Gebrauchsanweisung für die Welt

Gebrauchsanweisung für die Welt

Gebrauchsanweisung für die Welt

1. Leseprobe (Widmung):

Das Buch ist all jenen gewidmet, die mir irgendwann, irgendwo auf dieser Welt etwas geschenkt haben: ihr heiteres Lächeln, ein unbekümmertes Ja, einen Blick in ihre verwundete Seele, eine Weisheit, eine Vergnügtheit, bisweilen die Schönheit und Wärme ihrer Haut, ja, mir die Innigsten von allen ein Wort mitgaben, so unüberhörbar und bewegend wie das Flüstern einer ersehnten Frau. – Und ich seitdem diese Wörter mit mir herumtrage: wie einen Herzschrittmacher aus luftleichten Buchstaben. ( … )

2. Leseprobe (Vorwort):

In einer bekannten Wochenzeitung las ich einen Artikel über Martin M. Der 19-Jährige war bislang nur als Faultier aufgefallen. Immerhin hatte er sich inzwischen die verbale Munition zurechtgelegt, um sein träges Dasein zu rechtfertigen: „Die Scheiß-Merkel, die Scheiß-Gesellschaft, alles scheiße.“ Sogar vor der Hauptschule war er davongelaufen. Seitdem siechte er vor der Glotze, streichelte den Hund, versteckte seine faulen Zähne hinter einem gepressten Lächeln und lebte von Hartz IV. Bis er – unerreichbar für jedes Angebot – „auf null gesetzt“ wurde. Damit er nicht verhungerte, gab es Lebensmittelgutscheine. Die er nie abholte. Sicher zuviel Stress, sicher zu früh aufstehen. Lebte er doch bei Mutti. Als Muttersöhnchen. Er war der “no-future-no-bock-no-nothing-man“. Er brauche, sagte er noch, “jeden Tag eine Adrenalinspritze“. Aber die könne der Staat ihm nicht bieten. Wie wahr!

Armer M.M., er hat wohl noch nie von der Welt gehört, nie und nimmer vom Reisen in die Welt. Existiert doch kaum etwas anderes im Universum, das mehr Kicks verschafft, als Abhauen und Abheben. Adrenalinbomben würden auf ihn niedergehen, ein Herzflimmern nach dem anderen ihn jagen.

Besteht beim Starren auf einen Plasmaschirm die tägliche Gefahr, dass die Hirnrinde schmilzt, so wird ein Reisender jeden Tag reicher: weltreicher, geistreicher, geheimnisreicher. Er lebt ja, ranzt nicht als Kartoffelsack auf seiner Couch. Ob Martin je aufwacht? Oder schmiedet er weiter unbelehrbar sein Unglück?

Soll keiner ihn in Schutz nehmen und behaupten, ohne Geld ginge nichts. Warum macht er es nicht wie andere 19-jährige Unersättliche, geht zur nächsten Kreuzung und streckt den Daumen raus? Und zwängt sich hinten rein, schnorrt, bettelt und lügt das Blaue vom Himmel herunter? Nur um vom Fleck zu kommen. Jede Art des Reisens ist ein Weg der Welterkenntnis. Ob im Fond eines Trabis (ich war dabei) oder als beinloser Invalide in einer Sänfte (in Kaschmir gesehen). Nur wach muss einer sein. Weltwach. Nur platzen vor Neugierde. ( … )

3. Leseprobe (Der Anfang):

Als ich als Jugendlicher in einer Fabrik arbeitete, bemerkte ich eines Morgens ein paar Meter neben mir eine Frau. Unvergessliche Frau. Wie ein Mahnmal habe ich sie seither abgespeichert. Sie stand am Fließband, hielt in der rechten Hand einen elektrisch betriebenen Schraubenzieher und zog an jedem vorbeikommenden Backrohr eine Schraube an. Eine, immer dieselbe. Dann kam der nächste Kasten. Wieder ran, wieder schrauben. Das Wunderlichste: Ihre Augen waren geschlossen. Als ich sie irgendwann über das seltsame Verhalten befragte, gab sie zwei Antworten. Die erste klang banal: „Ich kenne ja jede Bewegung auswendig.“ Doch die zweite hätte zu einer Nihilistin gepasst: „Ich will den Stumpfsinn meiner Arbeit nicht sehen.“ Seit dreizehn Jahren war sie die Ein-Schrauben-Frau. Das Bizarrste: Sie hatte sich arrangiert, wollte von einer Fortbildung, die ihr angeboten worden war, nichts wissen. Sie traue sich nicht, sagte sie noch. Verwunderlich, denn sie schien nicht dumm, nicht hirnlos.

Ah, die Routine. Sie ist eines der gefährlicheren Gifte. Vor dem keiner von uns gefeit ist. Sie ist der Erzfeind der Neugier, sie ist das träge Fleisch, der innere Schweinehund, eine wahre Massenvernichtungswaffe. Nicht nachzuzählen, was sie alles an Vorsätzen, Träumen, an Ausbruchsversuchen und Hoffnungen zunichte gemacht hat. Hinter ihrer Wucht steckt eine kosmische Macht: das von Isaac Newton entdeckte „Gesetz der Gravitation“, eine der Urkräfte, die das Universum zusammenhält. Deshalb zerschellt ein Flugzeug am Boden und nicht im Himmel. Deshalb rinnen Tränen wangenabwärts. Und deshalb bleiben wir lieber hocken, als den Sirenenrufen unserer Sehnsucht zu folgen.( … )

4. Leseprobe (Fremde Sprachen):

Will einer hinaus in die Fremde, muss er Fremdsprachen können. Eine immerhin, das wäre ein Anfang. Mit Englisch beginnen klingt intelligent. Verfügt jemand über zweitausend Vokabeln, dann kann er – grob geschätzt – mit einer Milliarde anderer Weltbewohner reden, sprich, tausend Millionen beim Geschichten erzählen zuhören. Sind es (viel) weniger als zweitausend, dann reicht es allerdings nur zum typischen Babytalk: Howareyou?, Never better!, Do youlikemycountry?, Verymuch so!, MynameisRabindranathJitendraKumariandwhatisyourname?, Mynameis Andrej Anatoli Andrejewitsch!,Where do youcomefrom?, I comefromfaraway!,Whatisyourfather’sname?, Myfather’snameis Igor Andrej Andrejewitsch!,Is Paris reallyfullof sexy girls?, Yes, veryfull!, Howmanychildren do youhave?, Maybenone!,Whereisyourwife?, Just aroundthecorner!, Do youwanttoseemyuncle’sshop?, Certainly! Tomorrow!

Lauter Fragen, auf die man nach drei Tagen nur noch mit einer Kalaschnikow-Salve reagieren will. Oder Antworten, die den eigenen Verfall ins Bewusstsein rufen. So Lebenszeit raubend sind sie, so penetrant erinnern sie an den Umgangston in einer Irrenanstalt. Da ich nie eine Flinte dabei habe, renne ich immer mit der schönen Lüge davon, dass meine Gattin bereits ungeduldigst auf mich wartet. Nur eine Ecke weiter. Kann ich nicht wegrennen, im Zug, im Flugzeug, beim Essen, dann simuliere ich einen Hörsturz. Oder eine Malaise. Mir ist jede Finte recht, um dem globalen Blabla zu entrinnen.

Als Erwachsener eine Sprache lernen ist eine Herausforderung. Der Vorgang hat mit dem schönen Wort „Beharrlichkeit“ (persistence) zu tun, mit Frust aushalten. Mit der Gabe, eine Zeitlang sein eigenes Gestotter (ownstutter) zu ertragen. Deshalb lieber auf den Kauf läppischer Nordic Walking-Stöcke oder noch läppischerer Fahrradhelme verzichten und einen nächsten Intensivkurs buchen. Oder ein Weltempfänger-Radio kaufen. Oder englischsprachige Zeitschriften und Bücher bestellen. Oder online einen geduldigen Fremden finden, den man stundenweise – als Gesprächspartner – dafür bezahlt, dass er live miterlebt, wie man seine Sprache massakriert. Oder alles zusammen. Denn drei Dinge muss der Lernende tun: die Fremdsprache lesen, sie hören, sie sprechen. Täglich. Und er muss sich in die neue Sprache verlieben. Ihren Glanz erkennen, ihren Witz, ihren oft anderen Blick auf die Welt. Die Engländer fragen: „Wer kennt England, der nur England kennt?“ Soll sagen: Man muss die Heimat verlassen, um sich woanders umzusehen. Um anschließend die eigenen Zustände besser zu verstehen, sie vergleichen zu können, sie grandios zu finden oder jämmerlich, ja, um sich erst weit, weit weg seiner innigsten Gefühle dem eigenen Land gegenüber gewahr zu werden. Liebe ist bisweilen umständlich, oft will sie Umwege, um bei sich anzukommen. Heimatliebe, Menschenliebe, alles kompliziert.

Drei kleine Beispiele, als Beleg dafür, dass Leute mit einer anderen Sprache anders fühlen: „Sheis a beautifulcountry.“ Damit meinen sie, die Inselbewohner, ihr Großbritannien. Ist das nicht herzerwärmend, das eigene Land als „she“, als weiblich, zu empfinden? Wären die Deutschen nicht um zwei Grad cooler, wenn sie Deutschland als schöne Deutsche sehen würden?

Oder: „You’rereallygetting on mywick“, du gehst mir echt auf die Eier. Erstaunlich, denn „thewick“ ist der Docht. Docht und Eier, irgendwie liegen sie nah beieinander. Man erkennt an der Redewendung, dem Original und der Übersetzung, dass die beiden Völker die Empfindsamkeit gewisser Körperteile verschieden einschätzen.( … )

5. Leseprobe (Freundlichkeit)

Ich gehöre zu den Weicheiern, die sich vor Gewalt fürchten. Zudem heule ich etwa zwanzig Mal pro Tag einer Tugend hinterher, die verschwunden scheint. Oder nur noch als Restposten vorkommt, sporadisch, zufällig. So habe ich schon vor Jahren beschlossen, ihn, den Rest, zu retten, bescheidener formuliert, jenem kleinen Häuflein Verwegener beizutreten, die ohne sie, ohne diese schöne Tugend, nicht leben wollen, nein, nicht können: die Freundlichkeit. Als Reisender erst recht nicht. Als Heimatloser mitten unter fremden Frauen und Männern, fern aller Freunde, fern aller beruhigenden Fixpunkte, bin ich wie ein ausgesetzter Hund von ihr abhängig: thekindnessofstrangers. Ohne sie vereise ich. Jeder Akt der Unfreundlichkeit macht mich – wie jeden von uns – einsamer. Weil dann die Nähe zum anderen, so kurzfristig, so flüchtig die Begegnung auch sein mag, nicht funktioniert. Die Wärme fehlt, das Spielerische, wieder einmal der Swing.

Das dümmliche Gerede geht um, dass Höflichkeit Verlogenheit bedeute. Klar bedeutet sie das, wenn ich jemanden anstrahle, den ich für einen Schandfleck unter den Sterblichen halte. Oder strahle, weil ich jemanden abzocken will. Aber dann heißt mein Verhalten nicht Höflichkeit, sondern Gier oder Skrupellosigkeit oder Gesinnungshurerei. Natürlich hat höfliches Benehmen – das fremde, das eigene – auch einen „Hintergedanken“: dass es uns beiden – wer immer der andere sein mag – gut geht. Dass wir den einen gemeinsamen Augenblick, vielleicht einzigen in unserem Leben, mit Leichtigkeit meistern.

Bisweilen überkommt mich das Gefühl, dass der Prolo die Weltherrschaft übernommen hat. Im Inland, im Ausland. „Mineralwasser!“, bellt er. Oder „Bier!“ Oder „Zahlen!“ Sein Auftreten hat etwas von einem Imperator. Auch zieht er gern den Rotz durch die Nase. Oder redet hemmungslos in sein Handy. Mitten unter Wildfremden lässt er uns wissen, dass er gestern wegen einer Schuppenflechte beim Arzt war, „direkt unter der linken Achsel“. Irgendwann haben alle im Zugabteil erfahren, dass er wieder einmal – „Scheiße!“ – beim Eurolotto die falschen Zahlen getippt hat. Und dass er die neue Staffel von Sex andthe City – maßgeschneidert für die geistig Unterdotierten aller Länder – „supergeil“ findet.

Ja, das zwangsweise Mithören anderer Leute Leben – wenn es wenigstens fetzig wäre oder voll beflügelnder Gedanken oder gebeutelt von bewegendem Unglück – gehört zu den Pestbeulen moderner Zeiten. Wie ein Virus verseucht es die Diskretionszonen anderer.

Höflich sein – Freundlichkeit und Höflichkeit sind schwer befreundet – geht anders. Es hat mit einer Eigenschaft zu tun, die sich Empathie nennt. Unterwegs kann man sie stündlich trainieren: seine Umgebung spüren, sie wahrnehmen. Im vorliegenden Fall begreifen, dass meine Abszesse, meine Nieten und mein Geschmack (wenn es denn einer ist) niemanden etwas angehen, sprich, niemanden interessieren. Am liebsten sind mir Reisende, die in meiner Nähe lesen oder staunend zum Fenster hinausschauen oder sich (verhalten) beschmusen oder einander Geschichten erzählen, von denen man wünschte, sie würden lauter verbreitet.

Empathisch mit dem Rest der Welt umgehen! Wäre ich Diktator, ich würde den Ausrufesatz als Pflichtfach einführen. Als meinen Beitrag zur Rettung des Planeten und seiner Bewohner.

Eigentlich haben es Reisende leichter, durch Höflichkeit aufzufallen. Weil sie ja hochgestimmt sind, weil sie sich in einem Ausnahmezustand befinden. Sie dürfen die Welt besichtigen, während andere – die vielen anderen – nicht vom Fleck kommen: weil ohne Zeit, ohne Geld, ohne Kraft.

Ich bin gerührt wie ein Kind am Geburtstagstisch, wenn ich den kleinen Gesten der Ritterlichkeit begegne. Wenn ich Zeitgenossen dabei beobachte, wie sie ihren Platz anbieten. Bereit sind zu stehen, damit der andere sich setzen kann. Wenn sich eine so altmodische Eigenschaft wie Respekt vor dem Alter zeigt. Auch aus dem Bewusstsein heraus, dass der andere schon länger am Leben ist, schon länger kämpfen und schuften musste. Einer steht für einen anderen auf, ein Starker hilft einem, der gerade eine Prise Mitgefühl braucht. Füttert das nicht das Herz eines jeden, der Ziel dieser Aufmerksamkeit ist?
(…)

6. Leseprobe (Tricks):

Ich mag die Gutmenschen nicht, sie sind mir zu gut. Ich misstraue ihnen, vielleicht tragen sie nur die Maske des Guten. Zudem haben sie den Kopf voller Flausen statt voller Wirklichkeit. Sie schauen nicht hin, sie schauen weg. Sie wollen die heile Welt, mit lauter heilen Menschen.

Aber die haben wir nicht. Wir haben augenblicklich einen Planeten, der von ziemlich vielen Unheilvollen ruiniert wird. Dass die meisten, also wir – ob nun Gutmensch oder nicht – via Gier am Unheil mitarbeiten, ist ein alter Hut. Denn der große Haufen brüllt noch immer – mit himmelwärts verdrehten Augen wie in einem Dick-und-Doof-Film – nach Wachstum. Der entfesselte Schwachsinn, wie üblich. Ist uns Habsüchtigen, jenen, die von der Sucht nach Haben nie genug bekommen, noch zu helfen?

Reisende sind ein bisschen schlauer. Mit einem Teil ihres Geldes kaufen sie weder Blech noch Beton, sondern so federleichte Sachen wie ein Ticket. Fünf Gramm wiegt das Stück Papier, ist gut anzusehen und braucht keine fünfzigtausend Jahre, um zu verwittern. Es liegt elegant in der Hand und gilt als Passierschein in die Welt. „Erdkunde“ einmal anders: einmal direkt, sinnlich, mit allen Sinnen erfahrbar. Für ein paar Tage, für ein paar Wochen, für ein paar Monate. Zum Vergnügen kommt die Nützlichkeit. Denn Reisen nutzt (auf das Nutzlose komme ich noch zu sprechen) der Gegenwartserkenntnis, der Freude am Leben. Trotz alledem. Trotz der Hyänen, mit denen wir den Planeten teilen müssen.

Zugegeben, das folgende Kapitel ist stark davon beeinflusst, dass ich als Reporter arbeite, sprich, nur immer eine Aufgabe habe: Geschichten zu finden, die es wert sind, dass ein lesender Mensch dafür bezahlt. Mit seinem Geld und – unbezahlbar – seiner Lebenszeit.

Aber jeder von uns, ob nun Schreiber oder einfach nur reisender Weltverliebter, sucht nach Storys, die ihm helfen, seinen Platz genauer zu bestimmen. Über den Umweg der Ferne kommt er anderen nah. Und sich. Nur trauen muss er sich. Und ein paar Tricks sollte er kennen. Damit er haarigen Situationen entrinnt und an die vielversprechenden rankommt.

Wer allerdings zu den geistig eher nachlässig Beschenkten gehört, die uns auffordern, immer stantepede „die Wahrheit“ zu sagen, der sollte jetzt mit dem Lesen aufhören. Hätte ich sie immer ausgesprochen, ich säße nicht an diesem Montagmorgen am Schreibtisch, um mich an dem vorliegenden Text abzuarbeiten. Der Ewig-Wahrheitssager ist ein Strohkopf, der nichts vom Weltenlauf und den Weltbewohnern verstanden hat. Denn wir hätten – schleuderten wir uns 24 Stunden pro Tag die nackten Tatsachen um die Ohren – einen Weltkrieg nach dem anderen. In bestimmten Umständen, bestimmten wohlgemerkt, gehört Flunkern oder auf Biegen und Brechen die Wahrheit vermeiden zu den respektvollsten Handlungen, zu denen ein Mensch einem anderen gegenüber imstande ist. Dass, wieder unter bestimmten Gegebenheiten, die Wahrheit laut und deutlich aussprechen ein Akt von Zivilcourage und Anstand ist, auch das wissen wir. Wir, die wir bisweilen kichernd und schuldgefühllos schwindeln.Ich pfeife auf das gute Gewissen, wenn es mich am Leben hindert.

Konkret. Ich bin in Néma, in Mauretanien, der letzten Stadt vor der Grenze nach Mali. Ich brauche einen „Ausreisestempel“. Überraschenderweise ist der Stempelbesitzer, so berichtet sein Kollege, bereits nach Hause gegangen. Um drei Uhr nachmittags. Aus dem Afrikanischen übersetzt heißt das nichts anderes, als dass man einen Schein übergeben muss. Damit der Stempel auf magische Weise wieder auftaucht. Aber diesmal – nach manchem Debakel – halte ich eine Finte bereit, die kaum noch zu toppen ist. Ich ziehe eine französische Ausgabe des Korans heraus und lese glaubensfest und pathetisch den dick unterstrichenen Vers 14 aus der Sure vier vor: „Doch wer Allah und seinen Gesandten widerspricht und Allahs Richtlinien überschreitet, den wird er ins Feuer eintreten lassen, darin wird er ewig bleiben. Und für ihn ist eine erniedrigende Peinigung bestimmt.“ Dramatischer und höllischer kann man es nicht erfinden.

Die drei Zeilen – obwohl ohne jede Beziehung zu meinem Anliegen – wirkten wie ein Sesam-öffne-dich. „Ah, vousêtesmusulman!“ Na klar bin ich das. Ich muss folglich ein guter Mensch sein. Für die gibt es jede Erlaubnis. Peng, der plötzlich vorhandene Stempel saust, mit einem herzlichen „Bon voyage“ bin ich entlassen.

(…)

Noch ein paar Kniffe, um Nähe herzustellen zur Wahrheit, zur Tatsächlichkeit: Ich ändere im Handumdrehen meine Nationalität (wie den Beruf), manchmal bin ich Amerikaner (mächtig), manchmal Schwede (machtlos), manchmal Jude (riskant), manchmal Atheist (auch riskant), manchmal Fundamentalist (ganz gleich welchen Irrglaubens). Ich bin immer das, was der Person, die mir gegenübersitzt, das Reden, das Sichausreden, erleichtert. Selbstverständlich muss ich ihn (sie) richtig einschätzen. Dann „verkleide“ ich mich, sodass der andere mich – sprich, das, was ich wirklich denke – nicht sieht. Befinde ich mich unter Ausländern, die ihre Meinung über Deutschland äußern, dann bin ich sicher nicht Deutscher. Denn umgehend würden sie sich zurückhaltender ausdrücken. Aber ich will die Wirklichkeit hören, will keine Konvention, kein unverbindliches Geschwätz.

Könnte ich mir ein anderes Leben wünschen, ich wäre gern Tyll Eulenspiegel gewesen, der sagenhafte „trickster“ aus dem vierzehnten Jahrhundert. Ein Listiger, dem viele Mittel (immer gewaltlose) recht waren um die Realität hinter all den Masken zu entdecken. Zu seinen Lieblingsopfern gehörten die Pfaffen, denn Religion eignete sich schon damals vortrefflich, um als Scheinheiliger unheilig zu leben. Aber Tyll war nie Rächer und Töter, nur immer Schelm, der allen Weihrauchtiraden misstraute. Ein Menschenfreund, der einiges riskierte, um die Freunde von den Feinden zu unterscheiden.

O.k., das waren ein paar Ratschläge für die hardcoretravellers, für jene, die laut Montesquieu „eine begierige Gemütsart nach neuen und unbekannten Dingen antreibt“. Die folgenden Bluffs taugen für alle, auch diejenigen, die von keinem professionellen Ehrgeiz gejagt werden. Bluffs, die Distanz schaffen und, wenn gewünscht, willkommene Nähe.

Stichpunkt Bettler. Ein Riesenproblem, dem keiner von uns als Reisender entgeht. Wir (Weißen) gehören eben zur upperclass, zu den Paschas, unser Phantombild ist auf allen fünf Kontinenten bekannt. Sogar Blinde erkennen uns: an unserem Eau de Toilette, an unserem (eher herrischen) Ton, am Klicken jener schweren Gerätschaften, die an unseren Körpern baumeln. Wie gehen wir folglich mit den restlichen fünf Siebteln um, den Habenichtsen? Wie kein Unmensch werden und wie sich gleichzeitig nicht für alles Leid auf Erden verantwortlich fühlen? (Gutmenschen lieben es allerdings, sich schuldbeladen durchs Leben zu schleppen.) Wie Beinlose am Weg übersehen und wie einen Sechsjährigen überhören, der „I am hungry“ ruft? Wie den Ruf eines Gestrandeten ertragen, den das Leben um alles betrogen hat? Zähe Fragen, die jeden heimsuchen, der sich auf den Weg macht und dessen Herz noch nicht von Kälte und Sattheit vereitert ist. (…)

7. Leseprobe (Drogen):

Das ist ein explosives Thema. Zumal in Zeiten, in denen der Gesundheitsterrorismus umgeht. In denen Fitness-Ayatollahs darauf bestehen, dass wir gesund sterben, ganz und gar unversehrt. Zeiten, in denen jeder Bürger beim Gang in den Supermarkt sein eigenes Labor mitschleppen soll. Um zu checken, wie viel Teufelswerk, wie viel Pestizide, Farbstoffe, Zucker, Kalorien, etc., etc., etc., etc. in jedem Nahrungsmittel steckt. Zeiten, in denen Bio-Stalinisten jeden Nichtraucher zum Opfer massenmordender Raucher erklären, ja Ökospießer uns mit ihren heillosen Leichenbitter-Slogans – „Viel Gemüse! Viel Obst! Viele Feigen aus jordanischen Palmengärten! – die Lebensfreude vergällen. Ahnen diese Erlösungsjünger nicht, wie viel Stress sie unters Volk bringen? Mit ihrem himmlisch faden Geleier?

Ein Gang in die Gesundheitsläden zeigt, wie jene aussehen, die sich sündenlos und sieben Tage die Woche von „vielen Hülsenfrüchten!“ und „vielen Milchprodukten“ und „viel geschrotetem Leinsamen!“ ernähren. Sie sehen irgendwie grün aus. Blassgrün. Sie sehen nach allem aus, nur nicht nach Sprühen und Sprudeln. Jeder dieser Nervensägen würde ich gern zurufen: „Bleib zu Hause, Angsthäschen, reise nicht in die Welt, du hast dort nichts verloren. Pack dir einen Sack Karotten ein, radle in den Stadtpark, creme dich mit Schutzfaktor 300 ein und lies den neuen Bestseller Wie ich hundert wurde und nebenbei alles versäumt habe.“

Irgendwann werden uns diese Hysteriker mit einer Fleischsteuer bestrafen, dann mit einer Sexsteuer, dann wird das Lachen verboten, kurz darauf das Gekicher, irgendwann stürmen sie unsere Wohnungen auf der Suche nach zerwühlten Bettlaken, zuletzt rationieren sie uns den Atem.

Wenn sie nur wüssten, die kalkfahlen Gesundbeter: dass es dem Körper schnurzegal ist, ob er seine tägliche Ration von 0,000047 Milligramm Silicium und seine 0,0057 Milligramm Rubidium bekommt, solange, ja solange er sich begeistern kann, solange ihn Herausforderungen antreiben, solange er, auch das, umarmt und umarmt wird. Und eben nicht solange er stündlich eineinhalb Spargelstangen, fünfzehn Gramm Bircher-Müsli und sechs Blätter Rucolasalat (vom Biobauern!) verabreicht bekommt. Der Körper will leben, bersten, tanzen, schreien, sündigen, in der Welt sein. Fehlt das, rettet ihn kein Gemüse zwischen Himmel und Erde.

Dieses Kapitel ist folglich den Hungrigen gewidmet, den hungrigen Reisenden. Die das Leben nicht als Leichenzug verstehen, der siebzig oder achtzig Jahre lang vorbeitrottet, sondern als phänomenale Möglichkeit, reich zu werden: im Kopf, im Busen (bei den alten Griechen das Zentrum des Gefühls), im Bauch, überall. Und Drogen sind ein überwältigendes Genussmittel, um der Intensität nachzuhelfen. Dass sie verboten sind, erzählt uns etwas von der Scheinheiligkeit, mit der wir leben. In jedem Discounter stehen fünftausend Flaschen Alkohol, jeder darf zugreifen. Literweise, kübelweise. Wird einer mit fünf Gramm Hasch erwischt, entflammt das gesunde Volksempfinden und schreit nach dem Staatsanwalt.

So wollen die folgenden Zeilen auch ihren (bescheidenen) Betrag liefern: damit – endlich – der Konsum von Drogen legalisiert, sprich entkriminalisiert wird. Damit marodierende Mörderbanden – Mexiko macht es uns gerade vor – aufhören, via Verkauf von Dope ihr Terrorregime zu etablieren. Damit Pubertierende nicht auf den Strich gehen müssen, um sich den Stoff zu finanzieren. Damit – ich weiß also, wovon ich rede – ich keinen Meineid mehr schwören muss, um eine drogenabhängige Freundin vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren. Die Legalisierung wird nicht alle einschlägigen Probleme lösen (so wenig wie der legale Verkauf von Schnaps vor Alkoholismus schützt), aber die grausamsten, die barbarischsten, die schon.

Ich bitte um Nachsicht für die lange Einleitung, aber es handelt sich um ein delikates Sujet, das ein paar erklärende Worte verlangt. So überfrachtet ist die Auseinandersetzung von Falschmeldungen, Heuchelei und blindwütigen Emotionen. Aber das Buch soll ja von der Welt des Reisens berichten und nicht vom Wallfahren nach Lourdes (dort verkaufen sie die Droge „Heilige Bernadette“, ein ganz und gar folgenloses Placebo), soll sagen: Der verantwortungsbewusste und wohlinformierte Konsum von Drogen kann auf wundersame Weise zur geistigen und körperlichen Gesundheit beitragen, kann uns etwas – wohin kein Buch führt, kein Wort – von der unfassbaren Vielfalt der Welt erzählen. Auf intuitive, auf – aber ja doch – „spirituelle“ Weise. Weil wir durch Drogen Zustände erleben, auch geistige, seelische, phantastische,in die wir auf „normalem“ Weg nie gelangen würden. (…)

8. Leseprobe (Eros):

Eines der vielen vergnügungsreichen Phänomene beim Kennenlernen einer Frau (eines Mannes) ist wohl die Tatsache, dass keiner von beiden behaupten kann, den anderen zu kennen. Das Neue, ganz unbelastet von Vergangenheit, hat einen unheimlichen Reiz. Jeder, der allein unterwegs ist, wird ihm begegnen. Die Aura der Ferne, des – jetzt muss ich das gräuliche Wort hinschreiben – „Exotischen“ wirkt wie ein Katalysator. Man scheint schneller entflammbar, die Mühseligkeiten des Alltags sind weg, man wird nicht mehr von so schauerlichen Tätigkeiten ruiniert wie an einer Lidl-Kasse anstellen oder einen Beamten zum Amtshandeln bewegen oder ein Zahnarzt-Wartezimmer aushalten. Lauter Aktivitäten, die – gerade weil sie so banal sind – rasanter als jede Nerven zerfetzende Eskapade unser Lebensende beschleunigen. Deshalb rennt einer davon. Nicht, um seinen Schuldenberg zu vergessen oder seine darbenden Kinder im Stich zu lassen oder der drohenden Blinddarmoperation zu entkommen. Nein, er flieht, weil er die Voraussehbarkeit satt hat, die abgeranzte Routine, weil er „woanders“ sein will.

Und ein fremder Mann und eine fremde Frau, die sich auf einem fremden Erdteil begegnen und – gefallen: Ist das nicht eine beispiellose Freude? Oft genügt ein Blick, ein Lächeln, eine Geste der Hilfsbereitschaft. Weil meist beide Seiten empfänglicher sind, da sie – und das spielt auf Reisen eine entscheidende Rolle – einsamer sind. Die heimatlichen Bezugspunkte fehlen, die Nähe eines anderen ist somit willkommen, willkommener. Nicht immer, aber oft. Die Fremde bringt Fremde näher. Das ist ein einfacher psychologischer Reflex, er ist uralt und wird so schnell nicht aussterben.

(…)

Wohin die so ungeplanten Begegnungen geführt haben? Ah, wie belanglos. Bisweilen bekam ich eine Geschichte erzählt, bisweilen eine Nähe, für die Mann und Frau wunderbar ausgestattet sind, bisweilen beides. Immer entstand Wärme, dieses Grundnahrungsmittel, das jedem hilft, um mit dem Am-Leben-Sein fertigzuwerden. Ich habe im seriösen Guardian gelesen, dass nach der Attacke auf die beiden Türme des World Trade Centers – noch am selben Tag, noch in den folgenden Stunden – Wildfremde übereinander herfielen. Im nächsten Hausflur, in einer Tiefgarage, überall, wo zwei diskrete Quadratmeter zur Verfügung standen. Und sich liebten. Heftig, ohne Vorstellungsgespräch, ohne Nachspiel. Begründet haben Psychologen dieses doch überraschende Verhalten damit, dass Weltuntergangsstimmung herrschte, dass den Leuten – durch den Schock des erlebten Desasters schlagartig ausgelöst – die eingebimste Moral vollkommen egal war und sie auf dramatische Weise begriffen, dass auch sie nur einmal auf dieser Welt vorhanden sein würden.

Ich bin noch bei Sinnen und verwechsle diesen elften September 2001 in New York nicht mit einer Reise durch die Urwälder Perus. Dennoch, irgendwo haben sie etwas Gemeinsames. Eben das „Außergewöhnliche“, das Außerkraftsetzen der gängigen Anstandsregeln, das Wissen um die Dringlichkeit unserer Existenz. Bis zu seinem 30. Lebensjahr, sagt Freud, glaubt der Mensch nicht, dass er sterblich ist. Ich behaupte, dass die meisten es niebegreifen. Anders lässt sich nicht erklären, warum sie so hartnäckig ihre Jahre vertrödeln. Solide eingerichtet in tausend Ängsten, warten sie auf die Zukunft. Das ist wunderlich absurd, denn jeder weiß, dass es eine Zukunft nicht gibt. Noch nie hat ein Mensch in ihr gelebt, er lebt immer und ausschließlich in der Gegenwart. Wenn er denn lebt. Schon überraschend, die Widerborstigkeit, mit der so viele vor dieser Wirklichkeit davonrennen, sie aussitzen. Aber wie jemanden zum Leben erwecken, der lieber bei lebendigem Leib tot ist?

Die letzten Absätze waren die Einleitung zum Thema. Sie schienen mir nötig, um wieder beim Titel des Buches zu landen, bei der „Gebrauchsanweisung“. Nachdem ich das eckige Wort durch „Kleine Winke zur Vermehrung des Swings“ ersetzt habe, möge man mir erlauben, ein paar Ratschläge betreffs „Eros in fremden Landen“ preiszugeben. Die ich auch gern gelesen hätte. Vor den Schlägen, die ich erst hinterher als „Rat“ begriff. Aber wie viele andere bin ich begriffsstutzig und muss mehrmals – bisweilen über peinsame Umwege – auf Tatsachen gestoßen werden, die Findigere schneller dechiffrieren. (…)

9. Leseprobe (Reisen und Schreiben):

Schreiben ist der schönste Beruf der Welt. Ob der Satz stimmt, interessiert mich nicht. Nicht wirklich. Ich empfinde es so. Wenn ich die Mails bedenke, die bei mir eintreffen (mit der Bitte, den angehängten Text an Verleger weiterzuleiten), dann könnte man glauben, dass die Hälfte aller deutschen Schubladen vor Manuskripten überquellen. Unglaublich viele wollen etwas sagen. Schriftlich, schwarz auf weiß.

Schreiben übers Reisen ist allerdings noch schöner. Denn da muss man nicht wie ein Romancier fünf Jahre am selben Ort herumsitzen, nein, man darf vorher, vor dem Hinsetzen, sogar noch die Welt besichtigen. Jetzt sind wir beim Traumberuf. Sagen alle. Und ich sage nicht Nein.

Seltsamerweise hat die Reiseliteratur einen schlechten Ruf. Oft zu Recht. Man fasst nicht, mit wievieldrögen Wörtern so manches der einschlägigen Bücher vollgemacht wird. Pipi-Popo-Nachrichten ziehen sich über Seiten, abgestandener Small Talk mit Taxifahrern soll Authentizität vortäuschen, Detailhuber deprimieren uns minutenlang mit ganz und gar überflüssigen Details.

Man darf bündelweise weiterblättern, ohne einen Gedanken zu versäumen, von dem man nicht vorher schon gehört hätte. So raubt uns so mancher Autor gleich zwei Dinge: das schöne Geld und unsere – unaufholbare – Lebenszeit.

Andere wissen etwas, aber servieren ihr Wissen wie einen liegengebliebenen McDonald’s-Fladen: ohne Sauce (Gefühl), ohne Beilagen (Sprachwitz), ohne Gewürze (Provokation). Interessante Fakten kommen als schriftliches Geleier daher. Nie falsch, nie dumm, aber vom schlimmsten aller Makel geschlagen: von (stilistischer) Langeweile.

Grundsätzlich ist die Vermutung richtig, dass einer, der sich auf eine Reise begibt, die Welt intensiver spürt als einer, der, sagen wir, in Köln-Ehrenfeld eine Autowaschanlage betreibt. Dass ihm ein Leben widerfährt, von dem andere nichts wissen. Und er, der Reisende, deshalb den Wunsch verspürt, darüber zu berichten. Legitimer kann ein Motiv nicht sein. Deshalb entstehen Reportagen, Bücher, Filme, etc. Fast immer aus dem Bedürfnis heraus, dass einer, der „weiß“ (na ja, ein bisschen weiß), anderen, die das wissen wollen, davon Nachricht gibt. Totell a story: So erzählt er die Geschichte seiner Reise.

Das hundsgemeine Problem dabei: Man muss es können. Der Wille reicht nicht, reicht nie, denn Kunst kommt nicht von wollen, sonst hieße es ja Wulst, sie kommt von müssen: Doch wenn einer muss (schreiben!), dann muss er es können. Dieses Talent ist kein Verdienst, es ist ein Geschenk. Von wem auch immer.

Warum sich so viele in etwas – das Schreiben! – verlieben, das diese Liebe nicht erwidert, bleibt ein Rätsel. Solches Tun erinnert an einem Mann, der sich in eine Superschöne, Superkluge verknallt und hartnäckig nicht wahrhaben will, dass sie nicht interessiert ist. Nie ein Auge auf ihn wirft, nie ihn lockt, nicht das Geringste unternimmt, um ihm nahezusein. Ein intelligenter Verehrer, einer mit Erkenntnisbereitschaft, wird einsehen, dass man nicht jede haben kann. Und woanders seinen Charme versuchen. Nur die lästigen Männer, jene, die von dem Wahn besessen sind, dass keine an ihnen vorbeikommt, werden nun penetrant die kluge Schöne belästigen.

So ähnlich unser Mann am Schreibtisch (viel mehr Männer als Frauen tun das). Er schreibt und schreibt und hört all das nicht, was ein Begabter hören würde: den Rhythmus, die Musik, die Harmonie, den Swing, den Sinn. Er schreibt – so sagen es die Franzosen – „commeunpied“, wie ein Fuß. So eckig, so linkisch, so ohne Anmut. Er belästigt jetzt die Sprache, stochert wie ein tapsiger Verlobter in seiner Verlobten ungelenk in ihr herum. Dass ihm dabei keine Jubelschreie – weder von der Braut noch vom Leserpublikum – entgegenfliegen, sollte nicht überraschen. Denn man riecht den Schweiß, die fürchterliche Mühsal. Aber genau das ist der springende Punkt. Wir Leser wollen das nicht riechen, nicht sehen, wir wollen Eleganz bewundern, die Leichtigkeit, wollen ein Ergebnis präsentiert bekommen, das uns – auch wenn wir bisweilen dem Autor widersprechen – mit Schönheit und Hintersinn versorgt. Und mit „Lebenshilfe“. Wir wollen keinem zuschauen, wie er den dreifachen Rittberger trainiert, nein, wir wollen den fertigen Rittberger bewundern, das schwerelose Tänzeln, das Schweben. Und wir wollen mit Gedanken beschenkt werden, die uns zu Tränen rühren – Tränen der Freude, der Erkenntnis, des Trostes, des Kummers. Wir lesen und der gewiefte Schreiber führt uns in unsere geheimsten Herzkammern. Wo wir etwas – dank ihm, dank einem Wildfremden – über uns und die Welt begreifen. Zum ersten Mal. Oder wieder begreifen, was längst vergessen scheint.

(…)

So wäre die erste konkrete Regel für jemanden, der die nächste „Gebrauchsanweisung für die Welt“ schreiben will: Haus und Hof verlassen und das Weite suchen. Und umgehend nach jenen Ausschau halten, die von den Geheimnissen und Heimlichkeiten, von den Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele wissen. Denn nach dieser Nähe kann man sich nicht früh genug auf den Weg machen.

Zweite Regel: sich die Elefantenhaut abziehen, sprich, verwundbarer werden, durchlässiger, ungeschützter. Die Sinne trainieren, die fünf, die sechs, die sieben. Auf Geräusche achten, leiseste Töne wahrnehmen, Pausen hören, geringste Unterschiede bemerken, Körperhaltungen dechiffrieren, Gesichter scannen, Fazit: wie ein Oktopussy durch ein Land reisen und dabei alles mitnehmen, was man in sein Herz und sein Hirn herunterladen kann.

Lobenswerte Schreiber kommen mit einem Bergwerk voller Eindrücke nach Hause. Um daraus eine schlanke, formschöne Statue zu verfertigen, sprich, neunzig Prozent ihrer „Mitbringsel“ packen sie nicht aus, will sagen, publizieren sie nicht. Weil sie nicht mitteilenswert sind, weil sie das Publikum nicht interessieren, weil sie, auch das kommt vor, einfach nicht in die Geschichte passen.

Deshalb können Romanschriftsteller keine Reportagen schreiben. Weil sie nicht auf den Punkt kommen. Reportieren – von reportare, wörtlich: zurücktragen – ist wie ein Wildpferd zureiten. Wer die Zügel schleifen lässt, schießt über das Ziel hinaus.

Und das Ziel heißt (tausend Mal nein zu dem esoterischen Tinnef: „Der Weg ist das Ziel“), heißt immer: die perfekte Statue, das Schmuckstück, im vorliegenden Fall das Buch, das sich – würde man es laut lesen – wie eine gelungene Komposition anhört, anhören muss. Und den Leser von einem Gefühl ins andere reißt. Von piano über mezzoforte bis fortissimo. Und ganz nebenbei noch seinen Geist bedient. Seit Horaz wissen wir, was geschriebene Sprache soll, eben die heilige Dreifaltigkeit vermitteln: docere: unterrichten, delectare: erfreuen und movere: anrühren. Ins einfache Deutsch übertragen: uns etwas zeigen, uns zum Kichern bringen, unsere Tränen lockermachen.

Ist das nicht ein Wunder menschlicher Erfindungsgabe? Ein paar Seiten Papier voll verschwiegener Buchstaben sind imstande, gleichzeitig stille Einkehr und brausende Stürme hervorzurufen. Kein anderes Medium sieht so unscheinbar aus und birgt gleichzeitig so viele Sprengknöpfe. Die hochgehen, sobald man das Ende eines Satzes erreicht hat, ja, einmal als haltloses Gelächter rausplatzen, einmal wie kleine Erleuchtungen blinken, einmal unsere Augen mit Ergriffenheit überschwemmen. (…)

10. Leseprobe (Gefahr, Angst und Gewalt):

Die schönsten Gefahren sind jene, die man überstanden hat. (Pfiffiger Churchill: „Es gibt nichts Schöneres, als beschossen und nicht getroffen zu werden.“) Weil sie einen daran erinnern, wie verletzbar man ist und wie leicht unser kostbarster Besitz abhandenkommen kann: die Freiheit, der Körper, das ganze Leben. Mit einem Schlag erinnern wir uns hinterher daran, wie einmalig schön es ist, am Leben zu sein, heil, vollständig, frei.

Da wir das zuweilen vergessen, steckt in Gefahren ein ziemlicher Nutzwert. Sie wecken uns wieder auf. Damit wir nicht wie so viele werden, die kein Zwischenruf mehr erreicht: die Zombies, denen man täglich begegnet, stündlich. Mitmenschen, die von Amts wegen als unverstorben gelten, aber in der Wirklichkeit nur noch als scheinlebendig anwesend sind. Lauter Zeitgenossen, die vor der Angst vor dem Tod die Angst vor dem Leben erschreckt. Ich habe mich immer gefragt, wie jemand so werden kann. Werden will: tot sein, wenn man doch leben könnte. Unergründliches Menschenherz.

Natürlich schnürt man den Rucksack, weil man den thrill erfahren will, weil Reisen ganz nebenbei auch Intensität verspricht, ein bisschen Haare-zu-Berge-Stehen, ein paar Schweißausbrüche, ein Paar feuchte Hände. Gut, einige reisen ausschließlich, um sich zu erholen. Oder zu bilden. Oder saubere oder linke Geschäfte zu machen. Aber die brauchen keine Gebrauchsanweisung, die brauchen einschlägiges Material, das sich mit ihrem Thema beschäftigt. Das vorliegende Buch soll eher jenen zugeeignet sein, die den Kitzel suchen.

Warum strömen jedes Jahr über eine Million Neugierige nach Pamplona, zur Fiesta San Fermín? Um den „Heiligen“ anzubeten? Sicher nicht. Um die schöne Altstadt zu besichtigen? Ja, vielleicht. Aber vor allem wollen sie die Stierhatz erleben, wollen hinschauen, ja mitmachen, wenn ein halbes Dutzend Bullen durch die Straßen Richtung Arena getrieben wird. Tausende Besucher rennen vorneweg und riskieren ihre Haut, genießen die Angst, niedergetrampelt und/oder aufgespießt zu werden. Einen Amerikaner hörte ich einmal sagen, dass er den rush erleben wollte. Das kann man mit „Anschwellen“, mit „Ansturm“ oder „Hochbetrieb“ übersetzen, aber gemeint ist hier nur eins: der wilde Herzschlag, eben die Gefahr zu suchen und das Glück – das unversehrte Davonkommen – zu finden.

Verschafft das Abstottern eines Ford Fiesta einen Adrenalinstoß? Oder bei Aldi zwei Kilo Tomaten zu kaufen? Oder Politikern beim Diskutieren über das Haushaltbudget zuzuschauen? Oder den Herrn Papst über christlichen Geschlechtsverkehr sülzen zu hören? Oder einen Antrag für Hartz IV auszufüllen? Oder nach Heidi Klums gesammeltem Stuss zu googeln? Nein, nie.

( … )

Hier eine eher harmlose Geschichte, die böse hätte enden können. Wenn nicht der Zufall – nur ein anderes Wort für Glück – eingegriffen hätte: Frühe Nachtstunde in Kinshasa, damals noch Hauptstadt von Zaïre. Ich wollte nur streunen, nur sehen, nur riechen. Aber in einem Land, in dem ein als Präsident wiedergeborenes Raubtier sich vorgenommen hatte, sein Reich leerzuplündern, in einem solchen Land kann man nicht „nur“ streunen. Und erst recht nicht mit einer prallen Börse, am Gürtel befestigt. Zur Rechtfertigung meines Idiotismus könnte ich einzig sagen, dass es nicht denkbar gewesen wäre, in einer Unterkunft – auch nicht im feinen Memling Hotel, wo ich wohnte – irgendwelche Wertgegenstände zu lassen. Immerhin hing mein Hemd lose über meiner Reisekasse.

Ich war keine zehn Minuten unterwegs, als ich einen scharfen Zuruf hörte.

(…)

So, Reisender, schreibe dir noch den Satz von Mario Vargas Llosa ins Stammbuch: „Solange ich Illusionen und Neugier habe, werde ich nicht aufhören zu leben.“ Natürlich gibt es Reisen, die erfüllen, ohne dass man um seine Gesundheit fürchten muss. Und ohne dass Illusionen und Neugier mit Herzversagen bezahlt werden müssen. Jedem seinen Gefahrenquotienten. Der eine verträgt fast nichts, der andere fast alles. Und viele viel mehr, als sie glauben, sich zutrauen zu können. Wie dem auch sei: Keiner darf mit einem 15-Watt-Herz durch die Welt glimmen. Es muss strahlen, muss gleißen, soll wie eine Leuchtspur für andere sichtbar sein. Und was erinnert uns dringlicher daran, dass wir eins haben, dass es heftig schlägt, dass es – jede Sekunde – existiert? Die Welt, was sonst. Wär’ sie nicht da, gäb’s nur ein Loch im Himmel. (…)

Letzte Leseprobe (Der magische Moment: Asien 1):

Wie viele Bücher könnte man über die Magie Asiens schreiben? Eine Eisenbahnladung? Oder zwei? Ich ahne es nicht einmal. Aber ich weiß, dass ich jeden beneide, dem auf den knapp 45 Millionen Quadratkilometern Zauber und Abrakadabra begegnen. Weil der Erdteil mich daran erinnert, wie unverschämt kurz das Leben ist und wie verdammt wenig Zeit einem bleibt, um einen Bruchteil davon – von Asien, zum Beispiel – zu erhaschen. Nicht einmal Zeit genug, um einen Bruchteil darüber zu lesen.

Aber angesichts meiner zwei Geschichten aus Asien dürfen andere vor Eifersucht erbleichen. Wie eine Aussteuer trage ich sie mit mir herum. Würde der Wert eines Menschen mit der Außergewöhnlichkeit seiner Geschichten steigen, ich müsste um nichts fürchten. Nicht, seit die beiden zu meinen Trophäen zählen, zum Arsenal meiner Herzschrittmacher.

Die erste Geschichte erzählt von Marouf, den ich in Kabul kennenlernte. Der Siebenjährige war bereits erwachsen. Der Krieg in seinem Land hatte die Kindheit abgeschafft und jeden Knirps gezwungen, sofort Verantwortung zu übernehmen. Marouf arbeitete als jüngster Lehrling in der Werkstatt seines Vaters. Er zerlegte verbeulte Benzinfässer und weggeworfene Munitionskisten. Um das Blech anschließend mit einem Hammer platt zu hauen (schwerer als ein Eimer voller Bleistifte, wovon er nie einen besaß), dann mit einer Zyklopen-Schere zuzuschneiden, dann Löcher zu stanzen. Von sieben Uhr früh bis sechs Uhr abends. Vor der Garage standen die fertigen Öfen und Samoware.

Daoud, Maroufs Vater, hatte zehn Kinder. Wer stehen und laufen konnte, musste mithelfen. Der 40-Jährige: „Ich habe nur einen Gedanken: Wo kommt das Geld her für die sieben Kilo Mehl, die wir alle zwei Tage brauchen?“ Ich fragte vorsichtig, ob so etwas wie Familienplanung stattfände, denn weniger Kinder hieße weniger schlaflose Nächte. Und der Garagenbesitzer: „Ich versuche es, aber Allah macht trotzdem die Babys.“

Fast jeden Tag kehrte ich zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Immer knallten die Bleche und immer musste ich einen Tee trinken. Nie hörte ich einen maulen. Eine schiefe Werkstatt stand neben einer anderen schiefen und in jeder schufteten die minderjährigen Schmiede. Nakib, ein Bruder Maroufs, hatte sich inzwischen beim Hammerschwingen die beiden Schneidezähne ruiniert. Ich fragte Daoud: „Warum ist das so? Warum gehen in deinem Land die Kinder nicht zur Schule?“ Und der erwachsene Analphabet: „Das afghanische Volk muss bestraft werden.“ – „Aber warum denn die Afghanen, gibt es keine anderen Völker zu bestrafen?“ Daoud wusste es nicht. Aber so war es. Seine Fähigkeit, Gott zu vergeben, schien größer als dessen Erbarmungslosigkeit.

Eines Tages lud mich der Vater ein, die Familie zu Hause zu besuchen. Für ein Abendessen. Drei Tage später war es soweit. Doch meine Ankunft verzögerte sich um eine Stunde. Das Taxi hatte eine Panne. Und ein paar hundert Meter vor dem Ziel, weit weg vom Zentrum, musste ich aussteigen. „Toodangerous“ meinte der Fahrer. Es war bereits dunkel. Ich schulterte den Rucksack mit den eingekauften Lebensmitteln und ging los. Und bewegte mich auf ein unauslöschliches Bild zu.

Daoud hatte mich bereits darüber informiert, dass das Haus sehr beschädigt aussähe, aber das war es nicht, das Unfassbare. Es kam, als ich um das Eck einer anderen Ruine bog und auf eine Bruchbude – frei stehend auf dreckiger Erde – zuging, wohl ein Mietshaus, dessen gesamte Fassade weggerissen, weggebombt war, ja die Südseite jeder Wohnung offen und finster dalag. Aber das war es ebenfalls nicht, so bizarr das Wrack aus Ziegeln auch anmutete.

Es war Marouf, der mit einer Kerze in der Hand auf dem Reststück eines heruntergebrochenen Balkons stand. Im dritten Stock, ziemlich genau in der Mitte des Blocks. Ein monumentaler Anblick. Nur die Nacht und das Kind mit dem Licht unterhalb seines Gesichts. Sonst nichts, keine Stimmen, kein anderer Mensch, kein anderes Licht. Ich verstand die Geste als Ausdruck von Wärme. Als wollte mir der Siebenjährige den Weg zeigen. Damit ich mich nicht verirre, nicht in den falschen Bunker laufe.

Ich blieb sogleich stehen. Etwa zwanzig Meter Luftlinie lagen zwischen uns. Ich musste stehenbleiben, um diese Gleichzeitigkeit von Poesie und Irrsinn auszuhalten. Die Welt sah gerade aus wie ein Bühnenbild, begnadet inszeniert vom Zufall, vom Krieg, von der Armut. Mit einem wunderschönen Hauptdarsteller, mit Marouf und seinen wunderschönen afghanischen Augen. Wie ein Stern mitten auf dunklem Himmel.

Ich weiß nicht, wie lange ich da stand. Bald rannen mir die Tränen über die Wangen. Aus vielen Gründen. Wohl auch, weil die Szene nicht formvollendeter hätte sein können. Rein ästhetisch war sie nicht zu schlagen. Sie war wahr, mit nur wenigen Requisiten erzählte sie von der Wirklichkeit dieses Landes. Grandios verwies sie auf eine Tragödie.

Wie ein Geschenk, auf das man nicht vorbereitet ist, kam dieser Moment über mich. Manche Gefühle brauchen lange, bis sie sich an die Oberfläche trauen, andere platzen heraus, sind unaufhaltsam. Wie in diesem Augenblick.

Marouf, der Leuchtturm, der Held, winkte jetzt. Ich riss mich los, wischte über mein Gesicht und ging auf das Trümmerbild zu. Hörte wieder die Dosen im Rucksack scheppern. Vater Daoud beschwerte sich gehörig über mich. Weil ich als Gast die Naturalien mitgebracht hatte. Aber mein Schwindelsatz – ich wusste, dass er gebraucht würde – lag schon bereit: Es handelte sich um eine Sonderspende des Roten Kreuzes! Nur heute gültig! Diese Ausrede schien (gerade noch) akzeptabel und Nuria, die Frau, begann an ihrem Steinzeitofen mit der Zubereitung. Ich lüge mit Freuden, wenn es das Herz eines stolzen Afghanen beschwichtigt.

Es wurde ein feines Abendessen für uns dreizehn, mit dem Fleisch, dem Gemüse, der Nachspeise. Und dem Brot, das die Mutter gebacken hatte. Zehn Kilo Büchsen hatte ich mitgebracht und nicht ein Gramm blieb übrig. Nur die Kerze, sie flackerte noch immer.


Erstveröffentlichung 2012

Gebrauchsanweisung für die Welt

Kurzbeschreibung

Vom Kick, den Gefahren, den magischen Momenten unterwegs; von Einsamkeit und Freundschaft im Fremden: Andreas Altmanns Summe seiner Reiseerfahrungen ist eine sinnlich-furiose Aufforderung gegen Stubenhockerei, eine Hymne auf die Vielfalt der Welt. Die Einsamkeit ägyptischer Provinzhotels. Überlandfahrten im stinkenden Bus. Moderne Raubritter in Kolumbien. Gefrorenes Zahnputzwasser in Sibirien. Gepökelter Schafskopf zum Frühstück. Materialmüde Hängebrücken. Hitze. Durchfall. Fieber. Angst. Aber auch: die Zartheit eines Abends in Kabul. Verständigung mit Händen und Füßen. Staunen im Tempel. Freude beim Überlisten eines Grenzbeamten. Der Herzschlag des Zugfahrens. Die Großzügigkeit von Fremden. Mit Shakespeare und Eric Clapton in Nowosibirsk. Eine Liebelei in der Wüste. Das Spätnachmittagslicht über dem Berg Sinai. Kaum jemand hat sich dem Zauber und den Härten fremder Länder so ausgeliefert wie Andreas Altmann, und seine Anweisung ist nichts weniger als eine wilde Liebeserklärung an das Reisen.

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