Das Scheißleben meines Vaters…

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheissleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

…DAS SCHEISSLEBEN MEINER MUTTER UND MEINE EIGENE SCHEISSJUGEND

1. Leseprobe:

Ich kam mit einem Verzweiflungsschrei zur Welt. Er stammte von meiner Mutter. Sie sah mein Geschlecht und stieß diesen hysterischen Schluchzer aus. Als Zeichen grausamer Enttäuschung. Für sie war alles Männliche – und was wäre männlicher als ein Schwanz – Symbol von Niedertracht und Unterdrückung, ja, lebenslänglicher Ernüchterung. Nie war Sex imstande gewesen, sie zu begeistern, sie wegzutragen in einen Zustand seliger Benommenheit. Auch nicht neun Monate zuvor, als ihren Ehemann, meinen Vater, wieder einmal ein Bedürfnis überkam. Und er zufällig seine Frau neben sich fand. Sie ließ es zu, in der wilden Hoffnung, eine Tochter zu gebären: endlich nach drei Söhnen ein Wesen (der Erstgeborene starb kurz nach der Geburt), das keine Insignien der Gewalt mit sich herumtrug. Jetzt kam ich, der insgesamt fünfte Schwanz in der Familie, jetzt war das Maß voll. Jetzt – und ich sollte erst viel später davon erfahren – verlor sie die Nerven. Kaum war sie allein mit mir im Wochenbett, drückte sie das Kopfkissen auf mich. Lieber töten, als noch einen auszuhalten, der zum Unglück der Welt beitrug. Gerettet hat mich die Hebamme, die rechtzeitig wieder das Krankenzimmer betrat. So kam ich davon. Wenn auch mit der Ahnung im blauen Kopf, nicht willkommen zu sein. ( … )

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2. Leseprobe:

Ich bin bereit, alles Schlechte über meinen Vater zu bezeugen. Ich werde auf den nächsten hundert Seiten, sollte das reichen, seine Schandtaten ausbreiten und vor keiner Missetat haltmachen. Dabei nicht den Satz von Georges Simenon vergessen: “Ich bin als Schriftsteller nicht hier, um zu urteilen, sondern zu verstehen.“ Das ist ein leidlich intelligenter Spruch. Schon wahr: Hinter den Schandtaten liegen die Gründe der Schande. The story behind the story. Ich gehe davon aus, dass ich – wie alle Schreiber vor mir – nicht ausreichend erklären kann, warum ein anderer, hier Franz Xaver Altmann, so oder so geworden ist. Ein Teil Rätsel und Unbegreiflichkeit bleibt immer. Man kann nur Wahrscheinlichkeiten anbieten, Grundzüge, die entscheidende Richtung. Klar, urteilen werde ich auch, selbstverständlich. Ich wurde immerhin Vaters bevorzugtester Prügelknabe, ich habe ein Recht auf meinen Hass. ( … )

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3. Leseprobe:

Unbegreiflich, wenn man bedenkt, was für Aussichten Vater gehabt hatte. Immer wenn ich Fotos aus seinem jungen Erwachsenenleben betrachtete, wünschte ich, so daherzukommen wie er, so lässig den eigenen Körper bewegen zu können. Dazu ein Filmschauspieler-Gesicht, die Haare nach hinten gewellt, so ein nachlässiges Lächeln. Ein Beau, ein Mann, ein notorischer Gutausseher.

Das waren die einen Göttergaben. Die anderen betrafen sein Leben. Die Familie hatte Geld und der 30-Jährige besaß ein Pferd, ein Haus, ein Motorrad, ein Segelflugzeug und – heute nicht mehr denkbar – einen Sportwagen nach eigenen Entwürfen. Einen Prototypen, ein Einzelstück für ihn allein. Ich vermute, er gefiel den Frauen, ich vermute, er dachte, sie und die Welt gehörten ihm. Der Nazi Hitler störte nicht. Man war ja patriotisch, durchaus deutsch-national. Und zuletzt: Vater war intelligent, hatte in seiner Jugend Zeugnisse hingelegt, die für eine fulminante Akademiker-Karriere gereicht hätten.

Nun, der Konjunktiv verweist auf den Haken. Sie hätten gereicht: wenn. Wenn er einen anderen Vater gehabt, einen, der ihn nicht zu seinem Unglück gezwungen hätte. Oder wenn er die Kraft gehabt hätte, sich diesem Vater und dem von ihm verabreichten Unglück zu entziehen. Aber er hatte sie nicht. Vielleicht war er korrupt. Korrumpiert vom guten Leben. Vielleicht ein Schwächling, für den Geldausgeben (für sich) aufregender war, als sich hinzustellen und “Nein“ zu sagen. Nein zu einem Beruf, der ihn für den Rest seiner Zeit, nur unterbrochen von den sechs Jahren Soldatenleben, kränkte. (Und jeden kränkte, der damit in Berührung kam.) Eine Tätigkeit, die alles Erfreuliche an ihm verwittern ließ: seinen Charme, sein Hirn, seine musische Begabung. Er war der erste Mensch, bei dem ich verstand, dass Attraktiv- und Klugsein nicht reichen, um nicht abzustürzen in ein gnadenlos banales Schicksal. Irgendeine Kraft muss dazukommen, so etwas rücksichtslos Stolzes, was keine Kompromisse duldet und sich mit einer kühlen Handbewegung über die Träume der Väter hinwegsetzt.

Nicht Franz Xaver, er ließ sich nach ein paar Jahren Gymnasium, mit Einsernoten, von der Schule kommandieren. Nicht, um durch Europa zu reisen. Oder in Cambridge ans College zu gehen und hinterher englische Literatur zu studieren. Oder den Amazonas hinunterzurudern und das Lied von der Schönheit der Erde zu singen. Nein, er kuschte, setzte sich ins Nest und wurde das Kläglichste, was einer mit seinen Gaben werden konnte, er wurde, wie sein Vater, wie sein Großvater, er wurde – ROSENKRANZHÄNDLER. Und um die Schmerzgrenze der Erbärmlichkeit noch einmal anzuziehen, verbrachte er seine knapp achtzig Jahre in einem Kaff, das man als Geburtsort nicht öffentlich aussprechen, nur als Geburtsfehler verheimlichen will: ALTÖTTING. ( … )

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4. Leseprobe:

Zweimal die Woche kam der Religionslehrer, Josef Asenkerschbaumer. Nach Tagen verpasste ihm die Klasse das stimmige Pseudonym “Roter Teufel“. Denn ein helles Fleischrot gleißte über sein Gesicht, wenn er ausholte und der “Watschenbaum“ fiel. Der Rohling trat als Zorn Gottes auf. Gleich zu Beginn (dienstags), wenn er fragte, ob jeder die Sonntagsmesse besucht hätte. Und mindestens einer dumm genug war, ein “Nein“ zu beichten. Immerhin musste sich keiner vor der Züchtigung ausziehen. Die Watschen zischten auch (und an schlechten Tagen schlug er mit Fäusten und Tritten nach uns), wenn sich die Hand eines Drittklässlers (!) zu nahe am Hosenschlitz befand. Das war, so erfuhren wir fassungslos, “eine schwere Sünde“. Der Kaplan hatte wohl laut katholischem Lehrplan die Aufgabe, uns den Abscheu vor dem eigenen Körper einzubläuen. Allem voran den Ekel vor den Geschlechtsteilen. Von der “Unkeuschheit“ schien er besessen. Unserer, wenn ich richtig verstanden habe. Das klang in meinen Kinderohren umso abstruser, als ich ein Spätentwickler war, ja, das Wort Unkeuschheit nicht verstehen konnte, da ich dazu – zum Unkeuschsein – physisch nicht in der Lage war. Mein Penis schien zum Pipimachen da. Noch nie war ich lüstern gewesen, noch nie hatte ich mit Begehrlichkeit auf eine Frau geblickt. Zudem war über das Thema zu Hause nie gesprochen worden. Weder Vater noch Mutter hatten mich aufgeklärt. Der “Gottesmann“ klärte uns vorbeugend auf. Nicht über die Wunder des Eros, sondern über die Abgründe, in die “unkeusche Lust“ die Menschen zu stürzen vermag.

Unauslöschlich bleibt mir der Mann im Gedächtnis, weil er eines Tages etwas tat, was am radikalsten meine Angst vor Frauen und meinen Schrecken vor ihrem Geschlecht genährt hat. Ich behaupte, dass ich den Katholizismus von der Pike auf gelernt habe. Und mich instinktiv vor vielem schützte. Nur da nicht, denn auf verheerend erfolgreiche Weise ging die religiöse Saat der Leibfeindlichkeit, nein, des Leibhasses, des Lusthasses, in mir auf. Wie flüssiges Gift breitete sich die Tat des Asthmatikers in meinem Kopf aus. Und blieb dort, wie Ameisensäure. So lang, so endlos lang unaufhebbar.

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5. Leseprobe:

Nicht anders war Mutters Verhalten als Ehefrau zu erklären. Zu gefangen schien sie in ihrer einmal zugewiesenen Rolle, als dass sie – abgesehen von scheuen Heimlichkeiten – den Fehdehandschuh ihres Mannes aufgenommen hätte: um mit ihm auf gleicher Augenhöhe Krieg zu führen. Oder ihn souverän, via Trennung, via Scheidung, via Strafanzeige, beendet hätte. Sie war eben Frau, sprich, körperlich schwächer. Eben Katholikin, immer deklassiert zur Dienerin ihres Herrn. Eben Feigling, der lieber schluckte als ausholte. Eben Hausfrau, die nichts gelernt hatte, als von den Handreichungen ihres Mannes abhängig zu sein. Eben Gottgläubige, die schon in ihrer Kindheit von dem Hirngespinst erledigt worden war, dass einer “oben“ saß und die Strafen verteilte, die sie “verdiente“. Mit einem solchen Programm im Kopf gewann man keinen Krieg, nimmer ein Leben.

Die Beschreibung der folgenden Szene, die sich hunderte Male ähnlich unerbittlich wiederholte, wird zeigen, was ein Mensch – meine Mutter – an Kälte aushalten konnte, aushalten musste. Weil die Untröstlichkeit längst zur Gewohnheit geworden war, weil sie nicht willens, nicht fähig war, den Leuteschinder zu stoppen.

Mittagessen, immer kasernenhof-pünktlich zur selben Zeit. Im Esszimmer mit dem großen Kruzifix in der Ecke. Um zuerst – hintereinander stehend, Schwester, ich, Mutter, Vater – das Vaterunser zu sprechen: “… Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen …“, und dann Platz zu nehmen und Silentium einzuhalten, absolutes Redeverbot. Ein mit dem lateinischen Wort beschriftetes Blatt Papier in der Mitte des Tisches erinnerte uns an die Anordnung.

Mutter verteilte die Suppe und es ging los. In neun von zehn Fällen lief nun das immer gleiche Szenario ab. Vater begann zu essen und verzog nach spätestens drei Löffeln das Gesicht. Und wurde wieder alttestamentarischer Menschenhasser. Brütend, wortlos. Um die Pein seiner Frau zu intensivieren, die ihm gegenüber saß. Obwohl sie wusste, was sie erwartete, war ihre Reaktion so unveränderlich wie seine Feindseligkeit. Wasser schoss in ihre Augen und sie erstarrte. Er, der Henker, sie, das Schlachtvieh. Und ich, rechts neben Vater, erbleichte, erbleichte am ganzen Körper, presste meine zitternden Hände und Füße an den Stuhl. Wäre ich mutig gewesen, ein Ritter, ein Beschützer, ich hätte die gusseiserne Suppenschüssel gegriffen und nach links an seinen Schädel geschmettert. Hätte den Hasser in rasendem Hass ausgelöscht. Oder Mutter hätte es tun sollen. Sie wäre sicher mit fünf Jahren auf Bewährung davongekommen. Hätte “seelische Grausamkeit“, nein, nur “Grausamkeit“, als Motiv anzugeben brauchen. Und wir alle hätten sie unter Eid bestätigt. (…)

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6. Leseprobe:

Als wir zwei Wochen später nach Altötting, den Gnadenort, zurückkamen, war in der Zwischenzeit etwas im Altmann-Haus geschehen, das einmalig sein könnte in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Um den Zusammenhang besser zu verstehen, hier ein paar Zusatzinformationen: Bis auf drei Räume stand das Erdgeschoss bei uns leer. Hinter einem Loch, das mit Plastik verhängt war, sah man auf Schutthalden in finsteren Verliesen. Mitten in einem Wohnhaus, mitten in der Stadt. Das schien umso widersprüchlicher, als mein Vater zur Rasse der Erbsenzähler gehörte, die lieber Lebenszeit verschleuderten als ein paar Pfennige, sprich: Ohne größeren Aufwand hätte man die hundertfünfzig Quadratmeter renovieren und vermieten können. Bedenkt man, dass sie bereits seit vielen Jahren nicht genutzt wurden, konnte man an zehn Fingern nachrechnen, dass die Mieteinnahmen die Investitionen längst amortisiert hätten. Aber Vater war Krämer mit einer Krämerseele. Wie ausgeklügelt er es verstand, diese Obsession auszuleben, würde sich noch zeigen. Noch rabiater als bisher.

Zurück zum Tag der Rückkehr. Was war passiert? Mutter hatte während der drei Wochen Alleinsein kreativ gehandelt. Sie hatte die Handwerker gerufen, hatte in dem Verlies acht Quadratmeter ausgesucht, hatte Mauern hochziehen, sie streichen, einen Boden und einen Teppichboden legen lassen, hatte ein Bett und zwei Sessel hineingestellt. Und hatte das alles mit einer dick isolierten Tür versperrt, an der außen kein Griff befestigt war. (Somit nur mit einem Spezialschlüssel zu öffnen.) Ein “Spion“ sorgte dafür, dass jeder Besucher von innen gesehen werden konnte. Insgesamt drei Sicherheitsbarrieren hatte sie installiert, immer gegen den Hausherrn gerichtet, die Polsterung, die fehlende Türklinke, das Guckloch. Gegen sein Geschrei, gegen seine Anwesenheit, und – sollte er sie dennoch überrumpeln: via Fenster gab es einen Fluchtweg direkt auf die Straße, ins Freie. Selbstverständlich wurde der Umbau nicht mit seinem Geld finanziert, sondern mit Hilfe von Omi, der Großmutter mütterlicherseits. Die alte Dame wusste um den Zustand dieser Ehe. Und natürlich hatte sie Hausverbot.

Das war ein unheimliches Bild, von dem Mutter mir später erzählte: Als sie sah, dass unser Uralt-Opel in die Garage einbog, flüchtete sie in ihr Refugium. Und konnte noch ein paar Minuten an sich halten. Bis sie Vaters alles penetrierende Stimme hörte und – in die Hose machte. In diesem Moment fing ihre Inkontinenz an.

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7. Leseprobe:

So gingen die beiden auseinander. Und fanden nie wieder zusammen. Wie sollten sie auch. Nicht eine Geste war den zweien unterlaufen, die Sehnsucht nacheinander hätte auslösen können. Eisern liefen sie durch Landschaften der Freudlosigkeit. In den elf Jahren habe ich sie nicht einmal beim Schmusen überrascht. Ihre Bilanz war ein desaströser Offenbarungseid: nie geheimnisvoll getuschelt, nie mit den Fingerspitzen die Wangen des anderen berührt, nie sich ausgelacht, nie sich angelacht, nie einen Veitstanz der Freude hingelegt, nie wild und süchtig den anderen am Hintern gefasst, nie gierig gegurrt, nie zugezwinkert, nie ein geheimes Zeichen der Verliebtheit, nie ein Code der Nähe, nie durchs Haar gefahren, nie sich gegenseitig die Tränen getrocknet, nie dem anderen ein Stück Schokolade in den Mund geschoben, nie ein Liebesgedicht vorgelesen, nie sehnsuchtsvoll ins Telefon geflüstert, nie ein Funken (schönen) Wahnsinns, nie um den Hals gefallen, nie vollgelaufen durchs Haus getorkelt, nie sich besoffen himmlischen Nonsens ins Ohr gewispert, nie mit ausgebreiteten Armen auf die Haustür zugelaufen, nie in der Badewanne geblödelt, nie Kerzen im Schlafzimmer angezündet, nie “Unforgettable“ von Nat King Cole aufgelegt, nie einen Slow gedreht, nie nachts ineinander versunken, nie ein Geschenk vom anderen ausgepackt, nie eines für den anderen eingepackt, nie atemlos vor Eifersucht, nie bangend, nie tagträumend, nie Blumen hinter dem Rücken versteckt, nie Blinde Kuh gespielt, nie gespielt, nie mit einem Gänseblümchen die Nase des anderen gekitzelt, nie eine Lieblingsmelodie vorgesummt, nie gemeinsame Fleischeslust, nie Lebenslust, nie Überraschungslust, nie Ringelreihen, nie Entzücken, nie Händchen gehalten, nie den anderen festgehalten, nie ihn gehalten, nie den Rücken massiert, nie die Füße, nie die Stirn, nie aufgeheitert, nie angefeuert, nie sich von der Schönheit der Welt erzählt, nie einen Liebesbrief des anderen geöffnet, nie einen gerührt zusammengefaltet, nie hüftumschlungen durch Paris geschlendert, nie durch Venedig, nie durch Lissabon, nie umschlungen, nie zu einem Mitternachtsdinner abgeschleppt, zu keinem Dinner, nie sich im strömenden Regen geküsst, nie den anderen zur Sinnenfreude entführt, nie in ein Flugzeug geeilt und champagner-betütelt geschwebt, nie ein Schiff bestiegen und auf hoher See gekuschelt, nie sich verkleidet und Ritter und Ritterfräulein inszeniert, nie in den Wald gerannt und sich kichernd aufs warme Moos gezogen, nie den anderen bewundert, gepriesen, gerühmt, nie sich die Unterwäsche vom Leib gezerrt, nie sich hinterher den Schweiß von der Stirn gewischt, nie sich als Liebespaar der Welt präsentiert, nie als Verbündete, nie als Gefährten, nie schwärmte einer von den schönen Augen des anderen, nie Jubel, nie ein Foto vom ihm oder ihr herumgetragen, nie ein Wort auf Flügeln, nie ein Satz von einem Zauberer für seine Verzauberte, nie eine Sekunde Märchenland, nie ein cooles Lächeln füreinander, nie stillte einer des anderen Blut, sein Herzblut, nie ein Held und eine Angebetete, nie König und Königin, nie in höchsten Tönen das Lied der Begeisterung gesungen, nie dem anderen sein Glück vermacht, nie getröstet, nie einander beschützt, nie stark wie zwei, nie stark wie Liebe, nie.

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8. Leseprobe:

Mir kam mein Leben abhanden. Nicht mit Abenteuern und Ekstasen der Lebenslust, nicht mit Eltern, die auf große Fahrt gingen und mir rastlos die Welt zeigten. Nicht mit einem Kinderleben, in dem ein Kind struppig und verrotzt vom Spielplatz nach Hause rannte und zu seiner Neugier beglückwünscht wurde, zu seiner Wildheit, zu seinem Hunger nach Erfahrung. Nein, ich war Kindersoldat. Allerdings unbewaffnet. Nur ausgerüstet – das wusste ich erst später – mit dem unbedingten Willen, an diesem Krieg nicht zu zerbrechen.

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9. Leseprobe:

Das Ehepaar Friedl war nach dem Krieg bei uns als “Heimatvertriebene“ einquartiert worden. Ein Gesetz verpflichtete damals die gut Situierten, die Habenichtse aus dem Osten aufzunehmen. Die Frau, die Ex-Schneiderin, war nur verrückt, leerte ihren Nachttopf via Fenster auf die Straße und kreischte hysterisch, wenn sie nicht schlafen konnte. Der Mann war auch bizarr, aber bizarr verschlagen.

( … )

Irgendwann fing Friedl an, neue Praktiken im Haus anzuwenden. Erniedrigungspraktiken, um das Schmerzangebot – außen und innen – zu erweitern. So wurde auch Hans F., der Heimatdurchtriebene und Hobby-Komponist, für mich ein Symbol des Unentrinnbaren.

Passte ihm etwas nicht, hatte ich ihn nicht gebührlich gegrüßt, drehte ich zu laut das Radio auf, streute ich nicht sofort im Winter Sand auf den Fußweg, stürmte ich zu vehement die Treppe hinauf oder passierte sonst irgendetwas, das einen “Mangel an Respekt“ verriet, dann schnappte er nach einem meiner Handgelenke und dirigierte mich, eisernen Griffs, hinunter in den Heizungskeller. Und suchte ein Scheit mit einer besonders scharf geschnittenen Kante und ließ mich – niederknien. Bloßen Knies “Holzscheitlknien“. Schweigend. Da Friedl wusste, dass ich mich im Dunkeln fürchtete, machte er kein Licht an, ja, er hatte eine viereckige Pappe mitgebracht, um das Fenster abzudecken. Jetzt war es schwarz. Noch absurder, er blieb die volle Stunde stehen. Hinter mir. Um mich mit Taschenuhr und Taschenlampe, die er auf Verdacht kurz anknipste, zu kontrollieren: wenn ich mich bewegte. Oder einen Ton – auch hier herrschte Silentium – von mir gab. Für beides gab es knöchelharte Kopfnüsse. Nach genau sechzig Minuten durfte ich wieder aufstehen. Was nicht ging, nicht gleich. Ich musste mich erst auf den Boden setzen und das gekerbte Fleisch massieren. Dann durfte ich davonhumpeln. Immerhin stach der Ex-Gefreite (Erster Weltkrieg) nicht mit Worten auf mein Herz ein, denn sehr verschwiegen führte er Gericht. In vollkommener Stille, in vollkommener Dunkelheit.

Noch absurder aber war die Tatsache, dass Vater die Strafexpeditionen Richtung Finsternis guthieß, ja, mich sah, wie ich die Stufen hinunter abgeführt wurde. Und nicht eingriff. Er muss wohl überzeugt gewesen sein, dass man einem störrischen Halbwüchsigen nicht oft genug einen Denkzettel verpassen konnte. So überwog seine Feindschaft mir gegenüber eindeutig seinen Groll auf den Untermieter. Aber vielleicht war Vater nur ein feiger Hund, der ausschließlich gegen Minderjährige ins Feld zog, doch vor Erwachsenen, solange sie von ihm nicht abhängig waren, in Deckung ging. Sicher war nur die Erkenntnis, dass zwei gewalttätige Gemütskranke unglaubliche Energien freisetzten, um ihrer Krankheit zu frönen.

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10. Leseprobe:

Ich suchte nach einem Vater. Einem anderen. Suchte so nebenbei, als Spiel, immer wieder. Sah ich einen zwanzig, dreißig Jahre Älteren, fragte ich mich, ob dieser Mann in Frage käme. Ob er mir gefiele, sein Gesicht, seine Bewegungen, ob er ein warmer Mensch wäre, einer, der mir imponieren könnte. Irgendwann, viele Jahre später, stand ich vor dem Grab von John Boyle O’ Reilly, einem irischen Poeten und Revolutionär, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hatte. Als Inschrift war zu lesen: “He is one whom children would choose for a friend, women for their lover, and men for their hero“, ihn würden Kinder als Freund wählen, Frauen als ihren Liebhaber und Männer als ihren Helden. Es regnete an diesem Tag auf das irische Grab. Und ich heulte. So schön waren die Sätze.

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11. Leseprobe:

Adolf Hitler hatte einst das deutsche Volk wissen lassen: “Dafür werde ich sorgen, dass diese Jugend herumgewirbelt wird. Es muss immer was los sein.“ Dehnt man den Satz ein wenig, dann könnte er auch von meinem Vater stammen. Bei uns war etwas los und herumgewirbelt wurde die Jugend im Altmann-Haus auch.

In diesem Frühjahr, nach dem Winterzeugnis, kam es zu einem Auftritt, den ich als ultimative Kampfszene abgespeichert habe. Ich weiß, wovon ich rede, denn die Fäuste meines Vaters erwischten mich oft, aber nie so, wie sie Manfred an diesem Sonntag ramponierten. Mitten hinein ins himmlische Glockengeläut im Gnadenort Altötting, mitten hinein in die Sonntagspredigten von der Güte des Herrn. Um ein Haar hätte es Franz Xaver Altmann an diesem Tag – um etwa 12.30 Uhr – geschafft, als Totschläger stadtbekannt zu werden. Die Szene war radikal und lehrreich. Vieles konnte man aus ihr lernen, auch, dass nicht unbedingt ein Zusammenhang bestehen musste zwischen dem, was man sagte, und dem, was man tat. Ja, dass man Augenblicke davor “Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ aussprechen und Minuten später auf sein Kind einschlagen konnte.

Hier das Protokoll: Tischgebet, stehend vor dem Kruzifix in der Ecke, dann setzen. Wir waren zu fünft, Stefan fehlte, er nahm an einem Leichtathletik-Wettkampf teil. Es dauerte nur Minuten und Vater begann wie gewohnt, das Essen vor Herta zu bemäkeln. Sein Lieblingsspiel eben, seine Art, den anderen an seine Minderwertigkeit zu erinnern. Normalerweise reagierten wir Kinder nicht darauf, im Gegenteil, wir betrachteten beide als Feinde. Keiner von ihnen verdiente Mitgefühl. Aber heute war es anders, aus irgendeinem Grund konterte Manfred und meinte, mit vollem Mund und schmatzend, genau wissend, wie er damit den Hausherrn in Rage treiben konnte: “Ich weiß nicht, was du hast, Vater, aber mir schmeckt es ausgezeichnet.“

Das roch nach Palastrevolution, das war undenkbar, das war der offene Bruch mit dem Code aus mosaischer Zeit: “Du sollst Vater und Mutter ehren!“ (selbst wenn sie dich täglich entehren). Sofort Totenstille, sprich: Silentium plus Atemlosigkeit. Ein unüberhörbares Schweigen. Bis Vater die Wucht des Satzes verstand, die Widerspenstigkeit begriff, hochfuhr, den umgeworfenen Stuhl liegen ließ, um den Tisch Richtung Manfred preschte, mit ausgestreckten Armen auf ihn zustürzte, seinen Hals umklammerte, ihn hochriss und schrie: “Du wagst es, mir zu widersprechen?“ Vielleicht drei Mal, vielleicht vier Mal den immer gleichen Satz schrie. Bis auch Manfred den Wahnsinn der Situation erkannte und, enthemmt wie sein Folterer, kerzengerade den vollen Mund in Vaters Gesicht spuckte, blitzartig – noch immer die fremden Hände als Schraubstock an seinem Hals – nach dem Teller griff und, wohl todesmutig und in Todesangst, den Rest des Essens auf den Irrsinnigen schüttete. Und sofort lockerte der Rosenkranz-Grossist – Visage und Sonntagsanzug voll mit Fleischresten, Gemüse und Sauce – den Griff. Sein einziger Moment der Schwäche, lange genug, damit Manfred sich losreißen konnte. Und aus dem Zimmer stürzte. Vater hinterher, beide die Treppe hinunter.
Wir anderen blieben erstarrt sitzen. Aber ich begriff, dass ich handeln musste, dass ich diesmal nicht – wie damals bei Mutter, als ich davon phantasierte, dem Alten mit der Suppenschüssel den Schädel einzuschlagen – feig sitzenbleiben durfte. Dass ich die Liebe zu Manfred beweisen musste, auch wenn Schmerzen drohten, ein Unheil. Dass ich doch Andreas hieß, “Andreios“, der Tapfere. Dass ich doch einmal auf der Höhe meiner Träume leben musste. Ich rannte hinterher. Nicht zu früh. Als ich den Hinterausgang öffnete, hörte ich schon die Schreie aus der fünfzehn Meter entfernten Remise ( … )

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12. Leseprobe:

Vater beorderte uns in die Basilika Sankt Anna, die größte im 20. Jahrhundert in Deutschland gebaute Kirche. Kalt, riesig, Platz für achttausend. Um zehn Uhr begann das “Hochamt“. Während der Rosenkranzkönig die Empore hinaufstieg, um im Chor mit anderen Honoratioren “Großer Gott, wir loben Dich, / Herr, wir preisen deine Stärke“ zu frohlocken, suchten Manfred und ich einen Platz, wo wir heimlich lesen konnten. Die schmalen Sigurd- oder Tibor-Heftchen, die mühelos im Ärmel verschwanden, taugten als passende Lektüre. Wir konnten keine Fehler machen, beim “Schuldbekenntnis“: ein Reuegesicht aufsetzen! Beim “Hallelujaruf“: kräftig Halleluja rufen! Bei der “Wandlung“: erschüttert hinknien! Und bei der Predigt, eben die Frohe Botschaft als typisches Untergangsgeleier: die Stichpunkte nicht überhören! Denn Vater fragte uns hinterher aus, wollte wissen, ob wir teilgenommen hatten.
Die lange Stunde war erdrückend. Durch die aufgehängten Lautsprecher kam das Gewimmer des Pfaffen (“… Denken wir daran, dass wir als arme Sünder vor den heiligen Gott hintreten, den wir wieder und wieder enttäuscht und beleidigt haben …“) und darunter standen wir, die wir wieder enttäuscht und beleidigt und versagt hatten. Dennoch, nicht viele von den Versagern schienen vorhanden, mit ihrem Herz, ihrem Verstand. Viele hier vermittelten das Gefühl, als wären sie Welten weit weg. Ich war noch Jugendlicher, aber so täuschen konnte ich mich nicht. Ich wusste bereits, wie Gesichter aussahen, die träumten. Nur als fernes Rauschen schien der Leierkasten neben dem Altar das Bewusstsein der Anwesenden zu erreichen. Aber offensichtlich war ihnen nicht zu helfen. Sie dösten, statt himmelhochjauchzend davonzurennen. Ließen sich wie Schafe vorführen, als die sie schon im Neuen Testament verspottet wurden. Wohl saß die Angst in ihnen bereits zu tief (meine Mutter!), wohl beizte schon zu gründlich der Rachesermon dieser Religion ihr Denken (dito!), als dass sie noch die Kraft gefunden hätten (dito!), sich in ein freies Leben zu retten.

Noch etwas fiel auf, nicht gleich, aber im Laufe der Wochen und Monate: Selbst wenn einer der Prediger das Wort “Freude“ aussprach, klang es wie “Verdammnis“. Die Lebensfeindlichkeit hatte sich längst in ihre Sprache geschlichen. Auch wenn sie etwas sagten, das positiv besetzt war, hörte es sich wie eine Trostlosigkeit an. So freudlos klang ihre Freude. ( … )

Etwa um diese Zeit passierte etwas im Gnadenort Altötting, das sicher oft passierte, aber diesmal auf absurd-katastrophale Weise endete. Die folgende Episode entnehme ich den Nachlass-Unterlagen eines Arztes, in deren Besitz ich – leider – erst bei der Recherche zu diesem Buch kam. Hätte man damals schon seinen Bericht laut und schwungvoll zwischen den Leichenbitter-Ergüssen der Basilika-Pfaffen und Toten-Arien meines Vaters vorgelesen, es wäre sicher zu tumultartigen Szenen gekommen. Voll mit unfassbarem Schweigen, voll mit kreischendem Gelächter.

Laut seinen Angaben wurde Dr. med. Engelbert Hayduk (sein tatsächlicher Name) an einem Septemberabend telefonisch und höchst dringlich ins Kloster St. Magdalena, Kapellplatz 9, gerufen. (Gleich daneben steht die St.-Magdalena-Kirche, mit der Kanzel für die tägliche Anstandslitanei.) E. H., selbst gläubiger Katholik, erwähnt in seinem Bericht, dass er schon als Kriegsarzt eine Menge Wahnsinn gesehen habe, aber nichts im Vergleich zu dem, was sich ihm nun hinter den ehrwürdigen Mauern der ehrwürdig-beispielhaften Klosterbrüder darbot: Pater A. lag nackt und bäuchlings auf einem Tisch und mitten aus seinem Leib, mitten aus seinem Hintern, ragte der Rest einer Flasche. Höllenrotes Blut floss, da der gläserne Dildo ganz offensichtlich beim todsündenverseuchten Liebesspiel tiefer als vorgesehen versunken und – abgebrochen war. An der genau falschen Stelle, in Höhe des Anusrings, somit die Scherben tief ins Fleisch schnitten. Noch tiefer, da die an der Kapuziner-Schwulen-Orgie Beteiligten zuerst selbst versucht hatten, Restflasche und Splitter herauszufischen. Vergeblich, deshalb der Notruf. Doktor Hayduk – mit einem vorbildlichen Ruf als immer hilfsbereiter Mediziner – erwähnt in seinen Aufzeichnungen noch die blutigen Striemen am Rücken, an Armen und Beinen des Paters. Die in der Panik nur nachlässig weggeräumten Handschellen und Peitschen zeigten, dass die Herren sich beim Gebrauch des einschlägigen Werkzeugs zur Maximierung ihrer Sado-Maso-Lust auskannten. (Das ist natürlich auch hinreißend witzig, denn der Sadomasochismus könnte eine erzkatholische Erfindung sein: sadistisch bestrafen und masochistisch die Strafe genießen!) Aber hier war nichts mehr lustig, und sein halbes Kapuzinerleben verdankte A. wohl der professionellen Erfahrung von E. H., der das irgendwann scherbenfreie Gesäß nähte, das Blut stillte, die Schmerzen reduzierte, die richtigen Medikamente daließ und selbstverständlich versprach, die Nachbehandlung zu übernehmen. Zum Dank dafür wurde der Arzt noch am selben Abend darüber informiert, dass er bis zu seinem letzten Stündlein “absolutes Stillschweigen“ zu befolgen habe. Bei Nichtbefolgen wäre – wörtlich – seine “Existenz gefährdet“.

NB: Es geht natürlich nicht um die Verurteilung homosexueller Praktiken. Meinetwegen kann sich jemand einen rosa Elefanten-Bullen im Schlafzimmer aufstellen und ihn dreimal täglich bespringen. Sind Tier und Mensch einverstanden, nur zu! Dieser Tatsachenbericht steht allein deshalb hier, um auf die in den Himmel und in die Hölle schreiende Diskrepanz zu verweisen, die zwischen der meisterlichen Bigotterie und den zölibatären Schweinigeleien lagen. Mitten im Gnadenort.

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13. Leseprobe:

Das Geld aus dem Briefmarkendiebstahl war aufgebraucht. So war der Hunger wieder an der Tagesordnung, denn die Speisekammer war noch immer versperrt. Doch diesmal waren wir zu zweit, um eine Lösung zu finden. “Dickpanz“, so Manfreds Spitzname (weil er alle Reste aufaß), hatte den einzigen Weg eingeschlagen, der in Vaters Nähe zum Ziel führte: den kriminellen. Als Deutschlands miserabelst bezahlter Lehrling besaß er jedes moralische Recht, sich nebenbei zu bedienen. Wie Mutter vor Jahren verkaufte er diskret und ohne Lieferschein Rosenkränze. Er kannte die Materie, die Kunden, die (schwarzen) Regeln.
Ich könnte nicht sagen, was uns heftiger antrieb, um an Nahrungsmittel heranzukommen: das Gefühl, nie satt zu sein? Oder die unbedingte Bereitschaft, unseren Erzeuger zu hintergehen? Oder die Freude am Spiel, an der Intensität? Wohl alles. Sobald es freitagabends still wurde im Altmann-Haus, huschten wir von unserem Zimmer durch die Tür hinauf in den Speicher (denn die Gefahr, beim Weg über die vier Treppen nach unten erwischt zu werden, war reell, zudem waren beide Haustüren verriegelt). Dank der hektischen Suche nach verkäuflicher Ware vor knapp zwei Jahren hatte ich im hintersten Eck des Obergeschosses eine Luke entdeckt. Aber nie geöffnet. Jetzt öffneten wir sie. Versuchten, sie zu öffnen. Minutenlang vergeblich, denn der schwere Deckel war festgerostet. Aber irgendwann gab er nach und einer der unvergesslicheren Momente in meinem Kinderleben folgte: Ich stieg als erster hinaus auf das Flachdach, richtete mich auf und – stockte, vereiste. Nein, nicht der Hausbesitzer stand im Weg, sondern eine Hochspannungsleitung. Eine gespreizte Hand entfernt. Ich ging sofort in die Hocke, um nicht vor Schreck umzukippen. Und um Manfred rechtzeitig zu warnen.

Ich brauchte eine gewisse Zeit, um mich zu beruhigen. Dann besprachen wir flüsternd die Lage. Sobald wir das Terrain kannten, schien die Bedrohung überschaubar. Der knappe Meter reichte problemlos, um unter den Stromkabeln durchzukriechen. Dann zum abgeschrägten Mansardendach robben und mit großer Grätsche auf die Überdachung eines Balkons gelangen, dann über mehrere Verstrebungen und einen drei Meter langen Eisenträger sacht auf die Erde gleiten, dann – auf Zehenspitzen – den Kiesweg zum Gartentor schleichen. Und endlich die Schuhe überziehen und begeistert die zweihundert Meter um die Wette laufen, zur “Klosterquelle“, dem Wirtshaus. Es war ein Augenblick innigster Liebe zwischen uns beiden. Und haltloser Bewunderung für meinen Bruder. Das gestohlene Geld klimperte in seiner Hosentasche und mit mir wollte er es teilen. Auf den sensationellen Geiz unseres Vaters reagierte er mit sensationeller Freigibigkeit.

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14. Leseprobe:

So sprach ich mit Mutter über Sex. Um wenigstens mein Hirn zu befriedigen. Hatte keine Hemmung, sie nach ihren Geheimnissen zu fragen, führte mich wie ein Experte auf und nahm Wörter in den Mund, die ich nur vom Hörensagen kannte. Mit ihrer Hilfe wollte ich vom “Orgasmus“ erfahren. Welche Art Glück er über die Liebenden brächte, welchen Rausch? Ob sie mir denn von dieser “Verzückung“ (so hatte ich es gelesen), diesem besoffenen Taumel, erzählen könnte?

Natürlich nicht, denn Mutter – jetzt Mitte vierzig – hatte nie einen Höhepunkt erlebt. Hier auf der Picknickdecke beichtete sie ihr sündenloses Leben. Während der letzten fünf Jahre war sie noch mit drei Männern im Bett gewesen. “Weil ich es wissen wollte.“ Aber die drei bildeten ein kümmerliches Trio. Wenn auch nicht krude wie mein Vater, so doch hastig und eher unbekümmert um die Frau in ihren Armen. Verschwitzte Eindringlinge, die vorschnell ins Ziel schossen.

Dass Mutter keine Sexbombe war, könnte man zur Verteidigung der linkischen Liebhaber anführen. Sie lud nicht ein zum Liebesspiel. Sie war, und das ist die nächste Sünde, die sie versäumt hatte und jetzt aussprach: Sie war nie geil. Ihr Körper fieberte nicht, kein Beben, kein heftiges Entrücken kam über sie. Natürlich war ich kein Augenzeuge, aber von dem, was sie gerade berichtete – und sie berichtete seltsam gelassen –, ließ sich erkennen, dass Mutter und Eros und wildes Verlangen nicht zusammenpassten. Einen fröhlichen Fick, so eine ausgelassene Freude mit Seufzen und Männerschweiß, das kannte sie nicht. Ja, auch Selbstbefriedigung (ich fragte sie eiskalt) befreite sie nicht. Sie machte “es“ nicht, ja, sie konnte es nicht. Sie schien sich in einem lebenslang unerlösten Körper aufzuhalten.
Und wie so viele – welch wahres Klischee – flüchtete sie mit ihrem brachliegenden Leib in den Glauben. Und wie so viele, die auf Erden zu kurz kamen, erhoffte sie Belohnung im katholischen Himmelreich. Aber sie giftete nicht, geiferte ihre letzten Wahrheiten nicht in die Welt, nahm nur still und einsam Zuflucht beim Herrgott, dem letzten Refugium aller Träume, die hienieden nicht wahr wurden. Das Reich Gottes war eine sexlose Veranstaltung, wie tröstlich. Ohne drängende Schwänze, ohne ein einziges Geschlechtsorgan. Der Himmel war blau und fleckenlos.

Neben dem Picknickkorb lag ein Buch mit dem Titel “Der Weg zu Gott“. Mit Kapiteln wie “Buße und Wiedergutmachung“ oder “Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“. Das Übliche halt, der weltbekannte Sums Trost spendender Trostlosigkeit. Mutter las entweder Erbauungsliteratur oder Liebesromane. Denn so ganz konnte sie nicht lassen von ihrem stürmischsten Sehnen: eben in diesem Leben, hier auf Erden, von einem Mann geliebt zu werden. Seelisch, übersinnlich, ritterlich. Gottvater schien nur der Notnagel, die letztmögliche Beruhigungspille.

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15. Leseprobe:

Wir saßen lange in der noblen Umgebung. Mutter hatte durchaus Unterhaltungswert. Und Humor. Ich drängte und so redeten wir wieder über Sex. Ich war jetzt fast siebzehn und wie glühende Drähte zogen erotische Vorstellungen durch mein Hirn. Mutters Schauergeschichten taten mir gut, sie kühlten ab. Auch durch sie begriff ich früh, wie obszön und unflätig Sexualität zwischen Mann und Frau sein konnte, eben als Machtmittel diente, nur die Zwietracht auf anderer Ebene fortsetzte. Aber Mutters Bericht auf meine Frage nach dem Ende der Intimitäten zwischen ihr und Franz Xaver Altmann hatte auch etwas Komisches, etwas grotesk Irreales. Jetzt erfuhr ich, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte: Bald nach Vaters Rückkehr aus dem Krieg wollte sie sexuell nichts mehr von ihm wissen. Sein Umgang mit ihrem Körper erwies sich als nicht mehr erträglich. So musste sie schriftlich (!) bestätigen, dass sie ihm jede weitere Nähe mit ihm verwehrte (und im Gegenzug sein Verhältnis mit einer Münchner Fabrikantengattin billigte). Nach dem Vertragsabschluss ließ er sie in Ruhe. Nur wenn es um den vorher ausdrücklich vereinbarten Willen zu einem Kind ging (zwei standen noch aus), konnte Mutter sich dazu “überreden“. Obwohl der Zudringling in beiden Fällen stark betrunken war.

Franz Xaver Altmann brauchte wohl den Rausch (dabei war er kein Alkoholiker), denn eine Frau, die nackte Nähe verabscheute, war keine Freude im Bett. Doch auf seltsam widersinnige Weise hatte auch Mutter Macht über ihn. So herrisch er auch im Bett mir ihr umging. Wie alle Frauen, die ihren Körper nicht erotisch wahrnehmen, konnte sie auf Sex verzichten. Vater nicht. Vielleicht hat er sie deshalb wie ein Stück Dreck behandelt. Aus Rache, wegen ihrer Souveränität, mit der sie seine intimen Bedürfnisse übersah. Denn sie hatte keine, sie war “frei“, nie drangsaliert von Geilheit.

Die beiden schienen füreinander geschaffen: er, der immergeile Bock, sie, die libidolahme Gattin. Beide grandios unfähig, sich vor dieser erotischen Misere zu retten. Umso erstaunlicher, als beide gut aussahen, nicht dumm waren und in “ordentlichen Verhältnissen“ lebten, keine äußere Not sie zwang, so rabiat talentlos miteinander umzugehen.

Immerhin: So kam das Sakrament der Ehe im Gnadenort Altötting zu himmlisch-katholischer Blüte: Geschlechtsverkehr, wenn er denn sein musste, wurde nur unter dem Deckmantel einer Kindszeugung geduldet und sollte – vehement nahegelegt – ohne einen Anflug von Wollust vonstatten gehen. Beim Mann ist das schier unmöglich, aber Elisabeth als praktizierende Christin kam so gut wie sündenfrei durchs Ehebett.

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16. Leseprobe:

Die Mehrheit meiner Klassenkameraden in Burghausen bestand aus “Seminaristen“, aus Heimschülern dreier katholischer Erziehungsanstalten: der Kapuziner, der Salesianer, der Bischöflichen, bekannter unter dem – für mich leicht verwirrenden Namen – “St.-Altmann-Heim“. Täglich Frühmesse, dann Unterricht im “weltlichen“ Gymnasium, dann fünf Stunden Lernen unter Aufsicht, dann abends antreten und – bei schlechten Noten – Stockhiebe kassieren auf den Hintern (der Lieblingskörperteil religiöser Erziehungsberechtigter).

Die meisten waren nach kurzer Zeit das geworden, was man von ihnen erwartete: Streber mit guten bis sehr guten Noten, geduckte Ja-Sager und tapfere Verleugner ihrer Gefühle, sprich, rastlos-heimliche Onanisten (ein paar von ihnen habe ich mit Fragen gefoltert), deren schlechtes Gewissen in etwa dem meinen entsprach. (Und ich hatte noch nicht einmal gesündigt.) Lauter artige Jungs, von denen man keinen dabei überraschte, wie er sich gegen eine Schikane wehrte, gegen die zynischen Sticheleien und giftigen Nebensätze, über die Lehrer so reichlich verfügten. Gerieten die Braven in die Schusslinie, dann standen sie auf und – nickten. Von Anfang an wurden sie auf das Modell “Schaf“ trainiert, das Lieblingsmodell der Kirche, das sie so begeistert seit 2000 Jahren züchtet.

Dass sich Rudolf Gebauer, Präfekt am Bischöflichen Knabenseminar, an Knaben vergriffen hatte, soll der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden. Denn sein Credo – es liegt schriftlich vor – hieß “dienen und helfen“. Und dass der priesterliche Unhold später zum “Bischöflich Geistlichen Rat“ aufstieg, ist sicher eine Zeile wert. Und dass der “heilige“ Altmann – er wurde nie “heilig“ gesprochen – vor einem knappen Jahrtausend rastlos für die Einführung des Zölibats kämpfte, ist eine grandios passende Fußnote. Und dass Gebauers Chef, Alois Doppelberger – einst Sympathisant, später Hitler-Sympathisant ohne Hitler – gern auf Faschingsfesten eine Wehrmachts-Uniform mit Schützenschnur und Offiziersdolch spazieren trug, verdient ebenfalls Erwähnung. (Foto liegt vor, sowie Zeugenaussagen zu beiden Fällen. Ein Opfer hat sich bereit erklärt, im Bedarfsfall eine Eidesstattliche Versicherung abzugeben.) Damals, in den 60er-Jahren, herrschte das Gesetz der Omertà, das Treiben der beflissensten Moralprediger im Land war keiner Kontrolle unterworfen. Eine kritische Öffentlichkeit existierte noch nicht. Die Entzauberung der “Gottesmänner“ sollte erst ein knappes halbes Jahrhundert später einsetzen.

Noch ein Nachspiel. Es zeigt, wie ungestraft die Herren davonkamen und wie die katholische Hierarchie sorgsam darauf achtete, dass der scheinheiligen Narretei kein Ende drohte. Alois Doppelberger entschlief, inzwischen selig und geachtet, und Rudolf Gebauer feierte 2008 mit Pomp und Gloria sein 50-jähriges Priesterjubiläum. Wilhelm Schraml, Bischof des Bistums Passau und 2010 selbst in den Schlagzeilen – die “Sonderkasse des Bischöflichen Stuhls“ finanzierte gerade, laut SPIEGEL, den Umbau seines Alterssitzes in Altötting (!) für schlanke 500.000 Euro –, ließ zur Feier von Kinderschänder Gebauer (und anderer Jubilare) die Welt wissen, dass “der Priester ein Geschenk für die Kirche und ein Geschenk für die Menschen ist“. Man muss diese Blödigkeit mit Amüsement lesen, wenn nicht, besteht die Gefahr, dass man an der Wirklichkeit irregeht.

Noch ein zweites Nachspiel: Inzwischen laufen Ermittlungen gegen das Knabenseminar der Kapuziner in Burghausen, auch hier kam es zu massiven sexuellen Übergriffen an Schülern. Pater Felix Kraus, nach den Gewalthandlungen Leiter dieser kirchlichen Einrichtung, wusste von den Missbrauchsvorfällen. Er hat dafür gesorgt, dass sie jahrelang nicht an die Öffentlichkeit drangen. Erst nach (!) Ablauf der Verjährungsfrist für die begangenen Verbrechen hat er die Justiz benachrichtigt. Inzwischen ist der schweigsame Herr Pater, zuletzt als “Wallfahrtskustos“ in Altötting (!) tätig, zurückgetreten. Doch Monate NACH dem Bekanntwerden des Skandals (März 2010) wurde Kraus vom Ersten Bürgermeister Altöttings mit der “Goldenen Ehrennadel“ ausgezeichnet, am 8. Dezember 2010. Wie der Begründung zu entnehmen ist, gab es die Nadel NICHT für das Vertuschen krimineller Handlungen, sondern weil sich der Preisgekrönte – unter anderem – bei der Vorbereitung des Ratzinger-alias-Heiliger-Vater-alias-Stellvertreter-Gottes-Besuchs in AÖ “verdient gemacht hat“. Die Welt als Narrenschiff. Inzwischen hat die klerikale Obrigkeit den AÖ-Geadelten nach Deggingen abgeschoben. Zum Aussitzen des Skandals, so ist zu vermuten.

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17. Leseprobe:

Ein junger Kerl wurde in meine Klasse versetzt. Einer, so wusste ich nach Tagen, der mir leben helfen sollte. Wie keiner vor ihm und keiner nach ihm. Er strahlte über alle Schafe hinweg. Neben ihm sahen sie noch schafsköpfiger aus. Er war schon einmal durchgefallen und als Skandal des “schweinischen Gedichts“ an der Schule bekannt geworden. Nein, zum eigentlichen Eklat kam es, weil er – lediglich Verbreiter der Posse – die Urheber der “Schweinerei“ nicht preisgeben wollte. “Aus Anstand“, wie er sagte. Sie waren schließlich seine Freunde. Aber für einen solchen Ehrenkodex hatten Erwachsene, immer auf der Seite der tugendreichen Rechthaberei, kein Verständnis. Sein Widerstand führte dazu, dass seine Schulaufgaben entsprechend bewertet wurden und er ein zweites Mal nicht vorrücken durfte. So kam es, dass Josef W. seit Beginn des neuen Schuljahrs neben mir auf der Bank saß. Der Zufall als Geschenk der Götter. Wir passten wunderbar zusammen. Er als Held und ich als sein Bewunderer. Er als der souveräne Gefährte und ich als der eine, der danach suchte. Er war zweieinhalb Jahre älter als ich und sieben Lichtjahre voraus.

Josef sah blendend aus. Von Kopf bis Fuß ein Vorbild. Das dichte schwarze Haar schwungvoll wie Elvis Presley zur Schwalbenschwanzfrisur gekämmt. Das symmetrisch geschnittene Gesicht. Die dezent bronzefarbene Haut. Die breiten Schultern. Die männlichen Handgelenke. Die athletischen Beine in modernen Jeans (und ich mit gefütterten Waden in Bundhosen daneben). Und, uneinholbar und von bestechender Leichtigkeit: sein Lächeln mit den Schlagersänger-Zähnen. Er konnte jederzeit grinsen und jeden Wichtigtuer aushebeln. Er war ein Luftikus, ein musischer Mensch, der zu allem begabt schien. Nur nicht zum Lernen von Stoff, der ihn nicht interessierte. Flog ihm jedoch etwas zu, dann war er der Beste oder einer der drei Besten. Im Musikunterricht, beim Schreiben von deutschen Aufsätzen, im Fach Kunsterziehung, als Sportler. Er wollte nicht schwitzen, nicht pauken, er wollte etwas sehen (oder hören) und können. Und konnte er es nicht, ließ er sogleich los.

Vieles verband uns. Natürlich die Wut auf alle angemaßte Autorität. Und noch mehr Wut, wenn sie sich als göttlich-angemaßte Autorität aufspielte, vorgetragen von schwarzberockten Männern, die das “Wort Gottes“ dozierten. Schade nur, dass wir zu unserer Zeit über keine Beweise verfügten, nur ahnten, dass hinter ihrem weihrauch-öligen Gehabe, mit dem sie vor uns ihr christliches Sittengemälde intonierten, ein Abgrund lag.

( … )

Wie ein glücklicher Macho sprach Josef von ihr. Aber nie vulgär, nie abschätzig, eher wie einer, der sich seines Glücks – trotz allem Selbstvertrauen – bewusst war. Auch ihm, dem Strahlenden, schien klar, dass Schönheit zu berühren und von ihr berührt zu werden, einem phantastischen Privileg gleichkam. Er redete wie ein Troubadour und trat als der Erste auf, der in meiner Anwesenheit das eine Hohe Lied sang: dass nichts Schöneres war als eine schöne Frau.

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18. Leseprobe:

Wie auch immer. Da ich Mutter auf meine (kaputte) Art liebte, nahm ich mir vor, sie in dem Glauben einer Stabilisierung zu lassen. Durchaus möglich, dass sie ohne den Therapeuten tatsächlich ins Wasser gegangen wäre. Wer war ich, um so genau zu wissen, was tief verborgen in ihr vorging: wenn sie aufs Meer schaute und ihr – sie dachte sich wohl unbeobachtet – die Tränen über das Gesicht liefen. Als hielte sie Ausschau nach dem einen, der sein Herz und sein Leben mit ihr teilen würde. Und der nie kommen würde, nie. Ich habe dieses Bild “fotografiert“, mit meinen Augen. Und in dem Archiv jener Momente hinterlegt, die man nicht vergisst: das Bild meiner einsamen Mutter.

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19. Leseprobe:

Winter in Altötting, der Trott der Trostlosigkeit, die Routine der Bosheit: bedenkliche Noten in der Schule sammeln, heimkommen und antreten zum Abspülen, antreten zum “Arbeitsdienst“, antreten zum “verschärften Arbeitsdienst“, antreten zum “sofortigen verschärften Arbeitsdienst“, antreten zum “Paketdienst Post“, antreten zum “Paketdienst Bahn“, antreten zum “Schlüsseldienst“. Dazwischen einen Lehrstoff bewältigen, der mich nicht interessierte. Mich auch überforderte, da süchtig nach Schlaf, der nicht sein durfte. Dazwischen drei oder vier oder drei mal vier Ohrfeigen pro Woche kassieren: Weil jemand meinen letzten nächtlichen Kinobesuch verpfiffen hatte. Weil ein anderer mich das Hotel Post hatte betreten sehen. Weil der Nachbar von gegenüber einmal die Polizei verständigte, als er mich nachts aus dem Fenster auf das Trottoir springen sah. Weil mich Vater – kurz nach Beginn der Sonntagsmesse – an der Nebenpforte der Basilika abgefangen hatte. Weil ich meinen von Herta verschlossenen Kleiderschrank mit einem Stemmeisen aufgebrochen hatte (um nicht mehr zwangseingekleidet zu werden). Weil ich mitten bei der Büroarbeit, mitten im “Gros machen“, aufgehört hatte, aus Sorge, dass nach weiteren drei Minuten Verblödung eine Gehirnschmelze mich heimsuchen würde. Vater hatte also immer fünf, sechs Gründe zur Hand, um sie mich spüren zu lassen.

Und an jedem Wintertag zehn oder zwanzig Mal mitten durch die “Ausstellung“ gehen, in der – kahl und hässlich wie in einer Leichenhalle – der Fundus einer in den Tod verliebten Religion aufgebahrt lag, kalt unter abgenutzten Vitrinen, neben Fenstern, die den Blick auf den Friedhof freigaben. Und mein Zimmer betreten und immer den Wunsch verspüren, mich noch einmal umzudrehen und mit der Kelleraxt dieses Meer aus Blech, katholischem Altweiber-Voodoo, Tristheit und Freudlosigkeit kaputtzutrümmern. Tausende Tage, tausende Male das Zucken in mir, dieser Schrei nach einer anderen Welt, nach einem anderen Leben.

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20. Leseprobe:

Genau drei Wochen später war es soweit. Und keine Macht auf Erden hätten diesen Tag verhindern können. Nach Hunderten von Runden kam nun die Schlussrunde, der Gong zu einem K. o. Es war jene Stunde, in der unser Hass – genauer: mein Hass und Vaters Lust, ihn zu schüren – ein Ende haben sollte. Weil das Leben so nicht mehr auszuhalten war. Für keinen von uns. Weil eine Energie zwischen uns brodelte, die sich anders nicht mehr zu helfen wusste. Als zu explodieren. Eine neue Wirklichkeit musste her. Und sie kam, an diesem 4. Juni, einem Dienstag, kurz nach 18 Uhr.

( … )

Unverzüglich überkam mich eine ungeheure Kraft, jenseits aller moralischen Überlegungen, nichts zügelte mehr, jetzt ging es um ihn oder um mich, jetzt war der Augenblick gekommen, den ich so lange ersehnt, so lange gefürchtet hatte: (…) worüber er in diesen letzten gemeinsamen Momenten sinnierte, aber durch mich jagten sie, überschlugen sich die Bilder der Schmach, der Herabwürdigung, der Schmähung, der Misshandlung, die Bilder seiner Untaten an Mutter, an uns, an Manfred, an allen, selbst das letzte, zehn Tage alte Bild, auf dem ich bewusstlos im leeren Öltank lag, ohnmächtig geworden von den Dämpfen der Farbe, die ich als Rostschutz auftragen musste, da wieder einmal zwangsrequiriert zum “Arbeitsdienst“ für die neue Heizung, und zeitraffer-rasend stürzten die nächsten Erinnerungen auf mich ein, jene, in denen Vaters Tod so greifbar nah war und trotzdem nicht kam, das Küchenmesser, die Suppenschüssel, sein Schlaganfall, das Rattengift, die Luftpumpe, die Brandstiftung, die immer verfehlten Möglichkeiten, sein Leben zu beenden, zuletzt fetzten die Bilder der Hölle, seiner Hölle, durch meine Synapsen, die schweißgebadeten Nächte, in denen ich ihm traumverloren den Schädel spaltete, durch seine Augen schoss, ihn lebendig einmauerte oder die Garotte, immer wieder die Garotte, um seinen Hals legte und im schieren schönen Rausch den Bolzen in seinen Nacken trieb, bis er auseinanderbrach und mich ein wohliges Gefühl von Rechtschaffenheit erlöste, einmal hüpfte ich nach seiner Exekution von einem Bein auf das andere, weil ich als spindeldürrer Jude gerade meinen Vater, diesmal als KZ-Scherge verkleidet, erwürgt hatte, soweit war ich schon mit ihm, der Bestie, dreidimensional und in doppelter Lichtgeschwindigkeit wischten die Bilder durch mein Bewusstsein, chaotisch, nebeneinander, sich überschlagend, und wir zwei, er und ich, befanden uns noch immer auf dem Blechdach, ich auf ihn zu, er Schritt für Schritt zurück und in mir noch immer der reine Hass, der mir jeden Zweifel ersparte, und plötzlich sah ich Manfred – Vater war nur noch einen halben Meter von der so niedrigen Balustrade entfernt – unten im Garten stehen, starr wie eine Säule ( … )

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21. Leseprobe:

Kein Kind wird je fassen, dass es sich ohne Liebe zurechtfinden muss. Es kommt mit der unbedingten Gewissheit auf die Welt, geliebt zu werden. So wie Luft zum Atmen bereitsteht, so die Liebe. Dachte es, nein, fühlte es. Im Laufe der Jahre wird dem Mensch jedoch bewusst, dass jenes Grundnahrungsmittel nicht vorrätig war. Nicht für ihn. Und natürlich versteht er nicht, wie es dazu kommen konnte: dass die einen geliebt wurden und die anderen nicht.

Verfügt jener, der leer ausging, über genug Nerven, wird er die Hintergründe aufspüren, warum seine Eltern ihn nicht liebten, nicht lieben konnten. Das macht ihn klüger, wird aber die Erfahrung des Verlusts nicht wettmachen. Keine Erfahrung, nirgendwo, wird das. Der Zukurzgekommene ist gezeichnet, für den Rest seines Lebens. Wie ein in sein Herz vergrabenes Stigma, vollkommen unsichtbar für die Welt, wird es ihn für den Rest seiner Tage begleiten. Wie keinem ein fehlender Arm nachwächst, so fährt in niemanden nachträglich das selige Bewusstsein: “Ich wurde geliebt“.

Das klingt dramatischer, als es ist. Greift der Armlose nach einer Prothese, um damit einigermaßen über die Runden zu kommen, so kann sich der Ungeliebte auf den Weg machen – ist er nur von einem unbändigen Lebenswillen erfasst –, um nach etwas zu fahnden, das sein Herz so extravagant beflügelt, dass es an diesem Mangel (an Liebe) nicht zerbricht: nach einem Schmerzmittel, ja, einer Droge, die stark genug ist, um es mit dem Mal, diesem Brandmal, aufzunehmen. Natürlich kein Rauschmittel im üblichen Sinn, es zöge ihn nur tiefer in die Verwirrung. Eher eine Leidenschaft, eine Fertigkeit, ein Talent. Etwas, das dafür sorgt, dass er nicht vor die Hunde geht. Aus Selbstmitleid, geschlagen mit hundert Neurosen, als ewig bläkender Rechtfertiger seiner Abstürze. Das kann dauern. Und Glück und Zähigkeit braucht der Mensch auch. Denn die Gefahr, dass einer nichts findet oder erst spät, die besteht ebenfalls.

Ich war nach diesem 4. Juni neunzehn Jahre unterwegs, genau die Zeit, die ich bereits gelebt hatte: unterwegs auf Irrwegen, in Sackgassen, oft blind. Aber immer auf der Suche. Erst dann hielt ich ein Werkzeug in Händen, das taugte. Wie ein Herzschrittmacher treibt es mich seitdem an, wie ein Magnet führt es mich weg von meinen Ziellosigkeiten, ja, wie ein Heilkraut, virtuell und luftleicht, lindert es jede Wundstelle. Und hält sie in Schach. Dieses Werkzeug war mein letzter Notausgang. Um nicht abzustürzen in ein nichtiges Leben.

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22. Leseprobe:

Mein Liebesleben auch nicht. Meine erste Frau, meine erste “richtige“, fand ich im Imex-Haus, dem Bordell in Schwabing. Kurz vor meinem 21. Geburtstag. Für dreißig Mark zog “Caprice“ den Schlüpfer aus. Und legte sich hin, mit den Beinen breit auf das himbeerrote Bett. Da lag also mein Traum, auf den ich so lange gewartet hatte. Mit Hängebusen, dessen Anblick nochmals mit einem Zehner berechnet wurde. Als ich sie bat, die Beine wieder zusammenzulegen, denn nur so würde es funktionieren, lachte sie. Sie wusste jetzt, dass ein Jungmann vor ihr stand, ein Landei. Dann klärte sie mich auf, zügig: “Schau, die Frau spreizt ihre Beine, damit du mit deinem Schwanz hineinkannst.“ Klarer ging es nicht. Und ich kniete mich vor sie und konnte hinein. Mit dem vaseline-glänzenden Kondom. Und ruckelte. Und Caprice stöhnte (erst später sollte ich erfahren, dass die falschen Töne zum Kundendienst gehörten). Es nützte nichts. Auch nicht, als ich heftiger ruckelte und die Mieterin von Zimmer 43 zum Abschluss drängte: “Junge, komm endlich, du musst spritzen!“ Ich schloss die Augen, um ihrem Leib auszuweichen, auf dem desinteressiert ihre müden Brüste schwammen. Es half nicht, ich spritzte nicht. Ich war geil und kein Mann, kein echter. Nach dem zweiten Aufruf trennte Caprice unsere glücklosen Geschlechtsteile und eilte zum Waschbecken. Um sich, unten, für den nächsten Kunden einzustäuben. Mit 4711. Ich war entlassen, schon wieder.

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23. Leseprobe:

Meine Auftritte als Schauspieler wurden ähnlich lächerlich. Stand keine Inszenierung von Haugk auf dem Spielplan, stand ich als Bonsai-Mime zur Verfügung, der dafür bezahlt wurde, jeden Abend einen einzigen Satz abzuliefern, einen wie “Sire, das Frühstück steht bereit“ oder “Hier in Portugal gibt es keine Attentäter“. In Kostüm und Maske, dramatisch herausgeputzt für einen donnernden Auftritt. Und immer schaute ich mir zu, von außen. Sah den Wicht, den ich vorführte, und sah – auf der anderen Hälfte der inneren Leinwand – meinen Traum: das Ass, den Topstar des Hauses, für den alle gezahlt hatten.

Den Gipfel der Deklassierung erklomm ich bei Ingmar Bergman, der als Steuerflüchtling seine schwedische Heimat verlassen hatte und nun am “Resi“ als Theaterregisseur arbeitete. Über zwei Monate lang wurde Strindbergs Ein Traumspiel geprobt und 47 Tage lang musste ich das Schieben eines Rollstuhls von links nach rechts üben: ohne Mucks ein Gerät mit zwei Rädern aus der linken Nullgasse in die rechte Nullgasse befördern. Ganz stumm. Dann dreißig Abende das Geübte tausend Zuschauern demonstrieren.

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24. Leseprobe:

Nach der Spielzeit flog ich nach Poona, zu Bhagwan. In Europa war mir nicht mehr zu helfen. Der Guru war das Aufregendste, was die Welt damals zu bieten hatte. Sein Ashram verfügte über alles, kein therapeutisches Angebot aus dem Westen fehlte. Und kein Zauber und keine Verrücktheit Indiens. Und keine Sünde. Jede nur Schritte entfernt. Die westliche Presse sah den Untergang der Zivilisation kommen. Journalisten rückten an, schreibende Spießer überschlugen sich als moralinsaure Empörer. Jede Zeile verriet, wie sehr sie begehrten, was sie verdammten.

Das war ein intensiver Sommer. Ich nahm an allen groups teil. Ob Encounter-Gruppen mit Brüllen und Raufen, ob Sex zu zweit oder zu zehnt, ob Sufidancing oder Enlightenment intensive (!), ob Shiatsu-Massage oder Gestalt, ob wüstenstille Vipassana Meditation oder Rebirthing, ob (vor den Toren des Ashrams) Haschisch oder Opium oder Heroin, alles nahm ich mit. Und alles und jeder – Mann oder Frau, Guru oder Rauschgift – wurde insgeheim aufgefordert, mich zu retten. In ein anderes Leben, in einen anderen Bewusstseinszustand. Der bleiben würde. Nicht als flüchtiges High, sondern als “mindset“, als geistig-seelische Neuformatierung. Um endlich ein glorreicher Schauspieler zu werden. ( … )

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25. Leseprobe:

Vater verlor das erste Mal vor Gericht. In seinem letzten Prozess. Mit zweimonatiger Rückwirkung wurde er per Gerichtsurteil zur geforderten Zahlung an Mutter verpflichtet. Bis an sein Lebensende. Beim Verlassen des Saals schaute ich ihm in die Augen. Ich könnte nicht sagen, was er in meinen gelesen hat. Vielleicht “Du Drecksack!“, vielleicht “Du Abschaum!“, vielleicht “Ich verachte dich!“? Ganz gleich, für welchen Ausruf er sich entschied, er stimmte. Ein Hass rumorte in mir, der schmerzte. Mich. Ich hasste ihn für das, was er mir (und anderen) angetan hatte. Und für das, was ich bisher aus meinem Leben gemacht hatte: Nichts. Ich war nichts, weil er mein Vater gewesen war. Hundert Gründe gab es, ihn zu hassen, aber so hießen die zwei wichtigsten: unser beider Vergangenheit und meine Gegenwart. ( … )

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26. Leseprobe:

Von Asien flog ich nach Südamerika. Und eines Tages, etwa drei Wochen später, saß ich im Fond eines Wagens, der mich mitgenommen hatte. Ich schaute auf Peru und führte, wie die letzten 23 Jahre, Tagebuch. Und mittendrin, ohne nachzudenken, schrieb ich auf, dass mein unheimlichster und unsagbarster Wunsch wäre, zu reisen und zu schreiben. Über das Leben in der Welt und die Weltbewohner. Als Gipfel des Glücks. Auf dem kein Alltag erschöpfte, mich kein müdes Herz durch ein müdes Leben begleitete, ja, wo ich mit dem Elegantesten, das die Deutschen erfunden haben, mit ihrer Sprache, beschäftigt wäre. Ein Beruf wie maßgeschneidert, wie für mich kreiert.

Knapp 34 war ich jetzt und immerhin hatte ich einen Namen für meinen Traum gefunden. Wie unter hundert Grabplatten schien er verborgen gewesen. So frivol, so frevelhaft, so jenseits aller Realität, dass er nicht gewagt hatte, in mein Bewusstsein zu geraten. Warum er sich gerade an diesem Apriltag traute, etwa hundert Kilometer südlich von Trujillo? Ich könnte es nicht sagen. Vielleicht die Nachwirkungen des buddhistischen Klosters in Kyoto? Vielleicht der indische Guru? Vielleicht die eine Therapie nach der anderen in Europa?
Jetzt hatte ich ein Ziel. Sonst nichts. Ich kam zurück und war kein Schriftsteller. Nur wieder Taxifahrer und deklamierender Kleinkünstler, der mit auswendig gelernten Brecht-Gedichten durch bayerische Klitschen und Wirtshäuser zog. Oder Kleptomane, der Diebstähle und Überfälle inszenierte, um bei (Reise)-Versicherungen abzuzocken. Die Existenzängste lauerten noch immer.

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27. Leseprobe:

Ich war mit einem 43-prozentigen Sliwowitz angereist, um Altötting zu ertragen. Ich trank fast nie, aber jetzt musste es sein. In der Nacht vor der Beerdigung verließ ich unbemerkt das Haus und lief zum Friedhof, stieg über die Mauer und schlich auf Zehenspitzen (Kieselsteine) zur Aussegnungshalle, die seltsamerweise nicht verschlossen war. Und jetzt passierte das Seltsamste: Ich setzte mich vor Vaters Sarg und fing zu heulen an. Ganz unkontrolliert, in Strömen, mitgerissen von den Schmerzen, die wir uns gegenseitig zugefügt hatten, überwältigt von meinem Hass auf einen, der nicht lieben konnte, überwältigt von dem brachial missratenen Leben, das wir so viele Jahre geteilt hatten, überwältigt von unserer Ausweglosigkeit, überwältigt von dem Wissen, dass nichts mehr gutzumachen war: Wir hatten alles versäumt, was ein Vater und sein Sohn versäumen konnten. Und ich würde den Rest meines Lebens mit meiner Unversöhnlichkeit leben müssen, die selbst bei der Ankündigung seines Todeskampfs nicht zur Nachsicht bereit gewesen war, nicht gütig sein wollte. Wie einsam musste es gewesen sein, das herzkranke, das gefühlskranke, das geisteskranke Arschloch Franz Xaver Altmann. ( … )

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28. Leseprobe:

Nach der Woche zog ich nach Paris. Drei Sehnsüchte warteten, zwei kleine und die große: dort leben, dort Französisch lernen, dort Schriftsteller werden. Zog zur Untermiete bei einer zänkischen Alten ein, Nähe Gare de l’Est. Hier war es billig, ich musste haushalten. Meine Ressourcen sollten so lange reichen, bis ich es “geschafft“ hatte, sprich, meine Träume mich ernähren und mein künftiges Leben finanzieren konnten. Beherzt war ich, das schon. Mehr nicht. In vier Jahren würde ich vierzig werden und an meinem Status des Versagers – war ich stark genug, sprach ich das Wort leise vor mich hin – hatte sich nichts geändert. In einem Kloster sitzen und zwei stechende Knie aushalten oder in Paris wohnen und zur Schule gehen, das verlangte kein besonderes Talent. Aber schreiben und – monumentale Aufgabe – einen finden, der das Geschriebene druckte und – noch monumentaler – dafür einen Scheck schickte: Das klang täglich unfassbarer. Ja, am unfassbarsten schien: dass ein Chefredakteur VORAB Geld herausrückte, um das Flugzeug, die Hotelzimmer, die Taxis zu bezahlen. Um in die Welt zu fliegen und an ihrem anderen Ende eine Geschichte zu recherchieren. Denn jetzt hatte ich den präzisen Namen für den Traum gefunden, noch genauer als Schriftsteller: REPORTER. Das war, laut lateinischem Urwort, “einer, der zurückträgt’“. Was er gesehen hatte. Schriftsteller roch nach jahrelangem Hocken und Einsamsein, aber Reporter versprach Tempo, Fremde, Fremdsprachen, Aufregung, Nähe – und Schreiben.

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29. Leseprobe:

Im Französischen gibt es den eigenwilligen Ausdruck “une porte condamnée“, wörtlich übersetzt: eine verurteilte Tür. Gemeint ist eine Tür, die unpassierbar ist, blockiert. So ein vernageltes Tor hängt auch bei mir, hängt vor jener Herzkammer, die an meinem Geburtstag verbarrikadiert wurde. Auf ewig. Keine Rosskur, auch keine Schreibkunst, wird sie aufbrechen. Auch nicht der Mensch, der bereit wäre, mich zu lieben, schaffte sie – die Tür, eben dieses Wissen der Wertlosigkeit – aus der Welt. Denn ich, und jeder andere mit einer ähnlich vernichtenden Erfahrung, würde die Liebe nicht zulassen. Riecht sie doch nach Unheil, nach Todesangst. Sie ist nicht Liebe, sie ist der Tod. Sich der Liebe ausliefern, als Liebender oder als Geliebter, hieße, ins offene Messer rennen. Deshalb die Tür. Sie bewahrt uns vor dem Messer. All diejenigen, die bedenkenlos und unverbrüchlich geliebt wurden, nennen unsereins einen Feigling. Sie wissen nicht, was sie reden.

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