Verdammtes Land

Eine Reise durch Palästina

Verdammtes Land - Eine Reise durch Palästina

Verdammtes Land

1. Leseprobe:

Wer ein Buch über diese Weltgegend schreibt, wird scheitern. Israel und Palästina, das ist ein Brandherd, der nicht aufhört zu lodern. Seit über sechzig Jahren entzündet er die Gemüter. Und keine Vision weit und breit, um die zwei Völker zu versöhnen. Unfassbar viele Vernagelte, auf beiden Seiten, versperren den Weg. Unfassbar viele Bücher wurden inzwischen darüber geschrieben. Und keines schien mitreißend genug, sie alle zur Einsicht zu verführen. Ich riskiere es trotzdem: noch ein Buch abzuliefern. Weil mich inzwischen jede Illusion – die Antwort zu finden – verlassen hat. Und weil ich nichts als Geschichten erzählen will. Von den einen, die andere quälen und erniedrigen. Und den anderen, die gequält und erniedrigt werden. Und die Geschichten von Heldinnen und Helden, die es herzzerreißend zäh und tapfer mit ihrer Wirklichkeit aufnehmen. Von Frauen und Männern eben, von denen jeder – all wir anderen – etwas erfahren könnten: über Würde, über Stolz, über schiere Tapferkeit. Und über die Sehnsucht, ein passables Leben zu führen. Klar, vom Irrsinn und der Lächerlichkeit wird auch die Rede sein. Denn das muss man dem winzigen Erdteil lassen: Storys hat er zu bieten, an jedem Eck, zu jeder Stunde.

2. Leseprobe:

Mit zwölf habe ich „Exodus“ gesehen, einen Film mit Paul Newman und Eva Marie Saint: Jüdische Überlebende brechen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Schiff Exodus 47 nach Palästina auf. Eine wahre Geschichte. Aber die Briten – noch immer ist das Gebiet ihr Mandat – verweigern den Hunderten das Anlegen. Und schicken sie zurück nach – Deutschland (!). Ich erinnere mich an meine Tränen und meine völlige Ignoranz. Der geschichtlichen Situation gegenüber. Es war wohl das erste Mal, dass ich bewusst das Wort „Israel“ hörte. Aber mir gefiel dieser tapfere, unbedingte Wille, seinen Schindern zu entkommen. Nicht aus Schuldgefühl empfand ich mich den Betroffenen so nah, eher: Weil ich schon immer zu jenen hielt, die frei sein wollen, ganz frei. Pathetisch absurd verglich ich ihr Schicksal mit dem meinen: dem Vater, dem Schinder, entfliehen.

Noch heute habe ich die Musik des Films auf meinem iShuffle. In jenem Kinosaal begann meine Verbundenheit mit Israel. Die wuchs. Nicht zu reden von den später gesehenen Dokumentarberichten, sagen wir, aus Bergen-Belsen, in denen Bulldozer KZ-Skelette in Massengräber schoben. Die Nähe blieb, nahm noch zu, als ich zu lesen anfing, ja, notorischer Kettenleser wurde. Und dabei entdeckte, dass die deutsche Literatur zu einem großen Teil von jüdischen Schriftstellern verfasst worden war. Wissen und Geist fand ich schon immer verführerisch.

Aber jetzt bin ich für die Freiheit der Palästinenser. Sie soll ihnen gehören, wie allen anderen auch. Nein, ich bin nicht rührselig, aber Freisein ist das schönste Sein in einem Menschenleben. „Hurriya“ heißt das Wort auf Arabisch. Es klingt schwungvoll und poetisch. Wie wohl in jeder Sprache.

3. Leseprobe:

Durch die Kasbah flanieren. Entlang der engen Nebengassen, ganz still, mittagsschläfchenstill. Ein paar Meter über mir tropft die aufgehängte, sich sanft wiegende Wäsche. Und dahinter nur Blau, nur Himmel. In solchen Momenten träume ich davon, hier, im dritten oder vierten Stock, eine Wohnung zu mieten, nur einen Raum, nur einen Tisch, nur einen Stuhl. Und im Eck der Futon. Und ich schreibe. Das ist mein Lieblingsglück. Weil ihm nichts fehlt. Weil es mich vollkommen erlöst von anderen Wünschen. Nicht für immer, aber für Stunden überkommt mich, so allein, so unauffindbar, die schönste Einsamkeit der Welt.

4. Leseprobe:

Von Nazareth bis zum Checkpoint Jalameh sind es nur zwanzig Minuten. Er ist so unübersehbar wie viele andere Kontrollstellen, an denen Palästinenser von den Besatzern kontrolliert werden: „Grenzposten“ entlang der „green line“, die 1967 festgelegt wurde. Etwa 300 dieser finsteren Orte gibt es, am Rande Palästinas oder mittendrin: Wachtürme, hohe Mauern, Stacheldraht, Sandsäcke mit Schießscharten.

Wir haben Glück, in unserem kleinen Bus sitzen sechs Araber mit einem israelischen Ausweis und ein Ausländer mit Pass. Wir werden grußlos gecheckt, dann desinteressiert durchgewunken. Wer Palästina betritt, wird weniger schnell als „Terrorist“ verdächtigt als jener, der es verlässt und nach Israel will.

Ich komme, direkt hinter der Wagenscheibe sitzend, ganz nah und langsam am Gesicht eines blutjungen Soldaten vorbei. Was er wohl fühlt? Den Fremden, den Palästinensern, gegenüber. Hass? Gleichgültigkeit? Resignation?

Bald werden Antworten in meinem Tagebuch stehen, die verschiedener nicht sein könnten: von den einen, die verachten, und den anderen, die missmutig ihren dreijährigen Wehrdienst ableisten. Und den Dritten, der Minderheit, die sich weigern, ihr Herz und ihren Kopf stillzulegen. Jene doch, die verstanden haben, dass hier Unrecht geschieht. Ich werde nicht aufhören, sie zu bewundern. Wie ich jeden bestaune, der sich dem Drill der Mehrheit widersetzt.

5. Leseprobe:

Mit einem Sammeltaxi nach Nablus. Eine Stunde lang muss ich mich um nichts kümmern, brauche nur da zu sein und zu schauen. Vorne lenkt einer und hinten sitzt einer, der jetzt durch wuchtige Landschaften fahren darf, nein, gefahren wird. Auf die Frage nach seinem Beruf antwortete einst Albert Londres, der Urvater aller französischen Reporter: „Je suis un voyeur“, ich bin ein Sehender. Das muss ein Traumberuf sein: die Welt ansehen. So fassungslos einen der Blick bisweilen zurücklässt. Aber der Reisende muss nicht in Akten wühlen, nicht die Stinklaunen seiner Arbeitgeber erdulden, nicht sich dabei ertappen, wie seine Lebenszeit bei einer Tätigkeit zuschanden kommt, von der er nie geträumt hat. Er schaut – und begreift sein Glück.

Bald steigt eine junge Frau zu. Wir kommen ins Gespräch. Julia D. hat einen amerikanischen Vater, eine Mutter von den Philippinen und ein schönes eurasisches Gesicht. Seit einem Jahr arbeitet sie in Nablus für eine NGO, die sich darauf spezialisiert hat, hiesigen Bauern bei der Bewässerung ihrer Felder – Wassermangel ist ein Riesenproblem – zu helfen. Damit sie ökonomischer mit den vorhandenen Ressourcen umgehen. Ja, sie hat sich in das Land verliebt. Sie weiß nicht genau, warum. Denn nichts ist leicht hier. Man muss aufpassen und darf keine Fehler machen. Seit der Zweiten Intifada sind die Leute noch misstrauischer. Gerade bei attraktiven westlichen Frauen, die hier leben und als Agenten Israels verdächtigt werden. Weil sie – so erzählt die studierte Agronomin – auf Palästinenser angesetzt werden: um sie zu verführen und die Verführung heimlich zu filmen. Als Mittel der Erpressung: Entweder arbeitet der Verlockte als Informant für den Shin Beth oder das Material wird der Familie, inklusive Ehefrau, zugespielt. So gibt es Verräter aus Geldgier und Verräter aus schierer Not.

Julia hat sich arrangiert. Ihr holländischer Freund darf sie nur besuchen, weil sie dem Wohnungsbesitzer versichert hat, dass sie verlobt sind. Wird sie von lästigen Männern – die gibt es weltweit – angesprochen, reagiert sie mit totaler Ignoranz. Die hat sie trainiert: null Reaktion, auch keine aggressive. Wie eine Zen-Meisterin geht sie ihren Weg.

Die 28-Jährige klärt mich auf (und senkt die Stimme): Sie hat palästinensische Freundinnen, unverheiratet, die mit ihren Freunden nur anal schlafen. Um sich ihrem Ehemann, eines Tages, als „Jungfrau“ präsentieren zu können. Der Druck der Tradition, der Religion, liegt wie eine Grabplatte auf der Gesellschaft. Sie verführt, so Julia, zur 24-Stunden-Bigotterie.

Die Frau ist eine Goldgrube, sie kennt sich aus. Während sie erzählt, deutet sie auf die jüdischen Siedlungen und die israelischen Militärbasen, die links und rechts liegen. Mitten in Palästina. Sie weiß alle Namen, auch die der Checkpoints, an denen Palästinenser kontrolliert werden und Fremde darüber entscheiden, ob sie weiter durch ihr Land fahren dürfen oder nicht.

6. Leseprobe:

Am Ende des Tages – da mag einer das jüdische Volk hassen, da mag einer (wie ich) voller Bewunderung sein für seinen Beitrag zum geistigen Reichtum der Welt, da mag einer Araber als Kameljockeys verachten und jedem von ihnen „dirty Arab“ hinterherrufen, da mag einer (wie ich) die arabische Poesie lieben, die Musik, die Sprache der berühmten Reisenden, da mag einer jeden begangenen Fehler in diesem Konflikt verzeihen oder jedem seine Untaten auf ewig vorrechnen – nun, am Ende des Tages bleibt stets nur eine Wahrheit: Hier stiehlt ein Staat, Israel, einem Volk, den Palästinensern, sein Land. Getrieben von Gier und/oder religiösem Fanatismus und/oder politischer Unbelehrbarkeit. Das ist jammerschade und unheimlich schwer zu verstehen, wenn man bedenkt, was viele Bewohner Israels an Erbarmungslosigkeit hinter sich haben. Mein Lieblingswort im Jiddischen war immer: „a mensch“, einer mit noblen Zügen, einer mit Würde und Ehrhaftigkeit, einer, der weiß, was richtig, was menschlich ist. Die mentschlekhkeyt war mein zweitliebstes Wort, sie macht einen zum Mensch.

7. Leseprobe:

Die schönen arabischen Frauen, von Kopf bis Fuß. Wenn sie denn den Mut haben, sich als Frau zu kleiden. Nablus gilt ja als „überkommen“. Soll sagen, dass viele Bewohnerinnen dieses „moderne“ Selbstvertrauen nicht haben. Sie schmoren noch in den Kleidervorschriften des 7. Jahrhunderts: Sie tragen den Hijab (arabisch für „Vorhang“), um das Haar und Teile des Gesichts zu verbergen. Nicht wenige sind sogar mit dem Niqab unterwegs, der Gespenster-Burka, aus der nur noch die Augen schauen – wenn sie Glück haben. Da mir Religion grundsätzlich sinister vorkommt, ganz gleich, ob einer als (christlicher) „Stellvertreter Gottes“ wie ein Clown mit Krone und Wanderstab auftritt, jemand als (jüdische) Sargtruhe mit Schläfenlocken oder eine als (muslimische) Krautscheuche, die – schwarz eingemottet von oben bis unten – bei 35 Grad daherkommt, als zöge sie zum Nordpol um: Mein Verstand meckert und will wissen, warum. Warum der Aufzug, die Lächerlichkeit? Da ich vollkommen unfähig bin, an eine göttliche Kittelordnung zu glauben – sei sie vom Herrgott oder den Herren Jehova oder Allah –, würde ich gern mit einer dieser Frauen reden. Nein, das reichte nicht, wir müssten vorher ausmachen, dass wir offen miteinander sprechen, sie also bereit wäre, das auszusagen, was sie tatsächlich fühlt und eben nicht den Seich nachplappert, mit dem ihr der Ehemann oder der „große Bruder“ oder der lokale Mufti jahrzehntelang das Hirn verklebt haben: „Der weibliche Körper muss vor den geilen Blicken des Mannes geschützt werden!“ Was würde sie sagen? Dass sie inzwischen ein frohgemuter Bimbo geworden ist, der sich widerstandslos diese Zwangsjacke zumuten lässt? Oder würde sie losheulen über die tägliche Vergewaltigung zu einem Kleidungsstück, das unter Umständen eine Elefantenherde in die Flucht schlagen könnte? Ich kenne keine fünf Frauen auf allen fünf Kontinenten, die sich nicht attraktiv fühlen, sich und die Welt nicht via Farben und Eleganz verschönern wollen. ( …) So sollte sich herumsprechen, auch unter den klugen, tapferen Palästinenserinnen: Der Aufstand muss von den Frauen kommen, sie müssen aufschreien. Denn die Geschichte lehrt, dass niemand freiwillig seine Macht preisgibt. Man muss sie den Machthabern entreißen. Nur so ändern sich die Verhältnisse.

8. Leseprobe:

Durch die Stadt, die neue, die alte, wieder in den Souk. Überall die Heerscharen junger Männer, die nicht wissen, wohin mit ihrer Vehemenz, wohin mit den vielen Muskeln, dem strahlenden Körper, den tausend Träumen und Kopfgeburten. Tagsüber, nachtsüber. Und so sitzen sie als Verkäufer vor einem Schuhhaufen und warten. Bis eine barmherzige Seele ein Paar kauft. Oder sie stehen in einem Laden, so breit wie eine Hundehütte, mit Fünf-Euro-Armbanduhren an den Wänden, bis zur Decke. Und ihr einziges Tun besteht darin, ein Made-in-China-Blech auszupacken und herzuzeigen. Und es wieder einzupacken, weil der Konkurrent im Nachbarladen es noch billiger verschleudert. In den Sekunden, in denen ich an ihnen vorbeigehe, versuche ich zu fühlen wie sie, sie „wahrzunehmen“. Ich bin dann sie und sehe mich jeden Tag hierherkommen, den Verschlag aufsperren und meinen Platz einnehmen, den Hundehüttenplatz, und weiß jeden Tag, dass mein Leben keinen Ausweg finden wird. Weder als Mensch mit einem Beruf, der eine Ahnung von Sinn vermittelt, noch als Palästinenser in meinem Land, das mir nicht gehört. Denke ich diesen Gedanken schmerzhaft lange genug, lande ich bei mir als Selbstmordattentäter. Lieber alles in die Luft sprengen, als mir zuzuschauen, wie ich Stunde für Stunde betrogen werde. Lieber mich in Stücke reißen, als Tag um Tag zu verwittern und aushalten zu müssen: dass ich kein zweites Mal auf die Welt komme und dass es eine nächste Chance nicht gibt. Nur die eine. In der ich nutzlos verkomme.

9. Leseprobe:

Aref schenkt mir zuletzt noch eine wunderliche Anekdote: Sein Vater flieht 1948 von Jaffa nach Jerusalem. Er wird entdeckt, sein bellender Hund sofort erschossen. Als jüdische Freischärler auf ihn anlegen, spricht er sie auf Deutsch an. Weil er die beiden in dieser Sprache hatte reden hören. Und sie verschonen ihn. Weil sie dachten, so mutmaßte Arefs Vater, dass jemand, der Deutsch spricht, gebildet sein muss und folglich kein dämlicher Araber sein kann. So hat eine fremde Sprache dem Vater das Leben gerettet. Als Aref diese Geschichte zum ersten Mal hörte, verliebte er sich in die deutsche Sprache, ihr verdankte er schließlich zwei Leben: das des Vaters und das eigene. Denn bald las er Max und Moritz und Vaters Lieblingsbuch, Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. Muss ich es noch hinschreiben? Natürlich ist Aref ein Freigeist, frei von religiöser Indoktrination. Er bemühe sich, sagt er, „Humanist“ zu sein. Der Konjunktiv verrät noch eine Eigenschaft: Bescheidenheit.

10. Leseprobe:

Der Dorfladen hat offen, ein Übertragungswagen von der Palestine Public Broadcasting Commission ist bereits eingetroffen. Wir reden. Die drei TV-Leute wollen wissen, wie ich zu Israel stehe. An ihrem Ton – ich kenne ihn bereits aus Gesprächen mit anderen – ist zu erkennen, dass sie Hohn und Hass von mir erwarten. Und jedes Mal höre ich mich sagen: „Nein, ich hasse Israel nicht.“ Und jedes Mal fühle ich Bestürzung über ein Land, das ich einmal so radikal bewundert habe. Und ich frage mich, ob diese Bewunderung genuin war, echt, oder nur gespeist wurde von dem Gefühl der Schuld über den Holocaust. Denn Zuneigung, die sich von Ressentiments nährt, ist keine Zuneigung, eher das Vorführen von Zuneigung: Ich bin lieb zu dir, weil ich dich einmal vernichten wollte! Zugleich stehe ich mit meinem „Liebsein“ moralisch einwandfrei da: „Schaut nur, ihr Juden, ich mag euch!“, Subtext, vollkommen unbewusst: Ich mag euch, aber nicht, weil ich euch mag, sondern weil ich dazu – siehe Nazibarbarei – verpflichtet bin! Doch so funktioniert menschliche Wärme nicht. Die Wärme muss „unschuldig“ sein, erst dann führt sie zu Nähe.

Doch, meine Zuneigung zu Israel war nicht gespeist vom deutschen Mord und Totschlag. War nicht als „Wiedergutmachung“ gedacht. Sie galt vor allem einem Volk, das mir ungemein klug und feinsinnig, ungemein versessen nach Erkenntnis schien, ja, das sich nie schonte mit Selbstkritik. Heute muss ich um dieses Gefühl kämpfen. Israel unterlässt keinen Versuch, seine Freunde in die Flucht zu schlagen.

11. Leseprobe:

Mir fällt – weiß der Teufel warum – Hanns Joachim Friedrichs ein, der bis zu seinem Tod 1995 Moderator der „Tagesthemen“ war. Er hat den vielleicht dümmsten Satz über das Schreiben gesagt: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Ungeheuerlich dumm. Nein, ich, Reporter, will dazugehören, will eine Meinung haben, will mich reiben, will das Risiko eingehen, dass ich mich täusche, ja, ich will zur Rechenschaft gezogen werden für meine Parteinahme, nein, ich will mich nicht altklug und hasenfüßig hinter der „Objektivität“ verschanzen. Ich will zeigen, wo ich stehe, meinen Freunden, meinen Feinden.

Das tatsächliche Problem: jene nicht zu hassen, deren Gegner man ist. Hass macht blöd. Damit kommt die Welt nicht vom Fleck. Jeder verirrt sich, bisweilen in schreckliche Irrtümer. Und jeder soll die Chance bekommen, seine Missgriffe zu erkennen. Solange das nicht passiert, werde ich mir die Wut, das wütende Dagegenmaulen, nicht nehmen lassen. Solange wird sie kochen.

Du musst ein Kind weinen hören über den Tod seiner Geschwister. Du musst einen Krüppel Widerstand leisten sehen, weil er es nicht erträgt, dass sein Land verschwindet. Du musst eine Familie erleben, die vor einem Steinhaufen schluchzt, der vor zwei Stunden noch ihr Haus war und gerade von einem Besatzer-Bulldozer niedergewalzt wurde. Du musst neben einer Frau stehen, die sich mit einem Schmerzensschrei über ihren Bruder beugt, dem die Beine weggerissen wurden. Du musst einen Mann dabei beobachten, wie er auf seinen Olivenhain zugeht, der in der Nacht zuvor von religiösen Zeloten niedergebrannt wurde. Du musst Nähe herstellen, um die Wirklichkeit als das zu begreifen, was sie oft ist: unerträglich, unmenschlich, unsäglich wirklich. Und du wirst dich „gemein“ machen. Tust du das nicht, bist du tot. Herztot. Du weißt es nur nicht.

12. Leseprobe:

Auf dem Weg zurück ins Hotel fällt mir auf, dass beide Wörter, „Jude“ und „Araber“, in der deutschen Sprache aggressiv klingen. Harsch, gänzlich unpoetisch. Keine Rede von warm und geschwungen. Woran liegt das? Ein phonetischer Unfall? Oder daran, dass wir die zwei Worte nie gütig und schwungvoll aussprechen?

Wie lustig: Beim Verlassen des Cafés hat mich ein Mann angesprochen. Er hatte mich „Le Monde“ lesen sehen, eine Ausgabe, die ich aus Ramallah mitgebracht hatte. Sobald er wusste, dass ich in Paris lebe, intonierte er, die Augen dramatisch zur Decke verdreht: „Ah, ah, les femmes françaises!“ Sehnsüchtiger kann ein Ausrufesatz nicht klingen. So begeistert und voller Bewunderung sprach er ihn aus. Obwohl er noch nie diese Französinnen gesehen hat, geschweige denn ihnen vertraut nah war, nur immer von ihnen phantasiert hat. Es gibt wohl kein Land, dessen Duft so verführerisch in die Welt weht wie Frankreich. Und genau das meine ich mit „Jude“ und „Araber“: Habe ich je einen gehört, der diese zwei Wörter hochgestimmt und enthusiastisch anderen mitteilte? Wenn sie ihm nicht verächtlich über die Lippen kamen, dann bestenfalls seriös, voller schwerwiegender Nebengedanken. Doch nie federleicht, nie überschwänglich, nie so leichtsinnig und enthusiastisch wie Herrn Sabris Lobgesänge auf die Schönheit ferner Frauen in einem fernen Land.

13. Leseprobe:

Am nächsten Tag treffe ich Issa Amro, einen jungen Palästinenser, der „Youth Against Settlements“ gründete. Der 30-Jährige wohnt in „H2“, sein Haus steht an einem Hügel, zwanzig Meter hinter ihm liegen die Häuser der Siedler, im Schutze eines Wachpostens. Knapp hundert Meter weiter unten befindet sich Al Shuhada alias „King David Street“. Es gibt harmlosere Adressen.

Issa ist kräftig, redegewandt, herzlich. Er zeigt mir die letzten Taten seiner friedlosen Nachbarn, führt mich durch das Erdgeschoss und den ersten Stock: Vor drei Nächten kamen ein paar Siedler und haben das im Freien stehende Sofa angezündet, die Wasserpumpe demoliert, die israelische Flagge gehisst, Pflanzen aus den Töpfen gerissen und, als Abschiedsgruß, „Mavet La Araveem“, Tod den Arabern, an die Tür geschmiert.

Warum hat der Soldat in der winzigen Baracke nicht eingegriffen?, frage ich. Darauf hat Issa drei Antworten: Entweder hat er geschlafen oder hat Angst vor den Randalierern oder sympathisiert mit ihnen. Dann tut er so, als würde er schlafen.

Vor ein paar Wochen versuchten die Eifernden, einen „Outpost“ zu errichten, nur ein paar Schritte von Issas Veranda entfernt. Ein Outpost ist ein viel geprobtes und oft bewährtes Mittel der Extremisten, um vollendete Tatsachen zu schaffen: Sie kommen mit einem Campingwagen oder schlagen ein Zelt auf und requirieren den Flecken ab sofort als „jüdischen Grund und Boden“. Hunderte solcher Außenposten gibt es bereits. Auch wenn die israelische Regierung den (inoffiziellen) Landraub missbilligt, schreitet sie selten ein. Es kommt noch törichter: Die Siedler stürmten vor Kurzem eine Wasserquelle und erklärten sie zu „Abraham’s well“. Das ist durchaus erheiternd und lehrreich, denn es zeigt, dass es in modernen Zeiten so zugeht wie vor Tausenden von Jahren: Jemand will etwas, das ihm nicht gehört, also erfindet er eine Geschichte, die sein Tun rechtfertigt. Siehe die Bibel, in der alle einschlägigen Räubereien als „Wort Gottes“ durchgehen.

Issa hat einiges hinter sich. Er war tage- und wochenweise im Gefängnis, die verbeulte Nase stammt von einer Siedlerfaust, er hat Tränengas und Stinkwasser geschluckt, immer wieder Prügel bezogen. Aber er lässt sich zu keiner heimtückischen Reaktion verführen. Seine NGO ist radikal gewaltlos. Denn das habe er, sagt er, aus den beiden Intifadas gelernt: dass man mit Gewalt, sprich, Gegengewalt, nicht weiterkommt.

Mit Issa treffe ich den ersten Palästinenser, der optimistisch ist. Obwohl er gegen zwei Feinde antreten muss, gegen Israel und gegen die Welt. Die in jedem Araber nur den potenziellen Bombenwerfer sieht. So hat er mit seiner Organisation auch die „Human Rights‘ Press“ gegründet. Sie wollen aufklären, zuallererst darüber: dass sie kein Interesse daran haben, Israel zu vernichten, und dass sie selbst nicht vernichtet werden wollen. Niemand sponsert sie, sie gehören keiner Partei an, sie beten keine Ideologie an, sie haben nur die eine Sehnsucht im Kopf: ihr Land zurückzubekommen.

Das ist das schöne Aufregende in Palästina: Nach der Theorie kommt stets die Praxis. Wir haben keine zwanzig Minuten geredet und die konkrete Wirklichkeit meldet sich zurück: Issas Mobiltelefon läutet, Yehuda Shaul ruft an. Er ist der Gründer der vielleicht bekanntesten israelischen Bürgerrechtsbewegung, „Shovrim Shtika“, international unter dem Namen Breaking the silence berühmt geworden: Ehemalige Soldaten des Tsahal brechen das Schweigen und informieren die Öffentlichkeit – die heimische, die palästinensische, die der Staatengemeinschaft – über die Freveltaten der Armee und der Siedler. Yehuda bittet Issa, den Hügel herunterzukommen, er hätte die gewünschte Lieferung. Und wir steigen hinunter und da steht der Israeli, ein Lächeln im dicken Vollbart, und überreicht dem Palästinenser einen schweren Plastiksack voller Kameras und elektronischem Material. Die Videokameras sollen auf dem Dach von Issas Haus montiert werden. Wieder montiert, denn die bisherigen Geräte waren vor Wochen heruntergerissen worden. Sie sollen aufzeichnen, was passiert. Als Beweise für die Weltöffentlichkeit.

Noch absurder scheint der jetzt in Echtzeit allwaltende Aberwitz: Als wir die Last nach oben tragen, kommt uns ein Siedler mit der geschulterten M16 entgegen. Und fotografiert uns. Die Geste hat nur einen Grund, eben einzuschüchtern, Subtext: Wir wissen, wer du bist, und wir wissen, wo wir dich finden können! Da Issa die Rituale des hiesigen Schwachsinns beherrscht, zieht er seine eigene kleine Handkamera aus der Hosentasche und fotografiert den Fotografen. Aber da Irrsinn und Gewalt hier so nahe nebeneinanderliegen und jedes noch so harmlose Tun in einen tödlichen Fehler münden kann – schon öfters wurden Araber „aus Versehen“ erschossen –, eilt ein Soldat herbei. Um schwerbewaffnet dem Schwerbewaffneten gegen Issa, dem Mann in T-Shirt und Sandalen, beizustehen. Issa grinst, wir ziehen weiter. Eine Hanswurstiade von Jehovas Gnaden.

Aber der Unfrieden macht keine Pause. Kaum erreichen wir unser Ziel, hat sich dahinter, vielleicht noch zehn Meter entfernt, eine Gruppe von Siedlern zusammengerottet. Mit genügend Munition, um halb Hebron umzulegen. Soldaten sind auch zu sehen, alle blicken Richtung Issa und einer schreit: „Haut ab, verschwindet, ihr habt hier nichts verloren!“ Er spielt auf die etwa dreißig Leute an, die während unserer Abwesenheit auf der Veranda Platz genommen haben. Und wieder bleibt Issa, der Unerschütterliche, cool, sagt nur, dass er sich vollkommen unbewaffnet in seinem Haus befände und dass seine Freunde ihn besuchten.

Die Taktik der Kolonisten ist einfach: Issas Besitz steht auf ihrer Liste und sie wollen ihm so lange drohen, bis er einknickt und davonzieht. Was nicht geschehen wird, denn Issa sieht aus wie ein Kämpfer. Nur als Leiche würde er seine Heimat verraten. Sagt er, eher vergnügt.

Und nun passiert das Wunderschöne. Murrend ziehen die „Auserwählten“ wieder ab, wohl auch von den Soldaten in Schach gehalten. Und Issa und die Jungen – Frauen und Männer – reden. Einige sind (europäische) Ausländer, die meisten aber Israelis, vorwiegend Schüler und Studenten. Auch eine Gruppe von Breaking the silence ist anwesend, auch Refuseniks, Wehrdienstverweigerer, die sich weigern, das Land ihrer Nachbarn zu besetzen. Und Issa erklärt ihnen, was sein Verein unternimmt, erklärt die geistigen Wurzeln, die Absichten, die Wünsche, die Taten: unter anderem der Welt zu erzählen, dass hier keine dolchschwingenden Kamelhirten leben, sondern Bürger, die ein einigermaßen würdiges Leben führen wollen.

Das ist ein magischer Moment. Mitten in diesem Hassloch Hebron treffen sich die „Gegner“. Und sitzen zusammen, reden, kichern, melden sich zu Wort, sind neugierig aufeinander. Junge Juden – noch nicht verdunkelt von den Hetzreden der Kolonisten und den Terror-Angst-Szenarien der Regierung, noch nicht fett geworden in den uralten Feindbildern, den uralt-gelogenen Wahrheiten – wollen wissen, was ihre Nachbarn denken und fühlen. Und jeden Tag kommen andere und jeden Tag sind wir mehr. Sagt Issa, der Antreiber.

14. Leseprobe:

Beim Frühstück im Hotel sitzen fünf Erwachsene und zwanzig Kinder an einem langen Tisch. Alle „handicapped“, wie ich von den Betreuern erfahre. Und wie man sehen kann. Ich werde sogleich eingeladen, bei den „Special Olympics Palestine“ teilzunehmen. Als Zuschauer. Aber ja, mit Dankbarkeit sage ich zu. Und nach einer halben Stunde ziehen wir gemeinsam ins nahe schmucke Stadion von Hebron. Tadelloser Rasen, bunte Tribünen. Andere Kids sind bereits eingetroffen. Fast zweihundert. Alles wunderbar unkompliziert. Drei Kinder küssen mich auf beide Wangen, zwei versuchen, an mir hochzuklettern, eines spielt mit meinen Ohren. Jeder kennt dieses Phänomen bei „geistig Behinderten“ (lassen wir es für heute bei diesem Ausdruck): diese radikale Sucht nach Intimität, nach Vertrautheit. Nicht dass ich sein will wie sie, aber ein bisschen Angstlosigkeit – Stichwort fraglose Nähe – könnte nicht schaden. Sportlehrer Fausi dirigiert hier das Chaos. Das Verhalten der Kinder hat wohl auf ihn abgefärbt. Er nimmt meine rechte Hand und führt sie an sein Herz. An die Narbe. Dahinter steckt noch immer ein Projektil, Erinnerung an seine Zeit als Aufständischer während der ersten Intifada. Am Feldrand stehen zwei Sanitäter, die Ambulanz wartet vor dem großen Tor. Für alles ist gesorgt.

Auf zum „Butschi“, so verstehe ich das Wort nach mehrmaligem Nachfragen. Ach ja, Boccia: Knapp zwanzig Kinder sind angetreten. Jeder Spieler erhält vier Kugeln, eine nach der anderen. Es dauert eine Weile, bis sie begreifen, dass sie die vier großen so nah wie möglich an die kleine Kugel, fünf Meter weiter vorne, werfen sollen. Schafft das einer, messen die Kampfrichter die Entfernung. Bis alle durch sind. Und der mit dem geringsten Abstand kommt auf das Podest und wird „Butschi-Olympiasieger“. Von Palästina. Das ist so anrührend, dass ich froh bin, meine Sonnenbrille zu tragen.

Dann Kugelstoßen. Eine Spur archaisch, denn die Sorge geht um, dass die Teilnehmer in die falsche Richtung schleudern. Ist das Problem gelöst, wird eine Stunde später ein Kugelstoß-Goldmedaillengewinner gekürt.

Immer darf gelacht werden, weil die Kinder ja selbst damit nicht aufhören. Ich habe keine Ahnung, was für sie wichtiger ist: das Siegen oder einfach das Vergnügen, hier zu sein und spielen zu dürfen. Viele kommen aus verstaubten Nestern, für sie sind diese Stunden eine unglaubliche Ausnahme.

Der 100-Meter-Lauf gilt als Königsdisziplin, wie bei allen Olympiaden. Und geht hier so lustig vonstatten, dass mancher Läufer vor Lachen mittendrin abbricht und sich ins Gras legt: wie sie schon an den Start wackeln. Denn bei einigen ist das motorische System so durcheinander, dass eine Engelsgeduld investiert werden muss, um sie am zugewiesenen Startplatz zu halten. Aber irgendwann rennen sie los. Die einen gelenkig, die anderen ganz dick, die Jungs in Turnhosen und die Mädchen im dunklen Trainingsanzug mit Kopftuch, die einen elegant, die anderen wie verschreckte Pinguine mit den Armen wedelnd, die einen winken ihren Freunden zu, ein paar starren verzückt in den Himmel und einer – er ist der Publikumsliebling – reißt schon auf halber Strecke die Hände in Siegerpose nach oben. Und wird von allen überholt. Wie umwerfend erleichternd, dass sie hier keine Betroffenheitsspiele aufführen, sondern auf Biegen und Brechen darauf bestehen, sich einen schönen langen Tag zu amüsieren. ( … )

15. Leseprobe:

Ich finde einen Bericht über eine Freundesgruppe, die hier in einem Club Speed dating einführen will. Was natürlich zu gehörigem Widerstand führt. Die zuständigen Moralapostel fürchten den Untergang aller Sittlichkeit. Was mich auf eine brauchbare Idee bringt: Wir verzichten ab sofort auf alles Buckeln und Wimmern und Greinen und Niederwerfen und Wippen und Hintern-in-die-Luft-strecken und organisieren – vom Staat subventioniert – jede Woche einmal „Speed dating with humanism“. Und so liefe es ab: Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die nach spiritueller Nahrung suchen, treffen – so soll es beginnen – drei Minuten lang jemanden, der ihnen von den Wundersamkeiten eines humanistischen Weltbilds erzählt. Sogleich erführen sie das erste Gebot: „Vergiss den himmlischen Kokolores und verliebe dich in die Welt.“ Dann weiterrücken, dann den Hinweis hören, dass Humanisten noch nie in einen Krieg hetzten, auch in keinen heiligen, auch nie Waffen segneten, auch nie von „Ungläubigen“ redeten, auch nie Frauen und Töchter für weniger wertvoll hielten, auch nie Sklavenhandel trieben, auch nie eine Hölle und andere höllische Angstwörter erfanden, auch nie – et cetera, et cetera. Ja, ein Crashkurs in Diesseitigkeit würde stattfinden. Denn ich wüsste noch immer nichts „Geistigeres“, nichts Menschlicheres als die Ehrfurcht vor dem eigenen Leben. Und dem Leben aller anderen. Und die Liebe, die immer gefährdete, zu unserem Planeten.

16. Leseprobe:

Aber dann sind die drei schönen Stunden vorbei und es kracht. Ich eile zum Fenster und sehe, vier Stock tiefer, eine Menschenmenge. Direkt dem Hotel gegenüber. Gebrüll, Drohgebärden, die Blaulichter der Polizei. Ich springe in Hemd und Hose und eile hinunter. Aus Sicherheitsgründen hat das Hotel die Eingangstür verriegelt. Dann eben durch den Hinterausgang. Etwa zwanzig Leute sind am Gemenge beteiligt, der Rest schaut zu. Die Prügelei findet auf den Stufen statt, die zum Restaurant „Eiffel“ führen, über dem der berühmte Turm als Leuchtreklame strahlt. Bemerkenswerte Schlägerei: Sobald sich die Männer ineinander verkeilt haben, bewegen sie sich – wie zwei gegnerische Rugbymannschaften, wie ineinander verhakte Krebse – treppaufwärts Richtung Eingang. Der breit genug ist für alle. Und drinnen entwirren sie sich und hauen wieder aufeinander ein. Bis sie erneut zum Knäuel werden und jetzt, treppabwärts, wogen. Wo Polizisten und Freunde (beider Seiten) versuchen, die Raufbolde auseinanderzuzerren. Mit Muskelkraft und Geschrei. Aber ohne Waffeneinsatz. Und stets ohne Erfolg. Bis die Flut zurück ins Restaurant schwappt, wo einer die geniale Idee hat, so scheint es zuerst, die Rollläden zu schließen. Aber das beruhigt keinen, denn plötzlich biegen sich die Rollos, klares Zeichen, dass es in der Arena zu eng wird und sie wieder ins Freie wollen. Also gehen die Gitter hoch und die Woge kommt zurück. Noch mehr Schreie, noch mehr Hiebe, noch mehr Spaghetti-Western. Jetzt fliegen sogar Stühle, Tische und zwei Marmorplatten auf die Stufen und das Trottoir. Verstärkung rauscht an, für die Catcher und für die Polizei. Unheimliche Kräfte walten und unheimlich viele, auch Polizisten in Zivil, sind nun mit Schießgewehren und schwerer Munition unterwegs. Aber niemand fuchtelt damit, kein einziger Schuss fällt. Ein Rettungswagen parkt in der Nähe. Inzwischen ist die Straße blockiert, voller Bewunderung schauen die Autofahrer auf das Spektakel. Unbestritten, der Kampf hat etwas Ästhetisches. Das Hinundherfluten wild entschlossener Männerkörper, das sieht wie inszeniert aus, wie ein Ballett aus rauen Zeiten. ( … )

17. Leseprobe:

Zwei Stunden später sitze ich mit Aline, einer französischen Fotografin, in der Alliance française. Wir hatten uns vor Wochen kurz kennengelernt und vereinbart, dass sie mir von ihren Erfahrungen erzählt. Seit 2010 arbeitet sie hier als freelancer für internationale Magazine. Bis vor Kurzem lebte sie in einer Beziehung mit einem Palästinenser, der vier Jahre in einem israelischen Gefängnis verbracht hatte. Als Aufständischer während der Zweiten Intifada. Die beiden unterhielten eine komplizierte Affäre, die vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden musste. Sie, die 30-Jährige, war die erste erotische Begegnung für Melih (so soll er heißen). Ihre Nähe zu diesem Mann beziehungsweise seine Unfähigkeit, Nähe zuzulassen, habe ihr erstaunlich viel – so resümiert sie – über das Land beigebracht.

Der Mechaniker schien nicht fähig, Wärme herzustellen. Nicht körperlich, nicht seelisch. Der reine physische Akt fand statt, aber ohne Spiel und ohne Hingabe. Aline sagt, dass Melih ein Symbol für seine Generation sei: absolut verhärtet, absolut misstrauisch, absolut desillusioniert. Die Besatzung, die Demütigung, der Kampf, die Strafe: Er, Melih, trage alle Wunden und Narben seines Volks mit sich herum. Wie so viele andere. Die Okkupation wirke an beiden Fronten, an der äußeren, wo ein Land systematisch dekonstruiert wird, und an der inneren, der psychologischen: die Zerrüttung zwischenmenschlicher Beziehungen. Täglich habe ihr Melih eingeschärft, niemandem zu trauen, es gebe zu viele Verräter, die für den Shin Beth spitzelten, ja, in seiner eigenen Familie habe sich das Gift des permanenten Argwohns eingenistet. Ja, obwohl sich nie ein konkreter Verdacht bestätigte.

Aline ist eine attraktive Frau, doch man sieht die Anspannung in ihrem Gesicht. Sie erzählt, dass ihre lange schwelende Magersucht wieder ausgebrochen ist. Sie muss sich zwingen zu essen. Noch ist sie schlank, nicht skelettdünn. Aber schon treten an ihren Armen die Venen hervor. Auch das Ende ihrer Geschichte mit Melih zehrt an ihr. Und sie hasst Israel für all das, was sie gesehen und fotografiert hat. Und dafür, dass die Liebe zu diesem Mann nicht durchgehalten hat. Auch daran habe Israel Schuld, Mitschuld. Und manchmal hasst sie diesen Palästinenser, der sie nicht lieben konnte. Und manchmal hasst sie Palästina, das sie noch immer liebt: Ja, es sei sehr seltsam mit diesem Land. Es ist arm und heiß, oft karstig und unnahbar, oft dreckig und laut, oft unzuverlässig und ohne Zukunft. Und geschlagen mit einer Religion, die so vieles verhindert. Aber, Aline spricht jetzt wie zu sich selbst: Da ist etwas, was den Fremden nicht loslässt. Wie eine Droge, wie eine unwiderstehliche Sehnsucht erfüllt sie jeden, der einmal hier war. Nein, sie will nicht weg, ja, sie will bleiben.

18. Leseprobe:

Ich will zum Claire Anastas‘, die Pension ist ein absolutes Phänomen. Lag sie vor ein paar Jahren noch an der Hauptstraße, die von Jerusalem nach Bethlehem führte, liegt sie jetzt in einem toten Winkel: eingesargt an drei Seiten von Mauern, 9,20 Meter hoch, getoppt von einem elektrisch geladenen Zaun mit Kameras. Auch diese Stadt wurde von der israelischen Armee mit Millionen Zentnern Beton beschenkt. Und von den israelischen Siedlern mit einem Ring schmucker Kolonien. Als ich aus dem Taxi steige, lese ich als ersten Graffito: „We lost below zero.“

Claire, die Chefin, ist eine patente Frau, katholisch, sichtlich dankbar, dass wieder jemand hier übernachten will. Da alle Zimmer frei sind, bekomme ich das größte. Mit der Aussicht auf unendlich viel graue Welt. Wir reden, Claire hat Zeit. Denn ihre beiden Souvenirshops im Erdgeschoss besucht auch kein Kunde mehr. Hatte sie früher eine erste Adresse, so verkommt ihr Haus heute im dunklen Eck.

Ihr Sohn Andrea (sic) steht neben ihr, ein Teenie, verschmust hängt er an seiner Mutter. Er ist dicklich und geistig leicht gestört. Claire erzählt, dass israelische Soldaten während der Zweiten Intifada mehrere Räume des Hotels besetzten, um zielgenauer auf „Terroristen“ schießen zu können. („Terroristen“ sind stets jene Palästinenser, die für ihr Palästina kämpfen. Jene, die es ihnen stehlen, sind die moralisch Höherstehenden, sprich, die Guten, eben keine Terroristen.) Der jahrelange Showdown, die vielen Kugeln, die rein- und rausflogen, haben das Kind im Kopf verwirrt.

Wir sitzen in einem ihrer Läden und ein Verwandter kommt, der Friseur. Das hilft beiden. Ein Salonbesuch wäre zu teuer und Latif hat kein Geld, um sich selbstständig zu machen. Claire holt einen Klappstuhl und der ambulante Figaro schneidet mit eleganten Bewegungen die Mähne dieser aparten Frau. Was für eine schwungvolle Tätigkeit, wie menschlich, wie warm: Ein paar Schritte neben einer Mauer, die vehement das vollkommene Desinteresse am anderen symbolisiert, onduliert und föhnt ein Mann eine Frau. Sie will schön sein und er will das auch. Das ist gewiss ein Zeichen von Widerstand: sich nicht gehen lassen, sich trotzig und schick der Welt zeigen.

Claire hat Zeit zum Erzählen, denn Latif scheint sich jede Haarspitze einzeln vorzunehmen. Und wie so viele im „heiligen“ Land redet sie holy shit, wenn sie sich über das Überirdische auslässt. Wie eine Inquisitorin kämpft sie für ihren Herrgott, weiß gleich ein paar Geschichten, in denen Patronen und Granaten haarscharf an Christenmenschen vorbeizogen. Ohne einzuschlagen, denn „Jesus was in charge“. Nur „gläubig“ müsse der Mensch sein. Als ich – ich Tropf – einwende, dass viele, viele Christen fleißig gebetet und fleißig an den Gottessohn geglaubt haben, aber trotzdem in einen Kugelhagel gerieten und anschließend tot umfielen, da ist Claire so frei, darauf zu verweisen, dass diese Leute nicht genug gebetet und/oder eben gesündigt, sprich, „einen Schlitz weit ihr Herz dem Teufel geöffnet hatten“. Und der ließ die Kugeln auf sie prasseln. Ja, Claires Exegese der „Heiligen Schrift“ wird noch phantastischer: Es könne durchaus sein, dass beim Kugelhageltod nicht Luzifer seine Finger im Spiel hatte, sondern Herr Jesus plötzlich seine Meinung geändert hatte und den Gläubigen lieber per Kopfschuss zu sich ins Paradies holte. Wo er besser aufgehoben sei.

Dürfte ich, wie ich wollte, ich würde schreien, schreien, schreien. „Dummheit“, heißt es so trefflich, „ist die einzige Krankheit, unter der nicht der Kranke leidet, sondern die anderen.“

Absurdes Leben. Ich höre das Rauschen des Föhns, das Klingeln von Latifs Telefon, das Klingeln von Claires Telefon, sehe das Kind, das in die Luft starrt, höre die Märchen vom allzeit gerüsteten Jesus, der rastlos die Christenheit (und nur sie) rettet, stehe im Holy Star Gift Shop, dem Laden voll tausend Ladenhüter, darunter die „Krippe mit dem Loch“ – in die Rückwand gestanzt –, „damit Jesus jederzeit kommen kann“, und lasse den Blick hinaus auf die Mauer gleiten, auf der zu lesen ist, wovon sie träumen:
Menu of freedom
Starter: Hope
Main dish: Joy
Dessert: Love

19. Leseprobe:

Ich gehe zurück zum Manger Square, will wieder Tatsachen sehen und mich erholen von der infantilen Utopie. Ich brauche wieder Leben und Männer und Frauen und nichts als Realität. Der Himmel ist mir unnahbar fern und die Welt so nah. Und sie schenkt mir sogleich eine Szene, die allen Zynismus vertreibt: Auf dem Platz steht ein Bus. Er scheint abfahrbereit, Leute sitzen drin. Ein Behinderter nähert sich im Rollstuhl, der Beifahrer steigt aus und schiebt ihn vor die Eingangstür, greift unter die Achseln des Gelähmten, hievt ihn hoch, befördert ihn mit einer blitzschnellen Bewegung auf seine rechte Schulter und trägt ihn in den Bus. Dann kommt er zurück und wiederholt die Hilfestellung. Denn sechs weitere Behinderte wollen mit. Ganz cool macht der Mann das, ohne Gehabe, ohne Ergriffenheit. Die Szene hat Wucht. Ein Mensch ist einem anderen vollkommen ausgeliefert, aber der Bärenstarke lässt das den Schwachen nicht spüren. Er benutzt seine Muskeln, um ihm zu helfen. Das sieht gut aus. Ich kann mich nicht sattsehen und warte, bis alle verfrachtet sind. Wie ich höre, leiden die meisten der (palästinensischen) Passagiere an einer Querschnittslähmung. Für ein paar Tage besuchen sie ihr Land.

20. Leseprobe:

Am Abend sinkt der Glücksstern. Ich sitze auf der Terrasse von Claires einsamem Hotel, vier Meter von den neun Meter hohen Mauern entfernt, und will meine Gedanken sortieren – angeregt durch einen Bericht auf BBC: Vor Kurzem hat das Landgericht Köln die Beschneidung aus religiösen Gründen als Körperverletzung verurteilt. Und stellt den Brauch ab sofort unter Strafe. Eine mutige, ja, bravouröse Entscheidung. Die sowohl in Deutschland als auch hier in Israel seit Wochen heftig debattiert wird. Der erste Skandal ist natürlich, dass über ein Brauchtum aus der Steinzeit noch diskutiert werden muss. Aber so sind die Zeiten: Erbarmen für uns alle, wenn die Religiösen aufmucken und nach uns, den Herrgottlosen, ausholen.

Ich will ein bisschen persönlich werden. Ich wurde – ohne dass je einer mich fragte – als Katholik getauft. (Wie Milliarden vor mir, auch ungefragt.) Dieser mutwillige Akt war „lebensrettend“: Denn ich hatte ja das Licht der Welt als Todsünder erblickt und nur das „Sakrament der Taufe“ konnte mich davor bewahren – im Falle meines Todes –, umweglos in der Hölle zu landen. Denn die erste Bosheit, die ich als Neuling zu verstehen hatte, lautete: Du, Andreas, bist als lasterhafter Mensch auf die Welt gekommen! Folglich schüttete der Pfaffe Wasser über meine Fontanellen. Um mich zu retten. Wer diesen höllischen Schwachsinn einmal durchschaut hat, wird ab diesem Zeitpunkt hellhörig, wenn er aus obskuren Ecken die Wahrsager und Gottesmänner ihre letzten Weisheiten wispern (oder brüllen) hört.

Und so erfährt nun die Weltöffentlichkeit, dass ein Rabbi das Gerichtsurteil als „den größten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust“ betrachtet. Ein anderer erinnert daran, dass „die Beschneidung das Band zu Abraham, ja, Gott“ darstellt. Ein Dritter lässt uns wissen, dass das Abtrennen der Vorhaut „Symbol für die ewige Verpflichtung dem Allerhöchsten gegenüber“ sei. Bisweilen wünschte ich mir, ich wäre ohne Hirn unterwegs. Dann hätte ich weniger Kopfschmerzen, dann müsste ich nie Hirnlosigkeiten zur Kenntnis nehmen.

Warum muss wahr sein, was vor Tausenden von Jahren (angeblich) wahr war? Warum sind wir, die Vorhautbesitzer, noch immer nicht – hundertmillionenweise – an all den Schrecken verstorben, die uns von jenen vorhergesagt wurden, die des Allwissenden letzte medizinische Ratschläge kennen?

Immer wieder führen die Vorhautweg-Begeisterten die Überlieferung als Argument an. Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, mahnt gleich viertausend Jahre an, in denen munter und gottergeben am Babypenis herumlaboriert wurde. Denn was viertausend mal 365 Tage geschah, kann nicht falsch sein. Die Konvention als Gütesiegel der Wahrheit. Das klingt nach halsbrecherischer Beweisführung. So halsbrecherisch wie der gottesfürchtige Glaube unserer Vorfahren, dass die Erde eine Scheibe ist. Siehe „Altes Testament“. Und dass wir der Mittelpunkt des Universums sind (denn hierher kam der Messias!). Und dass ein Volk vom Herrgott, vom jüdischen, auserwählt wurde und dass ein anderer Herrgott, diesmal der katholische, die Menschheit mit dem „allein selig machenden Glauben“ beglückt hat. Und dass die Frau dem Mann untertan ist. Und dass „Neger keine Seele“ haben. Und dass Herr Mohammed über Nacht von Mekka nach Jerusalem geflogen ist (und anschließend senkrecht gen Himmel schoss). So um 621. Ad infinitum absurdum.

Schon erstaunlich: Es reicht nicht, dass einem Kind von der Stunde null an, noch bevor es sich eigenhändig den Hintern putzen kann, die Spielregeln des himmlischen Obskurantismus eingebimst werden, nein, man muss ihm auch noch physisch zusetzen und ihm ein Stück Körper abschneiden.

Religion war schon immer der Garant für eine glasklare Sicht auf die Wirklichkeit. Warum soll es jetzt beim Blick auf die Vorhaut anders sein? Der Hautfetzen eines Achttägigen – am achten Tag muss die Körperverletzung vollzogen werden – ist das unumstößliche Freundschaftspfand mit dem Weltenschöpfer. Ohne das will er kein Freund sein.

Federführend war wieder einmal der Unvermeidlichste tätig, Herr Abraham, der allen gemeinsame Urvater. Deshalb maulen auch die Muslime über das Gerichtsurteil. Laut muslimischer Wahrheit hat sich der Achtzigjährige – Friede sei mit ihm – selbst beschnitten. Mit der Axt. Denn gemäß dem biblischen Selfmademan gehörte das zur „göttlichen Menschwerdung“. Die Christen waren schlauer, vielleicht wehleidiger. Sie versprachen abtrünnigen „Irrgläubigen“, sprich Juden und „Mohammedanern“, die Befreiung von der Barbarei der Beschneidung. Falls sie überlaufen sollten. Neue Christenmenschen durften ab sofort vollständig vor den Allmächtigen treten.

Man könnte all das mit wieherndem Vergnügen zur Kenntnis nehmen. Wäre es nicht blutig ernst. Wie so oft, wenn Religion die Marschrichtung vorgibt. Vor ein paar Jahren war ich als Reporter Zeuge einer Beschneidung. In Kairo. Im feuchten Gruselkabinett von Doktor“ Abdul saß der fünfjährige Ehab auf einem Stuhl. Ein Muskelmann zog seine beiden Knie auseinander und ein zweiter packte die beiden Arme. Dann griff der joviale Quacksalber zur Schere – immerhin desinfizierte er vorher sein „Skalpell“ und den anvisierten Körperteil – und schnitt ab. Der Knirps war jetzt ein „Mann“ und ein „gottgefälliger Muslim“. Ehabs gellende Verzweiflung war Kronzeuge dieses, wörtlich, in den Himmel schreienden Irrsinns. Gut, in Deutschland wird anders operiert. Aber wer sich Youtube-Beiträge medizinisch moderner Eingriffe – je weniger Betäubung, desto gottergebener – an einem wehrlosen Wesen anzuschauen wagt, bekommt eine Ahnung von der grauenhaften Pein, die sich Äxte schwingende Propheten für ihre Nachkommen ausgedacht haben.*

Ich will noch persönlicher werden. Über achtzehn Jahre lang wurde ich von Erwachsenen an Leib und Seele misshandelt und gedemütigt. Von römisch-katholischen „Seelsorgern“, von anderen „Erziehungsberechtigten“, von meinem Vater. Bis ich davonlief. Mit all dem Dreck der Todsünde, des Körperhasses, des Selbsthasses im Kopf. Und davonlief mit dem Schwur im Herz, dass ich sofort zu den Waffen greife, wenn ich von Zeitgenossen höre, die glauben, dass Kinder auf die Welt gekommen sind, damit sie, die „Vormünder“ – ob nun von kranker Lust oder spirituellen Halluzinationen getrieben –, ihre Machtphantasien an ihnen, den Bevormundeten, ausleben können. Stopp! Hände weg vom Kinderkörper! Außer jenen, die ein Kind lieben und behüten. Einen Zehnjährigen zu prügeln ist so abartig, wie einen Säugling an seinem Glied zu verstümmeln.

Damit wir uns millimetergenau verstehen: Ist das Kind volljährig, dann soll es entscheiden, wie immer ihm zumute ist. Es, genauer: er, kann sich dann alles wegschneiden, as he likes it. Mit dem Cutter oder der Kettensäge oder mit Messer und Gabel. Er kann sich aber auch jeden Monat bei Vollmond das Haupthaar abbrennen. Oder einen lila gefärbten Stacheldraht durch beide Ohren ziehen. Irgendeinen Irren auf Erden wird der Erwachsene gewiss finden, der ihm von einem Himmelsfürsten deliriert, der derlei Taten mit Wohlgefallen zur Kenntnis nimmt. Aber bis es soweit ist, dem vollendeten 18. Lebensjahr, verschone man das Kind mit den Schrecken aus der Folterkammer religiöser Initiationsriten. Man predige ihm dafür, sieben Tage die Woche, die menschen(vor)hautschonenden Spielregeln des Humanismus.

Noch ein Nachwort: Der Brauch der Beschneidung ist heute in Israel ebenfalls schwer umstritten. Vor Tagen stand in der Presse ein mehrseitiger Artikel, in dem Israelis zu Wort kamen, die sich jeden Zugriff auf ihre private parts verbieten. Oder sich über die bereits vollbrachte Tat wütend beschweren. Das ist ein gutes Zeichen, es zeigt wieder einmal, dass Israel auch ein ganz „normales“ Land ist: Mit Dunkelbirnen und den Hellen im Kopf, jenen eben, die versuchen, den Finsteren heimzuleuchten.

Das wird ein strapaziöser Abend. In der letzten Ausgabe von Haaretz, die ich aus Ramallah mitgebracht habe, stehen zwei ungemein lehrreiche Berichte. Auf derselben Seite. In der ersten Nachricht kommen deutsche Betroffenheits-Politiker zu Wort, die natürlich sofort einknicken und versprechen, das Kölner Gerichtsurteil mit einem neuen Gesetz außer Kraft zu setzen. Es lebe die Unabhängigkeit der Justiz! Das jedoch ist nicht das Abstruse, das ist nur das Gerede von Leuten, die es noch nie ausgehalten haben, eine eigene Meinung zu vertreten.

Die tatsächliche Schmählichkeit steht etwa zwanzig Zentimeter davon entfernt: Nach jahrelangen Verhandlungen hat „Germany“ zugesagt, an 80 0000 Überlebende jüdischen Glaubens die Summe von etwas über 300 Millionen Euro zu zahlen. Für die Verbrechen der Wehrmacht, die beim Vormarsch nach Osten diese Menschen aus ihrer Heimat, der damaligen Sowjetunion, vertrieben hat. Das macht die erbärmliche misère einer einmaligen Zahlung von 2556 Euro. Plus eine „lebenslange“ Rente von 300 Euro. Pro Greis, pro Greisin. Das entspricht in etwa den Kosten für zwölf, dreizehn Autobahnkilometer: als „Kompensation“ fürs massenhafte Ruinieren von Menschenleben. Siebzig Jahre nach dem Frevel. Wenig überraschend, dass bei diesem Thema kein deutscher Politiker Einspruch erhob, vielleicht sogar tollkühn „Schande“ gerufen hätte.

Ich bin eher zurückhaltend beim öffentlichen Schämen über die Taten unserer Väter. Ich finde Leute mit diesem geflissentlichen Gehabe inszenierter Betretenheit eher pathetisch, bisweilen lächerlich. Doch nun, mutterseelenallein auf der Terrasse am Rande von Bethlehem und sicher beobachtet von einer Kamera, jetzt bin ich kleinlaut. Deutschland, mein Land, das vor Geld und Alleshaben stinkt, verteilt Almosen an jene, die einst alles verloren haben. So wenig will es hergeben, so spät, so schäbig zögerlich.

21. Leseprobe:

Ich spare mir eine detaillierte Beschreibung der Vorgänge, denn es wird ähnlich wie in Bil’in ablaufen. Allerdings ist hier die Konfrontation direkter, gefährlicher, denn keine neun Meter hohe Mauer trennt die feindlichen Lager. Als die Sechzig vorrücken, beginnen die Dreißig zu schießen: das Tränengas, die Gummigeschosse, die Höllenlärmbomben, das Stinkwasser. Unser Pulk stiebt auseinander, die meisten nach links, Richtung felsige Anhöhe. Und verteilen sich. Die jungen Männer holen ihre Steinschleudern heraus und legen an. Wie Flöhe, die sich mit einem Adler anlegen. Aber es geht um ein Symbol: dass der Widerstand nicht aufhört, dass Stolz und Würde nicht verhandelbar sind.

Von Janne, einem Norweger, erfahre ich, dass seit gewisser Zeit verstärkt Ausländer, die an Demonstrationen teilnehmen, verhaftet werden. Um sie abzuschieben. Ausländer stören, denn sie bezeugen. Nach der dritten Runde – dazwischen immer wieder Rückzug zur Tankstelle, um die vergasten Augen zu behandeln – gehe ich die zweihundert Meter auf die zweieinhalb Dutzend Soldaten zu, die sechs Jeeps und den Stinkwasserwerfer. Rasin, blutjung, begleitet mich. Unaufgefordert. Und zielt mit Steinen auf seine Feinde. Wahnsinnig beruhigend ist das nicht. Doch wenn ich jetzt umkehre, verliere ich mein Gesicht. Keine Ahnung, was mich reitet, aber ich will wissen, was passiert.

Auf den letzten hundert Metern dreht Rasin um. Ginge er weiter, würde er tatsächlich sein Leben riskieren. Ich nicht, denn bei einem Nicht-Palästinenser sind sie zögerlicher mit dem Töten. Die mediale Aufmerksamkeit würde schaden. Um das Risiko zu mindern, bin ich diesmal ohne jedes Gepäck unterwegs. Ich habe nichts an mir, um fünf Kilo Dynamit verstecken zu können. Zudem trage ich ein eng anliegendes Hemd, damit keiner auf die Idee kommt, ein Sprengstoffgürtel klebe an meinem Bauch. Per Megafon werde ich aufgefordert, die Hände nach oben zu strecken. Drei Soldaten – ausreichend bewaffnet, um tausend Büffel in Schach zu halten – kommen näher, einer raunzt: „Your passport!“ Da sich die Hände noch immer über meinem Kopf befinden, bedeutet er mir, dass ich sie wieder benutzen darf. Während ich ihm das Dokument reiche, fragt er: „Where you from?“ Jetzt erschrecke ich leicht und antworte: „From Germany.“ Und er wiederholt das Wort, auf Hebräisch, unüberhörbar süffisant: „Ah, germanja.“ Dann der wunderlich komische Satz: „I arrest you.“ Okay, jetzt bin ich dran, jetzt schleppen sie mich nach Tel Aviv und setzen mich in das nächste Flugzeug nach Europa.

Als wir die Wagenburg erreichen, werde ich an einen Polizisten, Modell Schwarzenegger jr., übergeben. Dicke Muskeln zucken entlang der nackten Oberarme. Bei solchen Einsätzen ist immer die Polizei dabei, denn nur sie darf offiziell Verhöre und Verhaftungen durchführen. Auch er fragt als erstes nach meiner Nationalität. Obwohl er sie bereits weiß. Sieben Soldaten bilden einen Kreis um uns. An ihren Blicken ist zu erkennen, dass sie nicht meine sieben besten Freunde sind. Ein Deutscher im Land der Feinde des israelischen Volkes, das klingt nicht gut. Der Muskelmann fragt barsch, warum ich mich hier aufhalte.

Ich bin hochkonzentriert, denn wie jeder Fremde habe ich die Bilder im Kopf, die vor ein paar Wochen um die Welt gingen: Oberstleutnant Shalom Eisner rammt den Gewehrkolben seiner M16 in das Gesicht von Andreas Las. Das Video ist eindeutig, nicht ein Hauch von Aggression von Seiten des zwanzigjährigen Dänen rechtfertigte diesen Akt exquisiter Gewalt. Deputy Commander Shalom („Friede“) verlor, unübersehbar, die Nerven. Wie so viele, so oft. Nur war diesmal eine Kamera dabei und die Beweise duldeten keine Ausrede und keine Schuldzuweisung an andere. Mir ist auch bewusst, dass ich in diesen Momenten allein bin und keiner später mit Filmmaterial meine Harmlosigkeit belegen könnte. Zudem ähneln alle acht Anwesenden gerade dem uniformierten Hitzkopf S. E. Ich will nichts dramatisieren, aber ich will vorsichtig sein. So antworte ich besonnen auf die Frage nach dem Grund meiner Anwesenheit: dass ich gehört habe, dass hier und heute eine Demonstration stattfände, und dass ich sie sehen wollte. Und der Barsche, noch barscher: „This is a military zone, it’s forbidden to be here.“ Um seinen Kasernenhofton zu entschärfen, berichte ich – wieder ohne die Stimme zu heben – von dem Checkpoint direkt vor Nabi Saleh, wo keiner der beiden Soldaten irgendein Verbot ausgesprochen hätte.

Rasend schnell schießen mir – während wir schweißgebadet diese Realgroteske aufführen und ich nun fotografiert werde – ein paar Gedanken durch das Hirn: Natürlich die Erinnerung an Mister Shaloms Gewehrkolben und die Nachricht, dass Friedensaktivist Las anschließend im Krankenhaus behandelt werden musste. Seltsamerweise taucht auch Silvana auf, die mir gestern von einem muslimischen Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert erzählt hatte, von al-Ghazali, der von den „Fesseln des Taqlid“ sprach, den (zufälligen) Fesseln der Sozialisation, damals gemeint: der religiösen Sozialisation. Al-Ghazali – unglaublich mutig für seine Zeit – ging davon aus, dass er mit dem genau gleichen Enthusiasmus, mit dem er Muslim geworden war, einem anderen Glauben hätte folgen können. Aber er wurde eben ein Verfechter des Islams, weil er in einer muslimischen Umgebung aufgewachsen war. Wäre er dreihundert Kilometer entfernt zur Welt gekommen, wäre er logischerweise Jude geworden. Oder Christ. Modern übersetzt: Glaube ist eine Frage der Geografie.

Und so sehe ich unverwandt in die Augen des Bodybuilders, der zufällig Jude wurde und deshalb für jüdische Wahrheiten hochrüstet. Um Krieg zu führen gegen die – jetzt so nahen – Steinewerfer, die einen Analphabeten namens Mohammed für den einzigen Wahrheitskünder halten. So bekriegen sich ewige Wahrheiten seit ewigen Zeiten. Gefesselt von Taqlid, vom phantastischen Hokuspokus, der ihnen vom dritten Atemzug an eingetrichtert wurde. Nicht anders als mir – dem Ex-Katho, noch zahnlos – das Gruselmärchen vom kreuzgeschlachteten Gottessohn eingeträufelt wurde. Der wegen mir, dem Sünder, geschlachtet wurde. Und ich später lernte, dass die Christenmenschen am erfolgreichsten – im Namen ihrer ewigen Wahrheit – die anderen Ewige-Wahrheiten-Besitzer dezimierten. ( … )

22. Leseprobe:

Ich gehe zurück zur Hauptstraße, ein Wagen nimmt mich mit. Bei der Abzweigung nach Yatta steige ich aus und gehe weiter. Ein Schild hängt da, der Text ist eindeutig: „The area below is a Palestinian area (Zone A) and not available for Israelis. To enter this area constitutes an offense.“ Eine Provokation an die Besatzungstruppen. Und ein Zeichen an alle, dass sich die Palästinenser nicht abfinden.

Nach zehn Minuten hält wieder jemand, ein Lieferwagen, Vater mit Sohn. Es kommt zu einer heiteren Szene: Jibril biegt rechts ab und – wir sind bereits in der Stadt – sieht, nur Schritte entfernt, eine Straßensperre. Hiesige Polizisten kontrollieren den Zustand der vorbeikommenden Autos. Da Jibrils Vehikel bedenklich scheppert, käme ein Check-up eher ungelegen. Also wendet er seelenruhig vor den sechs Uniformierten und fährt auf Umwegen ins Zentrum. Nicht, dass einer der Herren ihn aufhielte. Ach, bisweilen liebe ich diesen Schlendrian, denn die augenblicklichen Vorteile sind unübersehbar: Wir kommen vom Fleck. Zudem braucht Jibril, der garantiert keine Reserven für die Runderneuerung seines VW-Kombis hat, jetzt kein Schmiergeld abzudrücken. Damit der Geschmierte beide Augen zudrückt. Vater und Sohn lachen herzhaft. Phänomenal ansteckend.

Mit nassem Hintern steige ich aus, in diesem Land schwitzt jeder Körperteil. Mit großen Gesten und hundert Lügen bedanke ich mich für die Einladung zum Abendessen im Hause Jibrils. Die ich bedauerlicherweise nicht annehmen kann, da, so schwindle ich, schon verabredet. So furchtbar leid es mir tut. Denn ich weiß, sehr heimlich: Ab sofort will ich, nein, muss ich allein sein. Damit der Körper und der Kopf den Tag begreifen.

Ich finde eine Unterkunft aus dem vorletzten Jahrhundert mit einem blitzschnell funktionierenden WLAN-Zugang. Und spaziere durch Yatta, umtriebig und architektonisch gnadenlos öde. Bis ich an einem ganz und gar exotischen Kaffeehaus vorbeikomme. Eine Art Drive-in Coffee Shop: Neben dem Trottoir steht die mächtige Kaffeekanne, auf einem Tischchen, warm gehalten via elektrisches Kabel, das von der Kaffeekannen-Steckdose in den nächsten Laden führt. Investition, grob geschätzt: dreißig Euro. Rendite: 500 Prozent. Denn so viele, ob nun Fußgänger, Taxichauffeur oder Lastwagenfahrer, bleiben stehen oder bremsen und wollen umgehend den Ein-Schekel-Kaffee. Und ein Junge, sicher das Ladenbesitzerkind, schenkt aus, am laufenden Band. Und die einen tragen die Papptasse zurück in ihr Fahrzeug und düsen weiter und die anderen setzen sich auf die lose verteilten Stühle und genießen. 17.49 Uhr, happy hour in Palästina. Wieder mit einem Himmel, unter dem man die Arme ausbreiten will, so seidig und so tausendfach rot zieht er über uns auf. Der Ausdruck masel tov fällt mir ein. Zwei schöne Wörter aus dem wunderschönen Jiddisch, die „Glück wünschen“ bedeuten. Ein israelischer Bekannter hat vor ein paar Tagen damit eine Mail an mich unterschrieben. Jetzt ist es so weit: Glückswellen ziehen durch mein Herz.

23. Leseprobe:

Am frühen Morgen schreibe ich – noch im Zimmer – mein (digitales) Tagebuch. Bis jemand kurz vor neun an die Tür klopft. Der Rezeptionist, ich solle nach unten kommen, ein Anruf für mich. Es ist Eid, denn nur er weiß, wo ich bin. (Ich hatte ihm abends die Nummer gemailt.) Er ist außer sich: Israelische Soldaten rücken in diesem Augenblick in Um al-Kher ein, ich solle mich sofort auf den Weg machen. Da Eid bereits gestern von einer Ahnung sprach, von wegen Hausabriss, ja, meinte, dass ein Besuch der Besatzer überfällig sei, war ich seit dem Aufstehen in stand by: Ich verstaue den Computer und renne nach einem Taxi. Das erste, das hält, gehört Mahdi, er ist jung und in Rennfahrerlaune. Diesmal kenne ich den Weg, zwanzig Minuten später erreichen wir die Beduinensiedlung.

Die Machthaber und die Gerätschaften ihrer Macht haben bereits Stellung bezogen. Über zwei Dutzend Schwerbewaffnete, zwei Panzerwagen und ein Polizeijeep stehen bereit. Und ein Bulldozer. Die Stimmung ist längst geladen: die Schreie der Dorfbewohner, die Schreie der Soldaten, die Schreie der knapp zwanzig Ausländer, die, wie ich, überstürzt herbeigeeilt sind. Erst eine Stunde vorher, nicht eher, erfuhren die Hausbesitzer, dass ihr „illegales“ Heim, jetzt gleich, zerstört wird. (Grundsätzlich so: um keine Zeit zu lassen, Widerstand zu organisieren.) Und wie üblich fuchteln die Besatzer mit ihren Sturmgewehren. Um jeden vom Ort der Untat zu verscheuchen, sprich, um die Schneise für den Caterpillar-Panzer frei zu halten. Viele der Fremden filmen mit ihren Mobiltelefonen. Um die Schandtat festzuhalten. Aber die Hybris der Täter ist schon lange nicht mehr einzuschüchtern. Ob gefilmt oder nicht, ob hinterher auf Youtube oder nicht, sie werden jetzt etwas tun – wie bereits zwanzigtausend Mal zuvor in Palästina –, das böse ist, das unfassbaren Stress über die Opfer bringt und das wohl in vielen Anwesenden eine schier hemmungslose Verachtung entfacht, ja, gleichzeitig ein bodenloses, ja, bodenlos ohnmächtiges Gefühl von Mitgefühl: Man sieht die Familie neben ihrer erbärmlichen Steinhütte sitzen. Und schluchzen. Schluchzen neben dem erbärmlichen, vor Minuten herausgeräumten Hausrat. Man sieht die fassungslosen Männer und hört das Röhren des Bulldozers, der Kampfmaschine, die näherrollt, sieht die Soldaten mit ihrer Waffe im Anschlag und hört das Brüllen ihrer Befehle, hört die an ihren Ketten reißenden Hunde, hört das Heulen der Mütter, das hysterische Schreien der Umstehenden, sieht die Kinder ihre sprachlosen Gesichter bedecken.

Aber es gibt noch einen Aufschub. Weil ein kleines Wunder passiert. Weil a mensch auftritt, weil Eid, der neben mir steht, plötzlich wild gestikulierend auf Ezra zeigt, den Israeli, seinen besten Freund, der jählings aus einem unvermuteten Eck auf die Steinhütte losrennt und in ihr verschwindet. Das ist riskant, aber nicht lebensgefährlich, denn die Armee wird keinen Juden töten. Doch sein Verhalten wird ihm ein weiteres Mal den Titel eines „self-hating Jew“ einbringen. Zudem muss er mit Gefängnis rechnen. Eine Anstalt, die er bereits kennengelernt hat. Wegen ähnlicher Mutproben.

So hetzen die Soldaten hinterher und zerren Ezra nach draußen. Sie tun das auch deshalb, weil vor Jahren eine Amerikanerin (keine Jüdin) von einem Bulldozer überfahren wurde. In der gleichen Situation, in der sich jetzt Ezra befindet. Und Rachel Corrie als verstümmelte Leiche liegenblieb. Und ihr Tod wieder einmal miserable Publicity über die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ brachte.

Ezra versteht etwas von Wirkung. Er weiß, dass seine Aktion das Grauen der Szene verlängert, im richtigen Sinn verlängert. Denn das gerade stattfindende Verbrechen soll sich in den Köpfen der Anwesenden festsetzen, für lange Zeit. Soll natürlich auch zeigen, dass es Israelis gibt, die für Palästinenser kämpfen, die längst verstanden haben, dass hier ein in den Himmel schreiendes Unrecht inszeniert wird.

Der Stresspegel will nicht sinken. Weitere zwei Mal rennt Ezra zurück, zwingt die 500-PS-Maschine zu bremsen. Und mit immer wütenderen Griffen schleifen die Soldaten ihren Landsmann ins Freie. Bis sie ihm mit einem Kabelbinder die Hände fesseln und ihn in einen der Jeeps verfrachten. Aber noch auf dem Weg dorthin wehrt sich der 60-Jährige, schreit sie an, schreit ihnen ihre brachiale Rohheit ins Gesicht: nicht ihm, nein, den Einwohnern hier gegenüber.

Und dann ist der Weg endgültig frei, die fünf Tonnen Stahl müssen nur ein einziges Mal rammen und das Haus liegt in tausend Teile verstreut auf dem Boden. Und damit ganze Arbeit, ganze saubere Arbeit, getan wird, stößt der Fahrer noch einmal zurück und fährt mit neuem Schwung hinein. So dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Und die Soldaten bewachen und die Siedler stehen am Zaun und der fauchende Wind trägt das Weinen der Mütter in die Welt.

Viele Gedanken rasen mir durch den Kopf. Plötzlich erinnere ich mich an meine katholische Kindheit: Früh lernte ich, dass Erzkatholizismus gleich Erzantisemitismus bedeutete. Die Semiten waren ja laut unseren Religionslehrern die „Christusmörder“. In der gesamten Verwandtschaft hatten die „Juden“ – nie fiel ein anderes Wort – keinen Verbündeten. Stand in der Zeitung ein Artikel, in dem ein „Jude“ – als Banker, als Hausbesitzer, als Politiker, als was auch immer – irgendetwas Übles getan hatte, dann flogen die vielsagenden Blicke. Und der eine sagte: „Na klar, Jud‘ halt.“ Und ein anderer sagte: „Schau dir das Foto an, hast du die Nase gesehen?“ Auschwitz lag noch keine fünfzehn Jahre zurück, aber das spielte für meine Umgebung keine Rolle. Der Jude war das Urschwein, basta.

Und ich schaue auf die Verwüstung in Um al-Kher, so viele Jahre später, sehe die Verwüster und ihre hämischen, bösen Gesichter und höre – ausgerüstet mit einem hochsensiblen Seismografen – in mich hinein: Steigt „Judenhass“ in mir hoch? Sind wieder die „Hakennasigen“ am Werk und proben einmal mehr die Weltherrschaft? Hat es die Rastlos-Raffgierigen sogar hierher verschlagen, um nach den letzten Quadratmetern fremden Eigentums zu krallen?

Nein, diese Sorte Hass kommt nicht, tatsächlich nicht. Nein, ich sehe nur Menschen, nur rabiate Machthaber, die rabiat ihre Macht missbrauchen. Wie an anderen Orten der Welt auch, an denen ich zufällig anwesend war und Ausbeuter entdeckte, die ganz anders aussahen, mit Rechtfertigungen, die ganz anders klangen, mit Göttern, die einen ganz anderen Irrsinn predigten. Die Fratze der Gier und der Unmenschlichkeit konnte ich (kann man) an so vielen verschiedenen Schauplätzen beobachten. Meist an absolut „judenfreien“.

Jetzt, um 10.47 Uhr, weiß ich wieder, was ich schon lange wusste: dass es ohne jeden Belang ist, welcher Religion ein Mensch angehört, ob Christ oder Moslem oder Hindu oder vollkommen glaubenslos, ohne Belang, zu welcher „Rasse“ er zählt, ob der Mensch Jude ist oder Araber, dunkelschwarz oder hellweiß, ob einer seinen Unterhalt als Clown oder Reisbauer verdient, ob er im Nahen Osten oder in Hinterindien lebt, ob er an Gott glaubt oder einem anderen Aberglauben vertraut, ob er stinkt vor Geld oder stinkt von den Abfallhaufen, in denen er wühlen muss, ob jung oder alt, ob formschön oder verkrüppelt, ob Schöngeist oder einfaches Menschenkind: Es gibt Frauen und Männer, wie hier gerade, die schon taub geworden sind, schon vereist, schon erstickt in ihren hornhautverschweißten Herzkammern. Und es gibt die anderen, die haben sich dieses klare Herz bewahrt und spüren untrüglich, was gut ist und was nicht.

In meinen fliegenden Gedanken taucht auch der Name von Marek Halter auf. Ein französisch-jüdischer Schriftsteller, der die Frage von Gut und Böse in einem Interview auf wundersam bewegende Weise beantwortet hat: „Gut ist, was Menschen hilft zu leben, und schlecht ist, was sie daran hindert.“ Hier geht augenblicklich das Schlechte um. Denn die Machthaber, zufällig Juden, verachten die Machtlosen, zufällig Palästinenser. Und gönnen ihnen nichts, nicht einmal ein Wellblechdach auf schiefen Mauern. In deren eigenem Land.

Auch die Erinnerung an ein Lied der palästinensischen Hip-Hop-Band DAM blitzt auf, eine Gruppe, die international Erfolg hat. Der Song heißt „Min Irhabi?“ (Wer ist der Terrorist?). Eine Zeile weiß ich auswendig: „Ihr habt die arabische Seele vergewaltigt / nun ist sie schwanger und gebiert ein Kind namens Terroranschlag.“ Da stimmt noch jedes Wort, obwohl das Lied schon während der Zweiten Intifada herauskam. Ein paar Hundert sind gerade Zeuge einer Vergewaltigung.

Mein Kopf beamt nach New York, in die Subway. Dort gab es eine Plakatkampagne, in vielen Stationen konnte man lesen: „In any war between the civilized man and the savage support the civilized man. Support Israel.“ So ist das also: Die sieben Obdachlosen sind die Wilden und jene, die sie Minuten zuvor obdachlos machten, sind die Zivilisierten.

Die Gedanken wirbeln weiter, wohl weil ich wie alle anderen aufs äußerste erregt bin. Und Äußerste Unruhe kurbelt wie immer meine Synapsen an. Ein Satz aus dem Talmud fällt mir ein, da heißt es: „Wenn du ein einziges Leben rettest, dann ist es, als würdest du ein ganzes Universum retten.“ Himmel, was für ein esoterisches Gestöhne, was für ein erhabenes Raunen weltferner Binsenweisheiten. Nehmen wir den folgenden Satz, hier an diesem windigen Vormittag in Um al-Kher: „Wenn ihr, Krieger, ihr Soldaten, ihr Kolonisten und Bulldozer-Inhaber, wenn ihr den winzigen, schmutziggrauen Steinverhau verschont, dann rettet ihr ein paar armen Leuten ihr winziges, schmutziggraues Zuhause.“

24. Leseprobe:

Nach dem Frühstück (als Ausländer darf man ja essen) fahre ich in das Dorf von Nizar, des Mannes, der mir heute helfen wird, illegal über die Grenze nach Israel zu kommen. Ich will wissen, ob und wie es funktioniert. Will den Beweis antreten, dass es trotz der kolossalen Mauer noch immer möglich ist, unbemerkt das Nachbarland zu betreten. Will zuletzt das Argument der Regierung in Jerusalem ad absurdum führen, dass der Mauerbau notwendig sei, um das Eindringen von „Terroristen“ zu verhindern.

Um Nizars Sicherheit zu garantieren, werde ich weder seinen richtigen Namen nennen noch den seines Wohnorts. Noch die aller anderen Beteiligten. Um neun Uhr empfängt er mich vor seinem Haus, an dem schon die demolition order klebt. Hier wohnt er mit Frau und Kind. Wir gehen zum Flachbau nebenan, wo die Eltern leben. Sein Vater begrüßt mich heiter mit „marhaba“, mit Hallo. Tabit ist, so höre ich von seinem Sohn, manisch-depressiv, da er als Kind vom eigenen Vater oft, zu oft, brutal geschlagen wurde. Der heute 65-Jährige stellt eine Schachtel auf den Tisch und nimmt das Dutzend Tabletten heraus, das er täglich schlucken muss. Kommen die Tage, an denen der Seelenschmerz nicht auszuhalten ist, bringen sie ihn ins Krankenhaus. Für eine Runde Elektroschocks. Doch an diesem Morgen scheint es dem Rentner gut zu gehen, er bittet alle an den Frühstückstisch. (Trotz Ramadan, aber die Familie ist wenig religiös, zudem sieht uns hier kein Außenstehender.) Klar auch: Sie wollen mich auschecken, sie wollen wissen, ob man mir vertrauen kann oder ob mein Interesse nur simuliert ist. Um die gehörten Informationen an die falschen Stellen weiterzuleiten. Ich bitte Nizar, allen meine Website zu zeigen, zudem erzähle ich von meinen letzten Monaten in Palästina. Meine lustigen und die wenig lustigen Geschichten scheinen sie zu beruhigen.

Wir brechen auf, zu dritt: Freund Ramiz, der Fahrer, hat einen verbeulten VW-Käfer. Nizar, der keinen Gips mehr trägt, aber noch immer humpelt, sitzt vorne, ich hinten. Vierzig Minuten später halten wir an einer Tankstelle, die etwa – Luftlinie – dreihundert Meter von der Grenze entfernt liegt. Diskret bleiben wir im Wagen und warten auf „Verdächtige“, jene, die so aussehen, als kämen sie hierher: für den Sprung nach drüben. Und nach einer halben Stunde geht Nizar – er hat den erfahrenen Blick – auf einen jungen Mann zu, der ins Raster passt: leicht nervös, unruhiger Blick, rauchend. Sie reden kurz miteinander, dann steigen die zwei bei uns ein. Und der Neue stößt einen spitzen Schreckensschrei aus, als er mich hinten im Fond sitzen sieht. Und spricht wütend auf Nizar und Ramiz ein. Ein absurdes Missverständnis, denn Fahri (so soll er heißen) hält das Ganze für eine Falle und mich für einen Agenten des Shin Beth, der ihn festnehmen will. Das ist, neben dem Drama, bestechend komisch: Für die einen war ich schon mehrmals der Araberspitzel, jetzt gerade gehöre ich zur jüdischen Weltverschwörung. Doch irgendwann beruhigt sich der 23-Jährige, ich zeige ihm meinen Pass und Nazir besänftigt den Misstrauischen mit dem Hinweis, dass er mich kennt.

Fahri kommt seit zwei Jahren hierher, meint auch, Nizar schon einmal unter den Grenzgängern gesehen zu haben. (Grundsätzlich halten die Schwarzarbeiter Distanz, aus Furcht vor einem Informanten.) Meist bleibt er drei Monate in Israel. „Um zu arbeiten und zu schlafen.“ Ein working permit bekommt er nicht, da seine Familie (in Hebron) schon öfter als renitent – israelischen Behörden gegenüber – aufgefallen ist.

Wir fahren einen staubigen Weg hinunter, eine Minute später geht es nicht weiter. Wir stoppen hinter einem Felsbrocken und besprechen ein letztes Mal den Ablauf der nächsten Stunde. Dann brechen Fahri und ich auf, Nizar und Ramiz bleiben zurück. Der eine muss den Wagen bewachen, der andere ist körperlich noch nicht in der Lage, in Höchstgeschwindigkeit ein hügeliges Terrain zu bewältigen.

Wir beginnen den Aufstieg hinauf zum Wald. Schnell, zügig, leise, denn irgendwo entlang der ersten Bäume verläuft die Grenze. Ohne Zaun, ohne Mauer, nichts, nur die eine Gefahr: versteckte Soldaten. Aber der betonfreie Abschnitt ist unübersichtlich, schwer zu kontrollieren, das Dickicht erleichtert die Flucht. Werden wir entdeckt, so soll – die drei haben es mir mehrmals eingeflüstert – nur ein Reflex gelten: zurückrennen und rennen, rennen, rennen. Fahri flüchtete schon öfters wieder bergab. Um auf eine neue Möglichkeit zu warten, an manchen Tagen eine Nacht lang.

Wir reden kaum. Fahri, der Abiturient, der sich kein Studium leisten kann, hat ein sensibles Gesicht, mit spöttischen Lippen. Er besitzt kein Gepäck. Er trägt ein T-Shirt, eine Jeans, Turnschuhe, eine Uhr und die Sonnenbrille. In einer der Hosentaschen befindet sich die Zigarettenschachtel und in der linken Hand das Mobiltelefon: seine Ausrüstung für die kommenden hundert Tage. So viel materielle Keuschheit hat etwas Heroisches.

Irgendwann sehen wir die Hauptstraße, die weiter oben, am Ende des Waldes, vorbeizieht. Richtung Jerusalem. Wir kauern uns in eine Mulde. Um nicht von den patrouillierenden Jeeps der israelischen Armee entdeckt zu werden. Es führt sogar ein mannshoher Tunnel unterhalb der Straße auf die andere Seite. Dieser Durchgang wäre entschieden sicherer. Aber er verwildert, wächst zu, seit einer der Männer von einer Schlange gebissen wurde. In einiger Entfernung erkennen wir drei „Flüchtlinge“. Jetzt erfahre ich von Fahri, dass die Logistik durchaus komplizierter ist, als von Nizar damals in Bethlehem angedeutet: Sein Fahrer, der weiß, dass er, Fahri, heute nach Israel will, beschäftigt eine Handvoll Männer, die entlang der Zufahrtsstraßen unterwegs sind und entweder den harmlosen Fußgänger oder den harmlosen Wartenden an einer Bushaltestelle spielen. Dabei aber diskret nach etwaigen Militärfahrzeugen spähen. Und sobald der Schlepper in seinem Sammeltaxi per SMS von seinen Leuten erfährt, dass die Luft rein ist, er also bedenkenlos an verabredeter Stelle halten kann, ruft er Fahri an.

Und nach einer Viertelstunde Warten in dem Erdloch, um genau 13.01 Uhr, nur eine Minute nach der anvisierten Zeit, summt Fahris Mobiltelefon. Auf dem Display erscheint die längst bekannte Nummer. Dann geht alles rasend schnell: Fahri antwortet, hört die vertraute Stimme, drückt auf die rote Taste und sprintet los. Ich hinterher. Nochmals zweihundert Meter und ein letzter Blick vor dem Überqueren der Straße, ob auch keine anderen Fahrzeuge zu sehen sind: dann hinüberhetzen und in den mit laufendem Motor startbereiten, bereits besetzten Kombi springen. Fahri winkt noch einmal durchs Fenster, ich renne zurück in den Wald, renne, bis ich bei Nizar und Ramiz ankomme. Sichtliche Erleichterung, dass alles gut ging.

25. Leseprobe:

Wer Israels Politik verstehen will, seine furchtbaren Ängste, muss hier vorbeikommen, in Yad Vashem, der Gedenkstätte bei Jerusalem. Natürlich habe ich mich vorbereitet, aber das ist kein Ersatz: für das physische Vorhandensein an diesem Ort, an dem so unerbittlich an das Unerbittlichste erinnert wird.

Der letzte Text dazu, den ich vor Tagen gelesen habe, stammte aus Haaretz. Es ging um die Einweihung einer neuen Mauerinschrift, hier auf dem 180 000 Quadratmeter großen Terrain. Von Pius XII. war die Rede, dem Papst, der sich während des Zweiten Weltkriegs eher „verhalten“ – um es milde auszudrücken – zum Hitler-Terror an den Juden geäußert hatte. Dieses „moralische Versagen“, so steht es da, ist ein alter Hut, längst historisch gesichert. Aber ein Absatz lässt in Abgründe blicken, es heißt da: „Der Mangel an klarer Führung (vonseiten der Kirche) hinterließ bei vielen (Katholiken) den Eindruck, mit Nazi-Deutschland zusammenarbeiten zu können.“ Das ist ein unbedachter Satz, ein fürchterlicher, denn er besagt nichts anderes, als dass man es Männern und Frauen ausdrücklich vorher sagen muss, dass Juden vergasen – „please, do not gas Jews!“ – und jüdische Kinder abschlachten – „please, do not slaughter Jewish children“ – nicht okay ist. Sind die Erwartungen an unsere Mitmenschen schon so gering, dass ein Massenmord erst durch eine offizielle Ansage via Kanzel als mörderischer Frevel erkannt wird? Lese ich solche Sätze, dann zittere ich tatsächlich. ( … )

Dank eines kleinen Plans finde ich das Denkmal zur Erinnerung an die Deportierten: Ein polnischer Original-Transportwaggon für Tiere, der auf einer Brücke steht. Die ins Nichts führt, da die Gleise plötzlich aufhören. Statt Viechern wurden eben Juden transportiert. Nicht first class, doch mit zwei, drei Luftlöchern, ohne Nahrung, ohne Wasser, aber mit der Möglichkeit, überall zu defäkieren. Still ist es, der Himmel strahlt, eine Brise weht, die Pinien bewegen sich leicht. Wenn ein Besucher „Glück“ hat (wie ich gerade), dann kann er, ohne von Nebengeräuschen gestört zu werden, dastehen und hinschauen. Und warten, bis das Bild bei ihm ankommt. Bis er eine winzige Ahnung bekommt von dem, was er sieht. Oder akzeptiert, dass er nichts begreift. Das so Unbegreifliche.

Neben dem Platz des Warschauer Ghettos steht die Halle der Erinnerung. Mit einem Bronzekelch mittendrin, in dem eine Ewige Flamme flackert. Davor eine Steinplatte, unter der die Asche von KZ-Ermordeten begraben liegt. In den Boden sind die Namen der 22 größten Konzentrationslager eingraviert. Die Halle ist weitläufig, nicht sehr hoch, dämmrig. Es ist ruhig, nur eine Handvoll Leute, zwei unterhalten sich flüsternd. Dann kommt wieder so ein Moment, in dem ich an einen Tagebucheintrag von Max Frisch denken muss: „Wenn Ihnen im Ausland Schweizer begegnen, sind Sie dann gern Schweizer?“ Ich bin gerade nicht gern Deutscher, denn vier Landsleute betreten das Gebäude. Das würde überhaupt nicht stören. Auch nicht ihr Aufzug, die Hawaiihemden und die schrillen Shorts. Auch nicht ihre Stimmen. Aber ihre lauten Stimmen, die schon, aber ihr gut gelauntes Kichern, mit dem sie sich in Positur stellen, um sich – sexy vor jämmerlich Verreckten – gegenseitig abzulichten. ( … )

Es gibt viele Einrichtungen hier zu sehen, die einem das Fürchten und Verzagen beibringen, aber eine ist dabei, da nimmt man mit Erleichterung zur Kenntnis, dass es dort dunkel ist, dunkel genug, um sein Gesicht zu verbergen: das Denkmal für Kinder. Ein Mahnmal für die 1,5 Millionen, die während des Holocausts umkamen. Eintausendfünfhundert mal eintausend Kinder, vergast, erschlagen, zu Tode geschunden.

Man kommt in eine Art unterirdischen Tunnel, in dem sich drei Kerzen und viele Spiegel befinden: um das Licht unendlich oft als „Sternenhimmel“ zu reflektieren. Und jeder Stern symbolisiert ein Kind. Man geht durch die Finsternis – die rechte Hand findet Halt an einem Geländer – und hört gleichzeitig über Band eine Stimme, die den Namen, den Ort und das Alter eines Kindes in den Raum spricht. Ein Opfer nach dem anderen, ohne Unterbrechung. Das ist genial inszeniert. Ohne Donner, ganz leicht, ganz still. Als ich den Ausgang erreiche, höre ich: „Jesin Stromwasser, Ukraine, dreizehn Jahre.“

Für den Schluss, nach drei Stunden, habe ich mir die Allee der Gerechten unter den Völkern aufgehoben. Um nicht ganz zu verzagen. Links und rechts des Gehwegs wurden Bäume für jene gepflanzt, die ihr Leben riskierten, um jüdisches Leben zu retten. Und in den Boden wurde je eine Plakette eingelassen, mit Namen und biografischen Daten. Die Liste bisher offiziell als Lebensretter Anerkannter umfasst knapp 25 000 Namen, darunter über 500 Deutsche. Wer keinen Baum bekam (Platzmangel), an den wird im nahen Garten der Gerechten unter den Völkern erinnert.

Schon mickrig die Zahl der Mutigen, wenn man bedenkt, wer alles beim Denunzieren und Auslöschen vorbildlich zur Stelle war. Aber immerhin, eine Minderheit ließ sich nicht verführen. Interessante Liste: Kommunisten, Diplomaten, Katholiken, Bauern, Reiche, ein König, ein Zirkusdirektor, Industrielle, Kapos, Atheisten, Soldaten, Ex-Nazis, KZ-Häftlinge, Polizisten, Hausfrauen, arme Schlucker, Friedhofsverwalter, Taxifahrer, wunderbar intelligente Frauen und Männer, wunderbar einfache Frauen und Männer. Sie alle bewahrten sich etwas, das nicht käuflich war, nicht korrumpierbar, nie zu manipulieren: Herzensbildung. Man kann sie nur beneiden.

Als ich Yad Vashem verlasse, fällt mir ein Absatz in einem Buch über die französische Résistance ein. Dort kommt ein Jude aus Paris zu Wort, der wie alle anderen seiner Mitgläubigen ab Juni ’42 gezwungen worden war, den gelben Stern zu tragen. Er sagte in dem Interview, viele Jahre später: „Jedem Vorübergehenden blickte ich in die Augen, um zu erfahren, ob er noch zur Gemeinschaft der Menschen gehört.“ Wer von uns Nachgeborenen hat sich diese Frage nicht gestellt: ob er, der Nichtjude, in diesen düsteren Zeiten, a mensch geblieben wäre.

26. (und letzte) Leseprobe:

Das ist mein letzter Tag. Ich nehme den Bus zum Hauptbahnhof HaShalom. Wieder die Radaraugen der Passagiere auf mir. Mein fremdes Aussehen, mein kleiner Rucksack – nichts, was zur Lebensfreude der anderen beiträgt.

Eine Fahrkarte nach Haifa kaufen. Ich will einen Mann ausfragen, von dem ich vor Wochen über ein Interview in Haaretz erfahren hatte: Ala Hlehel. Alles, was er redete, gefiel mir. Irgendwann bekam ich seine Mailadresse und kontaktierte ihn. Und wir verabredeten uns.

Auch Zugfahren ist anstrengend in Israel. Wieder ist jeder Fremde verdächtig, jeder könnte ein Attentäter sein. Trotz massiver Kontrollen, bevor man einsteigen darf. Kein Lachen, kein Kichern, nur leise Gespräche. Natürlich jagt auch mich die Angst. Denn Sprengstoff unterscheidet nicht zwischen Juden und Nichtjuden. Ich fange trotz Klimaanlage zu transpirieren an, als ich – nachdem viele an einer Station den Waggon verlassen haben – eine Schachtel unter dem Sitz mir gegenüber entdecke. Ich hasse Angst. Aber ich will nicht die Notbremse ziehen und mich blamieren. Was tun? Nach vorne, zur Spitze des Zuges, verschwinden? Damit es andere zerfetzt und ich hinterher als Hauptverdächtiger dastehe? Eine wenig kluge Idee. Auf bizarre Weise überrascht mich das Paket, denn ich war – ganz unbewusst – von dem Wahn besessen, mein Pensum an Stress auf dieser Reise bereits hinter mir zu haben. Offensichtlich nicht. Zuletzt, immerhin, fällt mir ein Zeitungsbericht ein, in dem – fälschlicherweise – behauptet wurde, dass solche „Bomben“ über ein gewisses Volumen verfügten. Aber in dem Karton wäre kaum Platz für einen Nachttopf. Meine Ignoranz macht mich schneidig. Ich ziehe das Teil hervor und öffne den losen Deckel. Uff, nur miefige Wäsche und eine Zahnbürste. Ein Geisteskranker muss sich den Scherz ausgedacht haben. Ah, jetzt ist das Leben wieder schön. Ich sehe auf meine Hände, sie zittern.

Haifa liegt genau nördlich von Tel Aviv, fast hundert Kilometer entfernt. Gutaussehende Stadt, nach einer Viertelstunde bin ich am vereinbarten Ort, dem Café Shtroudl. Das hübsche jiddische Wort für ein europäisches Gebäck. Jeder Geruch von Internationalität ist mir willkommen. Ala Hlehel biegt um die Eck, er grinst gutgelaunt, herzliche Begrüßung. Der Palästinenser mit israelischem Pass ist der Enkel von Großeltern, die im 1948-Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden. (Und später heimlich zurückkamen.) Ala ist stämmig, untersetzt und mit einem Lächeln begabt, das ich ihm gern abkaufen würde. Zudem – auf drei Seiten konnte ich es ja bereits nachlesen – beängstigend intelligent. Der 38-Jährige verbringt seine Zeit nicht als Granaten schwingender Guerillero, er benutzt einzig sein Hirn und sein Talent (als Autor), um sich mit dem Problem – nein, mit den tausend Problemen – zu beschäftigen, die beide Völker aneinanderketten. Sein letzter Erzählband hat den schön ironischen Titel „Meine geheime Affäre mit Carla Bruni“ und wurde gerade (auch) in Israel, in der Landessprache, veröffentlicht.

Schon als Knirps will er anderer Leute Gedanken kennen, drängt den Vater, den einfachen Bauarbeiter, immer ein paar Bücher zu kaufen, wenn der ambulante Buchhändler durch das Dorf zieht. Der kleine Ala entdeckt das Wunder Literatur, liest wie besessen. Im zweiten Jahr der Highschool verliebt er sich und erfährt – auf traumatische Weise –, dass er mit Sprache so umgehen kann, dass viele ihn dafür bewundern: Er verfasst einen Liebesbrief an das Mädchen in der Nachbarschaft. Den er versteckt, nicht abschickt. Wie so viele Schreiber ist er schüchtern, schreibt lieber, als für seine Taten einzustehen. Doch die Mutter findet den Liebesrausch, ist so ergriffen von der Kunst ihres Sohnes, dass sie die intimen Zeilen überall herzeigt. Alle im Kaff wissen jetzt Bescheid, auch die Angehimmelte. Doch er kann die Schmach aushalten, weil er gleichzeitig zu begreifen beginnt, wie er leben will: als Schriftsteller, als einer, der Wörter zaubert, für die andere ihn eines Tages bezahlen werden.

Ala muss kämpfen, wie jeder, der sich einbildet, er hätte etwas zu sagen. Er jobbt mit dem Vater auf dem Bau, hasst den sinnlosen Schweiß, lässt sich zu einem Studium als „Wirtschaftsprüfer“ überreden, geht an die Universität von Haifa und fühlt die doppelte Fremdheit: als Palästinenser und als Provinzboy. Aber der Anfänger ist zäh, er beginnt, politisch zu denken, tritt einer linken Partei (in Palästina) bei, schreibt für deren Magazin, lernt fließend Hebräisch, will von der Wirtschaft nichts mehr hören, wird Tag für Tag ein bisschen mutiger, fängt zu lästern an und erkennt zweifelsfrei seine beiden Gegner: den Besatzer Israel und seine eigene Gesellschaft, die palästinensische, die von heutigen Ideen nichts wissen will, die es gern altbacken und altmodisch hat, die es bis heute nicht in die Moderne schaffte.

Ala macht seinen Bachelor in Communications and Fine Arts und sein Diplom als Drehbuchschreiber. Und wird irgendwann der, von dem er schon als Zwölfjähriger zu träumen anfing: ein mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, der inzwischen Bücher, Theaterstücke und Drehbücher veröffentlicht hat. (Monate später werde ich in Paris den Film L’Héritage / Das Erbe sehen, für den er das Skript geschrieben hat und der mit Erfolg in Frankreich lief.) Geldhaufen verwaltet er noch immer nicht, der Markt Israel ist klein und das „Buchwesen“ in arabischen Ländern ein Witz.

Ala Hlehel macht im Gespräch einen gelassenen, ja, heiteren Eindruck. Er ist nicht gallig, sucht nicht Deckung hinter einem ätzenden Zynismus. Ein warmer Mensch, der auch seine nächste Umgebung – die Bedienung, die Gäste – mit Freundlichkeit wahrnimmt. Er ist gelöst, er scheint trotz allem die Welt zu genießen. Dabei geht er keinem Konflikt aus dem Weg, legt sich mit dem arroganten Zionismus an und zielt scharf auf die Kalamitäten im – ihm so nahen, ihm so teuren – Palästina. Da sitzt wieder einmal ein Weltmann, der in seinem Kopf unheimlich viel Platz für andere Welten hat. Mit ihm kann man zügellos reden, muss sich nicht bremsen, weil ein Wort auf ewige Wahrheiten spucken könnte. Zu Hlehels Lieblingsfeinden zählen die Göttersöhne und Superpropheten, die mit ihren „Offenbarungen“ seit Jahrtausenden die Menschheit drangsalieren.

Der Mann gehört zu jener (jungen) Generation von Palästinensern, die zum ersten Mal die erhabenen Weisheiten – made in heaven – infrage stellt. Und die irdischen Wahrheiten lebt, tagtäglich. An dem Interview in Haaretz hatte auch seine Frau teilgenommen, Abeer, eine Rechtsanwältin. Mit wachsender Begeisterung konnte man nachlesen, mit welchem Swing, mit welcher Leichtigkeit die zwei miteinander umgingen. Kein Oben und kein Unten, kein Herr im Haus und keine Untertanin. Und auf einem der Fotos sah man die Tochter des Paars und nie fiel ein Wort, auch jetzt nicht, dass ein Sohn her müsse. Da doch nur Söhne Männer zu Männern machen.

Hlehel schlachtet in seinen Arbeiten eine heilig-schwachsinnige Kuh nach der anderen: die verdruckste Sexualität, die Wut auf Schwule und Lesben, die Frau als Billigausgabe des Mannes, die Sehnsucht, als Herdentier davonzukommen, der Aberwitz, nein, Irrwitz, vom Himmel hoch droben Hilfe zu erwarten. Keine rein palästinensischen Probleme, wie seine Leser inzwischen verstanden haben.

Dass er sein Land liebt und dass Israel dort absolut nichts verloren hat, auch das wird klar. So hat er Feinde, gewiss in beiden Lagern. Aber Ala Hlehel versteht seine Arbeit als „mobilizing literature“, als Literatur, die anspornt, die beflügelt, die – ja – das faule Fleisch, den faulen Kopf der vielen in Bewegung setzen soll.

Schwer beladen gehe ich zurück zum Bahnhof, selig beladen mit den klugen Überlegungen eines anderen. Die Nähe zu Leuten wie Ala Hlehel wirkt wie eine Schutzimpfung. Zeitgenossen wie er wappnen gegen die Sintfluten der Verdummung. So einen hätte ich gern als Freund. Zum Herzeigen und Angeben: Schaut, der ist meiner, schaut nur, wie er funkelt.


Erstveröffentlichung 2011

Verdammtes Land: Eine Reise durch Palästina

Piper

Kurzbeschreibung

Das »Heilige Land« – in Wirklichkeit ist es ein verdammtes Land, verdammt zum Unfrieden, zu Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Aber, fragt Andreas Altmann, vielleicht ist es gerade deshalb verdammt, weil es Juden, Christen und Muslimen heilig sein muss? Das »Heilige Land« – in Wirklichkeit ist es ein verdammtes Land, verdammt zum Unfrieden, zu Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Aber, fragt Andreas Altmann, vielleicht ist es gerade deshalb verdammt, weil es Juden, Christen und Muslimen heilig sein muss? Der Reporter spricht mit den Vertretern aller drei Religionen, versucht zu verstehen, was sie bewegt und woher der Hass kommt, der die Palästinenser so oft zu Opfern der israelischen Politik macht. Und manchmal zu Tätern. Er bereist die Städte und Dörfer mit offenen Augen, rabiat neugierig, immer auf der Suche nach den besonderen Geschichten. Die ihm und uns den Schlüssel in die Hand geben zum Verständnis Palästinas. Zumindest eine Ahnung davon. Und das gelingt ihm in spektakulären Bildern, Erlebnissen und Begegnungen, oft voller Brutalität, oft voller Poesie. Seine klaren und harten Beobachtungen, vor allem seine Schlussfolgerungen werden vielfach Widerspruch hervorrufen, weil der Autor sich von keiner vorgefassten Meinung, Ideologie – und schon gar nicht von einer Religion – den Blick verstellen lässt. Seit drei Generationen ist Palästina eine offene Wunde in der Weltpolitik. Auch die große Reportage von Andreas Altmann wird sie nicht schließen. Natürlich nicht. Aber den Menschen nahekommen, ihr Leben im Schatten der unheilvollen Geschichte und der dunklen Zukunft zu verstehen, das gelingt ihm meisterhaft.

> Buch bestellen