Ihr Lieben,

danke nochmals für die Vorschläge, einer war dabei, der origineller war als mein eigener. Sollte er auf das Cover schaffen, bin ich den Hunni los, merde.

 

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Die letzten Tage eine durchaus frohe Botschaft in den Medien gelesen: „Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu (unser „Bibi“ aus Israel) befürchtet, der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag könnte Haftbefehle gegen ihn und andere Israelis erlassen, wie Verteidigungsminister Yoav Gallant sowie den Generalstabschef Herzi Halevi.

 

Die drei Herren haben sich unter anderem – neben dem hauptberuflichen Morden – einen Namen damit gemacht, dass sie Palästinenser gern als „Tiere“ bezeichneten. Auch fiel mehrmals das Wort „ausrotten“. Ich vermute, dass sie sich wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten hätten.

       Selbst wenn keine Anklage stattfindet (aus welch dubiosen Gründen auch immer), so hat die Nachricht Signalwirkung, sprich, alle Massenmörder – ob nun mit der Knarre in der Hand oder entspannt am Schreibtisch sitzend, ob in Echtzeit gerade vielbeschäftigt oder künftig mordend, ob Jude oder Moslem oder an einen katholischen Herrgott glaubend, ob hellweiß oder dunkelschwarz, ob dickwampig oder magersüchtig, oder mit Vollglatze oder mit lockig-sauerstoffblondem Haupthaar – sie alle werden in Zukunft einen Augenblick länger zögern, bis sie den Startschuss zum Abschlachten geben. Die Hamas (auch gegen sie ermittelt Den Haag) hat am 7.10.2023 1239 Menschen getötet, darunter 23 Kinder, die israelische Armee hat inzwischen über 34.000 Menschen, darunter über 17.000 Kinder in den Tod gebombt. Von den zehntausenden Verletzten nicht zu reden, so wenig wie von über 40.000 zu Schutt und Asche zerstörten Wohnungen und Häuser.

      Solche Nachrichten, so ist zu vermuten, wird unser Bundespräsident mit Missmut lesen. Kommt ein internationaler Haftbefehl gegen das Trio, dann darf er seinem Buddy Bibi nicht mehr (öffentlich) die Hand schütteln und mit ihm gemeinsam und mit unüberbietbarem Zynismus in die Kamera grinsen.

 

Ps: Der Cartoon zeigt Friedensfürst Netanyahu zu Tisch.

 

 

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Jetzt ein Auszug aus „Morning has broken – Leben Reisen Schreiben“

Nochmals aus dem Kapitel „Leichtigkeit“, man sieht sofort, dass auch ich Krieg führe. Okay, immerhin ohne Massakrierte.

 

„…     Jetzt zwei Beispiele aus der konkreten Wirklichkeit. Ich fange mit dem GAU an, er stellt ein Paar Geisteskranker vor, einen afghanischen Taxifahrer und mich, den Fahrgast. Nein, nichts Exotisches, es passierte an einem warmen Sonnentag, mitten in einer deutschen Großstadt. Anschließend kommt der Bericht einer anderen Pestbeule. Da war ich kurzfristig erleuchtet. Beide Auftritte zeigen, wie grundverschieden man mit dem Leben umgehen kann.        Fall eins: Am Bahnhof bitte ich einen Taxifahrer, mich zur Adresse XY zu bringen. Es beginnt ruhig, wir beschweren uns über den stockenden Verkehr, und ich frage ihn, aus welchen Land er komme. In der Hoffnung, über seine Herkunft plaudern zu können, ja, ich vielleicht ein wenig davon weiß, und so ein Gespräch entsteht.      

    Das war die entschieden falsche Frage, denn der etwa 50-Jährige legt nun los. Als hätte ich den Deckel von einem Hochofen gerissen, als Startzeichen für einen Wahnwitzigen, einen heiligen Krieger aus Afghanistan, der sich aus Versehen vom Schützengraben im Hindukusch in einen beigen Mercedes verirrt hatte: Was für eine Scheiße (sic) – alles in ziemlich gutem Deutsch – der Westen sei! Und was für eine Scheiße der Westen in sein Land gebracht hätte! Die vielen vergewaltigten Frauen! Die vom verrotteten Westen in sein Land importierten, verrotteten Ideale! Die vielen ermordeten Kinder! Die ruinierte Wirtschaft! Der vom Westen erniedrigte Islam! Der unbedingte Wille, Afghanistan zu erobern und zu unterjochen!      Der Mann tobt, ich sehe seine zehn Fingerknöchel weiß werden, mit letztem Hass hält er das Steuerrad in Händen.      Nun trete ich auf: der zweite Irre, der tatsächlich von dem Irrglauben verblendet ist, einen (inzwischen schreienden) Amokläufer zur Räson bringen zu können. Ich umso fester daran glaube, da ich mehrmals vor Ort war. Ich unterbreche also – ebenfalls lauthals – sein Feuerspeien mit dem Hinweis, dass täglich Abertausende, auch Afghanen, versuchen, in den verrotteten Westen zu fliehen, dass seine Heimat in den neunziger Jahren von einer Terrorherrschaft heimgesucht wurde, wo Apostaten vor großem Publikum im Kabuler Nationalstadion verstümmelt wurden oder man ihnen gleich den Kopf abschlug, wo Frauen wegen Ehebruchs (wenn es denn ein Ehebruch war) unter einem Steinhagel zu Tode kamen, wo Dieben öffentlich die Diebeshand abgehackt wurde, ja, dass seine Heimat ein Land war, in dem Mädchen keine Schule betreten durften, in dem man alle Freuden wie Musik, wie Singen und Tanzen mit barbarischer Strafe ahndete, in dem nur die pervertierte Rechtsprechung einer moralisch verwahrlosten Bande galt, der Taliban, einer Bande, von der ein Drittel nicht lesen und schreiben konnte, ein Land, in das heute – nachdem die Taliban zurückkamen – der Schrecken aufs Neue einzog, wo –.       Weiter komme ich nicht, der Afghane brüllt jetzt nach hinten: dass der Sieg der Taliban nur Glück bedeute, dass endlich wieder die Scharia gelte, dass jede Buße gerechtfertigt sei, dass Frauen auf der Straße nichts zu suchen hätten, dass westliche Frauen nur Nutten seien, dass Enthauptungen im großen Stadion gewiss in Zukunft wieder Frieden bringen würden, dass –.

      Nun brülle ich dazwischen, sehe mir zu, in was für ein gräuliches Spiel ich mich hineinziehen lasse, längst verstanden habe, dass sich eher die acht Planeten um die Erde drehen, als dass hier ein Irrsinniger seinen Irrsinn loslässt. Ich brülle auf den Brüllenden ein, dass er doch aus dem verwahrlosten Westen verschwinden und in sein gelobtes Land umziehen soll, merke, was für ein Blech ich rede, denke plötzlich, dass ich mich besser zurückhalte, denn irgendwann zieht der rasende Zelot ein spitzes Messer aus dem Handschuhfach und sticht drauflos, brülle, bis ich zur Besinnung komme und ihn – „Sie dämlicher Arsch“ – auffordere, rechts ranzufahren und zu halten. Der Mann sieht wohl das Mord-Gen in meinen Augen und stoppt, ich werfe einen Schein auf den Beifahrersitz, steige sofort aus, ohne auf das Wechselgeld zu warten, und schleudere die Tür zu. Nur weg.      Ich zittere und weiß, das ging daneben. Viel katastrophaler hätte man diese 15 Minuten nicht inszenieren können. Aber es ist passiert. Von sozialer Kompetenz keine Rede. Ich beobachtete mich und sah einen, der rettungslos ausgeliefert war: seiner Rage, seiner Verachtung, dem totalen Kontrollverlust. Das Hirn war tot, unerreichbar von jedem Aufruf zur Mäßigung. Dennoch, und es entschuldigt in nichts mein Verhalten: In so einem Fall bin ich nicht bereit, mir die erlittenen Verletzungen des furiosen Taxifahrers vorzustellen, um ihn milder zu beurteilen. Da passt eher ein Satz vor Jorge Semprún, der Buchenwald überlebte und später Kultusminister Spaniens wurde: „Man muss die SS nicht verstehen, es genügt, sie zu bekämpfen.“      Der Afghane war kein Schläfer, kein schlummernder Agent, nein, vielmehr eine wandelnde Höllenmaschine, die nur noch darauf wartet, höllisches Leid loszutreten.“

 

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Hier der neue Podcast mit Kristian Thees, der immer so freundlich ist und bei den Aufnahmen nicht zu laut über meine Tölpeleien lacht. Ich verspreche ihm jedes Mal, dass ich mich – als Mann, als Mensch – verbessern will. Was mir ganz offensichtlich nicht gelingen will.

Titel

Schambehafted in der Subway / New York

 

Link

https://open.spotify.com/show/2f1GsC7wsyW4uYyHcoU3hw?si=abfb3976c7b94d49

 

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Ich danke euch, herzlich, Andreas.