katholischen Herrgotts kreiert worden, haha – in einigermaßen tiefwürdigen Verhältnissen leben können.

 Hier seine witzigen Zeilen zur Niederkunft des christlichen „Gottessohnes“. Sie sind hochamüsant und tragen einmal mehr dazu bei, etwas Helligkeit in die zähste Fake News der Weltgeschichte zu bringen. So ganz umsonst ist weder Colins Arbeit noch die der GBS, denn 2022 wird das erste Jahr, in dem weniger als 50 Prozent der deutschen Bevölkerung Mitglied in einer der beiden christlichen Kirchen sind. Die Massenaustritte sind gewiss ein Zeichen von Intelligenz, da kognitive Fähigkeiten und der läppische Aberglauben an die „heilige Dreifaltigkeit“ nicht zusammenpassen. Sie sind aber auch ein Zeichen von Mitgefühl für all die namenlosen Opfer des beispiellos kriminellen „allein selig machenden Glaubens“. Jetzt das Wort an Colin!

Liebe Mitäffinnen und Mitaffen,

nach allem, was wir von den anderen Großen Menschenaffen wissen – Orang Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos -, unterscheiden wir Menschen uns in kognitiver, affektiver, sozialer und kommunikativer Hinsicht von ihnen allenfalls graduell. Bildlich, aber evolutionstheoretisch richtig gesprochen, sind Menschen, Schimpansen und Bonobos Geschwister, Gorillas sind ihre gemeinsamen Cousins, und Orang-Utans sind etwas weiter entfernte Großcousins. Zusammen mit ihnen gehören wir zur Familie der Altwelttrockennasenaffen.Nach allem, was wir von ihnen wissen, ist das einzige, was uns wirklich von ihnen unterscheidet: die Religion. Unsere haarige Verwandtschaft glaubt an keine Götter, Messiasse und Propheten, sie baut keine Kirchen, Tempel oder Synagogen, sie hat keine Heiligen Schriften und kennt keine Priester, Imame, Rabbiner und sonstige Weihwasserwedelschwinger.

Andere Primaten feiern insofern auch kein Weihnachten, an dem vor gut 2000 Jahren ein „Erlöser“ zur Welt gekommen sei, der, gezeugtvon einem Geistwesen und geboren aus einer Jungfrau, ebendiese Welt von Sünden zu befreien verspricht, die es ohne ihn und die dazugehörige Priesterschaft gar nicht gäbe. Und zwar dadurch, dass er sich gut dreißig Jahre später zu Tode foltern läßt, von den Toten aufersteht und in den Himmel fährt, um dort seinen Vater, der er irgendwie selber ist, mit der sündigen Menschheit zu versöhnen, so dass dieser den Menschen besagte Sünden nachlässt, was ihnen erlaubt, selbst in den Himmel zu fahren, anstatt ewige Höllenqual erdulden zu müssen…usw…blabla…des abgedrehten Schmonzes ist kein Ende.

Solch psychiatriereifen Wahnwitz können sich nur Menschen ausdenken (um Macht über andere zu gewinnen), und an solchen Wahnwitz könen auch nur Menschen glauben. Andere Primaten nach allem, was wir von ihnen wissen, tun das nicht: damn lucky devils they are….

 

ps: es ist im Übrigen mithin die Katholische Kirche, die sich seit je und mit größter Vehemenz gegen die Forderungen des Great Ape Project ausspricht, den Großen Menschenaffen bestimmte Grundrechte – auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche wie psychische Unversehrtheit – zuzugestehen. Warum? Weil Gott den Menschen, so die Offenbarung des Alten Testaments (1.Mose 1:26), nach seinem Ebenbilde geschaffen habe. Würden die Großen Menschenaffen, so die (ernsthaft so vorgetragene) Argumentation der katholischen Kirche, dem Menschen irgendwie gleichgestellt, würde das im Umkehrschluß bedeuten, dass Gott womöglich das Antlitz eines Orang Utan oder eines Gorillas trüge. Und allein solche Vorstellung sei gotteslästerliche Blasphemie …

 

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Ihr Lieben,

hier noch eine kleine Geschichte aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Als Gegengift gegen all das schwachsinnige Gebimmel von wegen „Heiligabend“. Die schönsten Geschenke, die man einander machen kann, sind tiefe, sinnliche Erfahrungen. Ganz analog, ganz körperlich, ganz seelisch, ganz weit weg von irgendeinem Gerät, das dich von der Wirklichkeit trennt.

    Auf nach Vietnam, auf nach Hanoi, mitten in eine Opiumhöhle. Man sollte die ersten Zeilen sehr genau lesen. Denn das folgende Vergnügen ist nur für Leute, die stark sind, die nichts wissen wollen von Abhängigkeit, die „Nein“ sagen können, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Das Glück des Augenblicks: Hanoi

Fragt man Leute nach etwas Verbotenem, sagen sie zuerst: Keine Ahnung! Die Absage kommt zu schnell, als dass man nicht ahnte, sie wüssten ein Geheimnis. So verführt man sie zur Vertrauensseligkeit. Man muss so reden und sich so aufführen, dass jeder Verdacht aus ihnen weicht. Dann hören sie auf zu argwöhnen: dass man zur Polizei gehört, dass man für die Presse arbeitet, dass man als Halunke unterwegs ist.

     Drogen. In Hanoi. Sie sind überall und überall tabu. Mit Recht. Ich bin an Gestalten vorbeigekommen, hier und anderswo, die vermuten lassen, dass sie ihre strahlenden Jahre schon hinter sich haben. Frauen und Männer, die irgendwann vergaßen, dass sie sich mit einer unberechenbaren Geliebten einließen.

      Ich nicht. Ich lege mich bisweilen zu ihr und vergesse nie, wann ich aufstehen und sie verlassen muss. Damit ich unbeschwert wieder kommen darf. Das ist die Faustregel. Wer sie missachtet, den nimmt die Schöne mit in die Hölle.

      Längst habe ich begriffen, dass ich an gewisse Zustände – emotional oder mental – nur über Rauschmittel herankomme. Auch verstanden, dass mir die Zeit fehlt, als züchtiger Yogi in einer Himalaya-Grotte zu sitzen und eine kleine Ewigkeit lang durchs linke Nasenloch zu pusten: um eines fernen Tages die Erdanziehung zu überwinden und abzuheben.

       Irgendwann gibt Huong, der Nachtportier meines Hotels, nach und schreibt eine Adresse auf. Auf Vietnamesisch. Ich zeige sie Dieng, dem jungen Taxifahrer, setze mich auf den Soziussitz seiner Dream Honda, und wir düsen durch die Straßen der Hauptstadt.

      Wenn das kein Glück auf Erden ist: elegant vom warmen Nachtwind begleitet auf ein Ziel zuzusteuern, das innigste Freuden verspricht.

      Bald verliere ich jede Orientierung, aus den Alleen werden Gassen, die bunten Lichter verschwinden, durch die Fensterscheiben sieht man Leute auf einem Sofa sitzen, das Flackern der Fernsehbilder auf ihren Gesichtern. Dieng muss einmal fragen, dann steige ich vor einem unscheinbaren Haus ab. Wir verabschieden uns. Wie von Huong angewiesen, klopfe ich viermal, und Sekunden später öffnet ein älterer Herr, der mir – wunderlich romantisch – eine Öllampe vor die Nase hält. Wohl, um zu checken, ob ich der „Weiße“ bin, den der Rezeptionist angekündigt hat.

      Ich bin es, freundlich nickt mein Gastgeber mit dem Kopf, deutet an, ihm zu folgen. Mitten in seine Bude im Hinterhof, mit zwei sorgsam via Pappe abgedichteten Fenstern. Mister Dang (nennen wir ihn so) spricht kein Wort Englisch und ich keine drei Wörter Vietnamesisch, meist unverständlich. Das sind die besten Voraussetzungen für die kommende Seligkeit, denn Stille ist dabei so unverzichtbar wie das Rauschgift.

     Das Zimmerchen, etwa vier mal vier Meter, ist kaum möbliert, nichts Wuchtiges, kein Schrank, nur eine Etagere mit Nippes, Räucherstäbchen und einem Bild von Buddha. Ein paar Kerzen brennen. Und in eine Ecke gerückt, versteckt sich eine schmale Couch, auf der – eher üblich in solcher Umgebung – jemand liegt. Diesmal eine junge Frau, eine Kundin, sie chillt aus, sie schläft vermutlich. Sie wird nicht stören. Opiumraucher sind friedlich. Reden ist verpönt.

    Da ich klare Verhältnisse mag, ziehe ich einen Schein heraus und schaue den Hausherrn fragend an. Er versteht sofort und schreibt den (korrekten) Preis auf seinen Handballen. Ich zahle.

       Ein rascher Hinweis: Bei derlei Unternehmungen nur so viel Geld mitnehmen wie nötig, Transportkosten und Vergnügungsspesen. Der Rest, inklusive Kreditkarten, bleibt zu Hause. Drogen schwächen, auch das Hirn, auch die Wachsamkeit.

       Dang weiß Bescheid, er ist ein professioneller opium man: keine fahrigen Bewegungen, keine Hast. Eine Zeremonie muss stattfinden, sonst stimmt es nicht. Wir legen uns auf die Strohmatte am Boden, ein kurzer Abstand trennt uns, am Kopfende flackert eine Funzel. Aus einer Schatulle fischt Dang einen fingerdicken Riegel Chandu, das „gereinigte“ Opium, bricht einen Teil ab, knetet ihn, hält ihn mit einer Nadel ins Feuer, drückt den winzigen Klumpen in den Kopf der 30 Zentimeter langen Pfeife, dreht sie um, platziert sie über der Flamme und zieht tief am Mundstück, behält für Sekunden den Rauch, bläst ihn langsam aus. Mehrere Durchgänge.

        So ist es üblich, der Boss ist der Gast des Kunden, beide genießen.

        Ich kenne den Genuss seit Urzeiten. Und bin nie ein „Großer Raucher“ geworden. So wurden die chinesischen Junkies des 19. Jahrhunderts genannt, die es auf hundert Pfeifen pro Tag (!) brachten. Kein Wunder, dass es kurz vor der kommunistischen Machtübernahme – 1949 – über vierzig Millionen Süchtige im Land gab.

       Big smoker, big calamity.

     Ich hatte Glück, mein Leben verlief nicht so ausweglos, auch kujonierte – wie die Engländer damals China – keine fremde Macht die Länder, in denen ich eine Opiumhöhle aufsuchte. Auch rauchte ich nie – so geschehen im frühen China –, um Hungergefühle wegzudrücken. Zudem habe ich ein Dutzend Reportagen über das Thema geschrieben und genug Süchtige, Todessüchtige und einschlägige Leichen gesehen, um mich zu wappnen gegen haltlose Versuchungen.

     Ich liebe meine Freiheit, sie ist nicht verhandelbar. Mit niemandem, keinem Gott, keiner Frau, keinem Mann, keiner Ideologie. Und keiner Droge auf Erden.

      Aber ja, Drogen sind Heimat. Weil ein Gefühl entsteht, das ich wiederhaben will: Wärme, eine Art Zuhause, so etwas wie Schutz. Und ich nähere mich Bewusstseinsebenen, die sonst unerreichbar wären. Sie gehören ins Fach Weltkunde. Gewiss, die Neugierigen sollten auf der Hut sein. Man betritt ein Territorium, das fremd ist. Und riskant. Das fordert Umsicht.

     Zuletzt, ich will es mit meinen Rechtfertigungen nicht übertreiben, erst recht nicht jetzt, da ich mich mit Dang auf den Weg in eine vielversprechende Zukunft mache: die kommende Nacht. Hier also die ganze Wahrheit, ja, ich will mich vergnügen. Tage kommen, an denen ist mir die Welt zu viel, auch meine acht Milliarden Nachbarn, auch das Leben. Nein, ich bin dann nicht gefährdet, suche mir kein Plätzchen, von dem aus ich ins Bodenlose springe. Will nur pausieren vom Weltenlärm, vom Siegen müssen, vom Rennen um die Wette.

       Da kommt Opium wie gerufen. Vor meiner letzten Operation fragte mich der Anästhesist, ob mich die Narkose beunruhigen würde. Ich musste lachen, nein, ich liebe sie. Dieses sagenhafte Gefühl, den Kopf zu verlieren, für Stunden nichts denken, für absolut nichts verantwortlich zu sein.

      Was für ein Hochgefühl, als Dang mir die wohlpräparierte Pfeife reicht. Jetzt leicht auf die linke Seite drehen, sie in beide Hände nehmen, die Augen schließen und das Gift in die Lungen ziehen. Ich mache es wie der Meister, drei Durchgänge, wie in Zeitlupe, fast betulich und unfehlbar konzentriert. Nichts darf ablenken, es sind die Augenblicke einer wundersamen Vorfreude.

    Daliegen, dösen und auf die Glücksgefühle warten. Ruhe zieht in mein Herz, Dang strahlt Souveränität aus, ich kann mich auf ihn verlassen. Ein so intimer Akt funktioniert nur, wenn sich die Beteiligten Vertrauen schenken: Dang weiß, dass ich ihn als Chef respektiere, und ich weiß nach den ersten Zügen, dass er mir keinen gestreckten Dreck anbietet. Das schafft Seelenfrieden.

      Nach mehreren Runden kocht Dang Tee. Wichtig für die mittlerweile taubtrockenen Mundhöhlen. Ich biete ihm meine Zigarillos an, er lächelt listig. Wir mögen uns. „Zigarettenpausen“ sind üblich, sie dehnen die Stunden, sie verhindern, dass man zu schnell die Droge konsumiert.

         Als wir uns wieder hinlegen, fällt mein Blick auf das Sofa. Die Frau ist inzwischen verschwunden, leise wie eine Katze. Das bedächtige Inhalieren beginnt von Neuem. Nichts auf Erden stört, nur ewige Stille, nur die winzigen Geräusche, wenn Dang die Pfeife reinigt und das Opium nachlegt.

       Irgendwann geht mir die Zeit abhanden, tiefe Nacht muss es sein. Der Augenblick ist da, in dem ich genau das werde, was ich sein will: gleichgültig, nein, vollkommen gleichgültig. Ich schob gerade die Welt von meinen Schultern und – wie überraschend – sie zerschellte nicht. Wie beruhigend. Opium gilt als „downer“, weil es nicht aufputscht, nicht wach macht, nicht erhitzt. Koks, ein „upper“, ist das Gegenteil, man redet drauflos, hat Ideen, wird quirlig und fiebrig. Auch gut, doch jetzt habe ich diese Sehnsucht nach Nichtssein. Manche erzählen von erotischen Fantasien, wenn das Opium durch ihren Körper wandert. Ich nicht, ich rauche, um alles loszuwerden. Jedes Verlangen, selbst ein so mächtiges.

      Ich will versöhnt sein. Ich will sein, was ich sonst nie will: apathisch, ohne Wut, ohne Geilheit, ohne jede Gier. Ich will mein Ego einschläfern. Ich will leise und glücklich sein.

         Dang sorgt dafür, ohne Fehl und Tadel verbringen wir die Stunden. Ohne ein einziges Wort. Nicht einmal die Kraft in mir, darüber nachzudenken, ob Dang dem Gift schon verfallen ist. Höchstwahrscheinlich. Er legt sich gewiss täglich auf den Boden und driftet ins Nirwana.

      Es dauert, bis ich die nötige Willenskraft organisiere, um auf die Uhr zu schauen. Immerhin kurz vor fünf. Morgendämmerung, jetzt ist Zeit, dass ich verschwinde. Mehr Seligkeit geht nicht.

        Als ich am späten Nachmittag in meinem Hotelbett aufwache, bin ich unfähig, mich daran zu erinnern, wie ich dort ankam. Weiß nur noch, dass ich den Zettel mit der Hoteladresse aus meiner Hosentasche zog und einem Taxifahrer hinstreckte. Dann Blackout. Ich muss einen Heiligen getroffen haben, einen, der sich auskannte mit (friedlichen) Zombies. In der anderen Hosentasche steckten die Scheine für die Fahrt, reichlich nach oben aufgerundet. Die sind weg, und ich will hoffen, dass der Richtige sie gefunden hat.

      Man kann sich tatsächlich eine Heimat und ein Glück kaufen. Für eine ganze Nacht. Irgendwo im riesigen Hanoi fand ich beides. Seite an Seite mit einem Wildfremden.

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Ihr Lieben,

ich will noch einmal auf mein 22. Kind (sprich Buch, denn zu einem richtigen Vater habe ich es nie geschafft) hinweisen. Bevor das 23. – Ende Januar nächsten Jahres – zur Welt kommt. Himmel, was bin ich oft schwanger in meinem Leben gewesen. Und ich schwöre: sich ein Buch aus dem Leib zu pressen ist nicht weniger von Ängsten und Mühseligkeiten begleitet wie eine leibhaftige Geburt in einem Kreißsaal.

  Ah, da fällt mir ein, dass dieses Wort von „kreißen“ kommt, was soviel wie „gebären“ hieß, aber auch mit „krizen“ zu tun, ein Verb aus dem Mittelhochdeutschen, was sich, wie offensichtlich, nach „schreien“ anhört.

 Ah, was muss ein Mensch, der schreibt, oft schreien und stöhnen, bis ein paar flotte Zeilen zum Vorschein kommen.

Genug des Selbstmitleids, haha.

Die Kritik hat Mirja-Leena Zauner von der Passauer Neuen Presse geschrieben. Das war früher ein bigottes Sprachrohr für die katholische Kirche. Das hat sich radikal geändert, inzwischen ist daraus eine veritable Tageszeitung geworden. Ganz undenkbar wäre so eine Kritik in meiner Jugend gewesen. Doch seit auch in Bayern die namenlosen Verbrechen der k. K. stadtbekannt wurden, weht ein anderer Wind. Gut so.

Ich danke euch, herzlich, Andreas

https://www.pnp.de/lokales/landkreis-altoetting/altoetting/Altoettinger-schreibt-Gebrauchsanweisung-fuer-Heimat-3980061.html

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Ihr Lieben,

ein neues Buch droht. Wie immer dreht es sich in den knapp 300 Seiten um das ewig gleiche Thema in meinen Büchern: wie Frauen wie Männer mit ihrem Leben umgehen. Was sie aus ihm machen. Wie sie verlieren oder bravourös davonkommen. Wie sie lieben oder die Liebe verraten.

Jeder dieser Menschen, über den ich erzähle, hat mich etwas gelehrt. Und wäre es nur die Erkenntnis: So will ich es nicht machen. Andere habe ich beneidet. Und beneide sie noch immer. Denn sie verfügen über ein Talent und/oder ein „besonderes Kennzeichen“, das mir fehlt. Und fehlen wird. Keine der Begegnungen – auch nicht die mühsamen, die aggressiven – will ich bereuen. Denn ich war hinterher stets reicher, wusste mehr über die Welt und ihre Bewohner. Und Erfahrungen, heißt es, tragen zum Glück eines Menschenlebens bei.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

www.andreas-altmann.com

Eins der Motti, das am Anfang des Buchs steht:

Simone de Beauvoir: Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen. Und außerdem bin ich schrecklich gierig; ich möchte vom Leben alles, ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.

Ab 27. Januar 2022

„Bloßes Leben – Reportagen“, Piper Verlag

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Ihr Lieben,

ihr wisst es. Wenn mich etwas leicht nervt, atme ich tiefer und verscheuche die Blödheit. Wenn der Irrsinn aber meine Eingeweide erreicht, dann gehe ich in meine Munitionskammer, die deutsche Sprache, um Wörter zu finden, die krachen. Das wird die Blödheit nicht mindern, aber ich atme hinterher freier.

Hier der ganz normale Wahnsinn: In der FAS lese ich ein Interview mit der Schauspielerin NIlam Farooq. Ich kann nichts sagen über ihre Begabung, aber über ihren Geisteszustand – wenn das kein Widerspruch in sich ist – schon. Sie wird gefragt, ob sie – pakistanisch-polnischer Abstammung – schon persönlich Rassismus erlebt habe? Nein, direkte Angriffe nicht, aber durchaus „Alltagsrassismus“.

Bitte, jetzt anschnallen, denn wir nähern uns dem ersten Grad von Schwachsinn. Frau Faroop – immerhin 32 und nicht 12 – gibt Beispiele dafür, wie in ihrem Leben der Alltagsrassismus bereits getobt hat, ich zitiere wörtlich: „Oft sind es Äußerungen, die den Menschen gar nicht auffallen. Eine Kostümbildnerin meinte mal: ‚Ihr habt immer so schöne Namen.‘ Ich weiß, das war als Kompliment gemeint. Aber was meint sie, wenn sie ‚ihr‘ sagt? Wer sind ‚wir‘? Ich höre auch so was wie: `Guck mal, ich habe mir extra für dich diese Ohrringe angezogen‘.“

Wer hier nicht sofort schwer betroffen erkennt, dass eine durch und durch unbewusste Kostümbildnerin ihren bösartigen Alltagsrassismus an Opfer Nilam Farooq ausgelebt hat, ja, noch brutaler, jemand die rassistische Frechheit besitzt, jemandem zuliebe bestimmte Ohrringe zu tragen, dem oder der ist in seiner mentalen Verwahrlosung hier auf Erden nicht mehr zu helfen.

Ich warne euch, denn ich werde derlei Übeltäter nicht, wie NF weiter ausführt, freundlich über den schrecklichen Fauxpas aufzuklären, nein, ich bin ein eher nervöser Typ, sprich: Sollte jemand bei einer meiner nächsten Partys auf mich zukommen – wissend, dass ich aus Bayern stamme – und mir dreist ins Gesicht sagen, dass „ihr in Bayern immer so schöne Lederhosen habt“, dann poliere ich ihm die Fresse und drohe dem Dodel – schon am Boden liegend –, dass ich ihm mithilfe eines weltbesten Anwalts seinen Alltagsrassismus noch austreiben werde.

Interessant natürlich die Frage, wie man es zu einem solchen Gipfel von Hysterie schaffen kann. Jemand macht eine liebenswerte Bemerkung und der Adressat des Kompliments mutiert zum hochgradig beleidigten Würstchen. Ich vermute, es bedarf dreier Voraussetzungen:

1 / Ich bin radikal humorlos!

2 / Ich bin rigoros frei von jedem Talent für Leichtigkeit und Ironie!

3 / Ich bin ein gnadenloser Narzisst, der rund um die Uhr, jeden Tag im Jahr, davon überzeugt ist, dass mein Arsch der wichtigste ist, der sich gerade durch das Universum bewegt. So das war‘s, ich atme entschieden entspannter, ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

Ried war die Sensation, HURRA, die Bude war voll und der Verkauf ein Rekord, man will nicht klagen.

Nun, Kristian Thees, dieser Workaholic beim SWR3, hat mich wieder eingeholt. Diesmal in einem Café, einem sehr speziellen Kaffeehaus. Eine Art Kurhaus, Liebeskammer, Beichtstuhl, Lesezimmer, Hafen für Träumereien etc.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

„Ein Wunder und Nervenheilanstalt“

Hier draufklicken:
https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.htm

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Ihr Lieben,

heute wieder ein Podcast auf SWR 3 mit Kristian Thees, bei dem ich ganz offensichtlich einen Lebensvertrag unterschrieben habe. Heute geht es um einen Rasenden, der immer nachts ausrastet, um sorgende Frauen und „aspekte“, die Sendung für kluge Köpfe: Die Kamera schaut mir zu – ich bin auf meiner Tour von Paris nach Berlin kurz vor dem Ziel –, wie ich auf den letzten Metern Geld  noch einmal schnorre, um unverhungert anzukommen. 

Ich danke euch, herzlich, Andreas,

„Betteln und Hungern zwischen Paris und Berlin“

 https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

hurra, am kommenden Samstag, 30.10., gibt es eine etwas spezielle Lesung. In Oberursel, haha, kann ein Name schöner sein?

Lesung zuerst aus „Frauen.Geschichten.“, dazwischen Liebesgedichte (nicht von mir!), dann noch ein, zwei Stücklein aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“.

Anbei das Vorwort aus „Frauen.Geschichten.“, damit die Herrschaften, die auf Bumsgeschichten lauern, gleich vorweg enttäuscht werden. Sie kommen nicht vor.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto zeigt Frauen, die – leider nicht mich –, sondern Karl Lauterbach begrüßen, als er mit neuer Frisur und frisch renovierten Zähnen die Klinik verlässt. Some guys have all the luck.

VORWORT aus „Frauen.Geschichten

„Frauen“ steht auf dem Cover. Weiß jemand einen Begriff im Universum, der mehr Hintergedanken, mehr Atemlosigkeit, mehr Kopflosigkeit, mehr Gier und Begehren lostritt? Und mehr Anbetung oder Verachtung, mehr Heuchelei und Geilheit, mehr Respekt oder Gewalt, mehr Poesie oder boshafte Nachreden? Gibt es ein Phänomen in der Geschichte der Menschheit, das so rastlos zum Träumen verführt, so penetrant die eine Hälfte der Weltbewohner – die Männer – mit Sehnsucht überflutet, ja, sie dazu treibt, etwa 600 Mal täglich – so die Untersuchungen – an die anderen fünfzig Prozent zu denken? Voller Sinnenlust. Denken zu müssen. Schier hilflos und zwangsweise. Weil wir doch alle wissen, dass noch immer nichts Bewegenderes zwischen Himmel und Erde entdeckt wurde. Als sie.

      Ich erinnere mich an eine Szene in einer kleinen französischen Stadt. Ich saß auf einer Bank und die frühe Abendsonne leuchtete auf die Enten im Fluss. Zwei Bänke weiter befand sich eine Gruppe Männer, einer stand und unterrichtete den Koran. „Allah hört und sieht alles“, hörte ich ihn sagen. Und während der Eifrige Beispiele vom Alleshörer und Allesseher Allah vorbrachte, geschah etwas ganz Irdisches. Von der Brücke näherte sich eine hübsche Frau. Und Allah und ich sahen, wie die sechs verstohlen zur Seite, Richtung Sünde, schielten.

     Wie beruhigend, dachte ich, dass eine weibliche Brust, obwohl zur Hälfte bedeckt, imstande war, letzte göttliche Wahrheiten zu unterlaufen. Und mit keinem Wort, mit keinem Versprechen einem halben Dutzend Gottesfürchtigen für Minuten den Verstand raubte. Was für ein überwältigender Beweis: dass Schönheit wirklich ist und alles andere daneben kläglich auf der Strecke bleibt. Ja, so nah fühlte ich mich den Muslims, jenseits aller Verschiedenheiten: Jeder von uns spürte seinen Hunger nach Eros, nach Nähe zu diesem Busen.

         Über „seine“ Frauen zu berichten ist ein waghalsiges Unternehmen. Das dürfen Pornostars, um ein bisschen Wind zu machen für ihren gar unerotischen Job. Leute eben, deren Gemächt unter Umständen – nach dem schweißtreibenden Reinundraus – im berühmten Phallusmuseum von Reykjavík landet. Damit wir ergriffen bestaunen, was alles menschenmöglich ist.

      Ich bin kein professioneller Steher, an allen Ecken und Enden meines Körpers fehlt mir das erforderliche Werkzeug. Trotzdem schreibe ich das Buch. Weil ich etwas – so elegant wie möglich – preisgeben will. Eben keine „Bettgeschichten“ (wie geisttötend), sondern Geschichten: über jene, die mein Leben bereichert haben. Und jene, die es eine Spur ruiniert haben. Und jene, die genug Entschlossenheit für ihre Träume mitbrachten. Und jene, die in ein biederes Dasein schlitterten. Und jene, die einmal Miss Schönheitskönigin waren und bald mit einem verwüsteten Leib daherkamen. Und jene, die von Melancholie und Lebensekel getrieben den Freitod wählten. Und jene, die an Drogen zugrunde gingen. Und jene, die von Männern vergewaltigt wurden. Und jene, die mit der Waffe an der Schläfe missbraucht wurde. Und jene, die von einem Mann getötet wurde. Und jene, die als Pastorin das rechte Sein von der Kanzel predigte. Und jene, der ich das Leben rettete. Und jene, die einmal 500-Kunden-Hure war. Und jene, die mir mit überirdischer Nachsicht meine Mittelmäßigkeiten vergaben. Und jene, denen Nachhilfeunterricht in puncto Sinnenfreude und Liebeskunst gut getan hätte. Und jene, die ihre Koffer voller Trostlosigkeiten bei mir abstellten. Und jene, die ein Meer der Freude ausbreiteten. Und jene, die in beispielloser Armut auf Matratzenfetzen schliefen. Und jene, die über dem Bett einen (echten) Lichtenstein und einen (echten) Rauschenberg hängen hatte. Und jene, die in meinen Armen in Tränen ausbrachen. Und jene, die an jedem Tag mehr Mut besaßen als ich. Und jene, mit denen ich bei einem Guru tage- und nächtelang das unbeschwerte Geben und Nehmen von Wärme und Begehren übte. Und jene, die als Peepshow-Girl endete. Und jene, die mir beim Schmusen 1001 Weisheiten und Heimlichkeiten verrieten. Und jene, die ihren Körper als lebloses Sperrgut wahrnahmen. Und jene, die – schlimmer noch – gelangweilt beim Liebemachen einschlief. Und jene, die mir erlaubten, ihren von den Göttern entworfenen und von den Liebesgöttern beseelten Leib einzuatmen. Und jene, die auf Geld bestanden für Nähe. Und jene, die mir Geld stahl. Und jene, die mir ein Kind aufbürden wollten. Und jene, die furchterregend jung waren. Und jene, die um viele Sterntaler generöser waren als ich. Und jene, die nackt mit mir in Räumen verschwanden, wo andere Frauen und Männer auf uns warteten. Und jene, die nie etwas wissen wollten von mir. Und jene, die Rache nahmen, weil ich jeder Versuchung nach ihnen widerstand. Und jene, die mit leichter Hand meinem Männerkörper die Furcht austrieben. Und jene, die meine Leichtigkeit genossen.

         Sex war oft nur der (treibende) Vorwand, das Vorspiel: um von ihrem Leben zu erfahren. Nicht als Heiratsschwindler, um ihre Bankkonten auszuspionieren. Nicht als Dieb auf der Suche nach Diebesgut. Nicht als Schweinehund, um delikate Informationen abzugreifen. Nein, aber: Ich verlangte immer auch, in ihr Herz, in ihren Kopf zu dringen. Alles, was ich wollte, war alles. All ihr Wissen, all ihr Fühlen. So spielte ich nebenbei den Beichtvater. Damit sie erzählten. Auch ihre unzivilisiertesten Gedanken. Auch ihre dunklen Abgründe.

        Doch keine wurde hinterher bestraft, keiner die Hölle in Aussicht gestellt. Denn zu meinen guten Eigenschaften gehört, dass mich die bürgerliche Moral nicht interessiert, sprich: Jede Frau durfte ihre Masken ablegen, die ihr die Gesellschaft, der religiöse Mumpitz, das Elternhaus, die Schule, wer auch immer, verpasst hatten. Etwas wie Wahrheit fand statt, auf fünf Kontinenten, mit allen Hautfarben: oft beflügelnd, bisweilen bitter und dramatisch.

      Klar, niemand entkommt seiner Kindheit. So oder so wird sie einen begleiten. Die meine hat mich – nach langen Jahren der Drangsal – auf verheißungsvolle Weise angefeuert: mich nie so aufzuführen wie mein Vater in der intimen und nicht so intimen Nähe seiner Frau. Und partout jenen davonzulaufen, die meiner schönen Mutter glichen: leidend, duldend, gefügig, erbsündenverdummt, ja, ohne jeden Funken Lust im Leib: fürs Amlebensein, für die verspielten Eskapaden der Libido.

     „Der Mensch hat ein Recht auf ein gutes Leben“, so Artikel 2.2. des Grundgesetzes. Und deshalb verbringe ich mehr Zeit mit Frauen als mit Männern. Sie versprechen mehr Swing und mehr Geheimnis und mehr Innigkeit. Denn Männer sind wie ich: weniger verschlungen, weniger rätselhaft, ein ganzes Lichtjahr weniger attraktiv. Wäre ich all diesen Frauen nicht begegnet, ein Ozean voll bewegender Stürme und Schiffbrüche würde mir fehlen. Frauen sind ein ungemein potentes Aphrodisiakum, um mein Leben auszuhalten. Das Buch ist folglich auch ein Loblied, eine Hymne von einem, der blüht, wenn ihm Schönheit und Klugheit über den Weg laufen. Und eingeht, wenn sie ausbleiben. Vom Zauber singen – das ist ein formidabler Zeitvertreib.

     Jede Frau – egal, wie sie mit mir umging – hat mich etwas gelehrt. Über sich, über die Welt, über mich. Ob mir das gefiel oder nicht. Aber hinterher war ich klüger. Manchmal ein bisschen, manchmal viel. Begriff mehr über die Tiefen und Untiefen menschlichen Verhaltens. So handelt das Buch – nebenbei – von mir: der, wie so viele seiner Generation, in der Jugend ein Frauenbild verabreicht bekam, das vor Anmaßung und blanker Dummheit strotzte. Der eine Giftsuppe schlucken musste, die alte Säcke – ob nun von Religion korrumpiert oder eiskalt zynisch – tausende Jahre lang angerichtet hatten. Um ihre Pfründe zu behalten, um ihr vom Platzen bedrohtes Ego nicht zu gefährden. Ich hatte Glück, bald spuckte ich das Gift wieder aus. Was ich wohl den Frauen verdanke. Sie waren die ersten, die mir beibrachten, dass ewige Wahrheiten nichts taugen.

Oberursel | 30.10.2021 | 18.00 Uhr
Andreas Altmann liest aus „Frauen.Geschichten.“

Dazwischen herrliche und böse Liebesgedichte aus der Weltliteratur

und er liest aus seinem letzten Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Academy of Stage Art
Zimmersmühlenweg 27
61440 Oberursel

Reservierungen:
Tel 0151 / 57.83.31.13. oder office@academyofstagearts.de

verschwänden. Die Stinklaune bliebe, und so müsste man sich auf die Suche nach neuen Bösewichten machen. Was für ein Scheißleben.

       Wenn ich ihnen zusehe beim Hassen und Brüllen, sehe, wie sie dem Ruf der Horde folgen, dann frage ich mich, ob Deutschland mir jetzt näher ist oder sich von mir entfernt. Wohl näher. Weil das, was ich (trotzdem) liebe, besudelt wird. Und Mitgefühl produziert Wärme. Ich mag ebenfalls ein sauberes Deutschland und radikal entnazifiziert mag ich es am liebsten.

        Ich bin meinem Land schon deshalb zugetan, weil wir ein parlamentarisches Regierungssystem geschafft haben. Es ist natürlich wie alles, was mit Geist zu tun hat, gefährdet. Geht es in die Brüche, dann bekommen wir wieder einen starken Mann. Beruft sich der Rachsüchtige zudem auf einen Allmächtigen (Herr H. fühlte sich von der „Vorsehung“ beschützt), müssen wir uns erst recht Sorgen machen: Unzählige werden sich aufs Neue bereit erklären, für Landesfürst und Himmelsfürst das eigene Leben wegzuwerfen. Und das der anderen.

     Dass offiziell die Trennung von Kirche und Staat stattfand (inoffiziell wird weiterhin da und dort gemauschelt), das ist noch ein Grund, Deutschland hochleben zu lassen. Jede Aktion, die Machtkartelle spaltet, ist ein Segen für die Menschheit.

    Schon erstaunlich, wie mühsam es ist, jeden Menschen zur Menschenwürde zu überreden. Zu überzeugen, dass sie nicht nur ihm, sondern auch den Übrigen zusteht. Dass sie unantastbar sei, klingt wie eine ferne Mär. Etwa acht Milliarden befinden sich augenblicklich auf dem Planeten. Ob alle täglich ihre angemessene Ration Würde beziehen, das Grundnahrungsmittel, ohne das keiner über die Runden kommt?

       Spotlight: Ich bin in der U-Bahn einer Großstadt unterwegs. Ein Mann kriecht auf seinen beiden Beinstümpfen durch den Mittelgang, um eine Spende bittend. Das wäre die erste Entwürdigung: dass einer im stinkreichen Europa so überleben muss. Aber das reicht nicht. Die meisten daddeln sorglos auf ihren Handys weiter, als der Alte an ihnen – unüberhörbar, unübersehbar – vorbeizieht.

 

Man schließt zuweilen die Augen. Um die Minuten auszuhalten.

     

Das geht durchaus: Sein Land schätzen und dennoch im Ausland leben. Wie ich. Schon lange. Irgendwie finde ich das hip. Auf jeden Fall hipper als im selben Kaff auf die Welt zu kommen und im selben Kaff die Welt zu verlassen. Klingt das arrogant? Von mir aus, doch der Mensch braucht Abwechslung. Sonst vergrindet er.

       Da die deutsche Sprache jenes „Teil“ Deutschlands ist, das mich am innigsten mit ihm verbindet, ja, ich blindlings verliebt bin in sie, spielt Entfernung keine Rolle. In modernen Zeiten kann ich sie überall hören, überall lesen.

         „Wer kennt England, der nur England kennt?“, heißt es. Der Blick auf das eigene Land fordert Distanz. Dann sieht man die Unterschiede, sieht auf das, worauf man nie möchte, und das, um was man die anderen beneidet. Jedes Werturteil besteht aus Vergleichen. Venedig ist ein Traum, weil Chongqing ein Albtraum ist. In den Schwarzwald verschaut man sich, weil man Landschaften aus Beton im Kopf abgespeichert hat. Das Schöne wird sichtbar, weil das Hässliche existiert. Wäre alles schön, gäb’s nichts Schönes. Wäre alles hässlich, wüssten wir nicht, was das ist. Würde die Erde nur aus Deutschland bestehen, wir Deutschen hätten keine Ahnung von uns.

      Der Mensch muss raus, muss weg, er soll von der Welt wissen und lernen: die intelligenteste Voraussetzung, um ein kosmopolitischer Patriot zu werden.

       Jeder hat seine Gründe, warum er Deutschland lobt. Ich bin jetzt tapfer und verkünde, dass mich die Titel eines Fußballweltmeisters, eines Autoweltmeisters und eines Exportweltmeisters nicht in freudigen Irrsinn treiben. Sie sind mir, uff, herzlich egal. Früher habe ich dagegen gemault, wenn die Massen in den Stadien tobten. Inzwischen bin ich milder geworden. Aber ja, sie sollen sich amüsieren. Solange sie nicht „Neger raus“ und „Schwule Sau“ schreien, bin ich durch und durch tolerant. Dennoch, ob die Deutschen am weltmeisterlichsten einen Ball in ein 7,32 breites und 2,44 Meter hohes Gehäuse knallen, noch ehrlicher: Nicht vieles lässt mich weniger kalt.

        Als ich auf einer Amerikareise nach Orlando kam und dort Disneys „Magic Kingdom“ besuchte und entdecken durfte, dass Deutschland von drei Bierkrüge schwingenden Lederhosendodel „repräsentiert“ wurde, war ich beleidigt. Ich muss kein „great, greater, greatest Germany“ vorgeführt bekommen, doch ein Trio Besoffener als Quintessenz meines Landes, das ist ein starkes Stück.

       Dann kam die Jahrtausendwende, und die Amerikaner machten es wieder gut: Albert E., der Große, wurde – die Konkurrenz war kolossal – vom Time Magazin zum „Mann des 20. Jahrhunderts“ gewählt. Und Johannes G., das andere Genie aus einer früheren Zeit, wurde zum „Mann des Jahrtausends“ bestimmt.

       Ich war beruhigt. Und hochgestimmt, ja, gerührt. Ich schwärme immer von Deutschland, wenn sein Name im Zusammenhang mit Scharfsinn auftaucht. Wenn seine Geschenke an die Welt zur Entdeckung dieser Welt beitragen. Und wenn es Warmherzigkeit – so geschehen 600 Jahre nach Gutenberg – beweist und einer knappen Million Frauen und Kindern und Männern, die vor Tod und Teufel flohen, eine erste Unterkunft gewährt. Wie sagte es Marek Halter, der Schriftsteller aus Paris: „Gut ist, was Menschen hilft zu leben, und böse, was sie daran hindert.“

     Ich rede so (auch) aus eigennützigen Motiven: Vielleicht geht es mir eines Tages dreckig, und jemand läuft mir über den Weg, der mir keine Moralpredigt hält, sondern etwas zum Essen herausrückt, ja, sich nach einem Platz umhört für mich zum Schlafen. Das Leben funktioniert nur, zumindest auf Dauer, wenn ich – in den Zeiten, in denen ich stark bin – bereit bin, mich vom Unglück eines Unbekannten bewegen zu lassen. Nur nehmen, das endet früher oder später, eher früher, ungut.

     Jede Heldentat generiert hässliche Nebenwirkungen. Ich weiß um die Komplexität des Themas, ich weiß, dass manche die Gastfreundschaft missbrauchen und niederträchtige Taten begehen, ich weiß, dass manche lügen und ihr Leid erfinden, ich weiß, dass so mancher Nachhilfeunterricht in Menschenrechten und zivilisierter Grundordnung benötigt.

       Das ändert nichts an der Großtat, die irgendwann in den Geschichtsbüchern stehen wird. Um bis ans Ende der Welt zu leuchten.

      Noch ein Absatz zur Eindeutigkeit. Im Französischen gibt es den Begriff „angélisme“, in dem das Wort Engel steckt. Wer davon befallen ist, redet wie ein himmlisches Wesen, immer von Reinheit und Naivität getrieben, immer bereit, nichts von den dunklen Schatten in uns, in uns allen, wissen zu wollen.

       Unmissverständlich: Wen Not heimsucht, weil seine Heimat in Flammen steht, weil ein Krieg wütet, weil eine Bande blutrünstiger Gangster regiert, weil irgendein Wahn zur Jagd auf Homosexuelle anstiftet: Der hat jedes Recht auf Schutz. Gerade in Deutschland, das über mehr Geldhaufen und Geltung verfügt als (fast) alle anderen Nationen. Und dieses Land – jetzt kommt die Gegenleistung – hat das Recht, dass jeder, der von dieser Hilfestellung profitiert, die „Spielregeln“ akzeptiert: dass wir uns mitten in Europa befinden, wo Frauen so viel gelten wie Männer, wo Eros auf Verführung beruht und nicht auf Zwang, wo religiöse Zeloten und ihr Geschrei nach einem „Gottesstaat“ nicht geduldet werden, wo Eigeninitiative – wie die neue Sprache lernen wollen, wie die Neugier auf die neue Umwelt – ein hochgeschätztes Gut ist.

      Wer das als Flüchtling mitbringt, der soll willkommen sein. Nein, er muss sich dafür nachts nicht in Schwarz-Rot-Gold wickeln, nicht jede halbe Stunde „ich liebe Deutschland“ schmettern, nicht pausenlos und demütig „thank you“ flüstern. Doch er sollte verstehen, dass ein Gastgeber einen friedlichen Gast erwarten darf.

         Die Zahlen sprechen für sich: So viele der Flüchtlinge wissen das, sind guten Willens.

      Und die „anderen“ Deutschen, die nicht grundsätzlich die Nichtdeutschen hassen und die penetrant auf ihrer Menschenfreundlichkeit bestehen, wissen das auch. Ich höre gern von ihnen. Sie erinnern uns daran, wie wir sein könnten. Wären wir nur seltener vernagelt, seltener verbittert, seltener gefroren in unserer Herzenskälte.

        Das ist fraglos sexy: jemandem – ohne Pose, ohne Ergriffenheit über sich selbst – ein bisschen das Leben zu erleichtern. Für Momente sein Ego wegzupacken, ja, sich dabei zu beobachten und festzustellen: Hilfsbereitschaft erhöht die Lebensfreude. Das scheint genetisch – neben dem Gen der Gewalt – in uns Menschlein zu sein: teilen wollen. Nicht gleich fifty-fifty, aber etwas.

     Jetzt ist Zeit für eine kleine Geschichte. Ich muss sie erzählen, weil ich in einer bekannten Wochenzeitung las, dass laut einer Umfrage 41 Prozent der Einwohner der Ex-DDR glauben, dass man sich heute, im 20. Jahr des 21. Jahrhunderts, „nicht freier ausdrücken kann als vor 1989“, sprich, nicht freier als im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat. Sogleich fiel mir ein Satz des französischen Mathematikers und Philosophen René Descartes ein: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder glaubt, genug davon zu haben.“ Der Aphorismus ist 400 Jahre alt und noch immer brandaktuell.

      Nun die Story zum Thema Redefreiheit, ja, Handlungsfreiheit in der „Deutschen Demokratischen Republik“: Im Sommer 1981 kam ich mit dem Zug aus Polen nach Görlitz, ein Aufenthalt von zwei Stunden war vorgesehen, bevor es weiterging nach Berlin. Wir durften alle die Wagons verlassen und ins Bahnhofsrestaurant gehen. Ich brauchte Ost-Mark, wollte in Berlin-Ost Bücher kaufen. Der Schwarzkurs war mindestens viermal höher als der offizielle. Da ich wusste, dass sie hier an Devisen interessiert waren, legte ich demonstrativ einen DM-Hunderter auf den Tisch, fuhr nachlässig mit den Fingern darüber und suchte den Blick der Kellnerin, als sie näherkam. Sie verstand sofort, fragte nach der Bestellung, notierte und flüsterte blitzschnell: „Toilette!“

     Nach ein paar Minuten war sie hinter der Tür mit dem WC-Zeichen verschwunden, ich schlenderte nonchalant hinterher und verschwand mit ihr im (abschließbaren) Damenklo.

      Etwas Unglaubliches passierte, das schlagartig offenbarte, dass sie sich in großer Gefahr wähnte. Sie fing zu zittern an, aber so heftig, dass sie ihre beiden Hände nicht mehr kontrollieren konnte. Sie presste sie zusammen, krallte sie ineinander. Als wollte sie verhindern, dass sie zu flattern beginnen, ja, irgendwo anstoßen und unser Versteck preisgeben. Mit ihrem Kopf, der ihr noch gehorchte, deutete sie auf ihre rechte Hosentasche. Für elegantes Fragen und Bitten war augenblicklich keine Zeit, ich griff hinein, zerrte vier Scheine hervor, alle blau und mit Rauschebart Marx, steckte sie ein, zog den meinen blauen heraus, mit dem Porträt des feingliedrigen Sebastian Münster, hielt ihn ihr vor die Augen, sie nickte, und ich verstaute ihn bei ihr. Jede Bewegung schnell und konzentriert. Dann lauschen, dann hinaus und ins Wirtshaus. Theresa blieb noch, die Angst musste erst ihren Körper verlassen. Es dauerte, bis sie zurückkam.

      Noch ein letzter Gedanke zu dem hübschen Wort Vaterland (die Engländer sagen „motherland“, ähnlich hübsch). Vorweg eine kurze Episode: Als ich durch Palästina reiste, kam ich nach Jenin, Stadt im Norden. Mittendrin sah ich ein seltsames Denkmal, ein alter Steinbrocken, auf dem stand: „In memory of the fallen German airmen“, zur Erinnerung an eine deutsche Fliegerstaffel, die in den Jahren 1917/18 die Ottomanen (die Türken) im Kampf gegen aufständische Beduinen unterstützte. Die Namen von getöteten Zwanzigjährigen (!) waren eingemeißelt. Ich las sie mehrmals, um zu spüren, was sie bedeuten: dass kriegslüsterne Befehlshaber – hier deutsche – bisweilen gern ein Blutbad nehmen und dafür das Leben anderer vernichten. Und dass Zwanzigjährige, statt den Generälen die Pickelhaube durch die Schädeldecke zu rammen, sich mit einem Hurra auf den Lippen vernichten lassen.

      Ich nicht. Ich habe schon mit 17 den Wehrdienst verweigert. Viel später werde ich bei Sartre den Spruch finden: „Ich kann weder befehlen noch gehorchen.“ So klug konnte ich es als Halbwüchsiger nicht sagen, doch der französische Schriftsteller musste auch mich gemeint haben. Ich pariere nur, wenn der andere mit der Kalaschnikow vor meiner Nase fuchtelt, ansonsten bleibe ich bockig. Muhammad Ali hat es vorgemacht, er widersetzte sich dem Einsatz in Vietnam. Mit dem so intelligenten Hinweis, dass er niemanden totschießen will, der ihn noch nie einen „Nigger“ genannt hatte. Und wanderte ins Gefängnis. Ich brauchte nicht tapfer wie er zu sein. Ich sagte nein, simulierte ein Gebrechen, und die Sache war erledigt.

       Natürlich würde ich töten. Jeden, der mein Leben und meine Freiheit bedroht. Oder das von Frauen und Männern, die mir nahestehen. Sollte ich den Mut haben. Für Großdeutschland eher nicht. Ich bin grundsätzlich taub für Politiker, die hetzen. Warum Abermillionen ihr eigenes Leben zuschanden machen, weil einer sie aufheizt? Hier steht die Antwort: In Vietnam, in der Nähe von My Lai, wo amerikanische Soldaten ein Massaker begangen hatten, traf ich Jahre später Dick, einen Veteranen, der für eine NGO arbeitete. „Als Wiedergutmachung“, meinte er trocken. Irgendwann fragte ich ihn, wie er sich erklärt, dass sich Hunderttausende hierher transportieren ließen, um Leute zu killen, deren Land und Existenz den meisten vorher völlig unbekannt war. Und Dick, eher besonnen und überlegt: „We were stupid, just fucking stupid.“

      Das klingt rasant, doch Dummheit allein reicht nicht, um Armeen zum Massenmord zu überreden. Irgendeine Art Hypnose muss dazukommen, die eine unbeschwerte Vaterlandsliebe in mörderischen Fanatismus umfunktioniert. Wir Deutschen wissen, wie das abläuft. Bei Dick und Kameraden war es die Hypnoselüge „Kommunismus“, vor der Amerika plus die ganze Welt geschützt werden sollte. Sie kostete knapp 800 Milliarden Dollar, ein paar Millionen Tote und Krüppel und einen verlorenen Krieg. Dennoch, dieses monströse Gräuelmärchen nicht zu durchschauen, hat gewiss auch mit geistiger Trägheit zu tun.

         Die Liebe zum eigenen Land ist immer gefährdet. Wie jede Liebe. Einige sind grundsätzlich bereit, sie zu schänden. So wäre ein cooler Patriot nebenbei noch ein cooler Verfassungspatriot. Das ist ein Bürger, der sich auf die Werte der Demokratie beruft, auf Meinungsfreiheit und gegenseitigen Respekt. Eine Art Zivilreligion, die ohne Herrgott auskommt, aber nicht ohne Hirn: um eine Gemeinschaft mit humanistischen Grundregeln zu organisieren. Das ist ein anstrengendes Geschäft. Wer sein Land liebt wie ein redlicher Liebhaber, wird sich nicht drücken, wird dafür kämpfen, dass uns weder religiöse noch andere Dunkelbirnen zurück ins Mittelalter treiben. Im Notfall mit Gewalt kämpfen. Ich bin kein standhafter Pazifist. Es gibt höhere Ideale als Frieden: Freiheit, ein Beispiel.

     Noch wurde keine Liebe erfunden, die umsonst zu haben ist.

     Eine anrührende Szene passt hierher: Ich saß in meinem Pariser Café, als zwei Leute neben mir Platz nahmen. Ein älteres Ehepaar aus Deutschland, wie sich bald herausstellte. (Ich lausche immer.) Ossis, mitten aus Sachsen. Voller Überschwang redeten sie von dem, was sie bisher gesehen hatten. Wir kamen ins Gespräch, und plötzlich fingen die beiden zu weinen an. Vorsichtig fragte ich nach, was der Anlass der Traurigkeit sei. Nein, sie wären überhaupt nicht traurig, nur überwältigt: weil sie nun frei seien und reisen durften, ja, Paris besuchen.

      Nachspiel: Ach ja, Freiheit. Das Deutschlandlied hat seine heiklen Zeilen. Nun denn, irgendwann im 19. Jahrhundert wurden sie geschrieben. Doch „Deutschland, Deutschland über alles / Über alles in der Welt“ klang noch heikler nach Auschwitz. Nein, es klang furchtbar. Wie fehlerlos folglich die Entscheidung, nach der Wiedervereinigung nur mehr die dritte Strophe zu singen. So fängt sie an:

 

Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland!

Danach lasst uns alle streben

brüderlich mit Herz und Hand!

 

Zugegeben, das Ohr muss sich erst an die Inbrunst gewöhnen. Aber der Inhalt, der kann sich hören lassen: Einigkeit und Recht und Brüderlichkeit, das klingt phantastisch. Nur her damit.

+ + +

Ihr Lieben,

die Pandemie schwächelt, das heißt, eine Schreibwerkstatt ist möglich, auch wurde die passende Location gefunden.

Wer sich grundsätzlich dafür interessiert, der lese bitte weiter.

12 Teilnehmer, insgesamt mit mir 13 Personen.

Natürlich gilt die 3-G-Regel, aus Rücksicht auf uns alle.

Vom 21.10. abends (Donnerstag) bis 24.10. mittags (Sonntag).

Etwa zehn Kilometer von Passau entfernt, auf dem Land. Wer NICHT mit dem Auto kommt, wird am Bahnhof in Passau abgeholt. Und wieder dort zurückgebracht.

Die Liste ist schon voll, aber ich suche weiter, weil ich versuchen will, Leute zu finden, die einigermaßen zusammenpassen, zudem wäre gut, wenn sechs Frauen und sechs Männer teilnähmen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass mehr Frauen „schreiben“ als Männer. Ob nun privat für sich oder beruflich.

Jede/r kann teilnehmen, aber ….

ERWÜNSCHT SIND:

Sprudelfrauen
Sprudelmänner
Wissenshungrige
Fragende
Neugierige
Sprachverliebte
Lebensverliebte
Vehemente

LIEBER NICHT:

Verschwiegene
Besserwissende
Humorlose
Teilnahmslose
Genies
Anspruchswürstchen
Wichtig
Verschwörungs-Athleten

Wer mitmachen will, NUR bitte über meine Mailadresse auf meiner Website (andreas-altmann.com) schreiben, nicht über FB.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

PS: Das Foto zeigt Alfred Nobel, den Begründer des Nobelpreises. Ihr seht, alles ist möglich, haha.

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Hier noch ein Hinweis auf einen Podcast, nein, diesmal nicht auf SWR3, sondern:

Christian Sprenger lädt ein!

GEBRAUCHSANWEISUNG FÜR ALLES. FAST ALLES.

Andreas Altmann, Sophie Bonnet und Thomas Spiegel über Frankreich, Fußball und Frauen.

Andreas Altmann wohnt seit knapp 30 Jahren in Paris, Sophie Bonnet steht gerade mit ihrem achten Pierre-Durand in den Bestsellerlisten.  Französisch geht´s zu. Cette fois. Thomas Spiegel, tätig im Team Tradition beim FC Schalke 04, lange Jahre Pressesprecher des Vereins, hält als großer Fan von Eric Cantona und Liebhaber von Fangesängen mit: „manches habe ich mir von unseren Spielern übersetzen lassen, weil es einfach so schön klingt.“ Andreas Altmann, der seit Ende der 1990er Jahre 22 Bücher geschrieben hat, davon sechs Bestseller mit einer Gesamtauflage von über einer Million, ist jedoch auch von der Schönheit der deutschen Sprache überzeugt, zudem sei sie „spielerischer“, formbarer als die französische. Was das Wort „bonnet“ mit Sophie Bonnet und ihren Krimis zu tun hat, warum sie Glück hatte ud wie es überhaupt zu ihren Frankreich Krimis gekommen ist? Ecoutez

https://meinpodcast.de/sprenger-spricht/34-gebrauchsanweisung-fr-alles-fast-alles

Jetzt ein Schrei der Freude, Andreas

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Ihr Lieben,

auf mit Kristian Thees vom SWR 3 in die USA. Bei der Recherche über den Mord an drei Bürgerrechtsaktivisten geriet ich in einen Haufen von Männern, die dem Ku Klux Klan angehörten. Es war durchaus interessant. Auch grob und zügellos rassistisch. Gewiss hinreißend blöd und lehrreich. Sternstunden für einen Reporter passieren immer dann, wenn Leute das sagen, was sie denken. (Deshalb sind Gespräche mit Politkern so gnadenlos fad, denn sie kalkulieren jedes Komma, bevor sie es aussprechen, ja, sie verkünden, was andere von ihnen erwarten, sprich, sie wanzen sich ran.) Hier, in einer heruntergekommenen Bruchbude im Süden der Staaten wurde nichts gefiltert, ohne Berechnung hauten sie raus, was ihnen im Kopf umging. Mag es noch so kraus und aberwitzig klingen, man lernt nie aus.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier der Link zu „Mitten beim Ku Klux

Klan“.https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

heute wieder ein Podcast. Kristian Thees vom SWR 3 hört nicht auf, mich anzubaggern, haha. Der Beitrag heißt „Erste, komplizierte Liebe“, und man glaubt nicht – später, als Erwachsener –, was man als 17-Jähriger alles falsch machen kann. Noch dazu, wenn man in einem bigott-religiösen Kaff aufgewachsen ist, und schon als Knirps die Giftsuppe der „Leibsünde“ schlürfen, ja, jeden Sonntag den Pfaffen zuhören musste, wie sie gegen jede Form von Eros und Lust geiferten. Sie, die später als höchst aktive Kinderschänder entlarvt werden sollten. Aber ich bin ein zäher Hund, irgendwann habe ich das alles weggesteckt und irgendwann kam die Zeit, die Verbrecher öffentlich zu denunzieren. Gut so. Aber ja,  ich erinnere mich nicht ungern an die erste, komplizierte Liebe, ach, was für eine Gelegenheit, um zu lernen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Der Cartoon passt gut, wo doch gerade andere religiöse Dunkelbirnen die  Welt in Atem halten.

Hier der Link

https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

es gibt einen neuen Podcast mit Kristian Thees, dem Weltmeister vom SWR 3. Der Bericht trägt den schmucken Titel: „Herzlich Nichtwillkommen bei Paulette“. Paulette habe ich in Frankreich getroffen, und sie ist ein böses, unglückliches Weib. Als später ihr Mann auftauchte, habe ich verstanden,warum sie wurde, wie sie wurde.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

der Link:

https://www.swr3.de/wir/audio-reihen/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

ab heute (30.7.) und ab 19.30 Uhr gibt es auf dem Youtube-Kanal der Giordano Bruno Stiftung eine Lesung mit mir. Ein Stündlein lang, etwa. Anschließend an die Lesung stellt Nadine Pungs Fragen zum Buch. Ricarda Hinz hat alles ins Bild gesetzt, gefilmt und geschnitten.

Wir alle drei – Ricarda, Nadine und ich – sind streng ungläubig, folglich guter Dinge, da kein Fegefeuer und kein Höllenschlund auf uns warten, haha.

Die Giordano Bruno Stiftung ist der rechte Ort, um vom Glauben abzufallen und zum Wissen überzulaufen. Oder zu lernen, eauszuhalten,dass man etwas nicht weiß. Wer keine himmlischen Fake News mehr nachleiern will, der melde sich bei der GBS.

Nun, die Lesung erzählt nur von irdischen Dingen, die uns alle angehenUnd nicht vieles ist irdischer als „Heimat“. Was immer man darunter verstehen will.

Ich danke euch, herzlich, Andreas

„‘Mein Hauptwohnsitz ist die deutsche Sprache, nebenbei wohne ich in Paris‘, schreibt gbs-Beirat Andreas Altmann in seinem aktuellen Buch ‚Gebrauchsanweisung für Heimat‘ Der mehrfache Bestsellerautor stellt uns sein neuestes Werk vor. Im Anschluss der Buch-Lesung unterhalten sich Andreas Altmann und Schriftstellerkollegin Nadine Pungs noch überden Begriff Heimat und was er für uns bedeuten kann.“

Hier der Link:

https://www.youtube.com/watch?v=cTnhti4vC

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Ihr Lieben,das weltberühmte Burgtheater in Wien hat online ein Programm gestarte
„Sommergrüße aus dem Burgtheater“
Eine Frau, die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, und drei Männer, H.C.Artmann, Dennis Gastmann und ich, werden vorgestellt.
Der renommierte Schauspieler Martin Schwab liest aus
„Gebrauchsanweisung für die Welt“ den magischen Moment: Ozeanien“ vor. Doch hört euch alle vier Beiträge an. Sprache kann heilen.
Ich danke euch, herzlich, Andreas.
ps: Hier der Link

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Ihr Lieben,

danke für die vielen Hinweise von wegen Pension. Jetzt kann ich 5000 Male eine Schreibwerkstatt (SW) organisieren, um alle Adressen abzuarbeiten, haha.

 Wenn ich die Passende gefunden habe, melde ich mich bei dem edlen Menschen, der mir die Info zukommen ließ. Danke an alle.

 Die SW soll vom 21.10. (abends) bis 24.10.2021 (mittags) stattfinden. Wir müssen allerdings abwarten, wie DELTA sich aufführt. Wer sich impfen lässt, hilft mit, das Virus zu besiegen. Wer sich nicht impfen lässt, sollte sich einem Intelligenztest unterziehen. Er wird ihn nicht bestehen. Wie auch immer: Nur vollständig Geimpfte mit Impfpass (print!) können am Workshop teilnehmen.

 Lesungen sind im Herbst geplant, ich werde euch rechtzeitig verständigen.

 Bitte, denkt an die armen Menschlein, über die gewaltige Wasserfluten kamen. Eine Spende steht Spender und Empfänger gut.

Hier noch etwas Lustiges. Denis Schenk, einer unserer Kritiker-Päpste und gleichzeitig ein – so nannte ihn Elke Heidenreich „Rolltreppendickerchen“ – hat einen „Anti-Kanon“ herausgebracht, sprich, eine Liste von Büchern die als nackter Schund uns Leser belästigen. Auch Paulo Coelhos „Der Alchimist“ ist darunter. Diesen Platz auf der Müllhalde gedruckten Schwachsinns hat sich der Brasilianer allemal verdient, denn Paulo C. ist der Welt erfolgreichster Sülzeschmied, der Titel „Begnadetster Schundtandler aller Zeiten“ soll ihm allein gehören.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps Das Bild zeigt eine Momentaufnahme des Zuschauerraums vor einer Coelho Lesung.

ps: Und hier der Link zum Anti-Kanon:

https://www.swr.de/…/paulo-coelho-der-alchimist-100.html

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Ihr Lieben,++ich atte eine Auszeit. Wie ihr wisst, gehöre ich zu der aussterbenden Rasse von Leuten, die nicht von dem Wahn ergriffen sind, ununterbrochen ihre Gedanken in die Welt posaunen zu müssen. Die Idee, rastlos „connected“ zu sein, treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Dazu kommt die ganz und gar bescheidene Einsicht, dass meine acht Milliarden Nachbarn wunderbar ohne meine Wortmeldungen zurechtkommen.   

Doch ab heute wird wieder gebabbelt, hurra, Kristian Thees, Redakteur bei SWR 3 und nebenbei Magier, hat einmal mehr gebohrt, und so steht ein neuer Podcast zur Verfügung: „Ein Augenblick des Glücks / Mexiko“. Es geht um ein Erdbeben dort, das ich freundlicherweise überlebt habe. Aber ja, das ist ein umwerfendes Gefühl: Todesangst und kurz darauf das Gefühl, noch immer am Leben zu sein.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Wer sich hundert Euro verdienen möchte, braucht mir nur einen Tipp zu geben, der sich als realisierbar erweist: Die Pension im Schwarzwald, wo ich bisher die Schreibwerkstatt organisierte, gibt es nicht mehr. Wer einen Platz weiß mit 13 Einzelzimmern – einfach, ohne Gedöns, mit einem großen Zimmer für den Unterricht, irgendwo in Deutschland – soll sich bitte bei mir melden. Über meine Mailadresse, die auf meiner Website steht. Taugt der Vorschlag, gibt’s die Knete. Danke.

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

hier nun die offizielle Danksagung an euch alle. Gut, es war ein fairer Deal, ihr habt mir eure Neugierde und Freude am Lesen geschenkt, ich gab euch meine Geschichten.

Ich werde versuchen, jeder und jedem einzeln zu danken, das kann allerdings noch dauern. Winter 2029 bin ich gewiss durch, haha.

Hier noch ein paar Zeilen von einem jungen Kerl, der – weit abgeschlagen – auch am Rätselraten teilgenommen hat. Wenn ihr seinen Text lest, sollt ihr nebenbei wissen, dass er sie an einen (AA) schrieb, dessen Aufsätze einst als „ausgesprochen missraten“ laut vom Lehrer der Klasse vorgelesen wurden. Tempi passati.

 Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 „… Bevor ich Dir die Antwort zu Deiner Frage beantworte, noch eine kleine „Beichte“. Ich habe in meinem letzten Schuljahr, in der 12. Klasse intensiv deine Bücher gelesen und mir einige Deiner Textpassagen eingeprägt und in meinen Aufsätzen eingebaut. Die Lehrerin war begeistert und erstaunt über meinen ausgeprägten Wortschatz.  Sie war so angetan, dass ich dann meine Aufsätze laut vor der Klasse vorlesen durfte- ihre Gänsehaut währenddessen war nicht zu übersehen.  Das hat mir zu einer Eins im Abschlusszeugnis verholfen. Als Einziger in der Klasse ist dies mir gelungen.  Ich hoffe, du verzeihst mir diesen kleinen Trick, um zu imponieren ….“

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Vierzehnter Juni 2021 

Ihr Lieben, 

ich bin zuverlässig wie ein Roboter, haha, hier nun die Frage. Wer sie als erste/r richtig beantwortet (ich sehe ja, was zuerst mit korrekter Antwort im Mailfach ankommt): Auf nach Paris! Ich werde am Mittwoch mich bei allen nochmals bedanken und den Menschen, der gewonnen hat, informieren. Damit ist das Spiel zu Ende. Weitere Kommentare meinerseits wird es nicht geben. Schon jetzt danke an euch alle, die mitgemacht haben.

 

Herzlich, Andreas.

 

Wie heißt die Pension, in der ich in der Geschichte, die im wunderschönen Irland spielt, übernachtet habe? Nur die genaue Schreibweise zählt.

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Zehnter und letzter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun die letzten Absätze aus dem Buch. Diesmal geht es eine Frau, die mir wunderlich innige Stunden geschenkt hat. Ach ja, gestern musste ich einen Kommentar löschen. Es gibt Leute, die kommen aus ihrer Bösartigkeit nicht heraus. Abwertende oder rassistische Bemerkungen haben hier nichts verloren. Derlei UrheberInnen sollen sich auf anderen Plattformen umsehen, Facebook ist voll davon.  

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

ps2: Vorweg noch ein Hinweis für morgen: NUR über die Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist, die Antwort schreiben. Natürlich nicht über Facebook.

ps3: Morgen, 14.6., um 20 Uhr stelle ich die Frage rein. Antworten bitte nur über meine Mailadresse. Ich werde dann im Laufe der Tage mit dem Gewinner/der Gewinnerin Kontakt aufnehmen. No rush.

Menschen

“ ..Jetzt, am Ende, eine kleine Geschichte. Habe sie noch nie privat oder in einem Buch erwähnt. Doch hier passt sie. Ich habe eine 87-jährige Freundin, Marceline, und das kam so: Es war wieder ein Tag, an dem ich dachte, dass ich mich nur mit mir beschäftige. Meinem Leben, meiner Karriere, meinem Wohlbefinden. Ich beschloss, ein wenig von meiner Energie für jemanden herzugeben, der mir nicht von Nutzen ist, den ich nicht begehre, von dem kein Silberlöffel Belohnung zu erwarten ist, ja, mit dem ich eine Nähe herstelle, die – so sagen sie in Frankreich – »desinteressé« ist, desinteressiert, sprich, ohne jeden Hintergedanken, welchen auch immer.

Zufällig erfuhr ich von Marceline durch Samir, meinen Obsthändler, zu dem sie gelegentlich als Kundin kam. Sie wohne allein, sie sei fragil, mit schwachen Augen und unübersehbar einsam. Der Algerier fragte sie – diskret, auf meine Bitte hin – nach ihrer Adresse, und eines Nachmittags läutete ich bei der alten Dame.

Es dauerte, und sie öffnete nur so weit, wie es die kleine Kette zuließ. Das wurden seltsame Minuten. Sie sah einen wildfremden Kerl vor sich, der nun drauflosredete, einen Radiobericht erwähnte von wegen ältere Menschen, die ohne Kontakte in der großen Stadt lebten, verwies auf die Appelle zu ein bisschen Solidarität, und dass mir Samir von ihr erzählt habe, und ob sie einverstanden sei, dass ich ihr bisweilen Gesellschaft leistete. Ich redete ohne Punkt und Komma, natürlich war ich nervös, natürlich hatte ich Angst, sie zu verschrecken.

Doch Marceline stand ganz still, lächelte scheu, musterte mich, entsperrte das Schloss und sagte glatt: »Soyez le bienvenu«, seien Sie willkommen. Entweder war sie tollkühn oder so verdammt vereinsamt, dass sie sogar einen vollkommen Unbekannten einließ.

Seitdem sind Marceline und ich »des camarades«, Kameraden, so bezeichnet sie uns. Ein Wort aus längst vergangenen Tagen. Gleich am ersten Tag machte sie Tee, und ich hatte vorsorglich Gebäck mitgebracht. Ach, ihre Wohnung voller Bommeln und gehäkelter Deckchen, ach, der Nippes für drei Hochhäuser, ach, die Schränke, jeder so eichenschwer wie ein dicker Baum. Und an den Wänden die tausend Fotos, ihr Leben.

Sie erzählte und beschwerte sich nie über meine Neugier. Bald entwickelten wir eine solide Routine: Tee und Kuchen, meine Fragen und Marcelines Antworten, hinterher las ich ihr laut vor, immer aus Le Parisien, der beliebtesten Zeitung der Stadt. Wir fingen mit »les faits divers« an, den Lokalnachrichten, zuerst ein bisschen Mord, ein bisschen Totschlag, ein bisschen Raub, dann »culture«, dann »people«. Ergab es sich, so kommentierten wir – oder lästerten über – die Gauner, die Berühmten und Wichtigtuer.

Manchmal schlief Marceline ein, dann räumte ich ab, spülte das Geschirr und verschwand leise. Meist mit einem kleinen Zettel in der Hand, auf dem stand, was ich ihr bitte das nächste Mal mitbringen sollte. Ich bestand darauf, dass ich für sie die Besorgungen erledigte, sie bestand darauf, dass sie alle Einkäufe bezahlte.

Hier ist kein Platz, um das Leben dieser Französin zu erzählen. Einmal meinte sie, sich noch gut an die Gestapo zu erinnern, als die Nazis 1940 hier einfielen. Sie wusste, dass ich Deutscher bin, und sagte es ohne unterschwelligen Tadel, hätte es gewiss nicht angesprochen, hätte ich nicht ausdrücklich danach gefragt.

Schon nach Wochen, so vermute ich, freute ich mich mehr als die zarte Greisin auf unser nächstes Rendezvous (im Französischen kann man das Wort ganz ohne jeden sinnlichen Unterton gebrauchen). Irgendwann, mitten in ihrem Wohnzimmer, war mir klar, warum: Ich war vollkommen entspannt, so leicht in ihrer Gegenwart, und ich war das, weil ich mich in keiner Sekunde um mich kümmerte, tatsächlich imstande war, nur da zu sein, nur die Anwesenheit dieser warmen Frau zu genießen.

Als Kind habe ich oft in den Nachthimmel gestarrt, fasziniert von den blitzenden Sternen. Später gab ich ihnen die Namen von Menschen, die mir zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten Heimat waren. Oder noch immer sind. Heimat als Synonym für Swing und gedankenlose Freude. Jetzt gibt es einen Stern Marceline.“

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Zwölfter Juni 2021

Neunter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun das gesamte Kapitel „Das Glück des Augenblicks: Brazzaville“. (Hauptstadt der Republik Kongo.) Ich habe dort einen Mann getroffen, der mir Stunden größter Heiterkeit und Nonchalance geschenkt hat.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

ps2: Vorweg noch ein Hinweis für kommenden Montag: NUR über die Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist, die Antwort schreiben. Natürlich nicht über Facebook.

 

Das Glück des Augenblicks: Brazzaville 

 

Ich bewundere immer Frauen und Männer, die standhal-ten. Die nichts verranzen lassen. Nicht das Hirn, nicht den Körper, nicht ihren unbedingten Willen, sich zu unterscheiden: von dem, was alle nachplappern, und von dem, was alle tun, weil alle es tun. Die als Einzelstück daherkommen.  

    So einen traf ich in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo. Ich flanierte durch ein abgerissenes Viertel, und ein schillernder Vogel kam mir entgegen: Als »Monsieur Clément« stellte er sich vor, lächelnd und unerschrocken selbstsicher. Ich hatte ihn angesprochen, und über sein Gesicht huschte das Lächeln eines Siegers. Er wusste um seine Wirkung, und er genoss sie. Clément war der erste leibhaftige »Sapeur«, dem ich begegnete.

     »La SAPE« ist ein Phänomen, eine Absicht, die sich nichts Leichteres vorgenommen hat, als zur Schönheit der Welt beizutragen. Die vier Buchstaben stehen für »Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes«, Gesellschaft der Stimmungsaufheller und eleganten Personen. Und ein Sapeur ist einer von ihnen.

Entstanden ist die Bewegung in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Aus so verschiedenen Motiven: um sich von den Kolonialherren – den Franzosen – zu unterscheiden, die mit läppischen Tropenhelmen und Shorts auftraten. Andere behaupten, dass kongolesische Studenten nach ihrem Studium in Paris zurückkehrten, schwer beeindruckt von den Zaubereien der weltberühmten Couturiers. Die dritte Gruppe – und dazu gehört Clément – schmückt sich mit revolutionären Erklärungen: Ihre Sehnsucht, sich herauszuputzen, ihr Wahn, ihre letzten Francs – nicht immer superlegal erworben – für Kleidung auszugeben, ihr penetrantes Bestehen auf »unicité«, auf Einzigartigkeit: All das symbolisiert ihren Aufstand gegen die Trostlosigkeit, die sie umzingelt, soll zeigen, dass sie Widerstand leisten, ja, auf keinen Fall so verwahrlosen, so enden dürfen wie das Ambiente, in dem sie leben. Deshalb nennen sie sich auch »ambianceurs«. Sie wollen ihre Umgebung verschönern, sie aufpeppen, ihren Teil an Lebensfreude beisteuern.

      Wie wahr, ich schlenderte vorbei an einem Verhau blechvernagelter Häuser, auf einer ungeteerten Straße, noch dreckig und aufgeweicht vom morgendlichen Regen. Und mittendrin Clément. Heiterkeit überkam mich, so eine selige Fröhlichkeit. Umso mehr, als sich der Kongolese mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes zeigte, der nichts anderes signalisierte als: Schaut nur, wie unfassbar gut ich aussehe! Doch ohne die bösen Augen eines Hochmütigen, überhaupt nicht, nein, wie ein Kind, das sein Glück nicht fassen kann.

      Am Straßenrand standen Leute, die ihm begeistert zuriefen und lauthals ihre Begeisterung kundtaten. Ohne Missgunst, ohne moralisierendes Gebelle. Nur Jubelschreie, und ich als Kronzeuge einer Niederlage, denn mein Aufzug wirkte plötzlich – im Vergleich zum strahlenden Clément – unsäglich provinziell.

      So sah der Held der Stunde aus: grauer Zweireiher, weißes Hemd, rote Seidenkrawatte, weißes Einstecktuch, eine blütenweiße Baumwollhose und ein Paar – das Wahrzeichen eines jeden echten Sapeurs – hochglanzpolierter Weston-Schuhe. Und auf dem attraktiven Kopf einen schwarzen Borsalino mit weißem Band. Und in der Rechten einen dunklen Lappen: um jedes Staubkorn sofort vom Leder zu wischen. »Je suis le Alain Delon de Brazzaville«, meinte er nachlässig. Aber ja, er war der Superstar weit und breit.

      Ein schwarzer Gott im schwarzen Elend. Clément »stimmte«, war eins mit sich, vollkommen frei von Schuldgefühlen. Dabei war er ein kleiner Angestellter bei den Stadtwerken, hatte – wie sonst? – Schulden und lebte in einem Zimmer (von der Decke hingen die Kostbarkeiten, die feinen Stoffe) mit Außenklo und ohne fließendes Wasser. Doch mit allem nahm er es auf, denn diese Leidenschaft – »être impeccablement habillé«, tadellos gekleidet zu sein – trug ihn durchs Leben.

     Was instinktiv noch etwas anderes nach sich zog: seine mondäne Körperhaltung, sein wiegender Gang, das Gesicht Richtung Frauen und Männer, die an ihm vorbeigingen. Kein Rundrücken mit Handy, kein penetrantes Desinteresse am Hier und Jetzt. Clément war da, mit allem Seinem.

Wäre ich schwul, ich hätte mich in ihn verliebt.

     »Clément« passte zu ihm, denn im Französischen ist das nicht nur ein Name, sondern auch das Adjektiv für: milde. Passte zudem zur Weltanschauung der Sapeurs, die versuchen, sich von zwei Maximen leiten zu lassen: Respekt für jeden, Gewalt für niemanden! Sie wollen wie Gentlemen glänzen, die »gentle«, schonend, behutsam, sich benehmen.

     Das klingt gewiss bizarr, aber in den Tagen, die ich mit dem 36-Jährigen verbrachte, war er »ma patrie«, meine kleine Heimat, meine Heimat für eine Woche. Er hatte das, was mir fehlte. Dabei denke ich nicht an seine (gefühlten) drei Tonnen Klamotten, vielmehr an seine Nonchalance, sein Talent, so spielerisch mit den Anwürfen des Alltags umzugehen. Dürfte ich, wie ich wollte, ich hätte ihn als Bruder adoptiert. Als wir uns beim Abschied umarmten, bekam ich feuchte Augen. Meine Sonnenbrille bewahrte ihn vor meiner Rührseligkeit. Weit entfernt winkte ich noch einmal zurück, jetzt fast so cool wie er

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Elfter Juni 2021

Achter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „FRAUEN – Männer – Liebe“. Ich höre gerade wieder von Paaren, die sich einst „wahnsinnig“ geliebt haben und jetzt mit dem Dolch aufeinander zugehen. Unheimlich, wie wenig Ahnung die meisten haben. Von sich, vom anderen, von dem, was sie inflationär „Liebe“ nennen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde. 

ps2: Vorweg noch ein Hinweis für kommenden Montag: NUR über die Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist, die Antwort schreiben. Natürlich nicht über Facebook.

  

FRAUEN – Männer – Liebe

 

„… Ich will nicht philosophieren, ich will Geschichten von Frauen erzählen, denen ich – erotisch oder ganz ohne physische Nähe – nah war, und die ich alle nicht verstanden habe. Wie Katzen, unergründlich. Schon wahr, das Verborgene ist aufregender als das Taghelle.

      Meine Rolle hier ist die des Statisten, belanglos. Bin nur Berichterstatter von Taten von Frauen, die sich sehenden Auges Richtung Unglück – Stichwort Liebe – manövrierten. Ich sah es, sie nicht. Denn sie waren geblendet vom unbedingten Wunsch nach heiliger Zweisamkeit. Und etwas unbedingt wollen ist immer eine missliche Ausgangsposition. Die Emotionen kochen, der Verstand schwindet, die Sehkraft schwächelt. Wie im ganz normalen Geschäftsleben: Wer etwas radikal ersehnt, ist bereit, (fast) jeden Preis dafür zu zahlen. Bedenkenlos. Wie bedenklich.

     Die melancholischen, ja, die schwerwiegenden Geschichten sollen es sein. Die gehen tiefer, sie erzählen mehr von der Welt und jenen, die in ihr unterwegs sind.

       Auf nach Managua, Hauptstadt von Nicaragua. Ich übernachtete bei Anna, die das Casa Azul leitete. Eine abschüssige Bude, mit Lecks im Dach, aber sie lag günstig. Regenzeit, so hockten Anna, ihre drei Kinder und ich, der einzige Gast, abends vor der Glotze. Die Mädchen starrten auf den Bildschirm, und wir zwei redeten. Anna hatte das Gesicht einer Frau, die einmal attraktiv war. Doch die Arbeit, die Armut, die Zeit hatten Spuren hinterlassen, auch am Körper.

         Ein warmer Mensch, aus einfachen Verhältnissen. Sie erzählte. Keine lustige Vergangenheit. Die paar Córdobas, die die Pension abwarf, reichten gerade zum Überleben. Als ich nach dem Mann fragte, erwähnte sie Hilario („der Heitere“), der irgendwann auftauchte und ihr alles versprach: die Liebe, die Fürsorge, die Ewigkeit. Und Anna – jung und ahnungslos – glaubte alles.

       Und Hilario, die Niete, erfüllte die einschlägigen Klischees. Die Liebe hielt vielleicht bis zur Nacht, in der er sie im Bett hatte. Und sie drauflos besamte. Von einem Kind zum nächsten, zwei Abtreibungen inklusive. Die Fürsorge kam nie vor, bald fing der Gatte an, sich – via gemeinsame Einkünfte – glücklich zu saufen. Und die Ewigkeit hörte nach dem fünften Jahr auf. Da verschwand er. Lautlos, spurlos.

      Wer könnte Anna helfen? Nicaragua, ihr Land? Einst Sehnsuchtsort aller Weltverbesserer und inzwischen zum Jagdgebiet politischer Gangster verkommen? Eine Polizei, die wohl kaum nach flüchtigen Ehemännern sucht? Der Heiland, über den der Pfarrer drei Straßen weiter jeden Sonntag die uralten Fake News verbreitet?

          Warum ließ Anna dieses Leben zu? Warum wartete sie nicht bei der Suche nach dem Bräutigam, warum nicht abwägen und den potenziellen Freier auf die Probe stellen? Bei Anna kenne ich die Antwort: Sie hat es nicht gelernt. Das Leben kam über sie, und sie wusste nicht, wie damit umgehen. Sie wurde schon als Halbwüchsige auf ihre Zukunft als Mutter und Gebärmaschine abgerichtet. Sie weiß nichts vom Neinsagen, vom Pochen auf eigene Rechte.

      Die Liebe als Unglück auf den ersten Blick.

     Am letzten Abend habe ich überlegt, ob ich Anna küsse. Wenn sie denn bereit dazu wäre. Um, so der Hintergedanke, einen Augenblick von erotischer Nähe in ihr Leben zu bringen. Die gemäß dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit so oft nicht mehr stattfinden wird. Aber es sollte nicht sein, eine Nachbarin kam und die Intimität war weg.

      Jetzt nach Paris. In einem Café komme ich mit zwei jungen Frauen ins Gespräch, die Englisch miteinander sprechen. Caroline, die Französin, und Katja aus Italien, sie studieren an der Sorbonne, die eine Psychologie, die andere Politikwissenschaft. Beschwingtes, schnelles Reden, die beiden versprühen Selbstsicherheit und Klarheit, besonders Katja. Sie erzählt, wie sie sich eine Frau-Mann-Beziehung vorstellt: gegenseitige Wertschätzung, Hirn muss sein, Wärme auch, Leichtigkeit, Freuden im Bett. Ich höre gern zu, ihre Vorstellungen klingen klug und keine Spur versponnen und verträumt.

     Das Café macht zu, und Katja schlägt vor, zu dritt in ihre Wohnung zu gehen, es sei doch zu früh, sich zu trennen. Why not? Der Weg ist kurz, oben im vierten Stock öffnet ihr Boyfriend. Däne, groß, apartes Gesicht. Caroline und ich setzen uns ins Wohnzimmer, Katja verschwindet mit Mats in der Küche. Sogleich dicke Luft, man hört das Zischen des Hübschen, dem unsere Anwesenheit nicht passt. Dann Stille, dann kracht die Tür, er komme erst wieder, wenn wir verschwunden wären. Okay, Coolness sieht anders aus.

      Poor Katja. Ich bohre eiskalt nach, und die 27-Jährige packt aus, irgendwann auch den Tränen nah. Der Informatiker, mit dem sie hier wohnt, ist ein Jähzorniger. Es braucht wenig, und der Mann entlädt sich. Doch dabei bleibt es nicht. Explodiert er heftig, holt er aus. Nach ihr.

     Die Italienerin gehört zu den vielen Frauen, die für die Verwirrung in meinem Kopf verantwortlich sind. Warum nimmt sie das hin? Hier sitzt keine Anna, hier sitzt ein junger Mensch, so beschenkt von der Natur, aufgewachsen im modernen Europa, angehende Akademikerin, finanziell unabhängig. Und lässt sich prügeln.

     Natürlich frage ich sie, und Katja spricht den wohl missverstandensten Satz in der Weltgeschichte aus: „Ich liebe ihn.“ Ende der Diskussion, die drei Wörter sind der Passierschein für jede Gewalt. Armes Luder, ich schenke ihr eine Weisheit von Jean Cocteau, dem französischen Dichter: „Es gibt keine Liebe, nur Beweise der Liebe.“ Eine Faust im Gesicht ist kein Liebesbeweis.

        Beim Abschied hetze ich sie auf. Es wird nicht fruchten. Liebe macht blind. Wie schrecklich.

      Ich könnte ein 1000 Seiten dickes Buch schreiben, voller Fallberichte über (mir bekannte) Paare, die längst im Treibsand gnadenlosen Trotts gelandet sind. Nicht Dramen, nicht Tragödien ruinieren die Liebe – und die sexuelle Glut als Kollateralschaden gleich mit –, sondern das lautlose Gespenst der Aussichtslosigkeit: dass kein Blitz mehr reinfährt mit Leuchten und Donner und dem wohltuenden Schrecken, dass Zustände sich ändern müssen. Dass nichts mehr funkelt, nur das schauerliche Wissen teilen die zwei sich: dass die Zukunft nicht heller sein wird als die müde Gegenwart.

     Die Statistik sagt, dass eher Frauen als Männer den Sprung riskieren: Richtung neue Freiheit und/oder neue Liebe. Männer schmoren hartnäckiger im Morast der Unbeweglichkeit. Sie haben offensichtlich noch immer nicht begriffen, dass das Leben und alles Drum und Dran – Liebe, ein Beispiel – nicht zum Nulltarif zu haben sind. Sie wollen es lauwarm. Sie bekommen es.

          Das ist der rechte Augenblick für eine Klarstellung. Trotz intakten Überschwangs für alles Weibliche wird der Blick nicht getrübt. Ich war noch nie der Schimäre verfallen, dass irgendein Volk, irgendein Glauben, irgendeine Ideologie, irgendein Geschlecht auserwählter sei, um das Glück hienieden zu vermehren. Ich bin einer mittleren Depression nah, wenn ich höre, jedem von uns ginge es besser, wenn nur Frauen regieren würden. Wie das? Wie alle anderen Menschen steuern sie ihren Anteil an Stress und Leid und schallender Dummheit bei. Eben anders als Männer, aber nicht weniger penetrant und erfolgreich. Man will in Tränen zerfließen beim Lesen von Texten, in denen Blindwütige uns vom Schlaraffenland auf Erden erzählen, das erblühen wird, sobald nur die Rasse Mann besiegt sei. Gleich hirnverbrannt wäre die Behauptung, dass ewiger Frieden über uns Menschlein käme, wenn nur endlich die per Kaiserschnitt Geborenen die Herrschaft übernähmen.

    Ich vermute, wir alle – Frauen wie Männer – werden wohl miteinander auskommen müssen. Ohne zänkischen Feminismus und ohne männlichen Größenwahn. Ich renne vor beiden davon, denn ich ertrage nur Frauen, die Männer schätzen, und Männer, die Frauen achten. Schuldzuweisungen verbiestern, lustiger wär’s, wenn eine gewisse Eleganz zwischen den zwei „Gattungen“ ausbrechen würde.

        Ein frommer Wunsch? Frau und Mann, das ist ein weites Feld, und natürlich treibt die Frage nach wie vor um, wieso es so verdammt kompliziert bei den zweien zugeht. Ich glaube, dass ich bei meinen Eltern bereits den einen der wichtigeren Gründe zu ahnen begann, ohne ihn formulieren zu können: Zu viele Illusionen! Derlei Flausen führen ins Verderben, denn sie hätte die Traumfrau und er der Traummann sein sollen. Aber derartige Zeitgenossen haben wir nicht, kein Mensch ist ein Traum, jede und jeder hat seine tristen Ecken, seine Unerfüllbarkeiten, seine Beklemmungen. Und so trieben sich die beiden täglich durchs Fegefeuer. Wie Abermillionen vor und nach ihnen. Alle grenzenlos enttäuscht von ihren Hirngespinsten, die an der Realität zerbrachen. Das macht zornig, das macht traurig, das vergiftet die Liebe.

       Das erinnert mich an Minho, einen Heiratsvermittler in China, den ich rein zufällig in Peking getroffen hatte. Ich fragte ihn nach den glücklosen Männern in seinem Land, die keine Frauen finden. Da viel zu wenige davon vorhanden sind: „Sie betreten mein Büro mit maßlosen Vorstellungen, und wenn sie irgendwann zusagen, dann fangen sie an, immer neue Defekte an der Auserwählten zu entdecken. Das ist kein Weg ins Glück.“

     Vielleicht habe ich im Laufe der Jahre noch eine zweite entscheidende Erklärung für das Verwittern der Seligkeit entdeckt. „All you need is love“, sangen die Beatles, und ich dachte, wie sweet das Lied und wie doof die Message. Natürlich ist die Liebe nicht alles, was wir benötigen. Unendlich viel mehr bedarf der Mensch, um über die Runden zu kommen. Bildung, Erfahrung, Selbstdisziplin, Glück, Charakter, Intelligenz, Resilienz, Begabung etc. etc. etc. Alles, was du brauchst, ist Liebe? Dass ich nicht lache. Wie kann man das arme Ding nur so überschätzen. In einer Zeile des Songs heißt es: „There’s nothing you can do that can’t be done“, es gibt nichts, was du nicht kannst – wohl bemerkt, wenn Liebe dich überflutet. Der Satz könnte von Paulo Coelho sein, so bieder und kalorienarm meldet er sich zu Wort.

       Was habe ich nicht schon alles in meinem Leben versucht, mich wie von Sinnen hineingestürzt. Um nach Monaten, nach Jahren zu erkennen: Es reicht nicht! Nicht, weil die Welt mich wieder einmal nicht stürmisch geliebt hat, sondern: Das Talent fehlte, die passenden Gene.

     Liebe kann viel, Liebe kann vieles nicht. Ich vermute, wenn Verliebte sich zu Zeiten an den Merkvers erinnerten, gäb’s weniger verblutende Herzen.

 

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Zehnter Juni 2021

 

Siebter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „Tiere“. Uff, ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, für die ihre Tiere die letzte emotionale Bindung darstellen, sprich, Heimat sind. Ich danke euch, herzlich, Andreas.ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde 

ps2: Vorweg noch ein Hinweis für kommenden Montag: NUR über die Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist, die Antwort schreiben. Natürlich nicht über Facebook.

TIERE 

„… Nochmals zurück zu den extravaganten Widersprüchen beim Kontakt mit Tieren. Hier Romanze, dort Todesurteil, schon ein bisschen unheimlich: Die Nutztiere töten wir und die Haustiere lassen wir auf die Bettdecke und schmusen mit ihnen. Weil sie süß aussehen, so putzig, so possierlich. Das ist, als wenn man niedliche Menschen streicheln und die anderen auf den Schlachthof führen würde.

     Hat das mit unserem Verlangen nach Schönheit zu tun? Weil ein Kaninchen besser aussieht als ein Mastschwein? Weil in einem Fell wühlen sinnlichere Reaktionen auslöst als über den Buckel eines Schuppentiers zu streichen? Siehe die Liebes-Hysterie, die Knut, das Eisbärbaby, in Deutschland, sogar weltweit, ausgelöst hat. Aber ja, die „Unschuld“ kommt noch dazu, das Wissen, dass das Putzige nicht wehtun kann, nicht ausholt und zuschlägt, es anfassen nur Entzücken verspricht.

     Darf der Autor kurz tagträumen und sich vorstellen, wie er – herzig und bezaubernd zurechtgemacht – durch Paris flaniert und alle ihm (mir!) schöne Augen machen, mich umarmen, mich abküssen und flüsternd fragen, ob sie mich mit nach Hause nehmen dürfen?

      Die Macht der Tiere, beneidenswert. Hier die Geschichte der Tochter einer Freundin, die – aus welchen Gründen auch immer – unbegreiflich menschenscheu war. Bis man sich, nach mehreren Versuchen verschiedener Hilfsangebote, für eine „tiergestützte Therapie“ entschied. Auf einem Bauernhof mit Hunden, Lamas (!), Eseln, Schafen, Katzen und Ziegenkitzen. Und Pferden. Und Theresa, die Neunjährige, entdeckte „Schneeflocke“ – gerade noch Fohlen und noch nicht Stute. Und das unergründliche Kinderherz und die unergründliche Pferdeseele fanden zueinander. Reden ging nicht, diskutieren ging nicht, Wünsche sagen ging nicht, nie wurde eine Anamnese erstellt. Doch etwas Geheimnisvolles passierte über die Wochen und Monate zwischen den beiden. Ich wüsste keinen Namen dafür. Nein, Theresa wurde kein marktschreierischer Stand-up comedian, doch ein Teenie, der anfing, erwachsen zu werden. Weil viel Angst verging. Und der Mut kam. Das kleine Wort für Vertrauen.

       Nun die letzte Szene, die bestechendste von allen. Dabei so einfach, so en passant, ganz ohne Inszenierung. Ein Spektakel, das auf wundersame Weise, ja, rekordverdächtig rasant von der Magie eines Tierchens erzählt.

      Ich saß auf der Terrasse eines Cafés, las und rauchte eine Zigarillo. Was dem reinen Glück hienieden wohl mit am nächsten kommt. Eine Zeit lang, bis ein halbes Dutzend Männer, nur ein paar Schritte entfernt, Platz nahm. Geräuschvoll. Ich blickte auf und sah auf fünf Schultern, breit wie Türrahmen, mit je zwei Armen, überwuchert von monumentalen Muskelpaketen und den schauerlichsten Tattoos Mitteleuropas. Muskelshirts bedeckten nur notdürftig ihre gewiss imposanten Torsos. Drei hatten gut geschnittene Gesichter, zwei eher brutal und der sechste, der war kugelrund von oben bis unten. Alle trugen Hipster-Bärte und auf dem Schädel die eine Frisur, die Frisur für Klone, die ein zu lebenslänglich verurteilter Zuchthäusler im LSD-Delirium erfunden haben musste: den Undercut. Vier ihrer zwölf Männerbeine steckten in Shorts, der Rest in Trainingshosen.

       Ich schloss die Augen, um bei Sinnen zu bleiben und mir vorzustellen, wie ich beim Anblick der Herren in finsterer Gasse diskret umdrehen und verduften würde. Zitternd bis hinter die eigene Wohnungstür.

      Jedes Klischee wurde bedient. Die sechs gehörten zur Rasse der Zampanos, die Knie souverän manspreading, triumphal gestikulierend und dicke Sprüche in die Welt posaunend. Fraglos Sieger unter sich, augenblicklich und unüberhörbar in Heldenlaune. Deutsche und Türken, vermutlich.

     Dann erschien der Engel. Der Besitzer des Cafés kam auf den Tisch zu, die sieben kannten sich offensichtlich. Auch er bärtig, aber mit Rauschebart, doch ebenfalls voller Bizeps, Trizeps und Quadrizeps. Nein, er war nicht der Engel. Den trug er im Arm.

      Jetzt schlug der Blitz ein, die Angeber hörten schlagartig auf anzugeben und streckten stürmisch ihre Hände nach oben, jeder musste unbedingt der Erste sein, der das Knäuel in Empfang nehmen durfte. Und einer bekam es, und der deutsch-türkische Männerverein verfiel in Verzückung, sie babbelten plötzlich wie Leute, die vor einem Kinderwagen stehen und via Babysprache auf den Säugling einreden.

    Ein Zwergspitz war der Engel, und aus den sechs Wilden wurden sechs Zartlinge, die sich um ein Hündchen rissen, es hin und her wiegten, es an ihr Herz (hinter den drallen Muskeln) hielten, es da und dort und überall (sacht) drückten, schiere Lobgesänge anstimmten, ihre mächtigen Nasen in den duftend-weißen Wuschelpelz steckten, es kosten, das Näschen beschnupperten, Liebesfetzen stotterten, ja, im Handumdrehen mutierten sechs pompöse Egos zu verzückten Liebenden.

     Ich sah noch immer hin und habe alles verstanden: ein Zwerg als Liebesapostel, als Friedensstifter, als Coach für cool-down. Und seine Zauberkraft schien so unfassbar schwer und so unfassbar einfach zu sein: Er nahm jeden Liebesbeweis an und wies keinen der sechs von sich und kein „ach, du Kümmeltürke“ entkam ihm und kein „ach, du deutscher Fettsack“ und kein „ach, wie riechst du scheußlich“ und kein „ach, was redest du für ein Blech“, und keine Goldbarren und Großtaten interessierten ihn, keine glorreiche Vergangenheit und keine beneidenswerte Zukunft, nein, er war pure love, ein Hund als Heiliger. Kein Urteil und kein Vorurteil verringerte die Distanz, nichts, absolut nichts versperrte den Weg zwischen ihm, dem Papiergewicht, und den Schwerathleten. Keine Neurose störte, keine böse Kindheit meldete sich, nicht ein Schatten war zu sehen in dieser Stunde. Bei keinem, nur Innigkeit und Wärme schwirrten rastlos hin und her.

      Fast sechzig Minuten ging das so. Dann fing es zu regnen an, und unverzüglich musste der Wichtel in Sicherheit gebracht werden.

     Was für ein herrliches Leben. Lesen, rauchen und entspannten Männern zusehen. Auf dem Weg nach Hause kam ich an einem Bettler vorbei. Erstaunlicherweise hatte er die Bettelschale vor seinen Hund gestellt, der einen halben Meter entfernt neben ihm saß. Das war schlau: Das Herrchen pennte, und das Tierchen schaute, dass es klingelte. Reichlich, lauter Münzen schimmerten im Teller. Was für ein friedfertiger Tag auf der Welt.“

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Neunter Juni 2021

Sechster Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „Freunde“. Himmel, wer wüsste nicht, was so ein muskulöses Wort bedeuten kann. Ohne sie, die Freunde, wär’s traurig auf der Welt.  

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

ps2: Vorweg noch ein Hinweis für kommenden Montag: NUR über die Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist, die Antwort schreiben. Natürlich nicht über Facebook.

FREUNDE

„Freundschaft ist etwas Heiliges. Sie verraten ein Verbrechen. Als Teenie sah ich „Der Schatz im Silbersee“ und als ich das Kino verließ, wusste ich Bescheid: Treue ist der Schlüssel. Wenn es sein muss, bis in den Tod. Winnetou und Old Shatterhand wurden mein Traumpaar. Ich war fest überzeugt, dass sich der wunderbare Pierre Brice und der wunderbare Lex Barker auch im echten Leben nie verlassen würden.

     Fredy, ein Schulkamerad, hatte neben mir gesessen. Auf dem Nachhauseweg beschlossen wir, dass er ab nun Old Firehand und ich Old Surehand hießen. Da jeder von uns mindestens ein Dutzend Karl-May-Bände gelesen hatte, kannten wir uns aus. Fredys Vater war ein Arsch und mein Vater der andere Arsch. Unser Pakt sollte uns schützen. Gegen unsere Väter und die Welt. Wir schworen uns Beistand für jetzt und für ewig.

        Wir mussten uns nichts beweisen. Die Zeit reichte nicht, Fredy zog nach Monaten weg, und ich konnte nicht verhindern, dass er ein unglücklicher Erwachsener wurde, wie ich irgendwann erfuhr. Vage begriff ich, dass man eine Freundschaft nicht beschließen kann, man muss sie schmieden, sie muss durchs Feuer gehen. Dann bekommt sie Dauer. Ähnlich der Liebe. Und doch, viel später werde ich bei Henry Miller lesen, dass sie, die Freundschaft, „etwas jenseits von Liebe“ sei. Was für ein rätselhafter Satz. Mit dem so rätselhaften Wort „jenseits“.

            Ich wollte Nähe. Vielleicht suchen Kinder, die emotional eher kurzgehalten werden, intensiver nach ihr. Und wenn kein Mensch zur Verfügung stand, dann eben Tiere. Ich sah „Heimweh“, den ersten Lassie-Film (mit der zehnjährigen Elizabeth Taylor), und ich dachte, dass es keinen besseren Ort als einen Kinosaal gibt, um Rotz und Wasser zu heulen. Diese fraglose Treue. Unverbrüchlich, unverkäuflich. Der kleine Joe und die große Lassie, sie waren wie Winnetou und Old Shatterhand. Da mag die Welt links und rechts in Abgründe versinken, die zwei gehörten zusammen.

     Ich wusste noch nicht, dass man via Kamera eine Wirklichkeit erfinden konnte, die so nicht vorkommt.

       Bald lasen wir im Deutschunterricht „Die Bürgschaft“ von Schiller. Wieder traten zwei Männer auf, zwei Blutsfreunde. Diesmal nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der Antike: Selinuntius bürgt für seinen Freund Möros, weiß, dass er hingerichtet wird, wenn der andere nicht rechtzeitig zurückkommt. Und Möros weiß, dass er selbst sterben muss, wenn er sein Versprechen hält und den anderen auslöst. Und dennoch überwindet er jede Gefahr, jede Todesgefahr, um sein Gelöbnis nicht zu brechen. Und taucht in letzter Minute auf. Alle in der Klasse mussten die Ballade laut vorlesen. Ich kam nie zum Schluss. Weil ich in Tränen ausbrach. Über so viel Liebe.

       Ein Freund, ein einziger – mein Vater – hätte mir genügt. Aber der wollte nicht.

      Ich sah Hunderte von Western, Sandalenschinken, Romanzen, und wann immer Freunde auftauchten, gab es ein Tabu, eines, an dem nicht gerührt wurde: der Verrat. Alles durften sie tun, ihre Frauen hintergehen, Banken ausrauben, Rache nehmen, Friedlose aufhängen, doch das eine war undenkbar, es kam nicht vor im Skript, es gab ihn nicht. Da mögen Himmel und Erde niederbrennen, Freunde sind ewig Freunde.

       Jahre später, längst erwachsen, sah ich einen französischen Kriminalfilm, in dem das Thema auf wundersam lässige Weise angedeutet wurde, so nebenbei, nicht mehr so bombastisch à la Schiller und Sturm und Drang: A ruft nachts B. an, gehetzt spricht er in die Muschel: „Ich habe jemanden umgebracht.“ Und B., ruhig, wie selbstverständlich: „Wo ist die Leiche?“ Freunde sind zur Stelle, auch wenn Tote herumliegen.

      Freunde sind Heimat.“

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Achter Juni 2021

Fünfter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat

Ihr Lieben,

hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „Ein Augenblick des Glücks: Sahara“. Eine Szene aus Algerien, die zur Suche nach einem Mann gehört, den ich bewundere.  

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

PS2: Vorweg noch ein Hinweis für kommenden Montag: NUR über die Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist, die Antwort schreiben. Natürlich nicht über Facebook.

Ein Augenblick des Glücks: Sahara

„… Die beiden flogen zurück nach Frankreich, und die Sahara gehörte mir allein. Ich vermute, ich bin ein unsozialer Reisender, da überzeugt, dass man gewisse Zustände besser für sich erlebt. Nur für sich. Weil nichts und keiner ablenkt. Weil kein Selfie-Tropf im Weg steht und die Sicht blockiert. Weil kein einziger plappert. Weil man so ausschließlich sein kann. Was so selten gelingt.

     In Tamanrasset fand ich Moussa, den Targi mit den eleganten Händen. Er besaß einen Range Rover und kannte sich aus. Wir vereinbarten einen Preis und zogen los. Richtung Hoggar-Gebirge, etwa 60 Kilometer nördlich. Manchmal durfte ich ans Steuer. Die Gefahr eines Unfalls schien gering zu sein, immer gab es Millionen Quadratmeter, um auszuweichen.

      Wüste, die Lieblingsgegend. Und Moussa, mein Mann in Algerien, der kaum redete und zuvorkommend war. Sein Blick, mitten aus seinem blauen Schesch, verstrahlte Ruhe und Umsicht.

      Der Hoggar ist fast so groß wie Frankreich, ein Hochplateau aus Vulkangestein. Seine bizarren Erhebungen erinnern an den Grand Canyon in Arizona. Ungenaue Erinnerung, denn hier ist alles mächtiger, höher und, so will ich es glauben, geheimnisvoller. Wer hier durchfährt, wird still und selig.

        Ich habe nur ein Ziel, den Berg Assekrem, etwa 2800 Meter hoch. Unergründliches Menschenherz: die einen wollen aufs Meer, die anderen in Landschaften voller Wälder und wieder andere, ich auch, wollen in die Wüste, wo es von all dem nichts gibt. Doch das Nichts macht ruhig, es ordnet, löst Zutrauen aus. Wüste ist Zen: Du starrst ins Leere, und es erfüllt dich. Warum das so ist, wer wüsste die Antwort.

     Moussa findet fünf Quadratmeter Schatten, hier wird er warten. Er sagt kein Wort, kein Angebot, als Guide mitzugehen. Wie ich das schätze. Ich mag Männer, die spüren. Er weiß, dass ich jetzt allein sein will.

       Der Aufstieg ist leicht, nur dem Hinweisschild entlang, nur die blaue nackte Sonne. Ein paar Laute, nicht laut, unmöglich zu wissen, von welchem Tier sie kommen. Ein leiser Nachmittag, irgendwo auf der Welt. Nur mein Herz begleitet mich, es schlägt unüberhörbar. So treu. Ich lebe.

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Ihr Lieben,

noch eine zweite Meldung.

Gespräch  HEUTE auf hr2 mit Alf Haubitz.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Sendung: hr2-kultur, „Am Nachmittag“

Zeit: Ab 15.05 Uhr gut informiert mit dem aktuellen Kulturgespräch und entspannter Musik durch den Nachmittag. Gespräch mit dem Autor und Reporter Andreas Altmann.

Heimat – eine Gebrauchsanweisung von Andreas Altmann

„Heimat“ – das sind für den reisenden Reporter und Bestsellerautor Andreas Altmann nicht die Wurzeln, sondern die Sprache und die Beine,die der Mensch bewegt und die ihn bewegen. In seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“ nähert Andreas Altmann sich diesem schwierigen Begriff „Heimat“ und erzählt, wo, wann und wie ihm Heimatgefühle begegnen, ob er nun in Neu-Delhi, Hanoi oder in seiner Wahlheimat Paris ist. In hr2-kultur ist Andreas Altmann.

https://www.hr2.de/programm/sendezeiten/am-nachmittag,epg-am-nachmittag-668.html

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Siebter Juni 2021

Vierter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „Heimat“. Kein leichtes Thema, denn der Begriff ist reich an Gefühlen, Träumen, Hoffnungen. auch Niederlagen. Jede und jeder hat eine etwas andere Vorstellung von dem, was hinter diesem so schönen Wort Heimat steckt.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde. 

HEIMAT

„… Dass dieses Buch ein Heimatloser schreibt, ist eine gute Idee. Sagen wir, er hat seine „natürliche“ Heimat verloren, nein, er hat sie verlassen. Im Laufschritt, fluchend, unter Tränen der Freude, unter Tränen frisch bezogener Prügel. An einem heißen Junitag, zum letzten Mal blutig geschlagen von seinem Alten.

      Kein Tropfen Selbstmitleid steckt in diesen Sätzen. Dass ich dieser Brutstätte prügelnder Lehrer, Priester und Nazis entkommen bin, hat sich als einer der Glückspfeiler meines Lebens erwiesen: Ich würde eine andere Heimat finden, ein oder zwei Milchstraßen sensationeller als der Furz, der endlich hinter mir lag.

       Viel später werde ich in einem Interview von Harry Houdini lesen, dem ungarisch-amerikanischen Wunderknaben, der sich aus jedem Käfig, jeder Kette und jeder Zwangsjacke befreien konnte: „Meine größte Entfesselung war, meiner Heimatstadt in Wisconsin entflohen zu sein.“ Grandios.

      Für andere ist ihre Heimat ihr ein und fast alles. Sogar als Leiche – sollten sie außerhalb ihrer Gegend sterben – lassen sie sich zurückfliegen. In Südafrika habe ich eine Familie kennengelernt, die ihr ganzes bisschen Geld investierte, um die Flugkosten für den Sarg eines Onkels zu finanzieren. Damit er anschließend von heimischen, nicht ausländischen Würmern aufgefressen wird. Hört sich das zynisch an? Überhaupt nicht, nur unfassbar rätselhaft.

      Aber ja, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Und befände es sich zwei Fuß unter der Erde. Wo es dunkel, kalt und einsam zugeht. Auch eine Heimat. Ich will es stilvoller haben – die Ewigkeit lang, die sich die Welt nach mir drehen wird: Ich will verfeuert werden. Und dann als Asche – welch närrischer Wunsch – im Indischen Ozean versinken. Der ist warm und grün und voller Überraschungen.

      Zurück zu den Lebenden. Natürlich verstehe ich das Wort „Heimweh“. Wenn das Heim und die Heimat, die ein Kind erlebt hat, Lichterketten der Freude in ihm angezündet haben, wenn Frauen und Männer auftraten, die tatsächlich erwachsen waren und ihre Psychospasmen nicht an den Kleinen, den Schwächsten austobten, wenn dort Freundschaften und Liebschaften passierten, wenn man wachsen durfte wie Pippi Langstrumpf, kichernd, streunend, entdeckend, auch Trauer, auch Verlust. Und dabei stets – die Kindheit als Initiationsritus – sein Werkzeug, seine Waffen zu schmieden lernte. Um es eines Tages mit der Wirklichkeit aufzunehmen, mit den Herausforderungen des Lebens.“

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Sechster Juni 2021

Dritter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „Sprache“. Klar, sie ist meine Lieblings-Heimat. Sie nährt mich in jeder Beziehung, an allen Tagen, bei jeder Not rufe ich sie um Hilfe.

Ich danke euch, herzlich, Andreas

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

SPRACHE

„… Der Homo erectus, eine Art Urmensch, begann vor circa zwei Millionen Jahren die tierischen Geräusche zu verfeinern. Doch der Wortschatz blieb kümmerlich, rein auf den elementaren Alltag beschränkt. Bis zur Entwicklung dieses hoch komplizierten Kommunikationsmittels, wie wir es heute kennen, verging unendlich viel Zeit, ja, ganze Jahrtausende: um das Wunderwerk Sprache – womöglich die grandioseste Erfindung der Menschheit – in die Welt zu bringen.

     Sprache ist so unfassbar wie Musik. Vielleicht reichte ein zehn Meter voluminöses Buch, um eine Ahnung von ihrem „Vermögen“ zu liefern. Mir stehen einige Seiten zur Verfügung, keine fünf Millimeter dick. Ich muss mich beschränken.

      Mit elf fing ich an, in „mein Tagebuch“ – so bombastisch nannte ich das Schulheft – zu kritzeln. Meist handelte es sich um Sturmmeldungen über die Wutausbrüche und Gewalttaten meines Alten. Ohne mir darüber klar zu werden, erleichterte dieser Vorgang mein Herz. Viel später würde ich erfahren, dass das so unspektakuläre Hinschreiben – so still, so arglos – tatsächlich zum Seelenfrieden eines Menschen beiträgt. Wenn nicht Frieden, so doch ein Gefühl von Linderung vom heillosen Zustand der Erniedrigung. Man sitzt da, tut etwas nahezu Unhörbares und besänftigt mit jedem Wort den Schmerz, die schwelende Einsamkeit.

     Ohne Wunde keine Sprache. Und hat sie Glück, so kommt einer und setzt sie unter Strom. Und der Leser – wundersam ergriffen – spürt den Schlag und erkennt, dass hier ein Wildfremder auch über ihn spricht, seine Einsamkeit, seine Wunden. Wie eine sanfte Droge, ganz ohne Verfallserscheinungen, zieht die Sprache in sein Blut.

     In einem Interview erzählte Paul Auster, wie er mit neun durch einen Park schlenderte, und ihn plötzlich – völlig neu für ihn – das Bedürfnis überkam, ein Gedicht zu verfassen. Er rannte in einen Laden, kaufte Papier und Stift und dichtete. Das Ergebnis (so wusste er bald) war lächerlich schlecht, aber er fühlte sich „mit der Welt verbunden“, so, als wäre er in ihr tatsächlich vorhanden, in ihr „verankert“.

       In der Schule lernte ich nicht Deutsch, doch Deutsch zu hassen. Aus verschiedenen Gründen, auch weil meine Aufsätze als besonders misslungen vorgelesen wurden. Begleitet von wenig freundlichem Gelächter. Bis Lehrer E. kam, spät in der 12. Klasse. Er war der Erste, der mich verführte. Zur deutschen Sprache. Statt zu demütigen, öffnete er eine Schatzkammer. Der ich eines Tages mein Leben verdanken würde. Was für ein pomphafter Satz. Dennoch, so wahr. An jedem Tag.

     Nach Jahren, jetzt Reporter, begriff ich Sprache nicht nur als Trostpflaster, sondern zudem als Instrument, um abzulästern. Das Alphabet – ich hatte ja weder Einfluss noch Schatztruhen – als Waffe gegen die Blödheiten der Welt. Sprache als Spielverderber, natürlich ohne die geringste Illusion, den Schwachköpfen ihr Spiel auf Dauer zu verderben. Wörter wie Wassertropfen auf einen Ofen, ein Zischen und weg. So tut ein Schreiber gut daran, früh Macht und Ohnmacht von Sprache als ziemlich klein und ziemlich groß zu begreifen. Gerade dann, wenn sie dazu aufruft, sich des Hirns zu bedienen und nicht gleich wieder den Rattenfängern der Angst – nichts korrumpiert mehr als sie – hinterherzurennen.

     Als ich von Paris nach Berlin wanderte, zu Fuß und ohne Geld, überlegte ich jedes Mal, bevor ich einen Pump anlegte, ob der Mensch mir etwas geben würde oder nicht. Ich wollte herausfinden, ob man einer Frau oder einem Mann die Freizügigkeit ansieht. Ich scheiterte, meistens. Keinem steht Mitgefühl auf die Stirn geschrieben. Sie ist eine heimliche Eigenschaft, erst erkennbar, wenn sie in Aktion tritt.

     Nicht anders mit Sprache. Immer war ich bei Lesungen überrascht – und ich bin weder weltberühmt noch „muss“ man mich gelesen haben –, wie unterschiedlich die Leute aussahen. Das ist eine Binsenweisheit. Was ich sagen will: Ich blickte in Gesichter, denen ich – wäre ich ihnen auf der Straße begegnet – nie einen Funken Liebe für Literatur zugetraut hätte. Klar, meine Vorurteile, denn ich glaubte zu wissen, wie der Kopf eines Menschen zu sein hat, der denkt und liest. So rührt mich jede und jeder, der dasitzt und zuhört: nur der Sprache, sonst niemandem. Keinem Symphonieorchester, keinem Megastar, keinem Heldentenor. Das fordert gleich zwei Tätigkeiten: mitdenken und mitfühlen. Sie sind für jeden Schreiber ein Geschenk.“

 

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Fünfter Juni 2021

Zweiter Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

Hier nun ein paar Zeilen aus dem Kapitel „Musik“. Wem Musik keine Heimat ist, dem ist auf Erden nicht zu helfen. Und das sagt einer, den die Götter nicht mit berauschender Musikalität beschenkt haben. Zudem sind Schreiber ja immer ein bisschen neidisch auf Musiker. Hier steht es, warum.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

MUSIK 

„Die ewige Fehde: Wem gehört die Krone der höchsten Kunst, der Literatur oder der Musik? Ich vermute, dass die Schreiber den Titel für sich beanspruchen, und die Musiker ganz anderer Meinung sind. Wie immer der Kampf auch endet, eines ist gewiss, den einen Geniestreich hat die Musik der Sprache voraus: Sie muss nicht übersetzt werden. Ob Broker in London, ob Reisbauer im Mekongdelta, ob Barbesitzer im australischen Outback, ob Diamantensucher im Transvaal, ob Boxweltmeister aus der Bronx oder Standesbeamter in Quakenbrück, ob queer oder einbeinig, ob ziemlich doof oder ziemlich hell, sie alle müssen nichts machen, nichts organisieren, nichts wissen, nichts lernen, nichts können. Nur sein. Und Musik fährt in ihr Herz und versetzt sie in jeden menschenmöglichen Zustand. Schier unheimlich.

Literatur schafft das auch. Doch nur, wenn der „Empfänger“ sieversteht, sie in seiner Sprache auftaucht. Und: Der Mensch bereit ist, sein Gehirn zu strapazieren. Und das Gehirn imstande ist, die verschiedensten Wörter und Begriffe miteinander zu verbinden, ja, „da“ zu bleiben, sich zu konzentrieren. Er, der Leser, kann nicht lesen und nebenbei Kartoffeln schälen – was bei Musik durchaus geht. Er, der Leser, muss Geld hinlegen für einen Text – bei Musik ist vieles umsonst. Er, der Leser, muss (geistig) beharrlich sein – während Musik ganz ohne sein Zutun weiterspielt. Er, der Leser, muss wissen und erkennen wollen – was bei Musik nie verlangt wird.

Literatur schmiedet den Verstand, die kognitiven Fähigkeiten, die Intuition. Musik erledigt etwas anderes: den Rest, den ungeheuren. Wie ein Blitz fällt sie über uns her und braucht dabei kein einziges Wort.“

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Vierter uni 2021

Erster Text aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“

Ihr Lieben,

haha, ich werde schon beschimpft, ermahnt, gedrängt, doch endlich die oder den einzuladen, ganz egal, wer gewinnt. Ach, all den Ungeduldigen will ich zurufen: Atmet! Noch hat kein Abendessen mit mir einer Frau oder einem Mann das Leben gerettet. Es nicht einmal verändert. Im allerbesten Fall erheitert und bereichert! Selten genug.

Die zehn Textstellen betreffen immer das Thema „Heimat“, einmal via Mühsal, dann Staunen, Schmerz, Lachen, Unglaublichkeit etc. Heute fangen wir mit Romantik an. Die Zeilen stammen aus dem Kapitel: „Ein Augenblick des Glücks: Galway“.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Lest achtsam, in jedem der zehn Kapitel kann das Wort stehen, nach dem ich am Schluss fragen werde.

„… Als ich durch die menschenleeren Straßen Richtung Lin’s Guesthouse wanderte, wurde mir klar, dass Galway alles hatte, um auf meinem privaten Heimat-Atlas zu landen: In dem jeder „Punkt“ unserer Erde steht, der – halblaut ausgesprochen – ein sehnsüchtiges Seufzen auslöst. Die Gründe dafür können so verschieden sein. An diesem Sommertag waren es Susans Lippen, die nun wie tausend irische Sterntaler meine Haut bedeckten. Und Yeats Poesie. Und diese Nacht, durch die vom Meer her eine warme Brise wehte.

+++

Ihr Lieben, alle drängen, alle wollen nach Paris. Okay, jetzt ist der rechte Zeitpunkt gekommen, um das „Preisausschreiben“ zu starten. Paris ist (fast) offen und Paris leuchtet.

WER IST DABEI

Jede und jeder kann mitmachen, der will und über ein klein bisschen Ausdauer verfügt.

Halt, vielleicht sei noch der folgende Hinweis erlaubt, damit der Sommerabend heiter und beschwingt verläuft. Von welchen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ich träume und von welchen nicht, hier steht es

Erwünscht sind:

Sprudelfrauen

Sprudelmänner

Wissenshungrige

Fragende

Neugierige

Sprachverliebte

Lebensverliebte

Vehemente

 

Lieber nicht:

Verschwiegene

Besserwissende

Humorlose

Teilnahmslose

Genies

Anspruchswürstchen

Wichtige

Verschwörungs-Athleten

WINNER TAKES ALL

1 / 200 Euro Spesen für An/Abreise und Hotel.

(Der Mensch kann das Geld auch sparen und unter der Pont Neuf schlafen. Wie es beliebt.)

2 / Dinner mit AA, der an diesem Abend hundert Fragen schafft, dann aber erledigt den Geist aufgibt.

3 / Ein Buch von mir nach freier Wahl (außer „Unterwegs in Afrika“), Übergabe in Paris.

DATUM FÜR PARIS

Gewinner/in und AA werden gemeinsam einen beiden Seiten genehmen Tag vereinbaren.

RECHTSWEG
Haha, ausgeschlossen.

SPIELREGELN

(denn es ist nichts als ein Spiel)

Ich werde an zehn Tagen hintereinander kleine Auszüge aus „Gebrauchsanweisung für Heimat“ auf FB und meiner Homepage (www.andreas-altmann.com unter „Aktuell“) reinstellen. Klug wäre, die paar Zeilen aufmerksam zu lesen.

BEGINN

Der Erste von ZEHN Texten erscheint am Freitag, den 4. Juni. Der letzte logischerweise am Sonntag, den 13. Juni.

JACKPOT

Am Montag, den 14. Juni, werde ich um 20 Uhr DIE EINE Frage stellen. (So muss niemand 24 Stunden vor FB und HP abhängen.) Wer sie am schnellsten richtig beantwortet, hat Paris und ein Dinner gewonnen. Mehr geht nicht.

Bis 20.15 Uhr sind Antworten möglich, dann nicht mehr. Logisch, sonst hat jemand noch vier Wochen Zeit, die zehn Beiträge nachzulesen. Nur die Fleißigen, haha, sollen belohnt werden.

PS: Antworten NUR über meine Mailadresse, die auf meiner Homepage zu finden ist. Antworten über Facebook sind ungültig.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

heute wieder ein Podcast auf SWR3, wie immer mit dem formidablen Kristian Thees, der mir die coolsten Storys rausleiert. Heute ein Thema – „Bruderliebe“ –, das durchaus mit dem Thema Heimat zu tun hat. Wenn die Nähe zu einem Bruder nicht Wärme und Vertrauen schafft, dann sieht es nicht gut aus im Leben der beiden. Aber ich hatte Glück, schon wieder, und bekam einen, dem ich bis zum letzten Schnaufer meine Dankbarkeit nachtragen werde.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto zeigt Muhammad Ali und seinen jüngeren Bruder Rahaman Ali, den der ältere immer beschützte. Mein Bruder war nicht ganz so stark wie der ehemalige Weltmeister im Schwergewicht, aber immer zur Stelle, wenn es eng wurde.

Hier der Link zum Podcast:

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.htm

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Ihr Lieben,

die Situation im Nahen Osten hat sich leicht beruhigt, ein fragiler Waffenstillstand herrscht. Premierminister Netanjahu pries das Totbombardieren von 243 Palästinensern – darunter mehr als 50 Kinder – als

„außergewöhnlichen Erfolg“. Der Zynismus mancher Zeitgenossen ist nicht mehr zu toppen. Nur noch von ihnen selbst. Ach ja, rein rechnerisch hat er recht, da die Israelis nur 12 Tote beklagen mussten. Wir alle sollten wissen, dass sich – nach dem abermals so erfolgreichen Töten im Gazastreifen – das Leben der Palästinenser weder dort noch im Westjordanien ändern wird. Hat doch Israel nur ein Ziel: die ethnische Säuberung des bisschen Lands von Palästinensern. Denn die israelische Regierung kennt keinen Plan B. Erst wenn dieses Business erledigt ist, haben die Palästinenser – entweder tot oder vertrieben – Ruhe. Ich versuche immer, gelassen zu bleiben, selbst wenn sich hundert Giftpfeile in mein Herz bohren, (Oft scheitere ich.) Auch aus der einfachen Erkenntnis heraus, dass keinem Geschundenen mit meiner schlechten Laune geholfen ist.

Nun, jetzt habt ihr leichtere Kost verdient. Hier ein Hinweis auf „EDITION“, ein Magazin aus Hamburg. Man war so freundlich, dort ein Gespräch mit mir zu veröffentlichen – zum Thema „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Ein Titel, der millimetergenau zu den obigen Zeilen passt. Wer auf Erden wollte nicht eine Heimat haben, die ihm von niemandem gestohlen wird?

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

++ +

EDITION, Volume 7, die Fragen stellte der so geduldige Markus Deisenberger, Jurist und freier Journalist, lebt in Salzburg und Wien.

Wie kommt ein rastlos Reisender, ein Heimatloser wie Sie, dazu, ein Buch über Heimat zu schreiben?

A: Ich bin der genau Richtige, denn wo immer ich kann, klebe ich diskret einen Sticker an Orte, an Landschaften, an Frauen und Männer, die ich mir als Heimat wünsche. Zugegeben, ich habe mich ein bisschen geziert, als der Verlag mit dem Angebot kam. Doch dank meiner superklugen Lektorin bin ich eingeknickt und legte los.

Ging es Ihnen auch darum, weit verbreitete Missverständnisse, was Heimat sein kann, sein soll, zurechtzurücken? Oder herauszufinden, was Ihnen Heimat selbst bedeutet?

A: Keine Panik, der typische Heimatdusel kommt nicht vor. Meine eigene Heimat, ein bigottes Kaff, habe ich fluchend und mit zwei blutenden Augenbrauen verlassen. Um tatsächlich – als Reporter – herauszufinden, dass an vielen Orten der Welt Wärme entstehen kann, Nähe, Coolness, folglich Heimat.

Freundschaft, Sprache, Musik, Liebe. Es sind die essenziellen Dinge, über die Sie in Ihrem aktuellen Buch schreiben. Ist Heimat dort, wo all das möglich ist?

A: Aber ja, doch Liebe – uff, was für ein bombastisches Wort – muss nicht überall ausbrechen, damit ich mich heimatlich fühle. Doch Swing sollte sein, Schwung, intelligente Frauen und Männer, eine Umgebung, die fiebert.

„Heimat ist ein wunderschönes Wort, wie warm es schwingt. Und wie unglaublich viele Bedeutungen es hat“, schreiben Sie. Aber ist es nicht auch eines der merkwürdigsten Erfindungen der modernen Zeit? Ein gesellschaftliches Konstrukt, ohne dem wir vielleicht besser dran wären?

A: Dass das Wort Heimat missbraucht werden kann, um – nur ein Beispiel – mit nazibrauner Blödheit die Welt heimzusuchen: Wir Deutsche wissen es am besten.

Wie sind Sie dem Reisen verfallen? Um „Momente zu erleben, die sich wie kleine Wunder ins Herz brennen“, wie Sie poetisch schreiben? Oder ist es pragmatischer, indem Sie sich einfach die Geschichten holen, die sie für Ihre Bücher brauchen?

A: Ich wehre mich immer gegen Erhabenheiten. Aber ja, ich weiß (und kann) nichts anderes, um Geld zu verdienen. Aber ja, nie wache ich mit einem Plot im Kopf auf, also muss ich in die Welt rennen, um Geschichten zu finden.  Aber ja, die kleinen Wunder kassiere ich gleich mit.

Würden Sie Reisen als eine Obsession bzw. sich selbst als obsessiv Reisenden bezeichnen?

A: Obsessiv? Das ist mir zu inbrünstig. Ich reise zuallererst, um dem Ranz des Alltags zu entkommen.

Eine ganz wesentliche Qualität ihrer Bücher ist, dass sie Menschen, die Sie auf Ihren Reisen treffen, zu Wort kommen lassen, ihre Geschichten erzählen lassen. Einfühlsam und ungeschönt. Diese alltäglichen Momente sind es, die oft hängen bleiben und ein größeres Bild zeichnen als es Sensationsmeldungen vermögen. Wie essenziell ist die Eigenschaft, gut zuhören zu können, für Ihren Job?

A: Ich weiß nicht, ob ich wirklich gut zuhören kann. Ich unterbreche auch Leute, sobald sie mich langweilen. Aber ein Talent sollten Reporter schon mitbringen: die Nase, die ihn zu Frauen und Männern führt, die nicht fadisieren.

Suchen Sie sich diese Leute aus oder suchen die Leute Sie aus?

A: Ja, ich bin auch Hure, die irgendwo herumsteht und sich von jedem anmachen lässt. Ich bin dann „auf Empfang“, entscheide blitzschnell, ob mir das gefällt oder ich lieber weiterziehe. Ich bin gern das Objekt von Neugierde. So entstehen Rede und Widerrede.

Ihre Biographie wirkt, als wären Sie jedes Mal, wenn Ihnen etwas nicht mehr genügte, weitergezogen, um sich woanders zu versuchen. Kann der, der aktiv nach Heimat sucht, erfolgreich sein? Kann man Heimat erzwingen oder fällt sie einem einfach zu?

A: Heimat erzwingen? So wenig wie eine Erektion. „Sie ist da!“, meinte Cocteau, herrlich weise. Oder eben nicht. So ähnlich passiert es wohl mit der Heimat. Sie fährt einem mitten ins Herz und man weiß Bescheid: Okay, hier isses!

Sie zitieren Houdini, der einmal meinte, seine größte Entfesselung sei die Flucht aus der Heimatstadt gewesen. Würden Sie trotz der Fülle an Reisen, die Sie getan haben, sagen, das Ihre vielleicht wichtigste jene war, die sie weg aus Ihrer Heimatstadt, weg aus dieser „Brutstätte prügelnder Lehrer, Priester und Nazis“ brachte?

A: Ich will das Nest nicht überschätzen, hinterher kamen noch andere Reisen, auch fiebrig, auch randvoll mit Adrenalin und dem maßlosen Gefühl von Freisein.

Würden Sie so weit gehen, ein Menschenrecht auf Flucht zu postulieren? Jeder verdient doch eine zweite Chance? Der Mut, das eigene Elend, aber auch das, was man liebt, einfach hinter sich zu lassen, muss doch belohnt und nicht verteufelt werden?

A: Der Spießer verteufelt immer gern das, wofür sein Mut nicht reicht.

In Ihren Büchern schreiben Sie unverblümt über sich selbst, ihr Elternhaus, Intimität und Sex. Hat Ihnen diese direkte, mitunter radikal autobiographische Schreibweise auch Probleme eingehandelt? Haben Sie die Ehrlichkeit später manchmal bereut?

A: Freilich wurde ich dafür auch ordentlich bespuckt, denn meine Zeilen haben bei den notorisch Empörten etwas geweckt, von dem sie nichts wissen wollten. Auch klar: Derlei Intimität muss mit Eleganz und feiner Feder geschrieben werden. Ohne den Sound des Proleten, ohne schmierige Zwischentöne.

Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie für eine gute Geschichte Grenzen überschritten haben, die Sie besser nicht überschritten hätten?

A: Wenn ich davonkomme, bereue ich nie.

„Reporter, das ist einer, der zurückträgt, was er gesehen, gehört und gefühlt hat“, haben Sie mal gesagt. Was trägt so einer in Zeiten der Pandemie zurück? Wie lebt Andreas Altmann in Zeiten des eingeschränkten Radius?

A: Ich winsle nicht an gegen etwas, was ich nicht ändern kann. Zudem hatte ich im März 2020 einen schweren Unfall, inklusive Operation, Rehabilitation und Schmerzensschreien in der Nacht. Ich war also beschäftigt.

Oft erfährt man an Orten, wo man es am allerwenigsten erwartet hätte, Zuwendung. Sind es solche Erlebnisse, die einem besonders in Erinnerung bleiben? Und ist Heimat vielleicht der Ort, wo man die meiste Zuwendung erhält?

A: Hm, es gibt ja auch Leute, die einem wohlgesonnen sind, und trotzdem bricht kein Feuer im Busen aus. Heimat darf ruhig auch etwas Verbotenes, etwas Anrüchiges haben. Lieb sein reicht nicht.

Miguel de Unamuno hat einmal gesagt: „Faschismus kann durch Lesen geheilt werden, Rassismus durch Reisen.“ Ein Zitat, das Ihnen gefällt, oder hohler Idealismus?

A: Ich verehre Unamuno, aber hier liegt er falsch, sein eigenes Leben widerspricht ihm. Was hat er gegen Franco angeschrieben – und wie vergeblich. Ich kenne zu viele Leute, die lesen und reisen und trotzdem jeden Morgen aufs Neue blöd aufwachen. Und ich kenne Leute, die wenig lesen und wenig reisen und trotzdem mit Hirn und Herzensbildung unterwegs sind.

Gibt es einen Ort, den sie bereist haben, den Sie nicht verstanden haben und der Ihnen trotz Ihrer Versuche, ihn zu verstehen, deshalb fremd geblieben ist?

A: Unendlich viele Orte sind mir fremdgeblieben. Wie auch Frauen und Männer, denen ich begegnete. Möglicherweise meine Schuld, da zu unsensibel, zu ungeduldig, zu vernagelt.

 

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Ihr Lieben,

hier wieder ein Post, der sein muss. Zumindest für mich – um nicht zu platzen. Stichwort „Palästina / Israel“. Was man zurzeit in den meisten Medien hört, liest und sieht, ist von himmelschreiender Dämlichkeit und/oder von erbarmungsloser Einseitigkeit. „Israel hat das Recht, in Frieden zu leben!“, tönt es aus allen Rohren. Den Satz unterschreibe ich sofort, wenn noch ein zweiter Satz folgen würde: „Und die Palästinenser haben ebenfalls das Recht, in Frieden zu leben!“ Davon kein Wort. Denn es geht hier allein um das friedliebende Israel, das sich gegen bärtige, durchweg verwahrloste Barbaren – Araber halt! –, wehren muss. Da die „Terrorgruppe Hamas“ nicht aufhört, Bomben schleudernd das friedliebende Israel anzugreifen. Was für eine Bande unzivilisierter, Juden hassender Kretins.

Soweit die Dämlichkeit. Ein einziger Blick auf die Frage, warum Bomben auf Israel fliegen, würde die Dämlichkeit ins Wanken bringen. Ich darf hier ein bisschen mitreden, denn ich war monatelang vor Ort und habe jeden Satz, den ich hier niederschreibe, persönlich erlebt oder – Reizwort: Justiz und Gefängnis – von betroffenen Familienangehörigen erzählt bekommen.

Weiter unten steht ein Auszug aus „Verdammtes Land – Eine Reise durch Palästina“, in dem ich eine extrem brutale, ganz alltägliche Szene dort beschreibe.

Hier nun die Gründe, warum die Palästinenser nur noch mit Gewalt reagieren können: Seit über fünfzig Jahren erniedrigt die Besatzungsmacht Israel das palästinensische Volk, schindet es, hält es gefangen, vertreibt die Bewohner aus ihren Häusern, zerstört die Häuser (siehe Textauszug), stiehlt jeden Tag ein Stück mehr von dem bereits winzigen Territorium, auf dem die Palästinenser leben, schlachtet ihr Vieh, vergiftet ihre Brunnen, zerstört ihre Olivenhaine, baut jeden Tag neue Siedlungen – von der UNO längst als völkerrechtswidrig ausgewiesen – auf dem gestohlenen Land, überfällt nachts Familien, gräbt den Dörfern ihr (Grund-)Wasser ab, erschießt gern, hält Dutzende Palästinenser seit Jahren ohne Gerichtsurteil, ja, ohne offizielle Anklage in seinen Gefängnissen, hat im Gaza-Streifen drakonische Lebensbedingungen etabliert, schlägt grundsätzlich mit maßloser, vollkommen disproportionierter Wucht zurück.

In diesem Zusammenhang auch rührend und heuchlerisch der Hinweis in den hiesigen Medien, die im aktuellen Konflikt gern von der „Gesamtzahl der Toten“ sprechen. Nein! Letzter Stand des aktuellen Konflikts: zehn tote Israelis, 200 tote Palästinenser. Gnade ihnen wer auch immer, wenn es 200 tote Israelis wären und 10 tote Palästinenser. Noch rührender der Hinweis, dass „Hamas Kinder als Schutzschild benutzt“. Sollte das wahr sein (was es nicht ist), dann soll es das israelische Militär, das sicher davon wüsste, nicht beunruhigen. Es hat inzwischen 58 dieser Kinder weggebombt. Und mehr als 2500 Palästinenser obdachlos geschossent und 42 000 in die Flucht geschlagen.

Im 2014-Konflikt – festhalten – waren es 2101 Tote auf palästinensischer Seite, darunter 1460 (!) Zivilisten, davon 493 Kinder und 253 Frauen. Auf israelischer Seite – wieder festhalten – 67 Tote, darunter vier (!) Zivilisten, kein Kind.

Für all diese Verbrechen – heute wie im letzten halben Jahrhundert – baut der israelische Staat auf zwei mächtige Stützen: die Armee und die Hunderttausende fanatisch-religiöser Geiferer, die von der wahnwitzigen Idee getrieben werden, dass ihnen ihr Herrgott „Palästina geschenkt hat“. Da sich in modernen Zeiten herumgesprochen hat, dass der religiöse Wahn der lebensbedrohendste und unbelehrbarste ist, kann man ahnen, mit welch wutschäumender Energie die vom Herrgott Beschenkten vorgehen: Man sieht sie grundsätzlich nur bewaffnet auf dem gestohlenen Gebiet unterwegs, demonstrativ baumelt die Uzi an ihren Schultern, grundsätzlich sind sie – vor und nach dem Beten – mit dem Einschüchtern, Schikanieren, Beleidigen und Bedrohen (und bisweilen Totmachen oder zu Krüppeln schießen) von Palästinensern beschäftigt, die sie noch nicht von Haus und Hof verjagt haben. Ich selbst habe dutzende Mal den Mob beim Brüllen von „Tod den Arabern“ beobachtet. Ihr ein und einziges Ziel ist die ethnische Säuberung von Palästina von allen Palästinensern.

Das Volk auf Erden will ich sehen, das sich das wehrlos und feig gefallen lässt. Wer Gewalt sät, erntet Gewalt. Was für eine banale Wahrheit.

Natürlich habe ich damals Israelis getroffen, die ihr halbes Leben riskierten, um den Palästinensern beizustehen. Frauen und Männer, die längst begriffen hatten, dass die Palästinenser genau wie die Israelis ein Recht auf friedliche Koexistenz haben. Und dass Herrgötter keine Landstriche vergeben und der Begriff „auserwähltes Volk“ nichts als ein eitles, anmaßendes Hirngespinst ist. Aber bei diesen tapferen Freunden Palästinas handelt es sich – wie immer, wenn es um Hirn und Herz geht – um eine Minderheit, die keine Chance gegen gnadenlose Gier und Rechthaberei hat.

Der israelische Staat und sein Ministerpräsident Netanyahu – wegen millionenschwerer Korruption und massiven Machtmissbrauchs angeklagt, er ist folglich die rechte moralische Instanz, um über Tod und Leben zu entscheiden –, nun, die Machthaber sollen wissen und sie wissen es: Die Palästinenser werden nicht wie die „Native Americans“, denen weiße Gangster einst ihren Lebensraum gestohlen haben, irgendwann alkoholbetäubt in Reservaten vegetieren. Nein, die Palästinenser werden ihren Kampf um Würde, Land und Freiheit – alles, was ein Menschenleben ausmacht – nie aufgeben und sich so lange wehren, solange sie leben oder solange Israel nicht bereit ist, seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustellen.

Die Liste der „crimes against humanity“ ist lang: „Murder (…) deportation, and other inhumane acts committed against any civilian population, before or during the war, or persecutions on political, racial or religious grounds in execution of or in connection with any crime within the jurisdiction of the Tribunal, whether or not in violation of the domestic law of the country where perpetrated.“

Israel ist das Land, das UNO-Resolutionen grundsätzlich missachtete und missachtet. Alles, was Israel in den besetzten Gebieten tut, ist viele, viele Male von der UN-Weltorganisation als „völkerwidrig“ verurteilt worden. Das soll Israel nicht kümmern. Und die Welt soll nicht kümmern, dass es Israel nicht kümmert.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Jede/r kann kommentieren, Hassparolen werden gelöscht.

Kleines Nachwort, einfach zum Nachdenken, zum Nachfühlen. Hier der Textauszug aus „Verdammtes Land – Eine Reise durch Palästina“:

„Am frühen Morgen schreibe ich – noch im Pensionszimmer – mein (digitales) Tagebuch. Bis jemand kurz vor neun an die Tür klopft. Der Rezeptionist, ich solle nach unten kommen, ein Anruf für mich. Es ist Eid, denn nur er weiß, wo ich bin. (Ich hatte ihm abends die Nummer gemailt.) Er ist außer sich: Israelische Soldaten rücken in diesem Augenblick in Um al-Kher ein, ich solle mich sofort auf den Weg machen. Da Eid bereits gestern von einer Ahnung sprach, von wegen Hausabriss, ja, meinte, dass ein Besuch der Besatzer überfällig sei, war ich seit dem Aufstehen in stand by: Ich verstaue den Computer und renne nach einem Taxi. Das erste, das hält, gehört Mahdi, er ist jung und in Rennfahrerlaune. Diesmal kenne ich den Weg, zwanzig Minuten später erreichen wir die Beduinensiedlung.     

       Die Machthaber und die Gerätschaften ihrer Macht haben bereits Stellung bezogen. Über zwei Dutzend Schwerbewaffnete, zwei Panzerwagen und ein Polizeijeep stehen bereit. Und ein Bulldozer. Die Stimmung ist längst geladen: die Schreie der Dorfbewohner, die Schreie der Soldaten, die Schreie der knapp zwanzig Ausländer, die, wie ich, überstürzt herbeigeeilt sind. Erst eine Stunde vorher, nicht eher, erfuhren die Hausbesitzer, dass ihr „illegales“ Heim, jetzt gleich, zerstört wird. (Grundsätzlich so: um keine Zeit zu lassen, Widerstand zu organisieren.) Und wie üblich fuchteln die Besatzer mit ihren Sturmgewehren. Um jeden vom Ort der Untat zu verscheuchen, sprich, um die Schneise für den Caterpillar-Panzer frei zu halten. Viele der Fremden filmen mit ihren Mobiltelefonen. Um die Schandtat festzuhalten. Aber die Hybris der Täter ist schon lange nicht mehr einzuschüchtern. Ob gefilmt oder nicht, ob hinterher auf Youtube oder nicht, sie werden jetzt etwas tun – wie bereits zwanzigtausend Mal zuvor in Palästina –, das böse ist, das unfassbaren Stress über die Opfer bringt und das wohl in vielen Anwesenden eine schier hemmungslose Verachtung entfacht, ja, gleichzeitig ein bodenloses, ja, bodenlos ohnmächtiges Gefühl von Mitgefühl: Man sieht die Familie neben ihrer erbärmlichen Steinhütte sitzen. Und schluchzen. Schluchzen neben dem erbärmlichen, vor Minuten herausgeräumten Hausrat. Man sieht die fassungslosen Männer und hört das Röhren des Bulldozers, der Kampfmaschine, die näherrollt, sieht die Soldaten mit ihrer Waffe im Anschlag und hört das Brüllen ihrer Befehle, hört die an ihren Ketten reißenden Hunde, hört das Heulen der Mütter, das hysterische Schreien der Umstehenden, sieht die Kinder ihre sprachlosen Gesichter bedecken.

     Aber es gibt noch einen Aufschub. Weil ein kleines Wunder passiert. Weil a mensch auftritt, weil Eid, der neben mir steht, plötzlich wild gestikulierend auf Ezra zeigt, den Israeli, seinen besten Freund, der jählings aus einem unvermuteten Eck auf die Steinhütte losrennt und in ihr verschwindet. Das ist riskant, aber nicht lebensgefährlich, denn die Armee wird keinen Juden töten. Doch sein Verhalten wird ihm ein weiteres Mal den Titel eines „self-hating Jew“ einbringen. Zudem muss er mit Gefängnis rechnen. Eine Anstalt, die er bereits kennengelernt hat. Wegen ähnlicher Mutproben.

    So hetzen die Soldaten hinterher und zerren Ezra nach draußen. Sie tun das auch deshalb, weil vor Jahren eine Amerikanerin (keine Jüdin) von einem Bulldozer überfahren wurde. In der gleichen Situation, in der sich jetzt Ezra befindet. Und Rachel Corrie als verstümmelte Leiche liegenblieb. Und ihr Tod wieder einmal miserable Publicity über die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ brachte.

    Ezra versteht etwas von Wirkung. Er weiß, dass seine Aktion das Grauen der Szene verlängert, im richtigen Sinn verlängert. Denn das gerade stattfindende Verbrechen soll sich in den Köpfen der Anwesenden festsetzen, für lange Zeit. Soll natürlich auch zeigen, dass es Israelis gibt, die für Palästinenser kämpfen, die längst verstanden haben, dass hier ein in den Himmel schreiendes Unrecht inszeniert wird.

    Der Stresspegel will nicht sinken. Weitere zwei Mal rennt Ezra zurück, zwingt die 500-PS-Maschine zu bremsen. Und mit immer wütenderen Griffen schleifen die Soldaten ihren Landsmann ins Freie. Bis sie ihm mit einem Kabelbinder die Hände fesseln und ihn in einen der Jeeps verfrachten. Aber noch auf dem Weg dorthin wehrt sich der 60-Jährige, schreit sie an, schreit ihnen ihre brachiale Rohheit ins Gesicht: nicht ihm, nein, den Einwohnern hier gegenüber.

    Und dann ist der Weg endgültig frei, die fünf Tonnen Stahl müssen nur ein einziges Mal rammen und das Haus liegt in tausend Teile verstreut auf dem Boden. Und damit ganze Arbeit, ganze saubere Arbeit, getan wird, stößt der Fahrer noch einmal zurück und fährt mit neuem Schwung hinein. So dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Und die Soldaten bewachen und die Siedler stehen am Zaun und der fauchende Wind trägt das Weinen der Mütter in die Welt.

    Viele Gedanken rasen mir durch den Kopf. Plötzlich erinnere ich mich an meine katholische Kindheit: Früh lernte ich, dass Erzkatholizismus gleich Erzantisemitismus bedeutete. Die Semiten waren ja laut unseren Religionslehrern die „Christusmörder“. In der gesamten Verwandtschaft hatten die „Juden“ – nie fiel ein anderes Wort – keinen Verbündeten. Stand in der Zeitung ein Artikel, in dem ein „Jude“ – als Banker, als Hausbesitzer, als Politiker, als was auch immer – irgendetwas Übles getan hatte, dann flogen die vielsagenden Blicke. Und der eine sagte: „Na klar, Jud‘ halt.“ Und ein anderer sagte: „Schau dir das Foto an, hast du die Nase gesehen?“ Auschwitz lag noch keine fünfzehn Jahre zurück, aber das spielte für meine Umgebung keine Rolle. Der Jude war das Urschwein, basta.

    Und ich schaue auf die Verwüstung in Um al-Kher, so viele Jahre später, sehe die Verwüster und ihre hämischen, bösen Gesichter und höre – ausgerüstet mit einem hochsensiblen Seismografen – in mich hinein: Steigt „Judenhass“ in mir hoch? Sind wieder die „Hakennasigen“ am Werk und proben einmal mehr die Weltherrschaft? Hat es die Rastlos-Raffgierigen sogar hierher verschlagen, um nach den letzten Quadratmetern fremden Eigentums zu krallen?

   Nein, diese Sorte Hass kommt nicht, tatsächlich nicht. Nein, ich sehe nur Menschen, nur rabiate Machthaber, die rabiat ihre Macht missbrauchen. Wie an anderen Orten der Welt auch, an denen ich zufällig anwesend war und Ausbeuter entdeckte, die ganz anders aussahen, mit Rechtfertigungen, die ganz anders klangen, mit Göttern, die einen ganz anderen Irrsinn predigten. Die Fratze der Gier und der Unmenschlichkeit konnte ich (kann man) an so vielen verschiedenen Schauplätzen beobachten. Meist an absolut „judenfreien“.

    Jetzt, um 10.47 Uhr, weiß ich wieder, was ich schon lange wusste: dass es ohne jeden Belang ist, welcher Religion ein Mensch angehört, ob Christ oder Moslem oder Hindu oder vollkommen glaubenslos, ohne Belang, zu welcher „Rasse“ er zählt, ob der Mensch Jude ist oder Araber, dunkelschwarz oder hellweiß, ob einer seinen Unterhalt als Clown oder Reisbauer verdient, ob er im Nahen Osten oder in Hinterindien lebt, ob er an Gott glaubt oder einem anderen Aberglauben vertraut, ob er stinkt vor Geld oder stinkt von den Abfallhaufen, in denen er wühlen muss, ob jung oder alt, ob formschön oder verkrüppelt, ob Schöngeist oder einfaches Menschenkind: Es gibt Frauen und Männer, wie hier gerade, die schon taub geworden sind, schon vereist, schon erstickt in ihren hornhautverschweißten Herzkammern. Und es gibt die anderen, wie Ezra zum Beispiel, die haben sich dieses klare Herz bewahrt und spüren untrüglich, was gut ist und was nicht.

     In meinen fliegenden Gedanken taucht auch der Name von Marek Halter auf. Ein französisch-jüdischer Schriftsteller, der die Frage von Gut und Böse in einem Interview auf wundersam bewegende Weise beantwortet hat: „Gut ist, was Menschen hilft zu leben, und böse ist, was sie daran hindert.“ Hier geht augenblicklich das Böse um. Denn die Machthaber, zufällig Juden, verachten die Machtlosen, zufällig Palästinenser. Und gönnen ihnen nichts, nicht einmal ein Wellblechdach auf schiefen Mauern. In deren eigenem Land.

   Auch die Erinnerung an ein Lied der palästinensischen Hip-Hop-Band DAM blitzt auf, eine Gruppe, die international Erfolg hat. Der Song heißt „Min Irhabi?“ (Wer ist der Terrorist?). Eine Zeile weiß ich auswendig: „Ihr habt die arabische Seele vergewaltigt / nun ist sie schwanger und gebiert ein Kind namens Terroranschlag.“ Da stimmt noch jedes Wort, obwohl das Lied schon während der Zweiten Intifada herauskam. Ein paar Hundert sind gerade Zeuge einer Vergewaltigung.

     Mein Kopf beamt nach New York, in die Subway. Dort gab es eine Plakatkampagne, in vielen Stationen konnte man lesen: „In any war between the civilized man and the savage support the civilized man. Support Israel.“ So ist das also: Die sieben Obdachlosen sind die Wilden und jene, die sie Minuten zuvor obdachlos machten, sind die Zivilisierten.

    Die Gedanken wirbeln weiter, wohl weil ich wie alle anderen aufs äußerste erregt bin. Und äußerste Unruhe kurbelt wie immer meine Synapsen an. Ein Satz aus dem Talmud fällt mir ein, da heißt es: „Wenn du ein einziges Leben rettest, dann ist es, als würdest du ein ganzes Universum retten.“ Himmel, was für ein esoterisches Gestöhne, was für ein erhabenes Raunen weltferner Binsenweisheiten. Nehmen wir den folgenden Satz, hier an diesem windigen Vormittag in Um al-Kher: „Wenn ihr, Krieger, ihr Soldaten, ihr Kolonisten und Bulldozer-Inhaber, wenn ihr den winzigen, schmutziggrauen Steinverhau verschont, dann rettet ihr ein paar armen Leuten ihr winziges, schmutziggraues Zuhause.“

      Aber sie retten es nicht. Die Feinde haben ihr Geschäft erledigt und ziehen sich zurück. Aber nicht ohne letzten Zwischenfall. Eid, der vermutet, dass seine Familie die nächste ist, die auf der Liste steht, rennt die paar Schritte auf den Bulldozer zu und schreit hinauf ins Führerhaus, schreit den Terminator an, fragt ihn mit sich überschlagender Stimme, was er heute Abend seinen Kindern erzählen wird, wenn sie wissen wollen, was ihr Vater tagsüber getan hat. Wird er ihnen dann erzählen, dass er die armselige Unterkunft einer palästinensischen Familie zerlegt hat?

   Das ist ein starker Auftritt. Bewundernswerter Eid, bewundernswerte Schlagfertigkeit. Über eine klügere Frage müsste man lange nachdenken. Ob sie den Mann trifft, der jetzt Gas gibt und abrauscht? Oder ist er schon uneinholbar für den Schmerz anderer?“

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Ihr Lieben,

Morgen, 16. Mai 2021, kommt im Bayerischen Rundfunk die Sendung:

Bayern 2 am Sonntagvormittag

Von 09:05 bis 12:00 Uhr

Die flotte Franziska Eder wird auch mit mir über das neue Buch, Gebrauchsanweisung für Heimat, sprechen.

Wer nicht zuhört, den mag ich überhaupt nicht mehr, haha.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto hat mir eine freundliche Leserin zugeschickt, wie entzückend.

Hier der Link, der einen ersten Überblick gibt.

https://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-2470216.htm

 

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Ihr Lieben,
hier noch der Hinweis auf einen neuen Podcast, „Die Geheimnisvolle in Cancún“. Die Geschichte – wieder mal dem armen Ändru von Kristian Thees, dem SWR3-Wunderknaben entlockt – berichtet von der Unergründlichkeit des Menschenherzens. Und einer Frau, die Dramatisches überlebt hat. In Mexiko.
Ich danke euch, herzlich, Andreas.
 

 

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Ihr Lieben,

hier ein Interview, das kürzlich im „der Freitag – Die Wochenzeitung“ erschienen ist. Die clevere Fragen stellte Jan C. Behmann. Er ist freier Journalist und nebenbei Ambula

nz-Fahrer. Ich habe seiner Anfrage nur unter der Bedingung zugestimmt, dass ich eines Tages neben ihm sitzen und penetrant Blaulichte und Martinshorn bedienen darf. Ich will einmal in meinem Leben erfahren, wie es sich anfühlt, wenn ich daherkomme und alle willig und sofort nach links und rechts verschwinden. Um mich durchzulassen, haha. Jan ist einer der wenigen, dem ich seine linken Reden glaube, der tatsächlich das tut, was er sagt, tatsächlich sich für andere einsetzt.

Ich danke euch, herzlich. Andreas

Hier das Interview, man kann es sich aber auch (weiter unten steht der Link – im „Original“ anschauen.

„Lebenszeitliche Kostbarkeit Interview Andreas Altmann schreibt Bücher mit eigenem Charakter. Wenn ein Mensch ohne Herkunft von Heimat schreibt, wird es atemberaubend.“

Brauchen wir eine Gebrauchsanweisung für Heimat?

A: Haha, natürlich nicht. Ich habe mich längst von dem pompösen Wahn befreit, dass irgendeines meiner Bücher zum Überleben Deutschlands beiträgt. Ich bin auch außerstande, irgendjemandem – schwer moralisch erregt – „den Spiegel vorzuhalten“. Dennoch, dieses Buch (wie alle anderen zuvor) musste sein, aus den zwei niedrigsten Motiven, die einen Schreiber antreiben können: Ich will  noch mehr Geld verdienen und noch berühmter werden!

Wie kam es zur Buchidee

A: Dank meiner supergescheiten Lektorin beim Piper Verlag kam das Buch in die Welt. Sie hatte die Idee – und ich zierte mich. Wie soll einer, der – von seinem Alten an diesem Tagen schon wieder blutig geschlagen – freudestrahlend und tränennass seine Heimat, die bigotte Scheißheimat, verließ, für ewig verließ, ja, wie soll so einer zum grandiosen Thema Heimat was Kluges sagen können? Irgendwann erkannte ich jedoch, dass die Argumente der Lektorin intelligenter klangen als meine. Und legte los.

Braucht es Heimat zum Leben können?

A: Gewiss, aber in meinem Buch kommen viele „Heimaten“ vor. Eine reicht nicht – mir nicht, und, so ist zu vermuten, anderen auch nicht. Klar: Auf meine „Urheimat“ kann ich verzichten, ich schäme mich, sie laut als meinen Geburtsort anzugeben, denn sie ist ein Geburtsfehler.

Du hast auch die Gebrauchsanweisung für das Leben geschrieben. Worin unterscheiden sich die beiden Bücher?

A: Die Frage lass weg, die Antwort wäre uferlos.

Wieso ist dein Buch keine lokale Heimatschnulze?

A: Weil ich grundsätzlich vorher nachdenke, bevor ich mich hinsetze und den Mac einschalte. Zudem haben wir derlei Schnulzen schon zuhauf. Zuallerletzt: Die LeserInnen schenken mir ihr Geld (das Buch kostet,) und sie schenken mir die unglaublichste Kostbarkeit: ihre Lebenszeit. Also muss ich etwas bieten, damit sie weder das eine noch das andere bereuen und das Buch nicht zornglühend in den Ofen feuern.

Wo ist der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause?

A: Das musst du den fragen, der dort wohnt, wo er nicht wohnen will und jeden Tag spürt, dass hier nicht seine Heimat ist.

Wann bist du das erste Mal in deine Heimat zurückgekommen?

A: Als ich „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ veröffentlicht hatte und von mehreren TV-Sendern dorthin begleitet wurde: um ausführlich über das Kaff ablästern zu dürfen. Leider wurde mir der Wunsch nicht erfüllt, drei riesige Lockheed C-130 Hercules-Flugzeuge mit Stinkbomben vollzuladen, um damit diesen steingewordenen Ausbund von Heuchelei, Pfaffengewalt, Lehrersadisten und Altnazis einzuäschern.

Warum willst du in deine Herkunftsheimat auf keinen Fall zurück?

A: Das weiß jeder, nachdem er das gerade erwähnte Buch gelesen hat. Uff, ich mag da sein, wo es schön aussieht, wo Hirne sich durchlüften lassen, wo Internationalität umgeht, wo Ironie und Selbstironie gefragt sind, wo die Prügelstrafe längst abgeschafft wurde, wo Eros sein darf, ohne dafür im christlichen Höllenschlund zu landen, haha, deshalb bin ich nach Wohnorten auf drei Kontinenten in Paris gelandet. Weiß einer einen herrlicheren Landeplatz auf Erden?

Was kann Heimat leisten und was muss Heimat leisten können?

A: Das weiß ich nicht, mir fällt zu der Frage nur ein Satz aus dem Zen-Buddhismus ein: „Wie viel Zen gibt es auf der Spitze eines Berges? So viel, wie du mitbringst.“

Können Menschen mehr Heimat sein als ein Ort?

A: Mehr? Weiß ich nicht, aber klar, auch sie gehören auf die Landkarte der Heimaten.

Du lebst seit Jahren in Paris. Warum?

A: Siehe weiter oben, zudem bin ich ein schönheitshungriges Tier.

Ist Paris deine Heimat geworden?

A: Von vorn bis hinten. Aber die Allein-Heimat, die kenne ich nicht, im neuen Buch rede und lobpreise ich auch andere Orte (und Landschaften) auf Mutter Erde. Aber fürs Tag-für-Tag-Leben ist Paris nicht zu toppen.

Muss jemand mit einer Heimat gleichzeitig lokalpatriotisch sein können?

A: Ich bin kein Lokalpatriot. Mein hehrstes Ziel ist es, als Weltmann zu enden.

Haben Menschen ohne intaktes Elternhaus ein Mehrbedürfnis nach Heimat?

A: Ich bin kein Vorgartenzwerg-Psychologe, sprich, ich habe nicht auf jede Frage eine Meinung. Ich halte es aus, dass ich etwas nicht weiß. Wie jetzt, zum Beispiel.

Giovanni di Lorenzo betont, dass er in der deutschen Sprache seine Heimat gefunden habe. Das gilt auch für dich?

A: Wir alle haben den Satz von Camus gestohlen, der seine herrliche Sprache als seine Heimat bezeichnete. Wenn Lorenzo und ich das auch behaupten, dann müssen wir uns bescheiden hinter Albert anstellen.

Ist dein Reisen in die Welt eine Verleugnung von Herkunft oder ein Verweigern der genuinen Heimat?

A: Weder noch. Ich reise aus zwei ganz schlichten Gründen: Den Alltag halte ich für eine Zumutung und ich bin notorisch neugierig. Die einen befriedigen ihre Neugier in einem Labor, die anderen in grandiosen Bibliotheken und wieder andere, ich auch, rennen um den Globus.

Ist Ankommen an einem Ort ein Fehler?

A: Haha, ich hoffe immer, dass ich ankomme. Denn der Satz „Der Weg ist das Ziel“, dieser esoterisch-eselige Kalenderspruch, der soll in den Büchern des weltberühmtesten Eso-Esels, Paulo Coelho, stehen. In anderen Büchern hat er nichts verloren. Zurück zu deiner Frage. Du meinst wohl: dort Wurzeln schlagen und dort verschimmeln. Das wäre tatsächlich ein Fehler. Ich will nicht verranzen, ich will mit Würde jung bleiben.

Wann bist du in der Welt des Reisens mal dir selbst verloren gegangen?

A: Die Frage kommt auf den Müll, haha

A: Kann nur der, der wegging, wissen, was es überhaupt heißen kann, Heim(at)weh zu haben?

A: Gewiss, dem geht es wie einem, der jahrelang im Zuchthaus saß und nie eine Frau berühren durfte: DER weiß, was es heißt, wieder den Duft einer weiblichen Haut einzuatmen. So ist das wohl mit der Heimat. Wobei Frauen natürlich wunderbar Heimat sein können. Behauptet ein heterosexueller Mann. Bei einem Schwulen, sag ich jetzt einfach, löst derlei Gefühle ein anderer Schwuler aus, in den er verliebt ist. Auch gut. Wenn nur Sehnsucht und Einverständnis vorhanden sind. Aber ja, nur Mangel macht scharf. Satt sein, schau dich um, macht träge.

Was bedeutet Heimweh für dich?

A: Dass ich wieder auf meinem unverlausten Futon liegen und nachmittags auf der Terrasse meines Cafés sitzen, rauchen und lesen darf.

Als professioneller Reisender: Was begleitet dich auf Reisen immer? Und, haben diese Gegenstände etwas mit Heimat zu tun?

A: Der eine so furchterregende Gedanke: Wie unverschämt kurz das Leben ist! Und als zweites, wenn es ein Ding sein soll: mein MacBook.

Sind Rituale auch Heimat? Und wenn ja, hast du welche?

A: Dass jedes Mal die Vöglein zwitschern, wenn ich die Fenster öffne. 

Ich sehe dich oft in Lederjacke. Ein Journalist analysierte mal bei Thomas Glavinic, dass dies sein Schutzwall zur Welt sei. Bist du heimatlich in der Lederjacke?

A: Da haben wir den Vorgartenzwerg-Psychologen, haha, Himmel, was für ein bombastisches Geschwafel, also: Ich trage im Winter Lederjacken, weil sie praktisch sind (die vielen Taschen), belastbar (man sieht den Schmutz nicht gleich) und weil sie nicht stündlich frisch gebügelt werden müssen. Sommers trage ich Sakkos, nie eine Lederjacke. Ein weich fließendes Sakko sieht elegant aus, trägt sich leicht, die wenigen Taschen sind ein Skandal, das schon.

Welches Café ist für dich Heimat?

A: Jedes auf Erden, in dem kein Musikantenstadl aus Lautsprechern faucht, sondern im Hintergrund dezentes, zivilisiertes Geplauder rauscht, in dem es Tische gibt, auf denen ein Stift und ein Laptop Platz haben, ein Ort, wo man denken und zuhören und reden kann und, aber ja – wo eine sanfte Anmutung zum Lesen einlädt. Wie sagte es Alfred Polgar über Literaten in Kaffeehäusern: „Das sind Leute, die allein sein wollen, doch dazu Gesellschaft brauchen.“

Andreas Altmann: Gebrauchsanweisung für Heimat, Piper Verlag 2021 / 15€

ps://www.freitag.de/autoren/jan-c-behmann/lebenszeitliche-kostbarkeit

 

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Ihr Lieben,

an diesem Donnerstag, den 6. Mai, zeigt das Bayerische Fernsehen ab 22.45 Uhr:

„Capriccio – die Welt der Kunst und Kultur“

Hierzu der Text des Senders:

„Überraschend, innovativ, mit ungewöhnlicher Bildsprache, genauen Recherchen und einer eigenen Haltung.“

Den Beitrag über mich und „Gebrauchsanweisung für Heimat“ hat Elena Alvarez gedreht. Ein Profi (eine Profin?), neugierig, bestens vorbereitet, nicht nachlassend.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Interview fand in München an der Isar statt.

https://www.br.de/mediathek/video/capriccio-kulturmagazin-06052021-haindling-investigativer-journalismus-eigenheim-heimat-unendliche-weiten-av:605352d6e487b1001371a86e

 

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Ihr Lieben,

heute wieder ein neuer Podcast beim SWR3, Titel „Tierliebe und Menschenhass“. Es handelt von Leuten, die bereits mit der Menschheit abgeschlossen haben und Tiere, putzige Vierbeiner, bevorzugen. Tiere lieben ist super, aber wenn es auf Kosten der Liebe, ach – das würde schon reichen – auf Kosten des Respekts für den Nächsten geht, dann wird es bedenklich. Hier zwei Absätze aus dem Kapitel TIERE in „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Ich bin überzeugt, dass Haustiere – Hund und Katz – für viele von uns eine Art Heimat bilden. Gut so. Doch die andere Herzkammer sollte für menschliche Lebewesen schlagen. Nicht für alle, denn manche kann man nur verachten und hassen. Aber für den Rest schon.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier der Auszug. De Frau, die ich hier anspreche („Ich habe ihr damals“), ist eine Ex, die schwer in ihren Golden Retriever verliebt war, dennoch keine zwei Funken Mitgefühl für ihre acht Milliarden Nachbarn investieren wollte.

„… Ich habe ihr damals – ganz und gar vergeblich – zu erklären versucht, warum ihr (fast) Ein und Alles immer sweet ist, immer vor ihr mit dem Schwanz wedelt, ergeben und herzallerliebst zu ihr aufschaut und nie aufhören wird, ihr hinterherzuschwänzeln: Weil er bis zu seinem letzten Schnaufer im Paradies lebt, ja, 24 Stunden pro Tag – von Anfang Januar bis Ende Dezember – geliebt, gefüttert, geputzt, geherzt und bewundert, ja, umgehend zum Onkel Doktor befördert wird, um jedes etwaige Wehwehchen professionell behandeln zu lassen. Um danach wieder auf urgemütlichen Kissen zu lümmeln und zu schlummern, nie und nimmer sich um irgendetwas sorgen muss, irgendwann – gemächlich – aufsteht und frisst, gestärkt zum Kuscheln antrottet und bald selig weiterpennt. Man müsste schon einen ungeheuer niederträchtigen Charakter haben, um in solchen Verhältnissen nicht treudoof und grundsätzlich bester Stimmung zu sein.                 

Beim Verschorften an der Ecke und uns anderen, den nicht immer so Bestgelaunten, sehen die Umstände nicht so rosig aus: Täglich früh aufstehen, ein Frühstück auf den Tisch stellen, sich in ein Auto oder die Metro zwängen, die vielen Griesgrämigen aushalten, acht Stunden – mitten unter anderen Griesgrämigen – malochen, den Chef verkraften, noch eine Heimfahrt wegstecken, ein Essen kochen, das Geschirr spülen, das öde Familienleben über sich ergehen lassen und mit dem Gedanken einschlafen, dass der nächste Tag nicht glorreicher sein wird als die unendlichen Tage davor. Und all die Jahre nicht aufhören, Geld ranschaffen zu müssen, die Macken des Körpers hinzunehmen, sich beim Altern zuzuschauen und sich, zehrend und Seele aufessend, nach einem anderen Leben mit einer anderen Frau oder einem anderen Mann zu sehnen: Uff, wie überaus einsichtig, dass man – so ungeküsst, so ungeherzt und so unbewundert – außerstande ist, minütlich vor Freude loszubellen, artig Männchen zu machen und via Stupsnase die ganze Welt zum Knuddeln einzuladen.“

Ps: Auf dem Pappkarton steht auf Französisch: „Ich habe Hunger.“

Hier der Link zum Podcast:

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

 

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Ihr Lieben,

hier weder mal eine schönste und eine ruchloseste Mail. Mit den sweet Zeilen mache ich meinen gewogenen Leser/innen Freude und mit den bösen meinen Feinden. Auch sie sollen sich vergnügen. Nichts ist entwaffnender, als Verbitterte mit einem Lächeln zu entwaffnen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Das Foto hat mir eine gute Seele geschickt, ein Buchladen in Berlin, der AA auf dem Gipfel, haha.

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Die schönste Mail der Woche

„…was für ein Finale, was für eine Geschichte. Und wie wunderbar „rund“ das alles auf einmal wird, und wie schön und warm ums Herz man das Buch (Gebrauchsanweisung für Heimat) zur Seite legt, mit einem ganz und gar guten Gefühl und einem Lächeln um die Lippen. Marceline also – ich kann sie mir so g vorstellen, und auch Dich, in ihrer Wohnung irgendwo in Paris. Wie schön, wie wertvoll, wie unbezahlbar solche Stunden – für euch beide: die alte Dame, der du aus der Zeitung laut vorliest und für die du die Einkäufe machst.

      Auf viele weitere vergnügliche Nachmittage! Ich geh jetzt zu meiner Liebsten, während Ray Charles am Plattenteller Duette mit so manch anderem Star zum Besten gibt. So lässt sich ein kühler Samstag im April gut verbringen! Fühl Dich umarmt, ich danke Dir für Deine vielen schönen Geschichten, es werden nicht die letzten gewesen sein, die ich von Dir lese. Alles Gute, XY.“

 

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Die ruchloseste Mail der Woche

„Werter Herr Altmann, Ich versuche durch das Lesen Ihrer Bücher zu ergründen, warum Sie so ein grandioser Schriftsteller sein sollen. Das Buch „Im Land der Regenbogenschlange“ habe ich nach 200 Seiten beieitegelegt. Ohne Sie verletzen zu wollen, bin ich der Meinung, Sie hätten bei einen Ihrer vielen anderen Berufe bleiben sollen. Es tut mir selbst etwas leid, dass ich zu diesem Ergebnis gekommen bin, aber Sie sind ja von einer ehrlichen Meinung bestimmt nicht so sehr enttäuscht. Das Buch war jedenfalls einfach scheiße.“

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Ihr Lieben,

heute wieder ein neuer Podcast, wieder von Kristian Thees, dem Zauberer des SWR3, ins Netz gestellt. Es gibt etwas zum Lachen, denn es geht um den brasilianischen Eso-Esel Paul Coelho und seine Auslassungen über Sex. Man fragt sich dann natürlich: Schreibt einer so windig über Sex, weil er im tatsächlichen Leben, mitten im Bett, auch nur windigen Sex produziert? Oder fuhrwerkt er zwischen den Laken noch blindwütiger als am Schreibtisch? Wir werden es nicht erfahren.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Podcast:  „Erotische Eseleien (wie Paulo Coelho über Sex schreibt)“

ps: Das Preisausschreiben RÄTSELRATEN kommt, sobald wir hier in Paris eine Ahnung haben, wann zumindest die Terrassen der Cafés und Restaurants geöffnet sind. Dann ziehe ich die Fragen an euch – an alle, die teilnehmen wollen – zügig durch. Zu gewinnen, wie gesagt: 200 Euro Spesen für Reise nach Paris und Unterkunft, ein Dinner mit AA und ein Buch von mir nach eigener Wahl, hurra.

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

wie erstaunlich, dass mich manche Leute in die Promi-Kiste stecken, ich will mich nicht wehren, obwohl es nicht zutrifft.

Egal, morgen Sonntag, den 18.4., darf ich wieder plappern. Diesmal stellt die pfiffige Nicola Müntefering vom SWR 3 – meist gehörter Sender in Deutschland – die Fragen zu meinem neuen Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“.

Text des Senders:

SWR3-Sonntagsshow: Promi-Talk mit Nicola Müntefering

Während du sonntagmorgens deinen Kaffee trinkst, am Bügelbrett stehst oder die Stellung in der Arbeit hältst, spricht Nicola für dich mit angesagten Promis, klugen Ratgebern und interessanten Menschen. Dabei entstehen ganz besondere Momente und Geschichten – von lustig bis nachdenklich.

Wer ist bei Nicola in dieser Sonntagsshow zu Gast?

Am 18. April spricht Nicola mit Schauspieler Max Simonischek und Autor Andreas Altmann.

Ab 12 Uhr am 18.4. findet ihr hier das Interview:

https://www.swr3.de/podcasts/sonntagsshow-nicola-muentefering-100.html

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

hier zwei Hinweise:Ab morgen, Samstag, den 10.4., steht dieser Podcast – https://www.falter.at/falter/radio/095e63a1-f1b4-46e7-b4ab-a90c5c508d88/die-faszination-des-reisens-502  – der Wiener Stadtzeitung FALTER online. Anna Goldenberg, Redakteurin, spricht mit Matthias Dusini (Feuilletonchef und Autor) und mir über das Reisen und unsere neuen Bücher.

Am Sonntag, 11.4., sprechen auf radioeins / rbb, ab 18 Uhr die „Literaturagenten“ Gesa Ufer und Thomas Böhm mit mir über „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Die beiden sind die pfiffigsten Agenten, die ich kenne, sie agieren im Namen der Liebe zur Sprache und Literatur.

ps: Immerhin, schon Bestseller in „Journalismus“, obwohl ich nie Journalist war und sein werde, haha.

https://www.radioeins.de/programm/sendungen/literaturagenten/

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Ihr Lieben,

noch eine Klarstellung: Mein letzter Eintrag war keine Stimmungsmache gegen die Grünen. Ich selbst wähle sie. Wie jede Partei sind die Grünen kein glaubensfester Monolith, sondern ein Verein mit verschiedenen Strömungen. Bei den einen fließen die Hirnströme einwandfrei, und bei den anderen – keine Ahnung, bei wie vielen – sind sie seit gewisser Zeit ins Stocken geraten. Bekannte haben mich kontaktiert, aktive Parteimit

glieder, die gleichfalls mit den Zähnen wackelten, als sie hörten, was in Berlin passiert ist. Triebe der Terror der politischen Korrektheit nur bei den Grünen sein Unwesen, wir könnten uns entspannt zurücklehnen. Leider nicht, er ist längst ein weltweites Phänomen geworden.

Ah, da fällt mir ein, dass die PK-Ajatollahs in Amerika die Doofen nicht mehr Doofe nennen, sondern „Andersintelligente“. Und die Mordsdicken heißen dort „Andersdünne“. Haha, das ist durchaus lustig.

Ich will euch noch ein Gedicht von Bert Brecht schenken. Ich lese es immer wieder, weil ich ebenfalls zu denen gehöre, die leicht die Nerven verlieren – und das freundlich sein vergessen. Zudem fördern unentspannte Gesichtszüge das Altern, merde.

Eine Strophe aus „An die Nachgeborenen“:
Dabei wissen wir doch
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

 

Jetzt noch ein Interview, das vor ein paar Tagen im „Standard“, einer österreichischen Zeitung, veröffentlicht wurde. Siehe mein neues Buch „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Die Fragen stellte Michael Wurmitzer

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Der Cartoon soll uns daran erinnern, dass heute noch Ostern ist, und leider viel zu wenig an holy Andrew gedacht wird, haha.

STANDARD: Sie sind Reiseschriftsteller, seit einem Jahr kann man kaum verreisen. Was fehlt Ihnen besonders?
AA: Der Thrill, das glanzvollste Gefühl, das über einen kommen kann: am Leben zu sein. „Man needs variety“, sagte Erich Fromm in einem Interview. Der Mensch braucht Abwechslung. Etwas, was ihn anstachelt, im Hirn, im Bauch. Um immerhin eine Ahnung vom Reichtum der Welt zu bekommen. Er soll nicht dösen, er soll wach sein, soll wissen wollen und teilnehmen.

STANDARD: Was haben Sie getan, um nicht, wie Sie im Buch schreiben, ohne Abwechslung zu „vergrinden“?

AA: Vor langer Zeit habe ich acht Monate in einem Zenkloster gelebt, da lernt man unter anderem, Herausforderungen anzunehmen und nicht alle drei Tage nach Mutti zu rufen. Das beste Mittel in ruhigen Zeiten: mit Disziplin den Alltag strukturieren, den Körper schinden (Yoga und Muskelaufbau), lernen, lernen wollen, mit klugen Leuten kommunizieren, mit der Liebsten albern, sich auf Biegen und Brechen nicht gehen lassen. Zudem, als Schreiber, war ich selig privilegiert, denn 24 Stunden am Tag durfte ich über Sprache nachdenken. Sie ist eine launische Geliebte, bekommt nicht genug, ist nie zufrieden. Nie.

STANDARD: Es geht in „Gebrauchsanweisung für Heimat“ nicht ums Daheimbleiben, sondern um Heimaten, die man sich in der Welt findet. Wie?

AA: Wer von mir eine Fibel voll germanischen Heimatdusels erwartet, dem ist nicht zu helfen. Da ich jeden Tag übe, endlich als Weltmann aufzutreten, muss ich natürlich von der Welt und den Weltbewohnern erzählen, die – bisweilen – zur Heimat werden: Weil sie Swing haben, Witz, Selbstironie, Empathie. Dann docke ich an und verteile den Sticker „Heimat“. Was interessiert den Menschen mehr als der Mensch? Er ist nun mal das Aufregendste, was wir haben.

STANDARD: Sie sind aus einer schwierigen Jugend im Wallfahrtsort Altötting in die weite Welt entkommen, ja, geflüchtet. „Heimat“ wird als Begriff obendrein von den Rechten missbraucht. Man könnte meinen, Sie täten sich mit dem Begriff schwer.

AA: Aber ja, man kann mit jedem Wort auf Erden Schindluder treiben. Vielleicht ist das Wort „Liebe“ das verhurteste von allen. Dennoch taugt es noch immer, um einen Zustand bedingungsloser Nähe zu beschreiben. Dito Heimat, man kann es hernehmen und damit die Welt anzünden oder man trägt es als warmes Gefühl mit sich herum. Ohne das geringste Bedürfnis, bei den braunen Glatzen mitzugrölen.

STANDARD: Im Buch kiefeln (AA: das ist Wienerisch, bedeutet „Schwierigkeiten haben mit“) Sie an der westlichen Gesellschaft. Haben Sie auf Reisen woanders eine bessere gefunden?

AA: Nun, ich bin zu alt, um an irgendwelche Paradiese zu glauben. Wir Menschlein sind in allen Himmelsrichtungen in etwa dieselben: mit unserem Großmut und unserer Trägheit des Herzens. Ich bin auch zuweilen träge, was ich mir nicht verzeihe. Wie sagte es Brecht? „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“

STANDARD: Sie schreiben, dass „ein Gastgeber einen friedlichen Gast erwarten darf.“ Ist die ganze Flüchtlingsfrage so einfach zu klären.

AA: Gewiss nicht. Aber von zwei Behauptungen lasse ich nicht ab: Deutschland stinkt vor Geld und ist somit verpflichtet, Frauen, Männer und Kinder aufzunehmen, die vor Tod und Teufel fliehen! Und: Wer aufgenommen wird, muss sich an die republikanischen Spielregeln halten, Heiliger Krieg, Scharia, Gottesstaat und ähnlicher Schwachsinn haben in Europa nichts verloren!

STANDARD: Sie erinnern sich an New York früher, als es noch gefährlich war. War Reisen einmal spannender?

AA: Manche Landstriche sind heute unbetretbar. Außer für Leute, die gern bei religiös-fanatischen Menschenhassern landen, als Beute für Lösegeld oder gleich als enthauptete Leiche. Andere sind unbetretbar geworden, weil protziger Luxus die Laune verdirbt, der Terror des Wohlfühlens umgeht und jede Herausforderung verbietet. Aber, wie erfreulich: Noch gibt es Gegenden für all die, die es wissen wollen, die den Stress und den Schweiß brauchen, um sich zu spüren.

STANDARD: Was war das Schönste, das Sie auf Reisen erlebt haben?

AA: Das weiß ich nicht, ich habe kein Ranking. Vieles hat mich zu Tränen gerührt, mir das Herz aufgeschnitten. Oder zu Veitstänzen der Freude verführt. „Das Schönste“, ehrlich, interessiert mich nicht. „Das Innigste“ soll gelten, das, was mich ein bisschen entwurzelt, was mich umhaut, was mich entschieden verunsichert. Das wäre eine Garantie dafür, dass ich wachse.

STANDARD: Reist man allein besser?

AA: Tausend Mal ja, allein reisen ist erfüllender. Weil man ganz anders gefordert wird, schneller, viel direkter auf Situationen reagieren kann. Zwei – von Gruppen gar nicht zu reden – sind zwei, und dann muss man Rücksicht nehmen, muss nachfragen, muss Kompromisse schließen, muss oft verzichten. Da ich nur einmal lebe, sollten Verbotsschilder mich nicht interessieren. Zudem besteht die Gefahr, wenn man gemeinsam reist, dass man über hundert Dinge spricht, nur nicht über die Gegenwart, in der man sich befindet. Gewiss, allein reisen muss man aushalten. Freilich, zwischendurch anderen Neugierigen zu begegnen ist grandios. So erfährt man Unbekanntes, weiß hinterher mehr, sieht klarer. Doch dann heißt es, freundlich Abschied zu nehmen und sich begeistert „Auf Wiedersehen“ zuzurufen.

STANDARD: Erstes Ziel nach Corona?

AA: Ich weiß es nicht siegesgewiss, will dahin und dorthin. So fällt mir nur ein Spruch aus dem Zen-Buddhismus ein: „Kommst du an eine Weggabelung, beschreite sie.“

STANDARD: Was muss immer im Reiserucksack sein?

AA: Die Erkenntnis, wie skandalös kurz das Leben ist. Hat einer das begriffen, dann weiß er, was wichtig ist und was nicht.

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Ihr Lieben,

ich muss das jetzt auspacken – Stichwort: Anmaßung und Kriecherei –, sonst platze ich. Und da mir keine sonstigen Mittel zur Verfügung stehen, renne ich wieder einmal in meine Munitionskammer, die deutsche Sprache. Um mich zu retten.

Eine aufmerksame, schwer irritierte Leserin hat mich über das Folgende informiert. Danke.

Die Fakten:

Auf dem letzten Berliner Landesparteitag der Grünen hat ihre Bürgermeisterkandidatin (ich verschweige gnädig den Namen) bei ihrer Rede erwähnt, dass sie als Kind gern Indianerhäuptling werden wollte. Ein „diskriminierender Begriff“, erbosten sich viele GrünInnen und zwangen die Kandidatin zur Entschuldigung. Das reichte aber noch nicht. Kurz darauf hat die Partei die Aussage sogar aus dem Parteitagsvideo geschnitten. Man wolle „diskriminierende Denkmuster“ hinterfragen, heißt es in einer Erklärung.

Kommentar (von mir):

Dass jemand lieber das Leben eines Indianerhäuptlings führen würde, als auf stinkfaden Parteitagen herumzuhocken, wie einleuchtend. Das nur am Rande, jetzt zur maßlosen Peinlichkeit: In welcher Welt wollen wir leben? In einer, in der Swing und Humor und Verstand und Ironie umgehen? Oder in einer Welt, in der von politischer Korrektheit korrumpierte Blödinnen und Blödiane – bis in die Haarspitzen mit saurem Moralismus hochgerüstete Spießerinnen und Spießer – uns mit ihrem autoritären Infantilismus gängeln, uns vorschreiben, wie wir zu reden, zu husten, zu vögeln und zu denken haben?

Aber noch erbärmlicher als diese politisch korrekt geifernden Furien (beiderlei Geschlechts) sind diese Kriecherinnen und Kriecher, die sofort den Rückzug antreten, sich sofort entschuldigen, sofort lecken und winseln, sofort Einsicht heucheln, sofort feig und erbärmlich sind, sofort das Rückgrat verstecken (sollten sie je eins gehabt haben), sofort speicheln und widerrufen.

Fuck, was ist dabei, wenn eine Frau sagt, sie wäre als Mädchen gern Indianerhäuptling geworden? Fuck, was wäre dabei, wenn ein Junge sagen würde, er möchte die Königin von Saba sein? So what? Statt zu buckeln könnte man diesen erbärmlichen Orwell-1984-Schießbudenfiguren zurufen: „Spinnt ihr, ihr Boofkes? Darf man heute nicht mehr sagen, wovon man einst geträumt hat? Wisst ihr was? Kiss my ass, wenn euch das nicht passt, aber ich stehe zu mir!! Und ich sag‘s nochmal: Ich wäre gern Indianerhäuptling geworden!

Für mich (AA) war ein Indianerhäuptling immer der Inbegriff von Mut, von Widerstand gegen die Raub- und Mordzüge der weißen Eindringlinge. Jetzt, dreihundert Jahre später, treten wieder Weißlinge auf, die – im Namen ihrer gewohnten Anmaßung – der Welt erklären, wie man die Tapferen zu nennen hat.

Müssen wir jetzt vorab beim Ministerium für PC-Sprech einen Antrag stellen und anfragen, was man sich wünschen darf? Und wie man diesen Wunsch zu formulieren hat?

Ein Wort von René Descartes, dem französischen Mathematiker und Philosophen soll aushelfen, um gewisse Idiotismen besser zu verstehen: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder glaubt, genug davon zu haben.“

Hier noch ein Bild von Paul Klee, es ist über hundert Jahre alt, es ist hochaktuell, der Titel:

„Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich.“

Nennen wir das Bild ausnahmsweise: „Zwei Menschen, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich“, dann passt es für alle.

Auf dass sich jene schämen, die uns mit ihren bizarren Hanswurstiaden drangsalieren! Und auf dass sich die anderen schämen, die vor ihnen einknicken! Man weiß nicht, wer von beiden heftiger unser billiges Mitleid verdient: die Narren und Närrinnen oder jene, die den Narren und Närrinnen in den Arsch kriechen.


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Ihr Lieben,

Gerfried Pongratz vom „Humanistischen Pressedienst“, hat eine saubere Kritik vorgelegt. Ich veröffentliche hier nur jene Rezensionen, die mir sprachlich gefallen. Es gibt gewiss andere gute Kritiken, die aber müde geschrieben sind. Die bleiben unter Verschluss. Haha.  Der erste Kommentar wird natürlich ebenfalls hier auftauchen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Die Fotos. die ich aussuche, sollen das Thema auch bisweilen ironisieren. Nicht vieles finde ich grässlicher als dumpfer Ernst. Beispiel: Ich habe vor ein paar Tagen erfahren, dass es Horden von Blödleuten gibt, die sich darüber empören, dass das Gedicht „The Hill We Climb“, das die SCHWARZE Dichterin Amanda Gorman zur Amtseinführung von Joe Biden gelesen hat, nun, dass dieses Gedicht von einer WEISSEN Frau in eine andere Sprache übersetzt wurde. Wie geschehen in den Niederlanden. Man fasst wieder einmal nicht, wie viele radikal Hirn-Entkernte sich bester Gesundheit erfreuen. Äh, da fällt mir ein: Dieser FB-Beitrag darf nur von weißen Männern gelesen werden, die im März 2020 einen Fahrradunfall hatten.

https://hpd.de/artikel/welt-einzige-heimat-wir-haben-19131

Gerfried Pongraz :

Andreas Altmann zählt zu den bekanntesten deutschen Reisebuchautoren, seine bildmächtige, überaus ausdrucksstarke Sprache, seine scharfe Beobachtungsgabe, seine radikal ehrlichen, dabei aber auch zärtlich poesievollen Schilderungen in nunmehr 22 Büchern haben ihm nicht nur zahlreiche Preise und Auszeichnungen, sondern auch eine Leserschaft, ja, Fangemeinde, beschert, die jeder seiner Buch-Neuerscheinungen mit gespannter Vorfreude entgegensieht.

Sein neuestes Werk kreist um den Begriff „Heimat“: „Heimat – was das magische Wort auch bedeuten mag – muss sein. Der Mensch braucht Lichtquellen, einen Kreis, dessen Teil er ist, Sprache, die ihn behütet, andere Sterbliche, deren Nähe ihn stärkt, eine Gesellschaft, deren Vereinbarungen er grundsätzlich bejaht, eine Wohnung, in die er sich vor dem Rest der Menschheit zurückziehen darf.“

Andreas Altmann, ein ewig neugieriger Weltbürger, ein ständig Suchender sowie Wissen- und Lernenwollender, erzählt Geschichten über „Das Glück des Augenblicks“ (in der Sahara, in Galway, München, New York, New Delhi, Wien, Hanoi, Brazzaville, Mexico City, Paris), die er mit Berichten und Reflexionen über Deutschland, Musik, Sprache, Freunde, Heimat, Liebe, Tiere, Zen, Körper und Menschen ergänzt. Er lässt besondere Situationen, alltägliche und kuriose, zuweilen auch dramatische, miterleben, mitempfinden, er vermittelt Impressionen, die den Leser/die Leserin in die Mitte des Geschehens führen. Seine Beschreibungen enthalten Anekdotisches, gehen darüber aber weit hinaus; sie veranschaulichen nicht nur Erlebtes und berichten von besonderen Begegnungen, sondern beleuchten mit scharfer Beobachtung auch das jeweils Dahinterliegende, das sich oftmals nicht direkt Erschließende.

„Mein Hauptwohnsitz ist die deutsche Sprache, nebenbei wohne ich in Paris. Benötige ich mehrere, ja, viele ‚Dinge‘, die man Heimat nennen könnte? Die Antwort ist so einfach: bestimmt!“

„Dass dieses Buch ein Heimatloser schreibt, ist eine gute Idee“, findet Altmann. Heimat ist bei ihm sehr viel mehr als ein geografischer Ort. In seinen Gedanken zu Deutschland wird dies deutlich: „Die Liebe zum eigenen Land ist immer gefährdet. Wie jede Liebe. Einige sind grundsätzlich bereit, sie zu schänden.“

Musik und Sprache schildert er als Heimaten: „Literatur schmiedet den Verstand, die kognitiven Fähigkeiten, die Intuition. Musik erledigt etwas anderes: den Rest, den ungeheuren. Wie ein Blitz fällt sie über uns her und braucht dazu kein einziges Wort.“ Musik ist für Altmann ein innerer Zustand, an dem er Leser und Leserinnen teilhaben lässt, Sprache ist für ihn „Das Leben einatmen und als Sprache ausatmen – es aufschreiben“. Für den Sprachkünstler Altmann ist Sprache „gefährliche Heimat, allerschönste Heimat“. „Zwischen den Polen von Größenwahn und Ladehemmung verläuft die Linie eines Schreiberlebens.“

Freunde sind Heimat, Liebe ist Heimat, Tiere können Heimat sein, auch Zen (Altmann verbrachte acht Monate in einem Zen-Kloster in Japan) und ganz sicher der eigene Körper – „Kennt jemand eine intimere, eine lebenslänglichere Heimat als seinen Körper?“

„Der Mensch braucht Menschen als Heimat“ – neben allem anderen sind es für ihn vor allem Menschen, die Heimat bedeuten: „Der unergründliche Mensch. Nach jeder Entdeckung eines seiner Geheimnisse geht eine Tür auf, die in die nächste Tiefe führt. Kein Ankommen scheint in Sicht zu sein.“

Heimat soll wärmen!“, lautet eine weitere Feststellung des Autors. Wie ein Seismograf filtert Andreas Altmann seine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen, Gedanken; es bedeutet Freude, mit ihm auf die Suche nach dem zu gehen, was Heimat sein, was Heimat schenken kann. Humorvoll verpackt, unverwechselbar im Stil, wunderbar authentisch, dabei sich selbst nicht schonend, präsentiert er die Welt und ihre Bewohner in all ihren Stärken und Schwächen: „Als Kind habe ich oft in den Nachthimmel gestarrt, fasziniert von den blitzenden Sternen. Später gab ich ihnen die Namen von Menschen, die mir zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten Heimat waren. Oder noch immer sind. Heimat als Synonym für Swing und gedankenlose Freude.“


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Ihr Lieben,

morgen, Sonntag / 28. März gibt es ein Interview und eine Besprechung zu „Gebrauchsanweisung für Heimat“ auf rbb INFORRADO.

Name der Sendung „Quergelesen“, Zeit der Sendung 10.45 Uhr.

Kritik und Fragen von Berlins Literaturkönigin Ute Büsing.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier der Link zum Nachhören: www.inforadio.de

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Ihr Lieben,

bitte noch Geduld mit dem Rätselraten. Es wird stattfinden, nur nicht sofort, da noch technische Probleme – Stichwort Rundmail – gelöst werden müssen. Sobald das geregelt ist, geht es los.

Hier eine kluge Kritik zum neuen Buch. Geschrieben hat sie Daniel Kasselmann*, klar, ein Lob von einem Kollegen zählt doppelt. Sie verschafft einen guten Überblick über den Inhalt von „Gebrauchsanweisung für Heimat“

*Studierte Theater- und Filmwissenschaft in Bochum. Während und nach seinem Studium arbeitete er als Lagerarbeiter, Interviewer, Callcenteragent, Marketingassistent und Briefzusteller. Er lebt als freier Autor und Dramaturg in Bochum und schreibt für Ruhrbarone, hpd, literaturkritik.de, Revierpassagen und Theater über Tage).

Was Kasselmann zu meinem Text über „Frauen“ schreibt, ist allerdings eine Gemeinheit, haha, denn ich wüsste gar nicht, wie einer Frau den Hof zu machen (ich liebe diesen altmodischen Ausdruck), ohne nicht von ihrem Geist fasziniert zu sein.

Hier der letzte Absatz aus dem Kapitel, er ist supereindeutig!

„… Ich bin moralisch weniger stabil, ich kann niemanden erlösen. Andrerseits, das ist meine Trumpfkarte, behaupte ich eisern, dass eine Frau – wenn sie Heimat werden soll – zu Höherem geboren wurde, als mit Kochtöpfen zu scheppern und mir nebenbei den Rücken freizuhalten. Ich suche nach denen, die sprudeln. Oben im Kopf. In dem jeden Tag Nachrichten aus der Welt eintreffen, die sie großzügig mit mir teilt. Wie ich meine Fundsachen mit ihr. Wenn wir uns zwischendurch noch umarmen mit allem, was zu uns gehört, dem Geist, dem Body, der Herzenswärme, dann singe ich unbeirrt das Lied dieser Frau, wieder nicht fassend, was für ein Geschenk sie ist. Das ich nie verdiene. Und dem ich nie widerstehen will.“

Jetzt jedoch das alleinige  Wort an Daniel Kasselmann, hier seine Kritik:

Gebrauchsanweisung für Heimat

Nun legt der Piper-Verlag in seiner Reihe der „Gebrauchsanweisungen“, die sich fast immer mit weltweiten Reisezielen beschäftigen, den Band „Gebrauchsanweisung für Heimat“ vor. Autor des Bands ist niemand anderer als einer der bekanntesten deutschen Reiseautoren, der Kischpreisträger  Andreas Altmann. Dieser wuchs im bayrischen Wallfahrtsort Altötting auf und hat dieser Gemeinde in seiner Autobiografie „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ (Piper 2011) ein nachhaltiges Denkmal der dörflichen-bigotten Scheißheimat gesetzt. Ein Jahr später erschien   „Gebrauchsanweisung für die Welt“, das schnell zum Handbuch für angehende Weltenbummler und Kosmopoliten avancierte.  Und jetzt eine „Gebrauchsanweisung für Heimat“? Muss sich die zugeneigte Leserschaft jetzt Sorgen machen?

Ein Blick auf das Buchcover gibt indes erste Entwarnung. Es ist ein grafisch eindrucksvoll gestaltetes Konglomerat (Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas) von Begriffen und Orten, die man nur zu gut aus dem Vokabular Altmanns kennt; von City über Deutschland, Freunde, Frauen, Heimat, Körper, Liebe, Hanoi, Menschen, Musik, New York, Paris, Sahara, Schönheit, Sprache, Welt, Wien und Zen. Spätestens jetzt versteht der gemeine Frei.Wild Fan – sofern der deutschen Schriftsprache mächtig – sein mickriges Alpenuniversum nicht mehr. Da die Tendenz zum Zweitbuch bei dieser Gemeinde insgesamt eher schwach ausgebildet sein dürfte, können wir sie jedoch hier dumm am Gipfelkreuz sterben lassen und uns vollständig auf das vorgenannte philosophische Problem konzentrieren.

Heimat als Kulturbegriff

„Heimat“ ist unlösbar mit dem Begriff der Sesshaftigkeit verbunden, womit wiederum das dauerhafte oder langjährige Wohnen an einem Ort bezeichnet wird, den man Siedlung nennt. Der Grad der Sesshaftigkeit ist abhängig von der Verfügbarkeit der Nahrungsressourcen. Die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht leisteten somit der Sesshaftigkeit Vorschub und verdrängten damit das Nomadentum. Aus der Sesshaftigkeit entstand überhaupt erst der Begriff von Heimat, der für den Nomaden keine Rolle spielt. Der Begriff Heimat ist ein Kulturbegriff in Abgrenzung zum Nomadischen.

Struktur

Andreas Altmann strukturiert seine „Gebrauchsanweisung für Heimat“ zweispurig; die einzelnen Themenkomplexe, innerhalb derer er sich dem Thema Heimat in seinen unterschiedlichsten Facetten annähert, wechseln sich ab mit Schlaglichtern, kurzen Erzählungen von persönlichen Erlebnissen an Orten und Metropolen der Welt, die am konkreten Beispiel beleuchten, welche besondere Bedeutung der jeweilige Flecken für das Dort-und-nirgendwo-anders-sein hat, welche Möglichkeit von Heimat dem innewohnt.

Heimat Deutschland

Thematisch beginnt er mit dem härtesten Brocken; Deutschland. Altmann vermisst die Ambivalenz eines möglichen Heimatgefühls zwischen dem Unbehagen der Geschichte, den Dichtern und Denkern, parlamentarischer Demokratie und weiteren Facetten.

„Der Mensch muss raus, muss weg, er soll von der Welt wissen und lernen: die intelligenteste Voraussetzung, um ein kosmopolitischer Patriot zu werden.“

Das ist nicht weniger, als die Synthese von modernem Nomaden und Patrioten, der Mensch, der seine Heimat verlässt, in der Welt umherreist, andere Länder, Kulturen, Sitten, Regierungsformen kennenlernt, inkubiert, um anschließend mit einem differenzierten und distanzierten Blick auf die persönliche Verbindung zur eigenen Heimat zu schauen. Altmann adaptiert damit das erkenntnistheoretische Höhlengleichnis Platons für die Erkenntnis des Einzelnen von Heimat: Der Mensch, der nie seine Heimat – bei Platon die Höhle – verlässt, hält die Schatten für Realität. Erst indem er die Höhlenheimat verlässt und hinausgeht in die Welt, erfährt er, was die Welt tatsächlich ist. Mit dieser Erfahrung kann er anschließend in die Heimat zurückkehren und davon berichten, wieviel mehr die Welt bedeutet, als nur das Schattendasein in der Höhle.

Musik als Heimat

Im zweiten Kapitel „Musik“ wird es abstrakt. Kann Musik Heimat sein? Für jeden Musiker, der in ihr lebt und ohne sie nicht überlebensfähig wäre, unbedingt. Doch auch für jeden sinnlich empfänglichen Menschen wäre ein Leben ohne Musik stumm und lautlos wie die Person in Edvard Munchs Bild „Der Schrei“.

Sprache als Heimat

Im Kapitel „Sprache“ läuft Altmann zu Höchstform auf, aus jedem Satz spricht die bedingungslose Hingebung des rettungslos verlorenen, sprachverliebten Autors, der die Fron am Schreibtisch auf sich nimmt, um aus den 5,3 Millionen Wörtern, welche die deutsche Sprache dem Schreibenden zur Verfügung stellt, exakt das jeweils richtige zu benutzen:

„Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen Wort ist derselbe wie zwischen dem Blitz und dem Glühwürmchen.“
Mark Twain

 

Neben dem Nomadischen des Reiseschriftstellers gibt es zwei weitere maßgebliche Prinzipien für den Autor:

„Mein Hauptwohnsitz ist die deutsche Sprache, nebenbei wohne ich in Paris.“

Einmal ist das die bewusste Entscheidung für eine Wahlheimat, die sich gerade vom Ort der Herkunft unterscheidet. Das Wort „Wahlheimat“ impliziert die Wahl und die Tatsache, dass der Wahlheimatbürger vorher den Ort seiner Herkunft verlassen und die Welt bereist hat, um verschiedene Orte von Heimat kennenzulernen und miteinander vergleichen zu können, siehe Platon. Außerdem ist die deutsche Sprache der Teil von Heimat, den der Autor Altmann immer und überall hin mitnimmt, wo auch immer er sich aufhält. Schreiben als angewandte Sprache ist dabei ein Überlebensprozess: „Das Leben einatmen und als Sprache ausatmen – es aufschreiben.“ Der Autor mit seinem Blatt Papier findet seine Heimat im Schreibprozess.

Das Kapitel „Freunde“ geht von der These aus: „Freunde sind Heimat“ und der Autor liefert einige persönliche Beispiele von Freunden, von Freundschaftsverläufen, von gescheiterten Freundschaften, von den Bedingungen wahrer Freundschaft und von ihrer notwendigen Bedingungslosigkeit.

Die engere Bedeutung von „Heimat“

„Dass dieses Buch ein Heimatloser schreibt, ist eine gute Idee. Sagen wir, er hat seine ‚natürliche‘ Heimat verloren, nein, er hat sie verlassen.“

Die Geschichte der eigenen Flucht aus dem Herkunftsort Altötting hat Altmann im „Scheißbuch“ detailliert beschrieben. In der „Gebrauchsanweisung“ macht er die Suche nach einer neuen Heimat am Beispiel des Angolaners Kenneth fest, indem er dessen Fluchtgeschichte erzählt. Es ist außerdem eine Meditation über die Frage, was es mit einem macht, wenn die Herkunft aus Gründen wie Armut, Hunger, Krieg und Perspektivlosigkeit nicht mehr Heimat sein kann und man gezwungen ist, sich einen neuen unbekannten Ort suchen muss, um in Würde zu leben. Derzeit befinden sich knapp 79,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, schreibt die Hilfsorganisation action medeor auf ihrer Seite. Der Autor Harald Welzer hat bereits 2009 in seinem Buch „Klimakriege“ auf den Zusammenhang zwischen Klimawandel, dem erbitterten Kampf um Nahrungsressourcen und die erwartbare Zunahme von daraus resultierenden Fluchtbewegungen in der Dimension ganzer Völkerwanderungen hingewiesen. Die Sesshaftigkeit mitsamt dem althergebrachten Heimatprinzip wird vom modernen Nomadentum zurückgedrängt. Heimat entwickelt sich zu etwas, was der Einzelne suchen und erwerben muss, um es zu besitzen.

FRAUEN – Männer – Liebe

In François Truffaut’s Film „Der Mann, der die Frauen liebte“ (Originaltitel: L’Homme wui aimait les femmes) verliebt sich die Hauptfigur Bertrand Morane zunächst in die Beine einer ihm unbekannten Frau. Frauenbeine sind seine Obsession und bedeuten schließlich auch sein Ende. Bücher und Frauen sind die Leidenschaften, die Truffaut in all seinen Filmen thematisiert hat. Altmann erzählt in seinem Buch Frauen.Geschichten über seine Begegnungen mit diesen sowohl anbetungswürdigen als auch furchteinflößenden Wundergeschöpfen und das endlose Drama zwischen Mann und Frau. Insofern ist Altmann ein Bruder im Geiste Truffauts und es wundert nicht, wenn er im Kapitel  „FRAUEN – Männer –  Liebe“ zu dem Fazit kommt

„Selbstverständlich – hier redet ein heterosexueller Mann – ist eine Frau Heimat. So ein Zielpunkt, an den man zurückkehren will. Um das Innige wiederzufinden, die Verlockung nach ihrem Esprit und ihrem Körper, das sagenhafte Gefühl, willkommen zu sein. Mit allem Seinem.“

Mit Gefühlsbestimmungen wie Geborgenheit und Verlockung begibt sich Altmann, der die tatsächlichen körperlichen wie geistigen Möglichkeiten von Nähe zwischen Männern und Frauen in seinen Frauen.Geschichten sehr akribisch und gelungen durchgespielt hat, hier auf dünnes Eis, indem er die Frau als Subjekt auf ihre Körperlichkeit als Zielpunkt männlicher Sehnsucht herunterreduziert. Das Wiederfinden von geistiger und libidinöser Innigkeit hat nichts mit Heimat zu tun. Selbst die manchmal behauptete Sehnsucht nach dem Wunsch der Rückkehr in die Urheimat des pränatalen Uterus bietet hier keinen belastbaren Interpretationsansatz. Altmann liefert lediglich Beispiele für das Scheitern von Beziehungen, in denen die Möglichkeit von Nähe durch den Wunsch von Besitztum des Partners verspielt wird.

Heimat und Spiritualität

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau schreibt auf ihrer Seite zum Thema Heimat:

„Die Bibel gibt ganz unterschiedliche Wörter und Wendungen für Heimat. Das Wort Heimat kommt – einschließlich der erweiterten (apokryphen) Schriften – überhaupt nur fünfmal vor. Gemessen an der Gesamtzahl der Wörter in der Bibel von knapp 800.000 ist das extrem wenig. Manchmal ist auch vom „Vaterland“ die Rede oder vom Land in dem „Milch und Honig fließen“. Heimat ist immer auch der Tempel auf dem Zionsberg. Oder es ist das Paradies, das Adam und Eva verlassen müssen.“

Die Gemeinde ist für die Gläubigen der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam natürlich Heimat, die in den Orten Synagoge, Kirche und Moschee gelehrt, vollzogen und gelebt wird.

Seit dem „Scheißbuch“ ist bekannt, dass sein Autor genauso wenig mit dem Scheißkatholizismus am Hut hat, wie mit allen anderen theistischen Religionen, die Götzenanbetung betreiben. In „Triffst Du Buddha, töte ihn“ schreibt er 2010 das erste Mal ausführlich über seine Suche einer götzenfreien Spiritualität und jahrelange Erfahrungen mit dem Buddhismus.

In Heimat erläutert er die Funktionsweise von Zen:

„Ein existentielles Ereignis voller Rätsel, von dem ich nur wenig begreife, wenn ihm nur mein Hirn begegnet. Der Leib muss dabei sein. (…) Hält der Mensch durch, wird daraus irgendwann eine Heimat, eine Art spirituelles Zuhause ohne Götzen und Götter, ohne überirdische Verheißungen, dafür immer irdisch, immer mitten im Jetzt.“

Altmann erzählt davon, wie er nach Japan fliegt und dort zu einem kleinen Zenkloster reist, um dort in acht Monaten beim Roshi Imamura-San mit dem Training von Festigkeit und Hartnäckigkeit Unbedingtheit zu erlernen. Acht Stunden sitzen und meditieren am Tag.

„Das ist das unheimliche Geheimnis von Zen. Nichts wird unterrichtet, keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vermittelt, kein Handwerk gelehrt, keine Ideologie verabreicht, keine Fertigkeit. Wenn nicht die eine: zu sitzen und den Atem – das ‚Aktuellste‘, was wir haben – zu beobachten. Also das eine, so sagenhaft Schwere zu lernen: sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, anders gesagt, das Tollhaus unter der Schädeldecke zu besänftigen.“

Zen wurde so eine „Heimat, in die ich seither flüchte, wenn ich Hilfe brauche. – Ich brauche sie jeden Tag.“

Altmann führt viele weitere wichtige Aspekte des Zen-Buddhismus an, die hier nicht vorweggenommen werden sollen. Jedem, der an Thema von Heimat als götzenfreier Spiritualität interessiert ist, sei dieses Kapitel besonders ans Herz gelegt. Hier schreibt ein Wissender aus eigener und langjähriger Erfahrung und die zutiefst warmherzige Art, in der er schreibt, macht unglaubliche Lust, sich intensiver mit dem Thema Zen als spiritueller Heimat zu beschäftigen.

Die Kapitel „Körper“ – der Körper als die lebenslängliche Heimat des Ichs – und „Menschen“ beschließen die „Gebrauchsanweisung für Heimat“.

Fazit

„Das Suchen, nicht der Besitz von Wahrheit“ ist das Wesen der Philosophie.“ schreibt Karl Jaspers: „Philosophie bedeutet ‚auf dem Weg sein‘, ihre Fragen sind wichtiger als ihre Antworten“. Diese Grundlegung gilt auch für die „Gebrauchsanweisung für Heimat“. Hier schreibt einer, der sein Leben lang unterwegs ist, ein Reisender auf der Suche nach Antworten in der Welt, die ihn zu wieder neuen Fragen führen, auf dass die Reise und die Fragen kein Ende nehmen. So ist die „Gebrauchsweisung für Heimat“ ein thematisch sehr ausdifferenzierter und philosophischer Diskurs zum Thema, und eben keine Gebrauchsanweisung im Sinne einer popeligen Anleitung.

Epilog

Es gibt für den Bibliophilen, den lesenden Menschen eine weitere Heimat. Es ist seine Bibliothek, dieses persönliche Universum aus Buchstaben, Wörtern, Büchern, von denen jedes – sofern es seinen Platz in der Bibliothek zu Recht erobert hat – ein kleiner Edelstein des Denkens seines Autors ist, der den Lesenden mit dem Glück geistiger Inspiration im Lesen, Denken, Wiederlesen und Neudenken beschenkt. Andreas Altmanns „Gebrauchsanweisung für Heimat“ ist so ein Edelstein, der diesen Platz für sich in der Bibliothek des Rezensenten erobert hat und damit fortan ein Stück der Heimatbibliothek bedeutet. Herzlichen Dank dafür.

Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Andreas Altmann: Gebrauchsanweisung für Heimat.
München, 15. März 2021
224 Seiten, Klappenbroschur

ISBN-13 978-3492277433 – € 15,00

Kindle Ausgabe Piper Verlag, München 15. März 2021

ASIN B08LDTF598 – € 12,99

Buchpremiere:

Montag, 25. Oktober 2021 in Berlin

Andreas Altmann liest aus: „Gebrauchsanweisung für Heimat“

20.00 Uhr

Pfefferberg Theater
Schönhauser Allee 176
10119 Berlin

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Ihr Lieben,

bitte Geduld mit dem Rätselraten. Wir haben Zeit, Paris ist ja noch nicht offen, alle Cafés und Restaurants sind geschlossen. Zudem will ich ein Konzept ausarbeiten, damit die Sache nicht über Facebook läuft: Denn viele haben sich auf meine Rundmail gemeldet, ja, sie wollen teilnehmen, aber eben nicht über FB.

Hier ein kleiner Absatz aus dem Buch, zum reinen Vergnügen. Das Spiel hat noch nicht begonnen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Aus dem Kapitel „Deutschland“.

„…. Noch wurde keine Liebe erfunden, die umsonst zu haben ist.

Eine anrührende Szene passt hierher: Ich saß in meinem Pariser Café, als zwei Leute neben mir Platz nahmen. Ein älteres Ehepaar aus Deutschland, wie sich bald herausstellte. (Ich lausche immer.) Ossis, mitten aus Sachsen. Voller Überschwang redeten sie von dem, was sie bisher gesehen hatten. Wir kamen ins Gespräch, und plötzlich fingen die beiden zu weinen an. Vorsichtig fragte ich nach, was der Anlass der Traurigkeit sei. Nein, sie wären überhaupt nicht traurig, nur überwältigt: weil sie nun frei seien und reisen durften, ja, Paris besuchen….“

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Ihr Lieben,

nun, wie angekündigt, hier die Rundmail, um mein neues Buch vorzustellen, das offiziell am Montag, dem 15.3. erscheint. Zuerst einmal: Tausendundeinmal danke für eure Treue, für das so intensive Geschenk, mit mir Gedanken und Gefühle zu teilen. Ich kann nur hoffen, ja, euch auffordern, nicht mit allem einverstanden zu sein, was da geschrieben steht. Denn welchen Sinn hätte ein Buch für LeserInnen, wenn sie dort hinter jedem Zeileneck in ihren Ansichten bestätigt würden. Der Text soll auch zum Widerspruch reizen, zur intellektuellen Mehrarbeit, zur – höflichen, klugen und beschwingten – Auseinandersetzung mit dem Schreiber. Doch glaubt mir: Ich habe mir bei jedem Wort – oft via Tabletten schwer sediert, um nach dem Unfall März 2020 die pochenden Schmerzen auszuhalten – überlegt, ob es passt, ob es gescheit genug ist, ob es – so wichtig – zur Eleganz unserer wunderschönen deutschen Sprache beiträgt. Immerhin, ich wiederhole mich, schenkt ihr mir das Kostbarste, was ihr besitzt: eure Lebenszeit. Und ein bisschen Geld. Wenn ein Autor das nicht respektiert, so muss er auf Hartz IV oder Frühpensionierung umsatteln.

Wenn jemand Freude am Spielen hat, bitte hier weiterlesen: Ich organisiere ein kleines Gewinnspiel. In den nächsten Tagen werde ich immer wieder ein paar Zeilen aus dem Buch auf FB veröffentlichen und nach dem 10. Eintrag DIE FRAGE stellen. Die man easy peasy lösen kann, wenn man aufmerksam mitgelesen hat. Wer als erste/r antwortet – man sieht ja die genaue Zeit auf der Mail –, der gewinnt das Glück auf Erden: 200 Euro Pauschale für die Spesen (Hotel und Transport) plus ein Dinner mit dem AA in Paris. Jede und jeder ist willkommen, der Sprache liebt und the city of lights. Wie der Mensch auch anreist, sie/er kann auch zu Fuß kommen und in der Jugendherberge übernachten, die 200 gehören der/dem Schnellsten und Smartesten.

WICHTIG: Nicht über FB DIE FRAGE beantworten!  Sondern über meine Mailadresse, die ihr auf meiner Website – www.andreas-altmann.com – findet.

ps: Manche, kaum drei Dutzend, haben mir nach der letzten Rundmail die Treue gekündigt und mich – tatsächlich freundlich – gebeten, sie aus dem Verteiler zu nehmen. Ich habe das nach bestem Wissen getan. Denn nicht vieles ist peinlicher als ein lästiger Schreiberling, der nicht fassen will, dass die Liebe ein Ende hat. Gibt es weitere Schussmach-Meldungen, bitte bei mir melden, ich reagiere. Versprochen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Hier nun die Reihenfolge des Eintrags vom 12. März 2021:

Der Ihr-Lieben-Text

Die drei Motti

Die Widmung

Index, alle Kapitel auf einen Blick

Das Vorwort

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Motti:

Stanisław Jerzy Lec:
Die Muttersprache ist das Vaterland der Schriftsteller.

Eric Burdon:
Jeder braucht ein Anderswo.

Mahmoud Darwish:
Ich lernte alle Wörter und habe sie alle zerteilt, um ein einziges Wort zu schaffen: Heimat.

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Widmung:

Das Buch gehört meinen Freunden. Die es noch immer mit mir aushalten. Sie haben so vieles, was mir fehlt. Was sie mich nie spüren lassen, ja, sie benehmen sich, als wäre ich ihnen ebenbürtig. Das schaffen nur sie. Manche tun so, als würden sie mich brauchen. Das ist der Gipfel von Wertschätzung. Der Teufel soll mich holen, sollte ich je die Freundschaft verraten, ach, nicht zur Stelle sein, wenn einer von ihnen um Hilfe ruft.

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Index:

Vorwort

Das Glück des Augenblicks: Galway

Deutschland

Das Glück des Augenblicks: Sahara

Musik

Das Glück des Augenblicks: München

Sprache

Das Glück des Augenblicks: New York

Freunde

Das Glück des Augenblicks: New Delhi

Heimat

Das Glück des Augenblicks: Wien

FRAUEN – Männer – Liebe

Das Glück des Augenblicks: Hanoi

Tiere

Das Glück des Augenblicks: Brazzaville

Zen

Das Glück des Augenblicks: Mexico City

Körper

Das Glück des Augenblicks: Paris

Menschen

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Vorwort

Wenn man eine Liebe an die Wand fährt, findet man – hoffentlich – eine neue. So ähnlich sollte man beim Verlust der Heimat handeln: Will man sie loswerden, weil die Erinnerung an sie wie Schlangengift das Herz verseucht, so desertiere man und suche sich eine andere Unterkunft, eine andere, brandneue Heimat.

     Leicht gesagt, ich weiß. Die einen gehen mit einem Freudenschrei, die anderen tränenüberströmt. Von allen soll erzählt werden.

     Für mich war Blut nie dicker als Wasser. Bin ich doch ein Meister im » Cut «-Sagen, einer, der unwiderruflich Frauen und Männer und Orte aufgibt, wenn sie mir nicht mehr guttun. Oder ich ihnen. Sie weder im Kopf noch im Bauch gehobene Stimmung auslösen, so ein Gedankensprühen, so ein romantisches Ziehen im Solarplexus. Bin selbst dann davon, wenn das Bleiben mir materielle oder sinnliche Boni verschafft hätte, Genüsse wie Wohlstand oder erotische Zuwendung.

      Ich bin sogar der eigenen Familie entlaufen, von der Verwandtschaft gar nicht zu reden. Immer von der rüden Überzeugung getrieben, dass ich in ihrer N.he nicht vom Fleck komme, dass mein Hirn stillsteht, ja, schlimmer, dass es schrumpft, weil weit und breit nichts blüht, was es nährt. Ja, Flucht muss sein, da ich jeden Morgen mit dem bedrohlichen und gewiss anspornenden Gedanken aufwache, dass ich nur ein einziges verdammtes Leben habe. Somit k.me mir jedes Verweilen an „Stellen“, an denen kein Leben stattfindet, wie eine Todsünde vor. Wie trefflich das Wort, denn bliebe ich, versündigte ich mich schwer an mir selbst.

      Kann einer das Leid noch zählen, das sich seit Millionen Jahren – pyramidal – anhäuft: weil Leute nicht voneinander loskommen? Oder hocken bleiben an Plätzen, die sie täglich n.her an den Abgrund treiben. Oder sie, diskret und unspektakulär, in die so verschwiegene Depression der Ausweglosigkeit manövrieren. Wie sagte es Perikles, der siebengescheite Grieche: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ Ohne den geht es nicht. Ein mutloses Leben? Das klingt schauerlich.

      Jedes Fortgehen – ganz gleich, von wem und von was – braucht Schneid. Manchmal ein bisschen, manchmal ein bisschen viel. Eine neue Heimat – oder ein neuer Mensch: lauter unbekannte Kontinente. Wer kein Glück hat, fährt mitten hinein in sein nächstes Unglück.

      Die Angst ist da. Deshalb muss Courage her. Meist wird sie den Mutigen belohnen. Mit der unbändigen Freude, dass er sich getraut hat. Und der wunderlichen Einsicht, dass kein Desaster wartet, sondern Aussichten auf ein innigeres Leben: upgraded, nach oben befördert, da, wo es sich freier atmet, da, wo weder Schwunglosigkeit noch Bore-out die Wirklichkeit ersticken.

     Ich darf hier mitreden. Ich erblickte die Finsternis der Welt in einer Brutstätte aus Bosheit und Bigotterie und landete – über dornenreiche Umwege und Irrläufe – irgendwann in Paris: The City of Lights. Ich wüsste keinen schöneren Landeplatz auf Erden.

       Ob Paris als Heimat taugt? Oder benötige ich – ich wäre nicht der Einzige – mehrere, ja, viele » Dinge «, die man Heimat nennen könnte? Die Antwort ist so einfach: bestimmt! Die Behauptung gilt umso mehr für jene, die ihre » natürliche « Heimat verließen, verlassen mussten. Aus Überdruss, aus Furcht zu verkümmern, aus Sorge ums Leben, aus Liebe, aus Hass, was weiß ich.

      Heimat – was das magische Wort auch bedeuten mag – muss sein. Der Mensch braucht Lichtquellen, einen Kreis, dessen Teil er ist, Sprache, die ihn behütet, andere Sterbliche, deren Nähe ihn stärkt, eine Gesellschaft, deren Vereinbarungen er grundsätzlich bejaht, eine Wohnung, in die er sich vor dem Rest der Menschheit zurückziehen darf.

      Ein unendliches Buch müsste man schreiben, um alles zu benennen, was heimatliche Empfindungen auslösen könnte. Mir reicht keine Stadt, kein Land, ich suche überall auf dem Globus nach etwas, an das ich den Sticker » Heimat « kleben kann. Jeder Fund beruhigt mich in einem Universum, durch das wir mit 107 000 Kilometern pro Stunde rasen. Eher ziellos, eher verloren. Und da ich an eine himmlische Heimstatt mit einem Himmelsherrscher mittendrin nicht glaube, mir diese ultimative Heimat stets als Hirngespinst erschien, bleibt mir nichts als die Erde und ihre Bewohner. Hier muss ich heimisch werden. Gelingt mir das, bin ich das geworden, was mir als Traum seit meiner Jugend durch den Kopf schwirrt: ein Weltbürger. Das wäre einer, der in der Welt zu Hause ist.

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Ihr Lieben,

wir lassen den Unglücklichen und sein Kettensägenmassaker – siehe letzten Eintrag – hinter uns und blicken nach vorn. Hier nun zwei Hinweise, zuerst eine schönste Mail. Ich veröffentliche sie eher sparsam, um nicht zu oft andere „Männer XY“ zu provozieren. Ich mag die heutige Mail, weil sie lustig und unprätentiös geschrieben ist. So wie es Neidhammel gibt, so gibt es Frauen und Männer, denen kein einziger Zacken aus der Krone fällt, wenn sie die Arbeit eines anderen schätzen:

„Lieber Herr Altmann, alleine die Präambel, die Sie auf Ihrer Website unter „Kontakt“ notiert haben, hat mir Lachtränen in die Augen getrieben. Genial formuliert. Ich lese gerade zum ersten Mal ein Buch von Ihnen (das erste von allen restlichen) und könnte jetzt grandios Zeit verschwenden, um wehzuklagen, wie spät in meinem Leben ich auf Sie „gestoßen“ bin. Stattdessen werde ich die Zeit nutzen, um weiterzulesen. Ich wollte mich herzlich bedanken!!! Es ist gar nicht genug zu schätzen, dass Sie in einer Art und Weise schreiben, die einem zu vielen Dingen die Augen öffnet und so viele Momente herzhaften Lachens ob Ihres grenzgenialen Humors beschert. DANKE.“

Und jetzt noch die zweite Freudennachricht, haha, von wegen Podcast beim SWR3. Wie immer inszeniert von Kristian Thees, den ich glatt heiraten würde, wenn ich Frau wäre. A man of cool, aber wie.

Es geht in dem Stücklein „Tricks“ um etwas, das man mit dem schönen jiddischen Wort „Chuzpe“ beschreiben kann: ein bisschen frech sein, um an Zustände heranzukommen, die man erreichen will. Für einen Reisenden ist das ein unabdingbares Werkzeug. Die zwei Szenen spielen in Mauretanien / Afrika und in Baton Rouge, der Hauptstadt von Louisiana / USA.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Tricks
https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

heute kommt ein langer Eintrag. Doch ich hoffe, ihr werdet die Lesezeit nicht bereuen, denn wir lernen etwas über einen von uns acht Milliarden Nachbarn – Stichwort: „Ruchloseste Mail“. Sorry, auch diese Rubrik habe ich vernachlässigt, aber nun ist der Augenblick gekommen, um wieder einen dieser Mitmenschen vorzustellen, deren erste Aufgabe es ist, das Leben anderer mit Freude und Frohmut zu erfüllen. Haha.

Vorweg: Ich lasse diese Giftsuppen, die mir zugemailt werden, nicht an mich ran. Sie vergiften mich nicht, sie ruinieren nicht den Respekt vor mir selbst, sie provozieren kein Gefühl der Minderwertigkeit, ja, ich renne nach der Lektüre nicht zur Pont Neuf und stürze mich in die Fluten. Ich lese sie und amüsiere mich. Und frage mich stets: Warum macht ein Mensch das? Eine Frage, die natürlich noch nie beantwortet wurde. Ich vermute (und Schreiberkollegen mit ähnlichen Erfahrungen bestätigen das): dass es sich bei den Absendern oft um Neidhammel handelt, die gern hätten, was der Beleidigte hat, aber aus welchen Gründen auch immer nicht fähig sind, sich ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen. 

Diese Mail an mich, die ich nun vorstellen werde, hat es in sich. Normalerweise bolzt ein Entrüsteter los, nennt mich einen „miserablen Reisereporter“, einen „aufgeblasenen Idioten“, einen „erbarmungswürdigen Asphaltliteraten“, den „meist überschätzten Kischpreis-Träger“ etc. etc. etc., Scheißdreck, Blödmann, Wichser etc. etc. etc.

Hier ist es anders. Denn zuerst lobt mich „Mann XY“ (so soll er heißen) über alle Maßen, ja, nennt mich, nicht weniger geistesgestört, tatsächlich den einen, der – sorry, ich muss jetzt grinsen, während ich das hinschreibe – „den Nobelpreis verdient“ habe. Er vermerkt ausdrücklich, dass er von meinen Büchern „schwer beeindruckt“ war. Bis das eine kam, das ein radikales Umdenken in ihm auslöste, ja, ihn zur Kettensäge greifen ließ: „Frauen.Geschichten.“ Darin offenbare sich meine ganze seelische Verwahrlosung, der gesamte Dreck in mir, der ungeheure sittliche Verfall meiner Person. Es wird noch bizarrer, denn er lässt mich wissen, dass er gern auch so ein „Liebesleben“ wie ich hätte. Ich, der wie ein hässlicher Zwerg daherkäme, wobei er doch, so kann man es aus seiner Mail erfahren, berückend anmutig ist. Und dennoch OHNE Frauen!

Ist Mann XY einer dieser „Incels“, jener „involuntary celebates“, jener unfreiwilligen Zölibatären, die Frauen hassen – weil sie ihnen nicht zu Diensten stehen? Und die Männer hassen – weil sie Frauen nah sind? Ist das nicht eine namenlose Sauerei? Er, Mann XY, der Göttergleiche, bekommt keine ab, und ich, der Krumme, muss nur niesen und schon tanzen sie an? Kommt da nicht die alte Wahrheit zur Geltung, dass in jedem Drama auch der Wahnwitz steckt, die große Absurdität, das absolut Lächerliche?

Nun denn, bei aller Ungerechtigkeit auf Erden: Muss man auf den Autor – mich also, dem innen und außen Scheußlichen – gleich pissen und ihm anschließend den Prügeltod wünschen? Ich finde das übertrieben, haha.

Für alle, die „Frauen.Geschichten.“ nicht kennen, hier ein paar Zeilen aus dem Vorwort. Da ist sofort zu erkennen, mit welcher Niedertracht AA über die andere Hälfte der Menschheit herzieht:

„Der Mensch hat ein Recht auf ein gutes Leben“, so Artikel 2.2 des Grundgesetzes. Und deshalb verbringe ich mehr Zeit mit Frauen als mit Männern. Sie versprechen mehr Swing und mehr Geheimnis und mehr Innigkeit. Denn Männer sind wie ich: weniger verschlungen, weniger rätselhaft, ein ganzes Lichtjahr weniger attraktiv. Wäre ich all diesen Frauen nicht begegnet, ein Ozean voll bewegender Stürme und Schiffbrüche würde mir fehlen. Frauen sind ein ungemein potentes Aphrodisiakum, um mein Leben auszuhalten. Das Buch ist folglich auch ein Loblied, eine Hymne von einem, der blüht, wenn ihm Schönheit und Klugheit über den Weg laufen. Und eingeht, wenn sie ausbleiben. Vom Zauber singen – das ist ein formidabler Zeitvertreib.“

Okay, es bleibt spannend – hier noch ein kurzer Hinweis, bevor das Ketttensägenmassaker losgeht: Diesmal haben wir, der Verlag und ich, die Justiz bemüht, sprich, die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits. Nicht, um Rache zu nehmen. Doch um zu wissen, welche Art von Welthasser und Geisteskranker hinter dieser Mail steckt. Dass solche Maulhelden im Verborgenen agieren, versteht sich von selbst. Anonymität ist meist das Markenzeichen verdruckster Hosenkacker. Würstchen eben, so notorische Empörer, die an allen Ecken und Enden in ihrem Leben zu kurz gekommen sind und sich nicht anders helfen können, als Sprache-kotzend um sich zu schlagen. In der Gewissheit, für ihr Maulheldentum nicht einstehen zu müssen.

Genug der Einleitung, jetzt soll Mann XY das Wort haben. Ich habe leicht gekürzt und die (43) Rechtschreibfehler ausgebessert, doch die bisweilen eckigen, eher unverständlichen Zellen und Satzzeichen habe ich belassen.

 Mann XV:

„Ruchloseste Mail der Woche, die kommt diesmal von mir! Und das von einem, der dich eigentlich immer sehr inspirierend fand. Ich dachte immer, wenn es jemanden gibt, der den Literaturnobelpreis verdient, dann ja wohl du. Es gibt wohl kaum einen, der so schreiben kann wie du, da sind wir uns wohl alle einig. Mit Sprache umgehen kannst du, keine Frage. Und du nimmst den Leser jedes Mal mit auf eine spannende Reise. Ich habe viele deiner Bücher gelesen und bin nach wie vor schwer beeindruckt vom „Scheißbuch“ (AA: Er meint „Das Scheißleben meines Vaters …“) und vom „Verdammten Land“. Sogar auf einer Lesung von dir war ich mal und du hast mir noch ein Buch signiert. Das war, bevor ich deine Bumsgeschichten gelesen habe. (AA: Er meint „Frauen.Geschichten.“)

Denn genau dieses Buch hat mir mal wieder gezeigt, in was für einer verkehrten und völlig irrsinnigen Welt wir hier leben. Was mir auch jetzt in Zeiten von Covid 9/11 wieder sehr bewusst wird =). Nur deine Geschichten und deine Schreibkunst machen dich attraktiv für Frauen. Du bist ein hässlicher Banause, das sagst du ja sogar ganz oft selber. (AA: Nicht, dass ich mich erinnere.) „Du bist eklig“ hat sogar eine Frau mal zu dir gesagt, wie du in einem deiner Bücher schreibst. Und trotz alledem bist du anscheinend der totale Playboy.

Das heißt, Frauen finden dich trotz deiner seltsamen Aussprache und deiner komischen Mütze anziehend und fühlen sich zu dir hingezogen. Unergründliches Menschenherz …

Weil du ein Talent hast, das dich attraktiv macht. Ein ewiger Peter Pan, der nur spielen will und keine Spielverderberinnen mag – die sind doof und nerven und werden entsorgt. Ein einsamer Mann, trotz der unzähligen Frauen, die sein Bett geteilt haben.

Nach der Lektüre wusste ich wieder, warum ich mich früher immer so gegen das Lesen von Büchern gesträubt habe und ich fasse seitdem keine Bücher mehr an. Sowohl von dir nicht als von sonst wem. Ich habe genug von Büchern. Nach 30 Seiten hat man genug, bloß kommen dann noch mal 300, oder waren es Frauen? Wie ein Rosenkranz – eine Perle nach der anderen, ein Geschichtchen nach dem nächsten, alle ähnlich. Und dann von vorn. Die Frauenkörper sind alle wunderschön, der Geist idealerweise auch, Alter, Ort und Dauer variieren. Schreib doch einfach beim nächsten Mal „Ich hab 500 Frauen gefickt und es war toll. Ein Mann war auch dabei. Und eine Transe.“ Oder mach doch mal eine Schreibpause.

Und dennoch wünschte ich, ich hätte nur annähernd so ein „erfülltes“ „Liebesleben“. Ich sehe viel besser aus, als du es jemals tatest, aber ich habe nicht dein Talent. Also bekommt so ein ekelhafter Typ wie du jede ab, die er will und ich darf dann deine Geschichten lesen. Durch die du dann auch noch Geld verdienst. 

Aber Hauptsache, du bist nach jedem Fick klüger geworden :) Du bist genauso ein Spasti wie alle anderen. Vielleicht brauchen wir wirklich einen Joker, um diese Welt hier zu verändern. Vielleicht scheiß ich beim nächsten Mal auf ein Autogramm und hau dir einfach mal gut eins auf die Fresse. Und wenn du am Boden liegst, pisse ich auf dich. Wie wärs? :) 

Es ist, wie du mal geschrieben hast. Die einen gehen als schöne Menschen durch die Welt, die anderen nicht. Die einen versprühen Charme und Ausstrahlung, die anderen oft keinen. Die einen entkommen den heftigsten Schicksalsschlägen, die anderen geraten von einem in den Nächsten. Ist das noch gerecht?

Ist das noch gerecht, dass so ein hässlicher Halunke wie du offenbar so ein womanizer ist? Ich begreife diese Welt hier oft nicht mehr … Erklärs mir? Die Welt hier ist komisch. Verdammt komisch. Vielleicht ist diese Welt hier der größte Haufen Scheiße, den ich je gesehen hab. „Leben, leben, leben“, ja das wär mal was, du nervst viele Menschen, kapier das doch einfach mal. Gönn dir mal eine Pause. Eine Minderjährige hast du auch gefickt, klar ich meine, „who cares“ oder? Macht ja sowieso hier jeder, was er will, stimmts? Dann mit der Abtreibung, wie war das nochmal? Geld dafür bezahlt, dass sie abtreibt? Als Dankeschön für ihre artige Kooperation? Du Spasti!

Schade, dass dein Vater dich nicht tot geprügelt hat damals, du würdest weniger Menschen auf die Nerven gehen mit deinem „leben, leben, leben“.

Und dann bist du offenbar auch noch jemand, der es tatsächlich ohne Probleme schafft, psychoaktive Substanzen wie Heroin oder Crack zu händeln, also einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen beiden Substanzen auf die Reihe zu bekommen. Ich meine, wer schafft das denn schon? Heroin und Crack?! Und das mit deiner Vergangenheit! Bist ein ganz komischer Kauz und wie schon erwähnt, bist du keinesfalls in irgendeiner Form attraktiv, dich macht nur dein Talent attraktiv. Und das zieht die Frauen dann förmlich an. Natürlich. Natürlich tut es das. Ad infinitum absurdum.“ 

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Ihr Lieben,

sorry, ich habe FB ein wenig vernachlässigt. Einfach keinen Bock, ich kann mich nicht immer aufraffen, rastlos vor mir zu berichten. Ist das Bescheidenheit? Eher nicht, eher Faulheit. Oder die Einsicht, dass mich etwas anderes mehr begeistert.

Ach ja, Kim Kardashian hat uns gerade wissen lassen, dass sie und ihr silikonzementiertes Hinterteil sich von Ehemann Kanye West scheiden lassen. Die Nachricht wurde inzwischen millionenfach angeklickt. (Ich habe sie am Radio gehört.) Diesen Idiotismus muss die Welt wissen, wobei ich mich frage, wen von den beiden man heftiger – der gemeinsam verbrachten Jahre wegen – bemitleiden muss, sie oder ihn? Man will schreien, wenn man bedenkt, mit welchem Ranz die Menschheit in Atem gehalten wird.

Sorry, hier mein Beitraglein (wie stets von dem so freundlichen und gescheiten Kristian Thees / SWR 3 aufgezeichnet). Wie immer widme ich sie, die kleine Geschichte, der unglaublichen Minderheit: Ich bin am Flughafen in Paris, will nach Mexiko fliegen. Am Check-in treffe ich einen ausgesprochen höflichen Mann, sein Benehmen erinnerte mich an einen mexikanischen Fechter, in dessen Garderobe als Leitmotiv stand: „Calma / Alegría / Fuerza“, Ruhe, Freude, Stärke. Ich beneide jeden, der das hat.

Als ich nach langem Nachtflug ankam und irgendwann in einem Hotel landete, fand ich im Bad einen Satz, den der fantasievolle Hotelbesitzer dort hatte anbringen lassen. „Je mehr Wasser wir verbrauchen, desto weniger Paradies haben wir.“ Irgendwann hörte ich meinen Nachbarn duschen, endlos. Ihm war das Paradies wohl egal.

 So haben wir die einen, die bewusst leben, und die anderen, die Bewusstlosen, den großen Haufen, die hartnäckig Unbelehrbaren. Ich danke euch, herzlich, Andreas.

„Meditation, dann Mexiko“

 ps: Das Bild ist von Frida Kahlo, der mexikanischen Königin.

 https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

heute wieder ein Podcast. Wann immer Kristian Thees vom SWR 3 mich ausfragt, halte ich still und antworte brav. Diesmal eine Episode aus dem hübschen Lagny, etwa dreißig Kilometer östlich von Paris. Die kleine Szene ist der schmucke Beweis dafür, dass das Auftreten einer hübschen Frau die umstehende Männerwelt mehr verwirrt und inniger fasziniert als das zur gleichen Zeit stattfindende Geschwafel über den Himmelsöbersten ganz oben im Himmelszelt. Ich liebe solche Situationen, denn in Echtzeit, cool und wie nebenbei erzählen sie von der Wirklichkeit und verschonen uns mit Hokuspokus und Abrakadabra.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 Podcast: „Hungrig in Langny“

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

was für eine herrliche Welt: Zehn Tage lang tauchte nirgends Trumps Visage auf, was für ein ästhetischer Gewinn. Jetzt dürfen wir ihn abhaken, er soll hier nicht mehr auftreten.

Nun kommt der Hinweis auf zwei, ja, diesmal zwei neue Podcasts auf SWR 3. Kamerad Kristian Thees, der Welt begabtester Redakteur, hat versprochen, mich nie mehr loszulassen, haha. Ich habe Ja zu ihm gesagt, und jetzt werde ich den Quälgeist nicht mehr los. Aber er ist der Beste, mit einem so gescheiten Menschen zusammenzuarbeiten ist die helle Freude.

 Zuerst „Sanne Becker und die Sache mit dem Dingdong“. Sanne war eine Sensation, eine Frau, angeblich, die mich anschrieb und meinte, sie würde mich gern in Paris besuchen. Ihre Bereitschaft hinge aber davon ab, dass ich ihr ein Foto meines Kostbarsten schicke, ein dick pic sozusagen. Von seiner Prächtigkeit hinge es ab, ob sie käme oder nicht. Die Story ist hinreißend, denn Sanne war nicht Sanne, sondern Pünktchen Pünktchen Pünktchen …

Die zweite Geschichte heißt „Der Autor und die Nachtfahrt“. Sie wird alle jene erfreuen, die gern auf meine Bücher spucken. Ach, die rastlosen Giftzwerge. Doch auch sie endet triumphal. Ein Autor ohne seine LeserInnen? Er wäre verloren. Ich war kurz ausgeknockt, aber kam wieder auf die Beine. Resilienz, die brauchst du in dem Business, wenn nicht, bleibst du irgendwann k.o. liegen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

der Welt geht es besser, Trump has gone!

Er hatte all das, was ich bei einem Mann für bizarr oder ungustiös oder protzerisch oder lächerlich oder kaltherzig oder unelegant oder hässlich oder größenwahnsinnig oder beängstigend oder für unauslotbar bescheuert halte.

Die dämlichste Frisur unter der Sonne.

Die uringelb gefärbten Haare.

Der absurd dick aufgetragene Selbstbräuner mit den käsig gebliebenen Augenlidern und Augenrändern.

Seine Tochter Ivanka, die – wie sollte es anders sein – als Wiedergeburt von Barbie von sich reden macht.

Sein vulgärer Umgang mit der wunderschönen englischen Sprache.

Diese atemberaubende Heuchelei: Sein Auftritt mit der Bibel vor dem Weißen Haus, der natürlich grandios zur atemberaubenden Heuchelei der zuständigen Freikirchen passte, die Trump für sich reklamierten.

Seine Verachtung für die „kleinen Leute“, die leider kleinhirnig genug waren, diese Verachtung nicht zu durchschauen – und ihn wählten.

Seine im Machtrausch abgefeuerten Reden, die im Aufruf an den Mob gipfelten, vor dem Capitol aufzumarschieren. Wie wir gesehen haben, muss man dem Mob solche Einladungen nicht zweimal sagen.

Seine an Irrsinn grenzende Idee, um die – zuerst geleugnete – Coronapandemie zu bekämpfen: ein Desinfektionsmittel spritzen!

Rührend der Hinweis von einigen, dass Mister Trump keinen Krieg angezettelt habe. Brauchte er nicht, hat er doch Krieg gegen sein eigenes Volk geführt. Vorsichtige Schätzungen gehen von mindestens 50 000 Toten aus, die sein viel zu spätes und dann absurd falsches Reagieren auf die Coronakrise zu verantworten hat.

Mit mehr als 30 000 Falschaussagen – seine geliebten Fake News – und irreführenden Behauptungen hat es der ehemalige Immobilienhai und nun ehemalige Präsident zum Herrn der Lügen geschafft. Schon Nixon galt als Lügenbold von Gottes Gnaden, aber Donald hat ihn um Lichtjahre überrundet.

Die Missachtung von Frauen. Der nachweisbare Höhepunkt seines Prolo-Status war der aufgezeichnete Mitschnitt von Original Donald: „You can do anything (with women). Whatever you want, grab them by the pussy!“ – Du kannst alles mit ihnen tun. Was immer du willst, pack sie an der Pussy!

Seine beiden älteren Söhne, Donald Jr. und Eric, darf man – gemessen an ihren Aussagen nach der Niederlage ihres Vaters – zu den handverlesen zwei Dümmsten der 328 Millionen Einwohner Amerikas zählen.

Die unfassbare Geschmacklosigkeit in Sachen Stil, hier der Link, der Aufschluss gibt, wie Trump sein Penthouse im Trump Tower in New York möblierte. Wer länger hinsieht, läuft Gefahr zu erblinden.

https://immobilier.lefigaro.fr/article/visitez-le-luxueux-penthouse-de-donald-trump-a-manhattan_11ce34e8-df91-11e5-a4da-fc5ca188cd22/

Seine Wut auf alles, was nicht weiß und nicht amerikanisch ist. Wobei nicht-amerikanische Weiße noch glimpflich davonkommen. Der Rest der Menschheit jedoch – Schwarze, Hispanics und Araber etc. etc. – hatten in seiner Welt nichts zu lachen.

Seine Plauze, die er geschickt unter vorteilhaft geschneiderten Anzügen und Mänteln versteckt.

Die Schamlosigkeit, mit der sich nicht entblödete, in einem TV-Auftritt mit der Größe seines Penis zu prahlen.

Seine, in den Himmel schreiende, Unbildung, sein komplettes Desinteresse für Kultur, für Literatur, für Malerei, für Theater, sein unbedingter Wille, kein Buch zu lesen.

Zuletzt, am letzten Tag, eine letzte Untat: ein knappes Hundert zu Gefängnisstrafen verurteilter oder angeklagter Krimineller zu begnadigen. Darunter auch Stephen Bannon, seinen ehemaligen Berater, den fetten Nazi und Geldwäschegangster, der bei den letzten Präsidentschaftswahlen in Frankreich (!) Seite an Seite mit Migrantenhasserin Marine Le Pen Werbung machte für ihre rechtsaußen Partei „Rassemblement National“. Nicht, dass Trump Julian Assange begnadigt hätte, dem Jahrzehnte Zuchthaus drohen, sollte ihn England an die Staaten ausliefern. Wobei man sich natürlich fragt, warum ein Mensch, der die Kriegsverbrechen der amerikanischen Armee veröffentlichte, begnadigt werden soll.

Genug! Gewiss, es gäbe noch tausend Zeilen zu schreiben über einen, den wir nicht vergessen sollten. Um zu begreifen, wie Macht missbraucht werden kann von einem, der ihr weder geistig noch moralisch gewachsen war.

Uff, wir haben ihn hinter uns. Er war Preis, den wir für Barack Obama bezahlen mussten. Obama leuchtete, Trump verfinsterte unsere Gemüter.

Er soll zur Hölle fahren, dort darf er – gewiss mit einem miserablen Handicap – 24 Stunden pro Tag Golf spielen. Und wieder Baulöwe sein. Und abends, as usual, auf drei laufende Fernseher gleichzeitig glotzen.

Hurra, ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Nicht die Ku-Klux-Klan-Haube auf dem Cartoon übersehen, sie steht dem white-supremacy-Närrischen bestens.

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Ihr Lieben,

hier eine kleine Geschichte, die ich für den Playboy (!) geschrieben habe. Dabei hat sie nichts mit Bunnys und Centerfolds zu tun. Dennoch mit einer Frau. Ich vermute, dass sie, die Thailänderin, noch nie von dem Männermagazin gehört hat. Ihre Welt ist eben eine andere. Der Textchef fragte mich nach DER „Reise meines Lebens“. Ach, die Redakteure, sie wollen immer Superlative. Nun, sie haben sie dennoch gedruckt, obwohl in keiner Zeile eine einzige Ekstase vorkommt, haha.

 Ich danke euch, herzlich, Andreas.

DIE Reise meines Lebens habe ich nicht, denn es gab so manche, die mich wundersam ergriffen haben. Im Kopf, tief im Bauch. Die einen waren fetzig und mitreißend. Mit Schreien der Angst oder der Freude. Und andere, die kamen leise daher, ohne den Hauch von Ruch und Gefahr. Und erfüllten dennoch mein Herz. Wie diese hier, ach, nur ein Augenblick davon sei erzählt. Er ist vollkommen unspektakulär und gleichzeitig sensationell.

     Im Norden Thailands liegt das Kloster Tham Mangkorn Thong, hier trat Mae Chii auf, die „schwebende Nonne“. Sobald sich ein paar Leute eingefunden hatten, stieg die Sechzigjährige – ganz in Weiß gekleidet und mit kahlem Schädel – in ein kleines rundes Becken, faltete zur Begrüßung die Hände und – schwebte. Das war ihr Beitrag für den Frieden auf Erden. „Toter Mann“ nannte man in meiner Jugend diese Technik, um fast bewegungslos über Wasser zu bleiben. Mae beherrschte sie auf wunderlich mühelose Weise, nicht einmal die schmalen Füße regten sich. Wie eine Statue schaukelte sie im Wasser. Ihr Gesicht war vollkommen gelöst, ihr Mund formte ein fast unmerkliches Lächeln: Sie meditierte.

      Mae nahm bald verschiedene Positionen ein, eine nach der anderen. Arme hinter dem Kopf, Seitenstil, Rückenlage, „sitzend“ (!) mit den Händen im Schoß. Das weiße Nönnlein im blauen Pool bewegte sich mit überirdischer Eleganz, sie schien frei von aller Pose und Eitelkeit zu sein. Und kein Funken Mühe war zu sehen, sie glitt, sonst nichts.

    Nach zehn Minuten kletterte sie heraus und spazierte tropfnass durch den Klostergarten. Die Thais neigten gerührt ihr Haupt und hinterlegten eine Spende. Keiner sprach sie an, jeder wusste, dass Mae ein Schweigegelübde abgelegt hat. Bis zur letzten Stunde.

      War ihr Überwurf wieder trocken, kehrte sie aus ihrer Zelle zurück und schwebte von Neuem. Von früh bis spät. Der Frieden hienieden ist ein Ganztagsjob.

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Ihr Lieben,

hier ein paar Links zu den Gesprächen mit Erik Lorenz. Absolut nur interessant für Leute, die sich für die Welt interessieren. Wie ich gelesen habe, soll es davon immer weniger geben. Geht mal auf die Straße und fragt Frauen und Männer, wo Ghana liegt. Was ich gemacht habe. Einer meinte, ob das eine neue Pizzasorte sei. Haha, immerhin witzig. Die Fragen stellte Erik Lorenz, der auch „WELTWACH“ initiiert hat. Er darf das, denn der junge Kerl gehört zu den Weltwachsten unter uns. Zudem ist er ein IT-Freak, uff, erschütternd, wie begabt manche sind. Ich danke euch, herzlich, Andreas.

Verdammtes Land, Teil 1:
https://weltwach.de/ww149-andreas-altmann/

Verdammtes Land, Teil 2:
https://weltwach.de/ww150-andreas-altmann/

Land der Freien, Teil 1:
https://weltwach.de/ww137-andreas-altmann/

Land der Freien, Teil 2:
https://weltwach.de/ww138-andreas-altmann/

Leben in allen Himmelsrichtungen, Teil 1:
https://weltwach.de/ww100-andreas-altmann/

Leben in allen Himmelsrichtungen, Teil 2:
https://weltwach.de/ww107-andreas-altmann/

In Mexiko:
https://weltwach.de/ww073-andreas-altmann-mexiko/

allererste Weltwach-Folge, diverses:
https://weltwach.de/podcast-andreas-altmann/


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Ihr Lieben,

so manche fragen nach von wegen „schönste Mail“ und „ruchloseste Mail“. Keine Sorge, sie kommen wieder. Unter den Ruchlosesten fand sich sogar eine Bombe, unheimlich, zu was sich Leute hinreißen lassen.

 Jetzt wieder ein Podcast auf SWR 3, Hand in Hand, haha, mit Kristian Thees, dem wonderboy vom SWR 3, geht es in ein so besonderes Museum in Ramallah, der vorläufigen Hauptstadt Palästinas. Dort erfahren wir etwas über die Wuntertaten der Sprache und den Hundsgemeinheiten, mit deren Hilfe den Palästinensern ihr Land gestohlen wird.

Dennoch, wir bleiben heiter, kichern ins neue Jahr und hören nicht auf, jeden Tag ein paar Millimeter weniger ignorant zu werden! Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 „Ein ganzes Museum für einen Dichter“

 https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

heute wieder ein neuer Podcast.  SWR 3- Redakteur Kristian Thees, der Furchtlose, zieht mit mir diesmal durch den Sündenpfuhl Deutschlands, das herrliche St. Pauli. Es gibt tatsächlich Orte in unserem Land, wo mehrheitlich entspannte Frauen und Männer auftreten. Das fällt sofort auf, denn ansonsten sind eher die Uncoolen und Wichtigtuer unterwegs.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

 „Das Dinosaurier-Kondom und St. Pauli in Hochform“

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

ps: Um etwaige Freiwillige zu warmen, die das dort angebotene Dinosaurier-Kondom ausprobieren wollen, um das Preisgeld zu kassieren: Der hier vorgestellte Dingdong wird es nicht machen!

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Andreas Altmann – Facebook, auch lesbar von Leuten, die keinen FB-account haben. 
Warnung: Auf meiner FB-Seite befinden sich grundsätzlich nur Nachrichten, die meine beruflichen Tätigkeiten betreffen. Oder kurze Texte und Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen. Private Hinweise – siehe neu verliebt, neu vergeigt, frisch verwitwet oder Hinweise wie „endlich Abszess an der linken Arschbacke entfernen lassen“, sorry, sie kommen nicht vor.
In loser Folge stehen unter „Aktuell“ auch die „schönste und ruchloseste Mail der Woche“.

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Ihr Lieben,

ein freundlicher Mensch hat mir dieses Bild geschickt, es ist grandios, da witzig, da klug, da weise. Bedenkt man all den Irrsinn, der uns zu Ohren kommt zum Thema Covid 19: Die Götzenanbeter, die alle Sonntage hinauf in den Himmel winseln, auf dass ihr Himmelsfürst endlich eingreife und die Pandemie abschaffe. Die „Querdenker“, die kreuz und quer denken – statt zu denken – und von einer Pandemie nichts wissen wollen und wenn doch, dann – schwer querdenkerisch – ihren grotesken Verschwörungsidiotismen anheimfallen. Die Eiskalten, deren kaltes Herz von Solidarität nichts wissen will und sich weigern, die einfachsten Schutzmaßnahmen gegenüber anderen zu befolgen. Klar, unsere Würstchenhelden, die sich gern in ihrem Heldenwahn suhlen.

Deshalb das Bild mit dem Soldaten und dem Esel. Es verbreitet eine so einsichtige Moral: weg mit den Eseln, deren Intelligenzquotient irgendwo zwischen minus 200 und 300 hin und herschlingert. Denn Köpfchen und Rücksicht sind in schwierigen Zeiten unerlässlich. Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Wir sind heute gnädig und übersehen die Rechtschreibfehler unterhalb des Fotos.

ps1: Ich sehe, manche brauchen ein bisschen Nachhilfe. Es ist doch vollkommen egal, in welchem Krieg, an welchem Ort das Bild entstand. Vielleicht hieß der Soldat Johnny oder Franz-Joseph-Xaver oder Detlef, und vielleicht hörte der Esel auf den Namen Rupsi oder Pupsi und vielleicht ist die ganze Szene inszeniert. All das mindert nicht die Metapher, die „innere Wahrheit“, die uns das Bild zeigen will: Jackasses, sprich Esel, sprich Idioten, sprich geistig Hinterbliebene müssen – ich will es mal milde ausdrücken – zur Seite geschubst werden, um den Weg frei zu machen für Vernunft, für Hirn, für Wissen, für wissenschaftliche Erkenntnisse. Hat es jetzt gefunkt? Hurra!

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Ihr Lieben,  

in Frankreich (und aus Deutschland höre ich Ähnliches) reden sie jetzt von der „troisième vague“, der dritten Welle, die nun – nach der zweiten Coronawelle – kommen wird: Denn 20 Prozent der Bevölkerung drohen den anderen 80 Prozent mit schrecklichen Depressionen von wegen Lockdown. Haha, ja, ein bisschen allein sein müssen, ohne Mutti, ohne jemanden, der die Windeln wechselt, ja, ohne funktionierendem Babyphone, ja, mit der furchtbaren Aussicht, sich selbstverantwortlich bewähren zu müssen. Ist das nicht grauenhaft? Das alles aushalten zu müssen, ohne dass eine Riege Therapeuten sich 24/7 um jedes der Weicheier kümmert, tief besorgt, dass die so höllischen Depressionen endlos dauerhafte Schäden nach sich ziehen könnten?

Kristian Thees, ein echtes Hartei, und ich nehmen euch heute mit in ein Obdachlosenheim in der Nähe von Potsdam. Da werdet ihr Walter treffen, den ganz andere Herausforderungen plagen als die der veni-vidi-pipi-Generation. Ich danke euch, herzlich, Andreas.

ps: Natürlich lästere ich nicht über Leute, die tatsächlich an Depressionen leiden, ich hatte selbst welche, ich weiß, wovon ich rede. Aber ich stänkere gegen alle, die sofort vor jeder Herausforderung einknicken. Die sich grundsätzlich weigern, erwachsen zu werden. Die sich umgehend  mit grandios inszenierter Leidensmiene die Opferkutte überziehen, ja, deren erster Reflex es ist, in den faden Singsang des Greinens und Wimmerns zu verfallen. Und penetrant und nervig nach (billigem) Mitleid Ausschau halten. Wollen die alle auf dem Totenbrett in Tränen ausbrechen bei dem Gedanken, wie hosenvoll sie ihr Leben hinter sich brachten? 

Der Zyklon im Obdachlosenheim

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

hier ein neuer Podcast mit Kristian Thees vom SWR 3. Der Mann hat sich vorgenommen, mich durch Arbeit in den Wahnsinn zu treiben.

Ich mag ihn trotzdem, denn er hat die herrlichsten Eigenschaften: Köpfchen, Humor, Neugier, Leichtigkeit.

Jedesmal, wenn wir zusammenarbeiten, kupfere ich bei ihm ab. Um eines Tages so cool wie er – the coolest cat in town – ums Eck zu biegen.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

PS: Wir befinden uns in Indien, nah der Grenze zu Nepal.

„Der Unberührbare und der Kühlschrank“

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben,

hier das Cover vom neuen Buch, kommt genau Mitte März 21 raus. Es wird auch Lesungen geben, gewiss – Corona bedingt – eingeschränkt.

Jemand muss von der Veröffentlichung schon erfahren haben, hier seine Mail an mich: „Wie ich Sie kenne, Herr Altmann, erwartet die Welt ein neues Machwerk. Wäre ich Chef bei Piper, Sie wären der Erste, den ich feuern würde.“ 

Ihr seid also gewarnt von einem, der mich kennt!

Pech für den Herrn, die herrlich schöne Chefin, Felicitas von Lovenberg, zögert noch mit dem Kündigungsschreiben. Haha.

Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,

Kristian Thees vom SWR 3 ist mit mir ins Zenkloster in Japan gezogen. Zen ist beinhart und zwischendurch unfassbar lustig. Zen ist unschlagbar, weil man keine Götzen anwinsel, sich in kein Eck werfen und in den Himmel jammern muss, sondern es nur eine/n gibt, der dich retten kann: DU!

 „Schallendes Gelächter im Zenkloster“

https://www.swr3.de/podcasts/die-welt-von-a-bis-a-100.html

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Ihr Lieben, seit bekannt wurde, dass im Frühjahr 21 ein neues Buch von mir mit dem Titel „Gebrauchsanweisung für Heimat“ herauskommt, höre ich so manche Bizarrerie über seinen Inhalt. Den keiner kennt, aber so manche fühlen sich berufen, es zu wissen. Nun, lasst mich kurz klarstellen. Ich wäre nicht der Altmann, wenn ich jetzt ein „Heil Deutschland“-Buch herausbrächte. Mit einem Unterkapitel, in dem ich – inzwischen altersblöd – ein Liebeslied über das Kotzloch anstimme, in dem ich das Licht der Welt erblickt habe. Mitnichten. Heimat ist für mich ein grandioses Wort, das so gar nichts mit dem so einschlägigen Heimatdusel wadeldicker Lederhosenträger zu tun hat. Heimat ist auch, eine Auswahl: Hanoi und Galway und New Delhi und Brazzaville und New York und die Sahara und Paris etc. Und Heimat ist auch, eine Auswahl: die Nähe zu Freunden, zur Liebe, zu Zen, zu Frauen, zur Musik und zur Sprache und zum Schreiben und. Tieren und Eros etc.  Ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Ihr Lieben,
heute, 27.4.2020, wieder die schönste und ruchloseste Mail.

Zuerst ein Wort der Erklärung, weil mir besorgte LeserInnen immer wieder rührige Mitleidsmails schicken, tief besorgt fragen, wie ich das Gebelle der Ruchlosen aushalte.

Nun denn, hier eine kleine Gebrauchsanweisung für all jene, die berühmt werden wollen und es eines Tages ein bisschen sind.

Ich durchlief drei Stufen im Umgang mit den rabiaten Giftzwergen, die sich gern außer Rand und Band zu meinen Büchern äußern.

Von Kollegen weiß ich – ich bin nicht der einzige, der bisweilen niedergebrüllt wird –, dass es sich entweder um hochmoralisch Bigotte handelt, in den meisten Fällen jedoch um notorische Neidhammel, die tiefst in ihrem Busen überzeugt sind, dass sie haushoch eleganter und intelligenter schreiben können als AA, das „schwimmbeckengroße Arschloch“.

Ja, man muss lernen, darauf zu reagieren. Wer das nicht tut, wird leiden. Der Reihe nach.

Erste Stufe, erste Phase:
Ich bellte zurück, zornbebend über die maßlose Frechheit solcher Beleidigungen. Uff, was für ein Tor ich war, Himmel, das ist genau die Reaktion, die der Kläffer (die Kläfferin) beabsichtigt: mich aufs Schlachtfeld locken, um dort weiter auf mich eindreschen zu können. Mein Fehler, ganz uncool, ganz unsouverän.

Zweite Stufe, zweite Phase:
Ich schrieb noch immer zurück, aber jetzt ohne Schaum vor dem Mund, eher ironisch, Witzli machend. Schon cooler, aber noch immer nicht cool.

Dritte Stufe, dritte Phase:
Nicht antworten, nie. Das hat nur Vorteile: Der andere kann sich nicht sicher sein, ob seine / ihre Mail je angekommen ist. Und wenn sie angekommen ist, dann besitzt man – endlich – genug Nerven, sich nicht provozieren zu lassen. Heute, nach so vielen Nachrichten von unhappy Stinktieren, amüsiere ich mich ja, suche mir die allergiftigsten Zeilen heraus und veröffentliche sie.

Remember: Don’t react, don’t comment, just shut up. Was ungemein zum Seelen- und Weltfrieden beiträgt. Hurra, jetzt die beiden Mails vom 12.1.2020, ich danke euch, herzlich, Andreas.

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Schönste Mail der Woche / 29.4.2020
Cher monsieur, seit Jahren lese ich Ihre Bücher und bin auf jedes neue gespannt. Jedes Buch ist ein Genuss, nein, stimmt nicht, jedes Ihrer Bücher ist anstrengend und überraschend und rüttelt so manches Mal an den Grundfesten unserer vermeintlichen Toleranz. Für mich das Forderndste: „Frauen.Geschichten.“ Und darin der Satz der Cherokee. Weil er so grausam weit entfernt von dem war, was mir widerfuhr (ich sage es gleich – das ist vorbei). Kurzfassung: Seit 2006 lebe ich in Frankreich. Da hoffnungslos und unrettbar verliebt in dieses Land.  Und nie nie nie, auch nicht unter den Schlägen eines Mannes, nicht in Zeiten einer (kurzen) Obdachlosigkeit, nicht in Zeiten der Einsamkeit (da ich von meiner Freiheit trotz intensiver Liebesschwüre nicht – nicht mehr! – lasse) kam der Gedanke, dieses Land zu verlassen. Dafür kommt JEDEN Tag beim Aufwachen die Dankbarkeit über mich, hier leben zu dürfen. Und dann gehe ich mir einen Kaffee aufbrühen, trinke ihn am Fenster und weiß wieder, dass es niemand und nichts mit diesem Glück des Davongekommenseins aufnehmen kann. Und deshalb – schreiben Sie weiter.  Herzlichst, XY.

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Ruchloseste Mail der Woche / 29.4.2020
Vorbemerkung: Das ist durchaus witzig zu lesen! Nachdem ich als vampiristischer Narzisst, armes Würstchen, Soziopath mit einer abgründigen Persönlichkeit abserviert wurde, stellt sich die Dame selbst vor. Lest, amüsiert euch, man darf ruhig kichern. Nun zur Abrechnung.

„Was ich von Ihren „Frauen. Geschichten.“ halte: die traurige Nabelschau eines vampiristischen Narzissten, der sich als klassischer Soziopath auf alle und alles, aber nie auf das gefährlichste Abenteuer des Lebens eingelassen hat – hingebungsvolle Liebe. Weil Sie es schlichtweg nicht können, nie konnte, nie können wird. Ein ruheloser Beobachter, der alles auf-, aus- und leersaugt. Wen auch immer, wo auch immer. Und Weitergehen. Das ist Ihr Ding. So viel mitnehmen wie nur geht. Ein armes Würstchen. Seit Kindheit an. Und geblieben. Dumm gelaufen. Nur Ihre Geschichten und Schreibkunst machen Sie attraktiv. Nicht Sie. Na klar, der Super-Sex-Macho.  Ihre anderen Bücher sind besser. Nicht ganz so demaskierend für Ihre abgründige Persönlichkeit.

Wer ich bin? Selbst lang genug kindheitsgeschunden, mit einem Narzissten zusammen und beim Psychologen in Therapie. Aber glücklichst davongekommenen, dazu schön und schlau, hoch erfolgreich und geliebt.