Triffst Du Buddha, töte ihn!

Ein Selbstversuch

Triffst Du Buddha, töte ihn! Ein Selbstversuch

Triffst Du Buddha, töte ihn!

Erste Leseprobe

(…) Seit Jahren will ich über meine Erfahrungen mit dem Buddhismus schreiben. Die auf drei Kontinenten und über lange Zeiträume stattgefunden haben. Ich habe mich nicht getraut. Aus verschiedenen Gründen, einer heißt schlicht: Unbegabung. Ich bin nicht sonderlich talentiert für Spiritualität. Obwohl ich fähige Lehrer hatte. Bin eher verstockt, eher reserviert. (…) Aber jetzt habe ich das Buch geschrieben. Nicht über die früheren Erlebnisse, sondern über die neuen. Die Reise liegt nur kurz zurück. Den endgültigen Anstoß für das Unternehmen gaben die fünf Meter Literatur zu Buddhas Lehre, die bei mir zu Hause stehen. Nicht, dass ich jeden Band fertig gelesen hätte. Oft habe ich irgendwo in der Mitte abgebrochen, oft ihn verdrossen zurückgestellt. Als Buchleiche, mit dem Vermerk: »Vorsicht, Gutmensch« oder »Vorsicht, Sprüche« oder »Vorsicht, Gebrauchsanweisung für Heilige«. Man will nicht glauben, was alles an Lamas, Oberlamas, Abgesandten des obersten Lamas, an Mönchen vom Berg der sieben Wiedergeburten, an letzten Inkarnationen und Gurus von eigenen Gnaden, was alles an »Erhabenen« in die westliche Welt schwärmt, um uns so prachtvoll-nutzlose Weisheiten zu übermitteln wie: »Der wahrhaft Erwachte kennt kein Ich mehr und keine Wünsche des Ichs.«

Man darf vermuten, dass die Schwärmer – viele von ihnen durchaus guten und weisen Willens – zu lange auf dem Dach der Welt gelebt haben, zu verborgen in Himalaya-Verliesen oder verwunschen einsamen Klöstern saßen. Sie wissen nicht, wie es im tatsächlichen Leben zugeht: Im Fernen Westen, bei uns, den Modernen, den von hundert Ängsten Getriebenen, den Schlaflosen, den Friedlosen, den Freudlosen, den standhaften Wegschauern. Wüssten sie es, die Weisen würden vielleicht ihre Wundertüten voll von »Erleuchtungsgeist« und Nirwana und Ichlosigkeit wieder einpacken. Und etwas anbieten, was uns konkreter, weniger abgehoben und weltfremd hilft. Denn Hilfe, das scheint gesichert, brauchen wir. Viel leerer kann es in unserem Leben nicht werden.

(…) Dass uns der Osten etwas beibringen kann, wer würde dem widersprechen? Aber er soll uns nicht überschätzen. Sein Ich gibt der Weiße Mann nicht her. Andererseits: Manche haben auf einmal genug von ihrem Super-Ego, sie wollen es abspecken. Eine Sehnsucht treibt sie nach einem Leben mit weniger Gier, weniger Protz. Und mit mehr Freundlichkeit, mehr Nähe. Und mehr Ahnung von dem, was reich macht, und dem, was erniedrigt.

Dieses Buch erzählt von einem Mann, den ich in Indien getroffen habe. Auch ein Lehrer. Aber (fast) ganz von dieser Welt, zudem radikal spirituell, sprich, radikal antireligiös. Er verschenkt etwas, was teurer nicht sein könnte. Dabei beherrscht dieser Inder kein einziges Wunder, niemand schluchzt vor Ergriffenheit bei seinem Anblick, keiner wirft sich ihm zu Füßen. Im Gegenteil, er fordert von jedem, nie die eigene Verantwortung aufzugeben, nie nach dem Herrgott und anderen Göttern Ausschau zu halten und immer alles – immer – auf den Prüfstand der Vernunft zu stellen.

Sein Geschenk könnte man mit einer Art Rüstung vergleichen. Allerdings luftleicht und wunderbar beweglich. Man kann sie überall tragen. Sie stört nie, im Gegenteil, sie schmückt. Denn sie schützt den Geist vor den Anwürfen der Verblödung und die Innenwelt vor den Frostschäden schleichender Verrohung. Zugleich kann der Panzer ungemein porös werden. Dann lässt er Wärme durch, Wohlwollen, Nachsicht für viele, auch für sich.

Gewiss, das Anlegen der Rüstung dauert. Man muss es lernen, üben, wieder üben. Das tut weh, frustriert, sorgt für Attacken der Mutlosigkeit. Davon redet das Buch. Und von den Glücksgefühlen, die zwischendurch immer wieder aufblitzen. Und im Laufe der Zeit zunehmen, an Zahl, an Tiefe. Davon redet es auch. Wer den Typ in Indien besucht, bekommt ein Krafttraining verpasst. Damit der Herzmuskel nicht nachlässt, ja wieder eine Innigkeit ausbricht, die uns irgendwo, irgendwann verloren ging.

Zweite Leseprobe

(…) Der Irrsinn, von dem ich gerade lese, bestärkt mich. Die einen vernichten Menschen, die anderen das, was in meiner Jugend einmal »Geschenk des Himmels« hieß. Auch deshalb fliege ich nach Indien: um jemanden zu suchen, der weder »Ungläubige« durchlöcherte noch Käsetonnen auf Müllhalden schleuderte. Herrn Buddha. Einen, der cool mit anderen umging und Respekt vor dem zeigte, was wir heute Natur nennen, unsere Welt. Eben jenen, der meinen (unseren) Zynismus mit Gedanken und Ideen bremst, die möglicherweise dabei helfen, dem Wahn der Gegenwart behänder zu begegnen. Richard Gere wurde einmal gefragt, warum er sich dem Buddhismus zugewandt hatte, und seine Antwort klang pathetisch und sonnenklar: »Um nicht verrückt zu werden.«

Natürlich werde ich nicht Buddha treffen. Er ist tot wie alle anderen Toten. Will einen Zeitgenossen finden, der mich (wieder) an ihn, an Buddhas Welt-Anschauung heranführt. Und natürlich will ich kein Buddhist werden. Ich kann es nicht. Seit dreißig Jahren bin ich von ihm fasziniert und noch immer zu schwach für seine Ansprüche. Aber ich will näher an ihn ran, will endlich den Umgang mit einem Werkzeug lernen, das garantiert zur Lebensfreude beiträgt.

Bedenkt man, was uns täglich anranzt und vergiftet, dann scheint mir das Unternehmen gerechtfertigt. Bedenkt man zudem die vielen Griesgrämigen und Trostlosen, Neidhammel und Wichtigtuer, denen man stündlich über den Weg läuft, dann ist zu vermuten, dass wir alle – wir Vielen – eine Brise Leichtigkeit, Menschenfreundlichkeit und Swing vertragen könnten. Denn ich weiß noch immer nichts Innigeres, was einer dem anderen schenken kann, als sein Glück, sein Glücklichsein.

Dritte Leseprobe

(…) Weiter nach Sarnath. Durch Dörfer, vorbei an Büffeln und Misthaufen, spielenden Kindern und – Männern, die dasitzen. Die ganze Straße entlang. Die nichts Schöneres wissen als sitzen. Wunsch- und bewegungslos. Rauchen nicht mal, lesen nicht, reden nicht. Nein, nur sitzen, nur dasein, nur schauen. Unfassbar, ungeheuerlich. Und nie verspüren sie den Wunsch, aufzuspringen und loszurennen.

Plötzlich tausche ich im Kopf die Rollen, bin ab sofort Inder mit dem genetischen Set von 4000 Jahren Indien und sehe einen Weißen (das wäre ich), einen Europäer, der wie ein Kreisel morgens um sieben Uhr hochspringt, eisig duscht, das Frühstück runterwürgt und lossprintet, das Gesicht verzerrt, den Adrenalinspiegel anheizt, genervt die Stimme hebt, um Tickets rauft, unbedingt die Welt sehen will, unbedingt, jeden Tag hundert Seiten lesen will, unbedingt glaubt, dass des Lebens Sinn und Herausforderungen per Vollgas erledigt werden müssen. Voller Verwunderung drehe ich mich (ich, der Inder) von dem Verrückten ab. Himmel, wie erfüllt ist mein Leben, wie bescheiden gehe ich mit der Natur um, wie grenzenlos im Einklang mit mir und den anderen verläuft mein Dasein.

Und abrupt schalte ich zurück, bin wieder ich, bin wieder der Hochgeschwindigkeits-Weiße, der nicht fassen kann, dass man so lethargisch in den Tag glotzen, so stinkbequem seine Zeit verschleudern kann. Mir wird klar, dass wir beide – er, der Inder, und ich, der Deutsche – um Gnade winselten, würde ein Dritter uns zwingen, des anderen Existenz zu führen. Und dass wir beide die intelligentesten Gründe vorbringen könnten, warum wir so leben, wie wir leben. Und ich um kein Haar die besseren, die »moralischeren« Argumente aufzählen könnte, um mein Sein zu rechtfertigen. Nichts an meinem Tun macht die Welt schöner, bewohnbarer, nichts. Da ich zudem eher selten an den Fortschritt glaube, bliebe mein Plädoyer, um meinen Stress – den Stress des Weißen Mannes – zu rechtfertigen, höchst umstritten.

Und trotzdem schinde ich mich. Warum? Weil ich darauf bestehe, dass das Leben ein Geschenk ist, das man ausbeuten muss, ausleben und randvoll machen. Gerade weil ich streng ungläubig bin, mich nie mit der Aussicht auf Paradiese und jenseitige Schlaraffenländer tröste, gerade deshalb bleibt Leuten wie mir nichts anderes als der Planet Erde und die paar Jahre, die uns vergönnt sind. Deshalb die Hetze, die Suche, das neurotische Drängen.

Doch ich irre mich. In Wirklichkeit würde der Inder wohl leiser winseln als ich, wenn man ihn zwänge, mein »weißes« Leben anzunehmen. Denn er würde das fremde Schicksal – das Getriebensein – irgendwann akzeptieren, es als »schlechtes Karma« begreifen, sich fügen in die Strafe für seine bösen Taten. Mit der Ergebenheit aller, die an hundert oder hunderttausend Wiedergeburten glauben. Ich, der Nicht-Inder, würde mich nicht abfinden. Ich würde eines Tages – wieder auf einem Stuhl dösend, wieder nur auf Kühe und Misthaufen blickend – dem Dorfpolizisten die Flinte entreißen und Amok laufen. Ich habe kein Gen, das mich zu weiser Hinnahme verführt. Ich habe nur dieses Leben. Das wäre die einzige Rechtfertigung, die ich vor Gericht zu meiner Verteidigung anführen könnte. Keine allerdings wäre famoser und überzeugender.

Vierte Leseprobe

(…) In Varanasi besteige ich den Bus nach Gorakhpur, die Stadt liegt auf halber Strecke nach Nepal, wo ich hinmuss. Ich bekomme einen Fensterplatz, die Rostlaube rumpelt aus dem Bahnhof und – man schließt die Augen vor Freude – ein wunderliches Glück holt den Reisenden ein. Man ist mitten in Indien und dennoch vom ihm erlöst. Kein Raufen mehr um ein Ticket, kein Sprinten Richtung Trittbrett, kein Festklammern des Rucksacks. Alles ist mit einem Mal Vergangenheit. Man schaut nach draußen und durch das Fenster weht Indien. Für Stunden ist man unverwundbar.

Gestern Abend las ich einen Bericht über einen Psychiater, der Rilke angeboten hatte, ihn therapeutisch von seinen »Dämonen« zu befreien. Der Dichter lehnte das Angebot mit dem Hinweis ab, dass dabei wohl auch seine »Engel« verschwinden würden. Beides würde ihn verlassen, die Depressionen und sein Sprachgenie, eben sein Flammenwerfer, um die Abstürze der Seele in Schach zu halten. Das Ergebnis wäre folglich »Normalität«, genau zwischen kalt und heiß, nur immer lauwarm, laukalt.

Die Anekdote schützt klug gegen den pathologischen Anspruch auf das pausenlose Glück. Es wäre nichts als ein pausenloses Unglück. Vor wem müsste man dann entschlossener davonrennen? Vor dem gnadenlos Tranigen, der sich jedem Zeitgenossen als ambulantes Unheil offenbart, oder dem Kuhblick-Verzückten, der so nervt mit seiner blindwütigen Zufriedenheit? Ich bin bestimmt nicht in dieses Land gereist, um mir via Buddhismus ein Narkosemittel gegen meine inneren Turbulenzen zu besorgen. Im Gegenteil, er soll mich ausrüsten mit der Fähigkeit, sie hinzunehmen, sie auszuhalten, sie als Eintrittspreis für die Höhenflüge zu begreifen.

Nach knapp zwei Stunden setzt sich ein junger Kerl neben mich, spricht mich sofort an. Er glüht vor Wissbegierde. Aber es handelt sich eben nicht um diese verfluchte Neugier, die umgehend versiegt, sobald sie weiß, woher man kommt und wie man heißt, nein, der 18-Jährige fragt, ob ich mich für »poetry« interessiere. Nein, sage ich, ich interessiere mich nicht für sie, ich liebe sie.

Ishan erzählt, dass er gerade von seiner »poetry class« komme. Sechs Mal die Woche fährt er nachmittags, nach der Schule, eine Stunde hin und eine zurück. Um mit Gleichgesinnten über Poesie zu sprechen. Er reicht mir sein dickes Heft, unter dem heutigen Datum steht folgende Hausaufgabe: »Schreiben Sie eine kurze Anmerkung zu Robert Brownings Liebes-Philosophie in seinem Gedicht Eurydice to Orpheus.« Und der Junge hat schon geantwortet, fängt an mit: »Um seine geliebte Frau wieder zu treffen, ist Browning bereit, alle Schmerzen und alles Leid auf sich zu nehmen.« In seiner Mappe steht die halbe (englische) Weltliteratur. Über Alfred Tennyson, John Donne und John Milton hat die Klasse schon gesprochen, deren Gedichte diskutiert. Fünfzehn weitere Namen befinden sich auf seiner Favoritenliste.

Natürlich weiß Ishan um die berühmte Liebesgeschichte zwischen Browning und Elizabeth Barrett, die London Mitte des 19. Jahrhunderts in Atem hielt. Sie, bleich und kränkelnd, bereits vierzig, abgeschieden und (grandios) dichtend, lernt den sechs Jahre jüngeren Robert Browning kennen. Per Briefwechsel. Und erst nach hunderten von Briefen und 21 Monaten darf er sie besuchen. Heimlich, denn ihr Vater will nichts wissen von anderen Männern. Und heimlich schmieden sie Pläne und heimlich fliehen sie nach Florenz. Und diese Liebe bringt die Elende zurück ins Leben, sie blüht wieder und wird Mutter mit 43. Über fünfzehn Jahre hält die Nähe zwischen den beiden, erst ihr Tod wird sie beenden.

Selbstverständlich hat Barrett ihre bewegendsten Gedichte, die Sonette aus dem Portugiesischen, dem Mann geschenkt, der sie um 28 Jahre überleben wird. Die Vertrautheit der beiden war ein Glanzstück, so unbesiegbar schien sie, so maßgeschneidert. Rilke hat das Buch dieser poetischen Intimität übersetzt und damit sicher ein (deutsches) Meer von Tränen losgetreten: Bei uns allen, die wir erkennen mussten, zu welchen Ekstasen andere fähig sind. »How do I love thee? Let me count the ways …«, Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie. Das Sakrament der Liebe, in 44 Gedichten kann man es nachlesen.

Irgendwann muss Ishan aussteigen, denn hier liegen die Kühe und sein Kuhdorf. Das ist der Ort, von dem er sich jeden Nachmittag auf den Weg macht, um von der »power of words«, so sagte er, zu erfahren. Von Rilke (mein Hinweis) hatte er noch nichts gehört, aber er schrieb sofort den Namen auf, will ihn im Unterricht vorschlagen.

Ist das nicht Ausdruck perfekten Multikultis? Weil sich vor langer Zeit ein Mann und eine Frau im fernen England geliebt haben und von dieser Liebe mit zauberischen Versen berichteten, reden ein Inder und ein Deutscher noch 160 Jahre später davon. Auf lärmiger Fahrt über die Schlaglöcher von Uttar Pradesh. Wir winken uns heftig zu. Um den Halbwüchsigen mache ich mir keine Sorgen. Er hat bereits etwas entdeckt, was ihn noch in den unseligsten Zeiten beflügeln wird: Die Macht, die Übermacht von Sprache.

Fünfte Leseprobe

(…) Nach zwanzig Metern spricht mich ein Mann an, der sich als »Mishra« vorstellt. Wahrscheinlich hat er auf mich gelauert wie auf alle anderen vor mir, die ratlos kichernd aus dem »Fremdenverkehrsbüro« von Kushinagar heraustraten. Alles klar, der Mann ist ein guide, ich frage und er sagt seinen Preis: »Three hundred for three places.« Verstanden, er will 300 Rupien und zeigt und erklärt mir dafür drei Plätze, die mit dem Sterben Buddhas zu tun haben. Bevor ich einwillige, frage ich ihn nach einem Laden, wo ich ein Buch über Kushinagars Geschichte kaufen könne. Und der Dicke mit dem gut geschnittenen Gesicht antwortet selbstbewusst: »I am the local book.« Ich bin sofort sein Kunde, denn eine witzige Antwort muss belohnt werden.

Wir gehen über die Hauptstraße und kommen zum Mahapari-Nirvana-Tempel, in dessen Zentrum sich eine liegende Statue befindet, sechs Meter lang, Symbol des sterbenden Buddha. Das Haus ist über 50, die Skulptur über 1500 Jahre alt. Um sie herum sitzen knapp dreißig Wallfahrer, vor allem tibetische Frauen. Mit betenden Händen. Und greinen. Hier ist der Buddhismus zum Glauben verkommen, zur Heiligenlegende, zum Ablass-Geleier. Es ist genau das eingetreten, was Buddha verhindern wollte: Der Personenkult, die wirre Idee, aus einem Menschen aus Fleisch und Blut einen Götzen zu fabrizieren, vor dem man sich niederwirft und der – längst vermodert – bei Hagel und Blitz, bei Bauchschmerzen und Epilepsie, bei Geldmangel und Ehekrach mal kurz durchgreifen und aufräumen soll. Buddha als heiliger Feuerwehrhauptmann, als fernöstliche Ausgabe des heiligen Antonius.

Draußen im ansehnlichen Meditation Park setzen wir uns unter einen Sala-Baum. Und sechs weitere guides setzen sich dazu. Augenblicklich arbeitslos. Wahrscheinlich hoffen sie auf einen plötzlichen Herzinfarkt Mishras, um ihn in fliegendem Wechsel zu ersetzen. Das beeinträchtigt in nichts den Zauber der Situation. Ich lehne mich zurück und überlasse mich haltlos dem Singsang eines Hindus, der mit letzter Selbstverständlichkeit erzählt, dass in einer Dienstag-Vollmondnacht im Jahre 483 Buddha »seinen Körper verlassen hat«. Hier in Kushinagar. Ich widerspreche mit keinem Ton, weiß wieder, wie einfach und einlullend das Leben sein kann, wenn man nicht fragt, nicht nachfragt, wenn der Geist und sein Hunger nach Erkenntnis und Wissen nicht auftauchen und keinen Augenblick lang den Seelenfrieden stören.

(…) Der »freelance guide« – Mishra über Mishra – hat mir zwei vergnügliche Stunden geschenkt. Beim Abschied merke ich, dass mich der Fantast angesteckt hat. Mit seinem lässigen Sosein. Für einen Unerleuchteten ist der Weg zu einem Erleuchteten verdammt kräftezehrend. Trotzdem, dank des beschwingten Hindus schaffe ich den restlichen Nachmittag über Momente wunderlicher Gleichgültigkeit. Ich sehe den Dreck, den Irrsinn, die garantierte Aussichtslosigkeit – und bleibe gelassen. Keine träge Selbstzufriedenheit soll daraus werden, nur für diesen (halben) Nachmittag will ich mir bedenkenloses Glück erlauben. Zudem ist ein Gelassener für seine Umgebung entschieden erträglicher als jemand, der pausenlos grimmig mit der Welt abrechnet.

Sechste Leseprobe

(…) Und hier laufe ich auf den nächsten Absturz zu, ja freue mich noch, da der Zug nach Bodhgaya – Buddha soll dort erleuchtet worden sein – fast leer ist und in wenigen Minuten abfährt. Laut »Information Service«. Da ich noch immer unerleuchtet bin, glaube ich nur, was ich glauben will. Besonders gern die Märchen eines indischen Informationsdienstes.

Aus den wenigen Minuten werden zweieinhalb Stunden – auf der Strecke gab es einen Unfall – und so hat noch eine weitere halbe Million Männer und Frauen Zeit, den Zug zu entern. Jetzt erfahre ich etwas Neues aus dem Land, denn nun schaffen sie das Gepäck wieder nach draußen, um es an den Fenstergittern anzubinden. Damit drinnen Platz wird für die Besitzer der Koffer. Ein paar Desperados vermuten, dass am anderen Ende des Waggons mehr Sauerstoff zur Verfügung steht. So quetschen sich die Dünnen und Dicken an meinem Kopf vorbei, idiotischerweise habe ich mich für einen Sitzplatz neben dem Gang entschieden. Da ich mich am Gepäckträger über mir – längst von Großfamilien in Beschlag genommen – festkralle, kann ich den Platz halten. Jeder Fluchtgedanke zwecklos, da jeder Fluchtweg irgendwann verbarrikadiert ist. Verstellt von Männerleibern, die sich abwechselnd nachlässig oder heftig an ihren primären Geschlechtsorganen kratzen. Eine indische Manie, ungeniert und un­ausrottbar. Geruchslinie zwischen meiner Nase und einem Dutzend hiesiger Unterhosen: eine Handbreit, manchmal zwei.

Wir stehen immer noch, irgendwann spazieren die Neuankömmlinge über die Schultern (!!!) der bereits Anwesenden, einige Kubikmeter Luftraum sind noch zu haben. Mir fällt ein Plakat ein, das in Patna hing: »Beware of terrorists«. Wenn jetzt einer den Auslöser neben seinem Bauchnabel drückt, dann tapezieren wir (und er) als Fleischkrümel die angerosteten Wände. Irgendwann ruckt es, wir fahren.

Und nun die Belohnung. Auch für die Angst, die Nicht-Inder in solchen Situationen überkommt. Denn verliert jetzt jemand die Nerven – nur ausgelöst durch die brachiale Enge, nicht durch ein Attentat –, dann wird aus dem Chaos die nackte Panik. Aber wir sind in Indien, dem Land, mit dem es kein anderes Land aufnehmen kann. Und einmal mehr wird klar, dass die dritte Klasse Aussichten auf phänomenale Situationen gewährt, ja jeder Schweißtropfen und jede Atemnot vergolten werden mit Erkenntnissen, die den Welthungrigen versöhnen.

Als Wunder verkleidet erscheint diesmal ein Erdnuss-Mann. Und wie einer, den kein Naturgesetz schreckt, fräst er sich zwischen den Leibern hindurch, balanciert die Schüssel mit seiner Ware über den Köpfen, krächzt unverdrossen und ausgelassen: »Peanuts! Peanuts! Peanuts!« Und ich bitte – obwohl ich sie nicht ausstehen kann – um eine Tüte Erdnüsse. Ich will wissen, wie der Mann – gepfercht zwischen Tonnen von Menschenfleisch – die Schale von oben nach unten hievt. Es scheint unmöglich. Doch in diesem Augenblick wird jedem Beteiligten klar, dass das indische Herz so unendlich dehnbar ist wie das Universum: Alle Umstehenden biegen sich nach vorn, nach links, nach rechts, nach hinten: damit Platz für das Blech wird und die beiden Hände, die nun die Waage in Stellung bringen und die Ware eintüten. Und plötzlich sind alle so gerührt von dem Jongleur und seiner Akrobatik, dass jeder umgehend eine Portion bestellt. Es ist ein wunderbarer Augenblick der Eintracht, der Fähigkeit und Bereitschaft jedes Einzelnen, die eigene Strapaze zu vergessen, um einem anderen, einem so Fremden, zu helfen.

Siebte Leseprobe

(…) In Varanasi steige ich in einem Hotel ab, das mir Nataniel empfohlen hat. Keine Luxushütte und doch der Luxus, vom Zimmerbalkon auf den Garten blicken zu können. Und lesen und rauchen zu dürfen. Und über einen Knopf zu verfügen, der jemanden veranlasst, einen Kaffee zu bringen. Und anschließend die Tür zu verriegeln, still sein und schreiben zu dürfen. Kein Beruf ist so geräuschlos, so unkriegerisch und so gefährlich. Schon Mohammed wütete: »Unter allen Sterblichen hat der Schriftsteller die größte Chance, in die Hölle zu kommen.« Eine solche Makulatur kann nur ein Analphabet verbreiten. Das Gegenteil stimmt. Darf ein Schreiber nicht mehr schreiben, dann landet er in der Hölle. Hier auf Erden. Denn seine Sprache ist sein Vademecum, das er immer bei sich führt. Sein Allheilmittel, immer alarmbereit, um den Zudringlichkeiten der Welt standzuhalten.

Ok, fast allen. Als am Nachmittag des nächsten Tages Musiker und Arbeiter anfangen, die Bühne für die abendliche Hochzeitsfeier aufzubauen, und irgendwann probeweise mit 150 Dezibel losschlagen, hilft keine virtuelle Flucht. Man fragt sich nur, wie etwas lebenslang halten soll, das schon mit einem solchen Elend beginnt. (In Indien gibt es Auszeichnungen für jene, die mit ihrer Soundbox den größten Lärm produzieren können!) Vielleicht haben Inder dort Attrappen, wo bei uns Ohren hängen. Ich flüchte ins Freie. Ich habe tapfer zwei Wochen lang jede Art Getöse über mich ergehen lassen, jetzt muss ein Ort der Ruhe her.

Etwas Seltsames geschieht. Kaum habe ich die ersten zehn Meter auf der Straße zurückgelegt, zoomen die Bettler, die fliegenden Händler und Rikscha-Fahrer auf mich, den Weißen. Das ist sehr normal, seltsam ist, wie anders ich reagiere. Seit gestern Mittag habe ich die Oase nicht mehr verlassen, lebte achtundzwanzig Stunden fern vom indischen Dschungel. Anders formuliert: Lasse ich mich jeden Tag, jede Stunde, auf das Land ein, bin nah, ganz nah, dann wächst mir eine zweite Haut, eine Schwarte, dann bin ich gewappneter, resistenter, bisweilen auch kälter. Der Ansturm ist so kolossal, dass man automatisch das Visier herunterklappt. Nicht jetzt, der Schutzschild ist bereits verschwunden. Ohne Rüstung trete ich gerade an. Nun sticht wieder das Herz, wenn ich sehe, wie diese armen Teufel mir nachradeln und mich bitten, nein, anflehen, doch aufzusteigen. Man gewöhnt sich an alles, so reden jene, die sich an alles gewöhnen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will. Irgendwie klingt der Satz nach Bankrott.

Natürlich herrscht das vertraute Verkehrschaos, auch jetzt, um 17.47 Uhr. Alle durcheinander, jeder für sich. Hupen, schreien, klingeln, die Welt als Gasglocke. Und natürlich passiert nichts. Sie alle meistern das Chaos. Ich habe nie verstanden, wie man auf die Regierung in Neu-Delhi schimpfen kann. Im Gegenteil, man muss sie preisen für die Wundertat, die sie täglich vollbringt: Ein Volk von 1120 Millionen absolut undisziplinierbaren Individuen zu führen. Irgendein Segen, irgendeine Gnade liegt über dem Subkontinent. Nehmen wir das einzige andere Land mit vergleichbarer Einwohnerzahl, China. Und wir haben die kommunistische Knute, einen Ex-Schlächter als Staatschef, öffentliche Hinrichtungen, ein Massenheer von Spitzeln, einen kulturellen Genozid in Tibet. Hoch, hoch, tausend Mal hoch lebe Indien.

Nach ein paar Minuten entdecke ich das Radisson Hotel, Luxus mit Geschmack. Im Café bestelle ich einen Cappuccino und das erste Menschenrecht: allein gelassen zu werden, unerreichbar sein zu dürfen. Keiner zupft an mir, keiner produziert Schuldgefühle. Hier, auf diesem winzigen Erdteil, meinem Ledersessel und dem Tisch, werde ich – wie befremdlich das klingt – ein Unberührbarer. Geld verschafft Diskretion. Geld hat schöne Seiten.

Ich schalte den Macintosh ein, bin noch nicht fertig mit meinem Tagebuch. Plötzlich fällt mir noch ein Grund ein, warum Sprache notieren das schiere Glück auslöst. Nicht bei jedem Satz, aber oft: Schreiben macht bedürfnislos. 26 lautlose Buchstaben reichen. Mehr hat man nicht, mehr braucht man nicht. Bedürfnislosigkeit ist nur ein anderes Wort für Hochgefühl, für tief innen.

Die letzten zwei Stunden lesen. Irgendwann stoße ich in der Hindustan Times auf einen Artikel, den ich besser übersehen hätte. So aufklärend er sein mag. Er berichtet von zwei amerikanischen Forschern, die ihren Testpersonen entweder eine Tasse warmen Kaffees oder einen Becher Eiskaffee in die Hand drückten. Und sie baten, nun per Fragebogen eine Person zu beurteilen. Mit der Folge, dass die »warmen« Probanden die Person wärmer beurteilten, sie für generöser und hilfsbereiter hielten als die »Kalten«, die kälter bewerteten. Als ich nach der Lektüre den Kopf hebe, um über das wundersame Ergebnis des Versuchs nachzudenken, fällt mein Blick auf eine indische Schönheitskönigin, die hier nebenbei als Bedienung arbeitet. Fällt auf ihre Hände, da sie gerade einen nächsten Cappuccino bringt. Ich spüre jäh ein Verlangen nach Nähe, nach Wärme. Auch das weiß ich gewiss, neben dem Glück der Buchstaben gibt es das Glück warmer Frauenhände.

Achte Leseprobe

(…) Heute muss ich ins »Kloster«. Um Punkt zwölf Uhr treffe ich Malulal, den Rikscha-Fahrer, in Sarnath. Vor dem richtigen Gebäude, am richtigen Tag, zur richtigen Zeit. Wie vor vierzehn Tagen vereinbart. Selbst auf meine Vorurteile kann ich mich nicht mehr verlassen.

Wir haben Zeit, nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg. Die Waden von Malulal haben in der Zwischenzeit nicht zugelegt, noch immer staksen sie knochenmager aus seinem Dhoti. Doch mein schlechtes Gewissen hat sich verändert, es ist kleiner geworden. Der Dünne besteht auf der Schinderei über die verbuckelte Landstraße. Er will es mir beweisen, soll er. Mein Eingreifen würde ihn nur demütigen. Links und rechts fällt der Blick wieder auf die Kühe, die Vogelscheuchen. Und die Männer, die vor ihren Häusern sitzen und – schauen. Wie damals, als wir zum ersten Mal vorbeikamen. »This is India«, sagt Malulal, so, als hätte er meine Überlegungen erraten. »No«, antworte ich, »this is my wonderful India.« Irgendwann müssen wir stehen bleiben, weil ein blindes Paar mitten auf der Straße tippelt. Behutsam führt sie Malulal zur Seite, mahnt zur Vorsicht. Das ist eine ergreifende Szene. Könnte man im richtigen Leben auf den »Restart«-Knopf drücken, würde ich sie mir immer wieder anschauen. Damit die Bilder mich nähren in raueren Zeiten. Kurz nach 14.30 Uhr kommen wir an. Am offenen Tor zum Dhamma Chakka Vipassana Center steht Harisingh und begrüßt mich. Sofort bin ich wieder verliebt in den Alten.

Ein provisorisches Büro wurde im Garten aufgebaut, mit zwei dieser typisch indischen Feldbetten, bei denen fest verzurrte Hanfstricke den Lattenrost ersetzen. Wer von den Teilnehmern nun eintrifft, setzt sich und muss erstaunlich wenig Bürokratie erdulden. Die Personalien, den Schulabschluss, den Beruf angeben. Und die Versicherung, dass man keine Seuchen einschleust, nicht »geisteskrank« und nicht »drogensüchtig« ist. Dann die Aufforderung, allen Lesestoff, jedes technische Equipment wie Computer, Radio und mp3-Player abzugeben. Plus Papier und jede Gerätschaft, die zum Schreiben dient. Plus jedes Gramm Tabak, jede (nicht lebensrettende) Pille, auch Schlaftabletten, auch das heimliche Säckchen Haschisch. Plus, zuletzt, alles religiöse Instrumentarium, Rosenkranz, Mala etc. Nichts soll ablenken, alles soll vorbereiten auf Isolierung, auf Konzentration, soll vom ersten Augenblick klar machen, dass keine Hilfe von »außen« zu erwarten ist.

Ich trage mich als Letzter ein, so besteht die Möglichkeit, kurz die Anmelde-Liste zu überfliegen. Acht Ausländer haben sich eingetragen, sechs Männer, zwei Frauen. Ein Australier, ein Schweizer, zwei Amerikaner, ein Japaner, ich, zwei Französinnen. Fast alle mit einem »university degree«. Von den dreizehn Indern und fünf Inderinnen erfahre ich nichts, sie alle schrieben in Hindi.

Harisingh weist noch darauf hin, dass ein »lezard repellent« zur Verfügung steht, ein Mittel, das Geckos in Schach hält. Weil beim letzten Kurs eine verschreckte Engländerin fluchtartig die Anlage verlassen hatte, aus Angst vor den (so harmlosen) Tierchen. Ob das der Grund war? Ob sie sich nicht vor ganz anderen Beklemmungen in Sicherheit brachte? Eisern sitzen und eisern den Mund halten und jeden Blick in sich hinein aushalten, das kann Angst machen. Zartlinge werden hier nicht geheilt. Deshalb auch die Frage nach den Abhängigkeiten, der geistigen Verfassung. Die Spielregeln von Vipassana – ganz ähnlich dem japanischen Zen – sind knallhart. Eine Zeit der Eingewöhnung gibt es nicht. Das Spiel, das so fordernde, beginnt sofort.

Jeder bekommt eine Zelle zugewiesen. Zwei Meter mal drei, Betonboden, zwei vergitterte Fenster, eine Holzpritsche mit einer Schaumstoff-Matratze – fünf Zentimeter dick am Rand, fünf Millimeter in der Mitte –, eine Wolldecke, eine Glühbirne (die – hinreißend indisch – nur tagsüber glüht), eine Nasszelle mit kaltem Wasser und einer Kloschüssel ohne Brille. But a room of my own, das soll zählen. Jagten mich doch Panikattacken bei dem Gedanken an Schlafsäle, in denen nachts das gnadenlose Heer der Schnarcher uns Nicht-Schnarcher in Geiselhaft nimmt. Und die nächste Panik bei der Aussicht auf »öffentliche« Toiletten, eine neben der anderen, mit oben und unten zu kurzen Sperrholzplatten als kümmerliche Trennwände. Wo einer dem anderen beim Defäkieren zuhören muss. Was für ein Akt barbarischer Nötigung. Wie trostreich, dass sie hier bei der Suche nach den großen Wahrheiten die kleineren nicht übersehen haben. Wie das Recht auf Diskretion. Klein, aber ewig.

Neunte Leseprobe

(…) Um 17.45 Uhr gibt es Abendessen, Dhal, Reis, Gemüse, rein vegetarisch. (Unser letztes, freundlicherweise erfahren wir das erst morgen.) Im Nebenraum essen die Frauen. Der »Speisesaal« erinnert an eine Zuchthaus-Kantine, Fliesenboden, lange Tische, Plastikhocker, wieder die vergitterten Fenster. Hintereinander anstellen, zwei Mann Personal geben das Essen aus. Tee steht bereit. Ab jetzt gilt die Schweigepflicht. Hinterher in die Waschküche traben und das eigene Geschirr abspülen.

Dann nochmals Platz nehmen. Ein Band läuft und jemand mit amerikanischem Akzent liest die »rules« vor, die auf dem Flyer standen, verweist zuletzt auf die Schlangen, die es hier gibt. Und die keinen schrecken müssen. Wer sie entdeckt, soll die Helfer verständigen, dann wird das Tier entfernt. Die Stimme klingt angenehm, kein Kasernenhof-Gebrüll. Gelassen werden die Richtlinien vorgestellt, die Meditationszeiten, die Essenszeiten, die Ruhepausen. Und natürlich müssen alle Neuen die »fünf Grundgebote« des Buddhismus respektieren (leicht den modernen Zeiten angepasst):

  • Kein Lebewesen töten (und quälen).
  • Nicht stehlen.
  • Kein sexueller Fehltritt. (Was immer das bedeuten mag.)
  • Nicht lügen.
  • Keine Drogen. (High soll die Meditation machen, nicht die Chemie.)

Die halbe Stunde vergeht ohne drohenden Unterton, ohne fundamentalistische Anmaßung. Kein Rauswurf wird bei Nichtbeachtung in Aussicht gestellt, es wird immer nur an die eigene Verantwortung appelliert. Einen »Code of Discipline«, den gibt es. Und Disziplin, die aus freiem Willen akzeptierte, ist lobenswert. Würde nur der leiseste Verdacht religiöser Inbrunst auftauchen, ich würde packen und rennen. Ich suche kein Glaubensbekenntnis, ich will eine Technik lernen, die mir hilft, mein Leben zu intensivieren. Klugerweise stand in den von Harisingh verteilten Unterlagen noch, was Vipassana NICHT ist: »Es ist kein Ritual, das auf Glauben beruht. Es ist weder eine intellektuelle noch philosophische Unterhaltung. Es ist keine Kur, kein Urlaub, kein Ort, um Leute kennen zu lernen. Es ist kein Fluchtweg, um den Zumutungen und Wirrungen des Lebens zu entkommen.«

Diese Zeilen machen Mut. Weil sie vollkommen illusionslos klingen. Kein verlogenes Geplärr, das sofort grandiosen Erfolg verspricht. Nicht das debile Geschrei der Werbeindustrie, das mich zu einer Schafsnase machen will, die alles schluckt, was man ihr um die Ohren haut. »In drei Tagen Chinesisch lernen!« und »In fünf Tagen fünf Kilo weg!« und »In zehn Tagen erleuchtet!« Kein spiritueller Crash Course wird feilgeboten. Nein, hier scheint der Ort zu sein, an dem sie lediglich anspornen, nach den eigenen Reserven zu fahnden. Um alle überirdischen Schutzpatrone zu demontieren. »For adults only«, ein Programm nur für jene, die nicht »Höhere« anwimmern, sondern bestimmt und beharrlich an die eigenen Kräfte glauben. Und die der anderen.

Zehnte Leseprobe

(…) Deshalb ist Vipassana ein Minderheiten-Programm. Denn hier walten keine heiligen Schutzpatrone, die irgendjemanden beschützen. Hier muss einer lernen, für sich selbst zu sorgen. Das hat mit Würde zu tun, mit dem weniger dramatischen Wort »Eigensinn«, mit der Sehnsucht, kein Schaf zu werden, das blökend anderen Schafen hinterher trottet. Vipassana ist aufsässig, es ist in seinem Anspruch an den einzelnen nicht zu toppen. Es ist uralt und ultramodern.

Ich habe ebenfalls meine Illusionen mitgebracht. Ich knechte mich die zehn Tage, weil ich denke, dass mir die Exerzitien auch als Schreiber gut tun werden. Vielleicht komme ich näher an mein Unbewusstes. Durch die Stille, die radikale Konzentration. Vielleicht habe ich hinterher Zugang zu Quellen, die bisher nicht sprudelten. Wie jeder Mensch bin ich von der Furcht getrieben, dass ich nur einen Teil, schlimmer, nur einen Bruchteil meiner Gaben ausbeute. Das Sitzen soll mich schärfen, meine Augen, die Ohren, das Talent, genau hinzuschauen. Und das Talent, das Gesehene in Sprache zu übersetzen.

Ich Kindskopf. Ich sollte mich disziplinieren und meditieren. Statt meine Wunschliste durchzugehen, die ich dem Weihnachtsmann Vipassana mitgebracht habe. Das bringt mich zum Lachen, laut in der Dhamma Hall. Das entspannt, und ich vergebe mir. Und beginne wieder bei eins, zwinge mich wieder zurück auf das Seil. Wieder vergeblich, denn ein Sperrfeuer zieht gerade durch meinen Schädel. Von der Dhamma Hall blitze ich nach Paris, eine nächste Erinnerung jagt mich in ein Café. Und ich sitze zwei Tische von einem »Liebespaar« entfernt. Sie schmusen. Plötzlich klingelt ein Handy und sie holt es aus ihrer Tasche, stoppt das Schmusen und redet. Das Männchen neben ihr nimmt das klaglos hin. (Ich würde die Frau im Weinglas ertränken.) Was für jämmerliche Küsser müssen wir sein, dass Frauen jede Ablenkung genügt, um die Intimität zu unterbrechen. Aber ich liege falsch, gehörig falsch. Kurz darauf wird er telefonieren und sie warten lassen, nein, noch dreister, er verlässt den Tisch, um draußen weiter zu plaudern. Und wieder ersäuft keiner den anderen. Was für einen Abstieg die Liebe hinter sich hat. Früher stürzten sich die einen vor Schmerz aus dem Turmfenster, während die anderen zum Duell ritten, um die Schöne dem Nebenbuhler zu entreißen. Bei Gott keine besseren Zeiten damals, aber inniger, lebendiger allemal.

So deprimierend solche Bilder sind, so erhellend sind sie. Diese Blasiertheit! Immerhin Lippen und Zungen berühren, sie genießen! Nein, nur zwei talking heads sitzen hier, en vogue, von der Stange. Wäre ich König von Frankreich, ich würde ihnen eine Stunde Meditation verordnen. Als Fluchtweg aus so viel Leere.

Elfte Leseprobe

(…) Um 19 Uhr werden wir Ausländer aufgefordert, uns in die Mini Dhamma Hall zu begeben. (Die Inder bleiben in der großen Halle.) Um den day one discourse von S. N. Goenka via DVD zu hören. Auf Englisch. (Die anderen hören ihn auf Hindi.) Auch diese »Reden« werden täglicher Bestandteil des Kurses sein, immer zur selben Zeit. Wir sitzen in einem nüchternen Raum, vielleicht fünf mal acht Meter, am Boden liegen Decken und Kissen. Man darf sich lümmeln und den Rücken an die Wand lehnen. Eine schwache Birne brennt, Harisingh schaltet das Gerät ein und das friedliche Gesicht eines heute 85-jährigen Mannes erscheint.

Goenka wurde 1924 als Sohn einer indischen, konservativen Hindufamilie geboren, in Myanmar, dem früheren Birma. Er machte Karriere als Geschäftsmann, sein Leben boomte, allerdings veranlassten ihn wüste Migräneattacken, sich auf die Suche nach Heilung zu begeben. Er begegnete Sayagyi U Ba Khin, einem (hohen) burmesischen Beamten, der nebenbei als Vipassana-Lehrer unterrichtete. Der Birmane galt – so will es die Legende – als Bewahrer der »reinen« Meditationstechnik, jener Form, die Buddha praktiziert hatte. Wie dem auch sei, Sayagyi war auch deshalb bekannt, weil er im Staatssumpf der Korruption nicht versank, sondern unbestechlich blieb.

Die Begegnung änderte Goenkas Leben, durch die Meditation verschwanden auch seine Kopfschmerzen. Er distanzierte sich vom Hinduismus, wurde selbst Lehrer und zog nach knapp fünfzehn Jahren steter Praxis nach Indien, um hier in einem Land, in dem mehr Götter und Göttinnen als irgendwo sonst ihren himmlisch-kindischen Simsalabim treiben, die Lehre vom rigoros götter- und göttinnenlosen Vipassana zu verbreiten. Mit Erfolg, mit imposanter Erfolglosigkeit. Die Zahl der Meditationszentren stieg, sie vergrößerten sich, Goenka bildete Hunderte von Lehrern aus, die Kurse waren voll, die Wartelisten lang, der Enthusiasmus ungebrochen. Aber alles betrifft – im Vergleich zur gigantischen Einwohnerzahl – immer nur die »ungeheure Minderheit«. Ein paar Tausend im Meer von elftausend Millionen.

So sollten wir es gefasst aussprechen: Auch die Herren Buddha, Sayagyi und Goenka werden an den Grundfesten im Universum nicht rütteln: Die »breite Masse« – feiner ausgedrückt: die Mehrheit – ist an eigenständigem Denken und Handeln nicht interessiert. Sie lässt denken und sie wird behandelt. Das ist die nackte, seit Jahrtausenden unzumutbare Wahrheit. Ganz und gar unfreundlich. Aber sie ist es. Ich bin somit nicht hierher gekommen, weil mich der Wahn verfolgt, der Buddhismus oder Vipassana trügen zur Verschönerung der Welt bei, der Weltbewohner. Mitnichten. Ich bin da, um »erwachsen« zu werden. Um das eine, das einzige Leben so zu leben, dass ich auf dem Totenbett nicht in Tränen ausbreche über die vielen blassen Tage, die hinter mir liegen. Stärke ich hier zudem meine Bereitschaft zur Freundlichkeit, zum Mitgefühl mit allem, was Schmerz empfindet, dann will ich zweifach dankbar sein.

Zwölfte Leseprobe

(…) Ich schließe wieder die Augen und genieße, trotz der Schmerzen, das abgespeicherte Bild. Menschen, die meditieren, sehen gut aus. Elegant, unangreifbar wie ein Geheimnis. Schon äußerlich übt Meditation – jenseits allen ideellen Anspruchs – eine irritierende Faszination aus. Sie hat Würde und Schönheit, es hat nichts Demütiges. Nichts Verbuckeltes. Als ich vor langer Zeit zum ersten Mal jemanden sah, der meditierte – einen Mönch in Indien –, habe ich mich in einem nahen Gebüsch versteckt und ihn beobachtet. Und ihn bestaunt. Zwei Stunden lang. Er schien ganz nah und ganz versunken in einer anderen Welt. Ich hatte keine Ahnung, was in ihm vorging. Vielleicht zog gerade eine Sexorgie durch sein Hirn, vielleicht dachte er an seine verdammte Verstopfung, vielleicht war er wunderbar einverstanden. Wie dem auch sei, das Verschwiegene und die Unbeweglichkeit verliehen ihm eine Aura von souveräner Gelassenheit. Er saß wie ein Fels und war leicht. Ich schwöre, man sah die Leichtigkeit. Kein Gewicht der Welt hing an ihm, der Mann war nur schön und beneidenswert. Um ein Haar wäre ich näher gekommen, um ihn zu berühren. Um selbst mühelos zu werden.

Compay Segundo fällt mir ein, der Musiker, der erst mit knapp 96 Jahren zu leben aufhören wollte. Und nachgab und starb. Er war berühmt und wurde durch Wim Wenders’ Buena Vista Social Club-Film noch berühmter. Den Alten beneidete ich auch. Der Kubaner kam sicher mit einem Glücks-Gen auf die Welt. Er schien unbeschwert, er konnte wohl nicht schwer werden. Über Meditation hätte er womöglich gelacht. Auf die Frage nach dem Rätsel seines langen, unwiderstehlich glücklichen Lebens antwortete er, hundert Prozent unkorrekt: »Zigarren, schöne Frauen und Rum.« Aber ich bin nicht Señor Segundo, ich bin wie die vielen anderen. Ich brauche die Umwege, ich muss erst lernen, dass Glück erlaubt ist. Er bekam geschenkt, wofür wir anderen uns schinden müssen.

Dreizehnte Leseprobe

(…) Dennoch liebe ich Vipassana. Weil es den Finger in die Wunde legt. Weil es so genau weiß, wo die Mutter aller Übel liegt. Und ein Hilfsmittel anbietet, das preisgünstiger und unprätentiöser – ein hartes Kissen reicht – nicht sein könnte. Kein Monatsbeitrag ist fällig, keine fluoreszierenden Knieschützer werden gefordert, keiner muss einen Helm tragen, alles – Mensch und Ausrüstung – passt auf einen Quadratmeter.

Und noch etwas, ein weiterer Nebenverdienst. Er ist hochaktuell, gerade in Zeiten, in denen Geist und Vernunft – rund ums Jahr, ohne einen freien Tag – von Königen und Königinnen des Schwachsinns bombardiert werden: Denn Meditieren macht schlau. Seit über zehn Jahren untersuchen Universitäten wie Harvard und Berkeley das Phänomen und die Ergebnisse sind eindeutig: Meditierende mit vielen Stunden Erfahrung können sich – fulminantes Beispiel – bis zu 45 Minuten ohne die geringste (gedankliche) Ablenkung auf eine Aufgabe konzentrieren. Sie lernen schneller, auch präziser. Die Kontrollgruppe, die Nie-Meditierenden, ist weit davon entfernt. Sie begehen nach fünf Minuten die ersten Fehler.

Es kommt noch besser. Meditieren macht warmherzig. Die Zonen im Hirn, die mit Emotionen wie Mitgefühl assoziiert werden, zeigten während des »Sitzens« erfahrener Schüler ebenfalls eine viel stärkere Aktivität. Menschenfreundlichkeit lässt sich also, zu einem bestimmten Grad jedenfalls, trainieren.

(…) Auch gut: Goenkas wiederholter Hinweis, dass Meditation vollkommen wertlos bleibt, wenn der »Gewinn« nicht im realen Leben stattfindet. Ein Mensch, der nur klug und freundlich ist, wenn er auf seinem Kissen sitzt, hat das Thema verfehlt. »Zen is action«, sagen die Japaner. Nur wenn das Training dazu taugt, sich hinterher im Trubel der Welt selbstbewusster zurechtzufinden, dafür sorgt, dass die »weltlichen« Handlungen weniger freie Radikale lostreten, weil man gelernt hat – via Meditation – ökonomischer mit den eigenen Kräften zu wirtschaften, erst dann hat die Mühe ihren Sinn. Und das Zauberwort heißt Konzentration.

(…) Hier ein Paradebeispiel. Eine Szene, die jeder Erdenbürger, der nicht mehr auf einem Affenbrotbaum wohnt, schon einmal, nein, zehn Mal, nein, hundert Mal, erlebt hat. Sie ist die banalste und grandioseste Szene, die sich finden lässt, um alle Ingredienzen zu versammeln: Eigenstress, Umweltstress, Ungeduld, ja Ärger, die Absurdität der menschlichen Existenz, die Eitelkeit, das Geschwätz im Universum, Achselschweiß, also alles, was das Leben an Gräulichkeiten bereithält.

Tatort Supermarkt, Tatort Schlange vor der Kasse, Bildbeschreibung: Der Mensch, dessen Ware soeben eingetippt wurde, hört von der Kassiererin den Betrag, den er zahlen soll. Und jetzt beginnt das Drama, jetzt sehen wir – wir dreizehn hinter ihm – einen Lebenszeit-Stehler und geschulten Multitasker seine Künste vorführen. Er plappert gerade, das Mobiltelefon zwischen linker Backe und linker Schulter und – sucht die Börse. Da er sie zu Hause geistesabwesend eingesteckt hatte, sicher dabei multitaskend noch einen Blick auf die Glotze warf, den Schuhcremedeckel zuschraubte, seine Frau ermahnte, doch nicht immer den Wohnungsschlüssel herumliegen zu lassen, weiß er jetzt nicht mehr – schwer genervt und weiterplappernd –, wo sich das Portemonnaie befindet. Haben wir, die dreizehn Komparsen in dieser läppischen Tragikomödie, Glück, dann kommt nur ein halbes Dutzend Hemden-Jacken-Hosentaschen in Frage, in denen sich Geld und Kreditkarte befinden könnten. Haben wir keines, dann sind es ein Dutzend möglicher Verstecke plus ein kleiner Rucksack auf dem Rücken des Helden. Da unser Weltmann zudem noch flegelhaft ist, redet er weiter in sein »Mehrspaßdennje-iPod«-Telefon (so die offizielle Apple-Werbung*), wohl zäh mit Tante Marie-Luise über das Tapetenmuster fürs Kinderzimmer diskutierend. Mitgefühl ergreift uns jetzt, wir vergessen den Zeit-Klau und sehen das Würstchen, den Würstchen-Kopf schief, die Stirn schweißgebadet, beide Hände frenetisch nach dem Objekt der Verzweiflung wühlend.

Vierzehnte Leseprobe

(…) Während der Reise durch Indien habe ich ein Buch gelesen, Letters from the Dhamma Brothers. Herausgegeben und kommentiert von Jenny Phillips, einer Psychologin. Wer die 224 Seiten zur Hand nimmt, soll wissen, auf was er sich einlässt. Gemeinsam mit Freunden organisierte die Therapeutin ein zehntägiges Vipassana-Retreat in einer amerikanischen Haftanstalt, in der Donaldson Correctional Facility, einem Hochsicherheitstrakt in Alabama. Eine moderne Festung für 1500 Schwerstverbrecher, inklusive jener, die auf der »death row« auf ihre Exekution warten. Die Gesamtzahl der Jahre, zu denen sie hier verdammt wurden, reicht wohl für eine kleine Ewigkeit.

Die Idee, dass eine Meditationstechnik aus Buddhas Zeiten den Insassen helfen könnte, nicht an ihrem Schicksal zu zerbrechen, war geradezu revolutionär. Phillips erwähnt zuerst die Schwierigkeiten, die überwunden werden mussten, um die zuständigen Autoritäten vom Sinn und Zweck der Übung zu überzeugen. Denn in Zuchthäusern wird gezüchtigt: die Wächter die Bewachten und die brutalsten Bewachten die weniger brutalen. Mit Knüppeln, Fäusten, Messern. Bis hin zum Totschlag. Spricht hier einer von Nachsicht und Verzeihen, dann spucken sie auf den Boden und fluchen. Züchtigen züchtet Männer mit kalten Herzen. Wie sinnig: Hinter den tödlich geladenen Stacheldrahtzäunen fließt der Black Warrior River.

Doch Vipassana geht von der Prämisse aus, dass kein menschliches Wesen auf immer verloren ist. Dass in jedem etwas verborgen ist, das sich nach Hingabe, nach Lieben und Geliebtwerden sehnt. Nach drei Jahren kommt die Zusage, im Januar 2002 findet der erste Kurs statt, der erste dieser Art in einem amerikanischen Gefängnis. Auch aus der Einsicht heraus, dass das Maß an Gewalt und Hoffnungslosigkeit erreicht war.

Die Turnhalle wird zur Dhamma Hall unfunktioniert, jeder bringt seine eigene Matratze mit, Schlafkojen werden improvisiert, die Kissen in Reih und Glied platziert, drei »free-world-men«, drei Meditationslehrer, werden eingelassen, alle Zugänge verschlossen, keiner kann raus oder rein. Und die ersten zwanzig Freiwilligen nehmen an einem Experiment teil, das sie auf spektakuläre und unspektakuläre Weise zugleich verändern wird.

Das Buch veröffentlicht auch die Briefe der Dhamma-Brüder, jener Teilnehmer, die nach den zehn Tagen nicht aufgegeben haben und mit namenloser Selbstkontrolle in dem Chaos, dem Geschrei, den Wutausbrüchen, dem vollkommenen Mangel an Rückzugsmöglichkeiten – entweder in riesigen Schlafsälen oder winzigen Dreimann-Zellen – weitermeditierten, sogar noch zweimal die Gelegenheit bekamen, das zehntägige Experiment zu wiederholen.

Vipassana ist ein altes Paliwort und heißt »Einsicht«, heißt »auf seine Wirklichkeit schauen«. Es ist ein technischer Ausdruck, ohne jede Anspielung auf Gott, eine Gottheit, eine Ideologie. Schauen. So wie du bist. Auch nicht wegsehen von »Duk­kha«, dem Leid. Und sie schauten hin.

Kann ein Außenstehender je den Schmerz eines Menschen ahnen, der für seine Tat – als Mehrfachmörder oder Einbrecher mit Waffengewalt – »life without parole« bekam? Lebenslänglich ohne die Möglichkeit, je als Lebendiger wieder in die »freie Welt« zurückzukehren.

Was Letters from the Dhamma Brothers so bewegend macht, sind nicht die schriftlichen Nachrichten von sechsunddreißig erleuchteten Briefschreibern. Es sind die oft herzzerreißend innig beschriebenen Kämpfe jedes einzelnen, um in diesem Bunker aus Düsterkeit und geistiger Öde zu überleben. Eben als Mensch, nicht als zynismus-verhornter Zyklop. Und die Briefe erzählen vom Wandel, von der Fähigkeit, die Instinkte der Rachsucht und der Vergeltung zu deprogrammieren. Immerhin soweit, dass selbst den anderen die Veränderung auffällt. Und hinter dem Rambo der Mensch zum Vorschein kommt, der sich nicht mehr automatisch zu einer Gewaltreaktion provozieren lässt, nicht mehr reflexartig dem Provokateur die Kinnlade zermalmt. Eben ein Mann geworden ist, der begriffen hat, dass jeder Gegenschlag die Spirale der Vergeltung nur noch in elendere Höhen treibt. Somit einen Grundpfeiler des Buddhismus verstand: DU musst dich ändern, du bist verantwortlich. »The only way out is within«, schrieb einer. So wahr, so poetisch.

Fünfzehnte Leseprobe

(…) Die Kerzen in meiner Zelle knistern noch lange. Ich liege und bin wohltuend erschöpft. Hocken und nur immer nichts tun – geraden Rückens, das schon – kann gewaltig anstrengen. Während des Tagebuchschreibens fällt mir ein, dass Goenka die Praxis von Vipassana noch als Vorbereitung aufs rechte Sterben anpries. Weil man damit auch den Verlust des Einmaligsten – des eigenen Lebens – gelassener hinnehme. Das klingt logisch, triftig. Wie gern man es glauben will. Wie Beruhigungstabletten schlucken wir Sätze, die den endgültigen Abschied erleichtern sollen. (Monotheisten schlucken seit zweitausend Jahren die Paradies-Pille. Jeder braucht sein Placebo.)

Zufälligerweise habe ich eine Geschichte in petto, die nicht logisch klingt, dafür ergreifend echt: Der japanische Zen-Meister Shunryu Suzuki kam 1959 nach Amerika und gründete in Kalifornien das Zen Mountain Center, das erste buddhistische Kloster außerhalb Asiens. Der Roshi war entschieden, tapfer, beliebt, hoch verehrt. Sein Buch Zen-Geist / Anfänger-Geist wurde ein Bestseller.

Dann kam der Krebs. Der Roshi wurde noch tapferer, mit einem meisterlichen Zen-Lächeln sah er den Tod näherrücken. Nah bis ans Totenbett, so nah, dass sich der Kranke endlich inne wurde, was es bedeutete, die Welt, die Frau und alle anderen Freunde zu verlassen. Und er die Hand eines Schülers ergriff und leise sagte: »Ich will nicht sterben.« Ein halbes Jahrhundert hat er sich auf diesen Moment vorbereitet und bei der Premiere fällt er durch. Wie menschlich.

Sechzehnte Leseprobe

(….) Plötzlich ein Zwischenfall. Ein lauter Schluchzer durchbricht die Stille. Dann das eindeutige Geräusch eines Menschen, der weint. Nicht verhalten, sondern gebeutelt von Schmerz. Ich öffne umgehend die Augen und erkenne am Rücken, der sich heftig bewegt, um wen es sich handelt. Eine Inderin, eine ältere Frau, die mir schon durch ihre Haltung und Disziplin aufgefallen ist. Fast überrascht mich das Geräusch, so weit weg und unvorstellbar scheint es hier. Nichts geschieht, keiner sagt was, niemand rührt sich. Der Mensch ist ja nicht in Gefahr und eine Dhamma Hall ist kein Kinderhort.

(…) Plötzlich fällt mir ein Mann ein, der ebenfalls während einer Meditation weinte. Aber da wusste ich, warum. Es geschah in einem thailändischen »Aids-Kloster«, in dem ich mit anderen Ausländern als Freiwilliger arbeitete. Patienten massieren, Windel abnehmen, den Leib waschen, Windel anlegen, hinterher am Bett sitzen und dasein. Abends besuchte ich Suthani in seinem Ein-Zimmer-Bungalow, er war einer der buddhistischen Mönche, die hier lebten. Ebenfalls infiziert. Das HIV-Virus war bereits ausgebrochen, aber der 35-Jährige konnte noch für sich selbst sorgen, sah noch nicht wie die stelzendünnen Wracks im Hospiz aus. Er sprach gut Englisch, erzählte von den billigen Huren und seiner Nachlässigkeit mit Kondomen. Wir redeten und meditierten. Und irgendwann liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Es war der Augenblick, so berichtete er später, in dem ihm wieder mit aller Intensität bewusst wurde, dass er bald sterben würde. Natürlich heulte ich mit. Und natürlich konnte ich ihn nicht trösten, wirklich trösten, denn sein frühes Ende schien unvermeidlich. Aber ich durfte mich neben ihn setzen und die rechte Hand auf seinen Rücken legen. Es war wie ein Ritual, das uns erleichterte und gleichzeitig das Heulen verstärkte.

Siebzehnte Leseprobe

(…) Das fängt mich auch heute nicht ein. Ich bin kein Unerschöpflicher, bin auch am achten Tag nur Mensch, nur weißer Mann, nur einer, der nicht gut werden kann, nur besser. Wenn ich Glück habe und meine letzten Reserven mobilisiere. So wie ich »Gebrauchslyrik« lese, die ich im konkreten Leben gebrauchen kann, so will ich Reden hören, die mich nicht niederschmettern mit ihren Ansprüchen, sondern alltagstauglich machen.

Aber dann kommt ein Satz, der wieder nach Wirklichkeit klingt: »Manchmal ist es notwendig, entschieden zu handeln«, so Goenka, »denn man hat das Problem erklärt, beharrlich, höflich, mit einem Lächeln. Doch der andere reagiert nicht.« Und der Friedsame wächst über sich hinaus, fügt tatsächlich an: »So wird klar, dass der andere nur harte Worte, nur hartes Handeln versteht. Deshalb ist hartes verbales und physisches Vorgehen notwendig.« Natürlich geht es nicht in erster Linie um verbale und körperliche Gewalt, sondern um eindeutige Zurechtweisung, um eindeutige Maßnahmen. Und Goenka besteht darauf, dass man nicht aus Rache reagiert, nicht, um jemanden zu zerstören, sondern aus Gegenwehr, aus Notwehr.

Ich mag solche Aussagen, denn der »Du-bist-Liebe-Ich-bin-Liebe«-Gargel ist nicht auszuhalten. Dieser Wortschwall aus dem Operetten-Vokabular des Gutmenschen, der sich – konfliktfeig – weigert, einen Blick auf die Realität zu riskieren. Ich mag die Sanften, die bei Gelegenheit die Sanft-Mut abstreifen und Mut an den Tag legen. Gandhi berichtete von einer Szene, in der ein Junge die Straße entlangging und weinte. Ein Erwachsener kam vorbei und fragte, was passiert sei. Und der Kleine erzählte, dass er von einem Klassenkameraden eine Backpfeife bekommen habe. Worauf der Mann wissen wollte, ob er sich verteidigt habe. Als der Junge verneinte, verabreichte ihm der Fremde noch eine Ohrfeige. Das ist eine rüde Geschichte, aber sie hat was. Sie hat den vorzüglichen Hinweis, dass wir nicht als Schlachtvieh geboren wurden, sondern als empfindende Wesen, die empfinden, sprich, kontern sollen, wenn andere sich an uns vergreifen.

Am Schluss von Goenkas Diskurs darf wieder gelächelt werden. Aus Dankbarkeit für den poetischen Ausdruck. Denn er bittet uns, die letzten zwei Tage noch alles zu versuchen, um ein »master of the present« zu werden. Auf deutsch hört sich das noch schöner an: Ein Meister der Gegenwart. Eben kein »master of the universe«, sondern nur einer, der es geschafft hat zu leben. Weil er sich nicht fortlaufend, fort-laufend, in die Vergangenheit oder die Zukunft verkrümelt, sondern mitten im Leben bleibt, im Augenblick.

Achtzehnte Leseprobe

(…) Exempel: Kurz vor der Ankunft in dem Vipassana-Zentrum aß ich in einem Hotel zu Abend. Freundliche Atmosphäre, der Speisesaal ist gut besucht, Geschäftsleute, Familien. Handys läuten, aber die Angerufenen antworten zügig und diskret, kein Problem. Bis ein Telefon losgeht, dessen Besitzer sich als Klingelton den Sound von Stalinorgeln ausgesucht hat. In Stalingrad-Lautstärke. Jetzt wird es spannend, denn der Mann denkt gar nicht daran, das Gespräch anzunehmen, wie Stinger-Raketen jagen die Töne über uns hinweg. Kein anderes Geräusch ist mehr zu hören. Betroffene Gesichter, nervöse Blicke hin zu den Kellnern, nichts. Zehn Mal, elf Mal, zwölf Mal läutet es. Wieder nichts. Ich siede inzwischen, halte mich aber zurück, will wissen, wie das ausgeht. Irgendetwas muss passieren, denn hier handelt es sich um Körperverletzung.

Und es passiert. Eine kleine Inderin erhebt sich, streicht noch einmal über ihren Sari und geht auf das Eck zu, in dem ein offensichtlich Geisteskranker beschlossen hat, uns zu terrori­sieren. Und der Mensch sieht tatsächlich aus wie einer dieser unrasierten Kanaillen, die in Bollywood-Filmen den Zuhälter spielen. Ich liebe solche Aufregungen, denn jetzt sind die Verhältnisse nicht mehr umkehrbar, jetzt kommt ein Finale. Und die Kleine liefert es, schreitet festen Schritts durch die Reihen und stellt sich vor die Visage. Alle starren auf die beiden, während der Flugzeugträger im Handyformat weiterhin in den Raum feuert. Jetzt die siebzehnte Salve. Und jetzt stemmt die Sari-Frau ihre beiden Fäuste in die nackten Hüften und brüllt, brüllt wie eine Sopranistin, so scharf, so gläsern hell, so unüberhörbar: »Switch your fucking phone off!« Ungeheuerliche Worte aus dem Mund einer Inderin. (Hinterher habe ich mich vergewissert, um sicher zu sein, richtig verstanden zu haben. Ja, richtig.) Und der Große tut, was die Kleine ihm anschafft. Just like that. Mitten in die neunzehnte Granate platzt die Stille. Zwei, drei Atemzüge lang, dann tosender Applaus. What a woman, what a courage.

Missis Sharma, so der Name der Entschiedenen, war ganz Vipassana. Meisterlicher hätte man der Herausforderung nicht begegnen können. Gedanke, Wort, Aktion. Ohne die geringste Irritation hat sie den Auftrag erfüllt, den sie sich erteilt hatte. Kein spirituelles Murmeln, kein »All-you-need-is-love«-Gegreine, kein zahnloses Psychologisieren. Dreimal Nein. Einzig eine Tat konnte die Tatsachen ändern. Und sie handelte.

Neunzehnte Leseprobe

(…) Der zehnte Tag ist ein guter Tag, ein letzter. Ab 4.30 Uhr bin ich beflügelt. Gleichmut will mir nicht eine Sekunde gelingen. Dafür Freude in allen Herzkammern. Ja, Vorfreude auf jede Stunde bis Mitternacht. Denn Ideen trudeln, Einfälle, Pläne. Ich will bei jedem Atemzug anwesend sein. Aber mein Kopf wird streunen, so vieles stürmt auf ihn ein.

Als der kanadische Sänger und Poet Leonard Cohen seinen Aufenthalt in einem kalifornischen Zenkloster beendet hatte, schrieb er das Gedicht »Abschied von Mount Baldy«. Dort stand seine Hütte. Man liest es mit Genugtuung: »… Es dauerte, bis ich endlich begriff / wie unbegabt ich bin in spirituellen Dingen. (…) Nicht wenige / darunter Leute mit Praxis / fingen an, mich auszufragen / und schienen böse zu sein / Ich schätze / sie sehen nicht gern / wenn der alte Jikan eine raucht.«

Jikan, der Stille, war sein Mönchsname. Cohen hat drei weise Dinge notiert: dass sich seine Begabung für Spiritualität in Grenzen hält (trotz der Faszination, die Meditation auf ihn ausübt). Dass er keine Antworten auf letzte Fragen hat (obwohl andere das jetzt von ihm erwarten). Und dass er sich nicht zum närrischen Gesundheitsapostel gewandelt hat (sondern weiter an den Sünden der Welt teilhaben will). Wie erfrischend wahr und unprätentiös. Kein Erleuchtungs-Gehabe, kein über die »letzte Schau aller Dinge« schnöselnder Schüler, keine Heilsverkündung vor versammelter Fangemeinde. Just cool.

Es soll mir ergehen wie dem Alten. Aushalten, dass man nichts weiß. Lieber staunen. Auch auf die Gefahr hin, dass man jeden Tag inniger staunt. Da einen täglich mehr Rätselhaftigkeiten überfordern. Aber Staunen klingt aufregender als Auswendiglernen höchstheiliger Ladenhüter. Vipassana soll wie ein Herzschrittmacher darüber wachen, dass ich nicht schwächle. Und mich tot sein lassen, wenn es soweit ist. Lieber nicht sein als doof sein.

Zwanzigste Leseprobe

(…) Die letzte Zellennacht. In Amerika habe ich zum ersten Mal den Ausdruck »disruptive experience« gehört. Die Frau, die ihn benutzte, erklärte, dass es sich um eine Erfahrung handle, die »stört«. Vor allem die Komfortzonen im Hirn. Da, wo das Gemütlichkeits-Gen liegt, die Trägheits-Drüse, die dafür sorgt, dass wir – bei gleichzeitiger Zunahme des Körpergewichts – geistig schwer abnehmen, sprich, immer schafsnasiger den obersten Schafsnasen zuwinken.

Vipassana ist so eine »disruptive« Erfahrung. Sie verstört, erinnert jeden daran, dass er zu keiner Ja-blökenden Herde gehören will. Man könnte diese Übung der Achtsamkeit als Impfbombe im Kampf gegen die Infantilisierungs-Epidemien einsetzen, denen wir ausgesetzt sind. (Während ich diese Zeilen schreibe, Monate später, lese ich als Aufmacher auf der Startseite von Yahoo, meinem Email-Provider: »Promi-Gaudi auf der Wiesn«. Das ist die phänomenalste Nachricht aus der großen weiten Welt an diesem 23. September 2009, um 7.23 Uhr. Sie ist verräterisch. Dauergrinsende, mit bayerischen Maßkrügen schunkelnde Celebrities sollen uns in Atem halten. Schon verblüffend, für wie stupide, für wie genügsam wir inzwischen gehalten werden.)

Ich sitze auf der Holzpritsche, mache Notizen, lese, verbleibe hagentreu in der Gegenwart. Nur einmal strauchle ich. Kurz vor Mitternacht denke ich an den nächsten Tag und an den Hotelbalkon, auf dem ich einen Zigarillo rauchen und schier blöd vor Freude auf jenen Knopf drücken werde, der einen guten Geist veranlasst, den besten Kaffee Varanasis zu bringen. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges definierte das Glück einmal als ein lässiges Leuchten in den Augen. Es hülfe auch jedem anderen beim Glücklichsein, der gerade vorbeikommt. Und dauerte es nur diesen einen Blick lang. Jenes Glück, das nur mit immer mehr Protz über die Runden kommt, dieses armselige, das nie genug haben kann, das meinte er nicht.

Einundzwanzigste Leseprobe

(….) Wieder zu Hause sammelte ich sogleich meine fünf Buddha-Statuen ein und verschenkte sie. Schmerzloser hatte noch nie eine Hinrichtung stattgefunden. Der Mann musste weg, musste fort. So dankbar ich ihm auch war, so hilfreich er in mein Leben eingegriffen hatte! Über Jahrzehnte. Mit Gedanken, mit Ideen, mit Vorschlägen zur Menschenfreundlichkeit, Achtsamkeit, Gottlosigkeit und – das Wichtigste sicher – seinen Aufrufen zur geistigen Unabhängigkeit. Jetzt hatte ich dank Buddha genug vom Buddhismus. Buddhist sein klingt in meinen Ohren heute so absurd wie Moslem sein oder Christ. Als ob eine, nur eine Lehre ausreichen würde, um mit der aberwitzigen Vielfalt des Lebens, der Welt, der Weltgeheimnisse fertig zu werden. Ich will wieder zu jenen zurückkehren, die ich schon immer für ausgesprochen attraktiv hielt: zu den Fassungslosen, den haltlos Überwältigten.

(…) Aber, zum letzten Mal: bearbeiten kann man es, mit mehr Wärme und Herzensgüte ausstatten. Wie umgekehrt kein Versuch schadet, die Luft im aufgeblasenen Ego etwas abzulassen. Auch das ist möglich, meist. Mit Vipassana, zum Beispiel. Dieses Juwel werde ich behalten. Wobei mich nie die Erinnerung an den Mann verlassen wird, dem ich dieses kleine Wunder, ja Wunder der Technik, verdanke.

Vor vielen Jahren hörte ich in Indien zum ersten Mal den Satz: »Triffst du Buddha auf der Straße, dann töte ihn!« Es dauerte eine Weile, bis ich jemanden fand, der ihn mir erklären konnte: Buddha soll dir Hebamme sein, Guru und Mentor. Um das in dir schlummernde Potential zu wecken, es zur Welt zu bringen. Aber wenn es geweckt ist, dann musst du dich verabschieden, ihn von dir weisen, ihn »töten«. Selbstverständlich nicht durch einen mörderischen Akt (wie auch?), sondern mit der symbolischen Geste eines definitiven Abschieds. Jetzt muss, jetzt will der Schüler ohne Krücken leben, ohne Hilfestellung, ohne »Eltern«. In seinem letzten Diskurs hätte es Goenka unausweichlicher nicht formulieren können: »Der spirituelle Lehrer ist nur Wegweiser. Du musst dein eigener Meister werden.«

Als ich Mitte der achtziger Jahre in New York in Behandlung war, erzählte mir mein Psychiater, dass er kein anderes Ziel habe, als seine Patienten loszuwerden. Das sei die schönste Auszeichnung für ihn als Therapeuten. Sie sollten ihn verlassen, sobald sie fähig sind, ohne ihn, ohne »shrink«, ohne Ersatzvater, ihr Leben zu meistern. Wenn sie bereit sind, »erwachsen« zu sein. Erwachsene, sagte er noch, sind all jene, die aufgehört haben, nach Sündenböcken zu suchen, und bereit sind, Verantwortung für das zu übernehmen, was sie tun. Ich schenkte ihm den uralten Satz aus Indien. Wir sahen beide, wie modern er klang. (…)


Erstveröffentlichung 2010

Triffst Du Buddha, töte ihn!

Dumont Verlag

Kurzbeschreibung

Andreas Altmann ist das Gegenteil eines Esoterikers: aufgeklärt, kritisch, meinungsfreudig. Aber auch ein rastloser Reiseschriftsteller braucht Momente der Ruhe, um sich zu sammeln. So kam Altmann nach Indien. Was er suchte: Einkehr und Klarheit. Was er fand: Ein Trainingscamp des inneren Friedens.
Von Neu-Delhi fährt er nach Varanasi, erkundet die wichtigsten Stätten des Buddhismus – und landet durch Zufall im Meditationszentrum von S.N. Goenka. Seit vierzig Jahren unterrichtet der Guru Buddhas wichtigste Meditationslehre. Jede Form der Ablenkung ist untersagt. Und die Regeln sind streng: Alle mitgebrachten Gegenstände werden eingesammelt, kein Radio, keine Drogen, kein Sex, kein Strom, keine Gespräche. Altmann befolgt alles, nur eines nicht: das Verbot des Schreibens.
Und ganz am Ende bewahrheitet sich die Weisheit, dass Buddha lehrt, Buddha zu überwinden. Andreas Altmann hat eine klarsichtige, persönliche und mutige Reportage geschrieben, die auch den Hiergebliebenen die Augen öffnet.

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