Ihr Lieben,

am 2. Oktober 26 kommt offiziell „Gebrauchsanweisung für Männer“ bei PIPER heraus.

Mein 27. Buch und ich frage mich, woher ich je die Zeit nahm, sie alle zu schreiben.

Es muss natürlich wieder ein Knaller werden. Ich weiß, die Konkurrenz ist rüde und wünscht sich innig, dass es abstürzt, haha.

Hier ein paar Zeilen aus dem Vorwort:

„… Ich war ziemlich weit unten, doch Umwege, heißt es, erweitern die Ortskenntnis. Auch die Menschenkenntnis.
Das ist keine schlechte Voraussetzung, um ihnen nahe zu kommen. Den Aberhunderten von Männern, denen ich begegnet bin.

Nähe ist ein probates Mittel, um etwas zu lernen.
Um einen Blick in ihr Herz zu riskieren, in ihren Kopf, ihnen zuzuschauen bei ihren Worten und Taten – den grandiosen, den banalen, den abscheulichen.

In Afrika lebt ein Stamm, da sagen sie zur Begrüßung:
»Ich sehe dich!« Den anderen wahrnehmen, das ist ein Akt der Menschenfreundlichkeit.

Ich wünschte, Frauen kauften dieses Buch und legten es ihren Liebsten auf das Nachtkästchen. Und jeder Mann, der es bekommt, pickt sich das oder die Kapitel heraus, von denen er glaubt, sie wurden für ihn geschrieben.

(…)

Der Held der folgenden Szene soll Jan-Boris heißen.
Keiner kennt ihn, doch jeder (und jede) hat einen Jan-Boris schon einmal, nein, viele Male beobachtet.
Schauplatz: Ein Zug, der in den Bahnhof einer großen Stadt einfährt, Leute warten bereits mit ihren Koffern im Eingangsbereich. Vor der Tür steht eine Frau mit einem Kinderwagen. Vermutlich – sie hat kurz etwas zu ihrem Baby gesagt – eine Amerikanerin.

Der Zug stoppt, und sie weiß offensichtlich nicht, dass man jetzt auf den schwarzen Knopf drücken muss.
Direkt hinter ihr befindet sich ein Mann, unser Jan-Boris, vielleicht dreißig, der von alldem nichts mitbekommt.

Ich halte den Nachtwächter nicht aus, drängle mich entschuldigend vor, öffne die Tür und biete der Mutter an, ihr beim Aussteigen und mit dem Gepäck zu helfen.
Und so geschieht es.

Nun kommt die Pointe. Jan-Boris war mit seinem Handy beschäftigt. Da ich genug Zeit hatte, über seine Schulter zu lugen, sah ich, wie er rote Herzchen abfeuerte.
Reihenweise versprühte er Liebe, Zuneigung und Innigkeit.

Die unbezahlbare Ironie: In der Wirklichkeit, der tatsächlichen, verschenkt Jan-Boris keine Herzen mehr, so was wie Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft. 
Natürlich nicht. Er verschenkt sie nur noch virtuell.
Das kostet nichts, x-mal tupfen reicht.

Einmal mehr hat man den Frührentner auf frischer (unterlassener) Tat ertappt. Ob Jan-Boris je aus seinem tranigen Dasein erwacht?

Die zwei Minuten sind ein hervorragendes Beispiel für negative learning: Man erlebt sie mit und denkt, hoffentlich werde ich nicht so enden – im riesigen Haufen der Gleichgültigen, der Blinden, der meisterhaft Desinteressierten, eben all jener Zeitgenossen, die es längst aufgegeben haben, am Leben anderer teilzunehmen.
Und sei es mit einem warmen Wort, drei Handgriffen und zehn Sekunden Zeit.

Ihr Gegenteil, das sind die Gentlemen. Männer, die gewiss leichtfüßig zur Stelle sind, ein George-Clooney-Lächeln zaubern und im Handumdrehen eine kleine gute Tat verrichten. »La beauté du geste«, nennen die Franzosen das, die Schönheit der Geste. Nichts Spektakuläres, nichts für die Geschichtsbücher, aber ein schwereloser Augenblick zwischen zwei wildfremden Menschen. Und wie erstaunlich, auch der Täter geht beschwingt davon.

(…)

Viele wollen nicht verrohen, wie beruhigend. Für sie (und mich) hat Jean-Paul Goude, ein berühmter französischer Fotograf, den klugen Satz notiert:
»Das Leben ist wie ein Diamant. Wenn man ihn nicht regelmäßig poliert, wird er stumpf.«

Es soll glitzern.
Wir haben doch nichts Wertvolleres.

Aber ja, ich werde hochgradige Männerscheusale vorstellen. Und Männer vom Feinsten, vom Allerfeinsten.
Sie leuchten.“

+

Daten für kommende Lesungen, Interviews etc. stehen bald auf meiner Homepage, auf der Homepage von Piper und auf Facebook. Ihr wisst, ich bin eher zurückhaltend mit dem Versenden von Rundmails. In den nächsten Tagen werde ich möglicherweise nochmals diesen Text verschicken. Aus dem so banalen Grund, dass meine Newsletter-Software wenig ruhmreich arbeitet und deshalb viele Adressaten beim ersten Mal nicht erreicht werden – bitte Nachsicht. 
Wer nichts mehr von mir wissen will, einfach blockieren.

Am kommenden Freitag, dem 2. Oktober, bin ich beim rbb in Berlin eingeladen. „Radio Eins“, um 19.39, durch das halbstündige Gespräch (Musik gibt es auch) führt Sophia Wetzke. In heutigen Zeiten muss man niemandem mehr erklären, wie man ferne Sender hören kann – auch wenn man nicht in Berlin lebt. Im Notfall ChatGPT fragen.
Oder Mistral oder Gemini oder Claude.

In diesem Sinne, herzlich, Andreas.

ps:  Noch was zum Coverbild des Buches. Wer es ernst nimmt, dem möchte ich gern meine warmen Hände auf den Kopf legen.
Das Bild ist die reine Ironie, die reinste Selbstironie. Sie spielt an auf Michelangelos „Die Erschaffung des Adams“ an. Männer, die auf Wolken schweben, die Zeiten sind vorbei. Der Gesichtsausdruck unseres Pin-up Boys scheint mir eher müde zu sein, gewiss nicht siegessicher.