Interview mit der österreichischen Zeitung KURIER:

KURIER: Reisen bildet, hinterlässt Spuren: Was hat Mexico mit dir gemacht? Was hast du fürs Leben gelernt?

A: Das sind Fragen, die kein Mensch mit Lebenserfahrung beantworten kann. Weil ich ja nicht „neugeboren“ aus Mexiko zurückkam. Ich kam in Paris ungefähr so an, wie ich es verlassen hatte. Und das Geschwätz „jemand hat sich neu erfunden“ glaube ich nicht. Veränderungen nach einer langen Reise sind so schnell nicht zu erkennen. Sie unterliegen, wie Krankheiten, einer „Inkubationszeit“, sie kommen oft – wenn überhaupt – erst nach Monaten zum Vorschein. Gewiss bin ich reicher heute, sagen wir, „geistreicher“, weil mir Frauen und Männer ihre Geschichten – grandios oder gräulich – erzählten und ich hinterher ein bisschen mehr wusste vom Leben und Treiben auf der Welt.

Andere Länder, andere Sitten. Was macht die mexikanische Seele so einzigartig?

A: Ach, ich glaube nicht, dass die mexikanische Seele „einzigartig“ ist. Auch meine, haha, ist es nicht. Von einer einzigartigen österreichischen Seele weiß ich auch nichts. Mexikaner sind ungefähr wie der Rest der Welt. In Mexiko gibt es hilfsbereite Damen und Herren, durchwachsene Schweinehunde, Hochintelligente und haltlos Blöde, wunderschöne Wesen und die weniger Ansehnlichen. Alles da. Was sie – vielleicht – von uns Westler unterscheidet: Sie haben mehr Humor, kommen „leichtsinniger“, beschwingter durchs Leben.

Weshalb Mexiko? Was treibt Sie in ein Land, in dem es laut Medienberichten extrem gefährlich ist?

A: Zuerst die immer gleich Antwort: Ich reise, um Geld zu verdienen. Ich warte noch immer auf ein Millionenerbe, das aber nicht eintreffen will, haha. Also muss ich raus in die Welt. Und die Geschichten, die ich dort beschenkt bekam, schenke ich an die Leser weiter. Okay, Stichwort Gefahr. Ach, wer achtsam um sich schaut und nicht als tollkühner Tölpel reist, der wird überleben. „Streetwise“ sollte er schon sein, also einer, der „weise“ sich bewegt, der sich auf der „Straße“ ein wenig auskennt, Zeichen dechiffrieren kann, ungute Zustände riecht.

Wie weit würdest du für eine Geschichte gehen? Gibt es so etwas wie ein kontrollierbares Risiko?

A: Ich gehe immer so weit, wie die Gefahr kalkulierbar ist. Ich überlege mir genau, ob ich „hineingehe“. Sehe ich keine Chance, drücke ich mich. Ich habe kein Verlangen, als zehnzeiliger Nachruf unter „Vermischtes“ in deutschen Blättern aufzutauchen. Auch Folter liegt mir nicht. Natürlich ist kein Risiko haarscharf berechenbar, Aber viele Jahre Erfahrung helfen. Und noch eins: Glück braucht der Mensch, hat er keins, fällt er hinterm nächsten Straßeneck tot um.

Was hat dich an Mexico überrascht?

A: Nein, ich habe ja vor langer Zeit schon einmal dort gelebt, um Spanisch zu lernen, anschließend war ich oft als Reporter für Magazine im Land. Ich war folglich ein wenig vertraut mit der Situation. Und doch, überrascht dann schon, mit welcher Leichtigkeit die einen den anderen den Kopf abschneiden. Und überrascht, mit welcher Hilfsbereitschaft die (vielen) anderen einen Fremden versorgen.

Mezcal oder Tequilla? Was hast Du kulinarisch an diesem Land geschätzt bzw. nicht geschätzt?

A: ist mir egal, ich habe keine Ahnung, ich war mehrmals leicht beschwipst. Mit Tequila. Und einmal himmelblau mit Pox, einem Maisschnaps der Indigenen. Ein Feuerwasser, das dir hilft, jeden Idioten auf Erden auszuhalten.

Bedeutet Reisen auch nicht immer das Verlassen von Routinen. Magst du Routine?
Wie holt man sich am besten, einfach aus der täglichen Routine raus? Hast du da ein Rezept?

A: Aber ja, gewisse Routinen können süchtig machen: wenn ich morgens in Paris aufstehe und die Vöglein zwitschern höre, wenn ich meditiere, mäuschenstill, wenn ich in einem Café sitze und lese, wenn ich ins Kino gehe, wenn ich Freunde treffe, wenn ich mit einer Freundin ausgehe, die sprudelt und mir etwas von der Welt erzählt. Das sind Routinen, die ich nie und nimmer missen will. Die sich wiederholen und mich doch jedesmal anrühren.

Du verlässt für neue Geschichten deine Komfortzone, deine Wohnung, gewohntes Umfeld in Paris. Was treibt dich an, was hält deine Neugierde wach?

A: Ich glaube nicht, dass man Neugierde trainieren muss, sie „wachhalten“. Ich vermute, sie ist ein Gen, das in dir steckt und dich antreibt. Sie ist da oder nicht da. Solange du schnaufst. Die einen bekommen es mit, die anderen dösen gern am Leben vorbei. Gewiss, Neugier kann krankhaft sein. Aber unheilbar ist sie auch. Doch sie scheint mir der einzige Weg zu sein, um zu lernen. Nicht neugierig zu sein ist ebenfalls eine Krankheit. Noch unheilbarer. Und zweifellos gefährlicher.

Was hast du immer in der Reisetasche?

A: Erschreckend banale Dinge: ein bisschen Wäsche, die vanity box, meinen Mac, Zeitungen, ein Buch, ein winziges Taschenmesser (sonst wird es am Flughafen konfiziert), einen handtellergroßen Radio und die absolute Maxime: Leicht reisen! Und ich liebe es, am Ende einer Reise festzustellen, dass ich weniger besitze als zu Beginn, da ich manches auf der Reise verschenkte. Ich kaufe keine Souvenirs, nie ein Hirschgeweih, nie einen Poncho, nie eine Muschel als Aschenbecher. Alle meine Souvenirs befinden sich im Kopf und auf der Festplatte meines Airbooks.

Was sollte man beim Reisen immer dabei haben?

A: Seine Neugierde, seine Bereitschaft, „weltwach“ zu bleiben. Hat der Mensch das eingepackt, ergibt sich alles andere auf ganz natürliche Weise.

Viele kommunizieren beim Reisen ständig mit Freunden, teilen Fotos im Internet. Hast du einen Instagram-Account (Ich konnte keinen finden). Warum bist du als Vielreisender und Erfolgsautor nicht schon längst Influencer?

A: Weil ich „schauen“ will, die Frauen und Männer sehen, die an mit vorbeigehen, weil ich die Welt um mich wahrnehmen will, weil ich „da“ sein will, weil ich es nicht ertragen würde, rastlos unterbrochen zu werden. Weil ich meine Freunde pausenlos mit meinen Pipi-Nachrichten belästigen will. Aber ja doch: Das Handy-Wichtigtuer-Syndrom habe ich verpennt. Auch das endlose Posten meiner ungeheuren Wichtigkeit, haha. Das so anstrengende Gefühl, unentbehrlich zu sein, kam nie bei mir nie an. Ich bin grundsätzlich nicht – sofort – erreichbar. Doch nie überfällt mich die Furcht, dass sich die Erdachse nicht weiterdreht, weil die Verbindung zu mir unterbrochen ist. Sie dreht sich weiter, wie beruhigend. Statt wichtig zu sein, kann ich Dinge tun, die mir wichtig sind.

Du kommst bei deinen Reisen immer wieder mit Ungerechtigkeit und Elend in Berührung. Wie gehst du damit um. Verzweifelt man da als Humanist nicht irgendwann?

A: Ich vermute, dass jeder, der noch imstande ist mitzufühlen, in seelische Turbulenzen gerät, wenn er sieht, wie andere, viele andere, in Sack und Asche leben. Auf der anderen Seite, Achtung: Sich nicht als Schreiber als moralische Anstalt herauszuputzen! Uff, unerträglich dieses Betroffenheitsgetue, so verlogen. Als Beispiel eine kleine Episode aus Mexiko: Vor mir im Bus saß ein Paar, und er – vielleicht 40, dem Akzent nach wohl Spanier – erzählte seiner Begleiterin im Brustton des hochmoralischen Bannerträgers von den sozialen Missständen hier im Land. Man hörte, was er sagte, und man hörte, wie ergriffen er von sich selbst war: Schaut nur, wie edel ich rede. Ach, es war eine herrliche Szene – die nächste, so simpel und so wahrhaftig: Bei einem Stopp kam eine junge Indigene herein und bot ihr Kunsthandwerk an, Armbänder und kleine Accessoires. Und unser Mann, nennen wir ihn Pepillo, griff zu. Und die Maske fiel, in Sekunden wandelte sich der hehre Held für mehr Gerechtigkeit auf Erden zum beinharten Feilscher. Es ging um umgerechnet eineinhalb Euro, die er weniger zahlen wollte. Und weniger zahlte. Was mich am meisten erstaunte: Er sah die Lächerlichkeit der Situation nicht, sah nicht das riesige Loch zwischen dem, was er hoheitsvoll verkündet hatte, und dem, was er schäbig tat.

In Deutschland wird mit der AfD eine Partei immer stärker, die für eine durchgängige Mauer zwischen Österreich und Bayern eintritt. AfD-Kandidatin Ebner-Steiner fordert das zumindest in einem Interview. So eine Forderung lässt einen ratlos zurück. Was kann jeder einzelne, weltoffene Mensch man gegen solche Dummheiten machen?

A: Der Einzelne könnte dem Rat meines Zenmeisters folgen, der mir im Umgang mit anderen empfahl, ob nun Zweibeiner oder Einbeiner, ob nun gelb oder bleich, ob nun herrlich gewachsen oder eher krumm: „Just stay fucking normal“, sprich, mach dich nicht wichtig, übe dich in Respekt, plustere dich nicht auf, zäune dein Ego ein. Jeder könnte versuchen – im Gegensatz zur Vollgermanin Ebner-Steiner –, den Satz des amerikanischen Autors Henry James auswendig zu lernen: „Drei Dinge sind im Leben wichtig, erstens, freundlich sein, zweitens, freundlich zu sein, drittens, freundlich zu sein.

Fliegen und in ferne Länder zu reisen ist viel einfacher und leistbarer geworden. Du reist seit 30 Jahren hauptberuflich. Wie beurteilst du die Entwicklung?

A: Grauenhaft, der Massentourismus ist eine der Todsünden, die beim Vernichten der Erde mithilft. Ungeheure Landschaften verschwinden unter Betonwüsten. Die Wachstumsnarren träumen schon von 2040, wo sich – spätestens – der Flugverkehr verdoppelt hat. Ich bin leider mit meinen Büchern mitschuldig. Auch wenn ich von einer anderen Art zu reisen schreibe.

Du gibst dich bei Reisen oftmals als eine andere Person aus, schlüpfen in unterschiedliche Rollen. Gibt es eine Lieblingsrolle?

A: Aber ja doch, am liebsten bin ich amerikanischer Filmschauspieler. Aus verschiedenen Gründen: weil ich schon vor Jahren von Fremden mehrmals darauf angesprochen wurde, sprich, sie mich angeblich in einer amerikanischen Serie haben auftreten sehen. Das gefiel mir, zudem habe ich an New York University studiert, ich kann den amerikanischen Akzent, zudem liebe ich Kino, kann also stundenlang über das Thema schwadronieren, käme nie in Verlegenheit, wenn einer daherkäme und an „meinem“ Beruf zweifelte.

Welche Rolle würdest du gerne mal auf einer Reise spielen?

A: Das wäre Tyll Eulenspiegel, der sagenhafte „trickster“ aus dem vierzehnten Jahrhundert. Ein Listiger, dem viele Mittel (immer gewaltlose) recht waren um die Realität hinter all den Masken zu entdecken. Zu seinen Lieblingsopfern gehörten die Pfaffen, denn Religion eignete sich schon damals vortrefflich, um als Scheinheiliger unheilig zu leben. Aber Tyll war nie Rächer und Töter, nur immer Schelm, der allen Weihrauchtiraden misstraute. Ein Menschenfreund, der einiges riskierte, um die Freunde von den Feinden zu unterscheiden.

Der unaufhörliche Antrieb auf der Suche nach Geschichten. Du erklärst diesen Antrieb oftmals einfach damit, dass du Geld verdienen musst. Du könntest ja auch andere Bücher schreiben… Ist es also tatsächlich nur das Geld?

A: Aber natürlich ist es nicht „nur“ das Geld. Ich wehre mich nur gegen hehre Antworten wie „ich schreibe, um der Welt den Spiegel vorzuhalten“ oder, noch grausiger, „ich schreibe, um die Welt bewohnbarer zu machen“, aua, aua. Es gibt viele Gründe, hier noch ein ganz schlichter: Ich kann nicht anderes! Nimm mir das Talent zum Schreiben und ich werde Sandler im 9. Bezirk (den liebe ich besonders) in Wien. Zum Teufel, muss ich es tatsächlich erwähnen: Gibt’s was Herrlicheres auf Erden als Reisen und Schreiben?

Michael Schottenberg hat in einem Interview mal über dich mal gesagt, dass es besser war, dass du aufgehört hat, mit dem Schauspielen. Siehst Du das ähnlich?

A: Ach, der Schotti, den ich liebe, denn er hat diesen Wiener Schmäh wie keiner weit und breit. Aber ja, er hat esnoch sehr diplomatisch in den Interview ausgedrückt, er meinte, ich wäre „nicht sehr gut“ gewesen. Das ist gelogen, denn ich war das Schiimmste, was einem kreativen Menschen passieren kann, ich war mittelmäßig. Ich war nicht einmal beeindruckend schlecht, war nur so mittendrin, unerheblich.

Michael Schottenberg, schreibt nun auch Reisebücher. Hast du schon mal eines von ihm gelesen?

A: Noch nicht, aber ich muss, denn er droht, mit mir Schluss zu machen, wenn ich es nicht tue. Ich zögere, mit Recht, denn er hat mich schon als Schauspieler an die Wand gespielt, ich will nicht schon wieder verlieren müssen.

Du reist immer alleine. Mit wem würdest du gerne einmal verreisen?

A: Niemanden, weil du als Allein-Mensch auf Reisen einfach wacher ist, unabgelenkter, sensibler, geforderter, auch „verfügbarer“, will sagen: Ich kann in jeder Sekunde das tun, was ich für richtig halte, kann – ohne Diskussion – auf eine Situation reagieren. Ich bin ja als Reporter unterwegs, ich muss schuften, muss Stories finden, darf nicht trödeln. Das hindert mich nicht, auf Reisen jemanden kennenzulernen, der mir gefällt und mit dem ich ein paar Tage zusammen bin. Allein sein ist schön, bisweilen zu zweit sein ist schön. Die Abwechslung ist entscheidend. Immer allein ist scheußlich, immer zu zweit sein noch scheußlicher, haha.