Getrieben

Andreas Altmann Getrieben

Andreas Altmann Getrieben

Stories aus der weiten wilden Welt

VORWORT:

Das wird ein seltsames Vorwort. Hier will der Autor dem Leser vom Buch abraten. Sagen wir, dem “falschen“ Leser. Das wäre im vorliegenden Fall der moralisch einwandfreie Zeitgenosse, der zartnervige, der genitalzonenfreie, der von aller kriminellen Energie erlöste, eben jener, der gern zum “guten Buch“ greift. Hier greift er daneben.

(…) Ganz nah ran, hieß die Devise. Manchem ist das zu nah. Nichts wird hier “überhöht“, nirgends taucht eine “Metaebene“ auf, nicht eine Zeile Literatur. Nur Geschichten, die ich erlebt habe, bescheidener, die mir widerfuhren. Natürlich berichte ich nicht die Wahrheit. Gewiss die Wirklichkeit, noch präziser: Jene Wirklichkeit, an die ich mich erinnere.
Immerhin bin ich verwegen genug und unterschlage nicht meine Abstürze, ja Mittelmäßigkeiten und Feigheiten. Lauter Zustände, die eher belästigen, statt trösten. Ein “Lebenshilfebuch“ ist es nicht geworden. Homosex, mehrfacher Versicherungsbetrug, schwerer Diebstahl, Impotenz, misslungene Nähe, Drogen, Hysterie, Aids, Liebesunfähigkeit, wer will sich das zumuten?

(…) “Shoppen und Wellness“, las ich vor kurzem in einer Anzeige. Lockruf einer Stadt. Auf dass mir die Bekanntschaft dieses Orts auf ewig versagt bleibe. Wie gut, dass ich einmal mehr einen Zeitgeist verschlafen habe. Mir graut vor der Wohlfühlgesellschaft, ich fordere noch immer vehemente Gefühle, will noch immer zittern vor Glück, wenn eine Aufregung hinter mir liegt.
Das Glück des Frühgeborenen, der vor der Erfindung der Virtualität auf die Welt kam, das ist das meine. Und all jener, die ihr Recht auf ein eigenständiges, eigenwilliges Leben nicht verraten haben. Ihnen ist dieses Buch gewidmet.

DER COUP:

…Das Unternehmen macht nur Sinn, wenn ich professionell arbeite. Rudel von Ganoven sind in dieser Stadt zugange. Alle auf dem Sprung nach dem schnellen Geld. Aber viele hasten und schludern. Endstation Wasser und Brot. Verbrechen ist hier ein anstrengendes Geschäft. Die hiesige Polizei gilt als brutal und effizient. Jedes Alibi ist grunsätzlich verdächtig, jeder grundsätzlich zuerst einmal Täter. Ich lerne den Satz auswendig, um mich beharrlich daran zu erinnern.

Ich gestehe, hinter aller Notwendigkeit lauert ein starkes Gefühl: Die Sucht nach dem Stachel, das Spiel mit der Angst. Immer wieder diese innig gesuchten Momente eines rasenden Herzschlags. Diese Lust auf Abwege, dieses geradezu kindische Vergnügen, “böse“ zu sein.

Ich gehe nicht über Leichen, aber über Leichtverletzte, das schon. Denn verbotenes Geld, genauer gesagt, der Weg dorthin, hat einen betörenden Geruch. So sind die fünf Riesen nur äußerer Anlass, nur die brauchbare Rationalisierung einer ungesetzlichen Tat. Etwas, mit dem ich mich meines Lebens vergewissere. Das Risiko als Lebensversicherung, wie schwindelerregend wahr.

Nach vier Tagen entscheide ich mich für den Tatort. Bisher favorisierte ich das Hafenviertel Aberdeen mit seinen Dschunken und Sampas. Dort gibt es eine Menge schwarzer Gassen, verwinkelt, verwirrend, irreführend. Genau richtig, und doch: Zu betriebsam, nicht diskret genug, keine zwanzig Sekunden ohne lässtige Menschenaugen.

Viel einsamer, viel leerer – seltsam, dass mir das nicht eher auffiel – ist die schmale Strasse hinauf zum Mount Davis. Als ich am vorletzten Abend die Strecke mit dem Taxi nach oben fahre, trifft mich die Entdeckung wie ein Satori. Hier ist es: Finster, verlassen, versteckt hinter Felsen und Sträuchern.
Cathy bekommt einen Heulkrampf.

Morgen soll die Sache steigen und ich ändere noch um Mitternacht Schauplatz und Zeitplan. Das Ding drehe ich allein. Um sie nicht zu gefährden. Meine Freundin hat aber wichtige Zulieferdienste übernommen, die vieles erleichten. Immer wieder besprachen wir eine Reihe denkbarer Varianten, Vorteile und Fehlerquellen. Immer wieder überkam mich dabei ein Gefühl der Unsicherheit, die Erkenntnis, dass zu viele Fragen offenblieben, dass zu viele weiße Flecken den Plan bedeckten, dass zu viele Faktoren von Glück und Zufall abhingen.

Cathy hält meinen letzten Vorschlag für nicht besser. Im Gegenteil, mehr Erfolgschancen hätten noch immer die hundert Gassen von Aberdeen. “Das ist doch der nackte Wahnsinn, noch vor einer Stunde war alles haarscharf festgelegt und jetzt, mitten in der Nacht, fällt dir was Neues ein.“

CELESTE:

…Die nächsten zwei Wochen wurden unsere besten Tage und Nächte. Die andere Hälfte ihres Bettes hielt ich jetzt besetzt. Und ich war intelligent genug, den Fotografen vergessen zu machen und Celeste zur fröhlichen Hingabe zu bewegen. Wenn ich bedenke, wie linkisch er ihrem Körper begegnete, dann konnte alles nur lustiger, nur lustvoller werden. Jedes unserer Kommunikationsmittel – die Blicke, die Sprache, die so neugierigen Leiber – lief zur Hochform auf. Irgendwann, ich glaube, es war frühmorgens nach der fünften Nacht, begann Celeste zu straucheln und sagte den unheimlichen Satz: “Ich liebe dich“. Als sie ihn in den nächsten Tagen wiederholte, im schlichtesten Tonfall der Welt bestätigte, was so umwerfend überraschend klang aus ihrem Mund, war ich überzeugt, dass ich gewonnen hatte.

Es war das letzte Mal, dass ich mich täuschte.

Die sonderbarsten Dinge passierten nun. Nicht umgehend, aber Schritt für Schritt. Wie ein bedächtig wirkendes Gift krochen diese drei Worte in mein Unterbewusstes. Schon sensationell. Nachdem ich das Ergreifenste gehört hatte, was ein Mensch hören kann, fing ich an abzusteigen. In den kommenden Monaten verschwanden mein Appetit, meine Libido, meine Freude am Leben, der Drang zu schreiben. Ich welkte, an allen Fronten.

Während einer Konversationsstunde mit meiner Spanischlehrerin verstummte ich mittendrin, so heimgesucht von dem Gedanken, dass meine Angst vor der Liebe größer war als mein Verlangen nach ihr. Zwanzig Minuten lang schaffte ich kein Wort, in keiner Sprache. Dann erinnerte ich mich, noch immer still, noch immer sprachlos, an einen Satz Petrarcas, den ich seit langem kannte: “Liebe reitet auf dem Pferd des Todes.“ Damals, als ich das zum ersten Mal las, gefiel mir die Schönheit der Metapher, jetzt – idiotenstumm neben der ratlosen Señora Gonzales – hatte ich ihn begriffen.

Die Erinnerungen überschlugen sich, ich wusste plötzlich, dass ich drei Mal in meinem Leben durch zähe Todesängste gegangen war. Einmal, als ich während eines LSD-Ekstase auf dem Horrortrip landete. Einmal während einer Zen-Meditation in einem japanischen Kloster. Einmal jetzt, wo ich auf dieses radikal erkämpfte Ziel, die Liebe dieser Frau, zuging und dabei fürchtete, von den beiden, der Liebe und der Frau, vernichtet zu werden. In Momenten äußerster Hingabe schleuderte ich vom Pferd, erwies mich als zu feig für die Zumutungen intimster, so fürchterlich naher Gefühle.

Es verging keine Nacht mehr, in der ich nicht mehrmals schweißgebadet aufwachte. Jeden Morgen musste ich mich treten, fehlte doch die Energie, um einen ganzen Tag auszuhalten. Ich sagte Aufträge ab, brauchte alle restliche Kraft, um die dringendsten Handgriffe zu bewerkstelligen. Mehrmals fehlten auch dafür die Reserven. Ich beobachtete mich, wie ich regungslos auf mein Leben stierte und es nicht mehr leben wollte.
Mit letzter Disziplin und hundert Notlügen versuchte ich, meine Abstürze vor Celeste zu verbergen. Augenblicke bestialischer Demütigung harrten meiner, als ich jetzt neben ihrem schwindelerregendem Schoß lag und nicht mehr fähig war, ihn mit allen mir sonst so selbstverständlich zur Verfügung stehenden Körperteilen zu lieben. Einmal war genügend Courage vorhanden und ich schrieb es hin, das grausige Wort: Impotenz. Die Aussicht auf Liebe machte mich, wie unübersehbar, impotent, kraftlos, kaputt. Jetzt hatte ich begriffen. jetzt begann der nächste Abstieg.

FERNANDO:

Wir lächelten uns an. Ich stand im Vorraum des Klosters San Francisco und fragte nach der nächsten Führung. Und Fernando sagte ja, obwohl kein weiterer Besucher mehr zu erwarten war. Der junge Kerl verdiente sich nebenbei als Kirchenkenner ein paar Pesos.

Wir zogen los und Fernando deutete mit seinen gepflegten Händen auf Gemälde von Zurbarán, lenkte meinen Blick auf die holzvertäfelten Decken, sprach von dem Wunder, dass dieses Gebäude seit dreihundert Jahren alle Erdbeben Limas überstanden hatte.

Wie leicht es fiel zuzuhören. Der junge Peruaner war intelligent, ironisch. Im Vollbesitz seines charmanten Hochmuts ließ er mich teilhaben an seinem Wissen. Dennoch, je länger er redete, umso weniger passten Gesicht und Worte zusammen. Er schien auf seltsame Weise abwesend. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand: Führung und Verführung lagen unmittelbar nebeneinander. Fernando war homosexuell, kein Zweifel. Seine Worte redeten über Architektur und seine Gedanken handelten von uns. Nichts Tuntiges und Grelles war an ihm. Im Gegenteil, er war wohltuend diskret. Aber er verfügte über Töne und Gesten, die Männer von Männern unterscheiden.

Ich genoss das. Und fürchtete zugleich, was auf mich zukam. Reines Glück war das Bewusstsein, begehrt zu werden. Mitansehen zu dürfen, was dieser Mensch aufführen würde, um mich zu versuchen. Einmal nicht Gockel und Geck, nicht Hochstapler, Falschmünzer und Zauberer sein müssen, um jemanden ­ immer eine Frau – von sich zu überzeugen. Die Lust lag im Vertauschen der uralten Rollen. Diesmal durfte ich warten, durfte warten lassen, konnte in Ruhe das Angebot studieren. Ein ganz und gar neues Erlebnis.

Der Schrecken lag woanders. Dass Fernando etwas anrührte, was meine intimsten Phantasien betraf. Phantasien, die großartig oder schmerzhaft in Erfüllung gehen konnten. Seit Jahren der Wunsch in mir, “genommen“ zu werden. Sehr konkret. Beim Liebesspiel Schoß zu sein. Nur ein Mal wenigstens eine Ahnung davon zu bekommen, wie es sich fühlte, wenn ein Mann von außen in mich eindrang. Um diese Erfahrung habe ich jeden beneidet, der von ihr wusste. Alle drängenden Fragen, die ich Männern und Frauen dazu stellte und alle Antworten, die ich von ihnen hörte, machten mich nicht wissender. Was immer sie aussagten, ich hatte nichts verstanden. Es war wohl ähnlich einem Eisenbahnunglück. Oder die wunderliche Begebenheit, ein Kind zur Welt bringen. Oder der Trance beim Gehen über lavaheisse Kohlen. Es ließ sich nur physisch begreifen, nie aber einem anderen via Sprache vermitteln.

Mir wurde klar, dass ich den Zustand leben musste. So verkehrt herum (wörtlich), so gefährlich (gesundheitlich), so verschmäht (moralisch) das Vorhaben auch war. Genau mit jener Bewegung, mit der Fernando eindeutiger wurde und anfing, spielerisch meinen Hals zu berühren, durchzuckte mich die Erinnerung an einen seit Jahrzehnten verdrängten Vorfall: Ein Schulfreund und ich lagen zusammen im Bett, nackt und mit wachsender Erregung bei der gemeinsamen Durchforschung unserer Geschlechtsteile. Hinterher habe ich deliriert, mich vor Scham und Schuldgefühlen übergeben, konnte nicht fassen, mich so gegen Katholizismus und Gott vergangen zu haben. Dass ich wie so viele andere Jugendliche eine Phase latenter Homophilie durchlebte, wusste ich natürlich nicht. Ich wusste nur von Fluch und Frevel und dem Hass auf “Arschficker“ und “Schwulensäue“.

Die schmalen Finger von Fernando manipulierten sanft und schonungslos mein Bewusstsein. So kamen alle Empfindungen zusammen, vollzählig und gleichzeitig: Die Neugierde auf meine ­ möglicherweise – homoerotischen Talente, die Lust auf Intensität, die mögliche Wollust, der mögliche Schmerz, die schiere Angst, das Bewusstwerden einer längst vergessen geglaubten Vergangenheit.

Inzwischen standen wir vor zehntausend Totenschädeln und Skeletten. Hier in den Katakomben hatten die Mönche die Seuchenopfer der Stadt gestapelt. Der Peruaner erzählte jetzt von seinem Leben als Lustknabe für Gringos. Denn die Hauptkundschaft kam aus den Staaten. Am bemerkenswertesten blieb ihm ein Priester im Gedächtnis, der genussfähig seine christlichen Todsünden auslebte. Der Callboy wurde meist ins Sheraton gerufen, dem inoffiziellen Eros-Center von Lima.

Nach einem knappen Hundert flüchtig intensiver Nächte überkam den 21-Jährigen ein Bedürfnis nach Nähe. Er drosselte seinen Verbrauch und verliebte sich. In einen blonden Menschen aus Schweden. Nach drei Monaten Liebe kam der Schmerz der Trennung. Seitdem war Fernando aus dem Geschäft. Er schien zu sehr verwöhnt von den nächtlichen Zärtlichkeiten. Er verzichtete nun auf klimatisierte Hotelbetten und schwor Enthaltsamkeit. Das war.

Es schien, als wäre nun der Tag gekommen, der Keuschheit abzuschwören. Vielleicht nur, weil ich so blond und schwedisch aussah. Meine Person als Ersatz für einen entschwundenen Geliebten. Wäre es nach Fernando gegangen, er hätte mich umstandslos auf einem Berg eingebeulter Schädeldecken geliebt. Während er mich zu küssen versuchte, war ich hochgradig amüsiert und keinesfalls sinnlich erregt. Nur von der Idee beflügelt, dass ein Mestize mein erster Mann sein könnte.

Wir kehrten zurück zur Erdoberfläche. Ich verging vor Lust bei der Vorstellung, dass ich umworben und bebalzt wurde, dass ich launisch und arrogant alles und nichts versprechend festlegen konnte, wie mit mir zu verfahren sei. Zu oft hatte ich Frauen in einem solchen Zustand beobachtet und sie um ihre Macht über mich beneidet. Jetzt war ich Frau und jetzt besaß ich diese Macht.

DIE HINRICHTUNG EINER SCHÖNEN GELIEBTEN / Vom Schreiben:

“Wer kann, tut. Wer nicht kann, lehrt”, der Satz stammt von George Bernard Shaw. Also: Wer schreiben kann, schreibt. Und wer nicht kann, lehrt das Schreiben. Soweit, sagen die giftigen Zungen, wäre ich jetzt.
Ich bin gern Durchlauferhitzer. So will ich von mir reden, das bietet Angriffsfläche, das provoziert, das erleichtert die Identifikation. Und erhitzt die anschließende Diskussion. Epikur meinte einmal, dass in einer geistigen Auseinandersetzung derjenige als Sieger gilt, der verloren hat. Weil er etwas Neues gelernt hat. Ich verliere gern. Unter der Bedingung, dass ich hinterher reicher, sprich, geistreicher davongehe.

Ich werde u.a. Auszüge aus verschiedenen Briefen an Redakteure vorstellen. Nicht vorstellen werde ich die zehn Regeln zum schöneren Schreiben. Wer bin ich, um mir derlei Unternehmungen zuzutrauen? Ich habe kein Germanistikstudium hinter mir, war nie auf einer Journalistenschule, ich weiß noch heute nicht, wie man eine Zeitung macht. Aber ich erinnere mich an einen Abend hinter der Bühne des Residenztheaters, wo Klaus Jürgen Wussow ­ noch fern jeder Schwarzwaldklinik – und ich – direkt von der Schauspielschule – auf unseren Auftritt warteten. Und ich den Meister verschämt fragte: “Sagen Sie, wie spielt man tolles Theater?” Und Wussow, kurz und grantig: “Sie können alles spielen, nur stimmen muss es.“

Eine solche Antwort gilt auch fürs Schreiben. Keine festen Regeln, alles ist erlaubt, aber Vehemenz muss es haben, Rhythmus, den Swing. Muss das betörende Gefühl verbreiten, dass man nicht den Raum verlassen will, ohne den vorliegenden Text gelesen zu haben. (Einer schrieb mal: “…dass man nicht weiterleben will, ohne den vorliegenden Text gelesen zu haben. Ach, der Angeber.)

(…) Diese Kolumne soll noch einen anderen Zweck erfüllen: Jenen das Schreiben auszureden, die es nicht lieben. Die glauben, sie kämen linkshändig davon. Für sie, die Grobschlächtigen, Faulpelzigen und Talentlosen sollte man “amnesty international – paper“ gründen. Wird doch – nach der Menschenhaut – nichts so sehr geschunden wie ein weißes Blatt Papier. “aip“ würde dann einschreiten und den Satzschiebern und Wortbrechern das Handwerk legen. Gustave Flaubert meinte einmal: “Die Sprache ist das erste Genie eines Volkes.“ Das ist ein vorlauter Satz, wenn man bedenkt, wie das Volk mit seinem ersten Genie umgeht.

2005

Getrieben – Stories aus der weiten wilden Welt

Solibro Verlag

Kurzbeschreibung

Allen Stories gemein ist Altmanns unbezwingbares Verlangen nach jener Unmittelbarkeit der Erfahrungen, um derer willen er auch Schmerz und Leid nicht scheut, wenn sie ihm nur Augenblicke größtmöglicher Intensität versprechen.
Schön für den Leser, kann er doch teils voyeuristisch, teils schaudernd, teils gerührt an Erfahrungen teilnehmen, die von Diebstählen bis Drogenexzessen, von romantischer Verführung bis hin zu ganz speziellen sexuellen Erfahrungen reichen. Reflexionen über den Sprachverfall, über seine literarische Initiation oder seine prämierte Reportage über ein Aidskloster komplettieren das Buch des Kisch-Preisträgers.
Gemeinsam ist allen Geschichten, dass Altmann nicht in Ordnung und Bestätigung, sondern im Widerständigen und überraschenden Moment, im Fremden das Lebendige als das ausschließlich Lebenswerte sucht. Seine nicht selten aufblitzende antibürgerliche Amoralität relativiert sich dadurch als ein besonderer Weg der Sinnsuche.