Ihr Lieben,
danke für alle, die bei der Lesung anwesend waren (natürlich ausverkauft), seitdem ist euer Leben schöner. Für alle die, die schwänzten, sorry, das wird schwerwiegende Folgen für euch haben, haha.
+++
Lasst mich bitte wieder ein bisschen lästern, später dann erzähle ich eine Geschichte, die uns das Herz wärmen soll.
Inspiriert zu der Tirade wurde ich durch eine Amazon-Werbung: „Jetzt an Ostergeschenke denken!“ Ich dachte, die Leute stöhnen noch unter den Black-Friday-Geschenken und dem Weihnachts-Klimbim. Aber nein, wie sagte es Karl Lagerfeld: „Zu viel ist nicht genug.“ Also her mit dem Ostergeschenken, auf dass unsere Speicher noch voller und unser Leben noch leerer werden.
Da fiel mir ein Auszug aus meinem Buch „Dies beschissen schöne Lieben ein“. Ich finde, er passt:
„ „… Je weniger ich verwaltete, sprich, je weniger Gerümpel mich umzingelte, desto „leichter“ würde meine Existenz, umso inniger könnte ich mich auf das konzentrieren, was ich für wesentlich hielt. „Get your priorities straight“, sagen sie in New York: Finde heraus, was zählt.
Wer mir nicht glaubt, den führe ich einen Vormittag lang durch die Galeries Lafayette, dem größten Kaufhaus von Paris, führe ihn / sie vorbei an den vierhundert oder fünfhundert mühselig Beladenen, die letzte Nacht wieder keine Frau oder wieder keinen Mann umarmten, wieder nicht lauthals lachten, wieder keine Zeile Poesie lasen und wieder keine halbe Stunde Zeit fanden, um stillzusitzen und wahrzunehmen, was fehlt, ja unheimlich fehlt in ihrem Leben. Und sie deswegen jetzt einen siebenstufigen Bananenmixer kaufen oder eine Armbanduhr mit allen Börsenzeiten der Welt oder ein Handy mit 3333 Apps und Klingeltönen. Und Mixer und Uhr und Telefon werden sie wieder – und wieder nur hundsgemein kurzzeitig – darüber hinwegtrösten, dass keine Wärme und keine Freude und kein schwungvoller Gedanke sie beflügelten.“
+++
So, jetzt die Story in der es nur um SEIN geht und nie um Haben. Ich will euch einen gewissen Maximilian Grünfeld vorstellen, der als Jude in die Fänge der Nazis geriet und tatsächlich Auschwitz (seine Nummer: A4406) und Buchenwald überlebte. Später wanderte er in die USA aus, nannte sich Martin Greenfield und wurde der gerühmte Hauschneider mehrerer amerikanischer Präsidenten.
Er kam in einem Ort zur Welt, der damals zur Tschechoslowakei gehörte, heute in der Ukraine liegt. Seine Muttersprache war jiddisch, aber er sprach auch Deutsch. Er starb 2024 mit knapp 96 Jahren. Er sagte in einem Gespräch den unglaublichen Satz: „Ich glaube an das Gute im Menschen.“
Hier nun eine Szene aus seinem Leben, die zum Nachdenken einladen könnte: Als er noch in Buchenwald einsaß, meinte er zu ein paar Mitgefangenen, dass er – sollte er je heil davonkommen – die sadistische Ehefrau eines Nazibomben im Lager, die ihn mehrmals gedemütigt und in Lebensgefahr gebracht hatte, dass er sie töten werde.
Die Amerikaner kamen und befreiten die Insassen. Kurz darauf machte er sich, in der Hand eine Pistole, mit zwei Freunden auf zu dem Haus, in dem die Sadistin wohnte. Und sie öffnete die Tür, in ihren Armen ein Säugling. Und Greenfield zögerte und die beiden Begleiter riefen, komm schieß, los! Und Greenfield, noch in KZ-Kluft, dachte: Wenn ich jetzt schieße, bin ich kein Mensch mehr. Und schoss nicht.
Das ist eine gute Geschichte, angesichts der jetzigen Zeiten, in denen sich Christen, Juden und Muslime wieder einmal gegenseitig massakrieren. Wir könnten ein paar mehr Greenfields auf der Welt gebrauchen.
Das Foto zeigt Martin Greenfield, tadellos gekleidet. Was ich ungemein schätze, angesichts der Massen, die sich heutzutage mit Jogginghosen und Gummischuhen auf die Straße trauen.
In diesem Sinne, herzlich, Andreas.
+++
Der neue Podcast mit dem Unvergleichlichen, mit Kristian Thees / SWR3
Titel:
Die Todeswallfahrt oder der eisige Penis
Link:
https://open.spotify.com/show/2f1GsC7wsyW4uYyHcoU3hw
+++
Anfang September komme das neue Buch von AA auf den Markt, wer es nicht liest, wird ärmer durch die Welt gehen (sorry, ich kann nicht ernst sein):
GEBRAUCHSANWEISUNG FÜR MÄNNER / Piper Verlag