Sucht nach Leben

Geschichten von unterwegs

Sucht nach Leben Dumont Verlag

Sucht nach Leben

Erste Leseprobe (Vorwort, Auszug):

Ein gewisser Simeon Stylites, etwa 390 nach unserer Zeitrechnung geboren, saß siebenunddreißig Jahre auf einer Säule. Von dort schrieb er Briefe und Reden. Bis er am 2. September 460 starb. Heute ist er vergessen und doch in aller Munde. Der asketische Sonderling erfand die “Kolumne“ – von lateinisch columna / Säule – und gelangte somit, für immer unsterblich, in unseren Wortschatz.

Der Mann war klug genug und kam ein halbes Leben lang mit ein, zwei Quadratmetern aus. Dadurch unterscheidet er sich von einem Reporter neuerer Zeiten. Der scheint weniger klug, weniger wissend. Braucht er doch die ganze Erdkugel, um den Stoff zu finden, von dem er anderen erzählen will. Dennoch, das Verzichten, das Sonderliche, das haben der Säulenheilige und die Weltreisenden gemeinsam. Immer stillsitzen und den Kopf nach eigenen Gedanken ausleuchten scheint so anstrengend wie immer den Ranzen schnüren und losjagen. Auf seltsame Weise aber, so ist zu vermuten, treibt sie die selbe Sehnsucht: die Sucht nach Leben, nach Intensität, ja die schöne wahnwitzige Idee, etwas zu erfahren vom Vielerlei, vom Allerlei der Welt. Der eine aus der Vogelperspektive in achtzehn Meter Höhe, der andere auf Augenhöhe mit allen, die ihm begegnen. “Jeder Mensch ist mein Niveau“, hörte ich einmal einen amerikanischen Schriftsteller sagen. Das ist ein bravouröser Satz, er ist vollkommen wahr.

Zweite Leseprobe (aus Sucht nach Leben / Auszug):

…Nach dem Abendessen, wir waren bereits unterwegs, sprach ich ihn an, bat ihn an meinen Tisch. Ohne Zögern nahm er Platz und stellte sich mit den Namen Sota vor. Über Kyoto wollte er zurück in die Staaten, in Vermont leitete er einen “Sangha“, ein buddhistisches Zentrum. Er sprach gleichmütig, ohne Prätention, erzählte vom Tagesablauf im Kloster, von der strengen Disziplin. Dann verstummte er, blickte hinaus auf die See, deren Wellen heftiger wurden. Die Ober verteilten Tüten an die Passagiere. Irgendwann sagte der Mönch: “Nicht reden tut gut“, Pause, Geduldspause, dann: “Der Weg ist das Ziel.“

Uff, die Kalendersprüche des Meisters. Meine Begeisterung flaute ab. Die Phrasen hätten von Paulo Coelho stammen können, der als orientalischer Klosterbruder vermummt aus dem Schatzkästchen seiner innig gehorteten Albernheiten plauderte. Musste man sieben Stunden täglich meditieren, um das herauszufinden? Dass nicht reden gut tut? So gut eben wie bisweilen reden. Weil im rechten Moment den Mund aufmachen heilen kann und schweigen das Leid nur vergrößert. Was für ein esoterisches Geraune, was für ein Gehabe, Sätze loszulassen, die – auf den Kopf gestellt – nicht minder stimmten. Ach – noch furchterregender – das Gesülze vom “Weg als das Ziel“. Hält einer, bitte, einmal inne und hängt den Satz in die Höhe, hoch genug, um ihn in seiner ganzen Dümmlichkeit zu betrachten.

Tausend Mal nein. Ich war vor zwei Monaten von Europa hierher gereist, weil ich ein Ziel hatte, weil mein Kopf vor Sehnsüchten platzte, die er leben wollte, weil ich bestimmte Männer und Frauen treffen wollte, weil mich – es ging mir schlecht, ich suchte einen Ausweg, ich suchte einen Beruf – nichts anderes trieb, als ein Ziel zu finden, das ich imstande war zu erreichen. (Und dann das nächste, und dahinter wieder eins.) Ich wollte zielen und treffen. Mich nicht immer – wie bisher – ziellos auf den Weg machen, den berühmten, der kein Ziel haben soll. Ja, zugegeben, auch ich hatte diesen Nonsens nachgeleiert. Geistlos, ergriffen, beeindruckt vom ätherischen Weihrauch, mit dem der Satz daherkam. Was für ein Merkspruch für Nieten, die nie dort eintreffen, wo sie eigentlich – hinter all dem erhabenen Dusel, mit dem sie ihre Halbherzigkeiten rechtfertigen – eintreffen wollten.

Dem röchelnden Herzkranken in einer Ambulanz, die im Stau nicht weiterkommt, rufe ich beschwingt zu: “Don’t worry, relax, nicht das Krankenhaus ist das Ziel, nein, der Weg dorthin!“ Und dem Aids-Verseuchten klopfe ich generös auf die Schulter: “Hey, Abkratzer, du lernst es auch nicht! Nicht das Medikament ist wichtig, sondern die vielen Jahre zu seiner Entdeckung!“ Und dem nächsten Hungerspecht, dem ich in Afrika begegne, will ich eine Lektion erteilen: “Mensch, Skeletti, genieße den Weg zur Hirsesuppe! Sie wird kommen oder nicht, Hauptsache, du bist unterwegs!“ Und der 25-Jährigen, die sechs Jahre als Bedienung jobbte, um sich ihr Medizinstudium zu finanzieren, schreibe ich nach dem verfehlten Examen einen Trostbrief: “Liebe Adele-Bernadette, lass los! Auch Kellnern kann schön sein, auch dort wird deine Buddha-Natur knospen und gedeien!“
Nichts als die reine Idiotie. Der Röchler will sein Herz zurück, der Infizierte sein Immunsystem, der Afrikaner ein Gefühl von Sattsein und die Durchgefallene hasst Bierkrüge schleppen und will als Ärztin ihr Geld verdienen. Sie alle, ohne Ausnahme, machten sich auf den Weg, um ans Ziel zu gelangen. Ohne ein Ziel wären sie nicht losgegangen. Das Ziel ist das Ziel. Jetzt stimmt der Satz.

Nicht um ein Jota anders bei mir. Ich war nach Asien aufgebrochen, weil ich noch immer nicht wusste, was aus mir werden sollte. Ich fuhr noch in einem Alter Taxi, in dem andere bereits ihr Vorfrührente verhandelten, hatte den Job (und mich) jede Nacht widerwärtiger gefunden, hatte bereits in zehn anderen Berufen bewiesen, dass ich für keinen taugte, dass keiner imstande war, mir einen Hauch von Erfüllung und Freude zu verschaffen. Hatte inzwischen als Spüler, Privatchauffeur, Anlageberater, Straßenbauarbeiter, Buchklub-Vertreter, Nachtportier, Dressman, Postsortierer, Parkwächter und Fabrikarbeiter gejobbt. Ohne Vergnügen, ohne Zukunft, ohne einen Funken Hingabe.

Dritte Leseprobe (Einer gegen den Untergang der Welt / Auszug):

…Draußen war Mathare. Die Augen brauchten ein paar Sekunden, um sich wieder an die blaue Sonne zu gewöhnen. Dann sahen sie einen Dreijährigen seine Notdurft verrichten, mitten auf dem Weg. Fliegen wimmelten an seinem Hintern. Das Mathare Valley – neben zwanzig anderen Wohnkloaken der Hauptstadt – galt als Nairobi’s größter Scheißhaufen. So sagten sie selbst. “Homeadress: Shit“, meinte Charity grinsend, als sie mir eine Limonade verkaufte. Und mich hinterher in ihre Lehmhütte dirigierte. Schwieriger Zugang. Den Slum überzogen schmale Pfade, in deren Mitte der Kot und Abfall von knapp zweihunderttausend Menschen lagerten. Manchmal blieb kein Platz zum Gehen, dann spreizte man die Beine von einer Hausmauer zur andern, stakste am Rande der Exkremente nach Hause. Jetzt war Trockenzeit, gute Zeit. Kam der große Regen, dann wateten sie.

Charity’s Hütte war finster. Fünf Quadratmeter ohne Strom und Wasser, immerhin ein Bett, ein Loch für die Zugluft, ein paar Kochtöpfe auf der Erde, die Gummistiefel, hundert Fliegen. Vater und Mutter und die zwei Brüder saßen auf der Matraze, nachts würden sie zu fünft darauf schlafen. Wir tranken Chang’aa, ein heimlich aus Mais und Melasse gebrauter Sud. “African Whisky“, der schnell und sanftmütig blaumachte. (Und manchen blind, wenn er zu viel trank, da hochprozentig mit Methanol vermischt.) Nach einer halben Stunde verschwand die Familie, diskret lächelnd, ohne Erklärung. Charity lächelte auch, eine Spur weniger diskret, nahm meine beiden Hände und – wünschte sich ein Kind. Damit ich alles richtig verstand, führte sie unsere jetzt verschlungenen Finger zwischen meine Beine. Und von dort an ihre Brüste. Ich wehrte mich nicht, spürte ihre Haut länger als ich sollte. Aber ich wollte ihre Schönheit genießen, wollte für Sekunden mich trösten lassen von Schönheit. An diesem Ort, diesem Monster an Hässlichkeit. Ja, ein Kind, jetzt gleich von mir. Sagte sie, ganz umstandslos, und drehte den Kopf zum verschlissenem Leintuch. Deshalb die Räumung der Familienliege. Unser Kind, ich verstand, sollte die Aufenthaltserlaubnis im “beautiful, rich Germany“ garantieren. Davon träumte die hübsche Charity. Damit der Gestank ein Ende hatte und irgendwo ein wohlriechendes Leben anfing.

Alles gefiel mir an dieser Frau, nur nicht die Bettstatt und die Aussicht auf einen afro-germanischen Ehestand mit Nachwuchs. So musste ich lügen, wie immer, wenn ich niemanden weh tun wollte, auch mir nicht. Musste mich davonlügen, um nicht in Mathare zum Kindsvater zu werden. Vertröstete, winkte, tauchte ab hinter dem nächsten Müllberg.

Afrika ist praktisch, das hat mir immer gefallen. Ich kam zufällig an Charity’s Limonadenstand vorbei, sie checkte blitzschnell die Daten – Weißer, Deutscher, steinreich – und handelte, aktivierte Plan A. So suchte jeder hier nach einem Notausgang. Schrieen die einen nach Gott und schleuderten ihr Herz in den Himmel, so wollten die anderem ins himmlische Deutschland. Als Anzahlung legten sie ihren Körper hin. Andere suchten Unterschlupf in Banden, dealten mit Alkohol und Drogen, fuchtelten mit Macheten und forderten Schutzgelder für alles, sogar für das halbe Dutzend öffentlicher Toiletten. Die Jungen, auch die ganz Jungen, dealten mit Sex. Das billigste Angebot bekam ich von einer 13-Jährigen. July verrechnete “hundred Bob“ (ein Euro) für einen “shot“, die übliche Warenbezeichnung für einen schnellen Fick. So redete sie.

Vierte Leseprobe (Zwei einsame Frauen / Auszug):

Ich werde bisweilen gefragt, wie ein Reporter die Bilder “verarbeitet“, denen er im Laufe seiner Tätigkeit begegnet. Nicht die Foto-Bilder, nein, die echten, die Direktaufnahmen von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht. Jene, die keine Kamera macht, sondern jene, die sich direkt – direkt übers Auge – ins Hirn, ins Herz graben.

Ich weiß nicht, wie andere es machen, ich jedenfalls verarbeite nichts. Die Gesichter und die dazugehörigen Leiber, meist ebenfalls geschunden, bleiben bei mir. Sie lassen nicht los, sie erinnern mich an das eigene Glück und das Unglück jener, die ein leichteres Leben nicht weniger verdient hätten als ich. Diese Erinnerungen tragen gewiss dazu bei, dass ich täglich fassungsloser auf die Welt blicke.

Hier die Geschichte eines Bildes, das sich nicht verscheuchen lässt. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein anderes in meinem “Archiv“ gibt, jenem virtuellen Speicher unter der Schädeldecke, das es mit ihm aufnehmen könnte. Es entstand in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Ich war mit Fotograf Uli Reinhardt gekommen, um eine Reportage über ein Phänomen zu schreiben, das in keinem Land so verbreitet ist wie hier: Abgewiesene Männer besorgen sich ein Fläschchen Säure – billig, leicht, lautlos – und schütten den Inhalt auf jene Frauen, die nichts von ihnen wissen wollen.

Im Medical College Hospital, dem größten Krankenhaus, gab es die einzig vorhandene “Burn Unit“. Der pompöse Name bezeichnete ein größeres Zimmer mit einer kaputt gerosteten Klimaanlage, zwei funktionierenden Ventilatoren, mit ein paar Hundert gefräßigen Fliegen und drei dumpf und abwesend dasitzenden Krankenschwestern. Hier dämmerten die Patienten mit den schweren, nein, den schwersten Verbrennungen. Die Unfallopfer, die Brandopfer, die Eifersuchts-Opfer. Eben jene Frauen, denen eine Säure-Attacke den Kopf, den Körper, das Leben verwüstet hatte. Acht Betten mit acht fleckigen Leintüchern für eine Bevölkerung von 128 Millionen. Zwei Ecken weiter stank die Toilette, fünf Schritte davor begann die Kotspur, um die Schüssel schwammen die Fäkalien. Der Abfluss klemmte, hieß es. Nicht, dass jemand auf die Idee gekommen wäre, das Problem zu beheben. Es klemmte, insch’allah.

Das Bild, das unfassbarste, entstand jedoch nicht in diesem Raum mit den lebenslänglich zur Trauer und zum traurig sein Verurteilten. Entstand nicht im Thikana, einem privat gesponserten “Frauenhaus“, wo die aus dem Krankenhaus Entlassenen weiterzuleben versuchen. (Hinter verbarrikadierten Türen, da die Freier mit weiteren Attacken drohen.) Entstand nicht bei Naripokkho, einer von ausländischen Spenden finanzierten Organisation, die den Überlebenden hilft, einen Sinn für ihre Existenz zu finden, sie neu ausbildet, damit die Gedemütigten die nächsten fünfzig Jahre nicht als greinende Krüppelweiber durch Dhakas Abgasschluchten irren müssen. Entstand nicht in den Gesprächen mit den Mädchen und Frauen, die irgendwann doch die Nerven verloren und mit den Händen ihre zu rußschwarzen Halloween-Fratzen entstellten Gesichtern bedeckten. Und haltlos zu schluchzen begannen, wieder einmal überwältigt vom Verlust dessen, was einmal jung und schön war.

Fünfte Leseprobe (Verse schmieden, Rache schmieden / Auszug):

Israelis und Palästinenser werfen sich wieder Missiles zu. Beide Seiten Opfer, beide borniert. Wobei die israelische Seite entschieden bornierter und erfolgreicher tötet als ihre Gegner. Während der Zeitungslektüre über die Unbelehrbaren fällt mir ein, dass ich vor Jahren, nicht weit vom Gazastreifen entfernt, in einem Café saß. In Ägypten, auf der Halbinsel Sinai. Auch an diesem Tag flogen Geschosse. Was sonst.

Ich saß still im Eck und las die Gedichte eines Friedfertigen. Von Konstantin Kavafis, einem Griechen, der 1863 in Alexandria geboren wurde und dort sein Leben verbrachte. Er ist wohl der einzige Dichter der Weltgeschichte, der bis zu seinem Tod nie ein (offizielles) Buch veröffentlicht hatte und doch wie ein schreibender Gott verehrt wurde.

Seine so privilegierte, so problematische Existenz. Luxuriös aufgewachsen, in England erzogen, in Alexandria ganz seinen Neigungen und Versuchungen hingegeben. Publizierte in Zeitungen, gab bisweilen einen Privatdruck heraus, arbeitete in der Nilverwaltung. Was in seinen Gedichten so bewegt, ist der Mut, die Radikalität, mit der er von der Einmaligkeit und der skandalösen Kürze des Lebens schreibt. Der man nur mit Hingabe an die Sinnlichkeit begegnen könne. Die Sinnlichkeit der Sprache und der Körper. Oft spricht Kavafis von seiner Sucht nach Schönheit, der Sehnsucht, sie zu berühren und von ihr berührt zu werden. Als hätte er geahnt, dass er bereits 1933 an Rachenkrebs sterben würde. Einmal verweist er so augenfällig auf unser aller Todsünde: “…Und dennoch scheint ihm, die Zeit seiner Jugend / erst gestern war. Welch kurze Dauer, welch kurze Dauer. / Und er grübelt, wie sehr die Vernunft ihn gefoppt / und wie sehr er ihr vertraut hat – welch Wahnsinn! – / der Lügnerin, die sagte: „Morgen, du hast noch viel Zeit.“ / Erinnert sich der Begierden, die er unterdrückt, / der vielen / Freude, die er geopfert hat…“

Kavafis war auch Kind, auch Opfer seiner Zeit. Tagebuch-Einträge berichten von seiner “Unfähigkeit“, seine Homosexualität zu unterdrücken, von seinen Schuldgefühlen, wenn er in erotischen Notzeiten – “Ich schwöre, ich werde es nie wieder tun!“ – masturbiert hatte. (Was man nicht ohne Grinsen zur Kenntnis nimmt.) Dennoch, meist ließ ihn die Bigotterie der moralisch Hochgerüsteten kalt. Ich will die letzten Zeilen eines Gedichts vorstellen, es heißt Fragte nach der Machart. Es geht um einen jungen Kerl, der am Ende seiner Arbeit nach Hause schlendert und plötzlich in einem schäbigen Laden ein Gesicht – Frau?, Mann? – sieht, das ihn hineinzieht:

…und er ging hinein und bat,
dürft er wohl ansehen farbige Taschentücher.
Fragte nach der Machart der Taschentücher,
und was sie kosten mit erstickter Stimme,
fast erloschener unter der Begierde.
Und entsprechend kamen die Antworten,
halb zerstreut mit gedämpfter Stimme,
mit darunter verborgenem Einverständnis.
Sagten sie auch etwas von der Ware – aber
einziges Ziel: dass ihre Hände sich streiften
über den Taschentüchern, dass nah sich kämen
die Gesichter, die Lippen wie im Zufall…

Es gibt eine Sprache, bei deren Lektüre dem Leser der Herzmuskel schmerzt. Weil sie an die eigene Mutlosigkeit erinnert, an unsere Finten, jene Momente, in denen wir hätten stark sein sollen. Aber uns anders entschieden, eben für das Laue, das Träge, die Sucht nach Komfort. Wer Kavafis liest, der wird diesem Schmerz nicht entkommen. Und nicht den Mahnungen, es sich anders zu überlegen. Er wird dessen Sprache als Lebenselixier begreifen, als zornigen Weckruf, als Peitsche.

Sechste Leseprobe (Vom Elend der Sesshaftigkeit / Auszug):

Tatort Manhattan. Nur ein leises Wimmern war zu hören. Es kam von George F., der hinter seiner Wohnungstür seufzte. Undenkbar für ihn, sie zu erreichen. Der Weg zu ihr war verbarrikadiert, wie die fünf Meter zum Telefon, zum Fenster, zum Balkon.

Das Röcheln rettete ihm das Leben, denn ein Passant kam vorbei und verständigte die Feuerwehr. Mit schwerem Gerät musste George ins Freie gehievt werden. Die Diagnose war schnell gefunden, die Krankheit schien weit verbreitet: Der Dicke hortete. Er konnte von nichts lassen, seine Wohnung glich einer Müllhalde, er war ein Weltmeister der Sesshaften geworden, er saß fest. Sogar der Katzensprung zur Tür – und hinter jeder Tür wartet die Welt – war ihm verschlossen. Soviel Gerümpel stand im Weg. Er siechte in der eigenen Unbeweglichkeit.

Tatort Mitteleuropa, eine kleine Großstadt, der Name spielt keine Rolle. Hier sieht es aus wie überall. Ich bin als Reporter unterwegs, ich soll berichten, wie (radikale) Sesshaftigkeit mürbe macht, wie sie ablenkt von der Welt, von anderen Weltbewohnern, anderen Ideen.

Ich besuchte das Wüstenrot-Büro. Ich nannte mich ab sofort Thomas Luft und machte mir Sorgen um meinen 14-jährigen Sohn Ferdinand. Ich wollte ihn versorgt wissen. Die freundliche Bernadette Z. bat mich, Platz zu nehmen. Sie sorgte sich gleich mit und ließ seitenweise Versorgungspläne ausdrucken, legte mir einen Trumpf nach dem anderen vor: Dynamisches Bausparen, 80%-Jubiläums-Bonus, VorsorgeSparenPlus, CleverBausparen, 4%-Prämiengarantie, Effektivverzinsung, Maximales Guthaben. Lauter Wörter, die Ferdinand die blaueste Zukunft versprachen. Leider sprach Benandette nie die Wörter Jetzt oder Heute oder Gegenwart aus. Alles, was sie hier verkauften, war Zukunft. Für die sollten wir uns “rüsten“. Sagte sie. Für das augenblickliche Leben trainierte hier niemand. Kein Wort darüber kam der Freundlichen über die Lippen.

Ich fragte Bernadette, was ich tun sollte. Dem Sohn zum 18. Geburtstag eine Weltreise schenken oder ihm einen Grundstock zur finanziellen Absicherung legen? Jetzt schwankte Bernadette, Weltreise klang sexy. Sie schwankte, fiel aber nicht um, blieb allen Ängsten treu: “Nein, unbedingt Sicherheit!“ Ok, nach den ersten sieben Jahren Sparen könnte neu über die Welt verhandelt werden, “denn dann“, so Bernadette wunderbar kryptisch: “hat das Geld einen Wert.“

Die Wüstenrot-Menschen gehören in die umtriebige Berufsgruppe der “Fessler“. Die uns fesseln, anbinden, festzurren, uns zum Sitzen und Sitzen bleiben verführen. Nun denn, gebiert Sesshaftigkeit tatsächlich Intoleranz? Geistigen Müßiggang? Nicht unbedingt, nicht immer, aber es schafft das nötige Biotop, die bleierne Temperatur, das muffige Klima. Denn wer sich bewegt, fortbewegt Richtung Fremde, der riskiert, dass seine Urteile und Vorurteile auf der Strecke bleiben und Erfahrungen über ihn kommen, die ihn reicher machen, geistreicher allemal, ja ihn irgendwann dazu überreden, den anderen – was für ein Scheißwort – zu “tolerieren“, zu dulden. Dennoch, angesichts der wild wuchernden Hirnlosigkeit auf Erden wäre das ein Fortschritt.

Absurde Träume. Statt einen 14-Jährigen (und seinen Vater) mit der Peitsche zurück auf die Straße – in die Welt – zu jagen, richten sie ihn zum Frühgreis ab. Um in einem Wüstenrot-Häuschen – gebuckelt von Hypotheken und Ratenzahlungen – seine Restzeit abzusitzen. Wie soll der Mensch da Zeit finden für die Welt? Für Weltwachheit? Für eigenmächtig denken? Für Entwürfe jenseits der eigenen Schädeldecke? Wie noch Geld haben fürs Wandern in verborgene Länder? Hin zu Männern und Frauen, die so verdächtig anders sind als er?

Wer sich in Sicherheit begibt, kommt darin um. Sicher.
Ich irrte weiter, war noch immer Herr Luft, der seinen Sohn in Sicherheit bringen wollte. Im Rathaus wuchs ich über mich hinaus und schaffte tatsächlich den Satz, dass “Ferdinand Beamter werden will“, fragte kaltblütig, wo und wie er damit anfangen sollte. (Hätte ich im tatsächlichen Leben einen Filius, der sich zum Duckmäuser und Aschfahlen züchten ließe, ich würde ihn zur Adoption freigeben.) Aber die “Stadt verbeamtet nicht mehr“, hörte ich, hier gäbe es nur noch Angestellte. Ich müsste zum Landamt 2, dort hätte ich “sicher mehr Glück“. Ja, ein Glück nannten sie eine solche Aussicht.

Siebte Leseprobe (Wellness für Doofe / Auszug):

“Herr Altmann, alles ausziehen!“ Frau Roswitha bellte über den Gang durch meine Kabinentür. Ich zuckte. Wäre ich R. je auf der Straße begegnet, nie hätte ich mich bei dem Gedanken ertappt, mich vor ihr enthüllen zu wollen. Aber hier war die Resolute die Chefin, die Moorpackung-Chefin.

Wie gern wäre ich vom Blitzlichtluder-Gen geschlagen. Dann würde ich blühen, wenn jemand zum Nacktsein aufforderte. Würde mich zeigen und von meinen neuen Warzen am Hintern, hätte ich welche, erzählen. Oder den hartnäckigen Inkontinenzbeschwerden meiner Gattin, hätte ich eine. Würde mich bloß legen wie jeder, der nie den Satz von Freud gehört hat, dass der “Verlust von Scham den ersten Grad von Schwachsinn bedeutet.“

“Herr Pfeiferle, alles ausziehen!“, wieder gellte Roswitha. Der Mann war mein Kabinennachbar. Wir hatten uns kurz zuvor auf dem Korridor getroffen. Herr P. war ein angenehmer Herr, nur mordsdick und schwer nach Atem ringend. Ich litt jetzt doppelt: über die eigene Geniertheit und über die eines Dicken, der nun schutzlos und rosig schwitzend auf Roswitha warten musste.
“Herr Altmann, auf die Liege legen, auf den Rücken!“. Natürlich auf den Rücken. An Roswithas Stimme ließ sich erkennen, dass sie diese Stellung mehr genoss als alle anderen. Dann stürmte sie herein und warf die Moorbatzen auf meinen Körper. Wobei sie dreizackig grinste und nicht einen Quadratzentimeter ausließ. Eine erste Kraft, kein Zweifel. Dann wickelte sie mich ein und stellte den Wecker.

Während der 20 MInuten “Ruhezeit“ schellten sieben Wecker, der letzte war der meine. Erschöpft wankte ich unter die Dusche. Roswitha hatte inzwischen einen Zettel dagelassen: “Um 15.30 Uhr bei Frau Gerda, Spezialmassage!“ Spezialmassage ist ein vielstimmiges Wort. Es lädt zu den geheimnisvollsten Hintergedanken ein.

Achte Leseprobe (Das Crackhouse / Auszug):

…Bevor ich hundert Mal gelogen und Hunderte von Dollars an einen Mittelsmann gezahlt hatte, damit er mich in ein Crackhouse schleuste, hatte ich immer die selbe Botschaft in den Medien gelesen: “Einmal inhalieren ist gleich einmal lebenslänglich abhängig.“ Nach der (eigenen) Erfahrung war offensichtlich, dass alle, die diesen Warnschrei verbreiteten, noch nie das Kribbeln erlebt hatten. Ich war damals für ein deutsches Magazin unterwegs und hatte gleich angekündigt, dass ich den Stoff selbst probieren würde. Als unverhandelbare Bedingung für den Auftrag. Ich wollte nicht abschreiben von jenen, die von anderen abschrieben. Ich wollte es leben. Wie darüber Auskunft geben, ohne es zu schmecken? Crack, das Teufelszeug.

Irgendwann kam ich rein. Natürlich nicht als Reporter, sondern als leicht bizarrer Typ, der sich unbedingt unter Huren, Kriminellen und ähnlich Verwirrten einquartieren wollte. Bevor sich die mit einem Pfosten verbarrikadierte Tür öffnete, fand ein dreistündiges Gespräch mit dem Boss der Bude statt, mit “Tiger“. Außerhalb. Er wollte mich aushorchen, meinen Pass sehen, sicher sein, dass ich nicht für die Polizei arbeitete, nicht für eine Gang, dass ich eben ich war, ein “Philosophie-Professor“, ein Deutscher, ein argloser Ausländer. Das dauerte keine zwanzig Minuten, der Rest der Zeit verging beim Zuhören von Tigers turbulenter Existenz. Mit elf Jahren (und ein paar Monaten) machte er seine erste sexuelle Erfahrung. Mit einer 15-Jährigen. Als “soft rape“ bezeichnete er später die Begegnung. Auch sonst stimmte sein Leben mit dem Ruf überein, der ihm vorausging. Tiger war ein Bully, ein Schläger, ein Messerstecher, ein Plünderer, ein Dealer, ein einfacher Killer, ein achtfacher Zuchthäusler, ein zwölffacher Vater, ein auf seltsame Weise – und ich werde es bald wissen – plötzlich jähzorniger, plötzlich tränengerührter Mensch.

Endlich wurde der Balken zur Seite geschoben und ich durfte eintreten. Ich war der einzige Weiße unter den Schwarzen. Und ich war willkommen, denn sie waren abhängig und pleite und ich war es nicht und hatte Geld. Auch das war mit meinem Auftraggeber vereinbart: dass er meinen Drogenkonsum bezahlen würde. (Quittungsfrei.) So begann zehn Minuten später die Feuertaufe. Ich kaufte eine Ration und rauchte. Wie die anderen. Somit lieferte ich den endgültigen Beweis, dass ich „clean“ (sic!) war, sprich, nicht als V-Mann für das New York Police Department arbeitete. Ab diesem Augenblick war ich strafbar wie sie. Und akzeptiert.

Und ich war eingeweiht, gehörte ab jetzt zu jenen, die “wussten“: dass bisher kein Stoff im Universum entdeckt wurde, der blitzschneller unter die Schädeldecke raste, der radikaler das überwältigende Gefühl eines schwerelosen Hirns verschaffte. Die wussten, dass der erste Zug – It cracks, es knackt – das erregendste High versprach, die “tingling sensation“, jenes Kribbeln, jenen aberwitzigen Zustand vollkommener Leichtigkeit. Einmal ziehen und die Welt war weg, ihr Gewicht, alle Last. Vertraut erkannte man das verheerend schöne Gift an seinem Ton.

Die siebzig Quadratmeter boten vieles. Eine Wohnung, ein Eroscenter, ein Asyllager, ein Waffenversteck, eine “shooting gallery“ für Heroinsüchtige, ein an 365 Tagen rund um die Uhr betriebsbereites Crackhouse. Und eine Kommandozentrale für Tina, Tigers Frau, die Chef-Dealerin. Sie versorgte die “runners“, die jungen Kerle, die anpochten, auch fünf Uhr morgens, das Codewort murmelten, reinhuschten, Ihren Verdienst ablieferten und von Tina mit neuen Crack-Portionen zurück auf die Straße geschickt wurden. Um wieder zu rennen und die Ware loszuwerden.

Andere kamen und blieben. Für eine halbe, für eine knappe Stunde. Eben Stammkunden, die sich ins Sperrmüll-Wohnzimmer setzten, bei Tina ein “rock“ bezahlten – eine Portion sieht aus wie ein winziger Felsen – und zu paffen anfingen. Zusammen mit uns, die wir hier wohnten, mehr oder weniger permanent. Nur Tiger blieb fern, er hasste Crack, er bevorzugte “speedballing“, vermischte Kokain und Heroin, erhitzte das Ganze, zog es in eine Spritze und verpasste sich einen Schuss. Sofort hinterher fing er zu schwitzen an, ließ die Nadel an der Vene hängen und jagte mit einem Küchenhandtuch nach Fliegen. Ein Ritual, das er vier Mal pro 24 Stunden wiederholte. Ließ die Wirkung nach, dann vergaß er die Fliegen und begann zu brüllen. Auch das regelmäßig. Denn irgendetwas, irgendwer nervte ihn.
Die Frauen waren eindeutig in der Überzahl. Sie hatten es leichter, an Geld ranzukommen. Beschaffungsprostitution war ihr Hauptberuf. Als Nebenverdienst zum “welfare money“, der Stütze. Zwei stellten sich vor die Tür, ein Auto hielt neben dem Bürgersteig, eine schrieb – als Sicherheitsmaßnahme – das Kennzeichen auf, die andere nahm auf dem Beifahrersitz Platz, fuhr zwei Ecken weiter, verpasste einen Blowjob und stieg fünf Dollar reicher wieder aus. Exakt der Preis einer Ladung Crack. Blasen und rauchen. Dann auschillen. Dann wieder ins Freie. Auf der Suche nach Freiern. So verging die Zeit.

Illustre Damen. Wer sich an den Umgangston gewöhnt hatte, der fühlte sich heimisch, gehörte zur “family“. Wie Pat, genannt “the breeder“, der Brüter. Achtundzwanzig Jahre, acht Kinder von acht verschiedenen Vätern, gerade im neunten Monat schwanger, sprich, ein weiteres “crack baby“ für Amerika. Die Folgen für das Neugeborene waren absehbar, zur Wahl standen: Schwere Atembeschwerden, Spasmen, Nierendefekte, körperliche Deformationen. Pat kassierte Sozialhilfe, dealte nebenbei, stellte auch jetzt noch ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale gegen Entgelt zur Verfügung. Ich wollte wissen, ob ein dicker Bauch die Kundschaft nicht abschreckte, und hörte den bemerkenswerten Satz: “Pregnant pussy, good pussy.“

Neunte Leseprobe (Die Nacht, in der ich Gott war / Auszug):

Schönes Reporterleben. Ein Chefredakteur schickte mich nach Vanuatu, 17000 Kilometer östlich von Europa, hinter Australien, mitten in der Südsee. Der kleine Staat mit den dreiundachtzig Inseln hieß früher Neue Hebriden, wurde 1774 von James Cook “entdeckt“ und anschließend zweihundert Jahre lang vom weißen Mann geschunden. Der immer die Schweine und Kühe in seinem neuen Reich zählte, nie aber die Bewohner. Weil die nicht zählten. Das Übliche. Seit Juni 1980 ist die Republik unabhängig.

Ich sollte eine Story über das “Steuer-Paradies“, genauer, das “Steuerhinterziehungs-Paradies“ Vanuatu schreiben. Wie auf den Bahamas, den Cayman Islands, wie in Lichtenstein, so kamen hier die Herrschaften mit dem dreckigen Geld vorbei, um es vor Ort lautlos und unbehelligt zu “parken“. Zinsenschwer. Bis ein Plan stand, um die Scheine zu waschen, sie erneut – jetzt “legal“ – zu investieren. Noch Profit beladener.

Es kam zu erstaunlichen Szenen. Ich stellte mich bei den hiesigen Banken – alle in weißer Hand – als reicher Sohnemann aus dem Westen vor, der drei Koffer Geld zuviel hatte und sie gerne woanders unterstellen würde. Diskret, bitte. Ich war fein gekleidet, trug meine beste Uhr, musste ja überzeugen. Zugegeben, einige meiner Verhandlungspartner machten sich die Mühe und fragten nach dem Woher der schweren Geldsäcke. Andere waren entgegenkommender, verschonten mich mit lästigen Fragen. Der Hilfsbereiteste unter ihnen schrieb mir säuberlich die Namen, Adressen und Telefonnummern von zwei Schweizer Bankkollegen auf. Um mit ihnen die Einrichtung eines Nummernkontos zu besprechen. Sobald mein Hort dort verstaut wäre, könnte man ihn unbesorgt nach Vanuatu kabeln. Noch unkomplizierter wäre es natürlich, wenn ich persönlich das Übergepäck vorbeibrächte. Hier in der Bank. Klar, vorher müsste ich noch unbemerkt am deutschen Zoll vorbei. “Anyway, just think about it!“

Ich habe nicht darüber nachgedacht. Weil ich keine überflüssigen Geldhaufen besitze und weil ich Josef traf, einen Stammeshäuptling, der in der Hauptstadt Port Vila Taxi fuhr. Als ich einstieg, hatte der Mann einen seltsam-stieren Ausdruck im Gesicht, ohne Scheu starrte er mich an. Noch bevor die Fahrt zuende war, lud er mich ein, sein Dorf zu besuchen. Also machten wir einen Umweg zum nächsten Reisebüro und kauften zwei Tickets. Ich zahlte und der Chief würde mich vielmals dafür entlohnen. Reporter trauen keinem, aber ihm traute ich.

Am nächsten Morgen flogen wir mit einer windigen Propellermaschine in den Süden des Archipels, auf die Insel Tanna. Wir flogen nicht, wir sackten. Von einem Luftloch ins nächste. Mark, der Neuseeländer und einzige Pilot weit und breit, pfiff ein Liedchen und ich spürte den Achselschweiß durch mein Hemd sickern. Als wir nach fünfunddreißig Minuten auf einem hart getrampelten Feld landeten, rannten zwei Schweine die letzten Meter mit uns um die Wette. Ich stieg aus und die Polizei wartete auf mich. Woher ich käme? Wer ich sei? Warum ich käme? “Your passport, please, your ticket, please.“ Nachdem sie festgestellt hatten, dass ich in einer Woche nach Paris zurückkehren würde, durfte ich die Blechhütte verlassen.

Draußen blickte ich wieder in Josefs Augen, wir grinsten beide, wir wussten jetzt Bescheid. Sagen wir, er wusste, dass ich es wusste. Gestern Abend hatte ich noch mit ein paar Taxifahrern geredet, wollte mehr über Josef erfahren. Und die Neuigkeiten gefielen mir. Der 36-Jährige war nebenberuflich einer der Chefs des John-Frum-Kults. Eine religiöse Bewegung, die von den weißen Herren mit Gewalt bekämpft worden war, von der heutigen Regierung wenig geliebt und vom alt eingesessenen Klerus-Klüngel schwer opponiert wurde. Jemand musste die Behörden von meinem Flug mit Josef nach Tanna informiert haben. Deshalb der Check-up, die absurden Fragen.

Seit die Amerikaner hier während des Zweiten Weltkriegs stationiert waren, gab es diesen bizarren Mythos. Der Name John Frum soll einem US-Soldat gehören, angeblich ein Mulatte, der als “Visionär“ auftrat. Sein (mutmaßlich) eigentlicher Name war “Broom“, ein Besen eben, der aufräumte, einer eben, der gegen die Kolonisatoren und Missionare hetzte und den Bewohnern von Tanna versprach, ihnen ihre uralten, ureigensten Traditionen zurückzugeben. Plus Schätze über Schätze. Und der jählings weg war (“im Gebüsch“ sagen die einen, “im Wasser“, sagen die anderen), zuvor jedoch noch beteuert hatte, wieder zu kommen. Sagen alle. Als “Erlöser“.
Wie bei jedem Glauben spielte auch hier die Wirklichkeit keine Rolle, sondern die Phantasie, das Wunschdenken, die Begabung, die eigenen Träume, märchenhaft auszuschmücken. So wie bei den Christenmenschen Gekreuzigte munter auferstehen und Jungfrauen in den Himmel düsen, so zischte hier John Broom, alias John Frum, per Ufo zurück in den Weltraum. Oder per Tarnkappe ins Unterholz. Oder per Rennboot ins Zentrum der sieben Meere. Und da jeder hier andere “Fakten“ gehört hatte, gab es auch viele Varianten vom Aussehen des US-Messiahs: einmal untersetzter Mischling, einmal bulliger Dunkelschwarzer, einmal – und jetzt kam ich ins Bild – Weißer. Lang und dünn.

Als wir endlich im Dschungeltaxi Richtung Josefs Heimatdorf saßen und Furcht erregend nah an Kluften und Abgründen entlangfuhren, haben wir zwei uns wieder angegrinst. Josef entspannt, ich flach atmend. Was immer mein Gastgeber dachte, ich war bereit, die Komödie mitzuspielen. Wer darf schon als Retter und Gott auftreten, leibhaftig und in Echtzeit miterleben, wie Religion fabriziert wird, wie jedes Mittel recht ist, um die Realität aufzupeppen, ja sie maßzuschneidern gegen die Ängste und Todesängste, die das Leben bereithielt.

Die letzten fünfzehn Minuten wanderten wir, rauf, runter, an sonnengelben Akazien vorbei, durch dichtes Unterholz. Bis wir eine Lichtung erreichten, ein paar Hundert Meter vor Yaneumakel gelegen, dem Dorf von Josef’s Familie. Abendstunde, Dämmerung, nur Männer, die sich wie dunkle Schatten bewegten. Josef stellte mich vor, warm und mampfend nickten sie zurück. Sechzig geblähte Backen, ein sonniger Empfang. Die Stunde für Kava, ein Ritual älter als jede Erinnerung. Gut, dass ich vorbereitet war auf das, was nun kommen würde, denn Vanuatus Nationalgetränk ist eine Herausforderung an letzte Willenskräfte. Eine Pfefferpflanze, deren robuste Wurzeln sie jetzt zu Brei kauten, dann auf Bananenblätter spuckten, dann die braunen Batzen mit Wasser vermengten und zuletzt durch ein Tuch in halbierte Kokosnüsse pressten, unsere Tassen. Fertig.

Ich war der Gast, “a very differend guest“, ich sollte als erster probieren. Alle blickten. Jetzt mussten die Willenskräfte her, denn die Sauce hat ein Braun, das man nur mit einem einzigen anderen Braun assoziieren kann. Geliefert mit einem, wie sinnig, bestialischen Geruch. In Port Vila hatte ich schon gekotzt, und gelernt: nicht hinschauen, nicht riechen, alles in einem Zug leeren, still halten. Und so machte ich es, sie schauten und ich spülte die erste Schale hinunter. Seit ich die Technik beherrschte, wusste ich, dass die betäubende Brühe jede Zumutung belohnte. Wie ein euphorisierender Dampf zischte der Saft unter die Haut. Und kein wilder Rausch, keine psychedelischen Flashs folgten, eher eine skurrile Heiterkeit. Wie Opium breitete sie sich im Körper aus.


Erstveröffentlichung 2009

Sucht nach Leben – Geschichten von Unterwegs

Dumont Verlag

Kurzbeschreibung

Andreas Altmann ist Deutschlands bekanntester Reiseschriftsteller. Ihn treibt eine unstillbare Neugier, die Sucht nach Leben. Er geht weite Wege, um Neues zu entdecken: Geschichten und Menschen, die mit unserer gewöhnlichen Realität wenig gemein haben. So trifft er eine Geisha zum Dinner, spielt den Sünder bei einem amerikanischen Televangelisten ebenso wie »Gott« auf der Südseeinsel Tanna. Ein andermal lässt er sich als Sex-Schwächling bei indischen Quacksalbern kurieren, dann wieder als Zen-Schüler in einem Tempel in Kyoto auf den rechten Weg führen. Es ist ein Kosmos des Kuriosen, des Andersartigen, des Menschlichen, den Andreas Altmann in diesen Geschichten von unterwegs präsentiert. Es sind Geschichten, die sich einbrennen.

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