Dies beschissen schöne Leben

Geschichten eines Davongekommenen

Dies beschissen schöne Leben - Geschichten eines Davongekommenen

Dies beschissen schöne Leben

Vorwort:

Das wird ein seltsames Vorwort. Hier will der Autor dem Leser vom Buch abraten. Sagen wir, dem falschen Leser. Das wäre im vorliegenden Fall der moralisch einwandfreie Zeitgenosse, der zartnervige, der genitalzonenfreie, der von aller kriminellen Energie erlöste, jener eben, der gern zum »guten Buch« greift. Hier greift er daneben.

Die Schlauen unter uns werden mich sogleich entlarven. Als einen Trickreichen, der hier scheinheilig falschen Alarm schlägt, um die Erregungsindustrie anzukurbeln. Ach Gottchen, wenn es nur so wäre. Nein, mein Warnschuss hat Gründe.

Ganz nah ran, hieß die Devise. Manchem ist das zu nah. Nichts wird hier »überhöht«, nirgends taucht eine »Metaebene« auf, nicht eine Zeile Literatur. Nur Geschichten, die ich erlebt habe, bescheidener formuliert: die mir widerfuhren. Bin eben nur Reporter. Bin sklavisch abhängig von der Realität, von dem, was mir die Welt an Geschenken und Zumutungen überlässt. Und die »reportiere« ich, schreibe sie auf. Schenkt mir die Welt nichts, bin ich am nächsten Tag arbeitslos. Denn noch nie lag ich im Bett und der Plot eines Romans kam über mich. Bis jetzt kam nie etwas, sprich: Immer musste ich das Bett verlassen und »leben«, jeden Satz dieser Seiten »erleben«.

Ich vermute, dass ich diese »Erlebnisse« wohl meiner Jugend verdanke. Über die ich in »Das Scheißleben meines Vaters, …« berichtet habe. Anders gesagt: Meine Lebenswut hat Wurzeln. Wie Trotz, wie Aufmüpfigkeit, wie den unwiderruflichen Schwur, alles anders zu machen, als es mir eingebläut wurde. Meine Geschichten, meine Sprache erzählen ganz nebenbei auch davon, wie Verwundungen und Schmähungen – erfahren an Leib und Seele – zu einem umtriebigen Leben anstacheln können. ( … )

CELESTE

Liebe soll etwas Verbotenes haben. Das schärft die Wachheit, das Wissen um ihre Verletzbarkeit. Liebe ist ein Geschenk an die Tapferen. Hört die Tapferkeit auf, geht die Liebe weg. Fast ein Jahr lang war Celeste dazu bereit. Heimlich und mutig hielt sie durch.

Als wir uns zum ersten Mal trafen, kam die Amerikanerin gerade aus Malaysia zurück. Mit einem kleinen Umweg über ihren Gynäkologen. Sie wollte wissen, ob sie schwanger war. Von ihrem Freund, mit dem sie in Asien unterwegs war. Und mit dem sie gemeinsam in Paris lebte. Celeste arbeitete als Reporterin, er als Fotograf. Der Befund war negativ. Wäre es anders gewesen, sie hätte es ebenfalls akzeptiert. Sie mochte den Mann.

Einer ihrer Arbeitgeber hatte ihr von mir erzählt. Er wollte, dass sie intensiver schreiben lernte, sie wollte das auch. Und so erwähnte der Mensch meinen Namen. Am nächsten Tag rief Celeste an, sagte »Hi« und den Grund, warum sie mich sprechen wollte. Ihre freche Neugier war bestechend, wir verabredeten uns.

Eine knappe Stunde lang saßen wir im Café Le Bastille. Mir fiel auf, wie attraktiv sie war. Kein hübsches Collegeface, nein, ein richtiges Frauengesicht. Good talking. Sie schien intelligent, vif, fleißig. Und auf lässige Weise bescheiden. Da ich keine Ahnung hatte, wie jemands Kunst des Schreibens zu verbessern, zitierte ich einen Großmeister. Henry Miller gab jedem den energischen Rat, es ordentlich mit der Sprache zu treiben. Henry, wörtlich: »Du musst sie jeden Tag ficken, sie watschen und auf den Kopf stellen, sie von vorn und von hinten stoßen. Dann, vielleicht, wird sie Laute von sich geben, die überraschen.«

Celeste verkraftete den Satz, notierte ihn sogar. Als wir uns verabschiedeten, war ich nicht sicher, ob Millers Bemerkung nicht eine Spur zu heftig geklungen hatte. In der Metro wusste ich plötzlich, warum ich ihn ausgesprochen hatte. Ich wollte die Frau provozieren, ihr das Schreiben ausreden. Ich zweifelte an ihrer Stärke, an ihrem Willen, für den Weg zur Spitze stark genug zu sein. Sie schien mir zu versöhnlich, nicht im Besitz dieses Feuers, das gefräßig genug in ihr loderte: damit sie eines Tages bereit war, für alles zu bezahlen. Denn nur wer lodert, hat das Recht zu schreiben.

Seltsamerweise rief sie ein paar Tage später wieder an, schlug den Besuch einer Lesung mit Doris Lessing vor. Wir gingen ins British Council. Sie hörte aufmerksam hin, notierte wieder, erinnerte sich hinterher an hundert Details. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich mit einer schönen Amerikanerin durch Paris schlenderte, um ihr beim Reden über Doris Lessing zuzuhören. Während des Sushi-Essens erwähnte sie mehrmals ihren Freund, sprach gut und sanft von ihrer innigen Beziehung. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, dass sie die Innigkeit einmal zu oft erwähnte. Als wollte sie mir signalisieren, mich in keine falschen Hintergedanken zu verirren.

Ich musste für drei Wochen verreisen. Bisweilen erinnerte ich mich an Celeste. Ohne sie zu begehren und ohne von ihr zu träumen. Aber ich mochte den Gedanken an jemanden, der Sprache liebte und nach ihr suchte. Zu ihrem Geburtstag schickte ich ihr zwei Zeilen aus einem Rilkegedicht: »Gib deine Schönheit immer hin / ohne Rechnen und Reden. / Sie spricht für dich. Und sagt: Ich bin.« Mit dem Feuer spielen, das wollte ich schon. Dachte ich.

Noch zweimal sahen wir uns. Dann wurde ich nervös. Entdeckte ich doch etwas Drittes an ihr: Wärme. Kein kaltes Großstadtweib flanierte da neben mir, kein nachdrücklich gepflegter Body mit einem frigiden Herz. Celeste war ein warmer Mensch. Auch das noch.

Dennoch, ich war noch immer guten Willens, das Schwärmen auszuhalten, nichts zu versuchen, um die Träume in die Wirklichkeit zu zerren. Außerdem gab es da einen anderen Mann. Ich wollte phantasieren, nicht sündigen, nicht eindringen.

Sie fing wieder an, jetzt das zweite Mal. Das Telefon klingelte und Celeste verkündete, dass sie umgehend bei mir sein würde. Punkt. Dann hängte sie ein. Dreißig Minuten später betrat sie meine Wohnung und legte sich auf den Futon. Ohne ein Wort der Erklärung.

Kein Handgriff ging mir daneben. Ich verdunkelte etwas, machte Tee, massierte behutsam ihre Stirn. Täuschte sie doch ein leichtes Kopfweh vor. Instinktiv begriff ich, dass es sich um einen Test handelte. Ein schneller Fick war das letzte, was sie sich bei mir abholen wollte. Sie spionierte mich aus, suchte nach Indizien, ob ich grundsätzlich als Mann in Frage käme.

Der Fotograf war noch immer ihr Freund, noch immer lieb, noch immer wichtig. Aber er war das, was die Franzosen »mou« nennen, matt, etwas träge. Zudem ein Schweiger. Kein Teilnehmer, kein Widersprecher, kein Sucher. Nie sprach sie gemein über ihn, aber aus ihren Nebensätzen war unschwer zu erraten, was den beiden fehlte. Eben Leidenschaft, crazyness, so ein heftig sprudelndes Gefühl, verliebt zu sein. Die erste bürgerliche Todsünde – ranzige Routine – hatte die zwei bereits infiziert.

Wir beide waren neu füreinander, wir blühten. Eine schwer zu stillende Sucht nach Kommunikation brach aus. Unter dem Deckmantel der Liebe zur Sprache konnte sie das vor sich, so vermutete ich, rechtfertigen.

Wir trafen eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen. Sieben Minuten von ihrer Wohnung entfernt gab es ein Postamt, bei dem sie meine Briefe an sie abholte. Wollte ich sie telefonisch sprechen, ließ ich es einmal läuten. War sie allein, rief sie zurück. Hob der Fotograf ab, war ich der harmlose Alex, ein mit amerikanischem Akzent plappernder Computerfreak, der Celeste ein neues Programm verkaufen wollte. Oder wir faxten. »Früher gab es Liebesbriefe, heute gibt es Liebesfaxe«, kritzelte ich einmal. Sie antwortete nicht, die größeren Wörter waren ihr suspekt.

Kurz nach Mitternacht, schon im Bett liegend, begannen unsere pillow talks. In Paris lagen drei Kilometer zwischen unseren Köpfen, außerhalb von Paris manchmal der halbe Erdumfang. Das Ritual war jedes Mal unaufschiebbar, denn einer von uns hatte tagsüber einen Satz, ein Wort gefunden, worüber jetzt unbedingt geredet werden musste. Bisweilen endeten unsere nächtlichen Diskurse mit dem Geräusch eines blitzschnell aufgelegten Telefonhörers. Der Fotograf war in ihr Schlafzimmer gekommen.

Nach einem dieser Gespräche – ich lag gerade auf einem amerikanischen Kopfkissen – fingen meine Schmerzen an. Ich hatte mich verrechnet. Dass der Fotograf über so ungehinderten Zugang zu ihrem Bett verfügte, verwundete mich plötzlich. Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen, ihn zu übersehen, ihm die eher unerotische Aufgabe zukommen zu lassen, sich um den täglichen Grind der Beziehung zu kümmern. Mir wollte ich die Höhepunkte reservieren. Jetzt beschloss ich, den Fotografen zu besiegen. So phantasierte ich.

Ich rannte los. Mit Hilfe der Weltliteratur besang ich ihre Schönheit. Mit Hilfe meiner Versessenheit machte ich ihr den Hof. Wenn ich irgendetwas von dieser Frau begriffen hatte, dann ihr Verlangen nach einem Mann, der verrückt nach ihr war. Ihr Freund war nicht verrückt. Er war nice.

Es fiel leicht, von dieser Frau zu singen. Natürlich bin ich Opfer moderner Schönheitsideale: die glatte Haut, die weiblichen Formen, das schöne Gesicht. Doch davon laufen Heerscharen durch Paris. Aber Schönheit wirft mich erst dann um, wenn hinter dem »visage« ein Hirn fiebert. Wenn in den graugrünen Augen Neugier funkelt, so eine Sucht nach Welt und Wissen und Sprache. Sie hatte das, was ein französischer Schriftsteller »la troisième pensée« nannte: die Fähigkeit, blitzschnell zu kombinieren und aus einem ersten und zweiten Gedanken einen dritten, einen neuen, einen überraschenden, zu formulieren.

So besaßen wir nur noch ein Problem: ihren Argwohn. Sie selbst nannte sich eine »one man woman«, eine Frau, die nur zu einem Mann gehören wollte. »You only«, alle anderen Formulierungen ließen sie kalt. Ich aber, so spottete sie, sähe anders aus, bestimmt nicht wie ein »one woman man«. Ich ging nicht darauf ein. Ich hatte noch immer keine Ahnung von den Abgründen ihrer Angst.

Vier Monate nach ihrem ersten Hi begann mein Siegeszug. Der Fotograf war ohne sie unterwegs und Celeste allein in Paris. Ich entführte sie und fuhr mit ihr auf ein Schloss nach Chantilly-Gouvieu, eine halbe Stunde außerhalb der Hauptstadt. Zwischen den elegantesten Rennpferden der Welt und einem Märchenwald stand ein Hotel, das mir exquisit genug erschien, um in einer der Schlosskammern unsere erste Nacht zu verbringen.

Wir nannten sie später »the blue night«, weil der hellblaue Nachthimmel durchs Fenster leuchtete. Natürlich lagen wir an allen Körperteilen angezogen im Bett. Immerhin ließen wir unsere Lippen frei, so war lange Zeit, um alle in den letzten hundertzwanzig Nächten versäumten Küsse nachzuholen.
Zwei Tage später landete ich in Kabul. ( … )

DER DIEB / Eine Liebesgeschichte

( … )

C., der jüngste Sohn der Familie, kam mir zu Hilfe. Gleich dreifach, denn ihm ist es zu verdanken, dass ich mich nun zu einem wahrhaft talentierten Dieb entwickelte. Und in seiner Schuld bleibe ich bis ans Ende meiner Tage: für die Tatsache, dass aus mir, dem Zwanzigjährigen (sicher kein Frühbegabter) ein Langfinger mit einem höheren Ziel wurde, ja ich – schier unnennbar seine Verdienste – meinen Beruf fand und eines Tages von dem leben konnte, was ich liebte. Das klingt hochdramatisch, wenn man bedenkt, dass C.s Hilfestellung nur darin bestand, lesend in einem Sessel zu sitzen und mir zwei einfache Fragen zu beantworten:

»Was liest du da?«

»Liebe ist nur ein Wort, von Simmel.«

»Wie ist es?«

»Sehr gut, musst du unbedingt lesen.«

Dann verstummte er wieder, sein Schweigen war aggressiv, ich spürte, dass er sich weitere Fragen von einem notorischen Nichtleser verbat. Wahrscheinlich empfahl er mir das Buch, damit ich den Mund hielte und ihn nicht weiter belästigte.

Irgendwann sollte ich ein Gedicht von Erich Fried in Händen halten, in dem der Dichter von Leuten spricht, die aus Langeweile einem halben Dutzend Fliegen die Beine ausreißen und bald darauf, wieder gelangweilt, Menschen umlegen. Ich hatte Glück, ich ging in die nächste Buchhandlung und kaufte Liebe ist nur ein Wort.

Der Fairness halber müssen noch die St.-Pauli-Nachrichten erwähnt werden. Die letzten acht Wochen vor Weihnachten war ich als Schichtarbeiter bei der Post beschäftigt. Da ich keine feste Adresse hatte, teilte ich mit drei anderen Postlern ein desolates Hotelzimmer. Die einzige Lektüre, die herumlag, waren die Nachrichten aus St. Pauli. Leider gelang es mir nie, sie zu lesen. Die Seiten klebten.

Das stimmte mich verdrossen. Wegen des entgangenen Blicks auf Hamburger Titten, aber auch, weil ich für Augenblicke das so gründlich verschollene Verlangen spürte zu lesen. Und wären es die Sprüche von Tussis und Machos gewesen. Dennoch, ein noch schwacher Trieb meldete sich da, keineswegs stark genug, mich hinunter auf die Straße zu treiben und eigenes Geld für Lesestoff auszugeben. Dass es nun tatsächlich dazu kam, war wohl einzig C. zuzuschreiben.

Unerforschliches Menschenherz. Dass ausgerechnet Johannes Mario Simmel mir das Lesen beibringen sollte, schon überraschend. Liebe ist nur ein Wort beendete ich am übernächsten Nachmittag. Da mir der Deutschunterricht am Gymnasium nur verschwommen in Erinnerung geblieben war – eingeschläfert vom Nachzählen anfälliger Trochäen und Jamben–, schien ich außerstande zu sagen, ob dieser Roman rasant geschrieben war oder eher brav, eher solide.

Egal, das Simmelbuch gefiel mir, die Story nahm mich mit. Die Zubereitung, die Sprache, schien mir nicht wichtig. Erst ein paar hundert Bücher später, erst nachdem ich Emil Staigers Provokation »Form ist der höchste Inhalt« gefunden hatte, begriff ich, warum Simmel ein guter Schreiber war. Aber kein Meister, keiner, der einen Satz hinlegte, nach dessen Lektüre man die nächsten zehn Minuten nur lautlos dasaß. Und die Wucht der Zeilen genoss.

Fest steht: Dank C. und Simmel schoss ich von Null auf Leseratte. Und damit zurück zur Geschichte eines Kriminellen. Denn ab jetzt galt es zwei Süchte, zwei Sehnsüchte, zu stillen: die alte Lust auf den Kick und die brandneue auf gebundene Buchdeckel. Ausleihen kam nicht in Frage. Ich hatte mir umgehend angewöhnt, Anmerkungen an den Rand zu kritzeln, Wörter zu unterstreichen, meinen eigenen Senf zu hinterlassen.

Was für eine schwachsinnige Rationalisierung! Was zählte, war – genau so – das immer wieder begeisterte Hinsehen auf eine rasch wachsende Bibliothek. Ich fing an zu begreifen, dass Bücher als Wächter gegen Schwächeanfälle und Feigheiten taugten, als Heilkraut gegen die Schrammen täglicher Bosheiten, als Flammenwerfer gegen die Verwüstungen einer vollkaskoversicherten Windel-Gesellschaft.

Ein von Lustgefühlen begleiteter Teufelskreis begann. Sobald ich Papier sah, fing ich Feuer. Und um dieses Feuer zu löschen, benötigte ich wiederum Papier, viel Papier, viele Bücher.

Ich arbeitete mich ein, wusste sogleich, dass es sich um ein langfristiges Projekt handelte. Wo immer ich wohnte, inspizierte ich zuerst die vor Ort befindlichen Buchläden. Wo ließ sich am gefahrlosesten einpacken? Wie viel Personal gab es? Mehr Frauen, mehr Männer? Wann war Mittagspause? Wo in den Büchern versteckte der Buchhändler die Antidiebstahl-Sensoren?

Dann suchte ich – in einer Nachbarstadt, aus Sicherheitsgründen – einen Schneider. Ich wollte es halten wie die Indianer, erstes Gebot: Hände frei! Und ohne Aktentasche und Rucksack antreten. Denn nichts sieht an solchen Orten verdächtiger aus als ein Gegenstand zum Abtransport von Büchern. So erklärte ich dem Schneider, dass ich unter Bandscheibenproblemen litte, keine Trageriemen aushielte und deshalb – am Innenfutter befestigt – je vier Spezialtaschen benötigte. Per Hand eingenäht in das von mir mitgebrachte Harris-Tweed-Jackett (dicker Stoff, geräumig) und den ebenfalls von mir gelieferten Mantel: ein schwarzledernes Ungetüm aus dem Zweiten Weltkrieg, schwer und belastbar.

War die Maßarbeit fertig, stellte ich zu Hause einen mannshohen Spiegel auf, frisch vom Sperrmüll geholt. Ich begann zu trainieren: die kleinen wendigen Bewegungen, um ein Buch von einem Regal in eine circa fünfzig Zentimeter entfernte Jackentasche zu befördern. Unauffällig, also in Windgeschwindigkeit. Viermal in Windgeschwindigkeit, weil ja vier Taschen existierten. Im Winter sogar acht, denn dann kam ich mit dem Mantel vorbei. Da die eingenähten Schlupflöcher verschieden breit und tief waren, musste ich ein Gefühl für ihre jeweilige Größe bekommen. Um blindlings zu wissen, welches Buch wo hineinpasste. Einmal sich verschätzen, konnte für immer das Aus bedeuten.

Irgendjemand hat einmal behauptet, es gäbe nur zwei Sorten von Menschen – Professionelle und Amateure. Ich wollte beides sein: ein fehlerloser Profi und ein amateur im französischen Wortsinn, eben ein Dilettant mit Hingabe. Da ich inzwischen Student an einer Schauspielschule war, schienen die Voraussetzungen gegeben, lange und erfolgreich als gewiefter Klauer zu überleben. Den eifrigen Bücherwurm vorführen und simultan als schamloser Entwender unterwegs sein, das schien eine herausfordernde Doppelrolle.

Ich musste hart arbeiten, ich spürte, dass ich nicht cool auftrat, nicht souverän genug, nicht wie ein unbescholtener Mitbürger, der hintergedankenlos eine Buchhandlung betrat. Ich beobachtete mich zu sehr, verlor alle Nonchalance, war nicht der saloppe Hallodri, der kurz hereinschaut, um sich auf Lebenszeit ein paar Bände auszuleihen. ( … )

DER COUP

Die Reise ist gepumpt. Wie so oft. Dieses Mal mit fünftausend Mark Schulden nach Asien. Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland, auf dem Schiff nach Japan und Korea. Knapp zwei Monate sind wir nun unterwegs und der Gedanke lässt sich nicht mehr verdrängen: Wenn ich zurück nach Europa komme, ist Zahltag. So ist es versprochen und ich will Wort halten.

Als die Boeing 747 auf dem Kai Tak-Flughafen landet, beginnt der Countdown. Hier in Hongkong ist unsere letzte Station. Fünf Tage sind jetzt Zeit, um nicht mit leeren Händen nach Hause zu fliegen. Diese Stadt hat eine Menge krimineller Energie. Das macht die Sache leichter. Die Möglichkeiten, unbefugt an Geld zu kommen, sind durchaus vorhanden.

Cathy und ich wohnen auf dem Mount Davis, im äußersten Eck von Hongkong Island. Ganz oben steht eine Jugendherberge. Mit zehn versauten Toiletten und einem nächtlichen Paradiesblick auf das lichterglitzernde Meer. Typisch Hongkong, Himmel und Fegefeuer liegen haarscharf nebeneinander. Blühende Frauen und sabbernde Irre, stinkende Hitze und wohltemperierte Restaurants, plärrende Kofferradios und die Weihrauchstille buddhistischer Klöster.

Nichts, was ich sehe, lässt mich unberührt. Alles, was ich registriere, durchläuft in meinem Hirn ein bestimmtes Raster: Eignet sich dieses Haus, dieser Platz, diese Straße, um gesetzwidrig und erfolgreich tätig zu werden? Wo befindet sich der rechte Ort, um Unrecht zu tun? Wo wartet eine reelle Chance, um sich unbürokratisch und zügig zu bereichern?

Das Unternehmen macht nur Sinn, wenn ich professionell arbeite. Rudel von Ganoven sind in dieser Stadt zugange. Alle auf dem Sprung nach dem schnellen Geld. Aber viele schludern. Mit Endstation Wasser und Brot. Verbrechen ist hier ein anstrengendes Geschäft. Die hiesige Polizei gilt als brutal und effizient. Jedes Alibi ist grundsätzlich verdächtig, jeder grundsätzlich Täter. Ich lerne den Satz auswendig, um mich beharrlich daran zu erinnern.

Ich gestehe, hinter aller Notwendigkeit lauert ein starkes Gefühl: die Sucht nach dem Stachel, das Spiel mit der Angst. Immer wieder diese innig gesuchten Momente des schnellen Herzschlags. Diese Lust auf Abwege, dieses geradezu kindische Vergnügen, »böse« zu sein.

Ich gehe nicht über Leichen. Aber über Leichtverletzte, das schon. Denn verbotenes Geld – genauer gesagt, der Weg dorthin – hat einen berauschenden Geruch. So sind die fünf Riesen nur äußerer Anlass, nur die brauchbare Rationalisierung einer ungesetzlichen Tat. Etwas, mit dem ich mich meines Lebens vergewissere. Das Risiko als Lebensversicherung, wie schwindelerregend wahr.

Nach vier Tagen entscheide ich mich für den Tatort. Bisher favorisierte ich das Hafenviertel Aberdeen mit seinen Dschunken und Sampas. Dort gibt es eine Menge Gassen, verwinkelt, verwirrend, irreführend. Genau richtig – und doch: zu betriebsam, nicht diskret genug, keine zwanzig Sekunden ohne lästige Menschenaugen.

Viel einsamer, viel leerer scheint – seltsam nur, dass es mir nicht eher auffiel – die schmale Straße hinauf zum Mount Davis. Als ich am vorletzten Abend die Strecke mit dem Taxi nach oben fahre, trifft mich die Entdeckung wie ein Satori: Hier ist es. Hier ist es finster, verlassen, versteckt hinter Felsen und Sträuchern.

Cathy bekommt einen Heulkrampf. Morgen soll die Sache steigen und ich ändere noch um Mitternacht Schauplatz und Zeitplan. Das Ding drehe ich allein. Um sie nicht zu gefährden. Meine Freundin wird aber wichtige Zulieferdienste übernehmen, die manches erleichtern. Immer wieder hatten wir eine Reihe denkbarer Varianten besprochen, Vorteile und Fehlerquellen. Und immer wieder hatte mich dabei ein Gefühl der Unsicherheit überkommen, die Erkenntnis, dass zu viele Fragen offenblieben, dass zu viele weiße Flecken den Plan bedeckten, dass zu viele Faktoren von Glück und Zufall abhingen. Cathy hält meinen letzten Vorschlag für nicht besser. Im Gegenteil, mehr Erfolgschancen hätten noch immer die hundert Gassen von Aberdeen. »Das ist doch Wahnsinn! Noch vor einer Stunde war alles haargenau festgelegt und jetzt, mitten in der Nacht, fällt dir etwas Neues ein.«

Ich spüre die eigene Anspannung, will nicht mehr diskutieren und bestehe darauf, dass ich recht habe. Ab sofort bin ich unbelehrbar. Plötzlich die Sicherheit, dass meine Entscheidung richtig ist. Cathy, in außergewöhnlichen Situationen stark und belastbar, murrt nicht weiter, die letzten zornigen Schluchzer verebben. Sie zieht den Schreibblock heraus und macht Notizen, sagt nichts Gutes, nichts Schlechtes, verspricht Unterstützung. Ich mag ihre Kraft. Bedrückt gehen wir schlafen, Frauenschlafsaal, Männerschlafsaal. Der Wecker läutet um sechs Uhr. Draußen ein strahlender Sonntag. Der Tag des Coups. (…)

SIEBEN NÄCHTE IM CENTRAL PARK

Sommer in Manhattan. Es war kurz nach ein Uhr nachts und ich starrte hinunter. Unten lag Joe. Wir beide, Joe und ich, lebten damals in New York. Eine Zeitlang teilten wir uns dieselbe Adresse: 860 Fifth Avenue. Eine feine Gegend. Joe schlief auf einer Holzbank. Rechts von ihm die teure Straße, links von ihm der dunkle Park. Ich schlief im Bett meiner reichen Freundin, zwölf Stockwerke höher. Kaum hörte ich den gleichmäßigen Atem von Debra, schlich ich hinaus auf den Balkon. Und immer lag Joe da, vielleicht dreißig Meter entfernt. Der Alte beruhigte mich. Die Zuverlässigkeit, mit der er vor dem Haus Quartier bezog, war ergreifend. Sein Kopf steckte in einer Schachtel mit der Aufschrift: »Fragile / Handle with care!« Eines Nachts holte ich aus dem Kühlschrank ein Budweiser six-pack, läutete nach dem liftman und fuhr hinunter. Sacht weckte ich Joe und fragte ihn aus. Er war der erste, der mir schmutzige Geschichten über den Central Park erzählte.

Sechs Jahre später kehre ich nach New York zurück. Die feuchte Hitze und die Holzbank sind geblieben, Joe und Debra waren jedoch verschwunden, unbekannt verzogen. Wieder ist es ein Uhr nachts und diesmal liege ich auf der Bank. Eine Viertelstunde lang bin ich sorglos und schlafe ein. Joe war mutiger. Neun Stunden pro Nacht verbrachte er hier unbekümmert und bewusstlos. Dann stieg er über die flache Mauer, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Schnorren, jammern, Abfallkörbe sondieren. Abends war er satt, besoffen und pleite. Selig legte er sich nieder. Sein Mut hatte Gründe. Wer ihn beklaute, musste ihm schon das Leben rauben. Alles andere an ihm war wertlos.

Ich bin nicht Joe, sehe nicht aus wie jemand, der sich seit neunzehn Jahren vom Müll der anderen ernährt. Ich darf mich also fürchten, auch wenn der aktuelle Polizeibericht das grüne Viereck, immerhin 120 Millionen Quadratmeter, als (relativ) harmlos ausweist, sprich, ein paar Ecken weiter zielgenauer zugestochen und abgeschossen wird. Zudem bin ich ein eher ängstlicher Typ. Schon in der ersten der sieben Nächte, die ich im Park verbringe, werde ich daran erinnert.

Von der Bank gehe ich zum Loeb Boathouse. Tagsüber funktionierte es noch als sonnenüberflutetes Terrassencafé, wo »Master« Tom Young eine Mind Relaxing Chi Gong Massage verabreichte. Schöne Frauennacken und virile Männerschultern drängelten nach Entspannung. Jetzt drängelt niemand, nichts strahlt, ich bin allein unter einem neumondfinsteren Himmel. Absolute Stille. Nur einmal höre ich das Luftschnappen eines Fisches. In einer von atemloser Frenesie getriebenen Stadt ist das ein erhabener Augenblick. Bis es knackst. Meine Augen schnellen herum und ahnen ihn kommen. Den Schatten. Will einer den perfekten Mord begehen, hier ist der rechte Ort, die rechte Zeit. Ich umklammere meine Trillerpfeife, schwerer bin ich nicht bewaffnet. Aber ich pfeife nicht. Zu absurd erscheint mir plötzlich ein solcher Laut. Zu gefährlich auch. Vielleicht panikt der Typ, schlägt härter zu als geplant. Ich höre mein Herz dröhnen. Kein Fehler meinerseits fällt mir ein. Außer Hemd, Hose, Schuhen und dem griffbereiten give away money – zwanzig Dollar – trage ich nichts am Leib. Dann kein Gedanke mehr, denn nur noch drei Meter von mir entfernt bewegt sich der Schatten. Und kommt näher. Und greift nach hinten, zieht ein dreißig Zentimeter langes Ding – »a knife«, blitzt es durch meinen Kopf – hervor, wirbelt es grausam lässig durch die Luft, fängt es cool wieder auf und (…)

WARUM REPORTER?

Jeden von uns plagen Träume. Sie entstehen wohl in der Zeit, in der wir Kinder sind. Wenn wir Teil der Welt werden und nach unserem Platz in ihr suchen. Hat einer Pech, dann wird er als Kloschüssel-Fabrikant aufsteigen und irgendwann mit allen Kloschüsseln an die Börse gehen. Andere Kinder sind weiser. Das eine will als Doktor ganz Afrika retten, das andere als Geigerin verzaubern, das dritte als Koch die Sinnenfreuden der Menschheit vermehren. Was auch immer ein Kind träumt, der Traum soll eines Tages Wirklichkeit werden, soll sein Leben vielstimmig und herausfordernd machen.

Da beginnt der Stress. Und er kann Jahrzehnte dauern. Oder immer dauern. Weil mancher, als Erwachsener, nie bei seinem kindlichen Wunschdenken ankommt. Einer wollte Pilot werden und landete auf dem Schreibtisch einer AOK-Filiale. Eine wollte ein Hotel führen und tippt Zahnbürsten und Karotten bei Aldi ein. Zwei wollten vor dreißig Jahren um die Welt segeln und schmieden noch immer Pläne. Warum ist das so? Warum gehen Träume vor die Hunde? Mangels Phantasie? Intelligenz? Glück? Talent? Unbedingtem Willen? Woher soll ich das wissen!

Das kurze Kapitel hier hat eine andere Aufgabe. Es will versuchen, auf die immer wiederkehrende Frage so mancher Leser zu antworten: Wie wird man Reporter? Oder anders formuliert: Wie kann man – wenn man sich denn vom Reisen und Schreiben das Glück verspricht – den real existierenden Lebensumständen, oft stumpfsinnig, entrinnen? Und wieder seinen Träumen nahkommen? Denn jeder spürt intuitiv: Wenn das Sehnen nie wahr wird, nie wirklich, dann frisst sich die Erinnerung (an die Sehnsucht) wie Säure ins Herz, verpestet wie Giftmüll das Denken.

Nein, muss nicht sein. Manchmal, ja oft sogar, verläuft sich die Säure, wird dünn, ätzt irgendwann nicht mehr und wandelt sich im Laufe der Zeit in ein diffuses Gefühl von Unzufriedenheit, von Frust. Der Traum stirbt diskret und der Träumer richtet sich in seinem traumlosen Leben ein. Hat sich mit den Umständen arrangiert und ein Arsenal von Ausflüchten zurechtgelegt. Um die Treulosigkeit zu rechtfertigen. Kurz, er hat die Utopie verraten, sie eingetauscht für etwas, das ihn nie begeistern wird.

Ob er (sie) verantwortlich ist für den Niedergang? Auch das kann ich nicht sagen. Fest steht: Aus Ex-Träumern werden Tote, diese Scheinlebendigen, die uns jeden Tag über den Weg laufen. Eher friedliche Zombies, die nichts mehr befeuert. Keine Vision, kein Taumel, kein Hunger, kein Sehnen nach einem anderen Dasein. Sie sterben jetzt, mitten im Leben, werden sacht und beständig vom Verlangen nach Bravsein und Mittelmaß erledigt. Ein Phänomen, das ich noch immer nicht verstanden habe. Hat doch jeder nur ein Leben, seines. Und er geht damit um, als gäbe es tausend Dinge, die kostbarer sind. ( … )

Noch eine heitere Fußnote. Ich kann sie mir nicht versagen, zudem gehört sie zum Kapitel. Denn ein Autor, der vorlaut Behauptungen aufstellt, tut gut daran, sie mit Fakten zu untermauern. Zur Sache: Wenn immer sich eine Gelegenheit ergibt, denunziere ich Paulo Coelho. Mindestens einmal pro Buch. Weil ich ihn für den Inbegriff jener Sorte Schreiber halte, die rastlos zur weltweiten Verdummung beitragen. Und da der Grad von Verblödung – unendlich viele versuchen, uns zu verblöden – täglich zunimmt, will ich meinen bescheidenen Beitrag leisten, indem ich ab und zu dagegen anstinke. Gegen ihn, gegen andere.

Zuletzt: Die Anekdote ist einfach zu außergewöhnlich, einfach zu beweiskräftig, um sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Sie ist der Kronzeuge, sie adelt alle meine bisherigen Warnrufe puncto PC, den Ex-Werbefuzzi. Vielleicht reagiert mancher nach der Lektüre dieser Zeilen ähnlich wie jene Leserin, die mir einst schrieb: „Ich habe mich wahnsinnig über Ihre abfälligen Bemerkungen über Paulo Coelho geärgert. Aber Wochen später hatte ich die Kraft, nochmals in seine Bücher hineinzulesen. Und siehe da, Ihr Gift hat gewirkt. Plötzlich wurde mir die ganze Seichtheit, der ganze esoterische Humbug bewusst, mit dem Coelho sein Pseudowissen verbreitet.“

Wie dem auch sei, hier kommt die Unglaublichkeit: Ich hatte eine Lesung in einer Buchhandlung. Volles Haus, Hausherr und Hausherrin und Publikum schienen zufrieden. Hinterher lud mich das Ehepaar zum Essen ein. Und jetzt erzählte der Mann, animiert durch eine vor mir vorgelesene Paulo-Coelho-Lächerlichkeit, einen bedenkenswerten Vorfall. Damit die Anekdote auch von Branchenfremden verstanden wird, hier ein paar Zusatzinformationen: Zwei Mal pro Jahr, Frühjahr und Herbst, schicken Verlage ihre Vertreter landesweit in alle Buchhandlungen. Damit sie die Neuerscheinungen anpreisen und somit den Buchhändler zur Bestellung ermuntern. Denn ein im Laden sichtbares Buch geht vielmals besser als ein unsichtbares.

An einem Tag war der Vertreter von Diogenes angekündigt. Ein hoch angesehener (Züricher) Verlag, der die Lizenz für die deutsche Ausgabe von Coelhos Büchern besitzt. Wie die meisten Verlagshäuser ist auch er zur so genannten Mischkalkulation verpflichtet: Man druckt berühmten Schrott, um die guten Autoren, die weniger zahlreich verkauft werden, zu finanzieren. Und der gemütliche Herr, fernab aller bissigen Polemik, zog Brida, den neuesten Coelho-Erguss, aus der Tasche, senkte die Stimme und sagte, unbezahlbar und aus allererster Hand: „Lieber (beep), dieses Mal kann ich mich nicht zurückhalten, jetzt müssen Sie es erfahren: Wir alle im Verlag wissen, dass Coelho gequirlte Scheiße schreibt. Und sich bestens verkauft. Ich bitte also um Nachsicht, wenn ich ihnen auch heute wieder Mist andrehe.“

DIE HINRICHTUNG EINER SCHÖNEN GELIEBTEN

Ich bin gern Durchlauferhitzer. So will ich von mir reden, das bietet Angriffsfläche, das provoziert, das erleichtert die Identifikation. Und erhitzt die anschließende Diskussion. Epikur meinte einmal, dass in einer geistigen Auseinandersetzung derjenige Sieger ist, der verloren hat. Weil er etwas Neues gelernt hat.

Ich verliere gern. Unter der Bedingung, dass ich hinterher reicher, sprich, geistreicher davongehe.

In diesem Essay werde ich Nachrichten an Redakteure vorstellen. Schriftlich abgefeuert von mir auf sie, nachdem ich mitansehen musste, wie Sprachbehinderte sich an meiner Arbeit vergangen hatten. Notwehrschreie an jene, die nicht schreiben können, dafür aber gern die Axt schwingen, um sprachliche Eleganz totzuschlagen. Mein Pamphlet soll sie denunzieren. Damit sie ihren Beruf aufgeben und sich einen neuen suchen. Taxifahrer werden gebraucht, Orangenpflücker in Spanien, immer wieder Türöffner in Edelboutiquen. Von mir aus dürfen sie auch auf Bundeskanzler oder Papst umsatteln. Nur Redakteur dürfen sie nicht mehr sein, nur nie wieder einer werden, der Hand anlegt an fremden Texten. Ich war zu lange Opfer ihrer rastlosen Unbegabung, jetzt ist es Zeit für einen Rachefeldzug. (…)

EROS

oder

Hütet euch vor den Träumen, die in Erfüllung gehen / Das Vorwort

Zunächst ein paar erhellende Worte zu den folgenden Texten. Nicht vieles ist trostloser als ein Mann, der von seinen erotischen Heldentaten erzählt. Der Quotient des Fremdschämens auf Seiten des Lesers ist beträchtlich. Weil ein Frauenheld eben kein Held ist, nur ein Gockel, der protzen will mit etwas, das – so machen es die Gentlemen – besser verschwiegen wird. Nicht aus Scham, natürlich nicht. Sondern aus dem souveränen Bewusstsein heraus, dass gewisse Handlungen nicht an die Öffentlichkeit gehören. Sie gehören genossen und innig verwahrt. Wenn ich nun doch sechs Geschichten unter dem Titel EROS vorstelle, dann mit dem Wissen, dass alle sechs nur nebenbei mit dem Thema zu tun haben und dass Eros und Sexualität hier vor allem dazu dienen, wieder einmal – über verschlungene Umwege – von der herzbewegenden Absurdität unseres Lebens zu berichten. Zudem zeigen sie, wie eine Handlung, die sich eher verspielt und übersichtlich anließ, unerwartet eine Drehung bekommen kann, die schwer kontrollierbare Emotionen provoziert. Siehe »Die Vergewaltigung«. Gefühle, die nur am Rande durch die intime Nähe der jeweils Beteiligten ausgelöst wurden. Die aber plötzlich durch andere Umstände rasant an Tempo und Tiefe zulegten. Schöne Tiefen, bedrohliche Untiefen.

FERNANDO

Wir lächelten uns an. Ich stand im Vorraum des Klosters San Francisco und fragte nach der nächsten Führung. Und Fernando sagte Ja, obwohl kein weiterer Besucher mehr zu erwarten war. Der junge Kerl verdiente sich nebenbei als Kirchenkenner ein paar Pesos.

Wir zogen los und Fernando deutete mit seinen gepflegten Händen auf Gemälde von Zurbarán, lenkte meinen Blick auf die holzvertäfelten Decken, sprach von dem Wunder, dass dieses Gebäude seit dreihundert Jahren allen Erdbeben Limas widerstanden hatte.

Wie leicht es fiel zuzuhören. Der junge Peruaner war intelligent, ironisch, charmant. Dennoch, je länger er redete, desto weniger passten Gesicht und Worte zusammen. Er schien auf seltsame Weise abwesend. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand: Führung und Verführung lagen unmittelbar nebeneinander. Fernando war homosexuell, kein Zweifel. Seine Worte redeten von Architektur und seine Gedanken handelten von uns. Nichts Tuntiges oder Grelles war an ihm. Im Gegenteil, er war wohltuend diskret. Aber er verfügte über Töne und Gesten, die Männer von Männern unterscheiden.

Ich genoss das. Und fürchtete zugleich, was da auf mich zukam. Reines Glück war das Bewusstsein, begehrt zu werden. Mitansehen zu dürfen, was dieser Mensch inszenieren würde, um mich zu versuchen. Einmal nicht Gockel und Geck, nicht Hochstapler, Falschmünzer und Zauberer sein müssen, um jemanden – immer eine Frau – von sich zu überzeugen. Wie hinreißend das klang. Die Lust lag im Vertauschen der uralten Rollen. Diesmal durfte ich warten, durfte warten lassen, konnte in Ruhe das Angebot studieren. Ein wahrlich neues Erlebnis.

Der Schrecken lag woanders. Dass Fernando etwas anrühren würde, was meine intimsten Phantasien betraf. Phantasien, die großartig oder schmerzhaft in Erfüllung gehen konnten. Seit Jahren schwelte der Wunsch in mir, »genommen« zu werden. Sehr konkret. Beim Liebesspiel Schoß zu sein. Wenigstens einmal eine Ahnung davon zu bekommen, wie es sich anfühlte, wenn ein Mann in mich eindringt. Um diese Erfahrung beneidete ich jeden, der von ihr wusste. Alle drängenden Fragen, die ich Männern und Frauen dazu stellte und alle Antworten, die ich von ihnen gehört hatte, machten mich jedoch nicht wissender. Was immer sie aussagten, ich verstand nichts. Es ließ sich wohl nicht beschreiben. So wenig wie ein Eisenbahnunglück. Oder die Geburt eines Kindes. Oder das schmerzlose Gehen über glutheiße Kohlen. Es ließ sich nur physisch, nur sinnlich begreifen und nie via Sprache einem anderen vermitteln. (…)

DIE VERGEWALTIGUNG

Ein kurzes Wort an die moralisch Tadelosen: Manche nennen das, wozu ich in dieser Story angestiftet habe, »versuchten Mord«. Laut Gesetzgebung aller europäischen Länder bin ich kein Mörder, auch kein potentieller. Hätte ich mich für eine andere Lösung entschieden als für jene, von der hier die Rede sein wird: Das Leben aller Beteiligten sähe heute trostloser aus. Dass die besseren Menschen unter uns nach der Lektüre nicht umhin können, den Autor einmal mehr als »haltlosen Egomanen« abzuservieren, sei ihnen unbenommen. Die weniger aufrechten, dafür genaueren Leser, werden ohne Empörungsgepluster den Text wahrnehmen und zu einem anderen Urteil kommen. Hier wird eine delikate Geschichte erzählt, in die sich beide Protagonisten plötzlich verstrickt sahen. Ohne bösen Willen. So vermute ich einmal. Sie »passierte«. Und ich habe darauf reagiert. Um – ich wäge die Worte genau – mein Leben zu retten. Mit durchaus dubiosen Tricks. Zu meiner Verteidigung will ich Jean-Paul Sartre zitieren: »Das Letzte«, so notierte er, »was Literatur braucht, sind gute Gefühle.« Sie soll die Wirklichkeit aufschreiben. Hier steht sie.

Nie betrat sie meine Wohnung (…)

MAGDA

»Jeder von uns macht den Mund auf und redet darüber«, so Norman Mailer, »und dann wird offensichtlich, wie wenig er davon versteht.« Der Meister meinte unser Gerede vom Sex. Das typische Männerprotzen. Die Auskenner beim Fachsimpeln. Die souveräne Ignoranz der Alleswisser. Mailers Behauptung klang wie ein Offenbarungseid. Er schrieb gerade an seiner Biographie über Marylin Monroe, als er sich zu dem giftigen Satz hinreißen ließ. Er ahnte wohl, dass die Göttin auf wunderbar wortlose Weise etwas wusste, was ihm entging. Um sich zu trösten, ließ er uns andere Männer auch nichts wissen. Vorsorglich benutzte er den pluralis modestiae: »Jeder von uns …« Wie treffend.

Mailer und ich haben folglich zwei Dinge gemeinsam: Wir gehören zu den (wenig zahlreichen) Männern, die ihre Ahnungslosigkeit zugeben, und zählen zugleich zu den (überwältigend vielen) Männern, die nie Gelegenheit hatten, die Monroe kennenzulernen. Als Auserwählter Marilyns sozusagen, im Duftkreis ihres sagenhaften Körpers, der alles wusste, wonach Mailer und ich – und der Rest – so hungern.

Immerhin gab es einen Unterschied zwischen Norman und mir. Zu meinen Gunsten. Der Unterschied hieß Magda. Hätte der amerikanische Schriftsteller von ihr erfahren, er hätte wieder zu hungern begonnen. Ich habe sie erfahren. Weil sie bereit war, meinen Hunger zu stillen. Wie den von vielen, sehr vielen anderen Männern. Ihre Großzügigkeit war unersättlich, ihr Körper von tiefer Weisheit. Er wusste alles und nahm nie, ohne zu geben.

Noch heute könnte ich nicht sagen, was erstaunlicher war: der Sex mit ihr oder ihre Sexgeschichten. Beides war exquisit und ohne jede Moral. Nichts bedrückte sie. Kein christlicher Sexhass, kein katholischer Beichtspiegel, nie war sie verdunkelt von bürgerlicher Heuchelei und der Mühsal, ihre Lust und ihre Lustorgane zu rechtfertigen. Sie war Haut und Natur, sie war sinnlich und unschuldig, sie war wahr. Unheimlich wahr.(…)

KEN OOSTERBROEK ODER DER MANN, VON DEM ICH MIR WÜNSCHTE, ER WÄRE MEIN FREUND

Hinter der Glasscheibe standen die lässig gekleideten Puppen. Die neue Sommermode war eingetroffen. »Fashion for Men with Future«, hieß das Motto. Die Männer aus weißem Plastik lächelten. In meiner rechten Hand hielt ich die Courtesy Card von Emmanuel Vilakasi. Hier in dieser Boutique, in einer Seitenstraße von Johannesburg, war er wohl Kunde gewesen. Seit etwa 8.30 Uhr nicht mehr. Mister Vilakasi war tot. Massakriert belegte er augenblicklich eine Kühltruhe beim städtischen Gerichtsmediziner.

Kurz zuvor hatte der Mann neben den Gleisen eines der Vorortzüge gelegen. Nachdem ihn seine Widersacher aus dem Fenster geschleudert hatten und ihr Opfer mit sieben Bruststichen auf den Schotter geknallt war. Als die Polizei die Leiche wegschaffte, fiel unbemerkt die blutklebrige Courtesy Card zu Boden. So wusste ich kurze Zeit später, dass die neue Sommermode eingetroffen war. Vermutlich hatte der Einunddreißigjährige nach der Arbeit hier einkaufen wollen. Mode für Männer mit Zukunft.

Am nächsten Morgen standen in der Presse vier Zeilen. Unter »Verschiedenes«: dass einer tot liegengeblieben war. Zu viele endeten hier gewaltsam, als dass die Nachricht mehr Platz hätte beanspruchen können. Der Schlusssatz solcher Meldungen war immer derselbe: »A murder docket was opened«, eine Mordakte ist angelegt worden. Und damit hatte es sich. Vilakasi gehörte zu den 300 Zugleichen des letzten Jahres. Schwarze Leichen, anonym und nutzlos. »Just another body«, meinte einer der Polizeidetektive, der mit dem Eröffnen von Mordakten vollauf beschäftigt war. Wer einmal zwischen zwei Aktendeckeln stand, starb ein zweites Mal. Als Karteileiche. Bis er verschimmelte. Vergessen, übersehen, ungesühnt. Kein einziger Mörder war bis dato verurteilt worden.

Zwei Tage vor dem Fensterwurf war ich angekommen. GEO hatte mich nach Südafrika geschickt, um über die Lage zu berichten. Vom Flughafen in Johannesburg war ich direkt zum Star gefahren, der auflagenstärksten Zeitung des Landes. Um Ken Oosterbroek zu treffen, den Cheffotografen. Er sollte die Bilder für unsere gemeinsame Reportage liefern. Er war dreißig, außergewöhnlich begabt (so sein Ruf) und schwer verliebt: Voller Freude zog er das Foto seiner Frau Monica aus der Brieftasche. Er sah aus wie das blühende Leben, so beschenkt von den Göttern. 513 Tage später würde er tot sein.

Die Szene mit dem gelynchten (modebewussten) Vilakasi war die erste, mit der wir konfrontiert wurden. Sie war typisch für die damalige Situation im Land: Nelson Mandela hatte nach knapp drei Jahrzehnten, am 11. Februar 1990, seine Zuchthauszelle verlassen, aber die ersten freien Wahlen sollten nicht vor dem 26. April 1994 stattfinden. In diesen vier langen Jahren avancierte Südafrika mühelos zum gefährlichsten Land der Welt. Mit Johannesburg als gefährlichster Stadt.

Ken war einer der fünf Millionen Weißen im Land. Aber er war liberal und klug, hatte verstanden, dass die bisherige Vorherrschaft ihrem Ende zuging und dass ein modernes Land ohne Demokratie, sprich, ohne die dreißig Millionen »Ureinwohner«, nicht überleben konnte. Er begrüßte die Aussicht auf Wahlen. Er hasste nicht, aber er wusste um die lange Geschichte des Hasses.

Angefangen hatte die schwarz-weiße Vergangenheit im Jahr 1660, als sich die ersten europäischen Siedler zu einem folgenschweren Schritt entschlossen: Sie legten eine lange, hohe Hecke an. Da, wo sie anlandeten. Damit sie unter sich blieben und die anderen, die Nicht-Weißen, draußen. Dieses Dickicht aus bitteren Mandeln war der Grundstein ihrer Politik, war aller Anfang dieses seltsam englisch-deutschen Worts Apartheid.

Soweto liegt auch hinter dieser Hecke. Zwei, vielleicht drei Millionen Schwarze leben hier auf knapp hundert Quadratkilometern. Zu Beginn der sechziger Jahre waren sie hierher verfrachtet und abgestellt worden. Damit sie, die »Kaffer«, den weißen Wohngebieten der Weißen nicht zu nahe rückten und nicht die Seuchen der »bastardization« und »mishmash cohabitation« ausbrächen.

Eisenbahnschienen waren zwischen den So(uth) We(st) To(wnships) und dem fünfzehn Kilometer entfernten Johannesburg verlegt worden. Um sicherzustellen, dass der Schwarze als Arbeitstier erhalten blieb. Morgens rein in die Stadt, abends raus ins Elend. Mit den Verhandlungen zwischen dem noch amtierenden Staatspräsidenten Frederik Willem de Klerk und Nelson Mandela fingen die Unruhen an und die »train violence« ging durch die Weltpresse.

Finanziert wurde das jahrelange Blutbad von weißen Nationalisten, der sogenannten third force, die de Klerk als »Hochverräter« und die Aufhebung der Rassentrennung als »Hochverrat« betrachteten. Sie reagierten und statteten ihre schwarzen Arbeitnehmer mit Waffen, Geld und Alibis aus. Am 13. September 1990 fiel der Startschuss (das Wort passt): Um 17.04 Uhr verlässt ein Zug den Hauptbahnhof von Johannesburg in Richtung Soweto. Drei Stationen später betreten acht Männer einen Waggon und legen los. Der Rausch dauert vier Minuten, dann liegen 26 Leichen – erschossen oder erstochen – zwischen 106 Verwundeten. Die schwarzen Täter verschwinden, die schwarzen Opfer schweigen. Da tot oder tot vor Angst.

Wer überlebte, hielt den Mund. Niemand wurde verhaftet, niemand zur Rechenschaft gezogen. Darum kümmerten sich die Auftraggeber. Wie sie auch dafür Sorge trugen, dass die Lieblingstheorie der weißen Hasser für das Gemetzel im Gespräch blieb: Die barbarischen Wilden, die durch Züge marodieren, um ihre Stammesfehden auszutragen. Denn der Hintergedanke der blutrünstigen Kampagne war: der Welt zu beweisen, dass die »Nigger« nicht taugen für ein zivilisiertes Zusammenleben. Dass der Weiße herrschen und der Schwarze beherrscht werden muss.

Bevorzugtes Schlachtfeld waren die Züge zwischen Joburg und den Vorstädten. Täglich riskierten ein paar Hunderttausend Pendler als potentielle Opfer ihr Leben. Alles Schwarze. Während der gesamten Zeit, die wir mit ihnen unterwegs waren, sahen wir nie einen Weißen. Auch in der ersten Klasse fuhr hier niemand in die Dritte Welt. Doch, eine Ausnahme: der Zugführer. Aber nur in Begleitung von zwei schwer bewaffneten Bodyguards wagte er sich an seinen Arbeitsplatz.

Als Ken und ich uns trafen, war die Blutspur bereits enorm angeschwollen. Das Land fieberte und ich lernte einen Mann kennen, der von einer Angst in die nächste jagte. Und sie jedes Mal überwand und im genau rechten Augenblick unheimlich mutig auftrat. Die Angst schien die Voraussetzung für seine Courage. Das eine bedingte das andere.

Wir haben uns oft angebrüllt, so blank lagen die Nerven, so nah lag das Lauernde. Wobei es in seiner Nähe öfter zuschlug, denn Ken trug die Wertgegenstände mit sich herum: Seine Kameras wirkten wie Goldkisten auf die arbeitslosen Desperados. Vor Jahren schon war er von Kollegen zum »most mugged photographer« gewählt worden. Keiner von ihnen war so oft beraubt worden. Und immer davongekommen. Mit heiler Haut, mit dem ganzen Leben.

Jeden Morgen brachen wir auf in den Krieg. Und wenn wir abends nach Hause kamen, dann zitterten wir noch immer. Vor Angst, aber auch vor Glück, denn der adrenaline flow war enorm. Natürlich fuhren wir nicht nach Hause, nein, wir preschten. Ken preschte, denn meist saß er am Steuer. Die Hochgeschwindigkeit als letzte Ekstase des Tages. Dann setzten wir uns an den Tisch mit Monica. Und rauchten Marihuana oder Haschisch. Um friedlich und ruhig zu werden.

Die Oosterbroeks waren ein schönes Paar. Und »madly in love«. Sagten sie. Und zeigten es. Wie verspielte Welpen schmusten sie. Ich mochte die Nähe der beiden. Kein mürber Eheton verstank das Haus, nein, sie kicherten und redeten klug miteinander. Nichts fehlte. Beide – Monica arbeitete als Journalistin – verdienten passabel, Ken war bereits mehrmals als »best photographer of the country« ausgezeichnet worden. Wer sie sah, beneidete sie. Um das viele Glück, das sie begleitete.

Und noch etwas gefiel mir, gerade an ihm: Er verschonte seine Umgebung mit dem Geschwätz des Tugendhaften, der sich schneidig vor jede Flinte und jedes Desaster warf, um »der Welt den Spiegel vorzuhalten«. Der Fotograf als selbstloser Aufklärer, um dem Elend der Menschheit Einhalt zu gebieten. Aua. Nein, hundert Mal nein. Er fotografierte aus zwei Gründen: Weil er es meisterlich beherrschte und weil ihn nach Intensität hungerte. Die Aufregung, eben das Adrenalin, begriff er als Grundnahrungsmittel. Wenn seine Bilder nebenbei noch mithalfen, das Leid anderer zu lindern, umso besser.

Ach, wie erfreulich: Kein Weltenretter ging hier neben mir zur Arbeit. Wir verstanden uns, auch deshalb. Vom ersten Augenblick an. Wie Freunde nach langer Zeit.

Tief innen misstraute Ken dem Glück, hielt es für den Vorboten des Unglücks. Nie sagte er ein Wort über seine dunklen Gedanken, nur zufällig erfuhr ich davon: Wir saßen abends, irgendwo auf dem Land, in einem Hotelzimmer und das Telefon klingelte. Monica berichtete, dass frühmorgens der Fotograf Abdul Shariff, ein Freund von Ken, erschossen worden war. Umgemäht von einer AK 47. In einer Gegend, in der auch wir gearbeitet hatten. Ken verließ das Zimmer und verschwand. Und kam nicht wieder. Bis ich zwei Stunden später nach ihm suchte und ihn unter einem Baum im Hotelgarten kauern sah. Regungslos. Ich führte ihn zurück und er flüsterte wie unter Hypnose: »Ich weiß es genau, ich werde bald sterben.« Natürlich habe ich den Satz nicht ernst genommen und als pathetisches Gerede abgetan. Heute denke ich, dass er es »wusste«: dass einer, der so oft entkommen war, einmal nicht mehr entkommen würde.

Wir arbeiteten über die Jahre mehrmals zusammen und unsere Glückssträhne war phänomenal.(…)

IM ANGESICHT DES TODES

Die Aufnahme zeigte das Gesicht eines Mannes, den eine Hand streichelte. Das Gesicht lag auf einem Kopfkissen und sah jung und verwüstet aus. Der Text darunter: »Aids-Patient in Thailand.« Sonst nichts. Das Bild war in einem amerikanischen Magazin abgedruckt. Ich rief umgehend den Fotografen James Nachtway in New York an und fragte ihn nach dem Ort, wo das Foto entstanden war: in einem buddhistischen Kloster, zwei Zugstunden von Bangkok entfernt.

Kurz darauf kam ich dort an, als Reporter. Zu spät, natürlich. Der Mann war bereits tot. Die Hand, erfuhr ich, gehörte Christina, einer jungen Frau aus Europa. Sie war inzwischen abgereist. Sie hatte hier gearbeitet. Ich hätte ihr gern einen Satz von Jean Cocteau geschenkt: »Es gibt keine Liebe, nur Beweise der Liebe.« Ein trockener Satz, der das Betroffenheitsgestammel von Handlungen unterscheidet, die Wärme und Nähe erzeugen.

Jahre später bin ich wieder im Kloster Prabat Nampu. Nicht als Reporter, sondern als »volunteer«, Freiwilliger, als einer, der das Aids Hospice ein paar Wochen verkraftet, wie andere vor mir: als Handlanger und Hilfskraft. Die Mittel sind knapp. Jeder, der Windeln wechseln kann und ein oder zwei Tote pro Tag aushält, ist willkommen.

Verschiedene Motive drängten zu dem Entschluss. Im Süden Sudans hatte eine kanadische Ärztin auf meine Frage, warum sie sich Bürgerkrieg und Malaria zumute, geantwortet: »Es wurde Zeit, dass ich etwas zurückgebe.« Diese Reaktion passt zu jemandem, der in einer Luxusnation wohnt. So eine leise, penetrante Stimme in uns kommt da zu Wort, die zum Teilen auffordert. Nicht gleich alles, aber etwas, das schon.

Zweiter Beweggrund: schiere Dankbarkeit. Bin ich doch – wie viele andere – ein Davongekommener, einer, der nicht für jede Leichtsinnigkeit mit dem Tode bestraft wurde. Nicht gleich leiden und sterben musste für den erstbesten Akt von »unsafe sex«. Ein Glück, das mir so wenig zusteht wie dem Glücklosen sein Unheil.

Drittens: Ich bin Reporter, sprich, ich nehme nicht ungern die Mühsal des Lebens auf mich, wenn ich dafür in Bereiche komme, die Intensität und Vehemenz versprechen. Sie dürfen mir ruhig zusetzen, aber am Ende will ich belohnt werden. Mit einem tieferen, einem reicheren Blick auf die Welt.

Und noch ein Impuls ließ mich zurückkommen: mein Zynismus. Ich will wissen, ob sie hier noch immer mit dem Treibstoff arbeiten, den der leitende Abt damals erwähnte: »Compassion«, so eine buddhistische Ausgabe von Anteilnahme, von Anteil-Nehmen an einem, dem es dreckig geht. Oder ob die Entertainment-Nutten schon angeklopft haben. Damit aus dem Dritte-Welt-Laden endlich ein Geschäft wird, sagen wir, ein Big-Brother-Big-Aids-Format bereits im Gespräch ist:

Wer röchelt am dramatischsten?

Wer verreckt als erster?

Welche Promi-Dumpfbacke kann am schnellsten auf ihre Würde verzichten?

Wer kann noch ficken?

Wer fliegt zuerst hinaus?

Von alldem nichts. Als ich an einem Montagmorgen das Gelände betrete, hat sich an der Anmut nichts verändert. Das Kloster liegt noch immer am Fuß einer dicht bewaldeten Hügelkette, ein paar Kilometer außerhalb der Stadt Lopburi. Flachbauten mit hellgrünen Dächern stehen zwischen Akasia-Bäumen und Bougainvillea-Sträuchern. Von einem der Gipfel blickt eine weiße Buddhastatue. Ein Hund liegt in der Sonne, Vögel schwirren, von irgendwoher kommt ein verdächtiges Husten. Stille.

Als erster Mensch läuft mir Mister Thawin über den Weg, der cremation man. Er verbrennt hier seit Jahren die Leichen. Er trägt noch immer sein Walkie-Talkie am Gürtel. Er muss erreichbar sein, denn Tote riechen in der Hitze schneller. Thawins Arbeitsplatz scheint gesichert. Dass ich ihm zuerst begegne, wie sinnig. Als begänne am Tor ein Crashkurs in Sachen Buddhismus: Mache dir keine Illusionen, wer hier landet, muss sterben.

Problemlose Anmeldung. In Thailand lächeln sie, wenn sie einen Fremden sehen. Nur ein Formular mit Namen und hiesiger Anschrift ausfüllen. Dazu die Bitte, ein Blatt zu lesen, auf dem die »regulations« stehen, Auszüge: Achte auf deine Sprache, sei dir der »Gefahr eines Wortes« bewusst. Keine Gewalt, auch keine verbale, gegen Mensch und Tier. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Sex auf dem Gelände. Das Kloster übernimmt keine Verantwortung für etwaige Verletzungen und Infektionen. Respektiere den Glauben jedes Patienten, jeder Versuch, ihn zu ändern, ist untersagt.

Hilfreich wäre, sich auf die Stunde vorzubereiten, in der man den Raum mit den Aids-Kranken betritt: Erdgeschoss, ein Mittelgang, links und rechts die knapp vierzig Betten. Wer hier liegt, liegt im Endstadium. Vor dem Ausgang stehen die gestapelten, noch leeren Särge. Jeder sieht sie jeden Tag, jeder weiß, dass keiner davonkommt.

Von den Krankenschwestern, die bei meinem ersten Aufenthalt hier gearbeitet haben, sind alle weg. Nicht verstorben, aber erschöpft von den Zumutungen, denen auf Dauer die wenigsten standhalten. »Golf« – Thais lieben Kosenamen – begrüßt mich scheu, die neue Oberschwester reicht Mundschutz und die Anan Balm-Creme. Das ist ein Augenblick wunderbaren Einverständnisses. Frage irgendeinen, der Tage und Nächte im Bett liegt, was er sich am innigsten wünscht, und er wird antworten: »Eine Massage.« Weil sie ein Wohlgefühl verbreitet, weil sie die Blutzirkulation in dem verkümmernden Leib stimuliert, weil der Mensch spürt, dass ein anderer sich seiner annimmt.

Das ist ein besonderer Moment. Denn alle Patienten, die noch die Kraft haben, schauen auf den Neuen. Mit Sympathie und Zurückhaltung. Sympathie, weil sie wissen, dass die meisten Fremden kommen, um Tätigkeiten zu verrichten, die ihnen gut tun. Zurückhaltung, weil sie auch wissen, wie sie aussehen, schon erfahren haben, dass sie oft Schrecken und Widerwillen auslösen. Zuletzt: Jemanden berühren, meist nur die bloße Haut, ist ein intimer Vorgang. Er bleibt es, selbst wenn er medizinisch gerechtfertigt ist. (…)


Veröffentlichung 2013

Dies beschissen schöne Leben Geschichten eines Davongekommene

Piper

Kurzbeschreibung

Was wird aus einem, der seine »Scheißjugend« nur knapp überlebt hat? Natürlich ein Versager, ein Versicherungsbetrüger und Bücherdieb, einer, der sich ebenso erfolglos als Schauspieler wie als Dressman oder Spüler versucht. Es gibt fast nichts, was Andreas Altmann nicht ausprobiert hätte. Am Ende aber entdeckt er, wie er wirklich leben will und wird zu einem der brillantesten Reporter und Reiseautoren unserer Tage. Andreas Altmann knüpft da an, wo sein Bestseller »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend « aufgehört hat. Nie wieder zurück in die Provinz, das war klar, aber was will er wirklich? Die Antwort heißt: LEBEN. Länder und Ideen, Drogen und Frauen, Missetaten und Mönchstum. Altmann schildert seine Erfahrungen mit Schonungslosigkeit gegen sich selbst – und mit Leidenschaft und Witz. Es sind die Geschichten eines Davongekommenen, der beschlossen hat, ganz nah ranzugehen: ans Leben.

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