Warum Reporter?

Andreas Altmann Reporter

Andreas Altmann Reporter

Und jetzt beginnt der Stress. Er kann Jahrzehnte dauern. Immer dauern. Weil der Erwachsene nie bei seinem kindlichen Wunschdenken ankommt. Er wollte Pilot werden und landete auf dem Schreibtisch einer AOK-Filiale. Sie wollte ein Hotel führen und bohrt am Fließband dämliche Schrauben in dämliche Backrohre. Warum das ist? Warum Träume bruchlanden? Mangel an Phantasie? An Intelligenz? An Kraft und unbedingtem Willen?

Weiß der Teufel. Ich schreibe diesen Text hier, weil mich immer wieder junge Leute kontaktieren und fragen, wie man Reporter wird. Wie man an Zeitungen und Verlage rankommt. Wie man schreibt, genauer, wie man vom Schreiben leben kann, noch genauer, wie man die fade Realität aufgibt, die furchtbare Aussicht, noch dreißig weitere Jahre das zu tun, was man nie tun wollte, wie man, noch hundsgemeiner formuliert, dem “Lebenslänglich Stumpfsinn“ entrinnt und wieder nah kommt den Träumen. Denn die Erinnerung an sie, diese Sehnsüchte aus Kindertagen, frisst sich wie Säure ins Herz der Träumer, verpestet wie Giftmüll ihr Denken.

Nun, wir wissen alle, dass die meisten irgendwann anfangen, ihre Träume zu verraten und sich arrangieren mit den Tatsachen. Ja, sich ein Arsenal von Ausflüchten zurechtlegen, um die Treulosigkeit zu rechtfertigen. Sie sollten hier aufhören zu lesen, sie sind schon tot, schon erledigt vom brausigen Verlangen nach Bravsein und Mittelmaß.

Für den Rest, die ungeheure Minderheit, gibt’s natürlich keine Antworten. Wie soll ich wissen, wie jemand es schafft, eines Tages genug Geld mit dem Schreiben zu verdienen. Wie soll ich oder irgendein anderer ahnen, ob in dem Träumer genug Begabung lauert, um es ein Leben lang mit der Sprache aufnehmen zu können. Fazit: Auf jede Mail, die mich mit solchen Fragen heimsucht, antworte ich mit Nichtwissen. Leider.

Ok, ein wenig weiß ich. Und das erzähle ich jedem. Um ihn das Fürchten zu lehren und die Mutlosigkeit einzuflößen. Damit der Adressat gleich begreift, auf was er sich einlässt. Zu Beginn einer Lesung an einer Journalistenschule stellte mich der Veranstalter einmal mit den folgenden Worten vor: “Andreas Altmann ist nicht hier, um Sie zum Schreiben zu verführen, sondern um es Ihnen auszutreiben.“ Schöner Satz.

Das Wenige, hier steht es. Es handelt sich um zwei ewige Wahrheiten, die arg banal klingen, von denen aber die meisten noch nie gehört haben. Wahrheit A), auf jiddisch: “Talent mekht schojn sajn.“ Und Wahrheit B), von Charlie Chaplin verbreitet: “Zehn Prozent Imagination, neunzig Prozent Schweiß.“ In ganz einfachen Worten: Die Gene für das elegante Aufstellen von Wörtern sollten grundsätzlich vorhanden sein. Und – grausam wahr gesprochen – das unbändige Verlangen, diese Gene auszubeuten, das muss dazukommen. Dass solche Sprüche heutzutage wie hinterm Mond hervorgeholt klingen, geradezu unzumutbar und ungeil in unseren modernen Zeiten, auch das wissen die Talentierten und Ausbeuter. Bald gilt jeder hingerotzte Kack als Kultbuch, bald wird jedes debil geträllerte Liedchen ein Hit. Vielleicht war es früher besser. Das hilft mir wenig, denn ich lebe heute.

Ich will noch ein bisschen nachkeilen, wieder konkret werden. Eine Reihe von erstaunlich begabten Männern und Frauen fing etwa zur selben Zeit wie ich zu schreiben an. Als Journalisten, als Autoren, als Schriftsteller. Viele haben durchgehalten, viele nicht. Und nicht wenige von denen sitzen heute speckringig und pensionshungrig auf Redakteurskonferenzen, haben sich längst von dem Wunsch verabschiedet, ihre Gaben und Begabungen auszuschlachten. Das “gute Leben“, das gute Essen, die Gemütlichkeit – auch die geistige – nahmen überhand. Heute schreiben sie über “Wohlfühloasen“, Orte speziell für Greise ab 25 eingerichtet.

Da lobe ich mir den Fürsten Metternich, er notierte bereits vor zweihundert Jahren: “Die Kunst ist, oben zu bleiben.“ Genial giftig die Anmerkung, sie gilt u. a. für Pornostars, Politiker und Schreiber. Ein paar Augenblicke sind wir alle famos, aber auf Dauer? Die Jahre hin?

Ach ja, warum Reporter? Sorry, ich bin vom Thema abgedriftet. Warum nicht Saxophonspieler oder Gynäkologe? Ein Blick auf meine Website zeigt, was alles einer nicht können kann und trotzdem eines Tages dort eintrifft, wo er es aushält. (Und dafür Geld bekommt.) Ein “latebloomer“ eben, ein Spätblüher, der länger braucht als andere, um ein Ziel zu entdecken, das aller Mühsal wert scheint. Deshalb Reporter. Denn mit diesem Beruf – ob man das nun Reiseschriftsteller oder Berichterstatter oder einfach nur “writer“ nennt – habe ich Zugang zu zwei unerschöpflichen Schatztruhen: dem Wunder der deutschen Sprache und der Welt, dem Weltwunder. Als „bekennender Flüchtling“, immer auf der Flucht vor dem Grind des Alltags, kann man reicher nicht beschenkt werden. Wie sagte es Picasso? “Es dauert verdammt lang, um wieder jung zu werden.“