Ihr Lieben,

 heute drei Themen:

 Über eine Talkrunde, die ich im Radio gehört habe.

 Der neue Podcast.

 Der Hinweis auf das neue Buch.

 

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Hier eine lange Notiz aus meinen Tagebüchern, die ich mir gemacht habe, nachdem ich im Radio ein Gespräch in einer Talkrunde gehört habe. Man will meinen Aufzeichnungen nicht glaube, aber sie sind wahr, von vorn bis hinten unfassbar wahr.

 

„Ich höre Radio an, Diskussion, etwa fünf, sechs Leute sind zu hören, Frauen und Männer, eher jung und gut gelaunt. Einer, nennen wir ihn Z., erzählt folgende Geschichte: Er sitzt im Flugzeug und verspürt plötzlich den heftigen Drang, die Toilette aufzusuchen. Er steht auf, sieht, dass eine Stewardess mit Wagen für Getränke den Weg versperrt, er blickt in die andere Richtung, auch dort eine Stewardess mit Wagen. Er geht auf die erste Stewardess zu, erklärt ihr höflich seine Not, bittet sie, doch einen Meter zurückzufahren, dann könnte er sich neben einen freien Sitz stellen, sie könnte dann leicht an ihm vorbei. Das geht nicht, denn wir befinden uns in einem deutschen Flugzeug, mitten in deutscher Lufthoheit. Zur Ergänzung noch: Kein Rauch stieg aus einer Ecke hoch, kein Feuer loderte, keine Turbulenzen ließen die Boeing schaukeln, nichts von alldem, nur ein ruhiger banaler Flug von München nach Berlin. Egal, die Frau besteht auf „Hinsetzen“. Der Mann, in höchster Not missachtet die Anordnung, zwängt sich auf den Sitz, sie zieht grimmig vorbei, er betritt die Toilette.

    

Zweiter Teil der Geschichte. Bis jetzt ist sie nicht dramatisch, bis jetzt haben wir nur eine gespreizte Gans kennengelernt, die nicht zu einer winzigen Geste freundlichen Miteinanders bereit war. Die freundliche Geste hätte sie null Kalorien gekostet und der Zeitaufwand hätte, sagen wir, vier Sekunden betragen.

   

 Ich darf hier mitreden, denn ich habe die Szene auch erlebt, nur anders. Da war eine souveräne Frau mit dem Wagen unterwegs (Etihad Airways), die lächelte und genau diesen einen Meter zurückfuhr, um mich vorbeizulassen.

    

Hier nicht, hier haben wir es mit einer Verbissenen zu tun, die nach dem Service das Cockpit aufsucht, und Bericht erstattet. (So noch immer die Erzählung von Z. ) Was zur Folge hat, dass der Herr Pilot persönlich zu dem Sitzplatz des Übeltäters kommt. doch Z. erklärt ruhig, was vorgefallen ist. Das will nichts sagen, der Pilot zu ihm: „Sie sind nicht einsichtig.“ Z. sagt, er wüsste nicht, wozu er einsichtig sein sollte. Er war in höchster Not und bat, immer höflich, um einen Zugang zur Toilette. Der ihm verweigert wurde. Hätte es die Fluggesellschaft vorgezogen, dass er sich in aller Öffentlichkeit in die Hose macht?

     

Dritter Teil der Geschichte. Ich will kurz rekapitulieren, damit wir nah an der Wirklichkeit bleiben: Es geht nicht darum, ob Herr Z. den Herrn Maier aus Reihe 14 erdrosselt hat, nein, es geht nur um eine höfliche Bitte, um ein durchaus drängendes Bedürfnis zu beseitigen. Uff, der Irrsinn hat noch kein Ende, auch wenn man es bisweilen nicht fassen kann, wie vernagelt manche Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unterwegs sind.

   

Die Maschine landet und am Ende der Gangway steht die Polizei (!!!), zwei Mann stark: Z. wird verhört. Doch dank Z.s Sitznachbar, kein Bekannter von Z., aber ganz offensichtlich ein Mensch mit Hirn, sagt aus, dass sich Z. vollkommen korrekt verhalten habe, nicht die Stimme gehoben, nicht der Hauch einer Beleidigung, nicht die Spur einer Tätlichkeit. Z‘s noch immer ruhiges Verhalten und die Aussagen des Zeugen machen Eindruck auf zwei offensichtlich intelligente Beamte. Sie erkennen, dass hier die Anwesenheit bewaffneter Staatsgewalt überflüssig ist, fragen Z. aber, ob er nun wegen „übler Nachrede“ Anzeige erstatten will. Z., der so wird kurz erwähnt, beruflich Jurist ist, zeigt einmal mehr elegantes Verhalten, er sagt: „Nein, ich will nur, dass sich alle wieder vertragen.“

 

Haltet ein, ihr Lieben, der Irrsinn ist noch nicht zu Ende und er kommt aus einer völlig unerwarteten Ecke. Jetzt hören den vierten Teil der wahnwitzigen Posse – jenseits allen menschlichen Verstehens.

    

  1. erzählt in die Radiorunde, dass er die folgende Nacht nicht schlafen konnte, kein Auge zugemacht hat. Man denkt als Zuhörer sogleich, okay, ein eher labiler Mensch mit leicht endzündbaren Nerven. Gleich schlaflos ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber zur Not nachvollziehbar.

     

Mitnichten, denn Z., der Jurist, der bisher ausschließlich Pluspunkte gesammelt hatte,sagt den ungeheuren Satz:

 

„Ich war schlaflos, weil mir klar geworden ist, dass ich gehorchen (sic!) hätte sollen.“

 

Kein Widerspruch kommt aus dieser Runde von Dünnfrauen und Dünnmännern, niemand jault auf, niemand widerspricht und fragt ihn, ob er sich darüber im Klaren ist, was für einen ultradämlichen Satz er da gerade abgesondert hat, ja, ihm sagt, dass sein Verhalten in´m Flugzeug vollkommen richtig war und dass der ganze Stress nur durch eine Person entstand, die ihre bisschen Macht an ihm abarbeiten wollte.

 

Aber nein, der Jurist legt nach, sagt, uff, es wird immer abenteuerlicher: „Ich hätte gehorchen sollen. Das ist wie auf einem Schiff, wenn der Kapitän etwas sagt, was man persönlich für falsch oder gefährlich hält, egal, du musst gehorchen.“

    

Man hält den Atem an vor so viel Kadavergehorsam, man glaubt sich verhört zu haben, denkt, dass hier ist ein (verdeckter) wissenschaftlicher Versuch stattfindet, siehe Milgram-Experiment, bei dem herausgefunden werden soll, ob es im großen Haufen der Ja-Sager eine oder einen gibt, der Einhalt gebietet, der die Courage hat, aufzustehen und nein zu sagen.

       

Nicht hier, an einem gemütlichen Studioabend. Bizazrerweise muss ich an Mister Rosenbaum denken, den Juden, der drei KZ überlebt hatte und Ende des Krieges mit seiner Frau nach Australien auswanderte, und den ich in Melbourne traf und ihm am Ende eines langen Gesprächs fragte, was er – gemäß seinen außergewöhnlichen Erfahrungen – der Jugend als Leitgedanke mitgeben würde. Und Rosenbaum, ganz trocken: „Think for yourself.“

     

Hier nicht, hier will keiner denken, wir wollen sie brav sein und auf keinen Fall erwachsen werden. Sie alle scheinen vergessen zu haben, dass alle Verheerungen, die über die Menschheit kamen, ob nun religiös oder ideologisch losgetreten, nur deshalb stattfinden konnten, weil die Massen „gehorcht“ haben. Und losrannten, um sich gegenseitig massenweise abzuschlachten.

      

Gut, ich hatte nach dem Hören dieser Geschichte keine schlaflose Nacht, aber ich brauchte etwas länger, um einzuschlafen. Durchaus fassungslos.“

 

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Hier der Hinweis auf den neuen Podcast:

 

Titel

Coitus interruptus

 

Link

https://open.spotify.com/show/2f1GsC7wsyW4uYyHcoU3hw

 

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Heute nicht das Cover, sondern die beiden Katalogseiten für das neue Buch, das Anfang September herauskommt.

 

„Andreas Altmanns Gebrauchsanweisung für Männer“

 

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In diesem Sinne, danke, herzlich, Andreas.