Reise durch einen einsamen Kontinent

Unterwegs in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile

Reise durch einen einsamen Kontinent: Unterwegs in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile

Reise durch einen einsamen Kontinent

Kolumbien:

Beim Frühstück lese ich, dass die Ciudad Bolívar die herausforndernste Gegend der Hauptstadt ist, mit den meisten Banden und den schießwütigsten Arbeitslosen, fast jeden Tag ein Mord, ein Totschlag. Ich gehe zur Touristinformation, will um einen Plan bitten und nach der besten Busverbindung dorthin fragen. Das wird lustig, die Frau denkt, sie habe sich verhört und verweigert die Auskunft. Ich muss betteln und höchste Vorsicht versprechen. Mehrmals. So erfahre ich, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nur zur “baja parte“, zum unteren Stadtteil fahren, nicht nach oben, zur “alta parte“. Denn der Zugang würde von rivalisierenden Gangs bewacht, jede besorgt um ihr Territorium, um ihre Schutzgelder. (Ladenbesitzer zahlen, um sich vor denen zu schützen, die vorgeben, sie zu schützen.) Für weitere Todesfälle sorgen die “Rekrutierungsbüros“ der Paramilitares, die nach Nachwuchs Ausschau halten. Damit alle wissen, wie die Spielregeln funktionieren, wurden in der Vergangenheit mehrere Jugendliche liquidiert. Damit andere 17-Jährige begreifen, wie sie enden, wenn sie sich nicht rekrutieren lassen.

Ich will nicht sterben, ich weiß nur aus Erfahrung, dass a) grundsätzlich und grandios übertrieben wird, dass b} ein Weißer (ohne Kamera, schmucklos und zu Fuß) nicht sofort standrechtlich erschossen wird und dass ich c) Geschichten suche.

Nicht leicht, dorthin zu gelangen. Im Bus sitze ich ganz hinten, neben mir eine ältere Lady. Da in diesem Land nichts leichter ist, als mit einem Fremden ein Gespräch zu beginnen, reden wir. Dummerweise bin ich ehrlich und sage, wohin ich fahre. Nun schlägt Curieta, die Lady, die Hände über dem Kopf zusammen. Unsere zwei Sitznachbarinnen tun es ihr nach. “Dios mio, bitte, bitte, fahren Sie nicht dorthin!“ Es wird noch absurder, denn alle um mich Besorgten wohnen in der Ciudad. Beschwichtungsversuche meinerseits werden negiert, Curieta übernimmt nach kurzer Debatte mit den anderen das Kommando und verspricht, nicht mehr von meiner Seite zu weichen. Die 74-Jährige kommt gerade von einem Arztbesuch, hat zwei Hüftoperationen hinter sich und misst genau 154 cm. Einen geeigneteren Bodyguard kann man sich nicht wünschen. Als wir endlich ankommen, befiehlt sie, aus der Bustür humpelnd: “Folgen Sie mir!“ Bald werde ich wissen, woher sie die Chuzpe nimmt.

Der Wind treibt den Staub über die Straßen, weht die Plastiksäcke von den Müllhaufen, das riesige Bolívar besteht aus über 300 verschiedenen Vierteln, verstreut auf die Abhänge der umliegenden Hügel. Curieta lebt in Potosi, ein Sammelsurium zusammen genagelter Buden, einmal schief, einmal gerade. Hunde lungern, schmutzige Kinder schauen herüber. Armut ist langweilig, sie sieht überall gleich aus.

Wir gehen los. Als wir an einem Shop mit Lebensmitteln vorbeikommen, sagt Curieta, dass sie mir ein Mittagessen kochen will, kauft ein und bittet, die Waren anzuschreiben. Erst nach längerem Feilschen darf ich zahlen. Am Ende einer steilen Geraden erreichen wir ihre Behausung, vier Wände mit einem Blechdach, zur Straßenseite zwei vergitterte Fenster, die Löcher mit Pappe verstopft. Das Vorhängeschloss klemmt, es dauert, bis die Tür aufgeht.

Dahinter eine muffige Hitze, Zementboden, auf Ziegeln liegt das Holzbrett mit dem ungemachten Bett, in vier Schachteln liegt Curietas Besitz, nur Wäsche, ein paar Toilettenartikel, Schuhe. Kabel hängen quer, ein kaputter Spiegel steht neben dem Fernseher in einer Ecke. Die Hintertür führt auf einen kleinen Hof, drei mal zwei Meter. In einer Nasszelle befindet sich ein Gaskocher und daneben, hinter einer Wand, die Kloschüssel ohne Brille. Die Hausbesitzerin hat eine Mauer parrallel zum Nachbarhaus hochziehen lassen, gespickt mit eingemörtelten Glasscherben. Damit sich jeder die Arme und Hände blutig reißt, der hier einbrechen will. Plötzlich dreht jemand ein Radio voll auf, von irgendwoher kommt die Stimme von Franco de Vita, er singt die schöne Schnulze: ãTe amo desde el primer momento en que te vi“, seit dem ersten Augenblick, wo ich dich sah, liebe ich dich. Ich frage Curieta, ob sie glücklich sei. “No.“ Und warum nicht? “Soy sola“, ich bin allein.

Curieta kocht, und erzählt. Ihr Mann war Campesino, sie kam aus der Mittelklasse. Nach 13 Jahren, drei Töchtern und einem Sohn ist er davon. Mit einer anderen. Eine offzielle Scheidung hat nie stattgefunden. So ist sie seit 52 Jahren verheiratet und seit 39 Jahren einsam. Javier hat sie oft geschlagen. Ich frage mehrmals, warum. Sie weiß es nicht, sagt nur: “Er war Bauer“. Das soll als Erklärung reichen, ein Bauer eben und Bauern schlagen.

Monatlich bekommt sie 350.000 Pesos (140 Euro) Rente. Sie hat in einer Kleiderfabrik gearbeitet, kann schneidern. Damit verdient sie noch heute ein Zubrot. Die Nähmachine steht bei einer ihrer Töchter, aus Sicherheitsgründen. Spräche sich herum, dass in der Hütte ein so nützliches Werkzeug zu holen wäre, es wäre schon verschwunden. Sie verschweigt sogar in der Nachbarschaft ihren früheren Beruf. Die Information würde genügen, um auf sie aufmerksam zu machen. Denn Schneiderin sein gilt als solid, besser verdienend. Besser jedenfalls als ein ungelernter Tagelöhner.

Oft schaut sie fern, ab 17 Uhr durchgehend. Denn dann liegt sie im Bett und starrt ins dunkle Eck, aus dem es hell flimmert. Sie mag alles, Hauptsache, sie hört “Stimmen“. Ich sehe für Momente den Nutzen eines Geräts, das sie hier “caja tonta“ nennen. Und hätte die Idiotenkiste keinen anderen Sinn, als die Einsamkeit von Señora Curieta zu lindern. Ohne die Stimmen würde sie noch verlassener im Bett liegen.

Das wird ein heiteres Mittagessen, auch wenn wir nur mit dem Blechteller in der Hand auf einem Steinsockel sitzen. Curieta zählt wieder die (lange) Liste der Gefährdungen auf, von denen wir hier belagert werden. Wobei sie vollkommen sorglos bleibt. Denn jeden Morgen bete sie zum Erzengel Michael (“der mit dem Flammenschwert“), und somit sei die Sache erledigt. Der Schwertträger beschütze sie rund um die Uhr, “aus jeder Himmmelsrichtung“. Würde es dennoch mulmig werden, flüstere sie nochmals den Namen ihres Helden. Um auch die heikelsten Umstände zu bannen. Kurz bevor wir aus dem Bus stiegen, hat sie auch geflüstert. Um meinen Schutz. Tapfer sagt sie: “Gott ist in meinem Herzen und das Herz ist der Tempel Gottes.“ Die Sonne strahlt auf unser Hackfleisch mit Nudeln, Vögel zwitschern, Curieta hat die Augen geschlossen, für einen Augenblick scheint sie nicht allein.

Ich frage sie, ob sie keinen Versuch unternommen habe, die Einsamkeit einzudämmen, jemand anderen zu finden, der anständig ist und nicht prügelt. Sie sagt, ich wäre naiv. Nein, sie hat ihr Schicksal hingenommen, wie andere Frauen ihrer Generation in ähnlicher Lage. Als Mutter mit vier Kindern, arme Mutter mit armen vier Kindern, “schaut dich keiner mehr an, du wirst unsichtbar.“

Bevor es dunkel wird, begleitet sie mich zurück. Widerstand zwecklos, sie ist für mich zuständig. Potosi hat sogar ein Zentrum, ein paar geteerte Straßen, kleine Cafés, Läden, Werkstätten. Jeder vor Ort zahlt Schutzgelder, auch die Busunternehmen, die hier durchziehen. Curieta begleitet mich, sie erklärt alles. Sie fragt, ob es in Deutschland auch so aussieht, so zugeht. Unbehelligt erreichen wir die Haltestelle, nicht ein Pistolero lief uns über den Weg. Als ich durch das Fenster noch einmal winke, sinkt mir das Herz. Nur die Flimmerkiste und ein Erzengel sind der Einsamen geblieben. Beide virtuell, beide ohne Haut, ohne Wärme.

Ecuador:

Doch dann betritt ein vitaler Mensch den Bus. “Guten Tag, ich bin Raúl“, so begrüßt er uns, stellt sich vorne neben den Fahrer und legt los. Der junge Kerl hat einen teuflischen Charme und ein luftleichtes Entertainer-Lächeln. Außerdem weiß er, dass er das alles hat. Umgehend schlägt er ein dickes großes Buch auf, mächtig wie ein Atlas, eine Fotomappe mit Abbildungen aus einem Medizinlexikon. Man sieht Querschnitte von verschiedenen Körperteilen, vom Magen, vom Herz, von den Nieren, der Leber, dem Hirn. Allerdings sind alle Teile bereits im Zustand der Auflösung, überall drohen Krankheit, Niedergang und Raucherbeine, auch der Uterus ist vor nichts sicher, ganz zu schweigen von den allzeit gefährdeten Eileitern. Alles droht zu entzünden, zu verstopfen, zu verwelken. Bei uns Männern sieht es nicht besser aus. “Con todo el respeto“, mit allem Respekt, so die allzeit einleitenden Worte des Verführers, bevor er mit einem Stift auf unsere geheimsten Glieder zeigt. Die Zeichen stehen auf Sturm, Inkontinenz, Hodenkrebs und – wahrlich geschickt aufgebaut – Raúls gnadenloser Hinweis auf ein Foto, das einen Mann geknickt am Bettrand sitzend zeigt, den Kopf in den Händen, im Hintergrund – nackt und schön – die ebenfalls ratlose Frau: Frühzeitiger Samenerguß!, unerbittlich hallt Raúls Stimme im Bus, ja, noch hallender, noch schmerzlicher: “¡Impotencia!“

Silentium, solange bis das Genie zum letzten Foto blättert, wo die Antwort auf jedes Elend steht: Eine Wurzel, “direkt aus China“, Ginseng. Hurtig greift er in seinen Koffer und holt kleine Schachteln hervor, in der sich je 150 Minitabletten befinden. “Je fünf morgens und abends, bei Kleinkindern je drei.“ (In Ekuador haben ganz offensichtlich schon Vierjährige Erektionsschwierigkeiten.) Nun gießt der Handelsreisende Wasser in ein Glas, zieht aus der anderen Hosentasche eine mit Flüssigkeit gefüllte Pipette, gibt ein Paar Tropfen davon ins Wasser, das sich umgehend trübt. Um jetzt zu beweisen, dass Ginseng überall aufräumt, wirft er nun zwei Kapseln in die braunhässliche Brühe, zerstückelt sie mit Hilfe einer Nagelfeile und rüht um. Bravo, die Tunke wird wieder klar, wasserklar. Man hört ein leises Pfeifen durchs Publikum gehen, alle Achtung, hier gibts ein Wunder zu kaufen.

Die Packung reicht für zwei Wochen und kostet 2.50 US-Dollar, die hiesige Landeswährung. Raúl, das Ass. Noch bevor er das Placebo auspackt, rascheln die Scheine. Nie zuvor gesehen, bisher nur talentlose Besenverkäufer und Schnappmesser-Vertreter beobachtet, die froh sein mussten, wenn sie einen einzigen Artilkel losschlagen konnten. Zu einem viel geringerem Preis. Aber heute ist alles anders, vier, ja fünf Packungen werden – lautstark – angefordert. Während der Filou links und rechts austeilt und einkassiert, schaue ich genau hin. Um die Lippen des vielleicht 25-Jährigen zieht sich ein fast unsichtbares, wohl schwer beherrschtes Grinsen. Das sardonische Lächeln des Siegers, der hier souverän abzockt. Ich mag die Listigen, einen wie Raúl, der von der Dummheit der anderen lebt.

Peru:

Mit einem wehmütigen Gefühl verlasse ich den Ort. Ich war oft abwesend während der letzten halben Stunde, dachte nicht an Folter und Bestialität, dachte an einen Mann, mit dem ich dieses Museum bei meiner ersten Reise in Peru besucht hatte. Fernando sollte 24 Stunden später mein (einziger) Liebhaber werden. Nur eine Nacht lang. Hinterher war ich ihm ausgesprochen dankbar. Weil ich auf leibhaftige, ganz sinnliche Weise begriffen hatte, dass ich zur Bisexualität nicht taugte, dass mich der Körper eines Mannes erotisch nicht begeisterte. Das war, trotz der körperlichen Pein, die hinter mir lag, eine wunderbare Entdeckung. Denn wie bei so vielen anderen (heterosexuellen) Männern fluteten jahrelang homoerotische Phantasien durch meinen Kopf. Ohne sie auszuleben. Aus Scheu, aus Angst. Aber Tage vor der Begegnung mit dem 23-Jährigen hatte ich einen Satz von André Gide gelesen, schön dramatisch und anspornend: “Ich will dabei sein, und koste es das Leben.“ Und so war die Zeit der Ausflüchte vorbei, Fernando verführte mich und ich ließ mich verführen.

Draußen auf der Avenida Abancay, direkt neben dem Museum, beschließe ich, Fernando L. wiederzusehen. Ich will wissen, was aus ihm geworden ist, seinen Träumen, den Zielen. Ich gehe zur Iglesia San Francisco, wo ich ihn kennengelernt hatte. Vor 20 Jahren jobbte er dort als Fremdenführer. Doch In der Kirche wissen sie nichts von ihm, in “unserem“ Café nichts, nichts im Sheraton, wohin die reichen Homos ihn abschleppten. Bis ich die Absteige wiederfinde, wo wir damals ein Zimmer nahmen. Hier kennt der Rezeptionist jemanden, der Bescheid wissen könnte. Ein paar Ecken weiter. Und der alte Pedro, damals Portier, lässt mich in seine Wohnung, erinnert sich. Nicht an mich, aber an Fernando, den Stammkunden. Ganz offensichtlich war ich nicht der einzige, zu dem er sich dort ins Bett legte.

Ich mache mich auf den Weg nach San Juan de Miraflores, in dem miserablen Viertel soll er leben. Vermutete Pedro. “Wenn ich nichts durcheinander bringe“, fügte er grinsend hinzu, “ich kann mich täuschen, so viele Schwule und Ehebrecher kamen an mir vorbei.“

Der Alte hat recht, hier ist es miserabel. Kinder kicken mit einem zerknautschten Ball, gelbgrüne Abwässer rinnen entlang der schiefen Gassen, viele Wände ein Verhau aus Adobe und Holz. Vor einer Tür hängt ein Coca-Cola-Schild, ich trete ein, will was trinken, will fragen. Die fünf Gäste, fünf junge Kerle, heben den Kopf und lächeln. Es kommt zu einer Begegnung der Dritten Art. Einer der fünf verschwindet und kehrt Minuten später mit einem Mädchen zurück. Einem leichten Mädchen. Babyspeck, dicker Busen, dicke Schminke, die aufgekratze Stimme. Blind wüsste man, dass hier kein verzagtes Fräulein auftritt. Aber auch Blinde irren. Eloy, ihr 21-jähriger Zuhälter, fragt trocken, ob sie mir gefalle. Sicherheitshalber sage ich ja, sie ist seine Beute und dafür will er gelobt werden. Während ich unter Hochdruck darüber nachdenke, wie ich dem mit Gewissheit eintreffendem Angebot entkomme, von der Babyspeckigen in einem Verschlag drei Rinnsale weiter verwöhnt zu werden, sagt ihr Macker kühl: “Sie ist kein Mädchen, sondern ein Transsexueller.“

Ich lasse mir nichts anmerken, will auch cool sein. Und schaue nochmals hin, und erst jetzt sehe ich die weggeschminkten Gesichtszüge eines Mannes. das Männer-Becken, die Männerhände. Aber der Auftritt eines Peruaners, der Östrogentabletten schluckt, einen Push-up-BH trägt und emsig auf eine Operation spart (so ist zu vermuten), um sich die letzten Reste verhasster Männlichkeit wegschneiden zu lassen, diese Vorstellung war nicht denkbar. Nicht hier in dieser Umgebung. Anders lässt sich die Blindheit nicht rechtfertigen.

Ich fasse mich, bitte die zwei an meinen Tisch und bestelle, was sie wollen. Dafür reden sie: Gladys (früher: Fabio) geht als Hermaphrodit anschaffen. Nicht hier, sondern im Gebüsch neben den Ausfallstraßen der Hauptstadt. Für ein paar Soles bietet sie ihre verschiedenen Körperteile an, nur “la puerta principal“, die Haupttür, muss sie verstecken, sprich, “nach hinten klemmen“. So die 25-Jährige verschmitzt. Denn die Kundschaft will eine komplette Frau und keinen Mann, der hurt (zur Geldbeschaffung), um endlich kein Mann mehr zu sein. Was durchaus funktioniert, da die meisten Klienten betrunken vorbeikommen. Notfalls von Gladys betrunken gemacht werden. Sie meint, sich prostituieren mache ihr nichts aus, im Gegenteil, jeder erregte Mann wäre ein Beweis für ihr Frausein, ein Beweis für ihren Traum.

Während der Zwitter erzählt, denke ich an mein harmloses Leben. Mehrmals tausche ich in meinem Kopf die Rollen. Bin ein junger Mann, der sein eigenes Geschlecht verachtet und sich nachts als halbe Frau in die Sträucher schlägt, um der Verachtung zu entrinnen. Wie Gladys, sechs oder sieben Mal die Woche. Man kann ein solches Leben nicht denken, so anders, so herausfordernd ist es.

Von Gabriel García Márquez stammt der Satz: “Bis die Wirklichkeit sie lehrte, dass die Zukunft nicht war, wie sie von ihr träumten und sie somit die Nostalgie entdeckten.“ Aber soweit ist Gladys noch nicht, sie ist noch nicht gescheitert. Voller Enthusiasmus redet sie von einer Zukunft ohne jede Sehnsucht nach Vergangenheit.

Ich fahre zurück ins Zentrum, will Fernando nicht mehr suchen, nicht mehr finden. Die Zeit ist zu knapp. Aber das ist es nicht, es ist die Furcht, dass ich den einst Hübschen heute als verkommenen Stricher begegne. Infiziert, an der Nadel oder dunkelblau durch den Tag lallend. Plötzlich scheint mir die Erinnerung (die Nostalgie) an unsere Begegnung wertvoller als die schäbige Wirklichkeit so viele Jahre später. Möglicherweise wäre ich einem Helden begegnet. Aber Fernando, charmant und stets launig, erschien mir schon damals schwach und nachgiebig, kam nicht daher wie einer, der mit den Anwürfen des Alltags fertig würde. Vielleicht täusche ich mich, hoffentlich. Erleichtert lande ich auf dem Kundenstuhl von Amerigo, der den Dreck der Armut von meinen Stiefeln spachtelt und mich leichten Herzens entlässt.

Bolivien:

Zurück ins Hotel, waschen, umziehen, wieder auf die Straße und nach einem Restaurant mit einem Ofen suchen. Anders ist Potosi um diese Uhrzeit, um diese Jahreszeit nicht auszuhalten. Ich finde das Cosana, und eine einzige Wohltat fängt an: geheizt, gemütlich, ein fester Tisch, gutes Essen, das Lächeln von Ema, der Bedienung. Bis vier Talentfreie auftreten, ihre Instrumente anstecken und mit ihrem Lärm alles kaputt machen. Als die Rechnung kommt, sehe ich, dass man für das “derecho de música“, für das Recht auf Musik, zahlen muss. Warum gibt es kein Recht auf Stille? Ich würde das Doppelte hinlegen.

Aber ich bleibe, sitze die Krachmacher aus. Und werde belohnt. Ema bringt die heutige Sonderausgabe der Zeitung La Razón, ein dickes Heft mit den “hundert wichtigsten Persönlichkeiten Boliviens“. Und zwischen Simon Bolivar, dem Befreier Südamerikas, und dem heutigen Präsidenten Evo Morales steht der Name eines Deutschen: Werner Guttentag. Der Text neben dem Foto erzählt von einem anstrengendem, faszinierendem Leben: 1920 als Sohn eines jüdischen Handelsvertreters in Breslau geboren, gelingt ihm rechtzeitig die Flucht vor den Nationalsozialisten. Umso bemerkenswerter, als der Vater bereits in einem Konzentrationslager interniert war und es wieder ­ gegen jede mörderische Logik ­ verlassen konnte. Flucht zuerst nach Holland, wo der Junge Mechaniker lernt, dann Ankunft in Bolivien. Im Frühjahr 1939, nicht einen Tag zu früh. Im Gepäck befanden sich ãdrei wichtige Gegenstände“: eine Schreibmaschine, Dostojewskis Die Brüder Karamasow und – ein Fahrrad.

Die Familie findet Arbeit in Cochabamba, heute eine Stadt mit über einer halben Million Einwohner, damals ein trübes Provinznest. Man schlägt sich durch, der Halbwüchsige repariert Motoren, bastelt Schmuck, arbeitet in einer Silbermine. Bis er 1945 seinen Traum erfüllt und in einem Land, wo zwei Drittel nicht lesen und schreiben konnten, seine erste Buchhandlung eröffnet. Auch mit deutschen Büchern, denn nicht wenige Landsleute ­ Opfer und Henker ­ hatten in Bolivien Unterschlupf gefunden. Los Amigos del Libro (Die Freude des Buches) beginnt als eine Art Leihbibliothek, die per Flugzeug, Zug, Lastwagen und per Esel die gewünschten Titel in jedes Eck des riesigen Landes verschickte.

Jude sein und für die Freiheit des Denkens eintreten, war auch in Bolivien nicht immer leicht. Der berühmteste Nazi, der es dorthin geschafft hatte, war Klaus Barbie, Gestapo-Mann und der “Schlächter von Lyon“. (Klaus Altmann war sein Deckname im Exil.) Guttentag berichtet, wie dessen Anhänger sein Haus überfielen, einen Teil seiner Bibliothek verwüsteten, einen Teil öffentlich verbrannten(!). Und den Hausherr mitnahmen.

War die braune Gefahr vorbei, kamen andere Zumutungen. Von Seiten der Machthaber, von Seiten linker Splittergruppen, von Seiten eines Staates, der noch jetzt der ärmste Südamerikas ist, wo jedes Copyright missachtet wird, wo jeder (seltene) Erfolg umgehend raubkopiert wird.

Die Guttenbergs haben das alles hinter sich. Sieben Buchläden stehen heute im Land, der Deutsche gilt als einer der Geburtshelfer der modernen bolivianischen Literatur, als ein vehementer Antreiber in Sachen Alphabetisierung, als einer von hundert Außergewöhnlichen.

Ich zahle und suche einen Telefonladen, um in Cochabamba anzurufen. Und irgendwann spricht Werner Guttentag am anderen Ende. Und plötzlich merke ich, dass ich dem 86-Jährigen nichts zu sagen habe, was er nicht schon wüßte. So stottere ich in der Not meine Bewunderung in die Muschel, rede von dem Artikel, den ich gerade gelesen habe. (Von dem er überaschenderweise nichts weiß.) Und der noch immer lesewütige Alte sagt mit warmer Stimme, dass er sich freue und jederzeit meinen Besuch erwarte. Hinterher weiß ich, warum ich angerufen habe. Weil ich wissen wollte, ob es den Mann tatsächlich gibt. So verschlungen, so anders schien mir seine Existenz, dass ich sie für erfunden hielt, für die Laune eines durchgeknallten Journalisten.

Am nächsten Morgen einen Elektroofen ins Hotelzimmer schleppen, um die zehn Finger zu enteisen. Dann ein paar Stunden schreiben. Den Nachmittag durch Potosi wandern, jetzt unter einem andenblauen Himmel. Die engen steilen Gassen, verwinckelt, der großzügige Platz des 10. Novembers, die vielen Fassaden aus der Kolonialzeit, die mit Maß und Eleganz das Auge begeistern. Vorbei an der Casa Real de la Moneda, formidabel wie ein Palast, wo 1572 die ersten Geldmünzen geprägt wurden. Lauter Beweise, dass die spanischen Raubritter neben Blut und Elend auch Dinge hinterlassen haben, die jeden Betrachter ­ auch den Bolivianer ­ mit Freude erfüllen, ja jeden in den wunderlichen Zustand von Frieden versetzen, der wohl immer dann Besitz von einem ergreift, wenn er vor etwas steht, das den geheimnisvollen Gesetzen der Schönheit folgt.

Hinter der Pracht liegt das andere Potosi. Hier liest man Schilder der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die ein Projekt für Trinkwasser finanziert, hier gibt es die Vier-Quadratmeter-Bordelle, die Cervezeria minero, die Bergmann-Schenke, den Mercado calvario, den Kreuzweg-Markt. Der Name stimmt, viele Stufen führen dorthin. Wer mit schwachen Lungen in diese Stadt reist, sollte sich rechtzeitig ein Sauerstoffgerät umschnallen.

Abends wieder im Cosana. Wie gestern beschenkt mich Ema mit einem Willkommenslächeln und der Zeitung. Selten hat mir ein Mensch an zwei Tagen hintereinander Drucksachen gebracht, die so innig bewegen. Heute kann man eine Hommage an Jorge Luis Borges lesen, der vor genau zwanzig Jahren gestorben ist und den viele für den einflussreichsten Schriftsteller des Kontinents halten. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hat der Argentinier einen Text hinterlassen ­ hier abgedruckt -, den man wie Goldstaub auf sein Herz legen sollte. Um es aufzutauen und anzutreiben, wenn es den Mut sinken lässt:

“Könnte ich mein Leben nochmal von vorn beginnen, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde albern sein, würde ganz locker werden, nur noch ganz wenige Dinge ernst nehmen. Ich würde entschieden verrückter sein und weniger korrekt. Ich würde mehr Gelegenheiten beim Schopf ergreifen und öfters auf Reisen gehen. Ich würde mehr Berge ersteigen, mehr Flüsse durchschwimmen und mehr Sonnenaufgänge auf mich wirken lassen. Ich würde mehr echte Probleme und weniger eingebildete Nöte haben. Nun, ich hatte meine verrückten Augenblicke, aber wenn ich nochmal von vorn anfangen könnte, würde ich mehr verrückte Augenblicke haben. Genau gesagt: einen Augenblick nach dem andern und keine Pläne zehn Jahre voraus.“

Chile:

Am nächsten Morgen nochmals eine gute halbe Stunde Busfahrt nach Catillo, einem Bauerndorf. Näher komme ich mit einem öffentlichen Verkehrmittel nicht heran. Vor der einzigen Pension, dem Hotel Turismo, muss ich zwei Mal rufen, bis jemand aufmacht. So überrascht scheinen sie, dass einer hier absteigt. Ich erhalte das Zimmer mit den drei Doppelbetten, lasse mein Gepäck da und sage, dass ich abends wiederkomme.

Ich wandere los, verirre mich, finde zurück, zwei Arbeiter laden mich hinten auf ihren Pickup, nach ein paar Kilometern wieder wandern. Um genau 9.30 Uhr stehe ich vor einer verschlossenen Zufahrt, links daneben ein Flachbau, aus dem zügig eine ältere Frau tritt und kalt fragt: “¿Que quiere usted?“, was wollen Sie? An ihrem Akzent erkenne ich, dass sie Deutsche ist. Hier ist der Eingang zur ehemaligen Colonia Dignidad, der Kolonie der Würde. Der Ort des Grauens, kein bescheideneres Wort würde passen. Mitten in einer verzauberten Welt. Rehe und Hirsche grasen, die satten Wälder, die Hügel, ein makelloser Himmel über dem Tal.

Flashback: Paul Schäfer, Jahrgang 1921, Soldat der Wehrmacht, arbeitet nach dem Krieg als Fürsorger in der evangelisch-lutherischen Kirche. Um 1950 wird er entlassen. Gerüchte schwirren, er habe sich an Kindern vergangen. Schäfer durchstreift als Laienprediger Süddeutschland und beschwört die Idee des Urchristentums. Gleichzeitig fantasiert er von den anstürmenden Horden aus Russland und dem kurz bevorstehenden Untergang des Abendlands. Die ersten Opfer fallen auf ihn herein, jemand wird ihn später als ãdämonisch“ beschreiben. Nebenbei ist der Verkünder ein Geschäfts-Ass. Jeder seiner Anhänger muss den Zehnten spenden. Vorläufig. Auf psychologischer Ebene entwickelt sich der Ex-Gefreite zum Seelenhändler. Er führt den Beichtzwang ein, jeder muss ­ regelmäßig – im stillen Kämmerlein niederknien und seine letzten Geheimnisse preisgeben. Das wird die Wunderwaffe Schäfers. Mit dem Wissen kann er verfügen. Über Leben und Tod. 1961 flieht er nach Chile, seine ca. 200 Gläubigen folgen. Er schwadroniert vom “gelobten Land“ dort und verheimlicht, dass diesmal die Polizei ihn sucht. Wegen Kindesmissbrauch, das alte Leiden.

Freunde helfen, wie überall in Südamerika waren auch in Chile viele Nazis untergekommen. “Don Pablo“, so nennt er sich nun, wird in der Kreisstadt Parral vorstellig, kauft Land ein, viel Land, am Schluss sind es 14.000 Hektar (140 km2). Auf dieser Erde, so erzählt der hoch willkommene Deutsche den Behörden, soll es aussehen wie in Bayern. Er nennt sein Dorado Colonia Dignidad und zäunt es ein, stellt Wachtürme auf und beginnt zu herrschen. Ob es in der Geschichte der Menschheit je einen Mann gab, der zu jedem Verbrechen bereit war, um seinen, so scheint es, unversieglichen Hunger nach Knabenfleisch zu befriedigen?

Ein Schrecken jagt den nächsten. Ein 16-Stunden-Arbeitstag beginnt, lohnkostenfrei, aus dem Karstland soll eine Landschaft für Postkarten werden. Unter Aufsicht eines Zirkels hörig Ergebener (auch das Wort hörig fällt in späteren Zeugenaussagen), bald bewaffnet, bald schwer bewaffnet, bald unterstützt von ringsum versteckten Kameras. Drakonische Regeln nehmen überhand. Aus dem Zehnten wird Alles, die Mitglieder müssen ihr gesamtes Privateigentum der Kolonie, sprich Schäfer, überschreiben. Inklusive Renten, Pensionsansprüche, Immobilien in Deutschland. Die Familien werden getrennt, Eltern allein, Töchter allein, Söhne allein. Privatgespräche werden missbilligt, später verboten. Keiner sagt niemanden etwas, alle sagen alles “Onkel Paul“. (Der Mann wird sich noch viele Namen zulegen, viele Decknamen.) Hat jemand ­ ein Beispiel – sein Taschentuch verloren, dann hat er nicht sein Taschentuch verloren, sondern “eine Schändlichkeit begangen“, und musste sich fragen lassen, “wie er so versagen konnte.“ Schäfer, der rasend gewordene Biedermann, beherrscht längst das effizienteste Mittel, um das Herz und den Körper eines anderen auszubeuten: das Schuldgefühl. Auch darin ist er ein Meister aus Deutschland.

Die 14.000 Hektar fangen zu blühen an, irgendwann spricht die Presse von einem “Mustergut“. Das eigene Krankenhaus ist die Trumpfkarte der Anlage, hier wird jeder unentgeltlich behandelt, auch jeder Chilene. Zudem funktioniert der riesige Landwirtschaftsbetrieb als Arbeitgeber, viele Einheimische finden dort eine Beschäftigung. Und “Pius“. der Fromme, kauft jetzt Parral, kauft die Polizei, die Richter, den Bürgermeister. Sie werden seine innigsten Verbündeten.

Nachts dann, nach getaner Arbeit und langem Abendgebet, lädt der kleine, dickliche Herr mit dem Glasauge einen 10-Jährigen oder 12-Jährigen oder 14-Jährigen in sein Bett. Oder vergewaltigt ihn im eigens angebauten Badezimmer. Der rastlose Päderast war hier König, es gab keine Widerreden. Wer die Stimme erhob, wurde stumm geprügelt.

1973 putschte Pinochet, die Zeiten wurden noch besser. Die beiden Männer mochten einander von Anfang an. Paul schenkte Augusto einen Mercedes 600 und Augusto installierte im Gegenzug bei Paul ein Folterzentrum (und Waffenlager) der DINA, seiner Geheimpolizei. Um die Regimegegner zur Bekanntgabe anderer Regimegegner zu überreden. Und einen Teil von ihnen – tot gefoltert oder hingerichtet – im Wald zu verscharren. Alles verborgen, nachts, vollkommen unsichtbar für die meisten der jetzt 350 Bewohner.

Widerstand regte sich, trotz allem. Mancher Jugendlicher kam durch, rettete sich zur deutschen Botschaft in Santiago, floh weiter nach Deutschland, schaffte es bis zum Bundestag in Bonn, sagte aus, lieferte viele Details. Die Presse investigierte, der Stern schrieb mehrmals über die Zustände vor Ort. Amnesty International alamierte. Nichts hatte Folgen, nie. Immer wurde Schäfer gedeckt, zu viele profitierten von ihm und der Colonia Dignidad, zu wasserdicht war sein raffiniert gesponnenes Netz aus Korruption, Abhängigkeiten und eiskalter Drohung.

Bis 1997. In diesem Jahr lag ein Haftbefehl vor und jetzt hatten sich Staatsanwälte, Polizisten und Presseleute gefunden, die nicht käuflich waren. Der “Doktor“ floh, acht Jahre lang konnte er sich verstecken. Dann war es soweit, am 10. März 2005 wird der “Laienprediger, Kinderschänder und Herrscher“ (so ein Opfer) in Argentinien verhafftet, Tage später an Chile ausgeliefert und am 24. Mai 2006 wegen Missbrauchs an 25 Kindern zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Weitere Verfahren sollen folgen, der heute 86-Jährige sitzt in Santiago. Wie knapp zwei Dutzend seiner Mittäter.

Zurück zum Eingang um 9.30 Uhr, zurück zum “¿qué quiere usted?“, was wollen sie? Aus allem, was ich bisher über die Colonia erfahren habe, muss es sich bei der Barschen um eine jener “Tanten“ handeln, die als Erzieherinnen von Schäfer eingesetzt wurden. Ich lasse mich nicht provozieren und beginne zu lügen: dass ich Deutscher bin, durch Chile reise und eher zufällig hier vorbeikam. Als Philosophie-Professor, als Naturliebhaber, nicht einmal eine Kamera hätte ich dabei. Die Tante bleibt misstrauisch, fragt, was ich “eigentlich“ will. Ich lüge wieder und sage, dass ich nur das schöne Tal sehen will. Tante Hilda (so werde ich später wissen) zieht sich zurück, durch das Fenster sehe ich sie telefonieren. Plötzlich legt sie auf, kommt ein zweites Mal heraus, verlangt meinen Namen und den Pass, telefoniert weiter.

Ich muss warten und bin keineswegs überrascht. So hatte ich mir die Begrüßung vorgestellt. Auch das unglückliche Gesicht der vielleicht 70-Jährigen passt, auch der grämliche Ton, der von Fremden nichts wissen will. Zuletzt ist sie eine Spur umgänglicher, der Mensch am anderen Ende der Leitung muss sie zur Räson gebracht haben. Sie sagt, dass sie hier “von allen Seiten angegriffen werden“ und die Presse nicht erwünscht sei. Ich bekomme meinen Pass und die Erlaubnis, die Kolonie zu betreten, die jetzt Villa Baviera (Stadt Bayern) heißt.

Zufällig hält ein Wagen am Tor, Hilda fordert den Fahrer auf, mich zu Victor Briones zu bringen. Und Ivan, der Leiter der Molkerei, nimmt mich mit und schlägt vor, mich vorher “heimlich“ herumzufahren. Ein seltsames Wort, denn offiziell ist aller Terror verschwunden. Aber das Vokabular der Angst scheint tief zu sitzen.

Ich bitte Ivan, mich irgendwo im Zentrum rauszulassen. Und sehe sofort das Flip, die Wachzentrale, das letzte Stockwerk im höchsten Gebäude auf dem Gelände. Nur Fenster, durchgehend. Damit nichts den Blick nach unten stört. In dem Haus liegen auch die Büros, hier sitzt Victor Briones. Sympathisches Aussehen, ein Sprüher, umgehend ist er zu einem Gespräch bereit. Der Chilene kam erst in den frühen 90er Jahren als Volksschüler hierher (eine Colonia-Schule gab es auch), er war frech, hat sich oft mit dem “Jefe“ (Chef) angelegt, wurde nie missbraucht. Sagt er. Heute leitet der 27-Jährige eines der drei Unternehmen, die das einstige Arbeitslager in einen modernen Konzern umwandeln wollen. Die Anlage ist verschuldet, es gibt keine Steuerfreiheit mehr, keine Zollfreiheit, der Status der Gemeinnützigkeit wurde gestrichen. Der Betrieb soll marktwirtschaftlich funktionieren, transparent, sie suchen Investoren, wollen wohlhabende Privatiers anlocken, die ein Stück Land kaufen und sich hier niederlassen.

Briones muss auf allen Fronten kämpfen: Zwei Drittel der Deutschen sind davon, viele der Dagebliebenen sind alt, zu wenig chilenische Arbeiter, dazu die finanziellen und geschichtlichen Hypotheken. Er muss einen Laden führen, der weltweit als Inbegriff des Bösen Schlagzeilen machte. Als ich ihn beim Abschied frage, ob ich mich frei auf dem Areal bewegen könne, wischt ein Zucken über sein Gesicht. Bruchteile von Sekunden lang steht ein unglücklicher Ausdruck in seinen Augen, ihm völlig unbewusst. Eben der lang eingeprügelte Reflex, dass die Wörter frei und frei bewegen nicht hierher passen. Natürlich ist die Antwort ja. Ich will noch wissen, wo ich was essen könne, der junge Boss zeigt auf ein 200 Meter entferntes Anwesen, dort gäbe es sogar “kuchenes“.

Jetzt habe ich Glück, das Glück des Reporters jenen Menschen zu treffen, der einen nah, bedrückend nah ans Herz der Wirklichkeit führt. Ein Mann schiebt sein Fahrrad, ich hole ihn ein und frage ihn (scheinheilig), ob er wisse, wo es hier ein Gasthaus gäbe. Und der Radfahrer reagiert scheu, doch freundlich, selbstverständlich werde er mich hinführen. Wir gehen die schmale Allee entlang, ich schiele auf sein Gesicht, das vehement verschlossen in die Welt blickt. Als wir am Hundezwinger vorbeikommen, springt der Rüde wütend an den Zaun und bellt los. Auch er hat noch nicht begriffen, dass die Zustände jetzt andere sind. Bis heute kennt er in solchen Augenblicken nur einen Reflex: Den Fremden denunzieren!

Auf den letzten Metern frage ich Herrmann (Name geändert), ob er hier gelebt hat. Und der Mann, groß, kräftig, blond, eindeutig deutsch, fängt zu erzählen an. Stockend, mühsam, mit Pausen. Aber er redet…


Erstveröffentlichung 2007

Reise durch einen einsamen Kontinent – Unterwegs in Kolumbien, Ekuador, Peru, Bolivien und Chile

Dumont Verlag

Reisebuchpreis 2008
Kurzbeschreibung

»Altmann wertet nicht, er fühlt mit, er sieht das Elend, aber er sieht auch Witz, Schönheit, Poesie.« Elke Heidenreich über Andreas Altmanns Buch »Weit weg vom Rest der Welt« Ob Señora Botero de Mejia, eine Greisin, die durch die Straßen von Bogota zieht und Nahrungsmittel an die Ärmsten verteilt, ob der Schuhputzer Xavier in Ecuador, der sich für die Geheimnisse der Sprache interessiert, ob eifersüchtige Rentner oder streng­gläubige 16-jährige Mütter: Andreas Altmann destilliert aus ihren Lebensgeschichten ein unsentimentales Porträt des heutigen Südamerika und zeigt, dass Gier und Zerstörung nur eine Handbreit von Barmherzigkeit und Liebe entfernt sind. So trifft er in Cali auf unbeugsamen Lebensmut bei einem Fußballspiel, in dem blinde Spieler einem klingenden Fußball hinterherjagen. In Ayacucho begegnet er dem Mitgefühl in Person der 78-jährigen Angelica, die mit ihrer Organisation Anfasep den Angehörigen der Opfer aus den peru­anischen Terrorjahren hilft. Und in Quito lernt er, was Einsamkeit bedeutet, als er im Frauenzuchthaus »El Inka« die zu acht Jahren Haft verurteilte Deutsche Anna besucht. Dabei mischt sich in seine Wut über den Zustand der Welt immer neu seine Liebe zu den Menschen, deren Lebenswille und Schönheit. Andreas Altmann hat ein wunderbar intensives, witziges und nach-denkliches Reisebuch geschrieben, fesselnd bis zur letzten Seite. Andreas Altmann, er war u. a. Dressman, Schauspieler, Jura- und Psychologie-Student, Postsortierer, Anlageberater, Straßenbauarbeiter, Schriftsteller – vor allem aber ist er professioneller Reisender. Unter anderem ist er zu Fuß von Paris nach Berlin gelaufen (»34 Tage/33 Nächte«, 2004), mit dem Zug durch Indien (»Notbremse nicht zu früh ziehen«, 2003) und dem Grey­hound durch die Staaten (»Im Land der Freien«, 1999) gefahren; von Kairo in den Süden Afrikas (»Im Herz das Feuer«, 2001) und durch Thailand, Kambodscha und Vietnam (»Der Preis der Leichtigkeit«, 2006) gereist. Andreas Altmann lebt in Paris und ist einer der renommiertesten Auslandsreporter, u.a. wurde er 1992 mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und 2005 mit dem Seume-Literatur-Preis ausgezeichnet.

> Buch bestellen